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68. Stück: Horrorfilme – Ein Genre für die geistig Schwachen?

Betrachtet man Horrorfilme mit der Brille der Vernunft und Logik, kann man schon mal daran zweifeln, ob Horrorfilme die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Zuschauer wirklich ernst nehmen. Da wird dem Angreifer der Rücken zugedreht und ein kleines Päuschen gemacht, vom Gebrauch jeglicher Waffen abgesehen, prinzipiell darauf verzichtet das Licht anzuschalten, sich aufgeteilt anstatt mit vereinten Kräften den Eindringling zur Strecke zu bringen, oder sich in einem engen Raum ohne Fluchtweg versteckt.

Doch was wäre nun, wenn die Filmemacher ihr Publikum gar nicht für dumm verkaufen wollen, sondern einfach WISSEN, dass der gemeine Horrorfan nicht die hellste Kerze auf dem Leuchter ist? Oder anders gefragt: Ist das Horrorgenre eher auf eine kognitiv einfach gestrickte Zielgruppe ausgelegt? Und können intelligente Filmfans (oder diejenigen die sich dafür halten) Mainstream-Horrorstreifen überhaupt genießen?

Ich selbst bin ein großer Horrorfan, daher habe ich mir Verstärkung geholt, um diese Frage zu beantworten: Meine Kollegen Marco von Ma-Go Filmtipps und David vom Blog Haltstop. Schaut doch bei Gelegenheit mal auf ihren Blogs vorbei. Gemeinsam wollen wir im Gespräch der Sache auf den Grund gehen. Zur besseren Lesbarkeit werden unsere Beiträge in verschiedenen Farben dargestellt, damit jede Aussage der jeweiligen Person zugeordnet werden kann: Marcos Antworten sind schwarz, Davids Antworten sind rot und meine Antworten sind blau.

Hallo ihr beiden,
schön, dass ihr euch Zeit nehmt, euren Senf zu diesem Beitrag abzugeben. Sagt mal, mögt ihr eigentlich Horrorfilme?

Ich liebe gut gemachte Horrorfilme. Mit „gut gemacht“ meine ich, dass man mit den Figuren mitfiebert, die Jump-Scares zwar erahnt, aber dennoch nicht kommen sieht, und die Grundatmosphäre düster und gruselig ist. Außerdem lassen sich in gut gemachten Horrorfilmen auch psychologische Untiefen erkennen, die menschliche Urängste ansprechen. Dadurch entsteht eine Art Angstlust: Man sieht etwas, das eine Urangst berührt (zum Beispiel die vor dem Tod), gleichzeitig fühlt man sich aber in Sicherheit und kann die Angst so bewältigen. Und das macht Spaß. Schlechte Horrorfilme hingegen langweilen mit flachen Figurencharakterisierungen. Es gelingt nicht, eine Gruselatmosphäre zu etablieren und die Jump-Scares riecht man meilenweit gegen den Wind. Diese taugen höchstens (wenn sie so schlecht sind, dass sie schon wieder lustig sind) für einen unterhaltsamen Trash-Filmabend unter Freunden. Aber ich denke, jeder Film kann einen tieferen Blick lohnen. Schlechte Filme lassen sich wunderbar analysieren, um zu schauen, was gute Filme anders machen und warum es dort gelingt, den Zuschauer zu fesseln und bei anderen Filmen nicht.

Was mir in letzter Zeit den Horrorspaß des Öfteren vermiest hat, waren einige Leute im Publikum, die sich offenbar zu fünft eine Gehirnzelle teilen. Und der, der sie zuletzt hatte, hat sie aus Versehen ausgeniest und nun ist sie futsch. Die machen einem die ganze Gruselatmosphäre kaputt, wenn sie dazwischen quaken, dass sie gar keine Angst haben und sich nicht gruseln. Furchtbar. Ist euch das auch aufgefallen?

Ich muss ehrlich sagen: Ich bin generell kein großer Fan von Horrorfilmen. Ich erkenne für mich nie so richtig den Sinn oder den Spaß darin, sich zu gruseln und einer ,,extremen“ Emotion wie Angst auszusetzen.
Natürlich habe ich dennoch schon einige Horrorfilme gesehen – und zwar sowohl solche, die mir trotz meiner abgeneigten Haltung einigermaßen gefallen haben, aber auch solche, die ich anstrengend und nervig fand.
Welche Horrorfilme ich als gut und welche ich als schlecht einordnen würde, da kann ich mich nur an Isabelles Beschreibungen halten: Ist ein Horrorfilm eine Aneinanderreihung von Jump-Scares und mehr nicht, dann schalte ich nach wenigen Minuten aus. Steht aber die Spannung, die durch die Figuren oder die Handlung getragen wird, im Vordergrund, so kann ich nachvollziehen, wieso einem der Film gefällt.

Die „anstrengenden“ Besucher im Kino habe ich schon mehrfach wahrgenommen (bzw. aus meinem Freundeskreis berichtet bekommen). Ich denke, das hat damit zu tun, dass viele einen Horrorstreifen als eine ,,Mutprobe“ ansehen. Nur denke ich, dass es heute (zumindest im Mainstream-Kino) viel zu viele „Mutprobenfilme“ gibt, die – statt eine spannende Handlung zu erzählen – den Weltrekord für Jump-Scares brechen wollen.

Schön, dass ihr direkt zu Beginn das Publikum ansprecht, denn auch mir sind bei meinen letzten Horrorfilmsichtungen nervige Gestalten aufgefallen, bei denen man meinen könnte, sie seien zum ersten Mal im Kino oder überhaupt unter Menschen. Natürlich findet man Idioten genreübergreifend in allen Kinosälen rund um den Globus. Bei Horrorfilmen stelle ich jedoch ganz subjektiv eine deutliche Häufung fest. Es wird dazwischen gequasselt, mit dem Handy die nähere Umgebung abgeleuchtet oder lautstark über den laufenden Film abgeledert. Neulich meinte ein Schlauberger wohl, die nervenaufreibende Stille in einer Szene würde viel zu lange dauern. Kurzentschlossen durchbrach er die Spannung mit einem lauten „BUH!!!“, um die Begleitung neben sich so richtig zu erschrecken und sich dann lautstark über ihre Reaktion zu amüsieren. Die gruselige Atmosphäre war für die restlichen Besucher natürlich im Eimer.

Ob es sich bei diesem Verhalten um eine Strategie handelt, die eigene Furcht mit „Humor“ zu überspielen, oder um einen Mangel an Intelligenz respektive sozialer Kompetenz, lasse ich mal dahin gestellt. Habt ihr Ähnliches auch schon erlebt?

Ja, ich hatte neulich in Insidious: Chapter 3 auch so einen „Buh!“-Rufer. Ich glaube, das ist eine Art spätpubertärer Sinn für Humor kombiniert mit plumpem Balzverhalten. Der fand das ungemein witzig, seine Sitznachbarin zu erschrecken und wollte damit auf sich aufmerksam machen. Wie ein paarungsbereiter Ziegenbock auf Brautschau, die benehmen sich auch nicht gerade feinsinnig. Da könnte man noch sagen, die Hormone seien Schuld und vielleicht ist der normalerweise schlau, wenn er nicht gerade darauf aus ist, ein Weibchen zu begatten.

Aber manche Leute haben außer Stroh wirklich nicht viel im Kopf. Zum Beispiel Leute, die jeden Text laut (und schlecht) vorlesen müssen, der auf der Leinwand erscheint. In Wolf Creek 2 saßen ein paar Spezialisten hinter uns. Ein Straßenschild kam ins Bild, auf dem „Wolf Creek“ stand und selbst das mussten sie erst einmal vorlesen. Wenn ein Film ab 18 freigegeben ist, sollte man meinen, dass die Zuschauer die Grundschule abgeschlossen haben. Ich glaube, da fehlt es sowohl an Intelligenz als auch an sozialer Kompetenz. Ansonsten könnte man ja dumme Gedanken für sich behalten.

Dabei muss man allerdings bedenken, dass Deutsche generell sehr zivilisierte Kinogänger sind und wir es einfach nicht gewohnt sind, andere Gäste wirklich wahrzunehmen. In anderen Ländern – und ich kenne das selbst aus den USA – werden die Helden lauthals angefeuert, Ausrufe des Schreckens sind an der Tagesordnung und so weiter. Aber ich bin ehrlich: Mich würde das auch stören.

Apropos zivilisierte Kinogänger: Gab es da nicht letztes Jahr irgendwo einen Vorfall, bei dem Horrorfans ihre volle geistige Reife und kognitiven Kapazitäten zur Schau stellten?

Oh ja! Das war in Frankreich: in Marseille, Straßburg und Montpellier. Tausende Jugendliche haben sich anlässlich von Kinovorführungen des Horrorfilms „Annabelle“ (dem Prequel zu „Conjuring“) zusammengerottet und die Kinosäle auseinandergenommen (Filmstarts.de hat beispielsweise darüber berichtet.). Warum, weiß keiner. Ich denke, da fehlt es an Anstand und gesundem Menschenverstand. Ob man das als Dummheit bezeichnen will oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Aber es ist sinnlos, achtlos und arschig. Man kann sich auch Hobbys suchen, die nicht das Eigentum anderer Leute beschädigen und anderen Menschen den Spaß am Filmegucken ruinieren. Man könnte ein Buch lesen oder mit Sport anfangen, wenn man nicht weiß, wohin mit seiner Energie.

Ein Zeitzeuge berichtet vom „Annabelle“-Vorfall auf kino.de

Wenn man sich diese Vorkommnisse und unsere eigenen Erfahrungen vor Augen hält, könnte man schon den Eindruck bekommen, dass ein Teil des Horrorfilmpublikums nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Neulich habe ich jedoch in der Psychologie heute einen interessanten Artikel mit dem Titel Du guckst und liest, was du bist gelesen, der diese These scheinbar widerlegt. Es geht um eine Studie der University of Cambridge über den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und filmischen Vorlieben. Filme und Bücher wurden in fünf „Mega-Genres“ eingeteilt. Eines davon war die Kategorie „Düster-Dämmriges“, die man auch „Horror/Mystery“ nennen könnte. Die Teilnehmer der Studie mussten Persönlichkeits- und Intelligenztests durchführen, einige grundlegende Angaben zu ihrer Biographie machen und letztlich verraten, welche Genres in Film und Literatur sie wie gerne sehen. Daraus ergab sich für Fans des Horrorgenres folgendes Profil:

„Das Dunkle in Film […] suchen […] Gemüter von oft wenig ausgeprägter Verträglichkeit und Liebenswürdigkeit, denen aber doch nicht selten eine intellektuelle Note eigen ist. Sie fahren nicht besonders auf Pflichten ab, ebenso wenig auf Umsicht, Rücksichtnahme, Moral, Einfühlung in andere. Sie sind überdurchschnittlich kreativ, einfallsreich, widerspruchsfreudig, extravertiert und selbstdarstellerisch.“

Das klingt zwar alles andere als sympathisch, spricht den Horrorfans jedoch keineswegs intellektuelle Fähigkeiten ab. Allerdings würde diese Beschreibung erklären, warum in Horrorfilmen gefühlt deutlich häufiger nervige Dumpfbacken sitzen. Was sagt ihr zu diesen Befunden? Und denkt ihr auch, dass sich auf Grundlage unseres Filmgeschmacks Aussagen über unsere Persönlichkeiten treffen lassen?

Prinzipiell denke ich schon, dass unsere Geschmäcker etwas über unsere Persönlichkeit verraten. Doch trotz meiner Vorliebe für dunkle und düstere Filme sehe ich mich als pflegeleichtes Persönchen, das im wahren Leben geradezu unerschütterlich fröhlich ist und es hasst, im Mittelpunkt zu stehen. So viel zum Thema extravertierte Selbstdarsteller.

Allerdings reizt mich am Horrorgenre nicht das Jonglieren mit Eingeweiden, Abhacken diverser Gliedmaßen oder Blutgespritze, sondern die psychologischen Untiefen, die sich dahinter verbergen. Über ironisch überspitzte Splatter à la „Machete Kills“ kann ich mich trotzdem prächtig amüsieren. Da möchte ich jetzt aber nicht so genau wissen, was das über meine psychologischen Untiefen aussagen mag.

Es erscheint logisch, dass Filme, die von den dunklen Seiten unserer Welt und vom Jenseits handeln, Menschen ansprechen, die es mit dem Einfühlungsvermögen nicht so haben. Doch ich bezweifle, dass sich das verallgemeinern lässt. Gerade, wenn man recht empathisch ist, interessiert man sich für die psychologischen Aspekte hinter den Schreckmomenten: Man möchte wissen, was sich hinter den Fassaden befindet. Horns ist hierfür ein spannendes Beispiel.

David sprach vorhin von Horrorfilmen als „Mutprobe“, du von „psychologischen Untiefen“. Das klingt nach deutlichen Unterschieden, wie man Filme dieses Genres sehen kann oder mit welcher Erwartungshaltung man ins Kino geht. Passend dazu möchte ich auf das Video The Problem with Horror Movies Today des Kollegen Chris Stuckmann aufmerksam machen: Darin fragt er, ob Horrorfans vergessen haben, was echter Horror ist.

Hauptsächlich bezieht sich Chris auf die beiden Horrorfilme The Babadook und Oculus (die ich beide noch nicht gesehen habe). Seiner Meinung nach wurden die Filme in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ausreichend gewürdigt. Er bemängelt, dass Zuschauer Horrorfilme häufig qualitativ an der Anzahl der Jump-Scares, des Designs der auftauchenden Monster und des Ekelgrads der blutigen Szenen beurteilen und Elemente wie die Filmatmosphäre, menschliche Urängste oder psychologische Untiefen oft vergessen oder ignorieren. Eure Meinung dazu bitte:

Das Video ist spannend und aufschlussreich. Oculus habe ich noch nicht gesehen, aber The Babadook war für mich einer der besten Horrorfilme des Jahres (wobei der Film bei uns in Deutschland erst 2015 gezeigt wurde). Ich habe mich keine einzige Sekunde gelangweilt. Im Gegenteil, ich rutschte immer tiefer in meinen Kinosessel und verspürte die ganze Zeit Unbehagen und Grusel. Die wenigen Jump-Scares waren dramaturgisch raffiniert und schlüssig eingeflochten. Sie dienten nicht der reinen Effekthascherei, sondern waren Teil der Geschichte. Chris Stuckmann findet in seinem Video gut gemachte Jump-Scares, die in die Handlung eingebunden sind, wunderbar. Aber diese völlig übertriebene Aneinanderreihung von plumpen Schreckmomenten ruinieren seiner Ansicht nach einen Horrorfilm.

Ich denke, so lässt sich erklären, weshalb Horrorfilme sowohl „Mutproben“ sein als auch psychologische Untiefen aufzeigen können. Das Genre gibt beides her und der Zuschauer kann die eine oder andere Erwartungshaltung einnehmen. Bei The Babadook hat der Trailer wohl bei vielen Zuschauern die Erwartungshaltung „Mutprobe“ hervorgerufen, doch der Grusel konzentrierte sich auf psychologische Untiefen. Dass dann viele enttäuscht sind, ist verständlich. Viele Rezipienten trennen jedoch nicht zwischen enttäuschter Erwartungshaltung und Film. Die sagen dann: „Der Film war scheiße, total schlecht gemacht, man sieht das Monster ja kaum, so ein Dreck!“, und dann kommt zum Schluss von der Tirade ein kleines „also mir hat er nicht gefallen“. Ein lieblos und berechnend aus effekthaschenden Jump-Scares zusammengeworfener Horrorfilm wird hingegen als gut gemacht empfunden, weil man sich möglichst oft erschrocken hat. Solche Filme sind nicht unbedingt schlecht, aber sie bleiben weniger im Gedächtnis. Wenn ich an The Babadook denke, läuft es mir eiskalt den Rücken rauf und runter. Wenn ich an Annabelle denke, weiß ich noch, dass ich die Puppe gruselig fand, aber an ihre Opfer, die eigentlichen Hauptfiguren, kann ich mich kaum noch erinnern. Der Kollege hier auf Moviepilot sieht das jedoch ganz anders:

Enttäuschter Fan auf Moviepilot.de

Enttäuschter Fan auf Moviepilot.de

Auf Filmstarts.de ist die Zuschauerreaktion nicht besser:

Enttäuschter Fan auf Filmstarts.de

Enttäuschter Fan auf Filmstarts.de

Und auch auf kino.de äußern Zuschauer ihren Unmut:

„Alles Mist!“, findet dieser Filmfan auf kino.de

Vielleicht wollen manche Filmfans sich einfach aufregen, wie hier auf kino.de:

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Der Fairness halber: Es gibt auch Zuschauer, die den Film richtig gut fanden:

Begeisterter Fan auf Moviepilot.de

Begeisterter Fan auf Moviepilot.de

Diese Erwartungshaltung ist vergleichbar mit Fastfood-Konsum. Man genießt das Essen nicht, schmeckt keine einzelnen Nuancen heraus (nicht, dass in klassischem Fastfood Geschmacksnuancen wären) und erwartet, dass das immer alles gleich schmeckt. Es geht um die reine, schnelle Nahrungsaufnahme. Angenommen, es würde ein Koch in einer Fastfood-Kette was Neues ausprobieren wollen und Koriander auf den Burger legen. Dann würden auch viele krakeelen, wie scheiße der schmeckt und dass der Koch keine Ahnung hat und gefeuert gehört. Die Jump-Scare-Parade liefert Schock und Horror in immer gleich schmeckenden Häppchen, die nach dem immer gleichen Rezept zusammengeklatscht werden. Das funktioniert, es erfüllt die Erwartungen und ab und zu macht das auch einfach Spaß. Aber auf Dauer lässt es einen nicht wirklich gesättigt und mit einem leeren Gefühl im Innern zurück.

Ich denke, Isabelle hat es hier ganz gut getroffen. Es ist die Frage, auf welche Art und Weise ein Horrorfilm geguckt wird bzw. geguckt werden will: Interessieren mich die Charaktere? Interessieren mich die Motive, das Spiel mit der Spannung, die Ungewissheit etc.? Dann ist es mir egal, wenn das Monster nicht hinter jeder zweiten Ecke hervorspringt, sondern sich nur wenige Male blicken lässt – dafür aber effektvoll. Gehe ich aber ins Kino mit dem Gedanken „Geil ey, Horror und so!1!11!!“, dann denke ich, interessiert mich nicht, wie die Spannung erzeugt wird, sondern nur, dass sie irgendwie da ist, damit der nächste Jump-Scare ordentlich sitzt.

Die oben angesprochene Studie zeigt, dass es den Leuten oft an Einfühlungsvermögen fehle und ich denke, diese Beobachtung deckt sich mit der oberflächlichen Betrachtung des Films: Mir ist egal, was mit den Figuren in der Handlung passiert, solange ich meinen Spaß habe und erschreckt werde. Verallgemeinern kann man das natürlich nicht: Gerade zum Beispiel Slasher-Franchises wie Freitag der 13te, Halloween usw. machen „den Bösen“ zum Star, der der Einzige ist, der in allen Filmen vorkommt. Somit bleibt dem Publikum nichts anderes übrig, als mit dem wahnsinnigen Killer zu sympathisieren. Mitunter hat das noch andere Gründe, zum Beispiel dass die Figuren selber etwas Schlimmes getan haben oder noch tun werden und es nur „recht“ ist, wenn sie weg vom Fenster sind.

Ich will in diesem Zusammenhang kurz den mahnenden Zeigefinger heben: Es scheint unterschiedliche Nutzungsmuster für Horrorfilme zu geben; das ist schon durch den Anfang dieses Artikels klar geworden: Wir haben solche, die sich über jeden Jump-Scare freuen, und wir haben jene, die sich auf einer anderen Ebene mit dem Film beschäftigen. Dennoch meine Frage: Was sagt uns das, wenn wir Filme nur noch für ihr Erschreckpotential gucken? Schauen wir demnächst Actionfilme nur noch für den Bodycount? Dramen nur noch, damit wir weinen können? Werden die Filme also nur noch Mittel zum Zweck? Geht uns die Medienkompetenz flöten? Werden wir zu gelangweilt, zu faul – zu blöd, um Filme in ihrer Gesamtheit zu sehen?

Dazu fällt mir die Poetik des Aristoteles und seine Definition der Tragödie ein:

„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden. Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer (eleos) und Schaudern (phobos) hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“

Demnach soll „Schaudern“, also Horror und Schrecken, beim Zuschauer eine Katharsis (Reinigung) auslösen und ihn von seiner eigenen Angst und seinen negativen Gefühlen befreien. Allerdings kann man Aristoteles auch so verstehen, dass das nur in Kombination mit „Jammer“, also im weiteren Sinne Mitgefühl, funktioniert. Das wäre die Komponente der psychologischen Untiefen, die die Schreckmomente miteinander zu einer Geschichte verknüpfen und dafür sorgen, dass wir uns für die Figuren und ihr Schicksal interessieren. So entsteht ein durchgehender Spannungsbogen.

Ich fürchte, es gibt jedoch tatsächlich viele Menschen, die Filmen gegenüber diese Fastfood-Mentalität an den Tag legen; sie können oder wollen keine Geduld mehr aufbringen, um einer psychologisch präzise erzählten Geschichte zu folgen, die ohne permanente Reizüberflutung auskommt. Ob das ein allgemeiner Trend ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Mit den neuen Medien, Smartphones und Co. ist unser Leben immer schneller geworden und es prasseln immer mehr Reize gleichzeitig auf uns ein, mit denen wir umgehen müssen. Unsere Wahrnehmung hat sich dem bestimmt ein Stück weit angepasst. Wenn ich zum Beispiel heute Kinderfilme aus den 80ern gucke, die ich als Dreikäsehoch geliebt habe, merke ich, wie ich ungeduldig werde, weil ich das gemächliche Erzähltempo nicht mehr gewohnt bin.

Den Fastfood-Vergleich finde ich auch sehr passend. Zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich auf die Eingangsfrage zurückkommen: Sprechen heutige Horrorfilme eine geistig schwache oder anspruchslose Zielgruppe an? Auch wenn sich dieser Eindruck in alltäglichen Kinosituationen manchmal förmlich aufdrängt, halten wir fest, dass man dem Gros der Horrorfans geistige Kompetenzen zugestehen muss.

Vielmehr sind es irreführende Trailer und vorangegangene Filmerfahrungen der Zuschauer, die falsche Erwartungen davon schüren und verfestigen, wie Horrorfilme aufgebaut sein sollen und zu funktionieren haben. Wenn ein Film wie The Babadook oder It Follows diesen Erwartungen nicht entspricht, da er auf gängige Stilmittel verzichtet und andere Aspekte des Horrors in den Vordergrund rückt, fühlen sich viele Kinobesucher in ihrer Erwartung enttäuscht und reagieren verärgert, genervt und ungeduldig. Das ist schade, wird aber schwer zu ändern sein. Zumindest so lange Filme, die sich eines immer gleichen Musters bedienen, weiterhin so massentauglich vermarktet und gewinnbringend produziert werden, oder?

Das denke ich auch. Es wäre schöner, wenn die Trailer Erwartungen schürten, die der Film später auch erfüllt, damit jeder Film das Publikum bekommt, das er verdient. Aber Trailer sind immer eine Form von Werbung und die funktioniert leider nicht mit Ehrlichkeit. Niemand kauft einen Schokoriegel, der mit „macht fett und fördert Pickel“ oder ein Waschmittel, das mit „entfernt einen Teil der Flecken, die noch nicht eingetrocknet sind“ beworben wird.

Ja, ein Trailer ist eine Form von Werbung, und je nachdem, wie der Trailer aufgebaut ist, kann man dann auch ahnen, wie und wo der Hase lang läuft: Zeige ich in meinem Film eine Person, der Schlimmes passiert? Oder zeige ich erschreckende Momente? Ich gebe meinen Vorrednern abschließend recht. Es wäre interessant zu wissen bzw. genauer zu beobachten, ob man eine solche „Bewegung“ auch in anderen Genres feststellen kann, oder ob sich das doch (wir denken an die „Mutprobe“) nur auf den Horrorbereich bezieht.

Mit diesen Schlussworten möchten wir das Wort an euch weiterreichen. Schreibt uns euer Feedback in die Kommentare. Natürlich freuen wir uns über jeden Like, Re-Blogg und sonstigen Social-Media-Kram und hoffen auf eine nette Diskussion: Wie sind eure Erfahrungen mit Horrorfilmen und -fans und welche Erwartungen habt ihr selbst an Horrorfilme? Nennt uns eure Favoriten und absoluten Rohrkrepierer oder was euch sonst so zum Thema und/oder unserem Artikel auf dem Herzen liegt.

P. S.: Mehr zum Thema „Psychologie und Horror

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67. Stück: Gedanken zu „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia

Wo fängt man am besten an, ein Buch zu loben, das so gut ist wie Der Club der unverbesserlichen Optimisten (Le Club des incorrigibles Optimistes) von Jean-Michel Guenassia? Gerade in der in letzter Zeit neu entflammten Flüchtlingsdebatte sollte sich jeder dieses Werk zu Gemüte führen. Die Figuren sind allesamt Vertriebene, Flüchlinge oder haben irgendeine Art von Migrationshintergrund. Und trotzdem haben sie in Paris eine Heimat gefunden und treffen sich regelmäßig im „Club der unverbesserlichen Optimisten“ in einem Bistro. Dort sitzen Russen, Polen, Griechen, Ungarn, Deutsche und Franzosen friedlich zusammen, diskutieren und philosophieren, streiten und versöhnen sich und spielen Schach. Der Ich-Erzähler Michel erzählt von seiner Jugend, wie er diesen Club entdeckte und wie der Algerienkrieg seine Familie auseinanderriss und seine Freunde tötete. Er schildert auch nach und nach die Schicksale der Flüchtlinge aus dem Ostblock und aus Deutschland. Anhand der Familie seines Onkels erfährt der Leser außerdem einen Eindruck von den Franzosen, die sich in Algerien niedergelassen hatten und dort reich geworden waren, dann jedoch nach Ende des Krieges ohne einen Centimes nach Frankreich fliehen mussten. Irgendwann waren wir oder unsere Vorfahren alle Vertriebene oder Flüchtlinge, scheint der Roman subtil und unterhaltsam vermitteln zu wollen, und auch, dass ein solches Schicksal im Grunde jeden jederzeit treffen kann.

Wie sollte sich der Einzelne in solchen Krisenzeiten, wenn das Land von einer Diktatur regiert wird, wenn bei politischem Andersdenken mit dem Tod gerechnet werden muss, verhalten? Solche Gewissensfragen und moralischen Dilemmata werden ebenso verhandelt wie die Frage nach Heimatliebe und der bestmöglichen Regierungsform. Philosophische Gedankengänge und Ideen rund um den Existenzialismus von Jean-Paul Sartre oder das Absurde von Albert Camus durchmischen sich mit dem Flair des Frankreichs der 60er Jahre, Rock’n Roll und Nouvelle Vague. Eine Aufbruchstimmung, die jedoch durch die Erlebnisse des Algerienkriegs und die Nachwehen der Weltkriege gedeckelt wird.

Ganz nebenbei zeugt Der Club der unverbesserlichen Optimisten auch von einer unerschütterlichen Leidenschaft für die Literatur, die Fotografie und fürs Kino, die einfach ansteckend ist. Der Erzähler Michel hat es sich zur Gewohnheit gemacht, im Gehen zu lesen, wird ein paar Mal beinahe überfahren und trifft auf diese Weise seine erste große Liebe Camille. Doch bei den politischen Verwicklungen steht die Beziehung unter keinem guten Stern …

Dem Leid und Schmerz zum Trotz, die den jungen Michel beuteln, bewahrt er sich seine Neugier, seine Zuversicht und eine gewisse Naivität, so wie die anderen unverbesserlichen Optimisten im Club. Ein Buch, das Mut macht, das einen zu Tränen rührt und einen vor Spannung fesselt. Unbedingt empfehlenswert! Und wenn ihr es gelesen habt, freue ich mich über Kommentar, Anmerkungen und Diskussionen – auch, wenn es euch wider Erwarten nicht gefallen haben sollte.

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63. Stück: Logik von Zeitreisen in fiktionalen Werken

Asche auf mein Haupt, erst letztes Wochenende habe ich erstmals Terminator geguckt, zusammen mit meinem Freund. Und ich finde, der Film ist vollkommen unlogisch. Er ist trotzdem unterhaltsam und spannend, aber, wenn man mal darüber nachdenkt, haut das mit der Zeitreise logisch betrachtet hinten und vorne nicht hin. Mein Freund entgegnete diesem Einwand mit der kategorischen Feststellung, Zeitreisen wären grundsätzlich nicht logisch, woraufhin ich meinte, in Zurück in die Zukunft sei die Zeitreise-Thematik sehr wohl logisch. „Nee“, meinte mein Freund und da dachte ich: Jetzt reicht’s, ich schreibe einen Essay.

Wohlan, die Diskussion ist eröffnet:

  • These Nr. 1 (meine, also die Richtige): Zeitreisen können in fiktionalen Werken logisch dargestellt werden.
  • These Nr. 2 (die von meinem Freund, der unrecht hat): Zeitreisen sind grundsätzlich unlogisch und deswegen muss man die Unlogik in Zeitreise-Geschichten einfach hinnehmen.

Meine These ist insofern schonmal besser, als dass sie mehr Spaß macht. „Es ist so wie es ist“, ist eine langweilige These. Außerdem muss man meines Erachtens unterscheiden zwischen „logisch“ und „in der wirklichen, nicht-fiktionalen Welt wissenschaftlich realisierbar“. Bisher sind Zeitreisen im wirklichen Leben noch nicht durchführbar, aber in Filmen und Büchern sind sie es. Das heißt, man kann für erzählte Welten, in denen Zeitreisen möglich sind, eine eigene, innere Logik voraussetzen, die den Naturgesetzen der wirklichen Welt nicht in jedem Punkt entsprechen muss.

Kommen wir nun zum berühmt-berüchtigten Großvaterparadoxon, das häufig im Zusammenhang mit der „Terminator“-Welt zitiert wird. Das Paradoxon besteht in folgendem Gedankenspiel: Jemand reist in die Zeit zurück, um seinen eigenen Großvater umzubringen. Sobald er ihn jedoch umbringt, hört er auf zu existieren, er wird gar nicht erst geboren. Dann kann er allerdings auch nicht in die Zeit zurückreisen, um seinen Großvater umzubringen.

Wie löst man dieses Problem?

Eine Möglichkeit ist, davon auszugehen, dass die Ereignisse in der Zeit bereits im Kern feststehen und nicht grundlegend veränderbar sind. Ich nenne das mal die Schicksals-Erklärung. Alles ist vorherbestimmt, was passieren soll, wird passieren, in welcher Form auch immer. Demnach würde es wahrscheinlich erst gelingen, den Großvater umzubringen, nachdem er den Vater oder die Mutter bereits gezeugt hat und auch nur dann, wenn ohnehin vom Schicksal vorgesehen war, dass er bald nach der Zeugung ermordet wird (wenn auch nicht zwingend von seinem eigenen Enkel, der, nebenbei bemerkt, von Respekt vor dem Alter anscheinend nie was gehört hat). Dieses Weltbild liegt anscheinend bei Terminator der Logik innerhalb der erzählten Welt zugrunde.

Aber: Wozu geben sich der Terminator und Kyle Reese die ganze Mühe, 45 Jahre in die Vergangenheit zu reisen, dort allerhand Unruhe zu stiften und das Raum-Zeit-Kontinuum ins Chaos zu stürzen, wenn ohnehin alles so passiert, wie es vorgesehen ist und sich nicht ändern lässt? Dann wird doch John Connor trotzdem irgendwie geboren, oder zumindest jemand, der dann an seiner Stelle seine Rolle als Anführer der Menschenrebellen übernimmt. Und dann verlieren die Maschinen doch ohnehin früher oder später den Krieg, wenn das vom Schicksal so vorgesehen ist.

Nun könnte man einwenden, dass die Figuren nicht wussten, dass es überhaupt nichts nützt, die Vergangenheit zu verändern, weil der Ablauf der Ereignisse innerhalb der Zeit im Kern sowieso von vorneherein feststeht. Dass sie halt einfach mal ihr Glück versucht haben. Na ja, … Ein wenig dürftig, die Erklärung, oder? Und woher hatte Kyle Reese das Foto von Sarah, wenn es in seiner Zukunft, mit der ursprünglichen, vom Terminator unbehelligten Vergangenheit, noch nicht geschossen wurde? Wer war ursprünglich John Connors Vater und macht es denn überhaupt keinen Unterschied, wenn sein Vater sich plötzlich ändert und Kyle Reese derjenige welche wird?

Wenn eine Handlung so viele Fragen aufwirft, dann ist sie nicht logisch. Tut mir leid. Aber liegt das in der Natur der Sache, wie mein Freund behauptet? Darf man da überhaupt gar nicht erst anfangen, über die Handlung nachzudenken? Vielleicht. Aber meines Erachtens geht es eben doch anders.

Eine weitere Möglichkeit, sich aus dem Großvaterparadoxon herauszuwieseln, ist die Viele-Welten-Theorie. Dabei gibt es nicht nur einen im Kern unveränderbaren Zeitstrang, wie es bei der Schicksals-Erklärung der Fall ist, sondern beliebig viele parallele Zeitstränge oder auch Welten. Kehrt jemand in die Vergangenheit zurück und pfuscht da fröhlich vor sich hin, eröffnet sich ein neuer Zeitstrang und eine neue Parallelwelt, die eine Zukunft mit den veränderten Voraussetzungen zeigt. In dieser Theorie würde der undankbare Enkel also in die Vergangenheit reisen, seinen Großvater abmurksen und damit eine neue Welt eröffnen, in der sein Großvater nicht mehr lebt, er aber weiterhin existiert. Es gibt ihn dann sozusagen doppelt: einmal in der neuen Welt und einmal in der alten Welt. In der alten Welt aber hat sich nichts verändert, dort lebt sein Großvater weiterhin, kann sein Kind und seinen Enkel zeugen, der dann später in die Vergangenheit zurückreist. Diese Erklärung lässt sich allerdings nicht auf Terminator anwenden, da in dem Film nicht ein einziger Hinweis darauf gegeben wird, dass es mehrere parallel laufende Zeitstränge gibt. Vielleicht kommt das noch in den folgenden Teilen?

Beispiele für fiktionale Werke, in denen die Viele-Welten-Theorie als Erklärung für Zeitreisen dient, ist zum Beispiel Stephen Kings Der Anschlag oder auch Richard Kellys Meisterwerk Donnie Darko, je nachdem, wie man diesen ambivalenten Film interpretiert. Mit der Viele-Welten-Theorie macht man es sich natürlich leicht, da können keine Logiklöcher entstehen, wenn bei jeder Veränderung eine neue Welt eröffnet wird. Dann ist alles möglich.

Aber kann ein Film oder ein Buch auch in sich eine logische Welt aufbauen, wenn es sich nur um eine Welt handelt? Im bereits erwähnten Zurück in die Zukunft zum Beispiel, da ist die Handlung, dafür, dass Zeitreisen das zentrale Motiv sind, im Großen und Ganzen logisch. Zumindest logisch genug, damit mein ruheloser Geist nicht ständig mit einem „Hä? Moooooment! Da stimmt was nicht, warum ist das *ratter-ratter-ratter-klöter-rumpel*“ dazwischenhupt.

Es gibt den ursprünglichen Zeitverlauf: Marty McFlys Eltern lernen sich zu Highschoolzeiten kennen und lieben, weil sein Vater George vors Auto von Martys Großvater, Lorraines Vater, gefallen ist. Lorraine hatte daraufhin Mitleid mit ihm, ist mit ihm zum ‚Verzauberung unterm See‘-Tanz gegangen, wo sie sich das erste Mal geküsst haben und von da an war ihre Zukunft besiegelt. In den 80er Jahren ist George ein Versager, wird vom Rüpel Biff weiterhin drangsaliert, Lorraine ist frustriert, alles ist irgendwie suboptimal.

Nun kommt die Handlung aus dem ersten Teil: Marty reist aus Versehen ins Jahr 1955 zurück und fällt statt George vor das Auto von Lorraines Vater. Das heißt, sie verliebt sich in Marty, nicht in George. Soweit, so logisch. Je mehr sie sich in Marty verliebt und je ferner die Möglichkeit rückt, dass sie George überhaupt nur wahrnimmt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Marty aufhört zu existieren. Wenn er tatsächlich vollständig verschwinden würde, dann könnte er natürlich auch nicht in die Vergangenheit reisen und alles bliebe beim Alten. Aber da er seine Eltern nicht umbringt, wird das Großvaterparadoxon geschickt umgangen, er löst sich also nur allmählich auf. Und dann, bevor es zu einem Paradoxon kommen kann, wendet sich alles zum Guten und George küsst Lorraine. Allerdings hat er dadurch, dass er Biff eine reingehauen hat, Selbstvertrauen gewonnen und deswegen ist dann die Gegenwart doch leicht verändert, als Marty ins Jahr 1985 zurückkehrt. George ist ein erfolgreicher Autor, Lorraine und er sind wie frisch verliebt und Biff ist der Versager, der ständig die Familienautos waschen muss.

Im zweiten Teil von Zurück in die Zukunft wird es etwas komplizierter, aber meiner Meinung nach bleibt es dennoch innerhalb des erzählten Universums folgerichtig. Marty und Doc Brown reisen ins Jahr 2015 (Am 21. Oktober, haben schon alle ihre Kalender gezückt, um ihn Willkommen zu heißen? Und wo bleibt mein Hoverboard!), um Martys zukünftigen Sohn vor einem Schlamassel zu retten. Sie erledigen ihre Mission, aber in der Zwischenzeit hat der alte Biff sie beobachtet, das mit der Zeitmaschine spitzgekriegt und heckt einen teuflischen Plan aus. Er kauft in einem Antiquariat einen Almanach mit den Ergebnissen der Sportwetten von 1950 bis 2000, klaut die Zeitmaschine und reist ins Jahr 1955, wo er seinem jungen Alter Ego den Almanach überreicht. Als Marty daraufhin in seine Gegenwart, das Jahr 1985 zurückkehrt, ist alles verändert: Biff ist zum reichsten und mächtigsten Mann der Stadt aufgestiegen, die Stadt versinkt in der Kriminalität, George ist in der Zwischenzeit gestorben und Lorraine hat danach Biff geheiratet und ist Alkoholikerin geworden. Also müssen Marty und Doc Brown wieder nach 1955 reisen, um zu verhindern, dass der alte Biff dem jungen Biff den Almanach gibt. Ist doch logisch, oder?

Der dritte Teil spielt fast ausschließlich im Wilden Westen, und da man dieses Mal nicht so viel davon erfährt, inwieweit Martys und Docs Handlungen Auswirkungen auf die Zukunft haben, drücken sich die Filmemacher hier geschickt darum, Logiklöcher überhaupt erst entstehen zu lassen.

Das ist überhaupt die einfachste Methode, Zeitreisen in fiktionalen Werken zu schildern, ohne dass ein Großvaterparadoxon entsteht. Man lässt die Figuren aus der Zukunft schlichtweg nichts derart Wesentliches in der Vergangenheit verändern. Oder man lässt seine Figuren gar nicht erst in die Vergangenheit reisen, so wie im ersten Teil von Planet der Affen oder in Die Zeitmaschine nach dem Roman von H. G. Wells. Da hat man dann freie Hand und kann auf Basis der aktuellen Gegenwart die Zukunft beliebig weiterspinnen. Was dann eine wunderbare Taktik ist, um Gesellschaftskritik an aktuellen Problemen zu üben, ohne diese direkt ansprechen zu müssen. Diese Denkleistung muss der Zuschauer übernehmen. Eine spannende Aufgabe.

Und, was meint ihr? Konnte ich euch überzeugen, dass es sehr wohl möglich ist, Zeitreisen in Filmen und Büchern logisch zu erzählen?

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59. Stück: Psychologie und Horror

Am Freitag habe ich wieder einmal einen hervorragend gemachten Horrorfilm gesehen: Warte, bis es dunkel wird von Alfonso Gomez-Rejon. Außerdem habe ich seit Stephen Kings Die Arena auch Geschmack an der Horrorliteratur gefunden. Allerdings ist mir aufgefallen, dass Horror nicht gleich Horror ist. Denn als ich neulich Stephen Kings Kurzgeschichtensammlung Nachtwache las, fand ich längst nicht alle Geschichten gleichermaßen erschreckend und spannend. Meine Theorie ist, dass Horror nur dann wirklich Grauen im Leser hervorruft, wenn es nicht bloß um Schockeffekte geht, sondern um die psychologischen Untiefen der Figuren, die die verborgenen Ängste des Lesers anstoßen. In gelungenen Horrorgeschichten und Schauerromanen – zu denen auch die Nachtstücke von E. T. A. Hoffmann aus der Schwarzen Romantik gezählt werden können – werden Urängste des Menschen berührt, indem nicht nur entsprechende Gruselmotive auftauchen, sondern vor allem geschildert wird, was dies mit den Figuren macht.

In Warte, bis es dunkel wird treibt nicht einfach nur irgendein Meuchelmörder sein Unwesen. Es ist eine Art Wiedergänger oder Nachahmungstäter, der scheinbar wahllos Liebespaare umbringt. Nur ein Mädchen verschont er. Dies könnte man nun mit plumper Brutalität erzählen und darstellen, wodurch zwar Ekel und Abscheu hervorgerufen werden könnten, aber keine Spannung, nichts, was dem Zuschauer an die Nieren geht, ihn berührt, dafür sorgt, dass er sich auch noch einige Zeit später Gedanken über den Film macht. Schlimmstenfalls wäre der Film dann unfreiwillig komisch, weil man als Zuschauer nicht glaubt, dass das auf der Leinwand tatsächlich passieren könnte und sich deswegen nicht fürchtet, sondern nur über den gezeigten Schwachsinn kichert. Das kann natürlich auch kurzweilig sein und für einen lustigen Trash-Filmabend mit Freunden taugen. Aber guter Horror ist das dann nicht.

Dieser Film aber nimmt den Serienmörder zum Anlass, eine Geschichte über Trauer, Verlust, Angst, Trauma, Misstrauen, Gewalt, Liebe und Tod zu erzählen – die ganze Palette großer, zeitloser Gefühle und menschlicher Themen also. Die junge Jami, das Mädchen, das verschont wurde, will die Mordserie unbedingt aufklären und nimmt dies als Möglichkeit, mit dem Verlust ihres Freundes, ihrer Eltern und dem tief traumatisierenden Erlebnis ihrer Beinaheermordung fertig zu werden. Ihr dabei zuzuschauen und mitzurätseln, wer der Täter ist und welches Motiv er verfolgt, ist wesentlicher Teil der Spannung. Gleichzeitig wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Handlung auf wahren Begebenheiten beruht: Tatsächlich gab es 1946 eine Reihe von Morden durch den sogenannten Phantom Killer, der jedoch nie gefasst wurde. Dies berührt verborgene Ängste, denn wenn etwas damals wirklich geschehen konnte, dann kann es das immer wieder tun.

Ebenso sind, wie ich finde, die Geschichten von Stephen King, die ich bisher gelesen habe, am spannendsten, die ebenfalls auf verborgene Urängste anspielen und in denen eindeutig unwirkliche Horrorelemente nicht die zentrale Rolle spielen, sondern ihre psychischen Auswirkungen auf die Figuren. So fand ich beispielsweise die Kurzgeschichte Spätschicht nicht so beängstigend. Darin treiben mutierte Ratten im Keller einer Textilfabrik ihr Unwesen, was zwar ziemlich eklig ist, aber trotzdem nicht übermäßig gruselig, da die Hauptfigur angesichts der Kreaturen die Fassung bewahrt. Auch die Kurzgeschichte Der Rasenmähermann hat mich nicht gefesselt. Zwar reagiert die Hauptfigur hier mit panischer Angst, doch da ein Rasenmäher, der von allein läuft und ein Mann, der die Grasreste auffuttert keine Urängste auslöst, lässt sich die Panik des Gartenbesitzers nicht nachvollziehen. Vielleicht ist das aber auch eine Frage der Zeit, denn als Stephen King die Geschichte in den 70er Jahren schrieb, gab es noch keine Rasenmähroboter. Heutzutage gibt es zudem so viele kuriose Diätweisheiten und Ernährungsgeklugscheiße, dass es mich nicht verwundern würde, wenn sich irgendein Guru eine Wiederkäuerdiät ausgedacht hätte, die darin besteht, sich nur von Gras zu ernähren.

Urängste, psychische Probleme und starke Emotionen müssen nicht konkret thematisiert werden, um in Horrorgeschichten ihre Wirkung zu entfalten. Dies gelingt auch im übertragenen Sinne in Form von Symbolen oder Metaphern. Der Alkoholiker Richie Grenadine in Stephen Kings Kurzgeschichte Graue Masse zum Beispiel, der sich nach dem Konsum einer verdorbenen Bierdose in ein graues Schleimmonster verwandelt, zeigt auf, was die Sucht nicht nur mit den Betroffenen selbst, sondern auch mit den Freunden und Angehörigen macht: Sie verschlingt und vernichtet alles um sich herum. Würde dies konkret geschildert, wäre es ein Drama, man wäre betroffen, traurig, hätte vielleicht Mitgefühl mit den Figuren. Aber man hätte keine Angst. Hier schon.

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57. Stück: „Whiplash“ oder was ist ein guter Lehrer?

Einer der Filme, die mich in letzter Zeit wirklich mitgerissen und begeistert haben, ist das hervorragende Musikerdrama Whiplash, das von Leidenschaft, Kunst, Virtuosität und dem Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern erzählt.

Hier noch mal meine vollständige Kritik:

Whiplash von Damien Chazelle ist ein pulsierender Musikfilm, ein fesselndes Drama und richtig großes Kino. Hier stimmt einfach alles: Der Rhythmus des Schlagzeugs geht so ins Blut, durch Mark und Bein, dass einen die Musik auch ohne große Jazzkenntnisse mitreißt. Die beiden Hauptfiguren, der junge, talentierte Schlagzeuger Andrew und sein Lehrer Terrence Fletcher, sind so facettenreich gestaltet, dass sie einem trotz ihrer unsympathischen Wesenszüge ans Herz wachsen, man mit ihnen fühlt und um sie bangt. Wie die zwei ihr psychologisches Duell ausfechten, ist von nervenzerfetzender Spannung.

Die Dialoge sind rhythmisch genauso hervorragend gesetzt, pointiert und existenziell wie die Musik. Der Schnitt ist perfekt darauf abgestimmt (mehr als verdienter Oscar!). Und die Schauspieler machen ihre Arbeit so als ginge es um Leben und Tod (auch hier: mehr als verdienter Oscar für J.K. Simmons).Dabei werden so zeitlose, große Fragen der Menschheit und der Kunst aufgeworfen wie: was ist Leidenschaft und wie weit sollte man gehen, was sollte man alles dafür aufgeben, um sie ausüben zu können? Wie wird aus einem guten Künstler ein Virtuose, der über sich hinauswächst? Was macht den idealen Lehrer aus und was darf oder muss er tun, um seine Schüler zu fördern?Fazit: Nicht verpassen!

Einiges an dem Film hat mich an meine eigene Zeit an der Schauspielschule erinnert. Der Unterschied zwischen mir und dem jungen Schlagzeug-Genie Andrew in Whiplash ist jedoch, dass ich nicht zur Künstlerin tauge, zur Schauspielerin schon mal gar nicht. Und ich bin meinen Lehrern bis heute dankbar, dass sie in dem Punkt so ehrlich zu mir waren, mir nicht zu sagen „Gut gemacht“, obwohl wir alle wussten, dass meine Darstellung absolut niederschmetternd erbärmlich war. Hätte ich diese Erfahrung jedoch nicht gemacht, würde ich mich heute vielleicht fragen: Was wäre bloß gewesen, wenn …? Stattdessen kann ich nach Herzenslust meine Liebe zur Sprache ausleben, mit Worten jonglieren, Geschichten erzählen und meinen nimmersatten, neugierigen Geist mit komplizierten Fragen füttern wie: Was ist eigentlich ein guter Lehrer?

Ein guter Lehrer sollte auf jeden Fall ehrlich sein und einem untalentierten Schüler keinen Honig um den Bart schmieren, nur damit dieser sich kurzfristig besser fühlt. Denn als Lehrer sollte man mehr Lebenserfahrung, Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis besitzen als der Schützling und erkennen können, ob jemand in dem angestrebten Beruf bestehen kann oder nicht. Gerade im künstlerischen Feld, ob als Schauspieler, bildender Künstler, Maler oder Musiker, braucht man nicht nur Talent, sondern auch eine selbstsichere Persönlichkeit, ein dickes Fell und ein unerschütterliches Vertrauen darin, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat. Ein guter Lehrer hilft einem dabei.

Doch wie gelingt das? In Whiplash ist Terrence Fletcher der Überzeugung, nur das Beste für seine Schützlinge zu wollen und ihnen zu helfen, indem er sie wie Dreck behandelt. Wenn von ihm einmal ein aufmunterndes oder freundliches Wort, eine versöhnliche Geste kommt, dann bereitet er damit nur seinen nächsten Schlag ins Gesicht seines Schülers vor. Er tut dies, damit sie sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, faul, satt und zufrieden werden, sich nicht mehr anstrengen, auf der Stelle verharren und ihr Talent schließlich verdorren lassen. Denn Talent ist ja schön und gut – aber wenn man es nicht jeden Tag fordert und fördert, verkümmert es und ist dann zu nichts mehr nutze. So weit, so nachvollziehbar.

Fletcher übersieht in seiner eigenen verletzten Eitelkeit und Verbitterung meines Erachtens, dass es mehr Möglichkeiten im zwischenmenschlichen Umgang miteinander gibt als „Du bis super!“ und „Du bist das Letzte!“ Ein Lehrer im künstlerischen Bereich, dem selbst der große Erfolg verwehrt blieb, sollte seinen Frust nicht an den Schülern auslassen. Das mag Fletcher im Film nicht bewusst sein, doch genau das tut er. Er selbst musste dabei zusehen, wie sein eigenes Talent nicht voll zur Geltung kam, anstatt auf den großen Bühnen der Welt zu stehen, eine Berühmtheit zu sein, ein virtuoser Musiker, ist er Lehrer geworden und muss junge Menschen fördern, die noch all die Möglichkeiten haben, die ihm schon längst entwichen sind. Das kann frustrierend sein und es gibt viele, die das nicht verkraften und ihre Enttäuschung an den noch unfertigen Talenten und fragilen Persönlichkeiten ihrer Schützlinge auslassen.

Ein guter Lehrer ist also nicht nur ehrlich, fordert und fördert seine Schüler durch Kritik und engagiert sich dafür, dass sie am Ball bleiben. Er muss auch fair sein – und das ist Fletcher in Whiplash nicht.

Natürlich sollte ein Lehrer nicht einfach nur sagen „gut gemacht“, selbst wenn der Schüler wirklich bereits gut ist. Wobei ich einen Dozenten an der Schauspielschule hatte, der tatsächlich oft „gut gemacht“ gesagt hat und das fand ich in Ordnung, schließlich waren die anderen Dozenten dafür streng genug und dann war so ein bisschen Aufmunterung zwischendurch wie Seelenschokolade. Allerdings hatte ich auch Mitschüler, die daraufhin verwirrt waren und sich fragten, ob das jetzt ernst gemeint war und sie sich jetzt nicht mehr anzustrengen bräuchten, was ja eigentlich nicht sein kann, oder ob sich der Dozent lustig machen will. Da muss man natürlich als Schüler auch ein bisschen kritische Selbstreflexion ausüben und selbst gucken, was man noch verbessern kann oder halt nachfragen. Zu einem erfolgreichen Lehrer-Schüler-Gespann gehören eben zwei. Und da sollte man sich als Schüler nicht wie ein unselbstständiges Kleinkind ohne Verantwortungsbewusstsein und ohne Grips aufführen. Dann ist es verständlich, wenn dem Lehrer mal der Kragen platzt und er seine ehrliche Meinung nicht in konstruktiver Kritik vermittelt, sondern schonungslos offenlegt.

In allen anderen Fällen, also wenn der Schüler lernwillig, motiviert, engagiert, talentiert, zuversichtlich, selbstkritisch und kooperativ ist, sollte der Lehrer jedoch ruhig bleiben, Beleidigungen sein lassen und seinem Gegenüber mit Respekt begegnen. Respekt bedeutet hierbei, dass sich beide auf Augenhöhe befinden, nicht dass einer über dem anderen steht oder sich unter den anderen stellt. Kritik muss natürlich sein, also mit „gut gemacht“ ist es tatsächlich nicht getan. Perfekt geht nicht, aber besser geht immer. Das muss der Lehrer dem Schüler vermitteln.

Dabei gibt es jedoch verschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Bedürfnissen; die einen Schüler brauchen mehr Strenge, die anderen mehr Aufmunterung. Kommt ein Schüler mit starken Selbstzweifeln, der an sich selbst nicht so recht glauben kann, der jedoch wirklich Talent hat, sich aber nicht traut, dem zu vertrauen, hilft es zum Beispiel nicht weiter, wenn der Dozent dann sagt: „Du musst dich mehr anstrengen, mehr daran, daran und daran arbeiten, sonst wird das nichts.“ Das Ergebnis wäre ein Häuflein Elend, das sich abrackert und trotzdem nicht vorwärts kommt. Da wäre ein „Das und das ist schon sehr gut, das und das kannst du noch verbessern“ zielführender. Ist der Schüler aber von sich selbst total überzeugt, findet sich selbst super und ist der Meinung, er hätte den Unterricht eigentlich gar nicht nötig, muss er ein wenig gebremst werden. Da sollte man das Loben weglassen und gleich auf den Punkt bringen, was noch verbessert werden muss (nicht kann). Das sind nur zwei Extreme, es gibt selbstverständlich noch feinere Abstufungen in den unterschiedlichen Schülerpersönlichkeiten.

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44. Stück: The Place Beyond The Pines und der Existenzialismus

Vor ein paar Wochen habe ich mir The Place Beyond The Pines von Derek Cianfrance im Kino angesehen und seitdem beschäftigt mich die Frage, warum mir dieser an sich wirklich gut gemachte Film, insgesamt nicht gefallen hat. Eine ausführliche Kritik hatte ich auf meiner Facebook-Seite publiziert, bevor hier jemand aber ewig herumsuchen muss, hier noch mal mein Urteil:

The Place Beyond The Pines von Derek Cianfrance ist keine leichte Kost. In diesem Drama – das einer griechischen Tragödie nahe kommt – gibt es nur Verlierer. Das ist großartig gespielt vor allem von den beiden Hauptdarstellern Ryan Gosling und Bradley Cooper. Von Ryan Gosling kennt man das ja schon, dass er – ohne viel machen zu müssen – unzähligen widersprüchlichen Gefühlen Ausdruck verleiht und mit einem einzigen Blick Tausende Geschichten erzählt. Überrascht war ich von Bradley Cooper, den ich zuvor nur in Komödien gesehen hatte und ihn dort ziemlich witzig fand. Dass er auch das tragische Fach beherrscht, war mir neu und hat mich beeindruckt.

Zweifelsohne ist „The Place Beyond The Pines“ großes Kino, doch etwas hat mir gefehlt bei diesem Film, der einen so schnell nicht wieder loslässt. Die Geschichte um die beiden Söhne beispielsweise kam zu kurz. Und es fehlte die Identifikationsfigur, der Sympathieträger, mit dem der Zuschauer mitfiebern konnte. Natürlich kann man auch Geschichten ohne Sympathieträger erzählen, in der nur Antihelden und Verlierer dabei gezeigt werden, wie sie an den Widrigkeiten des Lebens scheitern und es nicht schaffen, gegen ihr Schicksal anzukommen. Das ist jedoch nichts, was den Zuschauer an den Eingeweiden packt und sein Inneres durcheinander wirbelt. Das ist etwas, das den Zuschauer deprimiert und niedergeschlagen aus dem Kinosaal entlässt. Es ist leider nur mäßig spannend, wenn einfach fatalistisch und trostlos die Figuren an allem scheitern, was sie anfangen. Oder wenn sie gar nicht erst versuchen, diesem Schicksal zu entkommen. Leider ist es auch so, dass Figuren, die auf Distanz zum Zuschauer bleiben, tun und lassen können, was sie tun und lassen, es bleibt dem Zuschauer gleichgültig. Das mag trotzdem große Kunst sein, keine Frage. Aber hervorragende Kunst schafft es, trotz allem Anspruch auch den Unterhaltungsaspekt nicht zu kurz kommen zu lassen. Das fehlte hier leider.“

Dieses Gefühl von Schwere, Trostlosigkeit und Unwohlsein, ohne genau benennen zu können, woran das liegt, wurmt mich immer noch und zwar, weil es mir bekannt vorkommt. Ich hatte das schon mal, dass ich etwas gelesen oder gesehen hatte und hinterher dachte, es war nicht schlecht, aber es hat mir nicht gefallen. Nun weiß ich wieder, wann das war, nämlich nach der Lektüre von Albert Camus‘ Der Fremde (L’Étranger) und von Jean-Paul Sartres Der Ekel (La Nausée). Beides literarische Hauptwerke des Existenzialismus‘. In beiden Geschichten sind die Hauptfiguren schwer zu definieren – schließlich liegt dem ja der existenzialistische Gedanke zugrunde, der Mensch existiere bereits, bevor er etwas sei – und lassen sich durch den Alltag treiben. Selbst, wenn um sie herum Schreckliches geschieht (in Der Fremde passiert sogar ein Mord) gehen sie weiter, scheinbar unberührt. Sie wollen nichts, sie haben keine spezifischen Charakterzüge, sie sind (existieren) einfach. Das, was die anderen tun oder was um sie herum passiert, hat für sie keine Bedeutung außerhalb der bloßen Existenz. Und so interessant das auch im philosophischen Sinn sein mag, so anstrengend ist es doch zu lesen, weil alles so sinnentleert und trostlos ist. Das war auch mein erster Eindruck nach The Place Beyond The Pines. Die Figuren bleiben undurchsichtig, man kann sie nicht verstehen, ihre Entscheidungen nicht immer nachvollziehen, ihre fatalistische Grundhaltung nicht nachempfinden. Deswegen berührt der Film nicht und bleibt seltsam auf Distanz zum Zuschauer.

Dann aber fiel mir eines meiner Abiturthemen des Französisch-Leistungskurses wieder ein, Der Mythos des Sisyphos (Le Mythe de Sisyphe) von Albert Camus. Das zählt zwar eher zur Philosophie des Absurden, aber einige Gemeinsamkeiten mit dem Existenzialismus gibt es schon. Zum Beispiel, dass der Mensch nicht vor der Geburt bereits „etwas“ ist und nach dem Tod schon mal gar nicht. Jeder Mensch existiert im Hier und Jetzt und muss für seine Entscheidungen, seine Handlungen, sein Verhalten sich und anderen Menschen gegenüber, Verantwortung übernehmen, da es sonst niemand für ihn tun kann. Das heißt nicht „Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt“, das heißt, „Ich habe sowohl die Freiheit als auch die Verantwortung, mein Leben zu gestalten“. Das lässt sich im Prinzip als Botschaft auch aus dem Mythos des Sisyphos ziehen. Wir erinnern uns, Sisyphos hatte den Ärger der Götter auf sich gezogen und wurde mit einer absurden, sinnlosen Aufgabe bestraft. Er sollte einen unglaublich schweren Felsbrocken einen Berg hinaufrollen und sobald er oben angekommen war, rollte der Felsbrocken wieder den ganzen Weg hinunter ins Tal und Sisyphos musste hinterher laufen und von vorne anfangen. Nun kann er nichts daran ändern, dass er den Brocken den Felsen hochrollen muss, aber seine Haltung zu dieser Aufgabe ist seine Freiheit und seine Verantwortung. Er kann sich dann entweder hinstellen und jammern, rabäääh, der Brocken ist so schwer und der Berg so hoch und das bringt alles überhaupt nichts, wenn das Scheißding eh wieder hinunterpurzelt. Oder er sagt sich – wie der Sisyphos in Camus‘ Geschichte – Gut, ich kann’s nicht ändern, ist halt so, dann mach ich hier mal weiter und ärgere mich nicht drüber, davon wird es auch nicht besser. Er akzeptiert das Absurde und geht damit um, sodass er zufrieden sein kann mit dem, was sich nicht ändern lässt. „Il faut s’imaginer Sisyphe heureux“ (Man muss sich Sisyphos als glücklichen Mann vorstellen) ist dann auch das Fazit der Geschichte.

Was hat das nun mit The Place Beyond The Pines zu tun? Nun, vielleicht habe ich einfach zunächst so reagiert, wie der jammernde Sisyphos. Manno, die wehren sich ja gar nicht gegen ihr Schicksal, voll doof, warum kämpfen die nicht dagegen an, langweilig, trostlos, mag ich nicht. Aber vielleicht lässt sich das auch anders sehen. Die Hauptfiguren in dem Film akzeptieren das Absurde ihrer Existenz und versuchen, das Beste daraus zu machen. Zumindest gilt das für die Figur, die Ryan Gosling spielt. Er raubt Banken aus so wie Camus‘ Sisyphos den Felsen den Berg hochrollt. Die Figur von Bradley Cooper hingegen versucht auszubrechen, der eigenen Existenz eine höhere Bedeutung zu verleihen und ist am Ende zwar am Leben, aber ein gebrochener, all seiner Ideale und Vorstellungen beraubter Mensch. Und das wiederholt sich in Gestalt der Söhne. Der Sohn des Polizisten/Staatsanwalts kommt mit der Sinnlosigkeit seiner Existenz nicht klar und betäubt diese Ohnmacht mit Drogen und überspielt sie mit Arroganz und Kaltblütigkeit. Der Sohn des Bankräubers versucht zunächst, gegen das Absurde anzukämpfen, doch am Ende, wenn er mit dem Motorrad davonfährt, hat er akzeptiert, dass das Leben absurd ist. Vielleicht muss man sich Jason zum Schluss auch als glücklichen Menschen vorstellen. Und dann ist der Film doch nicht so trostlos und niederschmetternd wie ich anfangs dachte.

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