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53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

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49. Stück: Faszination „Germany’s Next Topmodel“ – eine Mutmaßung

Bis zu diesem Jahr habe ich mich immer standhaft geweigert, mir „Germany’s Next Topmodel“ zu Gemüte zu führen. „Die machen doch nichts, stehen nur rum oder latschen so nen Steg runter, so einen Scheiß gucke ich nicht“, war stets meine Devise. Aber dieses Jahr habe ich jetzt doch ein paar Mal reingeschaut und habe festgestellt, dass es doch ein Beruf ist, zu dem auch Talent und Handwerk gehören und den nicht jeder ausführen kann, der einfach nur groß und dünn ist. Das ist natürlich ein bisschen peinlich, dass jemand, der eine Schauspielausbildung hat und jetzt mit Schreiben seine Brötchen verdient, von einem anderen Beruf denkt „Das kann ja wohl jeder“. Denn das ist ja genau das Problem von allen kreativen und/oder künstlerischen Berufen, dass Außenstehende denken, das könne jeder und sei nichts, wofür man eine fundierte Ausbildung bräuchte und überhaupt seien das ja wohl nur Hobbys und da kann man froh sein, wenn man das überhaupt ausüben darf und soll nicht auch noch verlangen, von dem damit (wenn überhaupt) verdienten Geld leben zu können.

Also, Asche auf mein Haupt, da habe ich dem Modelberuf offenkundig Unrecht getan. Denn was man bei „GNTM“ wunderbar sehen kann ist, dass es eben doch nicht so einfach ist, sich in hohen Absätzen elegant und sicher zu bewegen. Und dass es auch gar nicht so leicht ist, vernünftig vor einer Fotokamera zu posen, sodass das  nachher gut aussieht. Was man allerdings auch gut sehen konnte – und da hält sich mein schlechtes Gewissen wegen der banausenhaften Verkennung des Modelstands dann doch in Grenzen – ist, dass die Modelwelt offenbar keine Ahnung vom Schauspielerberuf hat. In der Folge „Extreme Edition“ sollten die Models nämlich eine Szene in einem Restaurant spielen, wo sie furchtbar sauer auf einen Kerl waren. Später sollten sie dann für einen Werbespot so tun als würde ihnen irgendein kaltes Teegesöff unfassbar gut schmecken. Das Ergebnis war durch die Bank weg einfach nur beschämend. Gut, was soll man auch machen, wenn man als Regieanweisung hat: „Sei mal richtig sauer“. Oder: „Sei mal glücklich“. Das ist doch klar, dass da nur hysterisches, sinnentleertes Gekreische oder ein sinnloses Grinsen bei rumkommen. Beim Schauspiel geht es nicht darum, Gefühle darzustellen, sondern darum, was die Figur will und was sie wie tut, um es zu bekommen. Warum ist man wütend und wie äußert sich die Wut? Warum ist man glücklich und wie zeigt man dieses Glück?

Auf jeden Fall wird nicht nur der Schauspielerberuf dadurch völlig verkehrt dargestellt, sondern die Mädchen werden auch noch dabei blamiert. Einen großen Teil der Faszination von „GNTM“ macht meiner Meinung nach eine Mischung aus Fremdscham und Schadenfreude aus. Das ist sehr sehr peinlich, was die Mädchen da teilweise alles mit sich machen lassen und auch das, was sie teilweise für Probleme halten ist mehr als lächerlich. Augenbrauen zu bleich gefärbt, Rabäääääh, Haare abschneiden, heuuuuuul, die hat gesagt, dass die gesagt hat, dass ich gesagt hab, dass sie gesagt hat, mimimimimi. Gleichzeitig kristallisieren sich recht schnell in dieser Sendung Feindbilder und Sympathieträger heraus und dann ist das ein bisschen wie Fußball gucken. Man freut sich, wenn die Feindbild-Kandidatinnen Misserfolge einstecken müssen und man freut sich, wenn die Lieblingskandidatinnen Erfolge verbuchen können.

Was ich bei der „Extreme Edition“ außerdem festgestellt habe, ist, dass es ziemlich viel Spaß zu machen scheint, Kostüme und Mode zu designen und umzusetzen. Ich kann also verstehen, wenn man diese Sendung guckt und hinterher sagt, ich hätte Lust Kostüm- oder Modedesign zu studieren. Was ich nicht verstehe, ist, wie junge Mädchen durch diese Sendung ernsthaft Lust haben können, Model zu werden. Denn ich habe nicht den Eindruck, dass der Beruf da groß geschönt dargestellt wird. Vielleicht ein bisschen, denn ich denke, ähnlich wie beim Schauspiel, wenn man nicht Heidi Klum und Wolfgang Joop kennen lernt, sondern ein ganz normales Model ohne Vitamin B ist, dann ist das noch tausend Mal schwieriger, in der Branche Fuß zu fassen, sodass man davon leben kann.

Und wenn man Fuß gefasst hat, was dann? Als Model ist man ja im Grunde, böse gesagt, ein lebender Kleiderständer. Die Aufgabe von Models ist, Produkte, Kleidung und Kosmetik so zu präsentieren, dass Leute das Zeug unbedingt haben wollen und bei nächstbester Gelegenheit kaufen. Aber Models sind nicht diejenigen, die kreativ sein, eigene Vorschläge machen oder eigene Ideen haben dürfen. Die sollen tun, was ihnen gesagt wird und das war es dann auch schon. Und zum Dank darf man sich dann wie Schlachtvieh behandeln und wie Ware begutachten lassen. Wer will das denn?

Das zumindest ist mein Eindruck, den ich durch „Germany’s Next Topmodel“ gewonnen habe. Trotzdem wollen alle diese Mädchen unbedingt als Nummer eins aus dieser gruseligen Serie hervorgehen. Dabei haben sich die wenigsten Gewinnerinnen der letzten Jahre dauerhaft einen Namen in der Modelbranche gemacht. Einige üben jetzt einen ganz anderen Beruf aus, andere tingeln von Show zu Show und von anderen hört man gar nichts mehr. Und die Mädchen, die da teilnehmen, da ist die Älteste grad mal Anfang 20 oder so, die meisten sind so 16-18 Jahre jung. Die haben doch noch gar nicht das Selbstbewusstsein, um sich mit heiler Seele in diesem Haifischbecken von Modebranche zu behaupten. Auch nicht die, die so selbstbewusst tun und herumposaunen, sie wären die Beste. Das glauben sie vielleicht, aber sie plappern einfach nur Phrasen nach, die sie vermutlich in den letzten Staffeln oder bei irgendwelchen anderen Castingshows aufgeschnappt haben.

Außerdem schneiden die das ja hinterher auch so zusammen, dass sich bestimmte Kandidatentypen herauskristallisieren. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es nicht darum geht, wohltätigerweise kleinen Mädchen eine Traumkarriere zu ermöglichen, sondern darum, Kohle zu scheffeln und Fernsehdeutschland zu unterhalten. Also braucht man bestimmte Typen, bestimmte Klischees, mit denen sich jeder Zuschauer identifizieren oder das er ablehnen kann. Die Zicke, die sich für was Besseres hält, die Liebe, die immer vermitteln will, die Doofe, die immer irgendwelche dummen Sachen in fragwürdiger Grammatik vom Stapel lässt, die Süße, die ein bisschen naiv, aber zum Knuddeln ist, die Emotionale, die immer gleich anfängt zu flennen, die Schicksalsgebeutelte, die meint, die Sendung wäre ihre letzte Chance, im Leben noch irgendwas Schönes zu erleben, die Natürliche, die man gern als Freundin hätte, und so weiter. Am Anfang waren noch ein paar Mädchen dabei, die sich nicht einem dieser Typen zuordnen ließen und deren Gesicht man sich nicht merken konnte. Die scheiden jetzt nach und nach aus. Diejenigen, die die Show unterhaltsam machen, sind die, die bis zum Schluss drinbleiben.

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46. Stück: „Requiem for a Dream“ als moderne „Glasmenagerie“?

Manchmal, wenn ich einen Film anschaue oder ein Buch lese, fallen mir meine alten Vorsprechrollen wieder ein. Vorsprechrollen sind Ausschnitte aus Theaterstücken, die Schauspieler zum einen für ihre Abschlussprüfung vorbereiten, zum anderen bei Castings und Vorsprechen präsentieren, damit die Regisseure, Dramaturgen und Produzenten sehen können, ob die Schauspieler was taugen. Das hat dann natürlich nichts mit der tatsächlichen Arbeit auf der Bühne oder vor der Kamera zu tun – es gibt viele Schauspieler, die vor Aufregung und Nervosität, oder einfach weil beim Vorsprechen kein wohlwollendes Gegenüber in Gestalt eines Publikums vorhanden ist, bei diesen Bewerbungsprozeduren ganz furchtbar, unter normalen Umständen aber ganz wunderbar sind – aber so ist das halt. Jedenfalls hatte ich bei meiner Abschlussprüfung drei Vorsprechrollen vorbereitet (Jean Anouilhs Antigone, St. Just aus Georg Büchners Dantons Tod und Sarah Kanes 4.48 Psychose) und weil ich das Stück von Sarah Kane gründlich vermasselt habe und das einfach nur peinlich war, arbeitete ich nach der Ausbildung stattdessen die Laura aus Tennessee Williams Die Glasmenagerie. Es hieß, die Rolle würde gut zu mir passen. Mädchenhaft. Verträumt. Scheu. Passt natürlich super, wenn man aussieht, wie Bambis kleine Schwester mit Zuckerguss. Ich habe diese Rolle nie hinbekommen. Und ich habe diese Rolle nach kurzer Zeit gehasst.

Warum? Weil es mich fürchterlich genervt hat, dieses mädchenhafte, verträumte, scheue Geschöpf zu spielen, das überhaupt nicht aufbegehrt. So was zu spielen ist langweilig. Auch, wenn es vielleicht realistisch ist und es in der wirklichen Welt viele Menschen gibt, die so sind. Die sich in ihre Traumwelt zurückziehen und darin bleiben. Und nie verändert sich irgendetwas. Aber auf der Bühne ist das öde – sowohl für den Schauspieler als auch für den Zuschauer.

Jedenfalls fiel mir diese Laura wieder ein, beziehungsweise Tennessee Williams Glasmenagerie und das Figurenensemble darin, als ich für meine Masterarbeit über Mentale Metadiegesen im zeitgenössischen Film Darren Aronofskys Requiem for a Dream anschaute. Bei mentalen Metadiegesen handelt es sich sozusagen um Binnenerzählungen – also kurzen Erzählungen in größeren Erzählungen – die das Innenleben beziehungsweise das, was in den Köpfen der Figuren vorgeht, darstellen. Das können Erinnerungen, Träume, Visionen, Vorstellungen oder auch ausgedachte Geschichten sein.

In der Glasmenagerie gibt es vier Figuren, beziehungsweise fünf, wenn man den abwesenden Vater mitzählt. Die Familie Wingfield bestehend aus den Geschwistern Laura und Tom sowie aus der Mutter Amanda und ein Kollege und Schulkamerad von Tom, Jim O’Connor. Amanda Wingfield trauert ihrer Jugend nach, Laura ist leicht körperlich behindert (ein Bein ist kürzer als das andere) und Tom wäre gern Schriftsteller. Jim hat große Pläne als Geschäftsmann und nimmt an Rhetorikkursen teil. Alle Figuren flüchten sich in Träume und Vorstellungen, versinken völlig darin und vergessen darüber ihre Realität. Einzig Tom schafft es irgendwann, aus diesen beengten Verhältnissen auszubrechen und geht zur Marine. Doch den Traum, als Schriftsteller zu arbeiten, muss er dafür aufgeben. Und seine Familie – wie damals sein Vater – im Stich lassen.

Hier ist ein kleiner Einblick in das Stück, Schauspieler erzählen etwas über die Figuren:

Requiem for a Dream stellt ebenfalls vier Figuren in den Mittelpunkt, auch hier ist der Vater abwesend. Die Mutter Sara Goldfarb lebt für ihren Traum, als Kandidatin in ihrer Lieblings-Fernsehsendung aufzutreten. Ihr Sohn Harry ist drogensüchtig, dessen Kumpel Tyrone ebenfalls und es dauert nicht lange, da spritzt sich auch seine Freundin Marion Heroin. Doch auch diese Drei haben einen Traum. Sie wollen durch Dealen viel Geld verdienen, damit Marion als Modedesignerin in ihrer eigenen Boutique arbeiten kann. Wenn sie genug Geld zusammenhaben, wollen sie seriös werden und ein normales, bürgerliches, anständiges Leben führen.

Hier ist der Trailer zu Requiem for a Dream:

Sicher gibt es Unterschiede zwischen der Glasmenagerie und Requiem for a Dream. In dem Stück nimmt keine der Figuren Drogen, die in dem Film eine zentrale Rolle spielen. In dem Film ist keine der Figuren körperlich beeinträchtigt, im Stück ist es ein wichtiger Teil der Figur Laura, dass diese eine leichte Behinderung hat und dies mit ein Grund für ihre Minderwertigkeitskomplexe ist. Aber ich finde, vom Thema her und von der Atmosphäre lassen sich die beiden Werke durchaus vergleichen. In beiden Geschichten geht es um zerbrochene Träume und um Figuren, die trotz aller Widrigkeiten an ihren Träumen festhalten, bis sie schließlich zu ihrem einzigen Daseinsgrund und Lebensinhalt geworden sind. Tom fällt aus diesem Muster zwar heraus, aber ich denke, an seiner Figur kann man erkennen, wie sehr Laura, Amanda und auch Jim sich etwas vormachen – was gleichzeitig ihr Verderben und ihre Lebensgrundlage darstellt. Im Film braucht es eine solche Figur nicht, denn durch filmische Mittel werden die zerbrochenen Träume und die Realität der Figuren nebeneinander gestellt und auf diese Weise das erzählt, was in der Glasmenagerie durch die Figur Tom klar wird.

Vielleicht habe ich damals die Figur der Laura auch schlichtweg fehlinterpretiert und deswegen war die Rollenarbeit an ihr ein solches Desaster. Sie ist nämlich nicht einfach nur mädchenhaft, scheu und verträumt. Sie ist hin und her gerissen, wie sämtliche Figuren in der Glasmenagerie und auch in Requiem for a Dream, zwischen ihren Träumen und der Wirklichkeit und das macht sie zu einem ambivalenten, widersprüchlichen Charakter. Eigentlich also doch nicht so langweilig. Vielleicht würde die Geschichte der Glasmenagerie heutzutage im „White Trash“-Millieu gut funktionieren und vielleicht würde Amanda nicht ihrer verlorenen Jugend hinterher trauern, sondern hoffen, in einer Fernsehshow auftreten zu dürfen. Vielleicht würden Tom und Jim nicht in einer Schuhfabrik arbeiten, sondern versuchen mit Drogenhandel das schnelle Geld zu verdienen, um sich ein freies, eigenständiges und seriöses Leben darauf aufzubauen. Und vielleicht würde Laura sich davon verführen lassen und statt Glastierchen zu sammeln plötzlich dem Heroin verfallen.

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Eingeordnet unter Beruf Schauspieler, Dramaturgie, Film und Fernsehen, Theater

39. Stück: Katrin Sass‘ Zorn – Arroganz oder berechtigte Empörung?

In letzter Zeit kursiert im Internet ein Videoausschnitt von der Markus Lanz-Talkshow, in dem Katrin Sass (56, „Goodbye Lenin“) Peer Kusmagk (37, Dschungelkönig bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ 2011) ziemlich aufgebracht zusammengefaltet hat. Grund ihres Zorns war die Grimme-Preis-Nominierung für das „Dschungelcamp – Ich bin ein Star holt mich hier raus“.

Frau Sass echauffiert sich darüber, dass infolge dieser Nominierung nun einige so täten – aus ihrer Sicht – als sei das „Dschungelcamp“ große Kunst und intellektuell wertvolles Kulturgut. Das hält sie für „Unfug“, denn schließlich gehe man ja nicht in den Dschungel, um Känguruhoden zu vertilgen, sondern man mache bei der Show mit, weil man das Geld haben wolle und sich zudem Publicity erhoffe, und dann solle man das auch so sagen und nicht behaupten: „Ich esse Schwänze, aber mit erhobenen Hauptes!“

Wer sich Katrin Sass‘ Ausraster noch einmal anschauen möchte, kann das hier tun:

Nun, meine erste Reaktion war Zustimmung für Katrin Sass. Ein bisschen Mitleid mit Peer Kusmagk, der ja überhaupt nichts dafür kann, dass er Dschungelkönig geworden und die Sendung für den Grimme-Preis nominiert ist. Und nun sitzt er da in einer Talkshow, ahnt nichts Böses, will ein bisschen was aus seinem Leben erzählen und wird dann so fies zusammengefaltet und kriegt den ganzen heiligen Zorn von Katrin Sass ab. Das ist natürlich nicht sehr nett, aber inhaltlich konnte ich Frau Sass Ärger nachvollziehen. Bevor jetzt alle sagen, ja klar, diese arroganten Intellektuellen immer, die halten auch dauernd zusammen, möchte ich erklären, warum ich Frau Sass in einigen Punkten zustimme.

Als Schauspieler hat man es sowieso schon nicht leicht, ernst genommen zu werden. Das Image des fahrenden Volkes haftet ihnen nach wie vor an und es herrscht die Meinung vor, dass Schauspieler ja schließlich aus Spaß schauspielen und das sei ja auch kein richtiger Beruf und außerdem so ein bisschen Text aufsagen, das kann ja jeder und selber Schuld, wer sich entscheidet, Künstler zu werden und warum sollte man die dann auch noch anständig bezahlen. Überspitzt formuliert und Ausnahmen bestätigen die Regel. Das betrifft übrigens nicht nur die unbekannten Nobodys die frisch von der Schauspielschule sich ins Haifischbecken gesammelter Eitelkeiten stürzen, sondern auch renommiertere Schauspieler müssen zusehen, wie sie ihre Miete und täglich eine warme Mahlzeit bezahlen. Wenn dann eine Sendung wie das „Dschungelcamp“, das Zehntausende von Euros dafür ausgibt, damit irgendwelche Leute eklige Sachen essen, für eine wichtige Auszeichnung wie den Grimme-Preis nominiert wurde, kann ich nachvollziehen, dass man sich da als Schauspieler mit jahrzehntelanger Bühnen-, Film- und Fernseherfahrung und fundierter Ausbildung verarscht vorkommt.

Dann aber habe ich recherchiert und bin ins Grübeln gekommen. Peer Kusmagk hat nämlich auch eine fundierte Ausbildung absolviert, am Lee Strasberg Institute in den USA. Gut, ich persönlich halte von Strasberg nicht viel, aber nichtsdestotrotz ist das eine anerkannte Schauspielausbildung. Auch er hat Fernseh- und Schauspielerfahrung gesammelt über mehrere Jahre. Sprich: Er ist genau so ein Profi, wie Katrin Sass. Auch wenn ihn vielleicht nicht so viele Leute kennen und er weniger auf der Bühne und im Kino unterwegs ist und mehr im Fernsehen in Serien oder als Moderator. Das ist etwas anderes, aber es ist keineswegs schlechter oder weniger ehrenwert.

Und wie ist das mit dem Grimme-Preis? Ist das wirklich so abwegig, dass das „Dschungelcamp“ nominiert wurde? Auch da, meine erste Reaktion: Empörung! Wie kann man nur! Der Grimme-Preis! Das Dschungelcamp! Unmöglich! Schaut man auf der Homepage des Grimme-Preises, findet man dort folgende Erklärung: „Mit einem Grimme-Preis werden Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind. Leitziel der im Grimme-Preis institutionalisierten Fernsehkritik ist eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Fernsehen, das als zentrales und bedeutsames Medium mit vielfachen gesellschaftlichen Bezügen und Wirkungen verstanden wird. In diese kritische Auseinandersetzung sind alle Themen und Formen des Fernsehens einbezogen.“

So gesehen ist das also doch nicht so bescheuert, das „Dschungelcamp“ in der Kategorie Unterhaltung zu nominieren. Wenn man da mal so darüber nachdenkt ist das höchst interessant. Immerhin haben sie es mit der Nominierung ja auch geschafft, dass unsere Vorstellungen von Kultur nun neu reflektiert werden und vielleicht auch werden müssen. Ich hatte mich ja bereits darüber aufgeregt, dass hierzulande immer alles in E(rnste) und U(nterhaltsame) Kultur unterteilt wird. Meiner Meinung nach sind die Produktionen am besten, die beides vereinen. Das „Dschungelcamp“ hätte ich jetzt – Asche auf mein Haupt, auch ich bin nicht frei von Vorurteilen – in die Kategorie „nur unterhaltsam“ gepackt. Aber die Moderatoren üben ja durchaus ironische Distanz zu dem Geschehen im Dschungel, was dann meiner Ansicht nach das Ganze wieder im Niveau hebt. Also, reiner purer Trash ist das gar nicht unbedingt. Auch wenn viele Teilnehmer geltungssüchtige Niemande sind, die sich in den Mittelpunkt stellen und die Publicity haben wollen oder Pleite-Promis, die das Geld brauchen, sind ja auch immer wieder Kandidaten wie Olivia Jones dabei, die das aus Jux machen und Selbstironie beweisen. Und ich bin sicher nicht die Einzige, die sich ob dieser Nominierung nun kritisch mit dem Medium Fernsehen auseinandersetzt. Da sind doch, mal ganz ehrlich, die Kriterien für eine Grimme-Preis-Nominierung für das „Dschungelcamp“ erfüllt.

Zusammengefasst komme ich also zu folgendem Schluss: Katrin Sass‘ Zorn über das Nicht-ernstgenommen-werden des Schauspielerberufs – was ich als eigentlichen Grund für ihren Ausraster sehe – ist durchaus begründet. Vermutlich hat auch sie sich nicht wirklich über den Grimme-Preis und Peer Kusmagk informiert und auch sie hat das „Dschungelcamp“ voreilig als Mist abgetan. Wenn man allerdings ein wenig darüber nachdenkt, ist die Nominierung durchaus sinnvoll. Und Peer Kusmagk war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

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38. Stück: Gute Schauspieler, schlechte Schauspieler

Gestern Abend habe ich Quentin Tarantinos Django Unchained im Kino gesehen. Mir fiel wieder ein, dass ich ja schon nach Inglourious Basterds mit dem Gedanken geliebäugelt hatte, mal was darüber zu schreiben, was eigentlich einen guten und was einen schlechten Schauspieler ausmacht.

Django Unchained ist da vielleicht nicht so ein passendes Beispiel, da waren nämlich alle Schauspieler klasse. Aber Inglourious Basterds hatte Christoph Waltz, Brad Pitt, Martin Wuttke auf der einen und Diane Kruger sowie Til Schweiger auf der anderen Seite. Weiteres Beispiel ist vielleicht noch Matthias Schweighöfers Schlussmacher den zu sehen ich letzten Dienstag den Fehler begangen habe. Da gab es Matthias Schweighöfer höchstselbst zum einen und den wunderbaren Milan Peschel zum anderen.

Wie kommt das nun aber, dass ich bei Til Schweiger, Diane Kruger oder Matthias Schweighöfer entweder nur vor Entsetzen erschaudere oder mich schrecklich fremdschäme. Bei Christoph Waltz, Martin Wuttke, Milan Peschel oder Brad Pitt aber mit großem Vergnügen ihr Spiel bestaune und trotzdem der Geschichte folge, die sie erzählen. Bei den schlechten Schauspielern reißt einen das ja total aus der Handlung raus, wenn man sich so über ihre mangelnde Handwerkskunst ärgern muss.

Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist das Verhältnis zu sich selbst. Nimmt man sich selbst als Schauspieler viel zu ernst und wichtig, zelebriert diesen seinen Narzissmus wo es nur geht, hat dann auch noch keine Selbstironie und somit keinen Sinn für Humor, ist das schon mal ein guter Ansatz, um so richtig mies zu spielen. Insbesondere bei sogenannten Jungschauspielern – die einen auf Berliner Hipster machen, die einen ja auch in dem einen oder anderen Tatort des Öfteren mit ihrer Eitelkeit und mimikstabilen Hackfresse belästigen – habe ich den Eindruck, die finden sich selbst supertoll und deswegen müssten sie auch ihre Arbeit nicht richtig machen (also schauspielen), weil die können ja eh alles. Eine leichte Tendenz in diese unangenehme Richtung meine ich auch bei Kollege Schweighöfer im Schlussmacher bemerkt zu haben. Eitel und selbstgefällig, ohne Sinn für Timing, Witz und Situationskomik, ohne dramaturgisches Geschick wurden da Banalitäten an Klischees an Stereotypen an Platitüden gereiht und der ganze langweilige Tröt dann auch noch mit penetranter Schleichwerbung durchtränkt, dass nicht einmal Milan Peschel etwas dagegen tun konnte. Dabei ist der normalerweise ein sehr guter Schauspieler, weil er sich voll und ganz auf das Spiel „A spielt B und C schaut zu“ einlässt. Bei Schweighöfer hat man eher den Eindruck „A findet A toll, leiht B sein atemberaubendes Äußeres und C darf bewundern und wird ansonsten für dumm verkauft“. Übrigens findet sich diese Selbstironie, das Einlassen auf das Spiel und die Komplizenschaft mit dem Zuschauer besonders schön bei Christoph Waltz wieder. Ich würde sogar behaupten, er ist zurzeit der Schauspieler, der das am besten beherrscht. Und Brad Pitt beweist ja nicht zuletzt seit Fight Club, dass er sich nicht nur auf sein sogenanntes gutes Aussehen verlässt, sondern auch kein Problem damit hat, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. In diese Kategorie gehört auch George Clooney (Burn after Reading! Männer, die auf Ziegen starren!).

Ein weiterer Punkt – etwas spießig, ich weiß, aber unumgänglich – ist das Handwerk. Warum keiner findet, dass Til Schweiger ein guter Schauspieler ist, liegt vor allem daran, dass der nicht richtig sprechen kann. Diane Kruger übrigens auch nicht. Da merkt man am deutlichsten, wer eine Schauspielausbildung genossen hat und wer nicht. Oder wer zwar auf der Schauspielschule war, aber dachte, er kann eh schon alles und muss keine Phonetikübungen und nichts machen, weil er so toll ist. Das spielt natürlich auch in die Kategorie „Nimmt sich selbst viel zu wichtig“ mit hinein. Jedenfalls, Fakt ist, man kann sich selbst für den Größten halten, wenn man als Schauspieler seinen Körper, seine Sprache und seine Körpersprache nicht beherrscht, dann ist man auch nicht gut. Basta. Diane Kruger zum Beispiel hat ja auch null Körperspannung, wie sie da immer die Schultern hängen lässt und keinen Ausdruck im Gesicht hat. Deswegen hat die ja auch keine Ausstrahlung. Einen Schauspieler ohne Ausstrahlung kann man direkt mal vergessen. Mit Herrn Schweigers Ausstrahlung ist es im Übrigen auch nicht so weit her. Der kriegt ja nicht nur die Zähne nicht auseinander, der kriegt ja gar nichts in seinem Gesicht nennenswert bewegt und aus seinen Augen leuchtet überhaupt nichts. Bei Christoph Waltz hingegen blitzt es immer hintersinnig aus den Augenwinkeln. Da denkt man, da geht noch was, da ist noch mehr, da steckt was dahinter. Nicht so bei Schweiger, Schweighöfer oder Kruger. Schweighöfer beherrscht zwar einigermaßen sein Handwerk (als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur sollte er sich das hingegen noch mal überlegen), aber wer sich selbst so grandios findet und sich nur selbst darstellt, hat eben auch nur sich selbst in den Augen und kein Geheimnis, das einen neugierig auf mehr macht.

Und was hat es bei der ganzen Sache nun mit diesem sagenumwobenen „Talent“ zu tun? Gibt’s das am Ende gar nicht und ein guter Schauspieler ist einfach nur die Mischung aus einer bescheidenen, selbstironischen, aber wachen und neugierigen inneren Haltung auf der einen und dem sorgfältigen Erlernen und Üben des Handwerks auf der anderen Seite? Oder gibt es so etwas wie Naturtalente? Ist da ein Unterschied zwischen Theater- und Filmschauspielern? Fragen, die ich gern zur Debatte stelle …

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36. Stück: Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone oder wie improvisiert man eine Geschichte?

Themen meiner mündlichen Prüfung, Folge 2: „Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone“. Folge 1 „Das Unheimliche in E.T.A. Hoffmanns Nachtstücken“ gibt’s hier.

Wer schon einmal eine Vorstellung von Improvisationstheater miterlebt hat, weiß, dass es dabei oft sehr lustig zugeht. Das liegt vermutlich daran, dass die einzelnen improvisierten Szenen in der Regel recht kurz sind und somit an Sketche erinnern, die im Grunde so was wie gespielte und dargestellte Witze sind. Was Keith Johnstone jedoch eigentlich im Sinn hatte, als er anfing sein Konzept des Theatersports zu entwickeln, war das Erzählen von Geschichten. Seiner Ansicht nach (und auch meiner) bleibt von einem Improvisationsabend nichts haften, wenn den Szenen eine Grundlage fehlt und sie einfach nur billige Gags aneinander reihen. Diese Grundlage stellt die Geschichte dar.

Nun ist es ja beim Improvisationstheater anders als in der Literatur, im Film oder im Drama, da die Geschichten nicht schon feststehen, sondern erst auf der Bühne unmittelbar in dem Moment entstehen. Während man also bei Drehbüchern, literarischen Texten und Dramen die verschiedenen Ereignisse, Handlungen und Geschehen immer wieder neu und anders ordnen und störende, unpassende Elemente wieder streichen oder neue hinzufügen kann, hat man diese Möglichkeit beim Improvisationstheater nicht. Das Erzählen von Geschichten funktioniert hier also ein wenig anders. Man kann nicht planen und sollte das auch am Besten gar nicht erst versuchen, da man sonst seine eigene Fantasie und die seines Spielpartners bremst.

Johnstone hat sich daher eine Reihe von Spielen, Tricks und Übungen ausgedacht, die die Fantasie der Spieler beflügeln und die spontane Kreativität anregen. Dabei sollten die Spieler aber auch „da sein“, also im Moment hellwach sein und nicht vorausdenken, da sie sonst nicht mehr darauf achten können, was ihr Partner macht. Auf diese Weise können durch das Akzeptieren von (Spiel-)Angeboten Handlungen in Gang gebracht werden. Johnstone spricht hierbei davon, eine Routine zu etablieren. Durch neue (Spiel-)Angebote und das Akzeptieren derselben wird die Routine durchbrochen und eine neue Routine entsteht, die wiederum durchbrochen wird. Da aber aneinandergereihtes Geschehen ohne Kausalzusammenhang noch keine Geschichte ergibt, müssen diese einzelnen Elemente miteinander logisch und folgerichtig verknüpft werden. Daher wehrt Johnstone auch jegliche Versuche seiner Schüler ab, „originell“ sein zu wollen. Weil man damit auf Klischees zurückgreift, anstatt bei einer Handlung zu bleiben und diese so weit wie möglich voranzutreiben. Eine weitere Empfehlung ist, die Handlung auf der Bühne im Hier und Jetzt stattfinden zu lassen. Es ist spannender, Leute auf einer Party zu sehen, als Leute zu sehen, die sich über die Party von letzter Nacht unterhalten.

Das Unterbrechen einer Routine und das Herstellen von Zusammenhängen sind also wichtige narrative Aspekte im Improvisationstheater. Johnstone nennt das Etablieren einer Routine die „Plattform“ und das Unterbrechen der Routine „Kippen“. Wichtig hierbei ist, dass das Kippen die Spieler verändert, sonst wurde die Routine nicht wirklich unterbrochen. Die Plattform ist wichtig, damit von ihr das Kippen unterschieden werden kann. Wenn die Spieler mit einem Sofort-Problem oder gleich mit einem Konflikt die Bühne betreten, ist es sehr schwierig, daraus noch eine Handlung und eine Geschichte zu entwickeln. In der Erzähltheorie spricht man hierbei von einer Zustandsveränderung. Eine Geschichte ist allerdings erst fertig, wenn es ein Ende gibt. Natürlich sind auch offene Enden denkbar, aber da die Szenen beim Improvisationstheater kurz und knackig sind, ist es hierbei oft effektiver, wenn man in einer Schlusspointe etwas vom Anfang wieder aufgreift. Damit schließt sich der Kreis und der Zuschauer freut sich.

Die (Spiel-)Angebote lassen sich noch weiter ausdifferenzieren. So gibt es Kontrollangebote, wenn der Spieler, der das Angebot macht bereits das ganze Problem und die ganze Situation ausformuliert und dem Mitspieler keine Möglichkeit mehr lässt, noch etwas hinzuzufügen. So kommt natürlich keine Handlung und schon gar keine Geschichte zustande. Das ist so, als würde man in einem Interview nur „Ja“- und „Nein“-Fragen stellen. Dann kann man langweilige und spannende Angebote machen. Ein langweiliges Angebot muss aber keine langweilige Szene zur Folge haben, erst Recht nicht, wenn man diese über-akzeptiert. Ein Improvisationsspiel, mit dem man das Über-Akzeptieren langweiliger Angebote trainieren kann, ist das Spiel „Es ist Dienstag“. Der Name des Spiels bezieht sich hierbei auf ein besonders langweiliges Angebot. „Welchen Tag haben wir heute?“ – „Es ist Dienstag“. Und das kann nun mit einer übertriebenen emotionalen Reaktion über-akzeptiert werden. Die meisten Improvisationsspieler werden dann verzweifelt oder wütend („Dienstag!? Das sagst du mir JETZT!? Heute habe ich doch meine Prüfung, davon hängt der ganze restliche Fortlauf meines Lebens ab und du sagst, es ist Dienstag!?“), aber man kann natürlich auch extrem traurig oder fröhlich werden. Wenn man mit seiner Tirade fertig ist, macht man wiederum ein langweiliges Angebot, z. B. „Ist noch Kaffee da?“, woraufhin der andere durchdreht. Das ergibt ohne Kausalzusammenhang zwar noch keine Geschichte, trainiert aber das Machen und Akzeptieren von Angeboten und macht Spaß. Ein spannendes Angebot wäre zum Beispiel, wenn der eine Spieler andeutet, dass der andere aus dem Gefängnis oder einer Anstalt für psychisch gestörte Schwerverbrecher entflohen ist („Johnny, haben sie dich entlassen? Ich dachte du hättest lebenslänglich!“). Eine weitere Übung ist, dass einer langweilige Angebote macht und der andere sie akzeptiert und seinerseits ein spannendes Angebot macht. Auch sehr unterhaltsam. Schließlich gibt es noch blinde Angebote, bei der der eine Spieler überhaupt nichts festlegt und alles offen lässt, zum Beispiel, indem er seinem Mitspieler etwas hinhält und sagt: „Halt mal kurz“. Dann muss der Mitspieler definieren, worum es sich handelt und kommt gar nicht darum herum, seine Fantasie und Kreativität anzukurbeln. Das kann man beispielsweise mit dem Geschenke-Spiel trainieren. Ein Spieler schenkt einem anderen etwas, ohne anzudeuten, was es ist. Der andere muss dann dadurch, dass er seine Arme weiter ausbreitet oder mimt, dass etwas sehr schwer ist, definieren, was er geschenkt bekommen hat. Dann schenkt er dem ersten wieder etwas und so fort. Das ergibt allerdings noch keine Geschichte.

Eine weitere, sehr schöne Übung, um seinen Spielpartner definieren zu lassen, worum es geht und gleichzeitig eine Geschichte entstehen zu lassen, ist das „Stimmchen-Spiel“. Ein Spieler versteckt sich hinter dem Vorhang und ein anderer Spieler betritt die Bühne. Wichtig ist, dass der Spieler, der die Bühne betritt nicht darauf wartet, dass das Stimmchen von dem Spieler aus dem Off kommt. Sonst ist er nicht im Moment und fängt an zu planen und macht sich seine Fantasie und Kreativität kaputt. Der Spieler auf der Bühne ist also mit einer Tätigkeit beschäftigt, vielleicht sucht er Pilze im Wald oder räumt seine Wohnung auf oder kocht sich Abendessen. Dann wird er in dieser Tätigkeit von dem Stimmchen unterbrochen (Unterbrechen der Routine, Kippen der Plattform). Dann muss er definieren, worum es sich bei dem Stimmchen handelt. Im Wald kann er zum Beispiel einer sprechenden Maus begegnen. Beim Wohnungaufräumen trifft er vielleicht auf eine Kakerlake, die seine Hilfe braucht. Und beim Abendessen kochen kann das Gemüse ihn darum bitten, sein Leben zu verschonen. Das für den Zuschauer unsichtbare Wesen, dem das Stimmchen gehört, muss also definiert werden und dann muss auch diese Routine, die Begegnung mit dem Wesen, unterbrochen werden. Das kleine Wesen hat dann ein Problem und braucht Hilfe oder es ist wütend und auf Rache aus. Auch hier ist es wichtig, dass die Spieler definieren, worum es geht, da sie sonst durch das Hinauszögern einer Entscheidung den Handlungsverlauf zum Stocken bringen. Enden tut die Szene dann zum Beispiel, indem die Anfangstätigkeit wieder aufgegriffen wird, nachdem das Problem gelöst wurde.

Auch beim Stimmchenspiel ist der Kausalzusammenhang für das Entstehen einer Geschichte unerlässlich. Das heißt, dass Geheimnisse, die aufgebaut wurden, aufgeklärt werden müssen und Konflikte, die etabliert wurden, gelöst und zuende geführt werden. Wenn Elemente eingeführt werden, die für die Handlung keinen Sinn ergeben, ist das ein gebrochenes Versprechen an das Publikum, das darauf mit Enttäuschung reagiert. Im Improvisationstheater ist es meistens üblich, dass man das Publikum mit einbezieht, indem man es um Vorschläge bittet. Johnstone rät davon ab, weil Zuschauer oft originell sein wollen und dann auf die Frage nach einem Ort „Auf dem Klo“ antworten, womit man nicht wirklich viel anfangen kann. Wenn man die Zuschauer um Vorschläge bittet, sollte man also nur die Vorschläge aufgreifen, mit denen man auch etwas anfangen kann und seine Versprechen auch einlösen.

Ich liebäugele schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, ob sich dieses Prinzip des spontanen Geschichte-Erzählens nicht auch auf das Medium Internet und die sozialen Netzwerke übertragen lässt. Vielleicht teste ich das demnächst einfach mal auf meiner Facebook-Seite, dass ich ein paar Vorschläge der User (das Publikum im Internet) sammle und dann durch das Etablieren und Durchbrechen einer Routine und das Wiederaufgreifen von eingeführten Elementen daraus eine Geschichte spinne …

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34. Stück: Die Situation der Schauspieler – Ein Appell

Es gibt wohl kaum einen Beruf, bei dem die Ausübung und die Beschaffung von Arbeit derartig auseinander driften, wie der des Schauspielers. Vielleicht kennt noch jemand die Fabel von Lafontaine über die Grille und die Ameise. Die Grille spielt den ganzen Sommer lang auf ihrer Geige und erfreut alle mit ihrem Spiel, während die Ameise Vorräte sammelt. Dann kommt der Winter. Die Grille friert und hat Hunger. Die Ameise hat ihre Vorräte und hat’s schön kuschelig warm in ihrem Ameisenhaufen. Die Grille fragt, ob die Ameise ihr nicht etwas abgeben könne von ihren Vorräten, aber die Ameise sagt nur: „Was hast du denn den ganzen Sommer gemacht? Geige gespielt. Und jetzt kommst du und willst von meinen Vorräten? Pech gehabt, kannste gleich wieder vergessen. Und wenn dir kalt ist, nicht mein Problem, dann tanz doch jetzt.“ Die Grille verhungert und stirbt in Elend und Armut. Natürlich hätte die Grille auch den ganzen Sommer lang Vorräte sammeln können und sich einen Unterschlupf für den Winter graben können. Aber dann wäre es den ganzen Sommer über freudlos und still geblieben, weil niemand gespielt hätte. Sie hätte überlebt, aber was ist das für ein Leben?

Ich habe den Eindruck, dass viele die Einstellung der Ameise teilen und finden, wer Künstler wird, hat Pech gehabt. Schließlich hätte man ja auch etwas „Vernünftiges“ lernen können. Man hätte ja auch eine fundierte Berufsausbildung machen können. Man hätte ja auch einfach seine eigenen Begabungen ignorieren und etwas machen können, was zwar Geld bringt, einen aber nicht mit Freude erfüllt.

Einmal abgesehen davon, dass professionelle Künstler sehr wohl eine fundierte Berufsausbildung absolvieren und jeden Tag mindestens genau so lange üben, wie andere am Schreibtisch sitzen, frage ich mich, was das für eine Welt wäre, ein Welt ohne Künstler. Denn eine Welt ohne Künstler ist eine Welt ohne Kultur. Und dass ohne Kultur die Welt zugrunde geht, habe ich ja bereits geschildert. Doch immernoch gibt es diese Vorurteile gegen Künstler, insbesondere gegen Schauspieler. Die wären faul, hätten eben keine Lust auf richtige Arbeit und – seien wir doch ehrlich – wer sich so einen Beruf aussucht ist auch ein bisschen doof und sehr viel selber Schuld. Auf einen schönen Theaterabend, einen tollen Kinofilm oder qualitativ hochwertige Fernsehkrimis will man dann aber auch nicht verzichten. Schließlich habe man ja wohl ein Anrecht darauf, nach einem harten Arbeitstag sich ein wenig zu erholen. Dass die Menschen, die für die wohlverdiente Erholung sorgen aber nicht nur arbeiten, wenn alle arbeiten, sondern auch arbeiten, wenn und damit andere sich erholen, wird dabei gern vergessen. Und warum sollte man überhaupt auch Menschen dafür bezahlen, dass sie machen, was ihnen Spaß macht? Es macht ihnen doch auch so Spaß, ohne Geld.

Letzte Woche hat der Tod der Schauspielerin Silvia Seidel, die in den 80er Jahren mit der Rolle der Ballerina Anna bekannt wurde, ein bisschen für ein Aufrütteln gesorgt. Dies zeigt unter anderem der Artikel in der Welt: „Leider kein Geld, aber dafür lecker Catering“. Immerhin muss man bei der in der Überschrift geschilderten Situation seine Verpflegung nicht auch noch selbst bezahlen. Das klingt jetzt sarkastisch, aber ich kenne das aus eigener Erfahrung, dass selbst das keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe in Produktionen mitgespielt, bei denen ich mein Kostüm selbst bezahlen musste. Für Essen und Trinken musste ich auch selbst sorgen. Fahrtkosten zurückerstatten? Pff, ich bin doch nicht Krösus. Für mich war es ein Riesenerfolg, als ich das erste Mal immerhin die Aufführungen bezahlt bekam und die Fahrtkosten auch. Dass ich mich mit einer Pauschalgage übers Ohr hatte hauen lassen und mich mit einem Anwalt dagegen wehren musste, um meine Fahrtkosten vollständig erstattet zu bekommen, ist noch mal eine andere Geschichte. Ich war jung und brauchte kein Geld.

Als Schauspieler kommt man heute nicht mehr darum herum, Fernsehen zu machen. Es sei denn, man will enden wie die Grille in der Fabel. Dafür sollte man am Besten noch einen Extra-Kurs obendrauf satteln, damit man lernt, für die Kamera zu spielen, wenn man vom Theater kommt. Das ist nämlich auch schon wieder so ein Irrtum. Schauspiel ist nicht gleich Schauspiel. Für das Theater und für die Kamera zu spielen, sind zwei Paar Schuhe. Davon aber ein anderes Mal mehr. Fakt ist, diese Kurse sind teuer. Weil sie viel Geld kosten und Schauspieler alles tun, um arbeiten zu können, wollen viele ein Stück vom Kuchen abgreifen. Es tummeln sich wohl in kaum einer Weiterbildungsbranche mehr Scharlatane, Quacksalber und Gurus herum, als bei Schauspielworkshops. Die kommen dann an, mit ihren Methoden und Patentrezepten und Heilsversprechen. Und die verzweifelt unterbeschäftigten Schauspieler rennen denen die Bude ein.

Um gleich mal das größte Vorurteil über Schauspieler aus dem Weg zu räumen: Schauspieler sind nicht faul!!! Das können sie sich gar nicht erlauben. Als Schauspieler muss man allzeit bereit sein. Immer aktuelle Aufnahmen, Fotos, Präsentationsmaterial griffbereit haben. Immer wieder neue Vorsprech- und Castingrollen einstudieren. Und wenn man dann tatsächlich ein Engagement ergattert hat oder ein paar Drehtage, dann muss man proben, Text lernen, recherchieren, seine Figur erarbeiten. Das sind alles Dinge, die zur Arbeit gehören und das wird nicht bezahlt.

Der Bundesverband für Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) engagiert sich glücklicherweise dafür, die Situation der Schauspieler zu verbessern. Doch auch sie beklagen den katastrophalen Umgang mit Schauspielern am Set und das Gagendumping beim Nachwuchs. Sie schildern den Beruf des Schauspielers als einen „Beruf mit den Nachteilen von abhängig Beschäftigten und dem Risiko von Selbstständigen.“ Das führt dazu, dass viele Schauspieler nah an, bzw. unter der Armutsgrenze leben. Von Altersvorsorge einmal ganz zu schweigen. „Berühmt, aber arm“ fasst ein Artikel des NDR die Situation der Schauspieler zusammen. Und die meisten Schauspieler sind noch nicht einmal berühmt.

Was also tun?

Wenn ich einmal das magische „Was wäre, wenn…“ des Vaters zeitgenössischer Schauspieltheorie, Konstantin Stanislawski, ausleihen darf, möchte ich ein kleines Gedankenspiel vorschlagen. Was wäre, wenn alle Schauspieler des deutschsprachigen Raums einige Zeit streiken würden? Mir ist klar, dass das nicht passieren wird. Schauspieler arbeiten einfach viel zu gern. Aber angenommen, man würde das mal durchziehen. Monatelang kein Theater, keine Daily Soap, kein Sonntagskrimi, keine neuen Kinofilme. Einige erinnern sich vielleicht noch an den Streik der amerikanischen Drehbuchautoren? Der hat so manche Fernsehserie kaputt gemacht (Heroes zum Beispiel, oder Lost). Wenn jetzt alle deutschsprachigen Schauspieler sich absprächen, auch die, die jeder kennt, vielleicht würden die alten Vorurteile endlich einmal überdacht werden. Schauspieler sind nicht mehr das fahrende Volk, als das sie zu Goethes Zeiten noch  betrachtet wurden (Ich empfehle hierzu die Lektüre von Wilhelm Meisters theatralische Sendung). Es ist ein Beruf, den man lernt, für den man hart arbeiten muss, bei dem man im Grunde nie frei hat. Zugleich hat der Schauspieler nur sich selbst als Material. Das heißt, er muss permanent auf sich Acht geben, um sein Material nicht zu ruinieren. Wenn ich am Schreibtisch sitze und bin ein bisschen erkältet und meine Stimme kratzt, macht das nichts. Als Schauspieler ist man geliefert, wenn man erkältet ist.
Angenommen also, alle Schauspieler würden streiken. Das könnte so aussehen, dass in der Daily Soap die Schauspieler nicht mehr die zusammengestümperten Platitüden aus dem Drehbuch möglichst überzeugend interpretieren, sondern sich vielleicht direkt in die Kamera wenden und auf ihre Situation aufmerksam machen. Da müssten natürlich die anderen am Set eingeweiht sein und mitmachen. Aber da die auch Künstler sind und auch nicht viel zu lachen haben, denke ich, das ließe sich einrichten. Vielleicht tritt dann jeder vom Set vor die Kamera und schildert seine Situation und stellt sich vor. Dann ist das auch nicht mehr anonym. Es ist nämlich ein Unterschied, ob Silvia Seidel an ihrem Beruf zugrunde geht, oder ob die Künstler sowieso alle selber Schuld sind. Einzelschicksale veranschaulichen eine allgemeine Situation und machen sie nachvollziehbar. Mit Einzelschicksalen empfindet man Mitgefühl und Empathie. Eine anonyme Masse pauschal zu verurteilen hingegen ist leicht.
Auch auf den Theaterbühnen könnten bei einem Generalstreik der Schauspieler die Betroffenen ihre Situation schildern und sich vorstellen, anstatt das Stück zu spielen. Volker Lösch, falls Sie das hier lesen, machen Sie doch als nächstes im Hamburger Schauspielhaus ein Stück mit ausgebildeten Schauspielern, die auf ihre beschissene Situation aufmerksam machen. Die Stücke mit den Arbeitslosen haben auch schon für Furore gesorgt. Es hat sich zwar an deren Situation wohl kaum etwas geändert, aber immerhin hat man eine zeitlang darüber gesprochen.
Das dürfte natürlich nicht zu kurz dauern. Sonst ist das alles nur ein Strohfeuer. Dann sitzen die, die Einfluss haben, das einfach aus und es ändert sich nichts. Wenn es aber lange genug dauert, die Schauspieler endlich aufstehen und sich diese Scheiße – mit Verlaub – nicht mehr gefallen lassen, dann wird vielleicht endlich einmal ein Bewusstsein dafür geschaffen, was wir an den Künstlern haben.

Bis dahin habe ich noch einen Rat an die Schauspieler. Es ist nicht schlimm, sich für einen anderen Beruf zu entscheiden. Ich selbst habe das auch getan und ich bin glücklich. Wer A sagt muss nicht B sagen. Er kann auch einsehen, dass A falsch war und sich für C entscheiden. Wichtig dabei ist, ehrlich mit sich zu sein. Wenn es eine Verzweiflungstat ist und man dem Schauspielberuf hinterhertrauert, ist es die falsche Entscheidung. Empfindet man bei der Entscheidung aber wie ich eine ungeheure Erleichterung und findet man seine Erfüllung beispielsweise im Schreiben von Texten, dann ist es die richtige Entscheidung. Ich bin froh, mich dagegen entschieden zu haben. Ich habe großen Respekt vor denen, die das Schauspiel trotz dieser katastrophalen Arbeitsbedingungen weiter machen wollen. Aber fragt euch, ob ihr das wirklich wollt und ertragt die Bedingungen nicht einfach stillschweigend und brav, weil ihr glaubt, ihr hättet weniger Rechte, als andere Menschen. Seid stolz und lasst euch nicht für dumm verkaufen. Und ihr seid nicht einfach nur selber Schuld, wenn das Schauspiel eure Leidenschaft ist. Aber wenn es das nicht ist, seid ihr zu nichts verpflichtet. Ihr könnt euch immer umentscheiden. Wofür auch immer ihr euch entscheidet: Die Schauspielerfahrung als Training fürs Leben zu betrachten und einen anderen Beruf zu wählen. Oder euch ins Schauspielgetümmel zu stürzen. Hört auf euer Bauchgefühl und folgt eurer Intuition. Und dann steht zu dieser Entscheidung. Wenn ihr das nicht könnt, war sie falsch. Aber dann ist es auch noch nicht zu spät. Sich umzuentscheiden ist keine Schande.

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