Monatsarchiv: April 2015

59. Stück: Psychologie und Horror

Am Freitag habe ich wieder einmal einen hervorragend gemachten Horrorfilm gesehen: Warte, bis es dunkel wird von Alfonso Gomez-Rejon. Außerdem habe ich seit Stephen Kings Die Arena auch Geschmack an der Horrorliteratur gefunden. Allerdings ist mir aufgefallen, dass Horror nicht gleich Horror ist. Denn als ich neulich Stephen Kings Kurzgeschichtensammlung Nachtwache las, fand ich längst nicht alle Geschichten gleichermaßen erschreckend und spannend. Meine Theorie ist, dass Horror nur dann wirklich Grauen im Leser hervorruft, wenn es nicht bloß um Schockeffekte geht, sondern um die psychologischen Untiefen der Figuren, die die verborgenen Ängste des Lesers anstoßen. In gelungenen Horrorgeschichten und Schauerromanen – zu denen auch die Nachtstücke von E. T. A. Hoffmann aus der Schwarzen Romantik gezählt werden können – werden Urängste des Menschen berührt, indem nicht nur entsprechende Gruselmotive auftauchen, sondern vor allem geschildert wird, was dies mit den Figuren macht.

In Warte, bis es dunkel wird treibt nicht einfach nur irgendein Meuchelmörder sein Unwesen. Es ist eine Art Wiedergänger oder Nachahmungstäter, der scheinbar wahllos Liebespaare umbringt. Nur ein Mädchen verschont er. Dies könnte man nun mit plumper Brutalität erzählen und darstellen, wodurch zwar Ekel und Abscheu hervorgerufen werden könnten, aber keine Spannung, nichts, was dem Zuschauer an die Nieren geht, ihn berührt, dafür sorgt, dass er sich auch noch einige Zeit später Gedanken über den Film macht. Schlimmstenfalls wäre der Film dann unfreiwillig komisch, weil man als Zuschauer nicht glaubt, dass das auf der Leinwand tatsächlich passieren könnte und sich deswegen nicht fürchtet, sondern nur über den gezeigten Schwachsinn kichert. Das kann natürlich auch kurzweilig sein und für einen lustigen Trash-Filmabend mit Freunden taugen. Aber guter Horror ist das dann nicht.

Dieser Film aber nimmt den Serienmörder zum Anlass, eine Geschichte über Trauer, Verlust, Angst, Trauma, Misstrauen, Gewalt, Liebe und Tod zu erzählen – die ganze Palette großer, zeitloser Gefühle und menschlicher Themen also. Die junge Jami, das Mädchen, das verschont wurde, will die Mordserie unbedingt aufklären und nimmt dies als Möglichkeit, mit dem Verlust ihres Freundes, ihrer Eltern und dem tief traumatisierenden Erlebnis ihrer Beinaheermordung fertig zu werden. Ihr dabei zuzuschauen und mitzurätseln, wer der Täter ist und welches Motiv er verfolgt, ist wesentlicher Teil der Spannung. Gleichzeitig wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Handlung auf wahren Begebenheiten beruht: Tatsächlich gab es 1946 eine Reihe von Morden durch den sogenannten Phantom Killer, der jedoch nie gefasst wurde. Dies berührt verborgene Ängste, denn wenn etwas damals wirklich geschehen konnte, dann kann es das immer wieder tun.

Ebenso sind, wie ich finde, die Geschichten von Stephen King, die ich bisher gelesen habe, am spannendsten, die ebenfalls auf verborgene Urängste anspielen und in denen eindeutig unwirkliche Horrorelemente nicht die zentrale Rolle spielen, sondern ihre psychischen Auswirkungen auf die Figuren. So fand ich beispielsweise die Kurzgeschichte Spätschicht nicht so beängstigend. Darin treiben mutierte Ratten im Keller einer Textilfabrik ihr Unwesen, was zwar ziemlich eklig ist, aber trotzdem nicht übermäßig gruselig, da die Hauptfigur angesichts der Kreaturen die Fassung bewahrt. Auch die Kurzgeschichte Der Rasenmähermann hat mich nicht gefesselt. Zwar reagiert die Hauptfigur hier mit panischer Angst, doch da ein Rasenmäher, der von allein läuft und ein Mann, der die Grasreste auffuttert keine Urängste auslöst, lässt sich die Panik des Gartenbesitzers nicht nachvollziehen. Vielleicht ist das aber auch eine Frage der Zeit, denn als Stephen King die Geschichte in den 70er Jahren schrieb, gab es noch keine Rasenmähroboter. Heutzutage gibt es zudem so viele kuriose Diätweisheiten und Ernährungsgeklugscheiße, dass es mich nicht verwundern würde, wenn sich irgendein Guru eine Wiederkäuerdiät ausgedacht hätte, die darin besteht, sich nur von Gras zu ernähren.

Urängste, psychische Probleme und starke Emotionen müssen nicht konkret thematisiert werden, um in Horrorgeschichten ihre Wirkung zu entfalten. Dies gelingt auch im übertragenen Sinne in Form von Symbolen oder Metaphern. Der Alkoholiker Richie Grenadine in Stephen Kings Kurzgeschichte Graue Masse zum Beispiel, der sich nach dem Konsum einer verdorbenen Bierdose in ein graues Schleimmonster verwandelt, zeigt auf, was die Sucht nicht nur mit den Betroffenen selbst, sondern auch mit den Freunden und Angehörigen macht: Sie verschlingt und vernichtet alles um sich herum. Würde dies konkret geschildert, wäre es ein Drama, man wäre betroffen, traurig, hätte vielleicht Mitgefühl mit den Figuren. Aber man hätte keine Angst. Hier schon.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Literatur, Philosophie

58. Stück: Die Gut-Böse-Dichotomie in „American Sniper“

Eines der größten Rätsel der diesjährigen Oscar-Nominierungen ist für mich Clint Eastwoods American Sniper*. Gut, Bradley Cooper spielt Chris Kyle ganz OK, aber der Film ist insgesamt schlichtweg plumpe Kriegspropaganda. Oder sehe nur ich das so, weil ich pazifistisch erzogen wurde? Ich denke, der Schlüssel dazu, ob man American Sniper für ein geniales Drama oder ein erbärmlich-offensichtliches Patriotengeschwurbel hält, liegt in der Gut-Böse-Dichotomie, die der Film propagiert. Die möchte ich gern analysieren und vielleicht klärt sich das Rätsel dann ja auf?

Der Film beginnt mit Chris Kyles erstem Einsatz im Irak und der Szene, in der er einen kleinen Jungen und seine Mutter erschießt, weil die eine Granate auf die amerikanischen Soldaten werfen wollen. Bevor er die tödlichen Schüsse abfeuert, geht es auf Zeitreise und in einer Rückblende wird gezeigt, wie der kleine Chris – etwa in dem Alter wie das Kind, das er im Begriff ist zu erschießen – mit Papa Kyle auf die Jagd geht. Papa Kyle ist ein beinharter, ungemein männlicher Mann, ohne auch nur ansatzweise Sinn für Humor oder Warmherzigkeit, der seinem kleinen Dreikäshoch weismacht, es wäre unfassbar maskulin, auf wehrlose, flauschige, knopfäugige Hirsche zu schießen. Was der Lütte dann auch prompt macht und den armen Hirsch mit einem Schuss erlegt. Daraufhin ist Papa Kyle stolz wie nichts auf seinen Steppke und indoktriniert ihn mit der Überzeugung, es sei eine Gabe, aus dem Hinterhalt nichts Böses ahnende Lebewesen hinzurichten, die niemandem auch nur ein Haar gekrümmt haben.

Nächste Szene, die Familie sitzt beim Abendessen. Die Mutter hat eigentlich gar nichts zu melden und der Vater schwadroniert weiter seine hinterwäldlerischen Männlichkeitsmythen in die Gegend. Der kleine Bruder von Chris ist etwas feinsinniger und sensibler als er und wurde in der Schule verprügelt. Das empfindet der Vater als persönlichen Affront und mit kaum verhohlener Verachtung schaut er seinen jüngeren Sohn an und dröhnt, es gäbe auf der Welt drei Arten von Menschen: Schafe, Wölfe und Hütehunde. Die Schafe duckmäusern sich durchs Leben und würden sich nicht wehren, die Wölfe greifen die Schafe an und töten sie, die Hütehunde verteidigen die Schafe vor den Wölfen. Die meisten Menschen wären Schafe und Hütehunde sehr selten. Als der Vater hört, dass Chris seinen Bruder verteidigt und die Schulrüpel seinerseits vermöbelt hat, nickt der Vater zufrieden. Wenigstens einen Hütehund in der Familie und nur einen Versager.

Jedenfalls erschießt Chris Kyle Jahre später diesen kleinen Jungen und dessen Mutter, so wie er damals auch den Hirsch abgeknallt hat. Gut, der Hirsch hatte keine Granate in der Hand und hat nicht Kyles Kollegen bedroht, also ein bisschen anders ist das schon. Und immerhin ist Kyle nach diesem ersten Menschenmord ziemlich fertig mit den Nerven. Das legt sich aber relativ schnell und dann sieht er die Einheimischen nur noch als Feinde an, als Wölfe. Das macht es vermutlich leichter, Menschen aus dem Hinterhalt zu ermorden, wenn man sie nicht als Menschen sieht, sondern als das Böse und sich selbst ebenfalls nicht als Menschen, sondern als das Gute.

Dabei ignorieren sowohl Chris Kyle als auch der Film als solcher, dass es eine Frage der Perspektive ist, wer wen gegen wen verteidigt, wer das Gute, wer das Böse ist, wer ein Hütehund und wer ein Wolf. Übrigens hinkt dieser Hütehund-Wolf-Schaf-Vergleich meiner Meinung nach gewaltig, denn es wäre mir neu, dass Hütehunde mit Scharfschützengewehren auf die Dächer der Wolfshäuser klettern, sich dort verstecken und die Wölfe hinterrücks abknallen, sobald diese zähnefletschend aus ihren Höhlen kommen, während kein Schaf in der Nähe ist. Soweit ich weiß – man korrigiere mich gern, wenn ich mich irre, von Landwirtschaft verstehe ich nicht viel – läuft das so: Die Schafe weiden friedlich vor sich hin und der Hütehund passt auf, dass sie zusammenbleiben. Sollte irgendwann einmal ein Wolf auftauchen, was wohl nicht oft vorkommt, da Wölfe nicht mehr so weit verbreitet sind wie noch zu Gebrüder-Grimm-Zeiten, dann kläfft der Hütehund den an, sodass der Wolf sich trollt und woanders auf Futtersuche geht. Das funktioniert auch mit Eseln habe ich neulich gelesen. Wer schon mal einen Esel hat blöken hören, der kann sich vorstellen, dass Wölfe reißaus nehmen, sobald die sympathischen Langohren Alarm schlagen. Außerdem töten Raubtiere wie der Wolf andere Lebewesen nur aus zwei Gründen: 1) Sie fühlen sich bedroht und verteidigen sich / 2) Sie haben Hunger und brauchen Futter

Warum töten Chris Kyle und seine Kollegen in American Sniper? Am ehesten wohl, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen. Was also unterscheidet sie von Wölfen? Außerdem: Warum haben die Iraker in dem Film überhaupt aufgerüstet? Warum verstecken sie Waffen in ihren Wohnungen, schicken Kinder und Frauen mit Granaten vor? Möglicherweise, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen? Vielleicht auch gar nicht einmal zu Unrecht, schließlich sind die US-Amerikaner in ihr Land eingefallen und nicht umgekehrt. Was also unterscheidet die irakischen Kämpfer von den amerikanischen Kämpfern?

Richtig: Nichts.

Außer, dass sie sich in ihrem eigenen Land befinden und sich aus ihrer Sicht gegen Besatzer wehren.

Es wird in dem Film zwar einmal kurz angedeutet, dass die irakischen Terroristen auch ihre eigenen Landsleute grausam umbringen und dann könnte man natürlich sagen, die Amerikaner sind zu recht dort und helfen auch der unschuldigen Zivilbevölkerung. Allerdings gelingt es ihnen nicht, diese zu retten und wenn sie auf der Seite der Iraker stehen, warum kämpfen sie dann nicht mit ihnen zusammen gegen die Terroristen?

Man sieht: Sobald man diese Gut-Böse-Dichotomie ein wenig näher betrachtet, funktioniert sie nicht mehr. Sie lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn man nicht darüber nachdenkt. Und wollen wir das wirklich? Wild gewordene Hütehunde, die blind jeden zerfetzen, der die Schafherde auch nur finster anguckt?

* Hier meine Kritik zu dem Film:

„American Sniper“ von Clint Eastwood ist ein schwieriger Film. Natürlich kann man bei dem kontroversen Inhalt keine leichte Unterhaltung erwarten, das ist klar. Aber ein spannendes, psychologisch tiefgründiges Drama hätte schon daraus werden können. Das ist auch das, was ich nach Sicht des Trailers erwartet habe, vor allem, weil Clint Eastwood sich bereits häufiger in der Vergangenheit (zum Beispiel im großartigen „Gran Torino“) als sensibler, feinsinniger und kluger Filmemacher erwiesen hat. Leider ist das meines Erachtens bei „American Sniper“ nicht gut gelungen.

Die Kriegsszenen sind sich untereinander sehr ähnlich, es ist keine wirkliche Steigerung oder Entwicklung zu sehen. Zwar macht Chris Kyle eine Wandlung durch, doch seine persönliche Entwicklung, seine Traumata, seine zerbrochenen Ideale und Träume, sein innerer Schmerz, den er bis zur Selbstaufgabe verleugnet (sonst könnte er seinen Job wohl auch nicht weiter ausführen) werden nur angedeutet. Die privaten Szenen zuhause mit seiner Frau und seinen Kindern, das Verhältnis zu seinem Bruder (was passiert eigentlich mit ihm? Diese Frage lässt der Film leider offen) kommen zu kurz. Es blitzen ab und zu ein paar Szenen und Momente auf, die das innere Grauen dieses Mannes erkennen lassen, doch sind diese zu selten. Der Erzählrhythmus ist irgendwie nicht ganz stimmig, die Kriegsszenen sind zu gleichförmig und lang, die Szenen, die zeigen, was der Krieg mit Chris Kyle macht, sind zu kurz und bleiben zu sehr an der Oberfläche.

Am interessantesten in dem Film fand ich den Anfang, als in Rückblenden gezeigt wurde, wie Chris Kyle überhaupt Sniper geworden ist. Da bekam man einen Einblick in die amerikanische Heldenideologie, die mir als pazifistischer, bildungsbürgerlicher Europäerin völlig absurd vorkommt, die jedoch im Film glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt wird. Diese Dreiteilung der Menschheit in Schafe, Wölfe und Hütehunde finde ich zwar Quatsch (vermutlich, weil ich in dieser Kategorisierung eindeutig ein Schaf bin und somit ein Loser), aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen daran wirklich glauben. Und wer davon überzeugt ist und fest daran glaubt, ein Hütehund zu sein, der alle vor den bösen Wölfen beschützen muss, der findet das dann auch absolut logisch, in ein fremdes Land einzufallen und dort Leute zu erschießen, die man als böse betrachtet.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese Überzeugung Kyles, die ja bis zum Schluss nicht wirklich ins Wanken gerät, etwas kritischer hinterfragt worden wäre. Allerdings beruht der Film auf Kyles Autobiographie, er gilt in den USA als Held, da ist es für einen US-amerikanischen Filmemacher wahrscheinlich nicht so naheliegend, den Heldenmythos zu demontieren. Das Hauptzielpublikum dürften außerdem diejenigen sein, die Kyle als Helden verehren und wenn man ihn dann im Kinofilm als gebrochenen, traumatisierten Menschen zeigt, den Krieg nicht als notwendig, sondern als sinnlos darstellt und Verständnis für die Soldaten aufbringt, die Zweifel an der vermeintlich gerechten Sache bekommen, wäre der Misserfolg vorprogrammiert.

Fazit: Insofern sehenswert, weil der Film zum Nachdenken anregt. Allerdings sollte man seine Erwartungen in Sachen Spannung vorher herunterschrauben.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Kritik