Monatsarchiv: Juli 2015

65. Stück: 31 Tage, 31 Filme – Folgen 6 bis 10

Folge 6 „Welcher war der erste Film, den du im Kino gesehen hast?“

Ich muss ungefähr vier Jahre alt gewesen sein, als meine Tante Heidi mit meinem Cousin Simon und mir ins Kino ging. „Miez und Mops“, ein japanischer Tierfilm von 1986, stand auf dem Programm. Von da an hatte mich das Kino gepackt, als ich den Abenteuern des Katerchens Miez, das in einer Holzkiste in einen reißenden Strom gerät, und des Hundewelpen Mops, der verzweifelt versucht, seinen Freund zu retten, gebannt folgte.

Obwohl das jetzt schon fast dreißig Jahre her ist (Oh je, ich werde alt!), kann ich mich noch heute gut daran erinnern, wie fasziniert ich von der Atmosphäre in dem Kinosaal mit den plüschigen weinroten Sitzen, dem edlen Samtvorhang und der gespannten Erwartung beim Erlöschen des Lichts war. Meine Tante hatte für meinen Cousin und mich Eiskonfekt gekauft und mit meiner überschaubaren kulinarischen Lebenserfahrung zur damaligen Zeit war ich der Ansicht, noch nie etwas Köstlicheres gegessen zu haben.

Folge 7 „Welchen Film hast du am häufigsten gesehen?“

Puh … das weiß ich nicht so genau. „Die Hochzeit meines besten Freundes“ habe ich sehr oft gesehen und ich mag den Film immer noch. Unter anderem deswegen, weil ich den Soundtrack fröhlich mitsingen kann. Es kann aber sein, dass ich die „Zurück in die Zukunft“-Trilogie noch häufiger gesehen habe, also greife ich die einfach mal exemplarisch (und zugegebenermaßen etwas willkürlich) heraus:

Ich liebe Zeitreise-Geschichten, weil ich diesen „Was wäre, wenn …?“-Gedanken unheimlich spannend finde. Ist es nicht auch der Kern dessen, was Geschichten und das Erzählen überhaupt ausmacht? Dass man eine bestimmte Ausgangssituation, eine Routine etabliert, und diese dann durchbricht, ändert, ins Chaos stürzt – und am Ende eine Veränderung zeigt? Außerdem gefällt mir die mutige Herausforderung, denen sich Autoren oder Filmemacher stellen, indem sie ihre erzählte Welt mit Zeitreisen durcheinander bringen. Denn Logik und Folgerichtigkeit mit Zeitreisen (vor allem, wenn die erzählte Welt nicht nur in einem Film, sondern mehreren Teilen in sich logisch bleiben muss) aufrecht zu erhalten, ist reichlich knifflig. In einem Essay auf „Hamburgische Dramaturgie 2.0“ hatte ich neulich darüber geschrieben, wie schwierig das ist und wie „Terminator“ meines Erachtens daran scheitert, eine Logik aufrecht zu erhalten (wobei ich zunächst nur die ersten beiden Teile kenne).

„Zurück in die Zukunft“ aber, und auch die beiden Fortsetzungen, gelingt es, trotz weitreichendem Kuddelmuddel und Beinahe-Großvaterparadoxon im ersten Teil, die Folgerichtigkeit von Ursache und Wirkung über die verschiedenen gezeigten Zeitebenen hinweg aufrecht zu erhalten.

Und das bereitet mir immer und immer wieder größtes Vergnügen. Aus diesem Grund freue ich mich auch schon auf den 21. Oktober 2015, den Tag, an dem Marty McFly im Film in der Zukunft landet. Da gibt es nämlich ein Triple-Feature mit der kompletten „Zurück in die Zukunft“-Trilogie im Kino. Auf der großen Leinwand! Wie oft ich die Filme dann gesehen haben werde, kann ich nicht sagen. Dass ich sie mir immer wieder ansehen kann, das allerdings schon.

Folge 8: „Nenne einen Film deines Lieblingsregisseurs (oder Lieblingsschauspielers)“

Lieblingsschauspielerinnen und -schauspieler habe ich viele, daher entscheide ich mich für einen Film meines Lieblingsregisseurs. Alfred Hitchcock finde ich toll, aber Woody Allen ist noch mehr ein Bruder im Geiste für mich. Mein Lieblingsfilm von Woody Allen ist „Bullets over Broadway“ über einen erfolglosen Bühnenautor in den 20er Jahren, der einen Deal mit dem lokalen Mafiaboss schließt, um sein neuestes Werk realisieren zu können. Bedingung ist, dass Olive, die Geliebte des Paten, in dem Stück mitspielt. Leider hat sie kein Talent und das Stück ist furchtbar. Außerdem nervt Cheech, Olives Bodyguard, der ihr nicht von der Seite weicht und nach und nach seine literarische Begabung entdeckt. Er schreibt das Stück um und es wird ein Erfolg. Nur Olive droht alles zu ruinieren …

In „Bullets over Broadway“ treffen der intellektuelle, selbstironische Witz von Woody Allen mit einer hervorragend erzählten Geschichte, skurrilen Figuren, einem wunderbaren Soundtrack und atmosphärischer sowie detailfreudiger mise en scène zusammen. Darin zeigt sich, wie herausragend Woody Allen sein Handwerk beherrscht, als Regisseur, Geschichtenerzähler und Filmemacher.

Ich habe den Film 1995 mit meiner Mutter zusammen im Kino gesehen, nachdem ich im Radio zwei Karten gewonnen hatte. Die Frage war „Welcher Schauspieler hat zwei Jahre hintereinander den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen?“ Antwort: „Tom Hanks. 1994 für ‚Philadelphia‘, 1995 für ‚Forrest Gump‘.“ Später brachten mein Darstellendes-Spiel-Kurs am Gymnasium und ich das Stück auf die Bühne. Wie gern hätte ich die Olive gespielt! Aber als Leiterin einer Heiltanz-Gruppe (die im ursprünglichen Film nicht vorkommt) hatte ich ebenfalls meinen Spaß.

Folge 9: „Welches ist der schlechteste Film deines Lieblingsregisseurs?“

Der schlechteste Film von Woody Allen? Ich schwanke zwischen „To Rome with Love“ und „Schmalspurganoven“ … „Schmalspurganoven“ hat eine witzige Geschichte, ist aber in der Umsetzung zu brav geraten. „To Rome with Love“ ist ein Episodenfilm, der zwischendurch zu stark ins Alberne abdriftet. Beide Filme haben gemein, dass sie bemüht wirken, dass der Humor nicht richtig zündet und die meisten Gags Rohrkrepierer sind.

Ich denke „Schmalspurganoven“ hat mir eine Spur besser gefallen als „To Rome with Love“, aber es ist wirklich nur minimal. Woody Allens Liebeserklärung an die italienische Hauptstadt kommt leider nie wirklich in die Gänge, die Figuren sind flach und wecken keine Sympathien, die einzelnen Episoden fügen sich nicht so wirklich zu einer Einheit zusammen. Dadurch bleibt jegliche Spannung auf der Strecke und da auch der Humor zu harmlos und niedlich ist, bleibt der Film langweilig und belanglos.

Ganz anders hingegen ist Woody Allens Liebeserklärung an die französische Hauptstadt, „Midnight in Paris“ geraten. Ein wunderbarer, verträumter Film, der von der Stimmung an „Bullets over Broadway“ heranreicht.

In den letzten Jahren hat sich Woody Allen vom Komödiengenre wegbewegt und sich dem Thriller-Drama-Genre zugewandt. Eine großartige Entscheidung! „Match Point“, „Cassandra’s Dream“, „Blue Jasmine“ sind fesselnd, lassen das Blut in den Adern gefrieren und hinterlassen einen Eindruck, den man so schnell nicht wieder loswird.

Folge 10: „Nenne den lustigsten Film, den du kennst“

Ich bin leicht zu erheitern und ein dankbares Publikum, was Komödien betrifft. Es ist relativ selten, dass ich über lustige Filme nicht lachen kann. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die ganze Zeit nur Pipikakapenistittenwitzchen gefrotzelt werden, ohne dass sonst irgendetwas passiert. „Movie 43“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie provokativ und witzig gemeinte Ekelscherze einen kompletten Film ruinieren.

Warum ist das so?

Meiner Meinung nach kommt es sowohl bei Komödien als auch bei Tragödien, Dramen, Thrillern, Krimis, etc. darauf an, dass eine Geschichte erzählt wird. Das muss nicht immer hochkomplex sein, aber selbst „Die nackte Kanone“, „Helden in Strumpfhosen“, „Scary Movie 1“ oder „Spaceballs“ haben zwischen den ganzen virtuosen Blödeleien eine Handlung, die diese zu einer Geschichte verknüpfen. Auch ist es wichtig, dass der Zuschauer nicht permanent darauf hingewiesen wird, wie unfassbar komisch sich die Filmemacher selber finden. Das passiert bei „Movie 43“ andauernd. Der Schrott besteht aus mehreren Kurzfilmen, die einen bestimmten Gag im Mittelpunkt haben, zum Beispiel, dass Hugh Jackman Eier am Kinn baumeln hat. Und dann wird ewig auf diesem einen, sowieso schon mal nicht lustigen Gag, herumgekaut, bis auch der letzte Vollpfosten kapiert hat, dass er jetzt gefälligst zu lachen hat. Wenn ein Machwerk mir vorschreibt, was ich zu fühlen habe, dann fühle ich absichtlich das Gegenteil. Ätsch.

Also, ein wirklich nachhaltig lustiger Film braucht eine Geschichte und Figuren sowie Schauspieler und Leute hinter der Kamera, die diese Geschichte ernst nehmen. Warum bringen Buster Keaton, Charlie Chaplin und Laurel und Hardy selbst heute noch so viele Menschen zum Lachen? Weil sie ihre Figuren niemals um eine Pointe Willen bloßgestellt, lächerlich gemacht – kurz: verraten haben. Eine gute Komödie muss wahrhaftig sein.

Aber was macht den Film dann komisch? Was unterscheidet ihn von einem Drama?

Timing und Tempo sind eine Sache, die aus einer eigentlich ernsten Geschichte eine Komödie machen. Außerdem werden die Ereignisse und Figuren leicht überspitzt dargestellt. Das darf nicht zu übertrieben ausfallen, sonst verliert die Handlung an Ehrlichkeit und die Komik wirkt aufgesetzt.

Ein Beispiel für eine solche gelungene Komödie und deswegen stellvertretend für die lustigsten Filme, die ich kenne ist „Mein Vetter Winnie“ (1992) von Jonathan Lynn mit einem glänzend aufgelegten Joe Pesci in der Titelrolle und einer grandiosen Marisa Tomei. Die Chemie zwischen den beiden Schauspielern stimmt einfach, das Timing, die Dialoge sitzen auf den Punkt. Die Geschichte ist skurril, aber innerhalb der erzählten Welt ist sie wahrhaftig, logisch und konsequent.

In „Mein Vetter Winnie“ geht es um zwei Freunde, die auf einer Reise in ein kleines amerikanisches Kaff geraten. Sie holen Essen an einer Raststätte und beim Hinausgehen merken sie, dass sie vergessen haben, eine Dose Thunfisch zu bezahlen. Sie fahren weiter, doch dann werden sie von der Polizei angehalten. In dem Glauben, es gehe um den Thunfischdosen-Diebstahl, werden sie verhört und erst, als sie ihre Schandtat gestanden haben, stellt sich heraus: Es geht um Mord. Nun tritt besagter Vetter Winnie auf den Plan, der Anwalt ist und versucht, die beiden Freunde aus ihrer misslichen Lage zu befreien …

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Die ersten fünf Folgen des Blogprojekts 31 Tage, 31 Filme findet ihr hier.

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