77. Stück: Wann deutsche Filme und Popmusik scheiße sind

Zuerst wollte ich diesen Essai „Warum deutsche Filme und Popmusik scheiße sind“ nennen, aber dann fielen mir immer mehr Beispiele von guten deutschen Filmen und gelungenen deutschsprachigen Liedern ein. Und da habe ich mich gefragt, was denn den Scheiß von guten Werken unterscheidet. Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil solche Urteile immer subjektiv sind, und das, was ich für grauenhaft erachte, andere wunderbar finden. Keiner von uns hat dann recht oder unrecht, es sind eben verschiedene Geschmäcker und Meinungen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es doch so ein paar Dinge gibt, die mir typisch Deutsch vorkommen, und zwar im negativen Sinne. Über die positiven Seiten der deutschen Sprache werde ich noch einmal gesondert einen Beitrag schreiben, heute geht es mal darum, was mich bei deutschsprachigen Machwerken oft stört.

Ich möchte überdies gern alle Leser dazu einladen, mir in den Kommentaren zu widersprechen oder auch zuzustimmen und Dinge zu ergänzen, die mir vielleicht nicht aufgefallen sind. Dann wird die Angelegenheit wenigstens ein bisschen intersubjektiv. 🙂

Am besten fange ich mit ein paar Beispielen deutschsprachiger Filme und Lieder an, die ich ganz schauderhaft finde. Silbermond, Juli, Revolverheld, Die Toten Hosen (zumindest den neueren Scheiß à la „Tage wie diese“, urgs 😛 ) und Xavier Naidoo sind beispielsweise Bands/Sänger, die mir zuverlässig mit ihrer Musik auf den Wecker fallen und ein genervtes „Roooh, nicht DIE schon wieder!“ begleitet von sofortigem Wechseln des Radiosenders hervorrufen. Ich nenne diese Musikrichtung gern „supernachdenklichen Deutschpop“, weil da auf Krampf versucht wird, megasensibel zu wirken und derbe poetisch rüberzukommen. Dann werden da entweder ganz melancholisch mit dünnem Stimmchen Platitüden ins Mikro gehaucht oder gewollt verwegen plattes, vor Pathos triefendes Klischeezeug gegrölt, um allen zu zeigen, wie ungemein emotional man gerade drauf ist. Die Melodien sind entweder so gut wie nicht vorhanden oder so simpel und unoriginell, dass es einen schon aggressiv macht vor Langeweile.

Wenn schon die musikalische Seite unerträglich ist, könnte zumindest ein schlauer, witziger, ironischer, leichter, liebenswerter oder zum Nachdenken anregender Text den ganzen Kram retten. Das tut er aber bei besagten Beispielen nicht. (Anmerkung am Rande: Das „meiner Meinung nach“ und „meines Erachtens“ etc. möge man sich bitte dazu denken) Im Gegenteil, da wird’s dann teilweise richtig schlimm. Von Leichtigkeit und Raffinesse, Humor, echten Gefühlen oder Gesellschaftskritik keine Spur. Stattdessen wird zum x-ten Mal darüber schwadroniert, dass früher alles besser war, was für eine tiefe Männerfreundschaft einen mit seinen Kumpels verbindet, nur, weil man regelmäßig gemeinsam in einer versifften Kneipe saufen geht. Oder es wird ganz platt und unsubtil herausposaunt, was für ein perfekter/großartiger/fantastischer/bester Tag aller Zeiten es doch ist.

Wahlweise wird auch noch mit Trampelschritten der Liebe gehuldigt, vor allem im Schlager, indem mit absurder Inbrunst herumgetrötet wird, dass man durch die Nacht geht, gemeinsam den Sternenhimmel schön findet, nur Du und ich, ich und Du, Müllers Esel schubidu. ‚Tschuldigung, da sind gerade die Maultiere mit mir durchgegangen, zurück zum Thema. Am besten schmeißt man auch noch die Zahl Tausend mit in den Text, das kommt immer gut, weil „Tausend“ ja total viel ist, also fast schon „unendlich“. „Unendlichkeit“ ist dann auch so ein Wort, ebenso wie „Ewigkeit“, „Leidenschaft“, „spüren“, „Tag“ und „Nacht“, „Sonne“, „Mond“ und „Sterne“, die in keinem deutschen Schlagertext fehlen dürfen. Ich stelle mir das Texten solcher Lieder so vor: Man schmeißt diese ganzen wahnsinnig emotionalen Begriffe auf Zettelchen geschrieben in einen Pott, wirft vielleicht noch ein paar ferne Länder oder beliebte Urlaubsziele mit dazu, rührt einmal kräftig durch und zieht dann ein paar Wörter heraus. Daraus schustert man den Text dann zusammen. „Mit Dir durch die Unendlichkeit, mit Leidenschaft in die Ewigkeit, Dich spüren Tag und Nacht! Du und ich, ich und Du, wir schauen Sonne, Mond und tausend Sternen zu, im Himmel über Capri, wo ich die Liebe fand!“ Humpta-humpta-humpta!

Mich stört daran vor allem dieses Offensichtliche, dieses Platte, dieses Berechnende. Da hat man den Eindruck, die Leute haben sich überhaupt keine Mühe gegeben, das wirkt alles so unehrlich und unauthentisch. Wobei man da sicher auch noch differenzieren kann, ich denke schon, dass Silbermond, Juli, Xavier Naidoo und Co. sich bei ihren Texten was gedacht haben und das auch wirklich so meinen und ganz viel dabei fühlen. Es wirkt trotzdem immer alles so, als habe man sich einmal ein bestimmtes Schema ausgedacht und für gut befunden. Die Lieder sind dann keine individuellen Werke mehr, sondern es wird alles in dieses Schema gepresst, mit dem Ergebnis, dass nachher alles gleich klingt. Vielleicht erweckt das dann bei mir den Eindruck des „Unechten“, weil sich selbst das coolste Schema irgendwann abnutzt und oberflächlich wird. Möglicherweise fällt es mir auch nur deswegen negativ auf, weil ich das Schema besagter Musiker grauenhaft langweilig finde. Entspräche es meinem Geschmack, fände ich es vielleicht gar nicht schlimm.

In deutschen Filmen beziehungsweise Filmszenen, die ich nicht mag, fällt mir ebenfalls vor allem die fehlende Leichtigkeit und Subtilität auf. Gepaart wird das Plumpe, Platte, Schwere und Offensichtliche obendrein häufig mit einer viel zu angestrengten, gewollten, unignorierbaren Absicht, große Gefühle zu illustrieren sowie dem Klischee des Volks der Dichter und Denker in den Allerwertesten zu kriechen, indem man extra poetische Bilder und eine vermeintlich voll lyrische Sprache wählt. Ein Beispiel dafür ist Was nützt die Liebe in Gedanken von Achim von Borries. Die Schauspieler werden dann genötigt, ein völlig leeres, ausdrucksloses Gesicht zu machen, die Schultern nichtssagend hängen zu lassen und – schon wieder mit dünnem Stimmchen oder unverständlichem Genuschel – supernachdenkliche Platitüden vor sich hin zu hauchen. Am besten ist dann auch immer möglichst oft jemand nackt, idealerweise sieht man auch alles, damit alle wissen, wie überhaupt nicht verklemmt der Deutsche an sich ist. Die Filmmusik ist passend dazu ein unerträgliches Unglücksgeraune, das jede Szene mit Pathos verklebt wie eine im Rucksack ausgelaufene Flasche Multivitaminsaft. (Ich weiß, wovon ich rede, einem solchen Vorfall ist mein erstes Handy zum Opfer gefallen.)

Meistens werden die Bilder in blasse Grau- und Blautöne getaucht, damit alles noch viel melancholischer und nachdenklicher wirkt. Zu allem Überfluss wird aber auch dieses penetrant Öde nicht konsequent durchgezogen, sondern ab und zu wird’s total emotional. Dann brüllt plötzlich jemand los, und zwar so, dass man überhaupt nicht akustisch versteht, was gerade los ist. Das soll wohl authentisch wirken, tatsächlich aber wirkt es einfach nur aufgesetzt. Ganz besonders albern wird es, wenn deutsche Filme nicht so ganz wissen, wie sie anfangen oder aufhören sollen. Dann wird nämlich einfach getanzt. Ohne Grund und ziemlich ungelenk und tapsig vollführen die Figuren dann ein paar Tanzschrittchen. Das sieht man häufig im Tatort oder Polizeiruf 110. Was das soll, habe ich bislang noch nicht verstanden.

So weit meine kleine Tirade, was ist eure Meinung dazu?

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Popkultur

6 Antworten zu “77. Stück: Wann deutsche Filme und Popmusik scheiße sind

  1. Na dann mal los… Ich konzentriere mich jetzt erst mal nur auf die Musik. Deine Eigenkomposition eines Liedtextes finde ich genial. Da könnte man was draus machen 😀
    An deutschen Liedern stört mich am meisten, dass es sehr oft so wirkt, als hätten die Künstler ihren Text geschrieben (egal ob jetzt aus innerer Überzeugung oder nach dem Dupuischen Baukasten-Prinzip), unabhängig dazu eine Gitarren oder Klavierbegleitung komponiert und dann mit Gewalt versucht den vorhandenen Text irgendwie über die Musik zu legen. Das passt oft hinten und vorne nicht zusammen und wird zu einem unrhythmischen und unmelodiösen Etwas, das mich beim Hören geradezu aggressiv macht. Xavier Naidoo und dieses unsägliche „Lieblingsmensch“-Lied sind da meine absoluten roten Tücher. Die „Lieblingsmensch“ Sängerin hat (wie ich neulich mit Entsetzen feststellen musste) sogar ein neues, noch 100 mal schlimmeres Lied auf den Markt gebracht. Ich will aber jetzt nicht recherchieren wie es heißt.

    Trotzdem höre auch ich gerne mal deutsche Bands. Hier ein paar ausgewählte Klangbeispiele 😉

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    • Hahaha, sehr schöne Beispiele 😀 Erinnert ein wenig an Die Ärzte, und die gehören zu meinen absoluten Lieblingsbands. Guter Punkt, dass Text und Melodie außerdem oft nicht zusammenpassen, das ist mir auch schon aufgefallen und es ist lustigerweise ein „pet peeve“ meiner Mutter, die sich jedesmal aufregt, wenn wieder so ein überhaupt nicht passender Text auf Teufel komm raus auf eine Melodie gepresst wird. 🙂

      Ich glaube, ich werde morgen mal den Artikel über gute deutsche Musik und Filme in Angriff nehmen 🙂 Als kleiner Vorgeschmack hier ein paar Lieder, die ich sehr gelungen finde.

      Die beste Band der Welt 😛

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  2. Danke für diesen großartigen Text! Tatsächlich war ich gerade eben auf Recherche-Tour nach gleichgesinnten Bloggern und Journalisten, denen dieses germanische Geseiere ähnlich an den Nerven zerrt wie mir. Ich denke, es waren zwei „Lichtgestalten“ der heimischen Pop-Welt, die im letzten Jahrzehnt den Ausschlag gegeben haben (Ja, auch gerne wörtlich!). Zum einen der Schnulzen-Messiahs Xavier NeeDu! und dann sein Stellvertreter auf Erden Dieter Bohlen. Beide haben mit Nachdruck nach mehr deuschsprachigem Gesang gefordert – Und sie haben ihn bekommen! Deutschsprachig zu singen ist ja nicht automatisch eine Schande… aber vom rein phoenetischen Ansatz her, von der Rhythmik und der Harmonie… Uff! Da haben es Franzosen, Spanier und tatsächlich auch die Briten wesentlich leichter. Gefühlvoll auf Deutsch zu singen entspricht dem Wunsch, die Leberwurst endlich mehr nach Honig schmecken zu lassen. Das geht! Ist aber im Ergebnis ähnlich erträglich wie die englische Küche. -Grönemeyer!- Ich war immer Grönemeyer-Fan! Warum? Der Typ ist der aktuelle und möglicherweise letzte große Dichter. Legitimer Nachfolger Goethes und so. Aber auch der große Herbert produziert mitunter Grauenhaftes! Und zwar recht viel davon. Bei einem etablierten Künstler mit einer Millionengefolgschaft, wird aber kaum jemand Kritik erheben. „Morgen“, z.B. ist der schauderhafteste Liebessong aller Zeiten! Ein einziger lahmer Trauermarsch in ständig wechselnden Moll-Kadenzen. Das entspricht einer Hochzeitstorte aus saurem Hering! Darf sich die solcherart Angeschmachtete wenigstens auf poetische Weise gehuldigt fühlen? Meiner Meinung nach: Kaum! Welche Dame empfindet es schon als schmeichlhaft, wenn sie mit einer Batterie oder einem Feinmatrosen verglichen wird? Überhaupt wirft der Herbert mit nautischen Attributen nur so um sich. Aber: Schlimmer geht immer! Es gibt auch noch die Sportfreunde Stiller. In welchem Rauschzustand kommt man auf eine Textzeile wie: „Du machst aus ultra faden augetretenen Pfaden, Tante Emmas wundervollen Phantasienladen“?!? 1 Laden aus 1 Weg? Minecraft? WTF?!? -Das Ganze natürlich in Moll!- Euphorie generell nur noch in Moll bitte! -Und zu guter letzt diese aufgesetzte Moralscheiße… Hör auf die Stimme, Dude! Die war immer da! Und sie sagt dir ganz sicher, wie Du Herz über Kopf über Bauch über Leber, Nieren und Prostata die Welt rettest! Denn genau das ist dein Leben! Das ist wie DU leben TUST, Alter! Und meine Maus lieeeeebt ihre Wolke Vier… neben Wolke Fünf und Sechs im Reihenhaus mit Kind und Kegel und der legendären Kneipe an der Ecke, in der zwar noch immer das Licht brennt, aber die noch niemals renoviert wurde. Farin Urlaub ist ein Seher, denn er schickte den Grafen schon vor Jahren zum Sterben auf einen Berg. Doch der war geboren um zu leben… und hat bereits hunderte Zombies erschaffen!

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    • *prust* Hahahahahaha 😀 😀 😀 Vielen Dank für diesen wunderbaren Kommentar 🙂 Ein paar dieser supernachdenklichen Deutschpopsongs finde ich ja ganz nett, wobei man sich die dann auch irgendwann überhört. Und ja, diese aufgesetzte Moralscheiße geht mir so unfassbar auf die Nerven, das verdirbt einem ja auch oft genug den Tatort 😦 Immer dieser bedeutungsschwangere Betroffenheitsquark, den dann alle moralisch Rechtschaffenen von ihrem hohen Ross herab abnicken können – und dabei kommen nichts als Platitüden dabei rum. Aber ab und zu sticht dann doch ein kleines Wunder hervor, das einen aufrichtig berührt, und ein wenig Hoffnung aufflackern lässt, dass noch nicht alles verloren ist 🙂 Und immerhin haben wir viele großartige zeitgenössische deutschsprachige Autoren, die unsere eigentümlich schöne Sprache zu schätzen wissen (ich habe gerade „Fallers große Liebe“ von Thommie Bayer zuende gelesen und bin noch ganz ergriffen) 🙂

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  3. Jens

    Wann deutsche Filme und Popmusik scheiße sind..lustige subjektive Diskussion. Denke mal alles verkannte Genies.
    Würde gerne mal paar Engländer und Ami’s zur Runde einladen, um zu hören, wie sie zu den, in ihren Ländern produzierten Schrott stänkern 🙂

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    • Das wäre bestimmt interessant, wie andere Länder ihren musikalischen Murks bewerten 😀 Ich finde, in Deutschland nimmt einfach dieses supernachdenkliche, larmoyante Gegreine überhand, das hat Jan Böhmermann ja neulich wunderbar zusammengefasst mit seinem Max-Giesinger-Bashing und seinem Song „Menschen Leben Tanzen Welt“. Weiß nicht, ob das bei den Amis und Engländern auch so krass ist, dass die heimische Musik da wirklich komplett gleich klingt und die komplett gleichen vier Themen abdeckt, die obendrein auch noch völlig unkonkret sind. Dieser Einheitsbrei ist finde ich schon wirklich schwer zu ertragen 😀 Und dann klingen unsere Sänger auch noch alle so, als hätten sie Verstopfung. Aber dann eins vom Pferd erzählen, da stecke ja sooo viel Persönlichkeit und Gefüüühl in den Songs, die nach Bierwerbung, Fußballhymne und Versicherungsmarketing klingen. Warum kann man nicht mal eine kleine Geschichte erzählen mit seinen Texten? Oder – wenn man schon keinen Einfallsreichtum besitzt – wenigstens ein klassisches Liebeslied mit ein wenig Schubidu hier und Tralala da, aber einem Rhythmus, wo man mitmuss?

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