3. Stück: Pathos und Kitsch

Für gewöhnlich finde ich Pathos und pathetische Darstellungen furchtbar, vor allen Dingen, wenn es sich dabei um Heldenfilme hollywoodscher Prägung und dergleichen handelt.

Ja, das Hollywood-Kino schon wieder. Das ist für mich einfach das Ideal-Beispiel miserabler Schauspielkunst. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen und auch überaus unterhaltsame Blockbuster. Aber was ich hier meine ist das typische, auf Überwältigung zielende pathetisch-kitschige Popcorn-Kino, das kein anderes Ziel hat, als die Menschen daran zu hindern, ihr Hirn mal zu gebrauchen.

Da zieht sich der Pathos und der Kitsch dann wie ein Leitfaden durch das gesamte Machwerk:

Sei es die Geschichte (Held rettet Welt), die Figurenkonstellation (Held/Muskelprotz-Schnösel + junge, schöne, überaus verständnisvolle Frau + lustiger Sidekick), die Besetzung (Bruce Willis, Will Smith, oder irgendein Serienarzt (für die Romantiker unter den Zuschauerinnen) für den Held. Irgendeine junge, hübsche Frau mit nicht allzuviel Persönlichkeit, die gerade in ist für die weibliche Rolle. Meistens ein Stand-Up-Comedian für den lustigen Sidekick, wo man wohl aus den USA kommen muss, um den witzig zu finden.), die Musik (laut, triefend, penetrant, unausweichlich allgegenwärtig), die Bilder (viel Gold und Glitzer) und – was beinahe am schlimmsten ist – die Art zu spielen. Da wird dann geatmet, geschnauft, gebrüllt, geseufzt, geschluchzt. Bei jeder Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, wirft man sich voll brodelnder Leidenschaft auf die Knie, alle naslang posaunt irgendwer Phrasen der Marke „Es wird alles wieder gut!“ oder „Du musst nur an dich glauben, dann schaffst du alles“ durch die Gegend und zu allem Überfluss spielt auch noch ein brechreizerregend niedlicher Hund mit.

Das ist Kitsch und Pathos, wie es schlimmer nicht geht.

Meiner Meinung nach kommt dieser unerträgliche Pathos-Kitsch dann zustande, wenn man erstens lieblos, zweitens unpräzise und drittens völlig bar jeglicher Fantasie rein profitorientiert arbeitet. Dann kommt da so ein Murks bei rum.

Um das kurz zu erläutern: Dadurch, dass man lieb- und fantasielos und rein profitorientiert vorgeht, bastelt man einfach aus Versatzstücken anderer Kitsch-Pathos-Streifen was zusammen, wodurch der ganze Krempel einfach nur eine Ansammlung von Klischees wird. Der geneigte Zuschauer hat nun leider aber nichts anderes als diese Klischees, auf die er achten kann, da ja sonst nichts passiert. Dadurch fällt es dann natürlich überhaupt erst auf, wie dumm das Ganze eigentlich ist. Und mit „unpräzise“ meine ich, dass man einfach völlig undurchdacht und unreflektiert irgendwas zusammenschustert, hauptsache es wird schnell fertig und bringt Kohle ein und dadurch wirkt der Pathos und der Kitsch nicht wie ein bewusstes, absichtliches Stilmittel, sondern wie ein Versehen.

Und damit bin ich auch schon bei dem nächsten Punkt: Pathos und Kitsch müssen nicht unbedingt immer schlecht sein. Wenn man sie absichtlich und bewusst als Stilmittel einsetzt, dann kann man wunderbare, ironische Effekte damit erzielen. Wichtig dabei ist auch die Dosierung. Wenn das ganze Stück oder der ganze Film durchgängig mit Pathos und Kitsch ausgestattet ist, dann bringt es auch nichts, hinterher zu sagen „aber das gehörte so“. Um den Pathos und den Kitsch als absichtliches Stilmittel zu erkennen, muss man dem Zuschauer auch etwas zum Vergleichen bieten. Der Kitsch und der Pathos müssen sich von dem Rest absetzen, damit eine ironische Brechung entsteht.

Und wenn man auf diese Weise den Pathos und den Kitsch als ironisches, bewusstes Stilmittel gebraucht, dann kann es auch wie ein Verfremdungseffekt wirken.

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Eine Antwort zu “3. Stück: Pathos und Kitsch

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