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43. Stück: Was „Der Große Gatsby“ uns heute noch zu sagen hat

Gestern habe ich mir Der Große Gatsby von Baz Luhrmann im Kino angeschaut und war verhältnismäßig überwältigt. Ich fand, das lohne eine längere Kritik und den Versuch einer Interpretation. Wer den Film noch nicht gesehen hat und sich noch überraschen lassen möchte, sollte an dieser Stelle vorsichtshalber aufhören zu lesen.

Baz Luhrmann ist für Der Große Gatsby mal wieder in Höchstform und präsentiert große Gefühle, bedingungslose Liebe, knallbunte Farben, tolle Musik und opulente Kostüme, wie man sie bereits aus Moulin Rouge, Romeo und Julia und Strictly Ballroom kennt. Das erscheint zunächst hysterisch in der absoluten Reizüberflutung des Zuschauers – erst recht in 3D – ergibt aber als Porträt einer Gesellschaft, die völlig aus dem Ruder läuft, durchaus einen Sinn. Es herrscht die Gier, die Maßlosigkeit, der Größenwahn der Menschen, die am Abgrund tanzen. Einer weiß das für sich zu nutzen: Jay Gatsby. Mit dubiosem Aktiengemauschel, geschicktem Networking (wie man das Kontakte knüpfen zu den Reichen und Wichtigen heutzutage nennt) und den formvollendeten Manieren eines Gentlemans schummelt er sich aus ärmsten Verhältnissen bis ganz nach oben und macht aus seiner eigenen Person einen Mythos. Und das alles nur der Liebe wegen. Denn Gatsby liebt Daisy, die er einst verließ, weil er sich wegen seiner Mittellosigkeit schämte und wusste, er würde ihr den Luxus nicht bieten können, den die – nun ja – verwöhnte Göre aus gutem Hause seit jeher gewohnt ist. Als er endlich „Jemand“ ist, hat sie schon längst einen reichen Grobian geheiratet, der sich wegen seiner noblen Herkunft nicht auch noch benehmen können muss. So sehr sie sich auch langweilt und davon träumt, auszubrechen, so schlecht er sie auch behandelt, sie hält zu ihrem Ehemann, weil sie den Lebensstil, den er ihr bietet, nicht missen möchte. Gatsby ist dabei ein typischer Luhrmannesker Liebender, der mit bedingungsloser Hingabe die Frau seiner Träume anbetet und alles nur für sie tut und letzten Endes opfert. Wie Romeo oder Christian aus Moulin Rouge rennt er sehenden Auges ins Verderben, weil er liebt. Das kann man romantisch finden, aber auch besessen, ein wenig verrückt und nicht gerade schlau.

Gatsby ist also ein Emporkömmling, der alle diese wichtigen Leute an der Nase herumführt. Erzählt wird die Geschichte von seinem Nachbarn und Daisys Cousin Nick Carraway, den eine enge Freundschaft mit dem jungen Hochstapler verbindet. Er ist eigentlich Schriftsteller und arbeitet aber in New York an der Börse, um seine Brötchen zu verdienen. Eigentlich ist der sensible junge Mann aber für die harte Geschäftswelt überhaupt nicht gemacht und so laufen denn auch seine Finanzen nicht gerade rosig. Er lässt sich zunächst blenden von dem Pomp und Glamour der Welt der Reichen und Schönen, aber so wirklich wohl fühlt er sich dort nicht. Aber in Gatsby sieht er anscheinend etwas, das ihm selber fehlt, nämlich Hoffnung und die Zuversicht, dass alles so wird, wie man es sich vorstellt. Nick selbst ist auf dem besten Weg, ein Zyniker zu werden, wobei ich erst geneigt war, ihm recht zu geben darin, dass niemand die Vergangenheit wiederholen kann. Das stimmt vielleicht sogar, denn niemand kann die Vergangenheit absichtlich und bewusst, aktiv wiederholen. Auch Gatsby scheitert trotz seiner Hoffnung schließlich an dem Versuch. Aber die Vergangenheit wiederholt sich von allein, wenn die gleichen Fehler wieder von neuem begangen werden.

So, und genau das ist der Punkt, der mich an der Geschichte im Allgemeinen und dieser speziellen Verfilmung im Besonderen fasziniert. Wer aus der Vergangenheit nichts lernt, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Die Geschichte spielt in den 1920er Jahren, kurz vor der Weltwirtschaftskrise. Die Verfilmung ist aus den 2010er Jahren, wo eine Wirtschaftskrise nach der anderen den gesamten Globus beutelt. Klar, man kann da jetzt meckern, die Parallele sei ja wohl offensichtlich. Dennoch finde ich, dass Luhrmann einen raffinierten Weg gewählt hat, um diesen Gegenwartsbezug herzustellen. Und das ist der Soundtrack, der durch seinen Anachronismus einen wunderbaren Verfremdungseffekt darstellt. Einerseits sind typische Musikstücke der Roaring Twenties vertreten – wie sie auch aus den Woody Allen-Filmen bekannt sind – andererseits sind aber auch moderne Popsongs aus unserer Zeit auf alt getrimmt oder auch modern gelassen. Dies wirkt erst einmal irritierend, weil es die Illusion, man befände sich in einer Geschichte, die sich vor rund neunzig Jahren ereignet hat, durchbricht. Zumindest ich habe mich dann gefragt, was das soll und bin dann zu dem Schluss gekommen, dass Luhrmann zwischen all dem Kitsch, dem Bling Bling und der hysterischen Vergnüngungssucht nicht nur die Gier der damaligen Gesellschaft kritisiert, sondern auch die Gier und Maßlosigkeit unserer heutigen Gesellschaft anprangert. Gatsby und Nick bleiben am Ende als Opfer zurück. Und die wichtigen Leute, die mit dem Geld, die, die es ändern könnten, machen einfach dort weiter, wo sie aufgehört haben, sodass die Vergangenheit gezwungen ist, sich zu wiederholen. Das kann man jetzt abnicken und sagen, Ja, das ist schlimm. Aber ich bin der Meinung, dadurch, dass die Gesellschaftskritik hier ein wenig durch die Hintertür angeschlichen kommt, anstatt mit dem moralischen Holzhammer arrogant auf das Publikum einzudreschen, wird der Film doch zu etwas Besonderem und entlarvt die Substanzlosigkeit und Vergänglichkeit hinter der glitzernden Fassade der Haute Volée.

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32. Stück: Zur unsinnigen Trennung von E- und U-Kultur

Wir Deutschen sind alles in allem ein ziemlich kauziges Völkchen. Wir finden immer alles „schlimm“, insbesondere Benzinpreise, und überhaupt ist das Leben ja auch kein Ponyhof und eine überaus ernstzunehmende Sache. Vielleicht ist deswegen eine unserer wohl merkwürdigsten Eigenheiten, dass wir alles in unserer Kultur in E(rnst) und U(nterhaltsam) zerteilen. Schließlich muss man sich ja an irgendetwas orientieren, damit man sich im Chaos dieser „schlimmen“ Welt zurechtfindet. Und das geht ganz besonders prima, wenn man den Umstand ignoriert, dass besagte Welt nicht einfach nur aus zwei unvereinbaren, sich feindlich gegenüber stehenden Dichotomien besteht, sondern aus einer unübersichtlichen Vielzahl von Zwischenzuständen, dass es nicht nur ‚Schwarz‘ und ‚Weiß‘ gibt, sondern auch noch ein Sammelsurium an Grautönen, Farben und verschiedensten Nuancen. Da kann einem schon schwindelig werden. Dann lieber alles schön in zwei Schubladen stecken, Etikett für alle Ewigkeiten drauf kleben und jeder weiß Bescheid.

So verständlich das alles auch sein mag, ich finde das langweilig. Und borniert. Dumm. Ärgerlich. Das führt nämlich dazu, dass plötzlich nur noch als ‚Kunst‘ angesehen wird, was so wenig Spaß und Freude wie nur irgend möglich bereitet. Je weniger zugänglich, desto höher der Kunstfaktor. Wenn etwas auch nur annähernd im Verdacht steht, unterhaltsam sein zu wollen, kommen die ganzen Kunstrichter aus ihren Löchern gekrochen und rümpfen arrogant das empfindliche Näschen, wie das Murmeltier ‚Phil‘ am 2. Februar und sagen schlechtes Wetter voraus. Igitt, das ist ja Unterhaltung, Pfui! – spucken sie dann von ihrem Podest auf den Pöbel herab.

Gibt es irgendwann nicht mehr die Möglichkeit, eine von den Halbgöttern der selbsternannten und anerkannten Kulturexperten als ‚Unterhaltung‘ abgewertete Gattung, weiterhin als solche zu ‚diffamieren‘, wird einfach ein neuer Fachbegriff in die Runde geworfen, der es erlaubt, die Trennung zwischen E- und U-Kultur aufrecht zu erhalten. So nennt man jetzt gezeichnete Geschichten, die was fürs Fußvolk und somit der ‚Unterhaltung‘ zuzurechnen sind, weiterhin „Comics“ und gezeichnete Geschichten, die wegen literarischer Vorlagen oder wegen ihrer offensichtlichen und anerkannten historischen oder politischen Themen als ‚Ernst‘ betrachtet werden können, „Graphic Novels“. Hurra! Da freut sich das Kunstrichter-Herz, Weltbild bleibt trotz Paradigmenwechsels im Kunstverständnis der Allgemeinheit weiterhin intakt. Dass die allgemein als „Comics“ arrogant von oben herab abqualifizierte Reihe der Lustigen Taschenbücher ebenfalls immer wieder anerkannte Meisterwerke der Literaturgeschichte zeichnerisch adaptiert (so geschehen mit Die Leiden des jungen Werther von Goethe, Der geteilte Visconte von Italo Calvino oder auch Krieg und Frieden von Tolstoi) wird geflissentlich ignoriert. Dass die als Kindergeschichten und somit ebenfalls als „Comics“ beleidigten Abenteuer von Asterix und Obelix, Tim und Struppi oder Johan und Pfiffikus ebenfalls historische Fakten aufbereiten und politische Fragestellungen verhandeln, wird genauso wenig beachtet. Dabei ist doch genau das gerade spannend: Wo verbergen sich ‚ernste‘ Themen hinter einer Maske von ‚Unterhaltung‘ und wo ist das ‚Unterhaltsame‘ an prinzipiell ‚ernsten‘ Sachverhalten?

Dinge, die NUR das Eine ODER das Andere sind, sind eindimensional und langweilig. Ich bin mir aber sicher, dass sich in den meisten kulturellen und künstlerischen Erzeugnissen, sowohl ernste, als auch unterhaltsame Elemente und Aspekte finden lassen. Man muss nur mal mit ein wenig Neugier und freundlich gesinnter Offenheit diese Erzeugnisse betrachten und bereit sein, sich überraschen zu lassen und Dinge zu entdecken, die man nicht erwartet hätte. Gegebenenfalls muss man auch erkennen, dass man wider Erwarten doch voreingenommen war und dass man seine für gegeben anerkannten Meinungen und Standpunkte doch noch mal relativieren muss. Das allein macht nämlich schon Spaß und Freude und ist ‚unterhaltsam‘. Einfach nur zu gucken, in welche Schublade man etwas stecken und welches Etikett man draufkleben kann, um vor den anderen elitären Snobs als wahrer Kunstkenner dazustehen, ist fürchterlich langweilig. Und borniert. Dumm. Ärgerlich.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch noch das andere Extrem, dass man versucht, reine ‚Unterhaltung‘ zu machen und alles ‚Ernste‘ auszuschließen. Zuletzt ist mit diesem Versuch Thomas Gottschalk grandios gescheitert. Keiner wollte seine Talkshow sehen. Meiner Meinung nach lag es daran, dass sich alle – inklusive Gottschalk selbst – auf den Unterhaltungsfaktor vom Entertainment-Gott(schalk) verlassen und dabei vollkommen ausgeblendet haben, dass man auch ruhig über tatsächliche Inhalte und ‚ernste‘ Themen in einer trotzdem unterhaltsamen Vorabend-Talkshow reden kann. Dass man sich auch ruhig etwas dabei denken darf und auch gerne ein Konzept hinter dem Ganzen stehen mag. Auch Dieter Bohlen macht allmählich diese Erfahrung, DSDS befindet sich derzeit in einer Zuschauerkrise. Das ist auch kein Wunder, hat uns doch The Voice of Germany kürzlich demonstriert, wie ‚unterhaltsam‘ tatsächlich qualitativ hochwertige Gesangswettbewerbe, eine faire Behandlung ‚ernst‘ zu nehmender Kandidaten und wirklich vorhandene Begabung sein können. Bohlen orientiert sich dementsprechend um und versucht schon die Kleinsten mit seinem neuen Format DSDS Kids zu ködern und sie mit der Aufrechterhaltung des Grabens zwischen E- und U-Kultur zu indoktrinieren. Wir werden sehen, ob er damit Erfolg hat. Vermutlich ja. Die armen Kinder. Und armes Deutschland.

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15. Stück: „Gretchens Faust“ von und mit Martin Wuttke am 22.10.2010 auf Kampnagel / Hamburger Theaterfestival

Ideenrausch und Symbol-Überfluss

Das Hamburger Theaterfestival, das letztes Jahr erstmals ins Leben gerufen wurde, geht weiter. Gestern trat Martin Wuttke mit „Gretchens Faust“ in der Hamburger Kampnagel-Fabrik auf und hinterließ ein reizüberflutetes Publikum.

Es ist nicht ganz einfach aus diesem Theaterabend schlau zu werden. An sich spricht alles für ein grandioses Meisterwerk der Theaterkunst auf sämtlichen Ebenen von Licht über Ton bis hin zu Schauspiel, Regie und Sprechtechnik. Die Schauspieler spielen sich virtuos die Seele aus dem Leib, ob Martin Wuttke als exzentrischer Egomane oder der perfekt aufeinander eingespielte Frauenchor, der sich ihm entgegen stellt.

Man kann der Inszenierung auch nicht vorwerfen, dem Klassiker Faust nichts neues abgewonnen zu haben. Das nun wirklich nicht. Dieser Faust ist noch einmal ganz anders, als zum Beispiel der „Faust I/II“ von Torsten Diehl. Kam dort die düstere Seite Fausts zum Tragen, ist es hier Faust als durchgeknallter, eitler Maniker der im Vordergrund steht. Martin Wuttke spielt ihn mit zügelloser Freude an der Übertreibung in einer virtuosen Knallcharge. Sein gestisches Vokabular erinnert an einen selbstverliebten Designer, dem sein Werk, seine Kreation über alles geht. Mit einer blonden Andy Warhol-Perücke tänzelt, stolpert und stolziert er hysterisch und beinahe clownesk über den Tisch, die Stühle, ja sogar quer durch das Gebäude. Man kommt kaum hinterher.

Sicher, einige Symbole gelingt es zu entziffern. So kann man in dem Zusammenschluss dreier männlicher Hauptfiguren Faust-Mephisto-Wagner der Verfall eines eindeutigen Identitäts-Konstrukts erkennen. Es ist, als hätte man eine multiple Persönlichkeit vor sich, der immer mehr die Realität in Richtung Wahnsinn entgleitet. Den umgekehrten Fall findet man in der Aufspaltung der weiblichen Hauptfiguren Gretchen und Frau Marthe in einen neunköpfigen Frauenchor. Anders als bei Torsten Diehl, der das Gretchen auch in mehrere Schauspielerinnen aufspaltete, steht nicht jedes Gretchen für eine Facette derselben Figur, sondern ein und dasselbe Gretchen wird von neun Schauspielerinnen zusammen gespielt. Gretchen als individuelle Persönlichkeit wird aufgelöst und kann somit als Symbol für die Frau als solche interpretiert werden. Ein einzelner Mann, der neun Frauen gegenübersteht, das kann man als Geschlechterkampf sehen. Diese Inszenierung darauf zu reduzieren würde der Ideenvielfalt allerdings nicht gerecht werden.

Ein weiteres Motiv, das sich herausfiltern lässt, ist das des Rausches. Das Programmheft (Ja, dieses Mal war es problemfrei möglich, ein solches zu erwerben) weist bereits darauf hin, dass es in diesem Stück irgendwie um Rausch und dessen Rolle in der Gesellschaft geht. Und tatsächlich, die Schauspieler spielen wie im Rausch, die Ideenflut rauscht über die Zuschauer hinweg, die Symbolexplosion hinterlässt eine rauschartige Betäubung.

Ansonsten gab es noch einen echten Pudel, der mit seinem putzig-verständnislosen Blick für Erheiterung sorgte. Und eine große stumme Frau im schwarzen Barockkleid, die man genauso als Helena und ideales Frauenbild, als auch als Todesengel interpretieren kann, der drohend über Faust wacht.

Alles schön und gut. Das Problematische an diesem prinzipiell gelungenen Theaterabend ist schließlich dann auch dieser Ideenrausch. Man ist überfordert von all diesen Einfällen. Erkennt man in Martin Wuttkes Knallcharge zwar eindeutig Absicht und Stilmittel, so ist man von dieser exzessiven Spielart aber nach einiger Zeit überreizt und angestrengt.

Vermutlich ist es besonders schwer, sich von lieb gewonnenen Einfällen zu trennen, wenn man sowohl Regisseur, als auch Hauptdarsteller ist. Nichtsdestotrotz wäre es wünschenswert, wenn in solchen Fällen mehr Mut zum Kürzen vorhanden wäre. Die Kunst des Weglassens ist eine unterschätzte Kunst. Sie ist aber unbedingt notwendig für einen spannenden, unterhaltsamen und lehrreichen Theaterabend. Wenn ein Stück in zu viele Richtungen ausufert, ist der Zuschauer überfordert und fühlt sich angestrengt. Nur eine einzige mögliche Interpretation, die dem Zuschauer unter die Nase gerieben wird, ist genauso unglücklich, da der Zuschauer sich dann vor Unterforderung langweilt. Aber etwas weniger hätte dieser Inszenierung gut getan. So ist das halt mit dem Rausch. Für den Betroffenen ist das super, macht Spaß und er fühlt sich großartig. Für den Außenstehenden ist es anstrengend.

(Isabelle Dupuis)

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