Monatsarchiv: Mai 2010

10. Stück: „Sozusagen (Pour ainsi dire)“ am 23.05.2010 in Saarbrücken / Festival Perspectives

Möwen, Trompeten und Sprachensalat

 

Graubewölkter Himmel. Kreischende Möwen. Schiffe. Norddeutsche Stimmen verkaufen Fisch. Der französische Videokünstler Eric Watt hat mit seinem Dokumentarfilm „Sozusagen (Pour ainsi dire)“ versucht, Kiel in scheinbar typischen Bildern einzufangen. Warum ausgerechnet Kiel und nicht eine andere norddeutsche Hafenstadt wird nicht klar.

Man droht schon einzuschlafen in den gemütlichen Kinosesseln der Sparte 4: Die Bilder sind ruhig, eine Trompete dudelt zwischen Free Jazz und Stockhausen friedlich-penetrant vor sich hin und der französisch-deutsche Sprachensalat überfordert die Hörkapazität.

Dann passiert doch etwas: Die erste Person, die über ihr Leben erzählt, erscheint auf der Leinwand. Wird es jetzt spannend? Nein. Sprachensalat.

Warum unbedingt Simultanübersetzung? Warum nicht Untertitel oder zwei Sprachversionen? Es ist schleierhaft.

Schade. Die Bilder der Menschen, wie sie in Großaufnahme direkt in die Kamera blicken und sich dem Zuschauer stellen, strahlen eine ungewöhnliche Kraft aus. Man möchte mehr über diese Menschen erfahren.

Das Programmheft behauptet, Kiel sei in zwei Hälften geteilt, Arm im Osten, Reich im Westen. Das wollte der Film eigentlich aufzeigen. Tut er aber nicht. Man weiß überhaupt nicht, wer von welcher Hälfte kommt, wer wer ist, wann wer spricht. Es ist eine einzige Verwirrung.

Gut möglich, dass das Absicht ist. Als wollte der Videokünstler uns sagen: Diese Leute hatten zwar nicht die gleichen Voraussetzungen aber – Überraschung – man sieht es ihnen nicht an. Hurra, die Welt ist schön.

Alles in allem lässt sich sagen, Eric Watt hat wohl die besten Absichten und ein paar gute Ideen gehabt, doch wenn man zuviel auf einmal will, kommt leider so ein chaotisches Durcheinander dabei raus, das keiner mehr versteht. Potential wäre dagewesen.

(Isabelle Dupuis)

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9. Stück: „Warm“ von David Bobee am 22.05.2010 in Saarbrücken / Festival Perspectives

Es geht um Hitze

David Bobees „Warm“ in der alten Feuerwache in Saarbrücken ist ein merkwürdiges Machwerk. Man betritt den Saal und spürt sofort die drückende Hitze. Die im Programmheft angekündigten 45°C waren also doch nicht metaphorisch gemeint.

Eine Schauspielerin betritt die Bühne, Scheinwerferreihen wabern ununterbrochen, im Hintergrund dröhnt eine Art Musik, die wohl aus Rückkopplungsgeräuschen und anderen unschönen Lauten zusammengeschustert wurde.

Die Schauspielerin macht ihre Sache wirklich sehr gut. Ohne Pathos, Kitsch oder aufgesetztem Drama spricht sie den Text, den Ronan Chéneau verbrochen hat:

Es geht um Hitze. Um mehr nicht. Dafür ist das Motiv der Hitze konsequent überall verteilt, damit jeder kapiert, dass es um Hitze geht: Assoziationen von Wüste, Sonne, Schweiß und nicht zu vergessen dem Feuer extatischer Leidenschaft drängen sich auf.

Auch die Tänzer-Artisten, die den Text bebildern machen ihre Sache sehr gut. Konsequent die Existenz der Schwerkraft ignorierend veranstalten sie die erstaunlichsten akrobatischen Höchstleistungen.

So sehr sich auch Darsteller und Regisseur bemühen: Das Ergebnis ist trotzdem Mist. Hitze allein als Thema reicht eben nicht aus. Zum Glück dauert der Quatsch nur 40 Minuten. Eine Sekunde länger diese Ansammlung von abgelatschten Platitüden zu ertragen wäre zuviel verlangt.

Irgendetwas muss sich doch Ronan Chéneau beim Text gedacht haben? Und zwar etwas, dass nichts mit Freud zu tun hat? Aber was, das bleibt in diesem Versuch eines avantgardistischen, provokanten und poetischen Textes ein absolutes Rätsel. Man kann sich auch nicht des Verdachts erwehren, das Geschwafel schon tausendmal (aber in besser, origineller, schöner) gehört zu haben. Von den Surrealisten der 20er Jahre, mit ihren drogengeschwängerten Écriture en direct-Experimenten. Oder von den Expressionisten und ihren Klanggedichten, die Text als Material begriffen und nicht als sinnergebendes Konstrukt.

Ein gutes Theaterstück entlässt den Zuschauer verändert, anders als er hineingekommen ist. Nur weil einem 40 Minuten heiß ist, ist man noch lange nicht verändert.

(Isabelle Dupuis)

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8. Stück: „Autochtone“ von AOC am 21.05.2010 in Saarbrücken / Festival Perspectives

Was bleibt, ist Staunen!

Überraschung und Schrecken, Furcht und Bewunderung wechseln im Sekundentakt. Die Artisten des französischen Collectif AOC wirbelten bei der Deutschlandpremiere von „Autochtone“ im Zirkuszelt am Tbilisser Platz anlässlich des deutsch-französischen Festivals für Bühnenkunst „Perspectives“ in Saarbrücken mit ihren atemberaubenden Stunts sämtliche Erwartungen der Zuschauer durcheinander.

Immer, wenn man glaubt, eine Geschichte ausgemacht oder bestimmte Themen oder Motive erkannt zu haben, wird man eines besseren belehrt. Es ist nicht möglich „Autochtone“ auf klassische, intellektuelle Art und Weise zu begreifen. Jede mögliche Geschichte, jede Vermutung über eine zusammenhängende Handlung verläuft im Sande:

Erst wähnt man sich inmitten eines Gangsterfilms, wenn der Musiker Jules Beckman im Mafioso-Kostüm auftritt. Auch bei dem folgenden Spiel mit Geräuschen und Rhythmen fühlt man sich durch die düstere Atmosphäre an diverse Filme aus dem Genre des Neo-Noir erinnert. Sei es Blade Runner, Dark City oder auch Children of Men. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die finster-melancholische Musik im Hintergrund.

Dann glaubt man sich in einem Moment in einem Flüchtlingslager, möglicherweise an einem Hafen. Doch kurz darauf erscheint wieder der Herr im Mafioso-Kostüm. Diesmal scheint er der Demagoge eines totalitären Staates zu sein, der vielleicht seine Gefolgsleute gegen die Flüchtlinge aufhetzt. Assoziationen wie Armut, Unterdrückung und Angst blitzen fragmentarisch vor dem inneren Auge des Betrachters auf.

Eine lineare Erzählung ist aber auch nicht das, was „Autochtone“ so sehenswert macht. Logik und Zusammenhang sind in dieser atmosphärisch fesselnden Produktion vollkommen gleichgültig. Es sind vielmehr die Sinne, die überwältigt werden:

Scheinbare Stürze und immer schnellere, immer intensivere akrobatische Virtuositäten lassen die Zuschauer die Luft anhalten. Man hat Angst um sie, kann nicht hinsehen. Man sieht trotzdem hin. Was bleibt, ist Staunen!

(Isabelle Dupuis)

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7. Stück: Workshop „Kulturjournalismus“ in Saarbrücken

Dieses Jahr nehme ich an dem „Kulturjournalismus“-Workshop des deutsch-französischen Forums für junge Kunst in Saarbrücken teil. Wir besuchen verschiedene Aufführungen des deutsch-französischen Festivals für Bühnenkunst „Perspectives“ und veröffentlichen an 6 Tagen die Festivalzeitung. Diese kann übrigens  hier heruntergeladen werden. Es werden auch einige Artikel meiner Wenigkeit darin erscheinen.

Alle anderen Artikel und Kritiken werde ich hier auf meinem Blog veröffentlichen.

Viel Spaß bei der Lektüre.

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6. Stück: Strasberg, Scientology und Mystifizierung im Schauspielunterricht

Möglicherweise begebe ich mich mit diesem Thema gerade ziemlich aufs Glatteis. Aber ich finde, das muss mal angesprochen werden. Vor ein paar Wochen lief in der ARD ein Film über Scientology, den ich sehr spannend fand. Erschreckend fand ich aber die Szene, in der die Hauptfigur an ein sogenanntes E-Meter zum „Auditing“ gesetzt wurde. Dabei musste er sich an ein zurückliegendes „traumatisches“ Erlebnis erinnern und es sich so lange quälend bewusst machen, bis die Nadel des E-Meters (ein einfacher „Lügendetektor“) „schwebte“. Diese zurückliegenden Ereignisse sollen Ursache von „Engrammen“ sein, die einen Menschen dann in seinem psychischen und physischen Wohlbefinden behindern. Diese „Engramme“ sollen durch das Auditing gelöst werden, damit der Mensch den „clear“-Zustand erreicht und sein volles Potential ausschöpfen kann.

Na ja. Wenn man da wirklich dran glaubt, funktioniert das vielleicht sogar einigermaßen. Und das ist eine der Parallelen, die ich zu Strasbergs „method“ sehe.

Nicht, dass man mich falsch versteht. Keinesfalls möchte ich die Anhänger der „method“ als Sekte bezeichnen. Nein, nein. Nichts läge mir ferner. Sowieso, „Scientology“ ist ja auch keine Sekte, sondern eine friedliche Glaubensgemeinschaft, die auch überhaupt nicht der Meinung ist, dass sie alleine im Recht sind, was den Sinn des Lebens und andere Mythen angeht. Die auch überhaupt nicht irgendwelche Heilsversprechen durch die Gegend posaunen, die garantiert immer funktionieren und zwar für jeden. Es sei denn er ist ein schlechter Schausp- äh Mensch, aber dann ist er ja auch selbst Schuld und hat eben Pech gehabt.  An dieser Stelle möchte ich betonen, dass hier irgendetwas als wissenschaftliche Erkenntnisse zu präsentieren, und das auch noch ohne jeden Beleg, vollkommen fernab meiner Intention liegt.

Nein, mir geht es hier darum, einfach mal wilde Spekulationen und dreiste Behauptungen in den Raum zu stellen und völlig subjektiv meine Meinung kundzutun, ohne jeglichen Wahrheitsanspruch, und zu schauen was passiert. Interessant ist zum Beispiel, dass Strasberg seine „method“ ungefähr zur gleichen Zeit entwickelte, wie L. Ron Hubbard seine Ideologie Methode Gedanken – öh – hatte. Strasberg war zwar etwas früher dran, 1947 gründete er sein Actors Studio und Hubbard entwickelte ab 1950 eine Reihe von Psychotechniken, die später in seiner „Kirche“ entscheidende Rollen spielen sollten. Das kann natürlich Zufall sein, dass sowohl Hubbard, als auch Strasberg von „Psychotechniken“ Gebrauch machten. Vielleicht ist das auch einfach nur bezeichnend für diese Zeit nach den beiden Weltkriegen, wo die Menschen sich nach Frieden und persönlichem Wohlbefinden sehnten und sich erst einmal in ihr Privatleben zurückzogen und sich um sich selbst kümmern wollten. Wo man nach Halt suchte, weil alle Werte, die man für selbstverständlich hielt durch die Weltkriege erschüttert worden waren. Das denke ich schon, dass die Entstehungszeit beider Ideologien Dinge kein Zufall ist. Auch erfreute sich die Psychoanalyse seit Beginn des 20. Jahrhunderts (wenn nicht auch schon früher) größter Beliebtheit. Und dass dies in den fünfziger Jahren immer noch galt, zeigen auch noch andere Künstler und Persönlichkeiten, die Mitte des 20. Jahrhunderts wirkten, wie zum Beispiel Alfred Hitchcock. Keine Angst, ich mache jetzt nicht noch ein Fass auf, das nur als Beispiel dafür, dass sich auch noch andere intensiv mit Psychoanalyse in dieser Zeit auseinandersetzten. Das würde zumindest auch erklären, warum Strasberg und Hubbard beide eine solche Affinität zu „Psychotechniken“ aufwiesen.

Und diese „Psychotechniken“ sind es auch, die ich als Hauptparallele zwischen Strasberg und Scientology sehe. Ob es nun nur ein Symptom der Ursprungszeit ist, oder nicht. Auf jeden Fall sprechen sowohl Strasberg als auch Scientology mit ihren „Psychotechniken“ diejenigen welchen an, die zwar intelligent, aber auch labil sind, die ständig auf der Suche nach Orientierung, Halt und Erklärungen sind. Die nicht ertragen, dass das Leben vollkommen absurd ist und nur den Sinn macht, den man ihm selbst gibt. Die sind dann natürlich anfällig für jedwede Art von Patentrezept und Heilsversprechen, wie es diese „Psychotechniken“ darstellen.

Um nochmal auf die Filmszene mit dem Auditing zurückzukommen. Von den verschiedenen Bezeichnungen („Engramme“ bzw. „private moment“) einmal abgesehen, hat mich diese Rückführung in ein vergangenes, persönliches, prägendes Ereignis im Privatleben des „Auditierten“ sehr an das Hervorkramen eines „private moment“ im Schauspielunterricht erinnert, der angeblich dazu dienen soll, mithilfe eines sinnlich wachgerufenen privaten Erinnerungsmoments damalig empfundene Emotionen wieder aufzuwecken und für die Figur auszubeuten zur Verfügung zu stellen. Nur so am Rande, die Einzigen, bei denen das „funktioniert“ hat, waren nicht so ganz dicht und tendierten ohnehin zu manischen Größenwahnattacken. Bestimmt nur ein Zufall.

Jedenfalls ist es denke ich kein Wunder, dass gerade in Amerika, die mit ihren Heldenkomplexen und ihrem damaligen (heute etwas angeknackstem) Selbstbild als „Weltpolizei“ mit einer Vorliebe für schnelle Patentlösungen, sowohl Strasbergs „method“, als auch Scientology großen Anklang fanden und auch immer noch finden.

Obwohl… Wahrscheinlich sind das nur Vorurteile und völliger Quatsch.

Wobei es schon bemerkenswert ist, dass häufig Schauspieler und Stars – überwiegend in den USA – Sympathien für Scientology hegen, wenn sie nicht selbst Mitglied sind. Schließlich ist das konventionelle, komerziell orientierte Hollywood-Kino (und seine Nachahmer) der Nachfolger des bürgerlichen Illusionstheaters mit seiner naturalistischen, psychologisch motivierten Schauspieltechnik.

Ich halte nichts von psychologischer Mystifizierung, weder in „Religionsgemeinschaften“ noch im Schauspielunterricht. Gerade als junger Schauspielschüler ist man ja auf der Suche nach Methoden und Patentrezepten, mit denen man eine Figur immer „kriegt“ und wenn dann ein vielleicht sehr charismatischer Zauberer Schauspiellehrer daherkommt und ihm irgendwas erzählt, dass er in sich „reinspüren“ soll, sich „öffnen“ soll, aufhören soll zu denken, „es fließen lassen“ soll, kann es schnell passieren, dass der Schüler den Lehrer für eine Art Gott hält und bei entsprechendem Lob sich selbst für ein „Genie“.

Ich bin der unverschämten Meinung, dass Schluss sein sollte mit etwaigem „Geniekult“, man sollte den Schauspielschülern von Anfang an begreiflich machen, dass es kein Patentrezept gibt, dass man bei jeder Figur von vorne wird anfangen müssen und dass es mit psychologischem Gespür allein nicht getan ist. Und dass man es tunlichst lassen sollte, sein Privatgedöns in fremde Figuren hineinzupfuschen. Das führt nur dazu, dass man noch mehr den Halt und die Realität verliert. Nein, man sollte sich stets dessen bewusst sein, dass man die Figur „nur“ spielt. Es heißt ja auch „Schau-Spiel“ und nicht „Mir-Genie-dabei-zusehen-wie-ich-bin-und-fühle“. Das Privatleben der Schauspieler interessiert vielleicht bei entsprechendem Bekanntheitsgrad die Klatschpresse, aber doch nicht den Zuschauer. Der Zuschauer ist nur daran interessiert, welche Themen auf der Bühne verhandelt werden. Wenn ihn psychologische Vorgänge und Gefühle interessieren, dann die der Figuren, nicht die der Schauspieler.

Auch wenn das ab und zu verwechselt wird, wenn der Schauspieler überzeugend spielt. Um aber überzeugend zu spielen, muss er allem voran seinen Beruf beherrschen, das heißt, er muss sprechen können und er muss seinen Körper jederzeit absolut im Griff haben, um Sprache und Körper gleichermaßen als Arbeitsmaterial zu gebrauchen. Denn was anderes hat ein Schauspieler nicht, an dem er sich halten und orientieren kann: Körper, Sprache, Körpersprache.

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