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8. Stück: „Autochtone“ von AOC am 21.05.2010 in Saarbrücken / Festival Perspectives

Was bleibt, ist Staunen!

Überraschung und Schrecken, Furcht und Bewunderung wechseln im Sekundentakt. Die Artisten des französischen Collectif AOC wirbelten bei der Deutschlandpremiere von „Autochtone“ im Zirkuszelt am Tbilisser Platz anlässlich des deutsch-französischen Festivals für Bühnenkunst „Perspectives“ in Saarbrücken mit ihren atemberaubenden Stunts sämtliche Erwartungen der Zuschauer durcheinander.

Immer, wenn man glaubt, eine Geschichte ausgemacht oder bestimmte Themen oder Motive erkannt zu haben, wird man eines besseren belehrt. Es ist nicht möglich „Autochtone“ auf klassische, intellektuelle Art und Weise zu begreifen. Jede mögliche Geschichte, jede Vermutung über eine zusammenhängende Handlung verläuft im Sande:

Erst wähnt man sich inmitten eines Gangsterfilms, wenn der Musiker Jules Beckman im Mafioso-Kostüm auftritt. Auch bei dem folgenden Spiel mit Geräuschen und Rhythmen fühlt man sich durch die düstere Atmosphäre an diverse Filme aus dem Genre des Neo-Noir erinnert. Sei es Blade Runner, Dark City oder auch Children of Men. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die finster-melancholische Musik im Hintergrund.

Dann glaubt man sich in einem Moment in einem Flüchtlingslager, möglicherweise an einem Hafen. Doch kurz darauf erscheint wieder der Herr im Mafioso-Kostüm. Diesmal scheint er der Demagoge eines totalitären Staates zu sein, der vielleicht seine Gefolgsleute gegen die Flüchtlinge aufhetzt. Assoziationen wie Armut, Unterdrückung und Angst blitzen fragmentarisch vor dem inneren Auge des Betrachters auf.

Eine lineare Erzählung ist aber auch nicht das, was „Autochtone“ so sehenswert macht. Logik und Zusammenhang sind in dieser atmosphärisch fesselnden Produktion vollkommen gleichgültig. Es sind vielmehr die Sinne, die überwältigt werden:

Scheinbare Stürze und immer schnellere, immer intensivere akrobatische Virtuositäten lassen die Zuschauer die Luft anhalten. Man hat Angst um sie, kann nicht hinsehen. Man sieht trotzdem hin. Was bleibt, ist Staunen!

(Isabelle Dupuis)

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