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63. Stück: Logik von Zeitreisen in fiktionalen Werken

Asche auf mein Haupt, erst letztes Wochenende habe ich erstmals Terminator geguckt, zusammen mit meinem Freund. Und ich finde, der Film ist vollkommen unlogisch. Er ist trotzdem unterhaltsam und spannend, aber, wenn man mal darüber nachdenkt, haut das mit der Zeitreise logisch betrachtet hinten und vorne nicht hin. Mein Freund entgegnete diesem Einwand mit der kategorischen Feststellung, Zeitreisen wären grundsätzlich nicht logisch, woraufhin ich meinte, in Zurück in die Zukunft sei die Zeitreise-Thematik sehr wohl logisch. „Nee“, meinte mein Freund und da dachte ich: Jetzt reicht’s, ich schreibe einen Essay.

Wohlan, die Diskussion ist eröffnet:

  • These Nr. 1 (meine, also die Richtige): Zeitreisen können in fiktionalen Werken logisch dargestellt werden.
  • These Nr. 2 (die von meinem Freund, der unrecht hat): Zeitreisen sind grundsätzlich unlogisch und deswegen muss man die Unlogik in Zeitreise-Geschichten einfach hinnehmen.

Meine These ist insofern schonmal besser, als dass sie mehr Spaß macht. „Es ist so wie es ist“, ist eine langweilige These. Außerdem muss man meines Erachtens unterscheiden zwischen „logisch“ und „in der wirklichen, nicht-fiktionalen Welt wissenschaftlich realisierbar“. Bisher sind Zeitreisen im wirklichen Leben noch nicht durchführbar, aber in Filmen und Büchern sind sie es. Das heißt, man kann für erzählte Welten, in denen Zeitreisen möglich sind, eine eigene, innere Logik voraussetzen, die den Naturgesetzen der wirklichen Welt nicht in jedem Punkt entsprechen muss.

Kommen wir nun zum berühmt-berüchtigten Großvaterparadoxon, das häufig im Zusammenhang mit der „Terminator“-Welt zitiert wird. Das Paradoxon besteht in folgendem Gedankenspiel: Jemand reist in die Zeit zurück, um seinen eigenen Großvater umzubringen. Sobald er ihn jedoch umbringt, hört er auf zu existieren, er wird gar nicht erst geboren. Dann kann er allerdings auch nicht in die Zeit zurückreisen, um seinen Großvater umzubringen.

Wie löst man dieses Problem?

Eine Möglichkeit ist, davon auszugehen, dass die Ereignisse in der Zeit bereits im Kern feststehen und nicht grundlegend veränderbar sind. Ich nenne das mal die Schicksals-Erklärung. Alles ist vorherbestimmt, was passieren soll, wird passieren, in welcher Form auch immer. Demnach würde es wahrscheinlich erst gelingen, den Großvater umzubringen, nachdem er den Vater oder die Mutter bereits gezeugt hat und auch nur dann, wenn ohnehin vom Schicksal vorgesehen war, dass er bald nach der Zeugung ermordet wird (wenn auch nicht zwingend von seinem eigenen Enkel, der, nebenbei bemerkt, von Respekt vor dem Alter anscheinend nie was gehört hat). Dieses Weltbild liegt anscheinend bei Terminator der Logik innerhalb der erzählten Welt zugrunde.

Aber: Wozu geben sich der Terminator und Kyle Reese die ganze Mühe, 45 Jahre in die Vergangenheit zu reisen, dort allerhand Unruhe zu stiften und das Raum-Zeit-Kontinuum ins Chaos zu stürzen, wenn ohnehin alles so passiert, wie es vorgesehen ist und sich nicht ändern lässt? Dann wird doch John Connor trotzdem irgendwie geboren, oder zumindest jemand, der dann an seiner Stelle seine Rolle als Anführer der Menschenrebellen übernimmt. Und dann verlieren die Maschinen doch ohnehin früher oder später den Krieg, wenn das vom Schicksal so vorgesehen ist.

Nun könnte man einwenden, dass die Figuren nicht wussten, dass es überhaupt nichts nützt, die Vergangenheit zu verändern, weil der Ablauf der Ereignisse innerhalb der Zeit im Kern sowieso von vorneherein feststeht. Dass sie halt einfach mal ihr Glück versucht haben. Na ja, … Ein wenig dürftig, die Erklärung, oder? Und woher hatte Kyle Reese das Foto von Sarah, wenn es in seiner Zukunft, mit der ursprünglichen, vom Terminator unbehelligten Vergangenheit, noch nicht geschossen wurde? Wer war ursprünglich John Connors Vater und macht es denn überhaupt keinen Unterschied, wenn sein Vater sich plötzlich ändert und Kyle Reese derjenige welche wird?

Wenn eine Handlung so viele Fragen aufwirft, dann ist sie nicht logisch. Tut mir leid. Aber liegt das in der Natur der Sache, wie mein Freund behauptet? Darf man da überhaupt gar nicht erst anfangen, über die Handlung nachzudenken? Vielleicht. Aber meines Erachtens geht es eben doch anders.

Eine weitere Möglichkeit, sich aus dem Großvaterparadoxon herauszuwieseln, ist die Viele-Welten-Theorie. Dabei gibt es nicht nur einen im Kern unveränderbaren Zeitstrang, wie es bei der Schicksals-Erklärung der Fall ist, sondern beliebig viele parallele Zeitstränge oder auch Welten. Kehrt jemand in die Vergangenheit zurück und pfuscht da fröhlich vor sich hin, eröffnet sich ein neuer Zeitstrang und eine neue Parallelwelt, die eine Zukunft mit den veränderten Voraussetzungen zeigt. In dieser Theorie würde der undankbare Enkel also in die Vergangenheit reisen, seinen Großvater abmurksen und damit eine neue Welt eröffnen, in der sein Großvater nicht mehr lebt, er aber weiterhin existiert. Es gibt ihn dann sozusagen doppelt: einmal in der neuen Welt und einmal in der alten Welt. In der alten Welt aber hat sich nichts verändert, dort lebt sein Großvater weiterhin, kann sein Kind und seinen Enkel zeugen, der dann später in die Vergangenheit zurückreist. Diese Erklärung lässt sich allerdings nicht auf Terminator anwenden, da in dem Film nicht ein einziger Hinweis darauf gegeben wird, dass es mehrere parallel laufende Zeitstränge gibt. Vielleicht kommt das noch in den folgenden Teilen?

Beispiele für fiktionale Werke, in denen die Viele-Welten-Theorie als Erklärung für Zeitreisen dient, ist zum Beispiel Stephen Kings Der Anschlag oder auch Richard Kellys Meisterwerk Donnie Darko, je nachdem, wie man diesen ambivalenten Film interpretiert. Mit der Viele-Welten-Theorie macht man es sich natürlich leicht, da können keine Logiklöcher entstehen, wenn bei jeder Veränderung eine neue Welt eröffnet wird. Dann ist alles möglich.

Aber kann ein Film oder ein Buch auch in sich eine logische Welt aufbauen, wenn es sich nur um eine Welt handelt? Im bereits erwähnten Zurück in die Zukunft zum Beispiel, da ist die Handlung, dafür, dass Zeitreisen das zentrale Motiv sind, im Großen und Ganzen logisch. Zumindest logisch genug, damit mein ruheloser Geist nicht ständig mit einem „Hä? Moooooment! Da stimmt was nicht, warum ist das *ratter-ratter-ratter-klöter-rumpel*“ dazwischenhupt.

Es gibt den ursprünglichen Zeitverlauf: Marty McFlys Eltern lernen sich zu Highschoolzeiten kennen und lieben, weil sein Vater George vors Auto von Martys Großvater, Lorraines Vater, gefallen ist. Lorraine hatte daraufhin Mitleid mit ihm, ist mit ihm zum ‚Verzauberung unterm See‘-Tanz gegangen, wo sie sich das erste Mal geküsst haben und von da an war ihre Zukunft besiegelt. In den 80er Jahren ist George ein Versager, wird vom Rüpel Biff weiterhin drangsaliert, Lorraine ist frustriert, alles ist irgendwie suboptimal.

Nun kommt die Handlung aus dem ersten Teil: Marty reist aus Versehen ins Jahr 1955 zurück und fällt statt George vor das Auto von Lorraines Vater. Das heißt, sie verliebt sich in Marty, nicht in George. Soweit, so logisch. Je mehr sie sich in Marty verliebt und je ferner die Möglichkeit rückt, dass sie George überhaupt nur wahrnimmt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Marty aufhört zu existieren. Wenn er tatsächlich vollständig verschwinden würde, dann könnte er natürlich auch nicht in die Vergangenheit reisen und alles bliebe beim Alten. Aber da er seine Eltern nicht umbringt, wird das Großvaterparadoxon geschickt umgangen, er löst sich also nur allmählich auf. Und dann, bevor es zu einem Paradoxon kommen kann, wendet sich alles zum Guten und George küsst Lorraine. Allerdings hat er dadurch, dass er Biff eine reingehauen hat, Selbstvertrauen gewonnen und deswegen ist dann die Gegenwart doch leicht verändert, als Marty ins Jahr 1985 zurückkehrt. George ist ein erfolgreicher Autor, Lorraine und er sind wie frisch verliebt und Biff ist der Versager, der ständig die Familienautos waschen muss.

Im zweiten Teil von Zurück in die Zukunft wird es etwas komplizierter, aber meiner Meinung nach bleibt es dennoch innerhalb des erzählten Universums folgerichtig. Marty und Doc Brown reisen ins Jahr 2015 (Am 21. Oktober, haben schon alle ihre Kalender gezückt, um ihn Willkommen zu heißen? Und wo bleibt mein Hoverboard!), um Martys zukünftigen Sohn vor einem Schlamassel zu retten. Sie erledigen ihre Mission, aber in der Zwischenzeit hat der alte Biff sie beobachtet, das mit der Zeitmaschine spitzgekriegt und heckt einen teuflischen Plan aus. Er kauft in einem Antiquariat einen Almanach mit den Ergebnissen der Sportwetten von 1950 bis 2000, klaut die Zeitmaschine und reist ins Jahr 1955, wo er seinem jungen Alter Ego den Almanach überreicht. Als Marty daraufhin in seine Gegenwart, das Jahr 1985 zurückkehrt, ist alles verändert: Biff ist zum reichsten und mächtigsten Mann der Stadt aufgestiegen, die Stadt versinkt in der Kriminalität, George ist in der Zwischenzeit gestorben und Lorraine hat danach Biff geheiratet und ist Alkoholikerin geworden. Also müssen Marty und Doc Brown wieder nach 1955 reisen, um zu verhindern, dass der alte Biff dem jungen Biff den Almanach gibt. Ist doch logisch, oder?

Der dritte Teil spielt fast ausschließlich im Wilden Westen, und da man dieses Mal nicht so viel davon erfährt, inwieweit Martys und Docs Handlungen Auswirkungen auf die Zukunft haben, drücken sich die Filmemacher hier geschickt darum, Logiklöcher überhaupt erst entstehen zu lassen.

Das ist überhaupt die einfachste Methode, Zeitreisen in fiktionalen Werken zu schildern, ohne dass ein Großvaterparadoxon entsteht. Man lässt die Figuren aus der Zukunft schlichtweg nichts derart Wesentliches in der Vergangenheit verändern. Oder man lässt seine Figuren gar nicht erst in die Vergangenheit reisen, so wie im ersten Teil von Planet der Affen oder in Die Zeitmaschine nach dem Roman von H. G. Wells. Da hat man dann freie Hand und kann auf Basis der aktuellen Gegenwart die Zukunft beliebig weiterspinnen. Was dann eine wunderbare Taktik ist, um Gesellschaftskritik an aktuellen Problemen zu üben, ohne diese direkt ansprechen zu müssen. Diese Denkleistung muss der Zuschauer übernehmen. Eine spannende Aufgabe.

Und, was meint ihr? Konnte ich euch überzeugen, dass es sehr wohl möglich ist, Zeitreisen in Filmen und Büchern logisch zu erzählen?

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60. Stück: „Unterwerfung“ (Soumission) von Michel Houellebecq – Dystopie oder Utopie?

Als Michel Houellebecq seinen Roman Unterwerfung (orig. Soumission) am 7. Januar 2015 veröffentlichte, erschütterte das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris die Welt. Es wurde gemunkelt, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen gäbe. Schließlich erklärten sich radikal-islamistische Terroristen von Al quaida für die Anschläge auf die Satirezeitschrift verantwortlich und in dem Roman geht es um eine nahe Zukunft in Frankreich, in der ein muslimischer Präsident regiert. Houellebecq hatte sich 2001 mit islamkritischen Äußerungen nicht gerade beliebt gemacht und wer Unterwerfung nicht gelesen und auch nicht mitbekommen hat, dass der streitbare Autor sein Urteil, der Islam sei „die dümmste aller Religionen“ Anfang 2015 wieder revidierte (in der Zwischenzeit hatte er den Koran gelesen), der könnte mit etwas Fantasie darin möglicherweise einen Zusammenhang erkennen. Tatsächlich aber war es wohl Zufall.

Nichtsdestotrotz ist es eine interessante Frage, ob Unterwerfung den Islam kritisiert oder nicht, sprich: Handelt es sich um eine Dystopie oder eine Utopie? Ist das muslimisch regierte Frankreich eine pessimistische oder optimistische Weltsicht? Neugierig, wie ich bin, wollte ich das unbedingt wissen und habe mir den Roman im Original zu Gemüte geführt. Und dabei festgestellt: So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten.

Die Hauptfigur in Unterwerfung, der Mittvierziger François, seines Zeichens Literaturprofessor, Alkoholiker und Kettenraucher, weiß nicht wirklich viel mit sich anzufangen, als der Roman beginnt. Es ist das Jahr 2022, die französischen Präsidentschaftswahlen stehen bevor und der rechtsradikale Front National liegt beunruhigenderweise in Führung. Die rechte Mitte liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz der Umfragewerte, der linken Mitte geht es auch nicht so doll, immerhin liegt sie jedoch nur knapp hinter der französischen Muslimbruderschaft unter dem charismatischen Politiker Mohamed Ben Abbès. François ist eigentlich unpolitisch, trotzdem nicht gänzlich uninteressiert an den gesellschaftlichen Entwicklungen in seiner Heimat. Seine innere Leere, die von ihm als sinnlos erachtete Existenz, versucht er mit kurzen Affären mit jungen Studentinnen zu kompensieren, seine neueste Eroberung Miryam liebt er vielleicht sogar beinahe. Aber er kann sich zu nichts Verbindlichem durchringen, Freunde hat er im Prinzip auch kaum, er hat keine finanziellen Sorgen, krank ist er eigentlich auch nicht, nur hier und da ein paar altersbedingte Wehwehchen. Da bietet es dann doch eine willkommene Abwechslung, die politischen Vorgänge in Frankreich zu beobachten.

Das macht François zur idealen Chronistenfigur, da er als Zeitzeuge selbst nicht politisch motiviert ist und somit die Ereignisse verhältnismäßig objektiv erzählen kann. Da er zudem ein Intellektueller ist, neigt er dazu, die verschiedenen politischen Standpunkte klug und scharfsinnig zu analysieren. Als Leser bekommt man so die Gelegenheit, sich ein eigenes Urteil bilden zu können, ohne vom Erzähler (nicht zu verwechseln mit dem Autor!) zu eindeutig in eine bestimmte Richtung gelenkt zu werden. Dies erschwert im Gegenzug die eindeutige Beantwortung der Frage nach der Dystopie oder Utopie.

Im Laufe des Romans kommt es immer wieder zu Demonstrationen des Front National, es scheint, als würde er diesesmal wirklich die Präsidentschaftswahl gewinnen. Dann jedoch bildet die linke Mitte ein Bündnis mit Ben Abbès und gemeinsam können sie die Wahl für sich entscheiden. Der erste muslimische Präsident Frankreichs nimmt einige Änderungen vor. Männer dürfen nun mehr als eine Ehefrau heiraten (umgekehrt dürfen jedoch Frauen nicht mehrere Ehemänner haben), die Frauen dürfen nicht mehr arbeiten, müssen sich kleidungsmäßig bedeckt halten und dürfen, wenn überhaupt, nur noch schöne Künste und Geisteswissenschaften studieren. François findet dies zu Beginn etwas befremdlich, lehnt die Entwicklungen jedoch nicht ab. Zumal ihm als Professor und Vertreter der geistigen Elite einige Privilegien in Aussicht gestellt werden (zum Beispiel werden für ihn die schönsten Frauen ausgesucht und bei Bedarf auch als Ehefrauen vermittelt), vorausgesetzt, er konvertiert zum Islam.

Zumindest für Männer, die über einen gewissen Status verfügen, ist diese Zukunftsvision also eine Utopie. Für Männer, die nicht zur Elite gehören, bietet diese Welt sicher auch ihre Vorzüge. Und als Frau weiß man immerhin, wo der eigene Platz ist. Für mich wäre dieser Platz allerdings gar nichts. Also doch eine Dystopie? Insgesamt scheinen jedoch politische Unruhen zwischen Links und Rechts, Probleme bei der Familienversorgung der Vergangenheit anzugehören. Der Roman verschweigt jedoch weitestgehend, wie es Andersgläubigen und Atheisten in dieser Gesellschaft ergeht. Es scheint zumindest andeutungsweise so, dass sie mit beruflichen Schwierigkeiten rechnen müssen.

Vielleicht ist es aber auch der falsche Ansatz, dem Roman eine eindeutig positive oder negative Weltsicht aufinterpretieren zu wollen. Unterwerfung ist kein moralischer Roman, der den Zeigefinger mahnend erhebt und Urteile fällt. Eigentlich ist es vielmehr eine Satire auf politische und gesellschaftliche Dynamiken, Machtspiele, Strategien und Intrigen, die auch heute schon ihre Wirkung  haben. Der Tonfall des Erzählers François ist trotz seinem Weltschmerz, seinem Ennui und seinem lakonischen Fatalismus von feiner Ironie, leichtem Humor gefärbt, sodass der Roman sehr unterhaltsam und kurzweilig zu lesen ist. Ganz nebenbei wird man als Leser außerdem zum Nachdenken angeregt. Was mich dazu verleitet, eine klare Leseempfehlung auszusprechen. Ich bin gespannt, was ihr nach der Lektüre zu berichten habt.

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55. Stück: „Gone Girl“ von Gillian Flynn und die doppelte Ich-Perspektive

Nachdem mich der Film Gone Girl von David Fincher so gefesselt hat, wollte ich unbedingt das Buch von Gillian Flynn lesen. Die Verfilmung ist sehr gelungen, doch die literarische Vorlage ist noch besser. Man erfährt einfach noch mehr über die Motive, Gedanken und Gefühle der Figuren. Was ich besonders hervorragend fand, war der Einsatz der doppelten Ich-Perspektive im Roman Gone Girl. Das wird zwar im Film übernommen, kommt jedoch im Buch noch deutlicher zum Ausdruck. Es ist ja nicht immer ganz einfach, eine Geschichte aus der (beschränkten) Sicht einzelner Figuren zu erzählen. Das kann schnell daneben gehen, wenn diese Figuren nicht absolut präzise, vielschichtig, facettenreich, überraschend, geheimnisvoll, nachvollziehbar und individuell charakterisiert worden sind.

Ein Beispiel für eine misslungene doppelte Ich-Perspektive bietet der letzte Teil von Veronica Roths Divergent-Trilogie. Dort ist nie klar, ob nun Tris oder Four gerade die Geschichte erzählen, weil ihr Sprachstil sich zu stark ähnelt. Außerdem erscheinen ihre Gedanken, Gefühle, Gewissensbisse und Probleme zu ähnlich und werden auf zu ähnliche Weise von beiden gehandhabt. Da kommt man als Leser nicht nur durcheinander, es ist auch sehr langweilig und verdirbt viel Spannungspotential. Der Inhalt ist zwar trotzdem fesselnd, sodass die Buchreihe dennoch lesenswert ist. Aber man hätte mit etwas mehr schriftstellerischem Geschick noch mehr daraus machen können.

Wie das gelingt, zeigt also Gillian Flynn in Gone Girl. Wer die Geschichte noch nicht kennt und das Buch noch lesen oder den Film noch sehen will, sollte lieber nicht weiterlesen. Bei der Beschreibung der doppelten Ich-Perspektive muss ich vermutlich ziemlich viel spoilern.

Im ersten Teil stehen Nicks Schilderung des Geschehens und Amys Tagebucheinträge gleichberechtigt neben- und gegeneinander. Beide Ich-Erzähler buhlen um die Sympathie des Lesers – beide Figuren sind selbst Autoren/Schriftsteller und das spiegelt sich auch in ihrer Sprache wider. Sie erzählen die Ereignisse aus ihrer Sicht, haben dabei jedoch stets offenkundig ein Publikum im Hinterkopf. Das sollte immer bei Romanen der Fall sein, egal aus welcher Perspektive geschrieben wird. Doch bei der Ich-Perspektive muss das, sofern die Figuren nicht selbst auch Schriftsteller oder Geschichtenerzähler sind, verdeckt geschehen. Dass das hier nicht nötig ist, ist raffiniert und unterstützt die Spannung der Frage, was denn nun stimmt und was nicht.

Ist man jedoch darauf angewiesen, den Bezug von der intradiegetischen (innerhalb der erzählten Welt) Figur zur extratextuellen (außerhalb der erzählten Welt) Leserschaft zu verstecken, läuft man Gefahr, dass der Leser sich nicht so gut mit der Figur identifizieren kann. Identifikation ist jedoch unverzichtbar, um Spannung und Unterhaltung zu kreieren. Schließlich soll es dem Leser nicht völlig egal sein, was mit den Figuren in der Geschichte passiert. Man muss die Figur nicht mögen, aber man muss sie zumindest ansatzweise verstehen und ihre Motive nachvollziehen können. Dann kann man selbst entscheiden, ob man die Art und Weise, wie sie ihre Motive verfolgt und umsetzt persönlich ablehnt oder gut findet. Die Ich-Perspektive mit verdecktem Publikumsbezug ist beispielsweise in Suzanne Collins‘ Hunger Games-Trilogie überaus gelungen. Man fiebert mit, was mit Katniss Everdeen passiert, ohne dass sie den Leser direkt anspricht, mit einbezieht oder sich für seine Meinung interessiert.

In Gone Girl hingegen versuchen beide Ich-Erzähler, den Leser auf ihre Seite zu ziehen. Ein wenig kommt man sich als Leser vor wie ein Kind inmitten eines fiesen Sorgerechtsstreits. „Du willst doch lieber bei der Mama wohnen, wir finden den Papa voll doof, oder?“ – „Bei der Mama kannst du aber nicht so viel Playstation spielen wie du möchtest und beim Papa gibt’s jeden Abend Pizza zum Abendbrot“ und so weiter.

Auf der einen Seite gibt es Nick, der eigentlich aus seiner Ehe herauswill, der seine Frau Amy nicht mehr erträgt, sich ihr nicht gewachsen sieht. Aber auch ein ganz normaler Feigling ist, der sich nicht so recht aus seiner Komfortzone heraustraut. Manchmal bringt er einen (besonders als weibliche Leserin) zum Augenrollen, dann wieder hat man Mitleid, kann ihn verstehen und findet ihn sympathisch.

Amy stellt sich in ihren Tagebucheinträgen als romantisch, naiv, verträumt und bis über beide Ohren verliebt dar. Wenn sie schildert, wie die Ehe immer schlimmer, Nick immer respektloser, gemeiner, aggressiver wird und sie nur noch vernachlässigt und wie Dreck behandelt, bekommt man Mitleid mit ihr, kann sie verstehen, findet sie sympathisch. Das Bild von Nick bekommt durch Amy erhebliche Kratzer. Das Bild von Amy bekommt durch Nick, wenn schon keine Kratzer, so doch zumindest viele Fragezeichen verpasst.

Am Ende vom ersten Teil steht es 1:0 für Amy. Nick hat sich als Lügner entpuppt, der dem Leser eine Affäre verheimlicht hat, außerdem wenden sich langsam nicht nur seine Schwiegereltern, sondern auch seine Zwillingsschwester – mit der er ein Herz und eine Seele normalerweise ist – von ihm ab beziehungsweise fangen an, an seiner Unschuld zu zweifeln. Der Leser verliert an Vertrauen in Nicks Perspektive, gewinnt jedoch an Vertrauen in Amys Darstellung der Ereignisse. Der Verdacht, Nick könnte tatsächlich seine Ehefrau umgebracht haben und verschwinden lassen, erhärtet sich. Seine Ich-Perspektive wird unzuverlässig.

Dann kommt der zweite Teil und schlagartig wird dem Leser klar: Amy hat ihn mit ihrer Ich-Perspektive in den Tagebüchern die ganze Zeit verarscht, an der Nase herumgeführt und manipuliert. Der Leser sollte sie ins Herz schließen und an Nicks Rechtschaffenheit zweifeln – und das ist ihr gelungen. Nun sind die beiden Perspektiven wieder gleichberechtigt in der Publikumsgunst und es steht nicht mehr die Frage im Vordergrund „War er’s oder war er’s nicht?“, sondern „Wie kommt Nick aus der Nummer bloß wieder heraus?“ sowie „Wird Amy erwischt?“

Die Sympathie oszilliert zwischen Nick und Amy – Einerseits hat sich Nick wirklich wie ein dämlicher Idiot benommen und sich rücksichtslos egoistisch aufgeführt und somit ist man auch ein kleines bisschen schadenfroh. Andererseits: So eine gemeine, harte Strafe hat er nun auch wieder nicht verdient, schließlich droht ihm nun die Todesstrafe, obwohl er nichts wirklich Schlimmes getan hat. Im Gegenzug muss man Amys Plan dann aber doch bewundern und irgendwie ist sie in ihrer zynischen Kaltschnäuzigkeit und eiskalten Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen auch sehr witzig und unterhaltsam. Nichtsdestoweniger ist sie natürlich eine knallharte Superpsychopathin, die auch nicht vor Mord zurückschreckt, um ihren Willen durchzusetzen. Während sie getrennt sind, Nick um sein Leben fürchten muss und Amy erkennt, dass das Leben ohne Nick irgendwie doch nicht so toll ist, kommen sich die beiden näher. Nick wächst über sich hinaus, kommt aus seiner Lethargie heraus und Amy wird durch die Rückschläge während ihres Alleingangs ein wenig demütiger.

Wenn Amy im dritten Teil zu Nick zurückkehrt, ist er stärker geworden und sie ein bisschen schwächer. Sie sind plötzlich gleichberechtigte Gegner, die sich auf einer Stufe treffen. Dennoch belauern sich die beiden wie zwei feindliche Raubkatzen und der Tango wird weitergetanzt. In den Ich-Perspektiven wird klar, wie Nick zunächst noch versucht, Amy zu überlisten und zu überführen. Amy durchschaut das und hat natürlich entsprechende Vorkehrungen getroffen. Sie kriegt ihn schließlich mit einer tatsächlichen Schwangerschaft. Nick glaubt nun, aus der Ehe nicht mehr heraus zu können wegen des Babys und es scheint, als hätte Amy schließlich gewonnen. Doch Nicks letzter Beitrag zeigt ihn letztendlich als gleichberechtigten Partner für Amy, vor allem aber als den einzig möglichen Partner. Amys letzter Beitrag hingegen zeigt sie nach wie vor als Opfer ihrer Unsicherheiten – was sie nicht minder gefährlich macht.

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54. Stück: Das Unheimliche in „Der Doppelgänger“ von José Saramago

Seit ich mich in meinem Studium mit E. T. A. Hoffmann, der Schwarzen Romantik und dem Unheimlichen beschäftigt habe, fasziniert mich dieses Thema. Vielleicht, weil es meiner Meinung nach, gerade das Wesen des Unheimlichen ist, dass es jeglicher Fassbarkeit und Erklärbarkeit entbehrt. Dinge, die ich nicht verstehe, machen mich immer besonders neugierig. So ging es mir auch, als ich vor ein paar Monaten den Film Enemy von Denis Villeneuve im Kino sah. Im ersten Moment fand ich ihn einfach nur eigenartig, aber trotzdem wollte ich diesem seltsamen Machwerk auf den Grund gehen. Daher habe ich mir nun die literarische Vorlage von José Saramago Der Doppelgänger zu Gemüte geführt.

In meiner Analyse des Unheimlichen bei Hoffmann hatte ich das Phänomen auf eine Unsicherheit darüber, was in der erzählten Welt der Fall ist und was nicht, zurückgeführt. Doch Saramago geht noch einen Schritt weiter. Im Doppelgänger wirkt es einerseits so als wäre klar, was in der erzählten Welt passiert ist. Andererseits wird diese scheinbare Eindeutigkeit der Grundhandlung durch die Art und Weise der Erzählung wieder infrage gestellt. Vordergründig scheint es klar: Der Geschichtslehrer Tertuliano Maximo Afonso findet heraus, dass er einen Doppelgänger hat, den Schauspieler Antonio Claro. Er spürt ihn auf, kontaktiert ihn, es kommt zum Treffen der beiden äußerlich und stimmlich vollkommen identischen Männer. Aber dann wird es knifflig: Wer war zuerst da, ist sozusagen das Original?

(Mini-Spoiler) Es ist nicht derjenige, den der Leser zuerst kennenlernt, der ihm als Hauptfigur präsentiert wird. Sondern der vermeintliche Doppelgänger.

Während es also zum Beispiel in E. T. A. Hoffmanns Sandmann von Anfang an zwei Möglichkeiten gibt, was in der erzählten Welt der Fall ist und was nicht, scheint es im Doppelgänger zunächst so als gäbe es nur eine Möglichkeit, um diese im Laufe der Erzählung immer wieder infrage gestellt zu sehen. Nicht einmal auf die Identität der Hauptfigur ist Verlass. Im Sandmann bleibt Nathanael Nathanael, unsicher ist nur, ob er spinnt oder es tatsächlich böse Mächte gibt, die ihm nach dem Glück trachten.

Aber im Doppelgänger wird das Identitätskonzept, das im Grunde das Einzige ist, auf das man sich verlassen kann, wenn alles um einen herum zerbricht, dekonstruiert. Mal weiß der Erzähler genau, was in Afonso vorgeht, mal weiß er mehr, kann sogar in die Zukunft blicken, und dann wird er selbst nicht schlau aus dem Verhalten seines Protagonisten. Gelegentlich kommt der Erzähler vermeintlich ins Plaudern und Philosophieren. Die Handlung tritt währenddessen auf der Stelle und es wird eine weitere Ebene eröffnet, die den Leser daran erinnert, dass er nur eine fiktive Geschichte liest und die den Erzählkosmos in die Außenwelt ausweitet. Das Eintauchen in die erzählte Welt wird damit immer wieder verhindert, der Leser abwechselnd und unvorhersehbar in die Geschichte hineingezogen und wieder herausgeschleudert. Am Ende dann, ohne zu viel verraten zu wollen, wird dem Leser sogar die allerletzte Gewissheit, die ihm geblieben ist, geraubt.*

Vielleicht ist das Unheimliche also das Gefühl, das überhaupt nichts mehr sicher ist, ein permanenter Schwebezustand zwischen Möglichkeiten, ein ewiger Zweifel. Nicht nur darüber, was in der erzählten Welt Wirklichkeit und Illusion, Wahrheit und Lüge ist, sondern auch über sonst selbstverständliche Gewissheiten wie Identität, Ich und Du, Leben und Tod.

*(Mega-Spoiler) Am Ende hat Antonio Claro, der in die Rolle des Afonso geschlüpft ist, einen Autounfall mit Afonsos Verlobter. Beide sterben, Claro wird als Afonso beerdigt und Afonso ist dabei, ein neues Leben mit Claros Frau anzufangen und sich immer mehr die Identität des vermeintlich toten Originals überzustülpen. Da wird er von einem Mann angerufen, der ihm erzählt, er sei sein Doppelgänger. Das Gespräch läuft genauso ab wie das Telefonat, das Afonso mit Claro geführt hatte, bevor sie sich kennenlernten, nur mit vertauschten Rollen. Ist nun nicht einmal mehr der Tod gewiss?

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51. Stück: Überlegungen zur „Divergent“-Trilogie von Veronica Roth

Meine erste Begegnung mit der Divergent-Trilogie von Veronica Roth (bestehend aus den Romanen Divergent, Insurgent und Allegiant) hatte ich im April im Kino. So wirklich überzeugt hatte mich der Film in seiner Umsetzung nicht, doch der Inhalt hatte mich neugierig gemacht – neugierig genug, um die Bücher im Original zu lesen. In kurzer Zeit habe ich nun alle drei Teile verschlungen und muss sagen, dass sich die Divergent-Trilogie nicht hinter Die Tribute von Panem von Suzanne Collins zu verstecken braucht. Ein Vergleich beider Trilogien liegt nahe, da in beiden Reihen ein junges Mädchen gegen ein dystopisches System kämpft, gegen ihren Willen eine Art Revolutionärin wird und nebenbei auch noch mit den Liebeswirren des Teenagerdaseins zurecht kommen muss.

Doch bei genauer Betrachtung offenbaren sich doch große Unterschiede zwischen den beiden Werken, sodass es sich durchaus lohnt, beide Trilogien zu lesen, ohne dass das eine das gleiche in Grün vom anderen ist.

Der erste Teil von Divergent hatte mich noch nicht so stark gepackt. Das ist das Buch, das gerade verfilmt wurde. Der Film hält sich doch sehr eng an die literarische Vorlage und im ersten Teil wird noch nicht so viel von der dystopischen Welt und ihren Ausmaßen offenbart. Richtig spannend und interessant wird es im Prinzip erst im letzten Drittel des ersten Teils, als die scheinbare Idylle mit den Fraktionen, wo jeder weiß, wo er hingehört, immer stärker ins Wanken gerät. Im ersten Teil scheint es auch noch so als sei die Liebesgeschichte zwischen Beatrice „Tris“ Prior und ihrem Trainer „Four“ Teeniekitsch à la Twilight. Doch im zweiten und dritten Teil sieht man diese Beziehung immer wieder auf die Probe gestellt, man sieht Zweifel, Streit, Enttäuschung, Zusammenraufen und das Ganze wieder von vorn – also eine ganz normale, durchaus realistische Liebesbeziehung, die allmählich wächst und sich wandelt. Tris und Four begegnen sich mit der Zeit auf Augenhöhe – anders als Bella und Edward, wo der edle Vampirritter seine holde Maid ständig rettet, bevormundet und auf fast schon kontrollfreakige Art und Weise „beschützt“, während Bella alle ihre Entscheidungen von ihm abhängig macht.

Was mir allerdings in der Divergent-Trilogie trotz des vielschichtigen, spannenden Inhalts und der Figurenkonzeption, die einen tieferen Blick lohnt, nicht gefällt, ist der Schreibstil. Das Vokabular mangelt an Bandbreite, oft wird das gleiche Wort in einem Absatz dreimal wiederholt. Zum Beispiel „realisiert“ dauernd irgendwer irgendwas. Da ist zum Beispiel Suzanne Collins‘ Sprache bunter, vielseitiger und lebendiger, obwohl auch sie die Ich-Perspektive nutzt. Die ist bei Veronica Roth möglicherweise keine gute Entscheidung. Denn sicher kann man argumentieren, dass Tris und im dritten Teil Four alias Tobias (seine Ich-Perspektive kommt im letzten Teil dazu) beide aus der Fraktion Altruan (im Original Abnegation) stammen. Und die zeichnet sich durch absolute Selbstlosigkeit aus. Ein abwechslungsreicher Sprachstil würde dort vermutlich als ich-bezogen gewertet und abgelehnt. Somit wäre die schlichte, schmucklose Sprache ein Mittel, um die Figuren indirekt zu charakterisieren und durchaus eine konsequente, interessante Idee. Doch der Sprachstil, die Gedankengänge und die Wahrnehmung von Tris und Tobias im dritten Teil ähneln sich stark – da verliert man schnell den Überblick, wer gerade mit „ich“ gemeint ist, wenn man das Buch mitten im Kapitel zur Seite legen musste.

Außerdem lautet mein Motto: Es geht letztendlich immer um den Rezipienten, in diesem Fall dem Leser. Wenn man Tagebuch schreibt, das keiner lesen soll, kann man gern so redundant und uneloquent schreiben wie man will – übertrieben gesagt. Doch wenn man für jemanden schreibt, dann muss man auch diesen Jemand im Hinterkopf behalten. Hier wäre also anstelle der Ich-Perspektive entweder die Sicht einer Nebenfigur oder ein sogenannter allwissender Erzähler sinnvoller gewesen, um den spannenden Inhalt voll auszuschöpfen und die charakterlichen Unterschiede der Figuren stärker hervorzuheben. Stephen King ist beispielsweise ein Meister darin, zwischen allwissendem Erzähler und Blick in die Figuren hin und her zu wechseln und allein dadurch schon Spannung zu erzeugen – wozu dann der Inhalt noch dazu kommt.

Nichtsdestotrotz konnte ich die Bücher kaum aus der Hand legen und auch wenn die Hauptfiguren gelegentlich nerven, wachsen sie einem doch ans Herz, ebenso wie die Nebenfiguren. Ein wenig lästig sind Tris‘ Gewissensbisse, wenn sie überlegt, was ihre Eltern an ihrem Verhalten alles missbilligen würden, weil sie angeblich nicht selbstlos genug ist. Das gehört zu den Dingen, die etwas zu oft wiederholt und betont werden.

Allerdings – und das ist wieder das Gute an der Buchreihe – wird die extreme, absolute Selbstlosigkeit auch kritisch hinterfragt. Alle fünf Fraktionen – Erudite (Ken auf Deutsch), Candor, Amity (Amite), Dauntless (Furox) und Abnegation (Altruan) – gingen von edlen Motiven, gut gemeinten Idealen und klugen Überlegungen aus. Doch im Laufe der Zeit wurden alle immer extremer, bis sich die ursprüngliche Tugend in ihr Gegenteil verkehrte. Aus Neugier und Forschungsdrang wurden Machtstreben und Arroganz, aus Ehrlichkeit wurde Herzlosigkeit, aus Pazifismus Passivität, aus Mut und Tapferkeit wurden Grausamkeit und Brutalität, aus der Selbstlosigkeit und Nächstenliebe wurde Selbstaufgabe. Und das finde ich interessant, denn Veronica Roth macht aus ihrem christlichen Glauben keinen Hehl, streut in die Geschichte auch gelegentlich Hinweise darauf ein, dass der christliche Gott auch für Tris‘ ursprüngliche Fraktion eine wichtige Rolle spielt. Doch insgesamt lässt sich die Reihe als kritisch gegenüber sämtlichen einst gut gemeinten Idealen – wie Religionen es ja auch sind – die durch Fanatismus, Angst vor dem Unbekannten und daraus resultierendem Hass schließlich zu gefährlichem Extremismus verkommen werten. Als Moral von der Geschicht‘ lässt sich festhalten, dass es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Grautöne, Farben und Facetten gibt – und zwar in jedem Menschen. Das ist natürlich nicht neu, doch angesichts dessen, dass sich nach wie vor Menschen wegen Glaubensfragen gegenseitig die Köpfe einhauen anscheinend doch nötig, das immer und immer wieder zu wiederholen.

Fazit: Ich kann jedem nur empfehlen, die Divergent-Reihe selbst zu lesen. Und ich freu mich darauf, mit euch darüber zu diskutieren.

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Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Kritik, Literatur

48. Stück: „Die Arena“ (Under The Dome) von Stephen King – Ein Interpretationsfragment

Normalerweise mag ich es nicht, wenn in einer Geschichte eine übernatürliche Erklärung für seltsame Begebenheiten herhalten muss. Oder überhaupt eine eindeutige Auflösung für beunruhigende Ereignisse präsentiert wird. Damit haben die Macher von „Lost“ ja bereits eine ganze, vielversprechende Serie komplett versaut. Ich fühle mich als Zuschauer/Leser/Rezipient einfach total verarscht, wenn ich über einen längeren Zeitraum hinweg mitfiebere, mir Hypothesen überlege und am Ende heißt es entweder „Ätsch, alles nur geträumt!“ oder „Ätsch, es waren Außerirdische/höhere Mächte/Gott“.

Deswegen mag ich normalerweise auch keine Romane von Stephen King, da man sich da quasi drauf verlassen kann, dass es irgendeine übernatürliche Erklärung für alles gibt. Oder dass irgendwann Geister, Außerirdische, Zombies, Dämonen, Flüche und sonstiges Ungemach auftritt und die ganze spannende Handlung mit einem Klacks restlos erklärt. Ich bin da eher ein Freund des Unheimlichen, das heißt, ich find das spannender, wenn merkwürdige Begebenheiten nicht eindeutig erklärt werden und es offen bleibt, ob übernatürliche Mächte dahinter stecken oder ob sich die betreffenden Personen alles nur eingebildet haben.

Nun hat mich Stephen King jedoch trotz übernatürlicher Erklärung in seinem Roman Die Arena (Under The Dome) vor Spannung so gefesselt, dass ich den über 1270 Seiten langen Klopper in weniger als drei Wochen verschlungen habe. Ich glaube, das liegt daran, dass das ‚Warum‘ in Die Arena vollkommen nebensächlich ist. Vergleichbar mit dem ‚McGuffin‘ in einem Film von Alfred Hitchcock. Dabei handelt es sich um irgendein Ding, das zwar die ganze Handlung auslöst und begründet, im Prinzip aber auch durch irgendetwas anderes ersetzt werden könnte, ohne dass sich an der Handlung und der Spannung des Films etwas ändert. Ob das Geheimdokumente sind, ein gestohlenes Kunstwerk oder eine spezielle Waffe ist dabei nicht so wichtig. Sondern was mit den Figuren deswegen passiert.

So ist das auch bei Die Arena: Ob nun die Regierung in einem grausamen Experiment die Kleinstadt Chester’s Mill unter eine riesige Käseglocke einsperrt, ob das spielende Außerirdische sind oder ob das eine Strafe Gottes ist oder einfach nur Zufall oder Einbildung – nach dem Motto „Die Kuppel existiert nur in unseren Köpfen“ – ist nebensächlich. Die Spannung im Roman hängt nicht vom ‚Warum‘ oder ‚Wozu‘ ab, sondern vom ‚Wie‘ und vom ‚Was‘.

Deswegen erlaube ich mir mal den kleinen Spoiler und verrate, woher die Kuppel kommt, die die Kleinstadt von der Außenwelt abschneidet. Tatsächlich sind es außerirdische Kinder, von den Bewohnern Chester’s Mills Lederköpfe genannt, die das Ganze als Spiel betrachten, so wie Ameisenfarmen für Menschen. Sie befinden sich in einer anderen Galaxie als die Menschen auf der Erde und denken, was sie in ihrem Spielkasten sehen, sei nicht real.

Das fand ich hochinteressant, vor allem aus literaturtheoretischer Sicht. Was wäre wenn diese Lederköpfe eine Metapher für die Rolle des Lesers wären und der Kasten, der die Kuppel erzeugt eine Metapher für den Autor? Denn ein Autor macht im Prinzip genau das: Er konstruiert ein abgeschlossenes Universum, einen Mikrokosmos, und wirft verschiedene Figuren mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Motiven, Bedürfnissen, Zielen und Wünschen in eine bestimmte Situation – je existenzieller und lebensbedrohlicher, umso größer die Spannung – zieht diese Konstruktion wie ein Uhrwerk auf und lässt es abschnurren.

Der Leser wiederum nimmt die daraus resultierende Handlung begierig auf, will wissen wie es weitergeht, empfindet eine gewisse ‚Angstlust‘ aufgrund der geschilderten Ereignisse und genießt die Spannung, greift jedoch nicht in die Handlung ein, weil er das nicht kann. Schließlich befindet er sich in einem anderen Universum, einer anderen Dimension als die Figuren in der Geschichte.

Die Arena ist allein schon wegen der politischen, gesellschaftskritischen Bezüge zahlreiche Analysen und Interpretationen wert. Und trotz allem bleibt der Roman unterhaltsam. Aber der Aspekt, dass der Leser sich auch nicht anders verhält als die Lederköpfe, bringt noch mal eine andere Facette hinein, die Stephen King nicht beabsichtigt haben muss, die aber trotzdem – zumindest für Literaturnerds – einigen Stoff zum Nachdenken bietet.

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