Schlagwort-Archive: Sozialkritik

100. Stück: Ist Nathanael aus E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ der Archetyp eines Verschwörungstheoretikers?

Als Mitte März die Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Pandemie losgingen und noch alle ohne zu Murren mitgemacht haben, gab es eine große Solidarität, den Willen zusammenzuhalten und auch ein großes Vertrauen in die Wissenschaft. Meine Mutter und ich unterhielten uns damals am Telefon darüber, wie lange das wohl anhalten würde, ob nach der Krise, wenn sich alles wieder ein wenig beruhigt hätte, die Menschen vielleicht ein kleines bisschen von dieser Solidarität mitnehmen würden. Ich vermutete, dass viele Menschen wieder genau dieselben egozentrischen, eitlen, Logik und Wissenschaft verachtenden Dummtröten sein würden wie vorher – aber trotz Zynismus und einer gewissen mir innewohnenden Misanthropie hätte ich nie gedacht, dass das so schnell gehen würde und dass das schon so ausarten würde, wenn wir eigentlich noch mittendrin sind in der Pandemie.

Well, that escalated quickly …

Vor allem habe ich es wirklich nicht kommen sehen, dass so viele Menschen plötzlich Verschwörungstheoretikern mehr Glauben schenken als Wissenschaftlern, die sich schon seit Jahren mit der Erforschung von Coronaviren und Pandemien beschäftigen. Das finde ich erschreckend – und es fällt mir schwer, das zu verstehen. Was geht bloß in den Köpfen von den Menschen vor, die einem weinerlichen Schlagersänger oder einem größenwahnsinnig gewordenen, waffennärrischen Koch plötzlich mehr wissenschaftliche Expertise zutrauen als einem Virologen? Warum glauben sie den unlogischen Quatsch, der nur durch falsch interpretierte, verkürzte, verzerrte oder komplett frei erfundene „Fakten“ zusammenhält? Warum sehen sie keinen Widerspruch darin, wenn jemand im Brustton der Überzeugung gegen die „Mainstream-Medien“ wettert, gleichzeitig aber ebendiese „Mainstream-Medien“ als Quellen angibt? Warum macht es sie nicht stutzig, wenn da irgendein Typ sich selbst als Oberchecker inszeniert, dabei die ganze Zeit von sich redet und alle Register des Überwältigungspathos zieht?

Was ist bloß los mit diesen Menschen, die auf Demos ihre Meinung kundtun, dass sie ja gar nicht mehr ihre Meinung kundtun dürften? Die Angst vor einem „Impfzwang“ haben, obwohl es den entsprechenden Impfstoff noch nicht gibt? Die einen Computerfachmann und Milliardär zum absoluten Bösen erklären, der aus nicht ansatzweise logisch schlüssigen Gründen die Menschheit sowohl dezimieren als auch versklaven und kontrollieren will, nicht aber per Computer, wie es für einen Computerfachmann naheliegend wäre, sondern superkompliziert mit einem Chip, der unter die Haut gespritzt wird, während die Leute zwangsgeimpft werden mit dem Impfstoff, den es noch nicht gibt?

Alle bekloppt?

Klar, man kann sagen: Die sind eben bekloppt. Aber ich denke, so einfach ist es nicht – schließlich fallen auch vormals „normale“ Leute auf das Überwältigungstheater und Verschwörungsgeschwurbel herein. Also, was passiert da im Oberstübchen?

Bei einem meiner Waldspaziergänge, die ich mir seit Anfang des Lockdowns angewöhnt habe, sinnierte ich darüber nach, was mit diesen Menschen los sein könnte und fragte mich, warum sie so beratungsresistent, so von sich selbst überzeugt sind. Was sind das überhaupt für Typen, die auf den ganzen Schmu reinfallen?

Was mir aufgefallen ist, zumindest ist das mein Eindruck, ist eine aggressive, selbstverliebte, selbstgerechte, über jeden Zweifel erhabene Arroganz, mit der diese Leute jedes logische Argument, jede Nachfrage, jeden Einwand abschmettern. Gleichzeitig scheinen sie sich über die Schauermärchen der nur von ihnen und den anderen Erleuchteten aufgedeckten Verschwörungen zu identifizieren – also, wenn man ihre Geschichten kritisiert, dann fühlen sie sich tief in ihrer Person, in ihrem Selbstbild infrage gestellt – und reagieren entsprechend, als wolle man ihnen ihr Innerstes stehlen, und was bleibt ihnen dann noch?

Was hat das mit Hoffmanns „Der Sandmann“ zu tun?

Und dann (jetzt komme ich dann auch endlich mal zum Thema dieses Essays) dachte ich: Moment mal? Diese Verhaltensweise, diese Denkart, dieser Typus – das kenne ich doch irgendwoher? Und dann fiel es mir ein: „Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann, Nathanael.

Nathanael ist fest davon überzeugt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben, dass alle absichtlich leugnen, was er schon längst erkannt hat: Coppelius und Coppola sind ein- und dieselbe Person, das „böse Prinzip“, der Sandmann, der Nathanael die Augen ausreißen will und ihm nach dem Liebesglück mit Clara und nach dem Leben trachtet. Er steigert sich immer weiter in seinen Wahn und verfällt außerdem in eine Liebeswahn zur Holzpuppe Ophelia, die er für einen echten Menschen hält.

Seine Verlobte Clara versucht ihm klar zu machen, dass die Verschwörung nur in seiner Vorstellung existiert: „Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muß sie in uns sich wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.“

Nathanael findet das ganz und gar nicht lustig und schreibt an Claras Bruder Lothar: „Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen holdlächelnden Kindesaugen oft wie ein lieblicher süßer Traum hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du liesest ihr wohl logische Collegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. – Laß das bleiben!“

Die Reaktion Nathanaels auf Claras logische, schlüssige und natürliche Erklärungen seiner Ängste ähnelt der Reaktion von Verschwörungsjüngern in sozialen Netzwerken, wenn man die Logik ihrer Behauptungen infragestellt: herablassend, ätzend-ironisch, unwirsch, uneinsichtig, pampig. Doch er beruhigt sich wieder und kehrt zwischendurch von seinen Wahnideen ab. Es ist aber nicht von Dauer und der Erzähler beschreibt:

„Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, daß des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verändert sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien und trieb es bald so seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit, zu behaupten, daß es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn die Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgendeines außer uns selbst liegenden höheren Prinzips.“

Nathanael als Verschwörungstheoretiker?

Und das beschreibt meines Erachtens auf den Punkt, wie mir die Verschwörungsschwurbler aktuell vorkommen, die den ganzen Mumpitz glauben und sich von Argumenten, Expertise oder auch nur simpler Logik nicht beirren lassen. Man sieht also, Xavier, Attila, Ken und Co. haben absolut nichts erfunden. Im „Sandmann“ von 1816 wurde das Phänomen der Verschwörungstheoretiker mit Nathanael als Archetyp treffend beschrieben, ebenso die irritierte, verwirrte und besorgte Reaktion der „Schlafschafe“, die den Schwurbelkram nicht glauben.

Ich habe damals an der Uni eine Hausarbeit über die Figurencharakterisierung im „Sandmann“ geschrieben und in meiner mündlichen Prüfung das Phänomen des Unheimlichen in E. T. A. Hoffmanns „Nachtstücken“ analysiert. Meiner These nach besteht das Unheimliche darin, wenn man nicht genau weiß, was in einer erzählten Welt tatsächlich der Fall ist, und was nicht. Wir erleben jetzt mit der Pandemie eine Phase des Unheimlichen, die uns wahrscheinlich noch eine ganze Weile begleiten wird (vermutlich, bis ein Impfstoff oder ein Medikament gegen Covid19 zugelassen wurde).

Die Wissenschaftler tun ihr Bestes und informieren laufend über den aktuellen Stand ihrer Forschung – da sie aber noch mittendrin sind und noch nichts wirklich 100 % sicher ist, wissen wir noch nicht so genau, was tatsächlich Fakt ist in Bezug auf das Virus und was nicht. Deswegen müssen wir besonders vorsichtig sein und die Verbreitung möglichst eindämmen – das ist das Einzige, was wir tun können, wo wir wissen, dass es hilft: Abstand halten und – wo das nicht möglich ist – Schutzmasken tragen. Nach Möglichkeit zu Hause bleiben. Das ist nicht viel und es ist nicht wirklich befriedigend, noch so wenig Gewissheiten zu haben – aber da müssen wir alle durch und noch eine Weile aushalten.

Nur ist diese Aushalten von Ungewissheit anscheinend nicht jedermanns Ding. Es muss doch für all das eine Erklärung geben? Einen Verantwortlichen? Einen Schuldigen? Wie kann das sein, dass ICH, der ICH sonst immer wusste, wo ich im Leben stehe, plötzlich nichts tun und nichts sagen kann, was zur Problemlösung beiträgt? Oder mir zumindest das Gefühl von Macht und Einfluss verleiht?

Es ist, meiner Meinung nach (man kann mir da auch gern widersprechen), dieses Gefühl der Ohnmacht, diese Angst vor Macht- und Potenzverlust (im Sinne von Handlungsfähigkeit), dieses Fehlen von Selbstwirksamkeit, die diese Menschen in eine Art Identitätskrise stürzt. Vielleicht spielt da auch enttäuschter Narzissmus eine Rolle, wie bei Nathanael.

Und wie Nathanael saugen diese Menschen dann Verschwörungstheorien wie ein Schwamm auf, weil diese plötzlich eine einfache Erklärung für die aktuelle, unheimliche Situation haben. Und das Beste ist: Man selbst ist nicht Schuld! Und man selbst sowie die Gleichgesinnten hat es geblickt, hat die große Verschwörung durchschaut, hat die perfiden Pläne des „bösen Prinzips“ in Gestalt von Bill Gates oder Denen-Da-Oben oder den Illuminati oder den Reptiloiden oder wem-auch-immer durchschaut. Und da ist es wieder, das Gefühl von Macht, das man verloren glaubte. Das fühlt sich wahrscheinlich ziemlich gut an.

Was meint ihr? Ergibt meine Einschätzung Sinn? Oder fange ich auch schon an, Geister zu sehen? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Literatur

88. Stück: Gedanken zur Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Noch bis zum 14. Mai 2017 ist in Berlin, im Deutschen Historischen Museum, eine spannende und beklemmende Ausstellung über den deutschen Kolonialismus zu sehen – eines der unrühmlichen Kapitel unserer Geschichte, über die auch heute noch viel zu wenig gesprochen wird. Hätte ich nicht an der Uni „Morenga“ von Uwe Timm gelesen, ich hätte kaum etwas über den Kolonialismus Deutschlands und den Völkermord in Namibia (1904-1907) gewusst. Und nach Besuch der Ausstellung am letzten Samstag muss ich gestehen: auch nach der Lektüre dieses großartigen Romans habe ich im Grunde fast nichts gewusst. Und das ist beschämend.

Wenn ich mich an meinen Geschichtsunterricht zurückerinnere, dann wurde über den Kolonialismus nur als Folge von Imperialismus gesprochen, der damals ganz Europa gepackt hatte. Allerdings – so meine Erinnerung – hinkten die Deutschen hinterher, insbesondere die Briten, aber auch die Franzosen, Portugiesen und Spanier, hatten sich schon die größten, ertragreichsten Gebiete unter den Nagel gerissen, die Belgier, Italiener und Niederländer hatten sich auch schon ihr Stück vom Kuchen gesichert und die Deutschen, die unbedingt bei den Großen mitspielen wollten, mussten halt nehmen, was übrig ist. Dabei war bei mir hängengeblieben, dass die Deutschen ja nicht so schlimm waren – ihre wahre Sünde gegen die Menschlichkeit sollten sie erst rund 20-30 Jahre später begehen, als die Nazis an die Macht kamen.

Der Grundgedanke des Kolonialismus – dass die weißen Europäer einer höher entwickelten Rasse angehörten als sogenannte „Naturvölker“, und dass es somit ihre moralische Pflicht sei, in deren Länder einzufallen, die Bevölkerung zu unterdrücken, um den Menschen dort Zivilisation, christliche Religion und europäische „Werte“ zu bringen – wird meines Erachtens auch heute noch kaum infrage gestellt. „Am deutschen (europäischen) Wesen soll die Welt genesen“ scheint immer noch in vielen Köpfen eine mindestens unterschwellige Überzeugung zu sein. Wenn man die westliche Politik im Nahen Osten betrachtet, hat sich daran im Kern nichts geändert. Man scheint sich nicht vorstellen zu können (oder zu wollen), dass andere Kulturen wunderbar ohne uns Europäer (und ihre Nachkommen insbesondere in den USA) auskommen können.

Aber es ist nicht nur die tiefsitzende Überzeugung, dass wir was Besseres sind, und es unsere Pflicht ist, die armen Minderbemittelten anderer Kulturen zu ihrem Glück zu zwingen, ungefragt unsere völlig selbstlose Hilfe anzunehmen, die koloniale Bestrebungen motivieren. Es ist in erster Linie machtpolitisches Kalkül und die Gier nach Ressourcen, die dazu führt, dass man andere Völker nicht einfach in Ruhe und Frieden lässt. Gold, Öl, Diamanten, aber auch Lebensraum für die „eigene Spezies“ und – zumindest zur Hochzeit des Kolonialismus, heutzutage haben wir das immerhin überwunden – Sklavenhandel.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir im Geschichtsunterricht über Staatssekretär von Bülows Forderung nach einem „Platz an der Sonne“ gesprochen haben. „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, sagte er im Hinblick auf die bereits weit vorangetriebene imperialistische Politik der „konkurrierenden“ Staaten aus Europa. Seitdem wundere ich mich jedesmal, wenn die Deutsche Fernsehlotterie mit diesem Ausdruck wirbt, weshalb sich offenbar keiner an den historischen Implikationen stört, die dieser Spruch mit sich bringt. (Hab gerade noch mal gegooglet, anscheinend werben sie nicht mehr mit dem Spruch) Jedenfalls kommt darin ganz gut zum Ausdruck, dass man in Deutschland fürchtete, an Macht und Einfluss zu verlieren, und man sich deswegen am Kolonialismus beteiligte. Verkauft wurde es allerdings als Hilfsbereitschaft und natürlichen Herrschaftsanspruch – und das ist meiner Meinung nach heute noch so.

Na ja, soweit erst einmal meine etwas unsortierten Gedanken. Ich habe den Eindruck, auch die Macher der Ausstellung wussten nicht so recht, wie sie die vielen Informationen möglichst kompakt sortieren sollten. Man merkt schon, dass das sorgfältig recherchiert ist und da unheimlich viel Wissen, viele Gedanken dahinterstecken, aber es wirkt, als hätten sie nicht ganz gewusst, wo sie anfangen sollen. Man muss auf jeden Fall reichlich Zeit mitbringen, wenn man sich in Ruhe alles durchlesen und anschauen will. Wir waren ungefähr 3,5 Stunden drin und haben uns zum Schluss die einzelnen Texte zu den Exponaten nicht mehr durchgelesen, weil das zu lange gedauert hätte, und der Kopf schon so randvoll mit Informationen war, die man erst einmal verarbeiten musste. Trotzdem ist es ein wichtiges Thema, das hoffentlich allmählich intensiver aufgearbeitet wird.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Museum

87. Stück: Fragwürdige Handlungsmotivationen von Superschurken

Wäre ich Teil einer Superheldengeschichte, wäre ich bestimmt die nervige Reporterfreundin des Helden, die allen ständig mit lästigen Fragen auf den Wecker fällt. Oder ich wäre so eine von Selbstzweifeln zerfressene Superheldin, die sich über die Vergänglichkeit des Menschen und den Sinn des Lebens den Kopf zerbricht und darob vollkommen vergisst, ab und zu mal Leute zu retten. Gut, dass ich keine Superkräfte habe, die wären an mir total vergeudet. Superschurke könnte ich allerdings auch nicht sein. Klar, dafür bin ich zu nett und pazifistisch unterwegs, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich als Oberbösewicht ungeeigneter nicht sein könnte. Ich bin der Meinung, die Fieslinge haben immer völlig bescheuerte Handlungsmotivationen.

Zum Beispiel die Sache mit der Weltherrschaft: Was soll man denn damit anfangen, wenn man sie hat? Natürlich klingt das erstmal cool, Herrscher über alle zu sein. Aber haben die Oberschurken sich mal überlegt, was das für ein logistischer Aufwand ist, eine solche Macht unter Kontrolle zu halten? Das nervt doch voll! Und dann wollen ständig alle irgendwas von einem. Mal in Ruhe ein Buch zu lesen oder einen gemütlichen Spaziergang im Grünen zu machen, kann man dann ein für allemal knicken. Die Work-Life-Balance ist dann ruckzuck im Eimer und man bekommt Burnout und kann die Weltherrschaft gar nicht so richtig genießen.

Außerdem wollen einem dann ständig irgendwelche anderen Schurken ans Leder, die selbst noch nicht kapiert haben, was für ein unsinniges Lebensziel die Weltherrschaft ist. Das macht einen dann natürlich zu Recht paranoid. Seelenfrieden kann man dann also auch in die Tonne treten. Ich glaube kaum, dass man als Weltherrscher Freundschaften pflegen oder eine harmonische Liebesbeziehung führen kann. Schließlich muss man sich ja die ganze Zeit fragen, ob die jetzt mit einem befreundet oder zusammen sein wollen, weil sie einen als Mensch mögen, oder um ein Stückchen von der Machttorte abzukriegen. Und für so ein stressiges, einsames, angsterfülltes Dasein allein an der Spitze soll man dann auch noch ständig Superhelden und deren Helfer abmurksen, obwohl die einem persönlich nichts getan haben? Das ist doch völlig Banane!

Manchmal geht es den Superschurken aber auch nicht in erster Linie um Weltherrschaft, sondern vor allem darum, eine „Herrenrasse“ auf der Erde anzusiedeln und alle „unwürdigen“ Menschen auszulöschen. Diese Bösewichte haben offenkundig keine Ahnung von Genetik. Rassen entstehen ja durch bewusste Zucht, das gibt es aktuell nur unter Haustieren. Und wenn man da zu lange herumzüchtet und ahnungslos sowie profitorientiert vor sich hin pfuscht, wird der Genpool immer kleiner und das führt zu Erbkrankheiten und Mutationen, die die Gesundheit und Lebensqualität erheblich einschränken. Nicht von ungefähr versucht man bei einigen überzüchteten Hunderassen, die etwa durch ihre platte Schnauze kaum noch Luft bekommen, andere Rassen einzukreuzen, um den Nachkommen wieder zu funktionstüchtigeren Sinnesorganen zu verhelfen. (Es gibt selbstverständlich auch seriöse Züchter, die darauf achten, dass ihre Tiere gesund und fit bleiben. Aber das ist mit sehr viel Aufwand und hohen Kosten verbunden.)

Unter Menschen gibt es keine Zucht und deswegen auch keine Rassen. So. Wenn jetzt ein bekloppter Oberfiesling sich in den Kopf setzt, eine Menschenzucht anzufangen, braucht er einen ausreichend großen Genpool und das ist ja auch schon wieder ein riesiger logistischer Aufwand, genug geeignete Menschen zu finden. Außerdem muss man diese Menschen ja auch noch irgendwie dazu bewegen, sich zu vermehren. Man muss ihnen also einreden, sie wären etwas Besseres als der ganze Rest der Welt. Dafür muss man sich dann irgendwelche wichtigen Posten und tollen Orden ausdenken, sich eine Ideologie überlegen, mit der man die Leute gehirnwaschen kann. Und dann besteht die ach so tolle „Herrenrasse“ nur noch aus hirnlosen Idioten und aufgeplusterten Wichtigtuern. Großartige Voraussetzungen für die Zucht gesunder Nachkommen. Die Tragzeit eines menschlichen Weibchens beträgt außerdem bekanntlich ganze neun Monate und in der Regel wird dann ein Junges geboren, das heißt, bis man da genug Menschen zusammenhat, um die Erde mit dieser tollen „Herrenrasse“ zu bevölkern, das dauert ewig.

Also wirklich, ich verstehe nicht, warum die Bösewichte in Superheldengeschichten (und in der realen Welt) es nicht einfach gut sein lassen. Woher kommt diese völlig irrationale Machtgier und diese jeder Logik entbehrende Überzeugung, etwas Besseres zu sein als alle anderen? Da muss man doch mal ein bisschen wirklichkeitsbezogen denken. Dann kommt man nämlich zu dem Schluss, dass es für alle Beteiligten sinnvoller wäre, seine eigenen Eitelkeiten hinten anzustellen, miteinander zu reden und sich gegenseitig zu unterstützen. Die, die viel von etwas haben, können denjenigen, die zu wenig davon haben, etwas abgeben. Das nennt sich teilen und funktioniert super, wenn alle mitmachen.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Popkultur

67. Stück: Gedanken zu „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia

Wo fängt man am besten an, ein Buch zu loben, das so gut ist wie Der Club der unverbesserlichen Optimisten (Le Club des incorrigibles Optimistes) von Jean-Michel Guenassia? Gerade in der in letzter Zeit neu entflammten Flüchtlingsdebatte sollte sich jeder dieses Werk zu Gemüte führen. Die Figuren sind allesamt Vertriebene, Flüchlinge oder haben irgendeine Art von Migrationshintergrund. Und trotzdem haben sie in Paris eine Heimat gefunden und treffen sich regelmäßig im „Club der unverbesserlichen Optimisten“ in einem Bistro. Dort sitzen Russen, Polen, Griechen, Ungarn, Deutsche und Franzosen friedlich zusammen, diskutieren und philosophieren, streiten und versöhnen sich und spielen Schach. Der Ich-Erzähler Michel erzählt von seiner Jugend, wie er diesen Club entdeckte und wie der Algerienkrieg seine Familie auseinanderriss und seine Freunde tötete. Er schildert auch nach und nach die Schicksale der Flüchtlinge aus dem Ostblock und aus Deutschland. Anhand der Familie seines Onkels erfährt der Leser außerdem einen Eindruck von den Franzosen, die sich in Algerien niedergelassen hatten und dort reich geworden waren, dann jedoch nach Ende des Krieges ohne einen Centimes nach Frankreich fliehen mussten. Irgendwann waren wir oder unsere Vorfahren alle Vertriebene oder Flüchtlinge, scheint der Roman subtil und unterhaltsam vermitteln zu wollen, und auch, dass ein solches Schicksal im Grunde jeden jederzeit treffen kann.

Wie sollte sich der Einzelne in solchen Krisenzeiten, wenn das Land von einer Diktatur regiert wird, wenn bei politischem Andersdenken mit dem Tod gerechnet werden muss, verhalten? Solche Gewissensfragen und moralischen Dilemmata werden ebenso verhandelt wie die Frage nach Heimatliebe und der bestmöglichen Regierungsform. Philosophische Gedankengänge und Ideen rund um den Existenzialismus von Jean-Paul Sartre oder das Absurde von Albert Camus durchmischen sich mit dem Flair des Frankreichs der 60er Jahre, Rock’n Roll und Nouvelle Vague. Eine Aufbruchstimmung, die jedoch durch die Erlebnisse des Algerienkriegs und die Nachwehen der Weltkriege gedeckelt wird.

Ganz nebenbei zeugt Der Club der unverbesserlichen Optimisten auch von einer unerschütterlichen Leidenschaft für die Literatur, die Fotografie und fürs Kino, die einfach ansteckend ist. Der Erzähler Michel hat es sich zur Gewohnheit gemacht, im Gehen zu lesen, wird ein paar Mal beinahe überfahren und trifft auf diese Weise seine erste große Liebe Camille. Doch bei den politischen Verwicklungen steht die Beziehung unter keinem guten Stern …

Dem Leid und Schmerz zum Trotz, die den jungen Michel beuteln, bewahrt er sich seine Neugier, seine Zuversicht und eine gewisse Naivität, so wie die anderen unverbesserlichen Optimisten im Club. Ein Buch, das Mut macht, das einen zu Tränen rührt und einen vor Spannung fesselt. Unbedingt empfehlenswert! Und wenn ihr es gelesen habt, freue ich mich über Kommentar, Anmerkungen und Diskussionen – auch, wenn es euch wider Erwarten nicht gefallen haben sollte.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kritik, Literatur, Philosophie

60. Stück: „Unterwerfung“ (Soumission) von Michel Houellebecq – Dystopie oder Utopie?

Als Michel Houellebecq seinen Roman Unterwerfung (orig. Soumission) am 7. Januar 2015 veröffentlichte, erschütterte das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris die Welt. Es wurde gemunkelt, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen gäbe. Schließlich erklärten sich radikal-islamistische Terroristen von Al quaida für die Anschläge auf die Satirezeitschrift verantwortlich und in dem Roman geht es um eine nahe Zukunft in Frankreich, in der ein muslimischer Präsident regiert. Houellebecq hatte sich 2001 mit islamkritischen Äußerungen nicht gerade beliebt gemacht und wer Unterwerfung nicht gelesen und auch nicht mitbekommen hat, dass der streitbare Autor sein Urteil, der Islam sei „die dümmste aller Religionen“ Anfang 2015 wieder revidierte (in der Zwischenzeit hatte er den Koran gelesen), der könnte mit etwas Fantasie darin möglicherweise einen Zusammenhang erkennen. Tatsächlich aber war es wohl Zufall.

Nichtsdestotrotz ist es eine interessante Frage, ob Unterwerfung den Islam kritisiert oder nicht, sprich: Handelt es sich um eine Dystopie oder eine Utopie? Ist das muslimisch regierte Frankreich eine pessimistische oder optimistische Weltsicht? Neugierig, wie ich bin, wollte ich das unbedingt wissen und habe mir den Roman im Original zu Gemüte geführt. Und dabei festgestellt: So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten.

Die Hauptfigur in Unterwerfung, der Mittvierziger François, seines Zeichens Literaturprofessor, Alkoholiker und Kettenraucher, weiß nicht wirklich viel mit sich anzufangen, als der Roman beginnt. Es ist das Jahr 2022, die französischen Präsidentschaftswahlen stehen bevor und der rechtsradikale Front National liegt beunruhigenderweise in Führung. Die rechte Mitte liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz der Umfragewerte, der linken Mitte geht es auch nicht so doll, immerhin liegt sie jedoch nur knapp hinter der französischen Muslimbruderschaft unter dem charismatischen Politiker Mohamed Ben Abbès. François ist eigentlich unpolitisch, trotzdem nicht gänzlich uninteressiert an den gesellschaftlichen Entwicklungen in seiner Heimat. Seine innere Leere, die von ihm als sinnlos erachtete Existenz, versucht er mit kurzen Affären mit jungen Studentinnen zu kompensieren, seine neueste Eroberung Miryam liebt er vielleicht sogar beinahe. Aber er kann sich zu nichts Verbindlichem durchringen, Freunde hat er im Prinzip auch kaum, er hat keine finanziellen Sorgen, krank ist er eigentlich auch nicht, nur hier und da ein paar altersbedingte Wehwehchen. Da bietet es dann doch eine willkommene Abwechslung, die politischen Vorgänge in Frankreich zu beobachten.

Das macht François zur idealen Chronistenfigur, da er als Zeitzeuge selbst nicht politisch motiviert ist und somit die Ereignisse verhältnismäßig objektiv erzählen kann. Da er zudem ein Intellektueller ist, neigt er dazu, die verschiedenen politischen Standpunkte klug und scharfsinnig zu analysieren. Als Leser bekommt man so die Gelegenheit, sich ein eigenes Urteil bilden zu können, ohne vom Erzähler (nicht zu verwechseln mit dem Autor!) zu eindeutig in eine bestimmte Richtung gelenkt zu werden. Dies erschwert im Gegenzug die eindeutige Beantwortung der Frage nach der Dystopie oder Utopie.

Im Laufe des Romans kommt es immer wieder zu Demonstrationen des Front National, es scheint, als würde er diesesmal wirklich die Präsidentschaftswahl gewinnen. Dann jedoch bildet die linke Mitte ein Bündnis mit Ben Abbès und gemeinsam können sie die Wahl für sich entscheiden. Der erste muslimische Präsident Frankreichs nimmt einige Änderungen vor. Männer dürfen nun mehr als eine Ehefrau heiraten (umgekehrt dürfen jedoch Frauen nicht mehrere Ehemänner haben), die Frauen dürfen nicht mehr arbeiten, müssen sich kleidungsmäßig bedeckt halten und dürfen, wenn überhaupt, nur noch schöne Künste und Geisteswissenschaften studieren. François findet dies zu Beginn etwas befremdlich, lehnt die Entwicklungen jedoch nicht ab. Zumal ihm als Professor und Vertreter der geistigen Elite einige Privilegien in Aussicht gestellt werden (zum Beispiel werden für ihn die schönsten Frauen ausgesucht und bei Bedarf auch als Ehefrauen vermittelt), vorausgesetzt, er konvertiert zum Islam.

Zumindest für Männer, die über einen gewissen Status verfügen, ist diese Zukunftsvision also eine Utopie. Für Männer, die nicht zur Elite gehören, bietet diese Welt sicher auch ihre Vorzüge. Und als Frau weiß man immerhin, wo der eigene Platz ist. Für mich wäre dieser Platz allerdings gar nichts. Also doch eine Dystopie? Insgesamt scheinen jedoch politische Unruhen zwischen Links und Rechts, Probleme bei der Familienversorgung der Vergangenheit anzugehören. Der Roman verschweigt jedoch weitestgehend, wie es Andersgläubigen und Atheisten in dieser Gesellschaft ergeht. Es scheint zumindest andeutungsweise so, dass sie mit beruflichen Schwierigkeiten rechnen müssen.

Vielleicht ist es aber auch der falsche Ansatz, dem Roman eine eindeutig positive oder negative Weltsicht aufinterpretieren zu wollen. Unterwerfung ist kein moralischer Roman, der den Zeigefinger mahnend erhebt und Urteile fällt. Eigentlich ist es vielmehr eine Satire auf politische und gesellschaftliche Dynamiken, Machtspiele, Strategien und Intrigen, die auch heute schon ihre Wirkung  haben. Der Tonfall des Erzählers François ist trotz seinem Weltschmerz, seinem Ennui und seinem lakonischen Fatalismus von feiner Ironie, leichtem Humor gefärbt, sodass der Roman sehr unterhaltsam und kurzweilig zu lesen ist. Ganz nebenbei wird man als Leser außerdem zum Nachdenken angeregt. Was mich dazu verleitet, eine klare Leseempfehlung auszusprechen. Ich bin gespannt, was ihr nach der Lektüre zu berichten habt.

9 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik, Literatur

58. Stück: Die Gut-Böse-Dichotomie in „American Sniper“

Eines der größten Rätsel der diesjährigen Oscar-Nominierungen ist für mich Clint Eastwoods American Sniper*. Gut, Bradley Cooper spielt Chris Kyle ganz OK, aber der Film ist insgesamt schlichtweg plumpe Kriegspropaganda. Oder sehe nur ich das so, weil ich pazifistisch erzogen wurde? Ich denke, der Schlüssel dazu, ob man American Sniper für ein geniales Drama oder ein erbärmlich-offensichtliches Patriotengeschwurbel hält, liegt in der Gut-Böse-Dichotomie, die der Film propagiert. Die möchte ich gern analysieren und vielleicht klärt sich das Rätsel dann ja auf?

Der Film beginnt mit Chris Kyles erstem Einsatz im Irak und der Szene, in der er einen kleinen Jungen und seine Mutter erschießt, weil die eine Granate auf die amerikanischen Soldaten werfen wollen. Bevor er die tödlichen Schüsse abfeuert, geht es auf Zeitreise und in einer Rückblende wird gezeigt, wie der kleine Chris – etwa in dem Alter wie das Kind, das er im Begriff ist zu erschießen – mit Papa Kyle auf die Jagd geht. Papa Kyle ist ein beinharter, ungemein männlicher Mann, ohne auch nur ansatzweise Sinn für Humor oder Warmherzigkeit, der seinem kleinen Dreikäshoch weismacht, es wäre unfassbar maskulin, auf wehrlose, flauschige, knopfäugige Hirsche zu schießen. Was der Lütte dann auch prompt macht und den armen Hirsch mit einem Schuss erlegt. Daraufhin ist Papa Kyle stolz wie nichts auf seinen Steppke und indoktriniert ihn mit der Überzeugung, es sei eine Gabe, aus dem Hinterhalt nichts Böses ahnende Lebewesen hinzurichten, die niemandem auch nur ein Haar gekrümmt haben.

Nächste Szene, die Familie sitzt beim Abendessen. Die Mutter hat eigentlich gar nichts zu melden und der Vater schwadroniert weiter seine hinterwäldlerischen Männlichkeitsmythen in die Gegend. Der kleine Bruder von Chris ist etwas feinsinniger und sensibler als er und wurde in der Schule verprügelt. Das empfindet der Vater als persönlichen Affront und mit kaum verhohlener Verachtung schaut er seinen jüngeren Sohn an und dröhnt, es gäbe auf der Welt drei Arten von Menschen: Schafe, Wölfe und Hütehunde. Die Schafe duckmäusern sich durchs Leben und würden sich nicht wehren, die Wölfe greifen die Schafe an und töten sie, die Hütehunde verteidigen die Schafe vor den Wölfen. Die meisten Menschen wären Schafe und Hütehunde sehr selten. Als der Vater hört, dass Chris seinen Bruder verteidigt und die Schulrüpel seinerseits vermöbelt hat, nickt der Vater zufrieden. Wenigstens einen Hütehund in der Familie und nur einen Versager.

Jedenfalls erschießt Chris Kyle Jahre später diesen kleinen Jungen und dessen Mutter, so wie er damals auch den Hirsch abgeknallt hat. Gut, der Hirsch hatte keine Granate in der Hand und hat nicht Kyles Kollegen bedroht, also ein bisschen anders ist das schon. Und immerhin ist Kyle nach diesem ersten Menschenmord ziemlich fertig mit den Nerven. Das legt sich aber relativ schnell und dann sieht er die Einheimischen nur noch als Feinde an, als Wölfe. Das macht es vermutlich leichter, Menschen aus dem Hinterhalt zu ermorden, wenn man sie nicht als Menschen sieht, sondern als das Böse und sich selbst ebenfalls nicht als Menschen, sondern als das Gute.

Dabei ignorieren sowohl Chris Kyle als auch der Film als solcher, dass es eine Frage der Perspektive ist, wer wen gegen wen verteidigt, wer das Gute, wer das Böse ist, wer ein Hütehund und wer ein Wolf. Übrigens hinkt dieser Hütehund-Wolf-Schaf-Vergleich meiner Meinung nach gewaltig, denn es wäre mir neu, dass Hütehunde mit Scharfschützengewehren auf die Dächer der Wolfshäuser klettern, sich dort verstecken und die Wölfe hinterrücks abknallen, sobald diese zähnefletschend aus ihren Höhlen kommen, während kein Schaf in der Nähe ist. Soweit ich weiß – man korrigiere mich gern, wenn ich mich irre, von Landwirtschaft verstehe ich nicht viel – läuft das so: Die Schafe weiden friedlich vor sich hin und der Hütehund passt auf, dass sie zusammenbleiben. Sollte irgendwann einmal ein Wolf auftauchen, was wohl nicht oft vorkommt, da Wölfe nicht mehr so weit verbreitet sind wie noch zu Gebrüder-Grimm-Zeiten, dann kläfft der Hütehund den an, sodass der Wolf sich trollt und woanders auf Futtersuche geht. Das funktioniert auch mit Eseln habe ich neulich gelesen. Wer schon mal einen Esel hat blöken hören, der kann sich vorstellen, dass Wölfe reißaus nehmen, sobald die sympathischen Langohren Alarm schlagen. Außerdem töten Raubtiere wie der Wolf andere Lebewesen nur aus zwei Gründen: 1) Sie fühlen sich bedroht und verteidigen sich / 2) Sie haben Hunger und brauchen Futter

Warum töten Chris Kyle und seine Kollegen in American Sniper? Am ehesten wohl, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen. Was also unterscheidet sie von Wölfen? Außerdem: Warum haben die Iraker in dem Film überhaupt aufgerüstet? Warum verstecken sie Waffen in ihren Wohnungen, schicken Kinder und Frauen mit Granaten vor? Möglicherweise, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen? Vielleicht auch gar nicht einmal zu Unrecht, schließlich sind die US-Amerikaner in ihr Land eingefallen und nicht umgekehrt. Was also unterscheidet die irakischen Kämpfer von den amerikanischen Kämpfern?

Richtig: Nichts.

Außer, dass sie sich in ihrem eigenen Land befinden und sich aus ihrer Sicht gegen Besatzer wehren.

Es wird in dem Film zwar einmal kurz angedeutet, dass die irakischen Terroristen auch ihre eigenen Landsleute grausam umbringen und dann könnte man natürlich sagen, die Amerikaner sind zu recht dort und helfen auch der unschuldigen Zivilbevölkerung. Allerdings gelingt es ihnen nicht, diese zu retten und wenn sie auf der Seite der Iraker stehen, warum kämpfen sie dann nicht mit ihnen zusammen gegen die Terroristen?

Man sieht: Sobald man diese Gut-Böse-Dichotomie ein wenig näher betrachtet, funktioniert sie nicht mehr. Sie lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn man nicht darüber nachdenkt. Und wollen wir das wirklich? Wild gewordene Hütehunde, die blind jeden zerfetzen, der die Schafherde auch nur finster anguckt?

* Hier meine Kritik zu dem Film:

„American Sniper“ von Clint Eastwood ist ein schwieriger Film. Natürlich kann man bei dem kontroversen Inhalt keine leichte Unterhaltung erwarten, das ist klar. Aber ein spannendes, psychologisch tiefgründiges Drama hätte schon daraus werden können. Das ist auch das, was ich nach Sicht des Trailers erwartet habe, vor allem, weil Clint Eastwood sich bereits häufiger in der Vergangenheit (zum Beispiel im großartigen „Gran Torino“) als sensibler, feinsinniger und kluger Filmemacher erwiesen hat. Leider ist das meines Erachtens bei „American Sniper“ nicht gut gelungen.

Die Kriegsszenen sind sich untereinander sehr ähnlich, es ist keine wirkliche Steigerung oder Entwicklung zu sehen. Zwar macht Chris Kyle eine Wandlung durch, doch seine persönliche Entwicklung, seine Traumata, seine zerbrochenen Ideale und Träume, sein innerer Schmerz, den er bis zur Selbstaufgabe verleugnet (sonst könnte er seinen Job wohl auch nicht weiter ausführen) werden nur angedeutet. Die privaten Szenen zuhause mit seiner Frau und seinen Kindern, das Verhältnis zu seinem Bruder (was passiert eigentlich mit ihm? Diese Frage lässt der Film leider offen) kommen zu kurz. Es blitzen ab und zu ein paar Szenen und Momente auf, die das innere Grauen dieses Mannes erkennen lassen, doch sind diese zu selten. Der Erzählrhythmus ist irgendwie nicht ganz stimmig, die Kriegsszenen sind zu gleichförmig und lang, die Szenen, die zeigen, was der Krieg mit Chris Kyle macht, sind zu kurz und bleiben zu sehr an der Oberfläche.

Am interessantesten in dem Film fand ich den Anfang, als in Rückblenden gezeigt wurde, wie Chris Kyle überhaupt Sniper geworden ist. Da bekam man einen Einblick in die amerikanische Heldenideologie, die mir als pazifistischer, bildungsbürgerlicher Europäerin völlig absurd vorkommt, die jedoch im Film glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt wird. Diese Dreiteilung der Menschheit in Schafe, Wölfe und Hütehunde finde ich zwar Quatsch (vermutlich, weil ich in dieser Kategorisierung eindeutig ein Schaf bin und somit ein Loser), aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen daran wirklich glauben. Und wer davon überzeugt ist und fest daran glaubt, ein Hütehund zu sein, der alle vor den bösen Wölfen beschützen muss, der findet das dann auch absolut logisch, in ein fremdes Land einzufallen und dort Leute zu erschießen, die man als böse betrachtet.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese Überzeugung Kyles, die ja bis zum Schluss nicht wirklich ins Wanken gerät, etwas kritischer hinterfragt worden wäre. Allerdings beruht der Film auf Kyles Autobiographie, er gilt in den USA als Held, da ist es für einen US-amerikanischen Filmemacher wahrscheinlich nicht so naheliegend, den Heldenmythos zu demontieren. Das Hauptzielpublikum dürften außerdem diejenigen sein, die Kyle als Helden verehren und wenn man ihn dann im Kinofilm als gebrochenen, traumatisierten Menschen zeigt, den Krieg nicht als notwendig, sondern als sinnlos darstellt und Verständnis für die Soldaten aufbringt, die Zweifel an der vermeintlich gerechten Sache bekommen, wäre der Misserfolg vorprogrammiert.

Fazit: Insofern sehenswert, weil der Film zum Nachdenken anregt. Allerdings sollte man seine Erwartungen in Sachen Spannung vorher herunterschrauben.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Kritik

53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Dramaturgie, Film und Fernsehen, Kritik