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64. Stück: „Rocco Darsow“ von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses am 17. Juni 2015

Liebe und Realität

Nach längerer postdramatischer Theaterabstinenz habe ich letzte Woche Rocco Darsow von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg angeschaut – und war begeistert! Die Bühne besteht aus einer überdimensionalen Torte (mit essbaren Elementen), zwei Leinwänden und einem riesigen schwarzen Totenkopf, der aus der Mitte herausragt. Die Hälfte des kurzen Stücks verbringen die Schauspieler Martin Wuttke, Bettina Stucky, Christoph Luser und Sachiko Hara innerhalb des Totenkopfs. Sie werden dabei gefilmt und die Bilder werden live auf die Leinwände projiziert. Dies ist ein für Pollesch typischer Verfremdungseffekt, der dem Zuschauer offenbart, dass er sich gleichzeitig in einem Theaterstück (also einer Fiktion) und in der Realität befindet.

Polleschs Stücke lassen sich wie eine fortgesetzte Work in progress betrachten. Es wird nicht jedesmal eine abgeschlossene Geschichte erzählt, sondern es werden verschiedene Themen aus den Bereichen Leben, Lieben, Wirtschaft und Gesellschaft verhandelt. Dabei treten manche Leitmotive häufiger auf als andere und werden nicht nur von einem Stück zum nächsten wieder aufgegriffen, sondern auch innerhalb eines Stücks wiederholt. Jedoch sind diese Wiederholungen nicht exakt gleich, sondern stets leicht variiert. Das liegt daran, dass Pollesch seine Stücke nicht erst schreibt und dann seinen Schauspielern vorsetzt. Er entwickelt seine Texte gemeinsam mit den Schauspielern im Probenprozess, wobei die Leitmotive und wiederkehrenden Themen von jedem Schauspieler ein wenig anders betont und interpretiert werden.

Die Themen, die in Rocco Darsow im Mittelpunkt stehen, sind die Liebe, die Realität, das Sein. Der Totenkopf in der Mitte erinnert – das wird im Stück auch explizit gesagt – an den Terminator, nachdem seine menschliche Hülle verbrannt ist. Dieser intertextuelle Verweis auf einen der Klassiker der Popkultur und einen der bekanntesten Zeitreise-Filmen stellt die Frage: Was ist Realität? Schließlich wird in Terminator durch das Großvaterparadoxon die Realität innerhalb der erzählten Welt durcheinander gebracht, sodass sich nachher kaum logisch entwirren lässt, wo die Ursache und wo die Folge der Handlungen sind, die die erzählte Wirklichkeit bestimmen. In wechselnden Variationen stellen die Schauspieler in Rocco Darsow immer wieder die Frage, wie Realität zustande kommt. Wenn eine Person einer anderen ihre leidenschaftliche Liebe gesteht, wird Letztere durch diese Aussage dann erst zur Geliebten? Oder war sie es schon vorher? „Und ist nicht das die Realität, die immer so tut als wäre sie schon da, aber sie ist immer erst nachträglich da.“

Trotz solcher Texte, die für Gehirnknoten sorgen, ist Rocco Darsow sehr witzig und unterhaltsam geraten. Auch das begegnet dem Zuschauer regelmäßig in Polleschs Stücken, dass die durchweg hervorragenden Schauspieler voller Spielfreude das Publikum mitreißen. Das rasende Tempo, in dem die Texte vorgetragen werden, der ehrliche Tonfall, die Mischung aus Umgangssprache und Fachbegriffen regen zum Nachdenken an, ohne zu belehren.

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43. Stück: Was „Der Große Gatsby“ uns heute noch zu sagen hat

Gestern habe ich mir Der Große Gatsby von Baz Luhrmann im Kino angeschaut und war verhältnismäßig überwältigt. Ich fand, das lohne eine längere Kritik und den Versuch einer Interpretation. Wer den Film noch nicht gesehen hat und sich noch überraschen lassen möchte, sollte an dieser Stelle vorsichtshalber aufhören zu lesen.

Baz Luhrmann ist für Der Große Gatsby mal wieder in Höchstform und präsentiert große Gefühle, bedingungslose Liebe, knallbunte Farben, tolle Musik und opulente Kostüme, wie man sie bereits aus Moulin Rouge, Romeo und Julia und Strictly Ballroom kennt. Das erscheint zunächst hysterisch in der absoluten Reizüberflutung des Zuschauers – erst recht in 3D – ergibt aber als Porträt einer Gesellschaft, die völlig aus dem Ruder läuft, durchaus einen Sinn. Es herrscht die Gier, die Maßlosigkeit, der Größenwahn der Menschen, die am Abgrund tanzen. Einer weiß das für sich zu nutzen: Jay Gatsby. Mit dubiosem Aktiengemauschel, geschicktem Networking (wie man das Kontakte knüpfen zu den Reichen und Wichtigen heutzutage nennt) und den formvollendeten Manieren eines Gentlemans schummelt er sich aus ärmsten Verhältnissen bis ganz nach oben und macht aus seiner eigenen Person einen Mythos. Und das alles nur der Liebe wegen. Denn Gatsby liebt Daisy, die er einst verließ, weil er sich wegen seiner Mittellosigkeit schämte und wusste, er würde ihr den Luxus nicht bieten können, den die – nun ja – verwöhnte Göre aus gutem Hause seit jeher gewohnt ist. Als er endlich „Jemand“ ist, hat sie schon längst einen reichen Grobian geheiratet, der sich wegen seiner noblen Herkunft nicht auch noch benehmen können muss. So sehr sie sich auch langweilt und davon träumt, auszubrechen, so schlecht er sie auch behandelt, sie hält zu ihrem Ehemann, weil sie den Lebensstil, den er ihr bietet, nicht missen möchte. Gatsby ist dabei ein typischer Luhrmannesker Liebender, der mit bedingungsloser Hingabe die Frau seiner Träume anbetet und alles nur für sie tut und letzten Endes opfert. Wie Romeo oder Christian aus Moulin Rouge rennt er sehenden Auges ins Verderben, weil er liebt. Das kann man romantisch finden, aber auch besessen, ein wenig verrückt und nicht gerade schlau.

Gatsby ist also ein Emporkömmling, der alle diese wichtigen Leute an der Nase herumführt. Erzählt wird die Geschichte von seinem Nachbarn und Daisys Cousin Nick Carraway, den eine enge Freundschaft mit dem jungen Hochstapler verbindet. Er ist eigentlich Schriftsteller und arbeitet aber in New York an der Börse, um seine Brötchen zu verdienen. Eigentlich ist der sensible junge Mann aber für die harte Geschäftswelt überhaupt nicht gemacht und so laufen denn auch seine Finanzen nicht gerade rosig. Er lässt sich zunächst blenden von dem Pomp und Glamour der Welt der Reichen und Schönen, aber so wirklich wohl fühlt er sich dort nicht. Aber in Gatsby sieht er anscheinend etwas, das ihm selber fehlt, nämlich Hoffnung und die Zuversicht, dass alles so wird, wie man es sich vorstellt. Nick selbst ist auf dem besten Weg, ein Zyniker zu werden, wobei ich erst geneigt war, ihm recht zu geben darin, dass niemand die Vergangenheit wiederholen kann. Das stimmt vielleicht sogar, denn niemand kann die Vergangenheit absichtlich und bewusst, aktiv wiederholen. Auch Gatsby scheitert trotz seiner Hoffnung schließlich an dem Versuch. Aber die Vergangenheit wiederholt sich von allein, wenn die gleichen Fehler wieder von neuem begangen werden.

So, und genau das ist der Punkt, der mich an der Geschichte im Allgemeinen und dieser speziellen Verfilmung im Besonderen fasziniert. Wer aus der Vergangenheit nichts lernt, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Die Geschichte spielt in den 1920er Jahren, kurz vor der Weltwirtschaftskrise. Die Verfilmung ist aus den 2010er Jahren, wo eine Wirtschaftskrise nach der anderen den gesamten Globus beutelt. Klar, man kann da jetzt meckern, die Parallele sei ja wohl offensichtlich. Dennoch finde ich, dass Luhrmann einen raffinierten Weg gewählt hat, um diesen Gegenwartsbezug herzustellen. Und das ist der Soundtrack, der durch seinen Anachronismus einen wunderbaren Verfremdungseffekt darstellt. Einerseits sind typische Musikstücke der Roaring Twenties vertreten – wie sie auch aus den Woody Allen-Filmen bekannt sind – andererseits sind aber auch moderne Popsongs aus unserer Zeit auf alt getrimmt oder auch modern gelassen. Dies wirkt erst einmal irritierend, weil es die Illusion, man befände sich in einer Geschichte, die sich vor rund neunzig Jahren ereignet hat, durchbricht. Zumindest ich habe mich dann gefragt, was das soll und bin dann zu dem Schluss gekommen, dass Luhrmann zwischen all dem Kitsch, dem Bling Bling und der hysterischen Vergnüngungssucht nicht nur die Gier der damaligen Gesellschaft kritisiert, sondern auch die Gier und Maßlosigkeit unserer heutigen Gesellschaft anprangert. Gatsby und Nick bleiben am Ende als Opfer zurück. Und die wichtigen Leute, die mit dem Geld, die, die es ändern könnten, machen einfach dort weiter, wo sie aufgehört haben, sodass die Vergangenheit gezwungen ist, sich zu wiederholen. Das kann man jetzt abnicken und sagen, Ja, das ist schlimm. Aber ich bin der Meinung, dadurch, dass die Gesellschaftskritik hier ein wenig durch die Hintertür angeschlichen kommt, anstatt mit dem moralischen Holzhammer arrogant auf das Publikum einzudreschen, wird der Film doch zu etwas Besonderem und entlarvt die Substanzlosigkeit und Vergänglichkeit hinter der glitzernden Fassade der Haute Volée.

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33. Stück: Schneewittchen – Ein Märchen, zwei Filme

Es war einmal eine Bloggerin, die wollte einen Artikel über zwei Märchenfilme schreiben, die sie kürzlich gesehen hatte und die dieselbe Geschichte auf eine so unterschiedliche Weise erzählten, dass sie sich noch am selben Abend, als sie den zweiten Film über Schneewittchen im Kino gesehen hatte, ans Werk machte.

Vor einiger Zeit hatte ich einen Essay darüber geschrieben, wie man ein klassisches Stück so bearbeiten kann, dass es uns auch heute noch etwas erzählen kann. Die Themen, die beispielsweise in der griechischen Mythologie verhandelt werden, wie Liebe, Eifersucht, Rache, Hass, Ehrgeiz und so weiter, sind zeitlos und werden uns immer wieder beschäftigen. Das Gleiche gilt auch für die Volksmythen, die die Brüder Grimm vor etwa 200 Jahren gesammelt, und in ihren Kinder- und Hausmärchen verewigt haben. Den Beweis dafür, wie unterschiedlich man Schneewittchen beispielsweise interpretieren kann, kann man zurzeit im Kino bewundern. Am 05. April startete die urkomische Version Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen und seit letzter Woche, dem 31. Mai läuft die düstere Albtraum-Fassung Snow White & the Huntsman, die ich mir vorhin zu Gemüte geführt habe. (Die folgende Darstellung enthält Spoiler)

In Spieglein, Spieglein habe ich mich wunderbar amüsiert, vor allem über die von Julia Roberts nicht ohne Selbstironie dargestellte böse Königin. Keine schauspielerische Meisterleistung, aber überaus witzig. Das Schneewittchen war zwar zuckersüß, mit den großen Kulleraugen und dem Puppengesicht, was mich normalerweise aus Prinzip schon nervt (denn wer könnte besser diesen Kulleraugen-Niedlich-gucken-Trick durchschauen, als jemand, der ebenfalls mit großen Kulleraugen durchs Leben hüpft?), aber von Phil Collins Sprössling Lily mit so viel Charme und Keckheit interpretiert, dass man sie einfach mögen musste. Die Zwerge waren erwartungsgemäß putzig, drollig und ulkig und ein Happy End mit dem gutaussehenden Prinzen gab’s selbstverständlich auch. Überdies war der Vater auch nicht gestorben, sondern nur verzaubert und wurde am Ende wieder errettet, so dass zum Schluss alles seine Ordnung hatte und man mit einem guten Gefühl und einem zufriedenen Grinsen im Gesicht den Kinosaal wieder verlassen konnte. Schneewittchen war durchaus wehrhaft und ein kluges, selbstbewusstes Mädchen, so dass auch meine innere Feministin nicht allzu viel zu meckern hatte und sich die Mühe aufzumucken sparte. Dieser Film hatte es sich offenbar zum Ziel gesetzt, unterhaltsam, witzig und spaßig zu sein, einfach gut gemachtes Wohlfühl-Gute-Laune-Kino, und das hat er auf jeden Fall geschafft. Nichts, worüber man noch Jahre später drüber nachdenkt, kein Film der nachwirkt, aber ein Film, der einen fröhlich nach Hause entlässt.

Wie anders ist da die neueste Schneewittchen-Fassung Snow White & the Huntsman. Düster, deprimierend, albtraumhaft ist hier die Landschaft als ein Spiegel der Seele einer vor Verzweiflung wahnsinnigen Frau in Szene gesetzt, der bösen Königin. Charlize Theron beweist einmal mehr, dass sie auch noch viel mehr kann, als einfach nur hübsch aus der Wäsche zu schauen. Ihre Königin ist nicht einfach so böse, wie es die von Julia Roberts verkörperte Rolle noch war, sondern wurde als Kind von ihrer Mutter mit einem Zauber (oder Fluch?) belegt, der es ihr erlaubte, ewig jung zu bleiben, wenn sie nur in regelmäßigen Abständen jungen Mädchen das Leben aussaugt. Ihr zur Seite steht der Bruder, ihr ergebener Diener und treuer Handlanger, den sie schließlich doch verrät, um ihre eigene Haut zu retten. Therons Königin ist eine fast schon tragische Figur, die von Rache, Eitelkeit und Machtgier zerfressen, alles um sie herum zerstört, was sie vielleicht hätte lieben können. Wenn Snow White sie am Ende besiegt, scheint es, als sei es keine Niederlage, sondern eine Erlösung.
Kristen Stewart, bekannt als somnambule Ohrfeige in das Gesicht weiblicher Emanzipation namens Bella aus der Twilight-Reihe, zeigt, dass sie auch mehr drauf hat, als schläfrig in die Kamera zu schielen und sich von pubertierenden Werwölfen und schnöseligen Vampiren mit Heldenkomplex herumschubsen zu lassen. Ihre Snow White ist der glatte Gegenentwurf zur unterwürfigen Bella und auch zum fröhlich-niedlichen Schneewittchen von Lily Collins. Von der für europäische Gemüter etwas befremdenden Szene abgesehen, in der Snow White zwei selbstgebastelte Reisigpüppchen fest an sich pressend, mit tiefster Innbrunst das Vaterunser aufsagt, abgesehen, ist sie hier eine ganz und gar unabhängige, mutige junge Frau, die schließlich über sich hinauswächst, um ihr Volk und ihr Land zu retten. Das hat zugegebenermaßen auch etwas religiöses Geschmäckle, erinnert es doch sehr an Jeanne d’Arc. Aber die Spannung und dichte, düstere Atmosphäre lassen darüber hinweg sehen.
Lange Zeit fragt man sich, wo denn in dieser Schneewittchen-Version eigentlich die Zwerge bleiben. Ungefähr nach der Hälfte der Zeit (nachdem mein Cineasten-Hirn schon überall nach Metaphern Ausschau gehalten, und zu dem Schluss gekommen war, dass Snow White die Zwerge symbolisch in ihrem Herz trägt), tauchen sie doch noch auf. Eine Gemeinsamkeit mit Spieglein, Spieglein ist, dass auch hier die Zwerge für komische Momente sorgen und nicht ganz frei von Possierlichkeit sind. Witzig war der Seitenhieb auf den Disney-Film in folgendem Dialog: „Hey Ho, an die Arbeit!“ – „Wenn er jetzt auch noch anfängt, zu pfeifen, hau ich ihm eins in die Fresse“ (aufgrund dessen, dass ich frei aus dem Gedächtnis zitiere, kann es sein, dass der genaue Wortlaut leicht hiervon abweicht). Aber auch hier sind die Zwerge traurig, deprimiert, resigniert, verzweifelt. Im Kampf verlieren sie sogar einen von ihnen. Schließlich sind sie dann für das Gelingen der Rückeroberung des Schlosses von großer Wichtigkeit.
Eine ungewöhnliche Rolle für eine Hollywood-Blockbuster-Produktion spielt die Liebe in Snow White & the Huntsman. Gibt es in Spieglein, Spieglein noch das genretypische Princess-meets-Prince-Happily-Ever-After-Ende, so steht Snow White in der Albtraum-Version zwischen zwei Männern: Ihr ‚Sandkasten-Freund‘ Will und der Huntsman. Snow White stirbt zwischendurch, wie auch in Grimms Märchen, durch die List der bösen Königin und den Biss in einen vergifteten Apfel. Nicht Wills Kuss erweckt sie wieder zum Leben, sondern der des Huntsman. Da denkt man als märchenkundiger Zuschauer natürlich, Aha, der Huntsman ist ihre wahre Liebe, denn nur der wahren Liebe Kuss erweckt Tote zum Leben. Der romantische-Komödie-erprobte Zuschauer wundert sich allerdings, Nanu, sonst ist es doch immer der ‚tausend Mal berührt, tausend Mal ist nichts passiert‘-Sandkastenfreund, der die Frau kriegt. Daraus folgert schließlich der Fantasyfilm-erfahrene Zuschauer, dass einer von den Beiden sich für Snow White aufopfern wird, und der Übrigbleibende sie heiratet. Und das ist tatsächlich mal eine interessante Abwechslung, sie entscheidet sich für keinen von Beiden. Der Film endet mit ihrer Krönung zur Königin und meine innere Feministin hat auch dieses Mal nichts zu beanstanden.

Insgesamt also zwei grundverschiedene Interpretationen derselben Geschichte, die beide auf ihre Weise überaus gelungen sind und in jedem Fall einen genaueren, vergleichenden Blick lohnen und beweisen, dass Märchen eben nicht nur etwas für Kinder sein müssen.

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30. Stück: Von der Modernität klassischer Stücke und dem Nutzen von Textkürzungen

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Ich hasse es, wenn Theatermacher sich damit brüsten, einen Klassiker ungekürzt auf die Bühne zu bringen. Da frage ich mich, wo bleibt denn da die Kunst? Die Schauspieler den gesamten Text eines Klassikers, den alle schon in der Schule gelesen haben, den also jeder kennt, den jeder als Reclam-Heft käuflich erwerben und den Gesamttext bei Bedarf (!) nachlesen kann, auswendig lernen zu lassen, um dann anschließend das Publikum stundenlang damit zu quälen, ohne dass jemand sich beschweren dürfte, schließlich sei das ja werkgetreu, ist für mich keine Kunst, sondern eine besonders perfide Kombination von Faulheit und Sadismus.

Die Zeiten haben sich geändert, unsere Sehgewohnheiten haben sich geändert. Wir sind vom Kino beeinflusst, dessen rasche technische Fortschritte einen immer schnelleren und virtuoseren Schnitt ermöglichen. Die Zuschauer haben sich an dieses rasante Tempo gewöhnt und begreifen trotz der Schnelligkeit, worum es geht. Dazu kommt, dass das Publikum heute auf ein riesiges Repertoire unterschiedlichster Konventionen, Normen und anderer kultureller Verabredungen zurückgreifen kann. Man muss also gar nicht stur alles zeigen, damit der Zuschauer kapiert, was Sache ist. Häufig genügt eine Andeutung. Außerdem sind Klassiker wie Faust, Nathan der Weise, Emilia Galotti, Kabale und Liebe oder Das Leben des Galilei wirklich hierzulande jedem bekannt. Zumindest kann man voraussetzen, dass jeder weiß, worum es in den Stücken geht. Einfach nur nachzuerzählen, was sowieso schon jeder weiß, ist nicht interessant. Das ist langweilig! Interessant wird es doch erst, wenn die Theatermacher ihren Blick auf den Klassiker finden und dem Publikum präsentieren. Was will man mit diesem Klassiker erzählen, sollte die Prämisse sein. Den Klassiker als Material oder Medium begreifen, mit dem man dem Publikum etwas über ihre Gegenwart bewusst machen möchte, zum Beispiel. Und dann knöpft man sich den Text vor, liest ihn vielleicht einfach mal komplett gegen den Strich, probiert Dinge aus, von denen alle sagen, das sei unmöglich (Penthesilea sei uninszenierbar, hieß es. Dennoch habe ich bereits mindestens zwei völlig verschiedene, überaus gelungene Inszenierungen dieses Stücks gesehen) und vor allen Dingen legt man seine Scheu vor Textkürzungen ab. Jeder kennt inzwischen den Hamlet-Monolog mit „Sein oder nicht sein…“. Da genügt eine Andeutung. Thomas Ostermeier hat mit seiner Hamlet-Inszenierung 2008 auf dem Theaterfestival in Avignon bewiesen, wie viel Spannung ein geflüstertes „Sein oder nicht sein“ auch in der Wiederholung erzeugen kann, ohne sich sklavisch an die Vorlage zu halten.

Klassiker können uns nämlich auch heute noch viel über unsere Gegenwart erzählen, es gibt Themen, die zeitlos aktuell sind und historische Merkwürdigkeiten können aufzeigen, was sich inzwischen geändert hat. Das ist interessant! Liebe und Hass, Macht und Intrigen, sind nur einige wenige Beispiele zeitlos aktueller Themen. Wie die Figuren damit jeweils umgehen, mag historisch merkwürdig anmuten und genau da kann man sich als Theatermacher einklinken, sich dazu positionieren und den Zuschauer durch die Aufführung mit ins Boot holen.

Ich bin nicht gegen Klassiker auf der Bühne, da bin ich anderer Ansicht als René Pollesch. Aber ich bin entschieden dagegen, mich im Theater stundenlang zu langweilen, weil die Theatermacher mir mit dem Klassiker nichts zu erzählen haben und deswegen einfach nur stur den Text herunterorgeln!

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27. Stück: Kunst und Religion – unvereinbare Gegensätze?

Es hat sich Wunderliches zugetragen anlässlich der diesjährigen Lessingtage am Hamburger Thalia-Theater. Der Performance-Macher (ob Künstler oder nicht, darüber lässt sich streiten) Rodrigo García hat ein Stück mit Namen Gòlgota Picnic inszeniert und das Thalia-Theater wurde mit Morddrohungen und Protestgewittern traktiert. Was war geschehen? García, nicht eben subtil in seiner Kapitalismus-Kritik, hatte in seine Inszenierung dem Hören-Sagen nach auch etwas brachiale Religions-Kritik einfließen lassen. Da hängt dann Gerüchten zufolge eine Frau in einem Nackedei-Kostüm an einem Kreuz und so Sachen und der Boden ist angeblich voll von Brötchen (immerhin keine Fischreste, was García ebenso zuzutrauen, wie der religiösen Metapher nach folgerichtig wäre). Das ist meiner bescheidenen Ansicht nach nicht sonderlich originell und hat man schon tausendmal gehabt. Ich hätte nie gedacht, dass so ein langweiliges Ekel-Theater heute überhaupt noch eine Katze hinterm Ofen hervorlockt.
Rodrigo García ist mir nämlich kein Unbekannter, er und eine seiner Performances (Titel habe ich verdrängt) begegneten mir auf dem Theaterfestival in Avignon im Jahr 2007. Man hatte mir schon die übelsten Gruselgeschichten über diesen jungen Mann erzählt. Dinge wie, dass er Hühnern auf der Bühne den Kopf abbeißen ließe. Groß war mein Schreck, als tatsächlich Käfige mit lebenden Hühnern auf die Bühne getragen wurden. Aber die Hühner wurden nur hypnotisiert, was zwar komplett schwachsinnig, aber auch ziemlich witzig war, weil es tatsächlich funktionierte. Das darob tiefenentspannte Federvieh wurde behutsam in seine Käfige zurückgelegt und dann ein Salat auf der Bühne zubereitet. Das Ganze wurde von einer Schildkröte gefilmt und auf eine Leinwand projiziert. García hat sich dann ganz dreist bei Fight Club bedient und seine Kapitalismuskritik am Beispiel der kleinen Shampoo- und Seifenportionen in Hotels illustriert und am Ende waren alle nackt, voll mit Honig und Erde und wälzten sich unmotiviert übereinander durch die Gegend. Alles in allem ziemlich bescheuert, billige Schockversuche und abgedroschene Gesellschaftskritik. Nichts, worüber man sich aufregen müsste. Habe ich natürlich trotzdem, denn ich gehe nur ungern ins Theater und werde verarscht. Ich gehe lieber ins Theater und nehme hinterher etwas zum Nachdenken mit nach Hause.

Um aber auf die wundersame Begebenheit in der Hansestadt zurückzukehren: Ebendieser Rodrigo García, der Hühnerhypnotiseur und Möchtegern-Provokateur, hatte also ein Gastspiel bei den Lessingtagen. Die Morddrohungen und wütenden Proteste kamen nicht etwa von entrüsteten Zuschauern, die schon mal ein Stück von dem Kerl sehen mussten, sondern von radikalen Christen. Ich hätte ja gedacht, dass sich Radikalität und Christentum gegenseitig ausschließen, da ja das Christentum Toleranz und Nächstenliebe predigt und Radikalität grundsätzlich immer zu Aggressionen führt, aber offensichtlich lag ich da falsch. Kommt vor. Jedenfalls gibt es wohl so eine dubiose Nazi-Gruppe, die ihren Hass unter dem Deckmäntelchen des Christentums rechtfertigt, die antisemitisch, homophob und weiß ich was noch alles sind und die haben – ich weiß nicht wie – von dieser Inszenierung Wind bekommen und sich dazu entschlossen – vermutlich weil sie zu viel Zeit und zu wenig Grips haben – gegen dieses Stück zu protestieren. Ihnen angeschlossen hat sich die ultra-christliche Pius-Bruderschaft, die sich dann kleine lustige Pappschildchen bastelte, um ebenfalls gegen die Aufführung zu protestieren. Immerhin waren die friedlich, fast schon rührend. Es gab sogar eine Klage gegen das Thalia-Theater. Und jetzt kommt’s: Die Klage wurde abgeschmettert, das Stück durfte aufgeführt werden. Begründung: Wem es nicht gefällt, kann der Aufführung fernbleiben. Zack.

Meine Gefühle ob dieses Vorfalls sind zwiegespalten. Einerseits freue ich mich, dass Theater auch heute noch zu solch einem Tumult führen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass García mit seiner billigen Provokation heute tatsächlich noch irgendwo einen Nerv treffen kann. Auch kann ich eine gewisse Schadenfreude und ein Gefühl des Triumpfs nicht verhehlen, die die abgeschmetterte, schwachsinnige Klage ausgelöst hat. Andererseits aber finde ich es beängstigend, dass in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft immer noch solche radikalen Idioten herumlaufen, die die ursprünglich edlen Gesinnungen von Religionen jeder Art missbrauchen, um Krawall zu machen und anderen Leuten ungefragt mit ihren bescheuerten, undurchdachten, nachgeplapperten Instant-Meinungen auf den Keks zu gehen. An dieser Stelle möchte ich mit Dieter Nuhr sagen, dass man in einer Demokratie zwar eine Meinung haben dürfe, aber nicht müsse und dass, wenn man keine Ahnung habe, man die Klappe halten sollte. Sie können ja gerne Nacktkostüme und Verschwendung von Nahrungsmitteln ablehnen. Ich find die Verschwendung von Nahrungsmitteln auch nicht gerade ein überzeugendes Mittel zur Kapitalismuskritik, weil man dann genau das Gleiche macht, was man anderen vorwirft. Aber ich hab mir das Stück auch schlichtweg nicht angeschaut und niemanden hat’s gestört. Ich war stattdessen im Kino und habe Die Muppets geguckt. Aber gegen die gab es ja in den USA auch wütende Proteste, weil sie angeblich dem Kommunismus huldigen. Das kam allerdings von Seiten der Tea Party-Fuzzis und ihrer Sympathisanten, die sind ja alle paranoid und nicht ganz dicht, weder wundert das irgendwen, noch juckt es einen.

Mich interessiert jetzt, ob denn Religion und Kunst tatsächlich unvereinbare Gegensätze sind. Meiner Meinung nach müssen sie es nicht sein. Wenn irgendwelche radikalen Psychopathen oder Dummdödel die Religion missbrauchen, um ihre wiedergekäuten Idiotien zu rechtfertigen und dies als Vorwand für Gewalt nutzen (weil ihnen schlicht langweilig ist und sie zu dumm sind, sich eine friedfertige Freizeitbeschäftigung zu suchen), dann geht das natürlich nicht mit Kunst zusammen. Kunst liegt im Auge des Betrachters und erfordert daher grundsätzlich Toleranz. Eigentlich ist Toleranz auch das, was allen Religionen ihrem Ursprung nach zugrunde liegt. Aber offensichtlich gibt es immer Vollidioten, die das nicht kapiert haben.

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26. Stück: Theater als ephemere Kunst

Häufig frage ich mich, warum ein Theaterstück, das einem auf der Bühne vor Spannung den Atem raubt, einen zu einem Spontannickerchen verleitet, sobald man es auf Video schaut. Ich glaube, das liegt in der Natur der Sache. Theater ist eine ephemere, eine vergängliche Kunst. Jede Aufführung, jedes Publikum, jeder Abend ist anders. Es war vorher nie so, wie an diesem Abend und wird auch nie wieder genau so sein. Diese Vergänglichkeit ist es, die einem Theaterabend seine Magie verleiht, der aus Publikum und Schauspielern für ein paar Stunden zu Komplizen, einer eingeschworenen Gemeinschaft macht. Wenn man versucht das auf Video zu fixieren, ist der ganze Zauber im Eimer.

Leider gibt es immer wieder auch Theaterproduktionen, die das Ephemere zu ignorieren suchen. Heraus kommt ein ungemein anstrengender Theaterabend, in der die Schauspieler wahlweise in ein unerklärliches Inszenierungskorsett eingesperrt werden oder sich selbst so eitel und selbstverliebt gegenseitig beim Spielen bewundern, dass der Zuschauer sich ausgeschlossen fühlt. Wenn man sich selbst (und gegebenenfalls auch seine Kollegen) beweihräuchern möchte, kann man von mir aus ja gern sich irgendwo in einem Probenraum einschließen und sich gegenseitig super finden, aber wenn man beschließt, vor Publikum zu spielen, muss man auch für das Publikum spielen. Als Regisseur muss man sich selbst auch mal kritisch in Frage stellen und prüfen, ob man wirklich jeden eitlen Einfall, den man hatte, den aber außer man selbst keiner kapiert, partout auf die Bühne bringen muss. Bevor mich jemand missversteht. Ich bin nicht gegen Anspruch und das Verhandeln heikler gesellschaftlicher und politischer Fragestellungen auf der Bühne. Im Gegenteil. Bin ich sehr für. Aber man muss doch als Künstler auch ein Interesse daran haben, diesen Anspruch und diese heiklen Fragen auch dem Publikum zu vermitteln. Sonst ist es nämlich nichts weiter als ein selbstverliebtes Sich-toll-finden und das ist nervig und lästig und sollte bestenfalls keinem Publikum zugemutet werden. Das Ephemere des Theaters sollte parallel zur Vergänglichkeit des Lebens nämlich einfach mal ein ganz klein wenig demütig stimmen. Nicht devot, das ist etwas anderes, aber demütig. Dann entsteht auch wieder häufiger die Magie des Augenblicks und das Eingeschworene zwischen Schauspielern und Publikum, die das Theater einzigartig machen und die man nicht auf Video festhalten kann. Neben dem ephemeren Charakter ist auch die „leibliche Ko-Präsenz“ (z.B. Erika Fischer-Lichte), also das zur selben Zeit am selben Ort sein von Publikum und Schauspielern, für das Theater unentbehrlich. Theater, heißt es, findet statt wenn Schauspieler A eine Figur B spielt während Publikum C zuschaut. Heute, in Zeiten von Massentauglichkeit von Happenings, Performances, Hybridformen von Tanz, Musik und Theater, etc. kann man das sogar noch weiter reduzieren. Theater ist, wenn A etwas macht und C schaut währenddessen zu. Das klingt zunächst willkürlich und langweilig, wird aber gerade durch das Ephemere zu etwas Einzigartigem, das sich nie zuvor so ereignet hat und auch nie wieder in exakt dieser Form sich ereignen wird.

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22. Stück: Umfrage – „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ von Volker Lösch. Was meint ihr zu dem umstrittenen Ende?

Es ist wirklich eine umstrittene Inszenierung, die Volker Lösch mit „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ gelungen ist. Und er hat offensichtlich insbesondere mit dem Ende, bei dem die Namen und das Einkommen der 20 reichsten Hamburger laut verlesen werden, doch mehr provoziert als man das im ersten Moment gedacht hätte.

Erst neulich hatte ich in meinem Seminar über „Chorisches Theater“ eine hitzige Diskussion mit meinen Kommilitonen, weil wir uns über die moralische Tragweite des Endes von „Marat,…“ nicht einig waren.

Hat Volker Lösch mit diesem Ende die 20 reichsten Hamburger an den Pranger gestellt und ihr Persönlichkeitsrecht verletzt? Hat er geholfen, auf einen allseits bekannten und gerne ignorierten Missstand, nämlich der Schere zwischen Arm und Reich, aufmerksam zu machen? Und was ist davon zu halten, dass etwa die Hälfte der genannten Bürger mit Hilfe ihrer Anwälte einstweilige Verfügungen erwirkt haben, damit ihr Name nicht mehr genannt wird? Haben sie damit vollkommen richtig reagiert? Oder hätten sie lieber souverän bleiben und das Geld, das sie für Anwälte ausgegeben haben, lieber für wohltätige Zwecke spenden sollen?

Für mich war die Antwort vor dieser Debatte in meinem Seminar eigentlich ganz klar. Doch mittlerweile muss ich feststellen, dass der Fall doch nicht so eindeutig ist und dass man dieses Ende auch ganz anders bewerten kann.

Und das finde ich hochinteressant. Deswegen seid jetzt ihr gefragt. Ich habe in diesem Beitrag erstmals eine Umfrage erstellt und möchte nun eure Meinung wissen.

Darf Volker Lösch in seiner Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ am Ende die Namen und das Vermögen der 20 reichsten Hamburger verlesen?

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