Monatsarchiv: Juni 2011

24. Stück: Wider die Langeweile und Rezipienten-Folter in Theater und Kunst

Nach halbjährlicher Blog-Abstinenz habe ich hier wieder einmal ein schönes, die Geschmäcker und Gemüter spaltendes, polemisch aufbereitetes Reizthema für meine werte Leserschaft parat. Wie üblich übernehme ich nicht die geringste Garantie dafür, dass das, was ich hier populärwissenschaftlich verzapfe auch nur annähernd der objektiven Wahrheit entspricht. Die ist sowieso eine Illusion, jawohl. Also, es geht hier einfach nur um die bescheidene Meinung eines noch bescheideneren Geistes und wenn sich nach der Lektüre meiner kleinen Polemik der eine oder andere Theaterwissenschaftler oder selbsternannte Kunstexperte sich metaphorisch ans Bein gepinkelt fühlen sollte, so wäre ich hocherfreut, wenn selbiger sich mit der Kommentarfunktion über mein Geschreibsel ereifern und eine lebendige Diskussion vom Zaun brechen würde. Hui, das wird lustig!

Auf geht’s. In meinem letzten Beitrag hatte ich mich ja über das dramaturgische Ärgernis der Deus-ex-machina-Enden aufgeregt. Hier geht es nun um ein weiteres Ärgernis, das ich mal konzeptioneller Natur nennen möchte. Es ärgert mich nämlich schon seit geraumer Zeit, was für einen spießigen Begriff von Kunst man hierzulande allgemein als gültig akzeptiert. Dieser schließt nämlich beispielsweise komplett aus, dass Kunst auch Spaß machen kann. Um Gottes Willen, bloß das nicht! Sobald etwas auch nur annähernd unterhaltsam ist, ist es – Zack! – keine Kunst mehr. Umgekehrt gilt alles, was anstrengend, langweilig, ätzend und unerträglich ist sofort als Kunst, ohne dass das näher reflektiert würde. Die meisten nennen das normal, ich nenne es borniert.

Ich möchte das gerne an einem kleinen Beispiel erläutern. Ich habe mir neulich zwangsweise einen „Spielfilm“ zu Gemüte führen müssen, der unter Kunstkennern als große Kunst gilt. Er macht nämlich überhaupt keinen Spaß, überhaupt keinen Sinn, ist langweilig, anstrengend, qualitativ fragwürdig und ist so unerträglich, dass es selbst mich pazifistisches Sanftgemüt aggressiv macht. Es ging vorgeblich um Antigone, zumindest hatten Madame Huillet und Monsieur Straub die Antigone des Sophokles als Text genommen um ihr was-auch-immer-das-sein-mag-Konzept umzusetzen und filmisch festzuhalten. Eigentlich ist auch die Bezeichnung „Spielfilm“ eine glatte Lüge, denn spielen tut in diesem Film keiner und filmisch ist der Film auch nicht, er orientiert sich eher am Sprechtheater. Eigentlich sieht man nur einer Gruppe von Schauspie- ähm, Darstel-, nee, öhm, also Leuten zu, die den Antigone-Text absondern, in dem sie völlig bewegungslos in die Gegend starren. Einmal fällt der Bote auf die Knie (als er stirbt) und dann neigt Kreon seinen Kopf ein wenig nach unten und ich glaube, Eurydike, Kreons Frau, hebt einmal vor Gram die Arme, weil ihr Sohn und dessen Verlobte Antigone tot sind. Mehr Bewegung ist da nicht. Das ist ja auf einer Bühne live schon echt nicht leicht zu ertragen, aber als Film!? Ich meine, völlig frei von Emotionen ist das Ding nun nicht, ab und zu schlängelt sich ein Vibrato in die Stimme, so dass man erahnen kann, dass der Sprechende gerade voll verzweifelt oder so ist. Manchmal passiert auch in dem Bildausschnitt gar nichts und es wird nur der bekieselsteinte Boden gezeigt. Im Hintergrund läuft dann der Text weiter. Oh, und die Kostüme spotten jeder Beschreibung. Im Grunde hat da jemand seinen Dachboden ausgemistet, einen Haufen alter Gardinen mitgebracht und Löcher für den Kopf oben reingeschnippelt. Also, der Filmproduzent wird sich gefreut haben, viel Budget hat das Gedöns nicht verschlungen. Das muss ja auch nicht sein, wenn man eine spannende Idee hat, lässt sie sich auch ohne viel Geld realisieren. Und keine Idee bleibt auch mit viel Krach-Bumm und Holter-di-polter keine Idee, genauso wie eine langweilige Idee auch in den pompösesten Tönen langweilig bleibt.

Nun, aber genau das ist mein Kritikpunkt. Was war bloß die Idee hinter diesem unerträglichen Machwerk? Mein Prof informierte meine Kommilitonen und mich darüber, das sei „Hölderlinscher Kommunismus“, weil alles und jeder gleichberechtigt seien. Gut, das ist ein schöner Gedanke, gebe ich zu. Aber wenn alles gleichberechtigt, gleich gültig ist, dann ist eben auch alles gleichgültig. Was mich zu meiner Ausgangsfrage zurückbringt. Warum tut man das seinem Publikum an? Irgendetwas hat man sich doch dabei gedacht, irgendetwas WILL man doch von seinen Rezipienten? Um J. M. R. Lenz und seine Anmerkungen übers Theater zu zitieren: „Du sollst mir niemanden auf die Folter spannen ohne zu sagen, Warum.“ So ist das nämlich wirklich nichts anderes als pure, ungefilterte Rezipienten-Folter.

Natürlich kann man mit den üblichen Rechtfertigungsfloskeln für Rezipienten-Folter und künstlerisch wertvolle Langeweile aufwarten und herunterbeten, dass das ja postdramatisch sei und von daher niemand eine Handlung erwarten dürfe und dass es ohnehin dem Rezipienten überlassen sei, einen Sinn darin zu finden, weil das bewusst so offen mit dem Interpretationsspielraum gelassen sei um aufzuzeigen, dass jede Meinung, jeder Standpunkt seine Existenzberechtigung habe und überhaupt gebe es ja kein Richtig und Falsch, ne. Dem würde ich prinzipiell auch nicht unbedingt widersprechen wollen, nichtsdestotrotz muss es in einem Kunstwerk meiner Meinung (!) nach immer auch etwas geben, dass es von der völligen Beliebigkeit abhebt. Es muss etwas auslösen im Rezipienten und damit meine ich nicht, dass es einfach nur Ärger hervorruft, weil man seine Zeit mit so einem Schwachsinn verplempert hat. Selbst die Dadaisten, die sich den kalkulierten Schwachsinn auf die Fahnen geschrieben hatten, hatten sich eben das auf die Fahnen geschrieben. Die Absicht, reinen Nonsense zu produzieren ist auch eine Absicht.

Allerdings ist es mit der Absicht allein auch nicht getan. Denn dann könnte ja jeder kommen, irgendwas völlig Uninteressantes zusammenschustern und hinterher herumtönen, das sei so gewollt, weil das ist Hölderlinscher Kommunismus (was genau der Unterschied zwischen Hölderlinschem Kommunismus und Kommunismus ist, müsste ich auch noch mal erfragen, das habe ich nämlich nicht kapiert, Asche auf mein Haupt). Ätsch. So, und wer das nicht schnallt, der ist eben blöd und ein Kunstbanause und hat keine Ahnung von nichts und sei es von daher sowieso auch gar nicht würdig, den Sinn seines Genie-Stücks zu durchschauen. Viele nennen das genial, ich nenne es borniert, eitel und nervtötend.

Was aber muss zu der Absicht, der Motivation dazukommen, damit ein Kunstwerk nicht eitel, borniert und nervtötend daherkommt? Das Wichtigste hierbei ist der Humor. Egal was, wenn man etwas mit Humor macht, sich selbst nicht so ernst nimmt, sich selbst nicht so wahnsinnig wichtig nimmt, nicht davon ausgeht, dass die Welt automatisch aufhört sich zu drehen, sobald man mal nicht mehr ist, nicht der Selbstbeweihräucherung anheim fällt und denkt man würde mit seiner Kunst die Welt retten, oder sonstwas Größenwahnsinniges, dann ist das, was dabei herauskommt schonmal nicht so schlecht. Dann schimmert nämlich immer ein kleiner Hauch von Unterhaltung durch, der diesen Kunstquark ein wenig erträglich macht.

Und wenn nun alle Experten aufschreien, was ich kleiner Wurm mir denn überhaupt einbilde mich an dem Allerheiligsten blasphemisch zu vergreifen indem ich dreisterweise behaupte, alles was langweilig und anstrengend sei und bar jeden Humors sei keine Kunst, so habe ich mein Ziel erreicht.

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