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100. Stück: Ist Nathanael aus E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ der Archetyp eines Verschwörungstheoretikers?

Als Mitte März die Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Pandemie losgingen und noch alle ohne zu Murren mitgemacht haben, gab es eine große Solidarität, den Willen zusammenzuhalten und auch ein großes Vertrauen in die Wissenschaft. Meine Mutter und ich unterhielten uns damals am Telefon darüber, wie lange das wohl anhalten würde, ob nach der Krise, wenn sich alles wieder ein wenig beruhigt hätte, die Menschen vielleicht ein kleines bisschen von dieser Solidarität mitnehmen würden. Ich vermutete, dass viele Menschen wieder genau dieselben egozentrischen, eitlen, Logik und Wissenschaft verachtenden Dummtröten sein würden wie vorher – aber trotz Zynismus und einer gewissen mir innewohnenden Misanthropie hätte ich nie gedacht, dass das so schnell gehen würde und dass das schon so ausarten würde, wenn wir eigentlich noch mittendrin sind in der Pandemie.

Well, that escalated quickly …

Vor allem habe ich es wirklich nicht kommen sehen, dass so viele Menschen plötzlich Verschwörungstheoretikern mehr Glauben schenken als Wissenschaftlern, die sich schon seit Jahren mit der Erforschung von Coronaviren und Pandemien beschäftigen. Das finde ich erschreckend – und es fällt mir schwer, das zu verstehen. Was geht bloß in den Köpfen von den Menschen vor, die einem weinerlichen Schlagersänger oder einem größenwahnsinnig gewordenen, waffennärrischen Koch plötzlich mehr wissenschaftliche Expertise zutrauen als einem Virologen? Warum glauben sie den unlogischen Quatsch, der nur durch falsch interpretierte, verkürzte, verzerrte oder komplett frei erfundene „Fakten“ zusammenhält? Warum sehen sie keinen Widerspruch darin, wenn jemand im Brustton der Überzeugung gegen die „Mainstream-Medien“ wettert, gleichzeitig aber ebendiese „Mainstream-Medien“ als Quellen angibt? Warum macht es sie nicht stutzig, wenn da irgendein Typ sich selbst als Oberchecker inszeniert, dabei die ganze Zeit von sich redet und alle Register des Überwältigungspathos zieht?

Was ist bloß los mit diesen Menschen, die auf Demos ihre Meinung kundtun, dass sie ja gar nicht mehr ihre Meinung kundtun dürften? Die Angst vor einem „Impfzwang“ haben, obwohl es den entsprechenden Impfstoff noch nicht gibt? Die einen Computerfachmann und Milliardär zum absoluten Bösen erklären, der aus nicht ansatzweise logisch schlüssigen Gründen die Menschheit sowohl dezimieren als auch versklaven und kontrollieren will, nicht aber per Computer, wie es für einen Computerfachmann naheliegend wäre, sondern superkompliziert mit einem Chip, der unter die Haut gespritzt wird, während die Leute zwangsgeimpft werden mit dem Impfstoff, den es noch nicht gibt?

Alle bekloppt?

Klar, man kann sagen: Die sind eben bekloppt. Aber ich denke, so einfach ist es nicht – schließlich fallen auch vormals „normale“ Leute auf das Überwältigungstheater und Verschwörungsgeschwurbel herein. Also, was passiert da im Oberstübchen?

Bei einem meiner Waldspaziergänge, die ich mir seit Anfang des Lockdowns angewöhnt habe, sinnierte ich darüber nach, was mit diesen Menschen los sein könnte und fragte mich, warum sie so beratungsresistent, so von sich selbst überzeugt sind. Was sind das überhaupt für Typen, die auf den ganzen Schmu reinfallen?

Was mir aufgefallen ist, zumindest ist das mein Eindruck, ist eine aggressive, selbstverliebte, selbstgerechte, über jeden Zweifel erhabene Arroganz, mit der diese Leute jedes logische Argument, jede Nachfrage, jeden Einwand abschmettern. Gleichzeitig scheinen sie sich über die Schauermärchen der nur von ihnen und den anderen Erleuchteten aufgedeckten Verschwörungen zu identifizieren – also, wenn man ihre Geschichten kritisiert, dann fühlen sie sich tief in ihrer Person, in ihrem Selbstbild infrage gestellt – und reagieren entsprechend, als wolle man ihnen ihr Innerstes stehlen, und was bleibt ihnen dann noch?

Was hat das mit Hoffmanns „Der Sandmann“ zu tun?

Und dann (jetzt komme ich dann auch endlich mal zum Thema dieses Essays) dachte ich: Moment mal? Diese Verhaltensweise, diese Denkart, dieser Typus – das kenne ich doch irgendwoher? Und dann fiel es mir ein: „Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann, Nathanael.

Nathanael ist fest davon überzeugt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben, dass alle absichtlich leugnen, was er schon längst erkannt hat: Coppelius und Coppola sind ein- und dieselbe Person, das „böse Prinzip“, der Sandmann, der Nathanael die Augen ausreißen will und ihm nach dem Liebesglück mit Clara und nach dem Leben trachtet. Er steigert sich immer weiter in seinen Wahn und verfällt außerdem in eine Liebeswahn zur Holzpuppe Ophelia, die er für einen echten Menschen hält.

Seine Verlobte Clara versucht ihm klar zu machen, dass die Verschwörung nur in seiner Vorstellung existiert: „Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muß sie in uns sich wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.“

Nathanael findet das ganz und gar nicht lustig und schreibt an Claras Bruder Lothar: „Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen holdlächelnden Kindesaugen oft wie ein lieblicher süßer Traum hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du liesest ihr wohl logische Collegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. – Laß das bleiben!“

Die Reaktion Nathanaels auf Claras logische, schlüssige und natürliche Erklärungen seiner Ängste ähnelt der Reaktion von Verschwörungsjüngern in sozialen Netzwerken, wenn man die Logik ihrer Behauptungen infragestellt: herablassend, ätzend-ironisch, unwirsch, uneinsichtig, pampig. Doch er beruhigt sich wieder und kehrt zwischendurch von seinen Wahnideen ab. Es ist aber nicht von Dauer und der Erzähler beschreibt:

„Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, daß des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verändert sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien und trieb es bald so seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit, zu behaupten, daß es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn die Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgendeines außer uns selbst liegenden höheren Prinzips.“

Nathanael als Verschwörungstheoretiker?

Und das beschreibt meines Erachtens auf den Punkt, wie mir die Verschwörungsschwurbler aktuell vorkommen, die den ganzen Mumpitz glauben und sich von Argumenten, Expertise oder auch nur simpler Logik nicht beirren lassen. Man sieht also, Xavier, Attila, Ken und Co. haben absolut nichts erfunden. Im „Sandmann“ von 1816 wurde das Phänomen der Verschwörungstheoretiker mit Nathanael als Archetyp treffend beschrieben, ebenso die irritierte, verwirrte und besorgte Reaktion der „Schlafschafe“, die den Schwurbelkram nicht glauben.

Ich habe damals an der Uni eine Hausarbeit über die Figurencharakterisierung im „Sandmann“ geschrieben und in meiner mündlichen Prüfung das Phänomen des Unheimlichen in E. T. A. Hoffmanns „Nachtstücken“ analysiert. Meiner These nach besteht das Unheimliche darin, wenn man nicht genau weiß, was in einer erzählten Welt tatsächlich der Fall ist, und was nicht. Wir erleben jetzt mit der Pandemie eine Phase des Unheimlichen, die uns wahrscheinlich noch eine ganze Weile begleiten wird (vermutlich, bis ein Impfstoff oder ein Medikament gegen Covid19 zugelassen wurde).

Die Wissenschaftler tun ihr Bestes und informieren laufend über den aktuellen Stand ihrer Forschung – da sie aber noch mittendrin sind und noch nichts wirklich 100 % sicher ist, wissen wir noch nicht so genau, was tatsächlich Fakt ist in Bezug auf das Virus und was nicht. Deswegen müssen wir besonders vorsichtig sein und die Verbreitung möglichst eindämmen – das ist das Einzige, was wir tun können, wo wir wissen, dass es hilft: Abstand halten und – wo das nicht möglich ist – Schutzmasken tragen. Nach Möglichkeit zu Hause bleiben. Das ist nicht viel und es ist nicht wirklich befriedigend, noch so wenig Gewissheiten zu haben – aber da müssen wir alle durch und noch eine Weile aushalten.

Nur ist diese Aushalten von Ungewissheit anscheinend nicht jedermanns Ding. Es muss doch für all das eine Erklärung geben? Einen Verantwortlichen? Einen Schuldigen? Wie kann das sein, dass ICH, der ICH sonst immer wusste, wo ich im Leben stehe, plötzlich nichts tun und nichts sagen kann, was zur Problemlösung beiträgt? Oder mir zumindest das Gefühl von Macht und Einfluss verleiht?

Es ist, meiner Meinung nach (man kann mir da auch gern widersprechen), dieses Gefühl der Ohnmacht, diese Angst vor Macht- und Potenzverlust (im Sinne von Handlungsfähigkeit), dieses Fehlen von Selbstwirksamkeit, die diese Menschen in eine Art Identitätskrise stürzt. Vielleicht spielt da auch enttäuschter Narzissmus eine Rolle, wie bei Nathanael.

Und wie Nathanael saugen diese Menschen dann Verschwörungstheorien wie ein Schwamm auf, weil diese plötzlich eine einfache Erklärung für die aktuelle, unheimliche Situation haben. Und das Beste ist: Man selbst ist nicht Schuld! Und man selbst sowie die Gleichgesinnten hat es geblickt, hat die große Verschwörung durchschaut, hat die perfiden Pläne des „bösen Prinzips“ in Gestalt von Bill Gates oder Denen-Da-Oben oder den Illuminati oder den Reptiloiden oder wem-auch-immer durchschaut. Und da ist es wieder, das Gefühl von Macht, das man verloren glaubte. Das fühlt sich wahrscheinlich ziemlich gut an.

Was meint ihr? Ergibt meine Einschätzung Sinn? Oder fange ich auch schon an, Geister zu sehen? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt.

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88. Stück: Gedanken zur Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Noch bis zum 14. Mai 2017 ist in Berlin, im Deutschen Historischen Museum, eine spannende und beklemmende Ausstellung über den deutschen Kolonialismus zu sehen – eines der unrühmlichen Kapitel unserer Geschichte, über die auch heute noch viel zu wenig gesprochen wird. Hätte ich nicht an der Uni „Morenga“ von Uwe Timm gelesen, ich hätte kaum etwas über den Kolonialismus Deutschlands und den Völkermord in Namibia (1904-1907) gewusst. Und nach Besuch der Ausstellung am letzten Samstag muss ich gestehen: auch nach der Lektüre dieses großartigen Romans habe ich im Grunde fast nichts gewusst. Und das ist beschämend.

Wenn ich mich an meinen Geschichtsunterricht zurückerinnere, dann wurde über den Kolonialismus nur als Folge von Imperialismus gesprochen, der damals ganz Europa gepackt hatte. Allerdings – so meine Erinnerung – hinkten die Deutschen hinterher, insbesondere die Briten, aber auch die Franzosen, Portugiesen und Spanier, hatten sich schon die größten, ertragreichsten Gebiete unter den Nagel gerissen, die Belgier, Italiener und Niederländer hatten sich auch schon ihr Stück vom Kuchen gesichert und die Deutschen, die unbedingt bei den Großen mitspielen wollten, mussten halt nehmen, was übrig ist. Dabei war bei mir hängengeblieben, dass die Deutschen ja nicht so schlimm waren – ihre wahre Sünde gegen die Menschlichkeit sollten sie erst rund 20-30 Jahre später begehen, als die Nazis an die Macht kamen.

Der Grundgedanke des Kolonialismus – dass die weißen Europäer einer höher entwickelten Rasse angehörten als sogenannte „Naturvölker“, und dass es somit ihre moralische Pflicht sei, in deren Länder einzufallen, die Bevölkerung zu unterdrücken, um den Menschen dort Zivilisation, christliche Religion und europäische „Werte“ zu bringen – wird meines Erachtens auch heute noch kaum infrage gestellt. „Am deutschen (europäischen) Wesen soll die Welt genesen“ scheint immer noch in vielen Köpfen eine mindestens unterschwellige Überzeugung zu sein. Wenn man die westliche Politik im Nahen Osten betrachtet, hat sich daran im Kern nichts geändert. Man scheint sich nicht vorstellen zu können (oder zu wollen), dass andere Kulturen wunderbar ohne uns Europäer (und ihre Nachkommen insbesondere in den USA) auskommen können.

Aber es ist nicht nur die tiefsitzende Überzeugung, dass wir was Besseres sind, und es unsere Pflicht ist, die armen Minderbemittelten anderer Kulturen zu ihrem Glück zu zwingen, ungefragt unsere völlig selbstlose Hilfe anzunehmen, die koloniale Bestrebungen motivieren. Es ist in erster Linie machtpolitisches Kalkül und die Gier nach Ressourcen, die dazu führt, dass man andere Völker nicht einfach in Ruhe und Frieden lässt. Gold, Öl, Diamanten, aber auch Lebensraum für die „eigene Spezies“ und – zumindest zur Hochzeit des Kolonialismus, heutzutage haben wir das immerhin überwunden – Sklavenhandel.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir im Geschichtsunterricht über Staatssekretär von Bülows Forderung nach einem „Platz an der Sonne“ gesprochen haben. „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, sagte er im Hinblick auf die bereits weit vorangetriebene imperialistische Politik der „konkurrierenden“ Staaten aus Europa. Seitdem wundere ich mich jedesmal, wenn die Deutsche Fernsehlotterie mit diesem Ausdruck wirbt, weshalb sich offenbar keiner an den historischen Implikationen stört, die dieser Spruch mit sich bringt. (Hab gerade noch mal gegooglet, anscheinend werben sie nicht mehr mit dem Spruch) Jedenfalls kommt darin ganz gut zum Ausdruck, dass man in Deutschland fürchtete, an Macht und Einfluss zu verlieren, und man sich deswegen am Kolonialismus beteiligte. Verkauft wurde es allerdings als Hilfsbereitschaft und natürlichen Herrschaftsanspruch – und das ist meiner Meinung nach heute noch so.

Na ja, soweit erst einmal meine etwas unsortierten Gedanken. Ich habe den Eindruck, auch die Macher der Ausstellung wussten nicht so recht, wie sie die vielen Informationen möglichst kompakt sortieren sollten. Man merkt schon, dass das sorgfältig recherchiert ist und da unheimlich viel Wissen, viele Gedanken dahinterstecken, aber es wirkt, als hätten sie nicht ganz gewusst, wo sie anfangen sollen. Man muss auf jeden Fall reichlich Zeit mitbringen, wenn man sich in Ruhe alles durchlesen und anschauen will. Wir waren ungefähr 3,5 Stunden drin und haben uns zum Schluss die einzelnen Texte zu den Exponaten nicht mehr durchgelesen, weil das zu lange gedauert hätte, und der Kopf schon so randvoll mit Informationen war, die man erst einmal verarbeiten musste. Trotzdem ist es ein wichtiges Thema, das hoffentlich allmählich intensiver aufgearbeitet wird.

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58. Stück: Die Gut-Böse-Dichotomie in „American Sniper“

Eines der größten Rätsel der diesjährigen Oscar-Nominierungen ist für mich Clint Eastwoods American Sniper*. Gut, Bradley Cooper spielt Chris Kyle ganz OK, aber der Film ist insgesamt schlichtweg plumpe Kriegspropaganda. Oder sehe nur ich das so, weil ich pazifistisch erzogen wurde? Ich denke, der Schlüssel dazu, ob man American Sniper für ein geniales Drama oder ein erbärmlich-offensichtliches Patriotengeschwurbel hält, liegt in der Gut-Böse-Dichotomie, die der Film propagiert. Die möchte ich gern analysieren und vielleicht klärt sich das Rätsel dann ja auf?

Der Film beginnt mit Chris Kyles erstem Einsatz im Irak und der Szene, in der er einen kleinen Jungen und seine Mutter erschießt, weil die eine Granate auf die amerikanischen Soldaten werfen wollen. Bevor er die tödlichen Schüsse abfeuert, geht es auf Zeitreise und in einer Rückblende wird gezeigt, wie der kleine Chris – etwa in dem Alter wie das Kind, das er im Begriff ist zu erschießen – mit Papa Kyle auf die Jagd geht. Papa Kyle ist ein beinharter, ungemein männlicher Mann, ohne auch nur ansatzweise Sinn für Humor oder Warmherzigkeit, der seinem kleinen Dreikäshoch weismacht, es wäre unfassbar maskulin, auf wehrlose, flauschige, knopfäugige Hirsche zu schießen. Was der Lütte dann auch prompt macht und den armen Hirsch mit einem Schuss erlegt. Daraufhin ist Papa Kyle stolz wie nichts auf seinen Steppke und indoktriniert ihn mit der Überzeugung, es sei eine Gabe, aus dem Hinterhalt nichts Böses ahnende Lebewesen hinzurichten, die niemandem auch nur ein Haar gekrümmt haben.

Nächste Szene, die Familie sitzt beim Abendessen. Die Mutter hat eigentlich gar nichts zu melden und der Vater schwadroniert weiter seine hinterwäldlerischen Männlichkeitsmythen in die Gegend. Der kleine Bruder von Chris ist etwas feinsinniger und sensibler als er und wurde in der Schule verprügelt. Das empfindet der Vater als persönlichen Affront und mit kaum verhohlener Verachtung schaut er seinen jüngeren Sohn an und dröhnt, es gäbe auf der Welt drei Arten von Menschen: Schafe, Wölfe und Hütehunde. Die Schafe duckmäusern sich durchs Leben und würden sich nicht wehren, die Wölfe greifen die Schafe an und töten sie, die Hütehunde verteidigen die Schafe vor den Wölfen. Die meisten Menschen wären Schafe und Hütehunde sehr selten. Als der Vater hört, dass Chris seinen Bruder verteidigt und die Schulrüpel seinerseits vermöbelt hat, nickt der Vater zufrieden. Wenigstens einen Hütehund in der Familie und nur einen Versager.

Jedenfalls erschießt Chris Kyle Jahre später diesen kleinen Jungen und dessen Mutter, so wie er damals auch den Hirsch abgeknallt hat. Gut, der Hirsch hatte keine Granate in der Hand und hat nicht Kyles Kollegen bedroht, also ein bisschen anders ist das schon. Und immerhin ist Kyle nach diesem ersten Menschenmord ziemlich fertig mit den Nerven. Das legt sich aber relativ schnell und dann sieht er die Einheimischen nur noch als Feinde an, als Wölfe. Das macht es vermutlich leichter, Menschen aus dem Hinterhalt zu ermorden, wenn man sie nicht als Menschen sieht, sondern als das Böse und sich selbst ebenfalls nicht als Menschen, sondern als das Gute.

Dabei ignorieren sowohl Chris Kyle als auch der Film als solcher, dass es eine Frage der Perspektive ist, wer wen gegen wen verteidigt, wer das Gute, wer das Böse ist, wer ein Hütehund und wer ein Wolf. Übrigens hinkt dieser Hütehund-Wolf-Schaf-Vergleich meiner Meinung nach gewaltig, denn es wäre mir neu, dass Hütehunde mit Scharfschützengewehren auf die Dächer der Wolfshäuser klettern, sich dort verstecken und die Wölfe hinterrücks abknallen, sobald diese zähnefletschend aus ihren Höhlen kommen, während kein Schaf in der Nähe ist. Soweit ich weiß – man korrigiere mich gern, wenn ich mich irre, von Landwirtschaft verstehe ich nicht viel – läuft das so: Die Schafe weiden friedlich vor sich hin und der Hütehund passt auf, dass sie zusammenbleiben. Sollte irgendwann einmal ein Wolf auftauchen, was wohl nicht oft vorkommt, da Wölfe nicht mehr so weit verbreitet sind wie noch zu Gebrüder-Grimm-Zeiten, dann kläfft der Hütehund den an, sodass der Wolf sich trollt und woanders auf Futtersuche geht. Das funktioniert auch mit Eseln habe ich neulich gelesen. Wer schon mal einen Esel hat blöken hören, der kann sich vorstellen, dass Wölfe reißaus nehmen, sobald die sympathischen Langohren Alarm schlagen. Außerdem töten Raubtiere wie der Wolf andere Lebewesen nur aus zwei Gründen: 1) Sie fühlen sich bedroht und verteidigen sich / 2) Sie haben Hunger und brauchen Futter

Warum töten Chris Kyle und seine Kollegen in American Sniper? Am ehesten wohl, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen. Was also unterscheidet sie von Wölfen? Außerdem: Warum haben die Iraker in dem Film überhaupt aufgerüstet? Warum verstecken sie Waffen in ihren Wohnungen, schicken Kinder und Frauen mit Granaten vor? Möglicherweise, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen? Vielleicht auch gar nicht einmal zu Unrecht, schließlich sind die US-Amerikaner in ihr Land eingefallen und nicht umgekehrt. Was also unterscheidet die irakischen Kämpfer von den amerikanischen Kämpfern?

Richtig: Nichts.

Außer, dass sie sich in ihrem eigenen Land befinden und sich aus ihrer Sicht gegen Besatzer wehren.

Es wird in dem Film zwar einmal kurz angedeutet, dass die irakischen Terroristen auch ihre eigenen Landsleute grausam umbringen und dann könnte man natürlich sagen, die Amerikaner sind zu recht dort und helfen auch der unschuldigen Zivilbevölkerung. Allerdings gelingt es ihnen nicht, diese zu retten und wenn sie auf der Seite der Iraker stehen, warum kämpfen sie dann nicht mit ihnen zusammen gegen die Terroristen?

Man sieht: Sobald man diese Gut-Böse-Dichotomie ein wenig näher betrachtet, funktioniert sie nicht mehr. Sie lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn man nicht darüber nachdenkt. Und wollen wir das wirklich? Wild gewordene Hütehunde, die blind jeden zerfetzen, der die Schafherde auch nur finster anguckt?

* Hier meine Kritik zu dem Film:

„American Sniper“ von Clint Eastwood ist ein schwieriger Film. Natürlich kann man bei dem kontroversen Inhalt keine leichte Unterhaltung erwarten, das ist klar. Aber ein spannendes, psychologisch tiefgründiges Drama hätte schon daraus werden können. Das ist auch das, was ich nach Sicht des Trailers erwartet habe, vor allem, weil Clint Eastwood sich bereits häufiger in der Vergangenheit (zum Beispiel im großartigen „Gran Torino“) als sensibler, feinsinniger und kluger Filmemacher erwiesen hat. Leider ist das meines Erachtens bei „American Sniper“ nicht gut gelungen.

Die Kriegsszenen sind sich untereinander sehr ähnlich, es ist keine wirkliche Steigerung oder Entwicklung zu sehen. Zwar macht Chris Kyle eine Wandlung durch, doch seine persönliche Entwicklung, seine Traumata, seine zerbrochenen Ideale und Träume, sein innerer Schmerz, den er bis zur Selbstaufgabe verleugnet (sonst könnte er seinen Job wohl auch nicht weiter ausführen) werden nur angedeutet. Die privaten Szenen zuhause mit seiner Frau und seinen Kindern, das Verhältnis zu seinem Bruder (was passiert eigentlich mit ihm? Diese Frage lässt der Film leider offen) kommen zu kurz. Es blitzen ab und zu ein paar Szenen und Momente auf, die das innere Grauen dieses Mannes erkennen lassen, doch sind diese zu selten. Der Erzählrhythmus ist irgendwie nicht ganz stimmig, die Kriegsszenen sind zu gleichförmig und lang, die Szenen, die zeigen, was der Krieg mit Chris Kyle macht, sind zu kurz und bleiben zu sehr an der Oberfläche.

Am interessantesten in dem Film fand ich den Anfang, als in Rückblenden gezeigt wurde, wie Chris Kyle überhaupt Sniper geworden ist. Da bekam man einen Einblick in die amerikanische Heldenideologie, die mir als pazifistischer, bildungsbürgerlicher Europäerin völlig absurd vorkommt, die jedoch im Film glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt wird. Diese Dreiteilung der Menschheit in Schafe, Wölfe und Hütehunde finde ich zwar Quatsch (vermutlich, weil ich in dieser Kategorisierung eindeutig ein Schaf bin und somit ein Loser), aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen daran wirklich glauben. Und wer davon überzeugt ist und fest daran glaubt, ein Hütehund zu sein, der alle vor den bösen Wölfen beschützen muss, der findet das dann auch absolut logisch, in ein fremdes Land einzufallen und dort Leute zu erschießen, die man als böse betrachtet.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese Überzeugung Kyles, die ja bis zum Schluss nicht wirklich ins Wanken gerät, etwas kritischer hinterfragt worden wäre. Allerdings beruht der Film auf Kyles Autobiographie, er gilt in den USA als Held, da ist es für einen US-amerikanischen Filmemacher wahrscheinlich nicht so naheliegend, den Heldenmythos zu demontieren. Das Hauptzielpublikum dürften außerdem diejenigen sein, die Kyle als Helden verehren und wenn man ihn dann im Kinofilm als gebrochenen, traumatisierten Menschen zeigt, den Krieg nicht als notwendig, sondern als sinnlos darstellt und Verständnis für die Soldaten aufbringt, die Zweifel an der vermeintlich gerechten Sache bekommen, wäre der Misserfolg vorprogrammiert.

Fazit: Insofern sehenswert, weil der Film zum Nachdenken anregt. Allerdings sollte man seine Erwartungen in Sachen Spannung vorher herunterschrauben.

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52. Stück: Ausstellung „Krieg und Propaganda 14/18“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe

Im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist zurzeit noch bis zum 2. November 2014 eine sehr spannende Ausstellung zu sehen, die sich mit der Rolle der Propaganda im ersten Weltkrieg beschäftigt. Gleich zu Beginn von „Krieg und Propaganda 14/18“ wird man auch als Museumsgänger von heute, 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg, in die Propagandamühle hineingesogen. Aus Lautsprechern schallen abwechselnd Motivationsreden und die erste Strophe der deutschen Nationalhymne – die gruseligerweise auch noch Stunden später, nach Verlassen der Ausstellung, als Ohrwurm nachhallt. Zu Beginn werden beunruhigte Stimmen skeptischer Zeitzeugen mit den grellbunten Propagandaplakaten – die an Werbeplakate angelehnt sind – gegenüber gestellt. Ein wenig schade ist, dass im ersten Teil nur die britische und die deutsche Seite beleuchtet werden. Aber irgendeine Auswahl muss man wohl treffen, wenn man eine Ausstellung organisiert.

Die griffigen Slogans, die Heldenmythisierung wirken wie eine Mischung aus Motivationsgerede, emotionaler Erpressung, Fußballeuphorievokabular, Appell ans Pflichtbewusstsein und Werberhetorik. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer das ist, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Bei der Dämonisierung des „Feindes“ geht es dann schon plumper zu: Völlig unsubtil wird gesagt, der Brite an sich sei Schuld, wenn in Deutschland Menschen Hunger leiden und arbeitslos sind. Oder es werden völlig hanebüchene Statistiken ausgedacht, die die Deutschen als in jeder Hinsicht überlegenes Volk präsentieren.

Die Kinder werden später durch patriotisches Spielzeug und Geschichten mit klarem Feindbildbezug indoktriniert. Volksveranstaltungen mit patriotischem Heldengeschwurbel, Filmpropaganda, Kriegshelden-Devotionalien, Satirezeitschriften, Lügen und die Verdrehung von Tatsachen tun ihr Übriges, um die Menschen auf Krieg einzustellen und plötzlich in Grenzen und Territorien zu denken, statt in Nächstenliebe und Toleranz.

Wenn man diese Methoden offenbart sieht, gibt einem das zu denken. Zwar leben wir im Moment in Europa in Frieden und so schnell hat hier wohl keiner Lust auf einen dritten Weltkrieg. Aber wenn doch, greifen die gleichen Propagandamittel wie vor hundert Jahren immer noch. Propaganda fängt ja bereits da an, wo eine Auswahl getroffen wird. Denn dann überblickt man nicht mehr objektiv das ganze Gesamtbild, sondern bekommt eine bestimmte Sicht der Dinge präsentiert, wird in eine Richtung gelenkt. Das muss nicht immer schlimm sein, aber da beginnt schon die Manipulation und Meinungsmache. Insofern ist es vielleicht auch ein wenig paradox, dass auch eine Ausstellung zu Propaganda eine Auswahl treffen muss. Vielleicht ist vollkommene Objektivität auch gar nicht möglich. So bleibt es bei jedem Einzelnen, sich über mehrere Sichtweisen zu informieren, sich umzuschauen, über den Tellerrand zu blicken, neugierig und offen zu bleiben. Und im Hinterkopf zu behalten, gegenüber allzu einfachen Patentrezepten, Formeln und Slogans stets skeptisch zu bleiben.

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51. Stück: Überlegungen zur „Divergent“-Trilogie von Veronica Roth

Meine erste Begegnung mit der Divergent-Trilogie von Veronica Roth (bestehend aus den Romanen Divergent, Insurgent und Allegiant) hatte ich im April im Kino. So wirklich überzeugt hatte mich der Film in seiner Umsetzung nicht, doch der Inhalt hatte mich neugierig gemacht – neugierig genug, um die Bücher im Original zu lesen. In kurzer Zeit habe ich nun alle drei Teile verschlungen und muss sagen, dass sich die Divergent-Trilogie nicht hinter Die Tribute von Panem von Suzanne Collins zu verstecken braucht. Ein Vergleich beider Trilogien liegt nahe, da in beiden Reihen ein junges Mädchen gegen ein dystopisches System kämpft, gegen ihren Willen eine Art Revolutionärin wird und nebenbei auch noch mit den Liebeswirren des Teenagerdaseins zurecht kommen muss.

Doch bei genauer Betrachtung offenbaren sich doch große Unterschiede zwischen den beiden Werken, sodass es sich durchaus lohnt, beide Trilogien zu lesen, ohne dass das eine das gleiche in Grün vom anderen ist.

Der erste Teil von Divergent hatte mich noch nicht so stark gepackt. Das ist das Buch, das gerade verfilmt wurde. Der Film hält sich doch sehr eng an die literarische Vorlage und im ersten Teil wird noch nicht so viel von der dystopischen Welt und ihren Ausmaßen offenbart. Richtig spannend und interessant wird es im Prinzip erst im letzten Drittel des ersten Teils, als die scheinbare Idylle mit den Fraktionen, wo jeder weiß, wo er hingehört, immer stärker ins Wanken gerät. Im ersten Teil scheint es auch noch so als sei die Liebesgeschichte zwischen Beatrice „Tris“ Prior und ihrem Trainer „Four“ Teeniekitsch à la Twilight. Doch im zweiten und dritten Teil sieht man diese Beziehung immer wieder auf die Probe gestellt, man sieht Zweifel, Streit, Enttäuschung, Zusammenraufen und das Ganze wieder von vorn – also eine ganz normale, durchaus realistische Liebesbeziehung, die allmählich wächst und sich wandelt. Tris und Four begegnen sich mit der Zeit auf Augenhöhe – anders als Bella und Edward, wo der edle Vampirritter seine holde Maid ständig rettet, bevormundet und auf fast schon kontrollfreakige Art und Weise „beschützt“, während Bella alle ihre Entscheidungen von ihm abhängig macht.

Was mir allerdings in der Divergent-Trilogie trotz des vielschichtigen, spannenden Inhalts und der Figurenkonzeption, die einen tieferen Blick lohnt, nicht gefällt, ist der Schreibstil. Das Vokabular mangelt an Bandbreite, oft wird das gleiche Wort in einem Absatz dreimal wiederholt. Zum Beispiel „realisiert“ dauernd irgendwer irgendwas. Da ist zum Beispiel Suzanne Collins‘ Sprache bunter, vielseitiger und lebendiger, obwohl auch sie die Ich-Perspektive nutzt. Die ist bei Veronica Roth möglicherweise keine gute Entscheidung. Denn sicher kann man argumentieren, dass Tris und im dritten Teil Four alias Tobias (seine Ich-Perspektive kommt im letzten Teil dazu) beide aus der Fraktion Altruan (im Original Abnegation) stammen. Und die zeichnet sich durch absolute Selbstlosigkeit aus. Ein abwechslungsreicher Sprachstil würde dort vermutlich als ich-bezogen gewertet und abgelehnt. Somit wäre die schlichte, schmucklose Sprache ein Mittel, um die Figuren indirekt zu charakterisieren und durchaus eine konsequente, interessante Idee. Doch der Sprachstil, die Gedankengänge und die Wahrnehmung von Tris und Tobias im dritten Teil ähneln sich stark – da verliert man schnell den Überblick, wer gerade mit „ich“ gemeint ist, wenn man das Buch mitten im Kapitel zur Seite legen musste.

Außerdem lautet mein Motto: Es geht letztendlich immer um den Rezipienten, in diesem Fall dem Leser. Wenn man Tagebuch schreibt, das keiner lesen soll, kann man gern so redundant und uneloquent schreiben wie man will – übertrieben gesagt. Doch wenn man für jemanden schreibt, dann muss man auch diesen Jemand im Hinterkopf behalten. Hier wäre also anstelle der Ich-Perspektive entweder die Sicht einer Nebenfigur oder ein sogenannter allwissender Erzähler sinnvoller gewesen, um den spannenden Inhalt voll auszuschöpfen und die charakterlichen Unterschiede der Figuren stärker hervorzuheben. Stephen King ist beispielsweise ein Meister darin, zwischen allwissendem Erzähler und Blick in die Figuren hin und her zu wechseln und allein dadurch schon Spannung zu erzeugen – wozu dann der Inhalt noch dazu kommt.

Nichtsdestotrotz konnte ich die Bücher kaum aus der Hand legen und auch wenn die Hauptfiguren gelegentlich nerven, wachsen sie einem doch ans Herz, ebenso wie die Nebenfiguren. Ein wenig lästig sind Tris‘ Gewissensbisse, wenn sie überlegt, was ihre Eltern an ihrem Verhalten alles missbilligen würden, weil sie angeblich nicht selbstlos genug ist. Das gehört zu den Dingen, die etwas zu oft wiederholt und betont werden.

Allerdings – und das ist wieder das Gute an der Buchreihe – wird die extreme, absolute Selbstlosigkeit auch kritisch hinterfragt. Alle fünf Fraktionen – Erudite (Ken auf Deutsch), Candor, Amity (Amite), Dauntless (Furox) und Abnegation (Altruan) – gingen von edlen Motiven, gut gemeinten Idealen und klugen Überlegungen aus. Doch im Laufe der Zeit wurden alle immer extremer, bis sich die ursprüngliche Tugend in ihr Gegenteil verkehrte. Aus Neugier und Forschungsdrang wurden Machtstreben und Arroganz, aus Ehrlichkeit wurde Herzlosigkeit, aus Pazifismus Passivität, aus Mut und Tapferkeit wurden Grausamkeit und Brutalität, aus der Selbstlosigkeit und Nächstenliebe wurde Selbstaufgabe. Und das finde ich interessant, denn Veronica Roth macht aus ihrem christlichen Glauben keinen Hehl, streut in die Geschichte auch gelegentlich Hinweise darauf ein, dass der christliche Gott auch für Tris‘ ursprüngliche Fraktion eine wichtige Rolle spielt. Doch insgesamt lässt sich die Reihe als kritisch gegenüber sämtlichen einst gut gemeinten Idealen – wie Religionen es ja auch sind – die durch Fanatismus, Angst vor dem Unbekannten und daraus resultierendem Hass schließlich zu gefährlichem Extremismus verkommen werten. Als Moral von der Geschicht‘ lässt sich festhalten, dass es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Grautöne, Farben und Facetten gibt – und zwar in jedem Menschen. Das ist natürlich nicht neu, doch angesichts dessen, dass sich nach wie vor Menschen wegen Glaubensfragen gegenseitig die Köpfe einhauen anscheinend doch nötig, das immer und immer wieder zu wiederholen.

Fazit: Ich kann jedem nur empfehlen, die Divergent-Reihe selbst zu lesen. Und ich freu mich darauf, mit euch darüber zu diskutieren.

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50. Stück: Kunst, Theater, Politik und Extremismus

In Frankreich gibt es zurzeit einen beängstigenden Rechtsruck. Der rechtsradikale Extremismus des Front National hat nun auch die Kunst erreicht, genauer gesagt, das Theater, insbesondere das Festival d’Avignon. Der Direktor des Festival d’Avignon Olivier Py ist entsetzt, dass der Front National in der ersten Runde bei den Kommunalwahlen die Mehrheit eingefahren hat und plant, das Festival woanders stattfinden zu lassen oder seinen Hut zu nehmen, sollten die Rechtsradikalen auch die zweite Runde, die morgen am 30. März stattfindet, gewinnen. Für dieses Jahr könne man zwar nicht mehr viel am Programm ändern, doch für nächstes Jahr würde er sich bemühen, das Festival d’Avignon in Spielstätten der Nachbarorte zu verlegen – oder gehen. Nun kann man natürlich fragen, was die politische Einstellung des Bürgermeisters einer Stadt mit ihrer Theaterkultur zu tun hat? Sollten Theater und Kunst nicht um ihrer selbst existieren und sich nicht in die Politik einmischen?

Olivier Py sagt – und da stimme ich ihm voll und ganz zu – Nein! „Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, wie es möglich sein soll, mit einer Bürgerschaft aus dem Front National zusammenzuarbeiten“, stellt er im Interview mit laprovence.com klar. Er begründet: „Die Werte des Front National sind das absolute Gegenteil der Werte des Festival d’Avignon und sogar das Gegenteil der Werte von Avignon selbst, die eine multikulturelle Stadt ist.“ Und im Interview mit Télérama.com betont er, die „Kultur ist keine gutbürgerliche Unterhaltung, sie ist eine politische Waffe“ und erläutert: „Kultur soll offen machen für das Andere, die Unterschiede, das Fremde. Jean Vilar selbst – der das Festival 1947 gründete – mochte den Begriff ‚Festival‘ nicht; er hätte den Begriff ‚Begegnungen‘ bevorzugt.“

Gerade wenn ein Land in gefährliche politische Schieflage gerät und sich Extremismus breit macht, sich in die Seelen und Gehirne der Menschen frisst, dann MUSS Kunst Stellung beziehen, zum Nachdenken anregen, ein Gegengewicht bilden, Aufschreien und auf die Barrikaden gehen. Wenn nicht die Kunst, wer sonst? Aber ist es der richtige Weg, mit Kündigung oder Flucht zu drohen? Ist das nicht feige? Olivier Py führt im Interview mit Télérama.com als Beispiel die Reaktion von Charles De Gaulle und Pétain während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an. De Gaulle ging nach London und organisierte von dort aus die Résistance-Bewegung mit. Pétain blieb und kollaborierte mit den Besatzern und machte schließlich gemeinsame Sache mit ihnen. Sicher kann man einwenden, dass der Front National noch keinen Völkermord begangen oder sich daran beteiligt habe und dass der Vergleich daher hinke. Doch: So fängt es an.

Die Nazis hat man Ende der 1920er Jahre auch noch überwiegend für Spinner gehalten, dann fingen immer mehr Menschen an, mit ihnen zu sympathisieren. Je schlechter es dem Land ging, desto radikaler wurde nach Schuldigen dafür gesucht. Und da kam Hitler, präsentierte ein willkommenes Feindbild und der Rest ist bekannt. Aber nun geht es wieder vielen Ländern schlecht, es wird nach Schuldigen gesucht und da ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte wiederholt. In verschiedenen Ländern Europas haben die Rechtsradikalen wieder Hochkonjunktur, in den Niederlanden, in Griechenland, in Russland natürlich, in Frankreich und in der Schweiz. Nationalismus ist wieder en vogue und mir ist das gelinde gesagt unheimlich.

Was aber können Kunst und Theater bewirken? Plumpe, reißerische und effektheischende Provokation à la Rodrigo García halte ich für schwierig. Entweder, die Leute fühlen sich verarscht, sind beleidigt oder applaudieren begeistert und nicken wohlwollend die Kritik ab, gehen nach Hause und das war’s. Wirklich über Inhalte, Standpunkte und ihr eigenes Verhalten dabei nachdenken tun sie dadurch nicht. Auch politisches Theater à la Brecht – und da gehe ich mit René Pollesch d’accord – ist nur bedingt geeignet, Menschen zum politischen Nachdenken zu mobilisieren. Da wird dann die moralische Keule geschwungen und schulmeisterlich der Zeigefinger erhoben und am Ende weiß man zwar, was der Autor des Stücks für politisch richtig hält, doch eine eigene kritische Meinung bildet man sich dabei nicht wirklich. Dann doch lieber ein schöner Skandal, weil irgendein spätpubertierendes Performance-Enfant-Terrible auf der Bühne Kunstblut über eine Jesusfigur im Nacktkostüm gießen lässt.

Weiter seine Arbeit machen und zu hoffen, man könnte im Kleinen vielleicht gelegentlich ein kleines Bisschen dezenten Widerstand leisten, funktioniert mit Sicherheit nicht. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen in Klaus Manns Mephisto. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass mit einem Theaterstück oder einem anderen Kunstwerk überhaupt Stellung bezogen und etwas ausgesagt wird. Man kann auch verschiedene, konträre Standpunkte gegenüber stellen. Und dann sind Vielfalt und Gegensätzlichkeit wichtig, weshalb die kulturelle Landschaft eines Landes und einer Stadt auf keinen Fall weiter ausgedünnt werden darf. Schließlich denke ich, sollten sich Künstler und Kulturschaffende nicht hinter ihren Kunstwerken verstecken, sondern hervortreten und ihre Meinung sagen, so wie das Olivier Py getan hat. Dabei muss man auch bereit sein, notfalls Konsequenzen zu ziehen, die einem schwer fallen. Als im September 2010 der Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Friedrich Schirmer, zurücktrat, war das zwar erst ein Schock. Er wurde von vielen Seiten für diese Entscheidung angefeindet. Aber wäre er geblieben, hätte das Schauspielhaus nicht auf seine Misere aufmerksam machen können und hätte sich davon vielleicht niemals erholt.

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47. Stück: The Hunger Games vs. Twilight

In den letzten Jahren sind hauptsächlich zwei Buchreihen aus der Masse hervorgestochen, die sich dem Fantasygenre zuordnen lassen. „The Hunger Games“ von Suzanne Collins – zu Deutsch „Die Tribute von Panem“ – und die „Twilight“-Reihe von Stephenie Meyer. Über den Erfolg der „Twilight“-Reihe hatte ich mich vor ein paar Jahren bereits gewundert. Über den Erfolg von „Die Tribute von Panem“ hingegen wundere ich mich überhaupt nicht, sondern bin erfreut. Denn das ist richtig gute Literatur: spannend, sozialkritisch, vielschichtig und mit interessanten Figuren, deren Beweggründe sich nachvollziehen lassen (auch bei den ‚Bösewichtern‘).

Da bietet es sich meiner Meinung nach an, die beiden Buchreihen mal miteinander zu vergleichen. In „Twilight“ wie auch in „Panem“ gibt es eine Dreiecksliebesgeschichte. Während es bei „Twilight“ ein Leichtes ist, den einen oder den anderen Kerl zu bevorzugen, ist das bei „Panem“ im Grunde unmöglich, weil beide Figuren so facettenreich und vielschichtig gestaltet sind, das mal der eine, mal der andere sympathischer erscheinen. Darüber hinaus sind auch die Gefühle der Hauptfigur Katniss den beiden Jungs gegenüber viel realistischer, weil ambivalenter, als in „Twilight“.

Bella Swan verknallt sich in den Vampirschnösel Edward Cullen in „Twilight“, weil er (zumindest in der Buchversion, über den Film-Edward breiten wir mal den Mantel des Schweigens) unfassbar gut aussieht, charismatisch und immer so ganz melancholisch drauf ist. Das ist von Anfang bis Ende klar. Auch wenn zwischendurch ihr bester Kumpel Jacob den Seelentröster geben darf, sie zweifelt nie daran, dass sie mit Edward bis in alle Ewigkeiten zusammen sein will. Dabei ist Bella ein leidendes, passives Teeniemädchen, das es kaum abwarten kann, für ihren wohlhabenden Vampirfreund den Haushalt zu schmeißen und ihm eine brave Ehefrau und Mutter zu sein. Alles andere – Studium, Job, Eigenständigkeit – ist ihr scheißegal. Nun kann das natürlich jeder so machen, wie er oder sie das möchte, nur bin ich der Meinung, dass das durchaus seinen Grund hat, warum die Buchreihe damit endet, dass Bella, Edward, ihr Töchterchen Renesmee und der Werwolf Jacob die Oberschurken (die einfach nur grundlos böse waren) besiegt haben und jeder Topf sein Deckelchen gefunden hat. Drei Jahrhunderte oder so später dürfte Bella nämlich allmählich anfangen, sich schrecklich zu langweilen.

Katniss Everdeen hingegen hat ganz andere Probleme, als sich zu verlieben. Ihre beiden Freunde Peeta und Gale ebenfalls. Sie sind weder Vampire noch Werwölfe und müssen zusehen, wie sie überleben. Denn sie leben nicht in einem verschlafenen, amerikanischen Kleinstädtchen wie Bella und Konsorten in „Twilight“, sondern in dem, was in der Zukunft von Nordamerika noch übrig ist – Panem. Eine grausame Diktatur, mit ein paar wenigen reichen Bewohnern im Kapitol, das bei Laune gehalten werden muss, damit es nicht aufbegehrt. Und den normalen Bürgern in den zwölf Distrikten, die unterdrückt werden müssen, damit sie nicht aufbegehren. In dieser Dystopie bleibt kein Platz für Wankelmütigkeit und Wehleidigkeit. Das wirkt sich dann auch auf die Beziehungen zwischen den Figuren aus und macht sie dadurch viel interessanter. Die Figuren des Liebesdreiecks sind sich allesamt ebenbürtig und haben ihre eigene Persönlichkeit. Es ist längst nicht klar, für wen sich Katniss schließlich entscheidet und ob sie das überhaupt tut. Was jedoch klar ist, wenn sie sich für einen der beiden entscheidet, werden sie ein Team sein und nicht einer von beiden das Anhängsel des jeweils anderen.

So unterhaltsam die „Twilight“-Bücher auch zu lesen waren – warum, weiß ich nicht mehr – so glaube ich kaum, dass ich sie mir irgendwann noch mal ein zweites Mal zu Gemüte führen werde. Die „Hunger Games“-Trilogie hingegen könnte ich immer wieder lesen und auch die Filme finde ich sehr gelungen. Dies liegt nicht nur an den unterschiedlichen Liebeskonzeptionen, sondern daran, dass die „Hunger Games“-Bücher insgesamt einfach vielschichtiger und facettenreicher sind und einen auch lange, nachdem man die letzte Seite des letzten Teils gelesen hat, mit den Gedanken noch in der erzählten Welt von Panem nachhängt. Die Mechanismen von Macht und Politik werden unter dem Deckmantel einer Science-Fiction-Fantasy-Geschichte messerscharf analysiert und offengelegt. Diese gesellschaftskritische Ebene fehlt bei „Twilight“ völlig. Da geht es im Prinzip nur um ein rückständiges Weltbild mit anachronistischem Geschlechterrollenverhältnis. Am Ende der „Hunger Games“ – Achtung Spoiler – lassen sich die Motive und Beweggründe von Präsident Snow zwar nicht gutheißen, aber nachvollziehen. Und es lässt sich erkennen, dass die Anführerin der Rebellen, Präsidentin Coin, keinen Deut besser ist als Präsident Snow und dass das Unrechtsregime unter ihrer Herrschaft keinesfalls aufhören würde. Und genau das macht es so spannend.

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