100. Stück: Ist Nathanael aus E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ der Archetyp eines Verschwörungstheoretikers?

Als Mitte März die Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Pandemie losgingen und noch alle ohne zu Murren mitgemacht haben, gab es eine große Solidarität, den Willen zusammenzuhalten und auch ein großes Vertrauen in die Wissenschaft. Meine Mutter und ich unterhielten uns damals am Telefon darüber, wie lange das wohl anhalten würde, ob nach der Krise, wenn sich alles wieder ein wenig beruhigt hätte, die Menschen vielleicht ein kleines bisschen von dieser Solidarität mitnehmen würden. Ich vermutete, dass viele Menschen wieder genau dieselben egozentrischen, eitlen, Logik und Wissenschaft verachtenden Dummtröten sein würden wie vorher – aber trotz Zynismus und einer gewissen mir innewohnenden Misanthropie hätte ich nie gedacht, dass das so schnell gehen würde und dass das schon so ausarten würde, wenn wir eigentlich noch mittendrin sind in der Pandemie.

Well, that escalated quickly …

Vor allem habe ich es wirklich nicht kommen sehen, dass so viele Menschen plötzlich Verschwörungstheoretikern mehr Glauben schenken als Wissenschaftlern, die sich schon seit Jahren mit der Erforschung von Coronaviren und Pandemien beschäftigen. Das finde ich erschreckend – und es fällt mir schwer, das zu verstehen. Was geht bloß in den Köpfen von den Menschen vor, die einem weinerlichen Schlagersänger oder einem größenwahnsinnig gewordenen, waffennärrischen Koch plötzlich mehr wissenschaftliche Expertise zutrauen als einem Virologen? Warum glauben sie den unlogischen Quatsch, der nur durch falsch interpretierte, verkürzte, verzerrte oder komplett frei erfundene „Fakten“ zusammenhält? Warum sehen sie keinen Widerspruch darin, wenn jemand im Brustton der Überzeugung gegen die „Mainstream-Medien“ wettert, gleichzeitig aber ebendiese „Mainstream-Medien“ als Quellen angibt? Warum macht es sie nicht stutzig, wenn da irgendein Typ sich selbst als Oberchecker inszeniert, dabei die ganze Zeit von sich redet und alle Register des Überwältigungspathos zieht?

Was ist bloß los mit diesen Menschen, die auf Demos ihre Meinung kundtun, dass sie ja gar nicht mehr ihre Meinung kundtun dürften? Die Angst vor einem „Impfzwang“ haben, obwohl es den entsprechenden Impfstoff noch nicht gibt? Die einen Computerfachmann und Milliardär zum absoluten Bösen erklären, der aus nicht ansatzweise logisch schlüssigen Gründen die Menschheit sowohl dezimieren als auch versklaven und kontrollieren will, nicht aber per Computer, wie es für einen Computerfachmann naheliegend wäre, sondern superkompliziert mit einem Chip, der unter die Haut gespritzt wird, während die Leute zwangsgeimpft werden mit dem Impfstoff, den es noch nicht gibt?

Alle bekloppt?

Klar, man kann sagen: Die sind eben bekloppt. Aber ich denke, so einfach ist es nicht – schließlich fallen auch vormals „normale“ Leute auf das Überwältigungstheater und Verschwörungsgeschwurbel herein. Also, was passiert da im Oberstübchen?

Bei einem meiner Waldspaziergänge, die ich mir seit Anfang des Lockdowns angewöhnt habe, sinnierte ich darüber nach, was mit diesen Menschen los sein könnte und fragte mich, warum sie so beratungsresistent, so von sich selbst überzeugt sind. Was sind das überhaupt für Typen, die auf den ganzen Schmu reinfallen?

Was mir aufgefallen ist, zumindest ist das mein Eindruck, ist eine aggressive, selbstverliebte, selbstgerechte, über jeden Zweifel erhabene Arroganz, mit der diese Leute jedes logische Argument, jede Nachfrage, jeden Einwand abschmettern. Gleichzeitig scheinen sie sich über die Schauermärchen der nur von ihnen und den anderen Erleuchteten aufgedeckten Verschwörungen zu identifizieren – also, wenn man ihre Geschichten kritisiert, dann fühlen sie sich tief in ihrer Person, in ihrem Selbstbild infrage gestellt – und reagieren entsprechend, als wolle man ihnen ihr Innerstes stehlen, und was bleibt ihnen dann noch?

Was hat das mit Hoffmanns „Der Sandmann“ zu tun?

Und dann (jetzt komme ich dann auch endlich mal zum Thema dieses Essays) dachte ich: Moment mal? Diese Verhaltensweise, diese Denkart, dieser Typus – das kenne ich doch irgendwoher? Und dann fiel es mir ein: „Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann, Nathanael.

Nathanael ist fest davon überzeugt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben, dass alle absichtlich leugnen, was er schon längst erkannt hat: Coppelius und Coppola sind ein- und dieselbe Person, das „böse Prinzip“, der Sandmann, der Nathanael die Augen ausreißen will und ihm nach dem Liebesglück mit Clara und nach dem Leben trachtet. Er steigert sich immer weiter in seinen Wahn und verfällt außerdem in eine Liebeswahn zur Holzpuppe Ophelia, die er für einen echten Menschen hält.

Seine Verlobte Clara versucht ihm klar zu machen, dass die Verschwörung nur in seiner Vorstellung existiert: „Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muß sie in uns sich wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.“

Nathanael findet das ganz und gar nicht lustig und schreibt an Claras Bruder Lothar: „Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen holdlächelnden Kindesaugen oft wie ein lieblicher süßer Traum hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du liesest ihr wohl logische Collegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. – Laß das bleiben!“

Die Reaktion Nathanaels auf Claras logische, schlüssige und natürliche Erklärungen seiner Ängste ähnelt der Reaktion von Verschwörungsjüngern in sozialen Netzwerken, wenn man die Logik ihrer Behauptungen infragestellt: herablassend, ätzend-ironisch, unwirsch, uneinsichtig, pampig. Doch er beruhigt sich wieder und kehrt zwischendurch von seinen Wahnideen ab. Es ist aber nicht von Dauer und der Erzähler beschreibt:

„Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, daß des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verändert sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien und trieb es bald so seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit, zu behaupten, daß es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn die Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgendeines außer uns selbst liegenden höheren Prinzips.“

Nathanael als Verschwörungstheoretiker?

Und das beschreibt meines Erachtens auf den Punkt, wie mir die Verschwörungsschwurbler aktuell vorkommen, die den ganzen Mumpitz glauben und sich von Argumenten, Expertise oder auch nur simpler Logik nicht beirren lassen. Man sieht also, Xavier, Attila, Ken und Co. haben absolut nichts erfunden. Im „Sandmann“ von 1816 wurde das Phänomen der Verschwörungstheoretiker mit Nathanael als Archetyp treffend beschrieben, ebenso die irritierte, verwirrte und besorgte Reaktion der „Schlafschafe“, die den Schwurbelkram nicht glauben.

Ich habe damals an der Uni eine Hausarbeit über die Figurencharakterisierung im „Sandmann“ geschrieben und in meiner mündlichen Prüfung das Phänomen des Unheimlichen in E. T. A. Hoffmanns „Nachtstücken“ analysiert. Meiner These nach besteht das Unheimliche darin, wenn man nicht genau weiß, was in einer erzählten Welt tatsächlich der Fall ist, und was nicht. Wir erleben jetzt mit der Pandemie eine Phase des Unheimlichen, die uns wahrscheinlich noch eine ganze Weile begleiten wird (vermutlich, bis ein Impfstoff oder ein Medikament gegen Covid19 zugelassen wurde).

Die Wissenschaftler tun ihr Bestes und informieren laufend über den aktuellen Stand ihrer Forschung – da sie aber noch mittendrin sind und noch nichts wirklich 100 % sicher ist, wissen wir noch nicht so genau, was tatsächlich Fakt ist in Bezug auf das Virus und was nicht. Deswegen müssen wir besonders vorsichtig sein und die Verbreitung möglichst eindämmen – das ist das Einzige, was wir tun können, wo wir wissen, dass es hilft: Abstand halten und – wo das nicht möglich ist – Schutzmasken tragen. Nach Möglichkeit zu Hause bleiben. Das ist nicht viel und es ist nicht wirklich befriedigend, noch so wenig Gewissheiten zu haben – aber da müssen wir alle durch und noch eine Weile aushalten.

Nur ist diese Aushalten von Ungewissheit anscheinend nicht jedermanns Ding. Es muss doch für all das eine Erklärung geben? Einen Verantwortlichen? Einen Schuldigen? Wie kann das sein, dass ICH, der ICH sonst immer wusste, wo ich im Leben stehe, plötzlich nichts tun und nichts sagen kann, was zur Problemlösung beiträgt? Oder mir zumindest das Gefühl von Macht und Einfluss verleiht?

Es ist, meiner Meinung nach (man kann mir da auch gern widersprechen), dieses Gefühl der Ohnmacht, diese Angst vor Macht- und Potenzverlust (im Sinne von Handlungsfähigkeit), dieses Fehlen von Selbstwirksamkeit, die diese Menschen in eine Art Identitätskrise stürzt. Vielleicht spielt da auch enttäuschter Narzissmus eine Rolle, wie bei Nathanael.

Und wie Nathanael saugen diese Menschen dann Verschwörungstheorien wie ein Schwamm auf, weil diese plötzlich eine einfache Erklärung für die aktuelle, unheimliche Situation haben. Und das Beste ist: Man selbst ist nicht Schuld! Und man selbst sowie die Gleichgesinnten hat es geblickt, hat die große Verschwörung durchschaut, hat die perfiden Pläne des „bösen Prinzips“ in Gestalt von Bill Gates oder Denen-Da-Oben oder den Illuminati oder den Reptiloiden oder wem-auch-immer durchschaut. Und da ist es wieder, das Gefühl von Macht, das man verloren glaubte. Das fühlt sich wahrscheinlich ziemlich gut an.

Was meint ihr? Ergibt meine Einschätzung Sinn? Oder fange ich auch schon an, Geister zu sehen? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt.

Ein Kommentar

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