Monatsarchiv: Mai 2015

62. Stück: Blogprojekt 31 Tage, 31 Filme – Folgen 1 bis 5

Ich wurde von Ma-Go Filmtipps zum Blogprojekt „31 Tage, 31 Filme“ eingeladen. Die Einladung findet ihr hier und die Regeln findet ihr hier auf Lenas Filmblog „To the Lighthouse“.

Ich werde ab heute etwa jede Woche eine bestimmte Filmfrage beantworten und ein wenig was über den Film erzählen. Die Einzelfolgen findet ihr auf meiner Facebookseite. In diesem Beitrag habe ich die ersten fünf Folgen zusammengefasst.

Folge 1: „Welchen Film hast du zuletzt gesehen?“

Das war „The Avengers: Age of Ultron“ von Joss Whedon, gestern im Kino. Meine vollständige Kritik findet ihr im Vorgängerpost. Kurz gesagt: Ich fand den Film belanglos. Routinierte Superhelden-Action ohne Überraschungen, ohne Sozialkritik, ohne Tiefgang, ohne interessante Figuren, ohne nennenswerten Soundtrack, ohne Story.

Außerdem habe ich mich über den (nur notdürftig) verkappten Sexismus aufgeregt und über den kitschigen Beziehungs-Liebes-Schmu genervt aufgestöhnt und mit den Augen rotiert. Wenn ich Liebesgeschwurbel sehen möchte, gucke ich einen Liebesfilm. Wenn ich Superhelden-Action sehe, erwarte ich Spannung, Humor, witzige Dialoge, einen fetzigen Soundtrack und Spaß an der Freude wie in „Guardians of the Galaxy“. Oder düsteren, philosophischen Tiefgang und Sozialkritik wie in „Watchmen“.

Ein paar lustige Dialoge gab’s in „The Avengers“ schon, aber insgesamt bleibt doch ein Eindruck von „Den Film hätte ich mir auch sparen können“.

Folge 2 „Nenne deinen Lieblingsfilm“

Eine einfache Frage, scheinbar … Aber die Antwort ist schwierig. Ich habe viele Lieblingsfilme, wie vermutlich jeder Kinojunkie fällt es mir schwer, da einen einzigen Favoriten herauszupicken. Bei einigen Filmen wie „Zurück in die Zukunft“, „Die Blues Brothers“ oder „Pulp Fiction“ war es Liebe auf den ersten Blick, inzwischen kann ich die Dialoge auswendig mitsprechen, singe bei den Liedern lauthals mit und kann die Filme trotzdem immer wieder schauen.

Dann gibt es noch Filme, die waren mir am Anfang suspekt und wurden dann mit jedem Gucken immer besser, „Fight Club“ zum Beispiel.

Heute möchte ich jedoch einen Film vorstellen, der nicht so bekannt ist wie die eben Genannten: „Commitments“ von Alan Parker nach dem Roman „Dublin Beat“ von Roddy Doyle. Darin geht es um arbeitslose Jugendliche im Irland der 90er Jahre, die eine Soulband gründen.

Auch bei „Commitments“, den ich zufällig vor rund 16-17 Jahren auf dem alten Röhrenfernseher meiner Eltern auf Arte guckte, war es Liebe auf den ersten Blick. Dachte ich vorher, Soul wäre das verpopte, oberflächliche, glattgebügelt-langweilig-perfekte Gejaule einer Mariah Carey oder einer Whitney Houston (selig, ihre Musik habe ich immer gehasst, aber sie tat mir leid), wurde ich mit diesem Film eines Besseren belehrt. Meine musikalischen Teenagerjahre verbrachte ich zu Beginn neben dem Radio sitzend, Eurodance lauschend und darauf wartend, meine Lieblingshits auf Kassette aufnehmen zu können (die Mixtapes mit Dazwischengequake von den Moderatoren habe ich immer noch).

Dann aber entdeckte ich durch die „Commitments“ den Soul und den Blues für mich. Erdig, ehrlich, dunkel, rauh, tiefgründig und von kratziger Schönheit sangen die jungen Musiker Klassiker wie „Mustang Sally“, „Bye bye Baby“, „Too many fish in the sea“ oder „At the Dark End of the Street“. Die meisten Original-Interpreten sind inzwischen gestorben, Wilson Pickett zum Beispiel. Aber die Musik lebt weiter und wird mich bis zum Ende begleiten.

Folge 3 „Welcher ist dein absoluter Hassfilm?“

Diese Frage ist ähnlich knifflig zu beantworten, wie die nach meinem Lieblingsfilm. Es gibt Filme, die sind gut gemacht, künstlerisch wertvoll oder aus cineastisch-analytischer Sicht interessant – aber strunzlangweilig. Dazu gehören „Birdman“ oder dieser unerträgliche Kunstkram von Straub&Huillet „Antigone“, der wie ein abgefilmtes, sehr langweiliges Theaterstück inszeniert ist. Solche Filme machen mich vor Langeweile immer aggressiv, weil ich am liebsten in die Handlung eingreifen und den Figuren sagen möchte „Alter! Jetzt kommt aber mal in die Puschen!“ … aber Hass? Nee. Damit würde ich diesen Filmen meines Erachtens Unrecht tun, schließlich sind sie ja nicht schlecht gemacht und es lässt sich künstlerisch oder analytisch etwas damit anfangen, nur aus Unterhaltungssicht sind sie nach meinem Geschmack misslungen.

Dann gibt es noch die Filme, die unbestreitbar handwerklich schlecht gemacht sind. Dazu gehören „Jupiter Ascending“ oder „Movie 43“. Auch sie sind keine wirklichen Hassfilme, weil sie einfach so grottig sind, dass jedes derart starke Gefühl wie Hass an ihnen vollkommen verschwendet wäre.

Was aber sind Hassfilme dann? Für mich sind das Streifen, die ohne Hingabe, ohne Liebe, ohne Humor, ohne künstlerischen Anspruch routiniert und berechnend heruntergedreht wurden. Filme, die sich einfach nur zum Ziel gesetzt haben, den Massengeschmack – oder das, was sie dafür halten – zu bedienen, dabei ihren Zuschauern aber kein Krümelchen Grips zutrauen. Filme, die plumpe Klischees aneinanderreihen, Stammtisch-Herrenwitzchen reißen und in denen sich die Beteiligten scheinbar an sich selbst ergötzen. Solche Filme finde ich schlichtweg zum Kotzen. Stellvertretend möchte ich in diesem Sinne Matthias Schweighöfers „Der Schlussmacher“ zu meinem absoluten Hassfilm ernennen.

Folge 4: Welchen Film würdest du dir kein zweites Mal ansehen?

Diese Frage finde ich insofern knifflig, als dass sich die Antwort darauf ja von letzter Woche „Welcher ist dein absoluter Hassfilm?“ unterscheiden sollte. Also, Filme die ich hasse, würde ich mir natürlich kein weiteres Mal ansehen, das ist klar. Auch Filme, die einfach nur schlecht waren (aber nicht so schlecht, dass man sie schon wieder als unterhaltsamen Trash ansehen könnte) selbstverständlich auch nicht. Bei verquasten Kunstfilmen kommt es darauf an … manchmal findet man ja doch ein paar interessante Aspekte, wenn man darüber nachdenkt, die ein erneutes Gucken sinnvoll erscheinen lassen. Bei „Birdman“ zum Beispiel, habe ich noch nicht entschieden, ob eine erneute Sichtung ihn nicht weniger langatmig und anstrengend erscheinen ließe. Eventuell schaue ich noch einmal rein, wenn er mal im Fernsehen läuft.

Filme, die ich zwar beim ersten Mal ganz OK fand, aber die ich kein zweites Mal sehen würde sind solche, die mir irgendwie nichts gebracht haben. Wenn ein Film zwar eine auserzählte Geschichte hat, aber sehr lustig und unterhaltsam war, schaue ich ihn mir gern immer mal wieder an („Die Hochzeit meines besten Freundes“ habe ich sicher sechs oder sieben Mal gesehen und finde ihn immer noch prima). Hat ein Film beim ersten Mal Fragen aufgeworfen, mich zum Nachdenken angeregt oder mich hinterher nicht wieder losgelassen, gucke ich ihn ebenfalls gern weitere Male („Fight Club“ zum Beispiel, oder aktuell „Ex Machina“).

Wenn jedoch ein Film – meistens sind es ernst gemeinte Blockbuster mit dünner Story und viel Getöse und Special-Effects-Exzessen – mich weder intellektuell noch humoristisch gefordert oder begeistert hat, aber dennoch handwerklich in Ordnung war und mich nicht durch das Durchkauen dämlicher Klischees verärgert hat (wie mein Hassfilm „Der Schlussmacher“), dann ist das so ein typischer „War ganz nett, muss ich aber nicht noch mal sehen“-Film.

Stellvertretend möchte ich hierfür die „Fluch der Karibik“-Filme nennen. Wobei ich nach dem dritten Teil dann schon dachte, jetzt brauche ich mir den vierten oder fünften (wie viele Teile gibt’s inzwischen???) auch nicht mehr anzugucken. Noch mal würde ich die drei ersten Filme auf jeden Fall nicht sehen.

Folge 5: „Welcher Film erinnert dich an jemanden?“

Eine spannende Frage, wie ich finde. Und mir fallen auch gleich ein paar schöne Beispiele ein. „Stadt der Engel“ habe ich als Teenager mit zwei Freundinnen geschaut und weil ich damals nicht ansatzweise auch nur einen Hauch von Sinn für Romantik hatte und den Film furchtbar kitschig fand (inzwischen nicht mehr), bekam ich in der traurigsten Szene einen Lachanfall. Meine Freundinnen waren ziemlich sauer auf mich und mir ist das heute noch total peinlich. Damals aber sah ich mich im Recht.

Ein anderer, sehr trauriger Liebesfilm, den ich rund zehn Jahre später sah, war „Unterwegs nach Cold Mountain“, den ich mit meiner Freundin Stephi, der besten Fotografin der Welt (hier ihre Seite), anschaute. In der Zwischenzeit hatte sich bei mir doch ein kleiner Sinn für Romantik gebildet und wir beiden saßen da und schluchzten wie die Schlosshunde. Während wir eine Familienpackung Taschentücher vollheulten, wurden wir von allen Seiten ange“psch“t, aber wir konnten nicht aufhören zu weinen, weil der Film so unglaublich traurig war. *schnief* Noch heute ist mir dieses Kino-Erlebnis in bleibender Erinnerung und obwohl es gerade nicht so klingt: Wir hatten einen Riesenspaß!

Bei „James Bond: Stirb an einem anderen Tag“ von 2002 muss ich außerdem immer an meinen Schatz denken und wie wir Anfang 2003 zusammengekommen sind. Beide eher schüchternen Naturells hatten wir uns zwei Jahre lang beim gemeinsamen Improtheater spielen kennen gelernt und beschnuppert, uns aber nie getraut, mal miteinander auszugehen, obwohl wir uns schon eine ganze Weile sympathisch fanden. Mein Ex-Freund (mit dem ich noch befreundet bin) bekam mit, dass ich mich verguckt hatte und drohte, mich höchstselbst zu verpetzen, wenn ich nicht umgehend anrufen und ein Date vorschlagen würde. Das saß natürlich.

Ich rief also bei meinem Freund an, brabbelte vor lauter Nervosität irgendein zusammenhangloses Zeug und schloss schließlich mit dem Vorschlag, gemeinsam ins Kino zu gehen. Er hörte sich alles geduldig an und erklärte sich einverstanden. Welchen Film ich denn sehen wolle? Natürlich wollte ich zeigen, wie total cool ich bin, und schlug den aktuellen „James Bond“-Film vor (obwohl ich James Bond vor Daniel Craig immer für ziemlich doof hielt). Fand er gut.

Wir haben uns also diesen Film angeguckt und an diesen kann ich mich tatsächlich kaum noch erinnern. Madonna hat mit einem Florett herumgefuchtelt, glaube ich. Und Halle Berry hatte einen orangefarbenen Bikini an. Pierce Brosnan war James Bond. Mehr weiß ich nicht. Lässig wie ich bin, habe ich für das Diner nach dem Kino McDonald’s vorgeschlagen und da saßen wir nun, mümmelten pappige Burger und unterhielten uns über alles Mögliche – nur nicht darüber, wie „es mit uns weitergehen“ sollte. Kurz bevor wir die letzte Bahn verpassten, machten wir uns auf den Rückweg und ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte ihn, was denn nun sei. Wusste er nicht so recht. Ich war mir auch unsicher.

Zusammengekommen sind wir dann schließlich einen Monat später, als Freunde von mir mich kurzerhand vor seinem Haus aus dem Auto warfen und sagten: So, nu mach ma! Das war vor zwölf Jahren und es war gut so.

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61. Stück: Die 10 besten Film-Fieslinge

Inspiriert von Ma-Go Filmtipps folge ich dem Aufruf, bei der Blogparade von Singende Lehrerin mitzumachen, und meine 10 Lieblingsbösewichte aus der Filmwelt zu nennen. Erst einmal: Was macht für mich einen richtig guten Film-Fiesling aus? Sie müssen mir entweder das Blut in den Adern gefrierern lassen oder ihren Antagonisten (den Streber-Superhelden) so geschickt zur Weißglut treiben, dass sie schon wieder fast sympathisch sind. Das Ranking ist ein bisschen willkürlich und nicht so streng gemeint.

10. Der Clown Pennywise aus Stephen Kings Es (1990, Tommy Lee Wallace):

Ich muss zugeben, diesen Film habe ich nie ganz gesehen. Eigentlich sieht das aus heutiger Sicht fast etwas trashig aus, trotzdem kann ich mir den Trailer nicht zuende angucken, weil mich dieser Clown so gruselt. Meine große Schwester und ich waren als Kinder mal bei meiner Oma zu Besuch, ich muss da ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein. Meine Schwester, damals hartgesottener in Bezug auf Horrorfilme als meine Ängstlichkeit (heute ist es witzigerweise umgekehrt), schaltete abends den Fernseher ein und blieb bei dem Film hängen.

Neugierig lugte ich hinter vorgehaltener Bettdecke hervor auf den Bildschirm und dann taucht plötzlich dieser irre Clown auf, großartig gespielt von Tim Curry, und ich bekomme den Schreck meines bis dahin jungen Lebens. Zitternd flehte ich, sie möge doch umschalten, aber da war es schon zu spät. Ich habe mir jetzt die literarische Vorlage geholt und das Buch steht schon in meinem Regal bereit. Es wird demnächst gelesen und vielleicht erschreckt mich dieser Bösewicht dann nicht mehr so. Man soll sich schließlich seinen Dämonen stellen, nech.

9. Samara aus Ring (2002, Gore Verbinski):

Für mich lange Zeit der gruseligste Film aller Zeiten: Ring. Ich hatte noch Wochen später Angst, wenn ich nachts im Dunkeln allein nach Hause musste. Wie Samara mit zuckenden Bewegungen und strähnigen schwarzen Haaren langsam, aber sicher aus dem Fernseher gekrabbelt kommt … Uiuiui, Gänsehaut! Übrigens rief meine Schwester mich an, nachdem sie den Film gesehen hatte, weil sie nicht schlafen konnte und eine Heidenangst hatte. Ausgleichende Gerechtigkeit würde ich sagen.

Eine Freundin von mir und ich hatten damals lange dunkle Haare und haben uns einen Spaß gemacht: Wir hingen uns die Haare vors Gesicht, versteckten uns mit gesenkten Köpfen in einer dunklen Ecke und als unsere Freunde kamen, traten wir mit zuckenden Bewegungen hervor und flüsterten „Nur noch sieben Tage“. Die haben sich vielleicht erschrocken.

8. Eva Ernst, Oberhexe aus Hexen hexen (1990, Nicolas Roeg):

Anjelica Huston ist eine meiner Lieblingsschauspielerinnen und die beidenDie Addams Family-Filme gehören zu meinen Kann-ich-immer-wieder-gucken-Streifen. Aber da hat sie ja keine Bösewichtin gespielt. Dass sie das fiese Fach hervorragend beherrscht, zeigt sie in Hexen hexen als gemeine Oberhexe Eva Ernst. Der Film beruht auf einem Kinderbuch von Roald Dahl, der mich meine ganze Kindheit als mein Lieblingsautor begleitet hat.

7. Präsident Snow aus Die Tribute von Panem (4 Filme 2012-2015, Gary Ross bzw. Francis Lawrence):

Oha, jetzt geht das los, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme, die hervorragenden Film-Fieslinge nicht alle auf Platz 1 wählen zu können. Donald Sutherland als Präsident Snow in den Verfilmungen der Die Tribute von Panem-Trilogie von Suzanne Collins lässt einen einerseits erschauern, andererseits aber strahlt er einen faszinierenden, hypnotischen Charme, eine subtile Gefährlichkeit aus, der man sich nicht entziehen kann.

Dieser Mann ist zu allem fähig … und dabei davon überzeugt, das Notwendige zu tun. Er sieht sich nicht als böse an, sondern betrachtet sich als Pragmatiker. Ich kann mir niemand anderen als Donald Sutherland in dieser Rolle vorstellen, der der Ambivalenz dieser Figur Gestalt verleiht.

6. Biff Tannen aus Zurück in die Zukunft (3 Filme 1985, 1989, 1990, Robert Zemeckis):

Zurück in die Zukunft gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen, aber sie wären nichts ohne den großartigen Kotzbrocken Biff Tannen. Thomas F. Wilson spielt diesen großspurigen Widerling mit virtuoser Knallcharge und fulminantem Spielspaß, dass es eine Freude ist.

5. Lancaster Dodd aus The Master (2013, Paul Thomas Anderson):

Philip Seymour Hoffman hat mit seinem Tod im vergangenen Jahr eine große Lücke in der Schauspielwelt hinterlassen. Ein Film, der das eindrucksvoll zeigt, ist The Master. Hoffman spielt dort den charismatischen Lancaster Dodd, der die Menschen um sich herum manipuliert und seinem Narzissmus einverleibt. Könnte man selbst sich ihm entziehen? Fraglich.

4. Tyler Durden aus Fight Club (1999, David Fincher):

Wer wäre nicht gern ab und zu ein kleines bisschen wie Tyler Durden? Frei, unabhängig, konsequent? Zu dumm nur, dass er es heillos übertreibt und zum wahnsinnigen Fanatiker wird. Auf der anderen Seite gibt es meiner Meinung nach kaum eine Figur in der Filmwelt, die den Prozess von Idealismus über Ideologie bis hin zu Fanatismus und Zerstörung deutlicher zeigt als Tyler Durden. Brad Pitt spielt ihn einfach großartig mit schmuddeliger Lässigkeit und nonchalanter Arroganz. Und ich liebe diesen rosa Bademantel!

3. Roger „Verbal“ Kint aus Die üblichen Verdächtigen (1995, Bryan Singer):

Es gibt kaum einen Schauspieler, der so gut Fieslinge spielen kann wie Kevin Spacey. Ganz besonders brilliant ist er als Roger „Verbal“ Kint in Die üblichen Verdächtigen. Gibt es jemanden, den er nicht hinters Licht geführt hat?

2. Louis Bloom aus Nightcrawler (2014, Dan Gilroy):

Jake Gyllenhaal ist ebenfalls ein genialer Bösewicht-Darsteller, ihm haftet immer etwas Unheimliches, Undurchschaubares an. In Nightcrawler treibt er dies auf die Spitze und sorgt damit für lange nachhallendes Grauen. Wer den Film noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen.

1. Terrence Fletcher aus Whiplash (2014, Damien Chazelle):

Ich kann gar nicht oft genug wiederholen, wie großartig Whiplash ist! Dass dieser Film so grandios geworden ist, liegt nicht nur an den beiden tollen Schauspielern Miles Teller und J. K. Simmons, es liegt auch daran, wie fantastisch die beiden Figuren charakterisiert sind. Das Perfide an Terrence Fletcher, dem Schlagzeuglehrer des jungen Talents Andrew Neyman, ist, dass es solche Leute tatsächlich gibt. Und dass sie wirklich glauben, das Richtige zu tun. Sie schaffen es, dass andere schließlich davon überzeugt sind, falsch zu liegen und nicht würdig zu sein, ein wenig Respekt und Achtung zu verdienen.

So weit, so gut. Mit Sicherheit gibt es noch eine Vielzahl von Film-Fieslingen, die hier keinen Platz gefunden haben, obwohl sie es verdient hätten.

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60. Stück: „Unterwerfung“ (Soumission) von Michel Houellebecq – Dystopie oder Utopie?

Als Michel Houellebecq seinen Roman Unterwerfung (orig. Soumission) am 7. Januar 2015 veröffentlichte, erschütterte das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris die Welt. Es wurde gemunkelt, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen gäbe. Schließlich erklärten sich radikal-islamistische Terroristen von Al quaida für die Anschläge auf die Satirezeitschrift verantwortlich und in dem Roman geht es um eine nahe Zukunft in Frankreich, in der ein muslimischer Präsident regiert. Houellebecq hatte sich 2001 mit islamkritischen Äußerungen nicht gerade beliebt gemacht und wer Unterwerfung nicht gelesen und auch nicht mitbekommen hat, dass der streitbare Autor sein Urteil, der Islam sei „die dümmste aller Religionen“ Anfang 2015 wieder revidierte (in der Zwischenzeit hatte er den Koran gelesen), der könnte mit etwas Fantasie darin möglicherweise einen Zusammenhang erkennen. Tatsächlich aber war es wohl Zufall.

Nichtsdestotrotz ist es eine interessante Frage, ob Unterwerfung den Islam kritisiert oder nicht, sprich: Handelt es sich um eine Dystopie oder eine Utopie? Ist das muslimisch regierte Frankreich eine pessimistische oder optimistische Weltsicht? Neugierig, wie ich bin, wollte ich das unbedingt wissen und habe mir den Roman im Original zu Gemüte geführt. Und dabei festgestellt: So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten.

Die Hauptfigur in Unterwerfung, der Mittvierziger François, seines Zeichens Literaturprofessor, Alkoholiker und Kettenraucher, weiß nicht wirklich viel mit sich anzufangen, als der Roman beginnt. Es ist das Jahr 2022, die französischen Präsidentschaftswahlen stehen bevor und der rechtsradikale Front National liegt beunruhigenderweise in Führung. Die rechte Mitte liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz der Umfragewerte, der linken Mitte geht es auch nicht so doll, immerhin liegt sie jedoch nur knapp hinter der französischen Muslimbruderschaft unter dem charismatischen Politiker Mohamed Ben Abbès. François ist eigentlich unpolitisch, trotzdem nicht gänzlich uninteressiert an den gesellschaftlichen Entwicklungen in seiner Heimat. Seine innere Leere, die von ihm als sinnlos erachtete Existenz, versucht er mit kurzen Affären mit jungen Studentinnen zu kompensieren, seine neueste Eroberung Miryam liebt er vielleicht sogar beinahe. Aber er kann sich zu nichts Verbindlichem durchringen, Freunde hat er im Prinzip auch kaum, er hat keine finanziellen Sorgen, krank ist er eigentlich auch nicht, nur hier und da ein paar altersbedingte Wehwehchen. Da bietet es dann doch eine willkommene Abwechslung, die politischen Vorgänge in Frankreich zu beobachten.

Das macht François zur idealen Chronistenfigur, da er als Zeitzeuge selbst nicht politisch motiviert ist und somit die Ereignisse verhältnismäßig objektiv erzählen kann. Da er zudem ein Intellektueller ist, neigt er dazu, die verschiedenen politischen Standpunkte klug und scharfsinnig zu analysieren. Als Leser bekommt man so die Gelegenheit, sich ein eigenes Urteil bilden zu können, ohne vom Erzähler (nicht zu verwechseln mit dem Autor!) zu eindeutig in eine bestimmte Richtung gelenkt zu werden. Dies erschwert im Gegenzug die eindeutige Beantwortung der Frage nach der Dystopie oder Utopie.

Im Laufe des Romans kommt es immer wieder zu Demonstrationen des Front National, es scheint, als würde er diesesmal wirklich die Präsidentschaftswahl gewinnen. Dann jedoch bildet die linke Mitte ein Bündnis mit Ben Abbès und gemeinsam können sie die Wahl für sich entscheiden. Der erste muslimische Präsident Frankreichs nimmt einige Änderungen vor. Männer dürfen nun mehr als eine Ehefrau heiraten (umgekehrt dürfen jedoch Frauen nicht mehrere Ehemänner haben), die Frauen dürfen nicht mehr arbeiten, müssen sich kleidungsmäßig bedeckt halten und dürfen, wenn überhaupt, nur noch schöne Künste und Geisteswissenschaften studieren. François findet dies zu Beginn etwas befremdlich, lehnt die Entwicklungen jedoch nicht ab. Zumal ihm als Professor und Vertreter der geistigen Elite einige Privilegien in Aussicht gestellt werden (zum Beispiel werden für ihn die schönsten Frauen ausgesucht und bei Bedarf auch als Ehefrauen vermittelt), vorausgesetzt, er konvertiert zum Islam.

Zumindest für Männer, die über einen gewissen Status verfügen, ist diese Zukunftsvision also eine Utopie. Für Männer, die nicht zur Elite gehören, bietet diese Welt sicher auch ihre Vorzüge. Und als Frau weiß man immerhin, wo der eigene Platz ist. Für mich wäre dieser Platz allerdings gar nichts. Also doch eine Dystopie? Insgesamt scheinen jedoch politische Unruhen zwischen Links und Rechts, Probleme bei der Familienversorgung der Vergangenheit anzugehören. Der Roman verschweigt jedoch weitestgehend, wie es Andersgläubigen und Atheisten in dieser Gesellschaft ergeht. Es scheint zumindest andeutungsweise so, dass sie mit beruflichen Schwierigkeiten rechnen müssen.

Vielleicht ist es aber auch der falsche Ansatz, dem Roman eine eindeutig positive oder negative Weltsicht aufinterpretieren zu wollen. Unterwerfung ist kein moralischer Roman, der den Zeigefinger mahnend erhebt und Urteile fällt. Eigentlich ist es vielmehr eine Satire auf politische und gesellschaftliche Dynamiken, Machtspiele, Strategien und Intrigen, die auch heute schon ihre Wirkung  haben. Der Tonfall des Erzählers François ist trotz seinem Weltschmerz, seinem Ennui und seinem lakonischen Fatalismus von feiner Ironie, leichtem Humor gefärbt, sodass der Roman sehr unterhaltsam und kurzweilig zu lesen ist. Ganz nebenbei wird man als Leser außerdem zum Nachdenken angeregt. Was mich dazu verleitet, eine klare Leseempfehlung auszusprechen. Ich bin gespannt, was ihr nach der Lektüre zu berichten habt.

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