Monatsarchiv: August 2015

67. Stück: Gedanken zu „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia

Wo fängt man am besten an, ein Buch zu loben, das so gut ist wie Der Club der unverbesserlichen Optimisten (Le Club des incorrigibles Optimistes) von Jean-Michel Guenassia? Gerade in der in letzter Zeit neu entflammten Flüchtlingsdebatte sollte sich jeder dieses Werk zu Gemüte führen. Die Figuren sind allesamt Vertriebene, Flüchlinge oder haben irgendeine Art von Migrationshintergrund. Und trotzdem haben sie in Paris eine Heimat gefunden und treffen sich regelmäßig im „Club der unverbesserlichen Optimisten“ in einem Bistro. Dort sitzen Russen, Polen, Griechen, Ungarn, Deutsche und Franzosen friedlich zusammen, diskutieren und philosophieren, streiten und versöhnen sich und spielen Schach. Der Ich-Erzähler Michel erzählt von seiner Jugend, wie er diesen Club entdeckte und wie der Algerienkrieg seine Familie auseinanderriss und seine Freunde tötete. Er schildert auch nach und nach die Schicksale der Flüchtlinge aus dem Ostblock und aus Deutschland. Anhand der Familie seines Onkels erfährt der Leser außerdem einen Eindruck von den Franzosen, die sich in Algerien niedergelassen hatten und dort reich geworden waren, dann jedoch nach Ende des Krieges ohne einen Centimes nach Frankreich fliehen mussten. Irgendwann waren wir oder unsere Vorfahren alle Vertriebene oder Flüchtlinge, scheint der Roman subtil und unterhaltsam vermitteln zu wollen, und auch, dass ein solches Schicksal im Grunde jeden jederzeit treffen kann.

Wie sollte sich der Einzelne in solchen Krisenzeiten, wenn das Land von einer Diktatur regiert wird, wenn bei politischem Andersdenken mit dem Tod gerechnet werden muss, verhalten? Solche Gewissensfragen und moralischen Dilemmata werden ebenso verhandelt wie die Frage nach Heimatliebe und der bestmöglichen Regierungsform. Philosophische Gedankengänge und Ideen rund um den Existenzialismus von Jean-Paul Sartre oder das Absurde von Albert Camus durchmischen sich mit dem Flair des Frankreichs der 60er Jahre, Rock’n Roll und Nouvelle Vague. Eine Aufbruchstimmung, die jedoch durch die Erlebnisse des Algerienkriegs und die Nachwehen der Weltkriege gedeckelt wird.

Ganz nebenbei zeugt Der Club der unverbesserlichen Optimisten auch von einer unerschütterlichen Leidenschaft für die Literatur, die Fotografie und fürs Kino, die einfach ansteckend ist. Der Erzähler Michel hat es sich zur Gewohnheit gemacht, im Gehen zu lesen, wird ein paar Mal beinahe überfahren und trifft auf diese Weise seine erste große Liebe Camille. Doch bei den politischen Verwicklungen steht die Beziehung unter keinem guten Stern …

Dem Leid und Schmerz zum Trotz, die den jungen Michel beuteln, bewahrt er sich seine Neugier, seine Zuversicht und eine gewisse Naivität, so wie die anderen unverbesserlichen Optimisten im Club. Ein Buch, das Mut macht, das einen zu Tränen rührt und einen vor Spannung fesselt. Unbedingt empfehlenswert! Und wenn ihr es gelesen habt, freue ich mich über Kommentar, Anmerkungen und Diskussionen – auch, wenn es euch wider Erwarten nicht gefallen haben sollte.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kritik, Literatur, Philosophie

66. Stück: 31 Tage, 31 Filme – Folgen 11 bis 15

Folge 11 „Welchen Film würdest du deinen Kindern zeigen?“

Hmmm … ich schwanke zwischen „Wolf Creek 2“ und „Machete kills“. Oder doch lieber „Fight Club“? Der Nachwuchs muss schließlich zeitnah an die Widrigkeiten des Daseins herangeführt werden. Selbstverständlich wird dann auch abends vor dem Einschlafen eine Folge „American Horror Story“ geguckt.

OK. Spaß beiseite.

Meinen noch nicht vorhandenen Kindern würde ich natürlich Tier-, Zeichentrick- und Animationsfilme zeigen, wie „Miez und Mops“ (mein erster Film), „Bambi“ oder „Ab durch die Hecke“. Problematisch könnte es werden, wenn zwischendurch etwas Trauriges oder Rührendes passiert. Mama fängt bei sowas immer sofort an zu flennen. Ich bin nicht sicher, ob mich meine Dreikäsehochs dann noch ansatzweise ernst nähmen.

Nichtsdestotrotz gehören eine umfassende Film-, Literatur-, Theater- und Comic-Bildung sowie Museumsbesuche zu einer erfüllten Kindheit meines Erachtens dazu und deswegen werden meine zukünftigen Kinder mit Kultur, Wissen und Geschichten zugeballert.

Mein Lieblingsfilm als Kind war „In einem Land vor unserer Zeit“ mit dem kleinen Dino Littlefoot und seinen Freunden, die auf der Suche nach dem fruchtbaren großen Tal sind, nachdem ihre alte Heimat verdorrt ist. Ein großer Graben hat zudem das Land in zwei Teile zerrissen und die Mini-Dinos von ihren Familien getrennt. Sie hoffen, sie im großen Tal wiederzutreffen. Der Zeichentrickfilm ist mit liebevollen Figuren, wunderschönen Bildern, toller Musik ausgestattet, die Geschichte ist fesselnd und ganz nebenbei lernen Kinder beim Zuschauen wichtige Lektionen über die Bedeutung von Freundschaften und darüber, dass man nicht so schnell aufgeben sollte. Vermutlich würde ich auch hier an einer bestimmten Stelle in herzzerreißende Tränen ausbrechen, dennoch ist das ein Film, den ich auf jeden Fall meinen Kindern zeigen würde.

Folge 12 „Die siebte DVD in deinem Regal von rechts“

„Vergiss mein nicht!“ von Michel Gondry aus dem Jahr 2004. Was für ein wunderbarer Film! Ich hatte ihn damals relativ spontan allein im Kino gesehen, weil ich niemanden gefunden hatte, der ihn sich mit mir anschauen wollte beziehungsweise, der so kurzfristig Zeit hatte. Der Raum im kleinen Programmkino „Die Koralle“ war insgesamt nur spärlich befüllt … der Film war nicht so intensiv beworben worden und Michel Gondry macht ja ganz gern eher seltsame Filme, die wohl nicht jeder zugänglich findet. „Vergiss mein nicht!“ ist da jedoch eine Ausnahme wie ich finde.

Die fantasievollen Bilder, die in Joels Erinnerungen/Träumen spielen (im narratologischen Fachchinesisch: Die mentalen Metadiegesen), sind nicht nur künstlerisch und ästhetisch eindrucksvoll, sondern vor allem in eine spannende Geschichte eingebettet, sodass der Film auch für Menschen unterhaltsam ist, die nicht Film oder Erzähltheorie studiert haben. Unter anderem dieser Film hat mich acht Jahre nach meinem Kinobesuch dazu inspiriert, meine Masterarbeit zum Thema „Mentale Metadiegesen im zeitgenössischen Film“ zu schreiben.

Jim Carrey, den ich in seinen Komödien normalerweise nicht mag, zeigt hier, was für ein fantastischer, feinsinniger und ausdrucksstarker Schauspieler er in Wahrheit ist. In „Die Truman Show“ hatte sich das ja bereits angedeutet, aber in „Vergiss mein nicht!“ zerreißt er einem das Herz mit seinem Liebeskummer wegen Clementine (Kate Winslet). Die Erinnerung an den Film und wie die beiden um ihre Liebe kämpfen verursacht mir noch immer Gänsehaut.

Folge 13 „Welcher Film landete zuletzt aus einem Spontankauf in deinem Regal?“

Ehrlich gesagt, bin ich absolut unspontan. Ich plane ganz gern im Voraus und liebe es, To-Do-Listen auszutüfteln und abzuhaken. Überraschungen sind nicht so meins und Ungewissheiten ertrage ich nur mit Mühe. Mein letzter Spontankauf ist dementsprechend schon Ewigkeiten her. In der Zeit, in der ich für meine Masterarbeit über „Mentale Metadiegesen im zeitgenössischen Film“ recherchiert habe und möglichst viele Filme brauchte, in denen geistige Zustände jeder Art (Erinnerungen, Träume, Vorstellungen, Sterbevisionen, Nahtoderfahrungen, Drogenrausch, Migräne- oder Wahnattacken etc.) als Erzählung in der Erzählung dargestellt wurden, habe ich häufiger mal unbesehen DVDs gekauft. Viele der Filme habe ich nach Abgabe meiner Masterarbeit weiterverschenkt, weil ich sie zwar gut für meine Thesen nutzen konnte, aber nicht besonders mochte.

Einen aber habe ich behalten: „Requiem for a Dream“ (2000 Regie: Darren Aronofsky)

Dieser Film beschäftigt sich am Beispiel von vier Personen mit dem Thema Sucht und Abhängigkeit. Sara Goldfarb nimmt Abnehmpillen, die Speed enthalten, um wieder in ihr Lieblingskleid zu passen, weil sie sich einbildet und davon träumt, in ihre Lieblings-Game-Show eingeladen zu werden. Ihr Sohn Harry, seine Freundin Marion und sein Kumpel Tyrone werden heroinabhängig. Auch sie haben Träume, die unter anderem wegen ihrer Sucht zum Scheitern verurteilt sind. Harry und Marion wollen eine Modeboutique eröffnen, alle drei Freunde träumen vom großen Geld und davon seriös zu werden. Sie fangen an zu dealen und kommen aus dem Strudel des Scheiterns nicht mehr heraus.

„Requiem for a Dream“ geht an die Nieren. Selten habe ich einen so tieftraurigen Film gesehen, der das Thema Sucht so schonungslos und trotzdem poetisch behandelt. Arronofsky nimmt seine Figuren durchweg ernst und schildert sie mit Zuneigung und Mitgefühl. Das wird durch das sensible Spiel von Ellen Burstyn, Jared Leto, Jennifer Connelly und Marlon Wayans noch unterstützt. Sie spielen ihre Figuren mit so viel Hingabe, Empathie und Ehrlichkeit, dass man vollkommen vergisst, dass es sich um fiktionale und nicht um echte Menschen handelt. Ein Spontankauf, den ich nicht bereut habe.

Folge 14: „Welcher Film hat die schönste Filmmusik?“

Diese Frage ist für mich besonders schwierig zu beantworten, da ich selten explizit auf die Musik achte, wenn ich einen Film schaue. Idealerweise schmiegt sich die Musik auch so gut an die Handlung und Stimmung des Films, dass sie als Teil des Ganzen erscheint und nicht so stark auffällt.

Bei einigen Filmen hingegen fällt mir die Musik dann doch als besonders schön auf, zum Beispiel in Wong Kar Wais herzzerbrechendem Film „In the Mood for Love“ oder in Jaco Van Dormaels wunderbarem „Mr. Nobody“. Allerdings kann ich da nicht hundertprozentig unterscheiden, was Original ist und welche Musik es schon vor den Filmen gab. Dazu kenne ich mich – Asche auf mein Haupt – in Musikgeschichte zu wenig aus.

Ich habe also mein Gedächtnis durchwühlt, bei welchem Film mir die Originalmusik besonders gut gefallen hat und bin schließlich bei „Forrest Gump“ hängengeblieben. Die Musik von Alan Silvestri ist wirklich toll und passt hervorragend zur Filmhandlung und zur Atmosphäre. Ich mag überdies auch sein „Zurück in die Zukunft“-Thema.

Folge 15: „Welcher Film hat dich überzeugt, obwohl er aus einem von dir nicht bevorzugtem Genre stammt?“

Das Genre, mit dem man mich wohl am ehesten jagen kann, sind ernst gemeinte Fantasyfilme. Wenn sie ironisch oder lustig oder in einen Genremix eingeflochten sind, ist das was anderes, aber so Fantasy à la „Herr der Ringe“ finde ich für gewöhnlich unfassbar öde. Da habe ich dann immer den Eindruck, die Filmemacher / Autoren haben ihre ganze Energie und Fantasie dafür verbraucht, eine neue Welt zu kreieren und dabei ganz vergessen, eine Geschichte zu erzählen, in der spannende, facettenreiche Figuren irgendetwas Interessantes machen. Und mit „interessant“ meine ich nicht, Lieder zu singen, auf komische Wesen zu treffen und ab und zu mal zu kämpfen.

In den „Harry Potter“-Filmen ist es gelungen, sowohl eine neue Welt zu kreieren als auch spannende Figuren aufeinander treffen zu lassen und eine fesselnde Geschichte zu erzählen. Allerdings ist das den grandiosen Buchvorlagen geschuldet und spielt zur Hälfte in unserer Welt, also passt es nicht wirklich als Antwort auf die Frage.

So, und nun muss ich erst einmal grübeln. Denn in der Regel schaue ich mir Fantasyfilme gar nicht erst an, wenn zu erwarten ist, dass ich sie doof finde. Habe ich es doch einmal versucht, fand ich sie dann auch meistens doof. „Dungeons and Dragons“? Megadoof. Und furchtbar gespielt. Bäh! „Jupiter Ascending“? Breiten wir den Mantel des Schweigens über dieses in jeder Hinsicht misslungene Machwerk. „Star Wars“? Na ja. Ganz nett. Muss man ja auch irgendwie gut finden, wenn man nicht will, dass einem alle die Freundschaft kündigen.

„Der Sternwanderer“ ist zwar auch eher eine Fantasykomödie, aber damit ich meiner werten Leserschaft in dieser Folge keine Antwort schuldig bleibe, entscheide ich mich jetzt einfach dafür. Der war nämlich sehr unterhaltsam und hat Spaß gemacht.


31 Tage, 31 Filme – Folgen 1 bis 5

31 Tage, 31 Filme – Folgen 6 bis 10

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Film und Fernsehen