Monatsarchiv: November 2015

70. Stück: 31 Tage, 31 Filme – Folgen 16 bis 26

16. Welches Genre bevorzugst du zum Entspannen?

Das kommt drauf an: Mal habe ich Lust auf Komödien und RomComs, mal steht mir der Sinn eher nach Splatter und Action zum Entspannen. Meine Lieblingskomödie „Mein Vetter Winnie“ habe ich ja schon verraten. Eine meiner Lieblings-RomComs ist „Die Hochzeit meines besten Freundes“ (1997) von P. J. Hogan mit Julia Roberts als fieses Miststück und einem tollen Soundtrack zum Mitsingen

Ein Splatterfilm, der mir einen Heidenspaß gemacht hat, war „Machete Kills“ (2013) von Robert Rodriguez. Die Handlung ist wurscht, es spritzen Blutfontänen fröhlich durch die Gegend, Gliedmaßen fliegen hinterher und Brüste werden zu Maschinengewehren umfunktioniert. Mel Gibson spielt einen oberfiesen Superschurken und Danny Trejo als schweigsamer Rächer Machete versucht, ihn platt zu machen. Toll!

Als Actionfilm hat mir „John Wick“ (2014) von Chad Stahelski richtig gut gefallen. Keanu Reeves als Actionheld ist einfach super, die Story ist schlicht, aber konsequent erzählt, die Motivation des Protagonisten kann jeder Tierfreund nachvollziehen, die Dialoge sind pointiert und lakonisch, die Schnitte sind im Rhythmus virtuos koordiniert, die Kampfszenen perfekt choreografiert und die düstere Atmosphäre verleiht dem Film eine edle Ästhetik. Sehr unterhaltsam, ohne dass man dabei groß nachdenken muss. Zum Entspannen genau das Richtige.

17. „In welchem Film kommt deine Lieblingsfigur vor?“

Auch hier musste ich wieder eine Weile überlegen. Katniss Everdeen und Peeta Mellark aus „Die Tribute von Panem“ finde ich toll, mag sie in den Büchern aber noch lieber als in den Filmen. Dann mag ich alle süßen Tierchen, vor allem Hammy, das Eichhörnchen, aus „Ab durch die Hecke“ und den Drachen Ohnezahn aus „Drachenzähmen leicht gemacht“ (der mich übrigens an den Kater einer Freundin erinnert). Ach und meine Schwester im Geiste, Lisa Simpson, natürlich. Aber ich würde schon gern eine menschliche Figur aus einem Realfilm nennen, vorzugsweise aus einem Film, der in dieser Reihe noch keine Erwähnung gefunden hat.

Und da kam ich auf die weiblichen Protagonisten aus „Grüne Tomaten“ von Jon Avnet aus dem Jahr 1991: Evelyn Couch (Kathy Bates), Ninny Threadgoode (Jessica Tandy) sowie Idgy Threadgoode (Mary Stuart Masterson) und Ruth Jamison (Marie-Louise Parker). Vor allem die Freundschaft, die sich zwischen den ungleichen Frauen auf beiden Zeitebenen entwickelt, ist für mich faszinierend und rührend zugleich. „Grüne Tomaten“ ist auch so ein Film, den ich mir immer und immer wieder anschauen kann und jedes Mal aufs Neue begeistert bin.

Am besten gefällt mir aus dem Quartett aber die anfangs biedere, verschüchterte Hausfrau Evelyn, die mithilfe ihrer Freundin, der älteren Dame Ninny, neuen Lebensmut entdeckt. Eine meiner Lieblingsszenen ist die auf dem Supermarktparkplatz. Zwei junge Tussis haben Evelyn den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt, indem sie in falscher Richtung auf den Platz gefahren sind. Sie lachen sie aus und rufen: „Sehen Sie es ein, Lady. Wir sind jünger und schneller als Sie!“ Evelyn fährt daraufhin mit vollem Karacho den Wagen der blöden Ziegen zu Schrott und ruft: „Seht es ein, Ladys. Ich bin älter und viel besser versichert!“

Von Evelyn und Ninny, Idgie und Ruth bekomme ich immer gute Laune, wenn ich den Film sehe. Es ist, als sei man als Zuschauer selbst Teil dieser Freundschaft. Und ich heule trotzdem jedes Mal wieder bei denselben Szenen wie ein Schlosshund. „Grüne Tomaten“ ist einfach ein wundervoller Film!

18. Welcher Film enthält deinen Lieblingsbösewicht

Ich hatte hier bereits bei der Blogparade über die 10 besten Filmfieslinge von „Singende Lehrerin“ mitgemacht und hatte dabei Terrence Fletcher aus „Whiplash“ zu meinem Lieblingsbösewicht gekürt. Da ich aber meiner verehrten Leserschaft in dieser Reihe gern etwas Neues bieten möchte, werde ich einen tollen Filmbösewicht nehmen, den ich in meiner Top 10 aus Vergesslichkeit sträflich vernachlässigt hatte: Heath Ledger als ‚Joker‘ in „Batman: The Dark Knight“.

Ein guter Filmbösewicht darf nicht einfach nur böse und irre sein und das war’s dann. Die Rolle des Jokers birgt in der Tat die Gefahr, ihn einfach nur als völlig durchgeknallt zu spielen und wie ein aufgescheuchtes Huhn hysterisch gackernd über die Leinwand zu pesen. Doch Heath Ledger hat daraus einen gebrochenen Charakter gemacht, vielschichtig, ambivalent, schillernd und furchteinflößend.

Man erahnt unter dem verschmierten Make-up, der verzerrten Clownsfratze, dass sich ein Mensch darunter verbirgt, der einst hehre Ideale gehabt haben mag und immer tiefer in den Fanatismus abgedriftet ist. Dennoch scheint er genau zu wissen, was er tut. Seine Motivation bleibt ein Stück weit rätselhaft, doch verkörpert er mit seiner radikalen anarchistischen Haltung ein kompromissloses Freiheitsprinzip. Er ist vollkommen unabhängig und tut oder lässt, was er will.

Damit berührt er eine dunkle Seite, die wohl in jedem Menschen schlummert. Wer träumt nicht hin und wieder davon, niemandem Rechenschaft schuldig und vollkommen frei zu sein? Gleichzeitig wissen wir natürlich auch, dass das nun mal eben nicht geht, wir sind soziale Wesen, da muss man sich an bestimmte Regeln des Zusammenlebens halten. Trotzdem glaube ich, dass der Joker in den meisten Menschen daher ambivalente Gefühle hervorruft und so für Gänsehaut sorgt.

In diesem Sinne: Ich hoffe, Heath Ledger ruht in Frieden, die Schauspielwelt hat mit ihm ein großes Talent verloren.

19. Welcher Film hat dich zuletzt stark beeindruckt?

Dieses Jahr haben mich vor allem „Whiplash“ und „Ex Machina“ stark beeindruckt. Da ich diese beiden großartigen Filme nicht gegeneinander ausspielen möchte, indem ich mich für einen von beiden entscheide, gibt es in dieser Folge ausnahmsweise mal zwei Filme.

„Whiplash“ und „Ex Machina“ haben mich beide aus mehreren Gründen beeindruckt: Die Figurenkonstellation und Figurencharakterisierung ist bei diesen Filmen so raffiniert gemacht, dass sich die Geschichte sozusagen von selbst erzählt. Die Figuren verkörpern gleichzeitig eine bestimmte Idee oder Haltung, die der der anderen Figuren entgegen steht. Das birgt viel Zündstoff für Konflikte. Zu Beginn wird eine bestimmte, recht konkrete und einfache Ausgangssituation etabliert, in die die verschiedenen Figuren geworfen werden. Das Uhrwerk ist aufgezogen, und nun kann es abschnurren. Die Dynamik, die dabei entsteht, ist mitreißend und spannend bis zum Schluss. Ähnlich wie bei einem Fußballspiel kann man seine „Mannschaft“, seine bevorzugte Figur/Idee/Haltung wählen und mitfiebern, wer zum Schluss „gewinnt“. Das ist hervorragendes erzählerisches Handwerk.

Bei „Whiplash“ kommt außerdem noch der fesselnde Soundtrack mit dazu, der sich perfekt in die Handlung und die Dramaturgie schmiegt. Die Schnitte sind rhythmisch optimal an den Rhythmus der Musik angepasst. Die Spannung und Dynamik zwischen dem jungen, ehrgeizigen Andrew Neiman und dem verbitterten, zynischen Terrence Fletcher werden durch den Soundtrack auf die Spitze getrieben. Der Puls des Films überträgt sich auf den Zuschauer und saugt ihn mit in die Geschichte. Und ich hab Lust bekommen, wieder mit Klavierspielen anzufangen. Leider habe ich gar keinen Platz für ein Klavier. Obwohl … hier im Wohnzimmer ist noch ein freies Eckchen …

„Ex Machina“ fesselt zusätzlich durch die Zukunftsvision und die gesellschaftliche Komponente der Geschichte. Was bereits bei der „Terminator“-Reihe mit wenig Logik und viel Krach-Bumm (was dem Unterhaltungswert keinen Abbruch tut) und in der „Matrix“-Trilogie thematisiert wurde, wird hier seelenruhig in einem Kammerspiel verhandelt: Künstliche Intelligenz und wie sie die menschliche Intelligenz schließlich überflügelt.

Also, wer die Filme noch nicht gesehen hat: Holt es nach.

20. Welcher Film hat dich am meisten enttäuscht?

An sich bedeutet Enttäuschung lediglich, dass man von einer Täuschung befreit wurde. Man hat sich etwas vorgemacht, ist von scheinbaren Tatsachen ausgegangen, die in Wahrheit gar nicht bestanden und dann bekommt man das vor die Füße geklatscht und steht erstmal da wie bestellt und nicht abgeholt. Und dann ist man sauer. Vielleicht ärgert man sich über sich selbst, weil man sich so blöd in eine Vorstellung verrannt hat, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Aber was im ersten Moment im Bewusstsein ankommt, ist, dass Enttäuschungen ätzend sind und man ist erst einmal sauer auf den Auslöser der Enttäuschung.

Filme enttäuschen mich in der Regel dann, wenn ich mich zuvor durch den Trailer, Kritiken oder Inhaltsangaben auf etwas eingestimmt habe, was dann nicht kam. Manchmal enttäuschen mich auch schlechte Literaturverfilmungen von Büchern, die ich sehr gern gelesen habe. Das war zum Beispiel bei „Insurgent – Die Bestimmung 2“ der Fall. Der Schreibstil im Buch war schon mies, aber die Handlung war spannend. Im Film haben sie die spannende Handlung auf ca. 5 Minuten zusammengestampft und den Rest mit der unfassbar (und auch im Buch) langweiligen Liebesgeschichte zwischen den beiden unsympathischen Hauptfiguren reduziert. Das war einfach nur schlecht. Und weil ich gehofft respektive gedacht hatte, dass der Film besser wird als das Buch, war ich enttäuscht.

Noch schlimmer enttäuscht hat mich zuletzt „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu. Im Trailer und von der Inhaltsbeschreibung her schien der Film eine witzige Satire auf den Theaterbetrieb im Allgemeinen und den Broadway im Besonderen zu sein. Es sah danach aus, als würden Hollywood, Schauspieler, Stars und Sternchen, der gesammelte Jahrmarkt der Eitelkeiten durch den Kakao gezogen, und zwar auf vergnügliche Art und Weise. Ein bisschen wie „Bullets over Broadway“ von Woody Allen (einer meiner Lieblingsfilme).

Doch es kam anders: Der Film ist anstrengend, mühsam und zäh. Es geht im Wesentlichen um die inneren Dämonen und Selbstzweifel eines durch und durch unsympathischen Egomanen, der in Selbstmitleid ertrinkt und mit sich selbst nicht klar kommt. Ab und zu blitzen ein paar komische Momente auf, insbesondere Edward Norton lockert den eitlen Quark ein wenig auf mit seiner überdrehten Art. Aber dann wird wieder wahnsinnig viel geredet und geschwafelt und die Kamera macht nie Pause! Klar, das ist innovativ und künstlerisch wertvoll … aber so anstrengend! Nur, weil etwas Kunst ist, muss es doch nicht quälend langweilig sein!

Immerhin: Schlecht ist der Film nicht. Er ist handwerklich gut gemacht, dagegen lässt sich nichts sagen. Das bietet die Möglichkeit, den Film nach der Ent-Täuschung noch einmal zu sehen und dann wirkt er vielleicht nicht mehr so schlimm. Mal schauen, möglicherweise probiere ich das aus. Irgendwann.

21. Welcher Film hat dich zum ersten Mal so richtig gefesselt?

Ich bin ein riesiger Krimi- und Psychothriller-Fan und liebe es, wenn ein Film so spannend ist, dass sich meine Fingernägel in die Armlehnen bohren und ich immer tiefer in den Sessel rutsche. Wenn die Geschichte ganz zum Schluss eine unerwartete Wendung nimmt, die den Film nachträglich in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt und für einen Aha-Effekt sorgt, hat der Film mich gepackt. In der Fachsprache spricht man von „final plot twists“, die vor allem sogenannte Mindfuck-Movies kennzeichnen (oder Mindgame bzw. Mindbender, wenn man sich etwas gewählter ausdrücken möchte).

Soweit ich mich erinnern kann, war der erste Film dieser Art für mich „Zwielicht“ von Gregory Hoblit aus dem Jahr 1996. Richard Gere spielt einen Staranwalt, der daran gewöhnt ist, seine Fälle zu gewinnen. Aber er langweilt sich und sucht nach einer neuen Herausforderung, die ihm schließlich in Gestalt des Messdieners Aaron Stampler (Edward Norton) begegnet. Der junge Mann wird verdächtigt, den Erzbischof von Chicago ermordet zu haben, viele Indizien sprechen dafür. Er selbst scheint sich nicht erinnern zu können …

Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Edward Norton gibt in „Zwielicht“ sein Schauspieldebüt und zeigt bereits da, wie wandelbar er ist. Richard Gere spielt seine Paraderolle des leicht arroganten, erfolgsverwöhnten Schönlings, allerdings bekommt dieses Image im Laufe des Films Risse. Norton und Gere spielen hervorragend zusammen und werfen sich gegenseitig die Bälle zu. Das Ende – so viel kann ich vielleicht doch preisgeben – lässt einem schließlich das Blut in den Adern gefrieren.

22. Welcher Film enthält deine Lieblingsszene?

Meine Lieblingsszene ist aus „Meine Vetter Winnie“. Der frischgebackene Anwalt Winnie ist mit seiner Verlobten Lisa in ein Südstaatenkaff gereist, um seinem Cousin aus der Patsche zu helfen. Dieser wurde zusammen mit seinem Kumpel des Mordes angeklagt, aber beide sind unschuldig. Das zu beweisen, erweist sich als schwierig, da die Dorfbewohner den Städtern voreingenommen begegnen und sie am liebsten selbst an den nächsten Baum knüpfen würden.

Winnie will deshalb unbedingt vor Gericht einen super Eindruck machen und sich beim Staatsanwalt einschleimen. Der Staatsanwalt hat ihn gefragt, ob er mit auf die Jagd kommt und Winnie hat zugesagt und weiß nicht, was er anziehen soll. Lisa ist sauer, dass ihr Verlobter ein unschuldiges Tier erschießen will. Sie stürmt ins Bad und knallt die Tür zu. Nun kommt meine Lieblingsszene (aus dem Gedächtnis zitiert, ich hab nur die englische Version auf YouTube gefunden):

Winnie: Was ist mit diesen Hosen? Kann ich die anziehen?

Lisa: Stell dir vor, du wärst ein Hirsch. Du spazierst durch den Wald, du bekommst Durst. Du erspähst einen kleinen Bach. Du näherst deine weichen, warmen Hirschlippen dem kühlen, klaren Wasser …
BÄM! Eine verdammte Kugel reißt dir den halben Kopf weg und eh du dich versiehst liegt dein Gehirn in kleinen blutigen Stückchen in der Gegend ‚rum!!!!
Und nun frage ich dich: Würde es dich auch nur einen Scheißdreck interessieren, welche HOSEN der Hurensohn trägt, der dich erschossen hat?

(ca. ab 1:35)

Nun habe ich „Mein Vetter Winnie“ aber bereits als meine Lieblingskomödie vorgestellt, daher möchte ich hier noch eine meiner Lieblingsszenen aus einem Film schildern, den ich noch nicht erwähnt habe: „Die Blues Brothers“

Das ist jetzt allerdings schwierig, aus dem Film eine Lieblingsszene herauszupicken, weil er einfach durchweg genial ist. Repräsentativ möchte ich die Szene in der Country-Kneipe nennen, wo Jake und Elwood sich einen Auftritt erschummelt haben. Sie müssen, völlig gegen ihren Willen und ihre musikalische Überzeugung, Country-Schlager schmettern. Wie sie die Schnulzen mit steinerner Miene ins Mikrofon raunen, ist einfach großartig.

23. Welcher Film hat den besten Anfang oder das beste Ende?

Ein bester Filmanfang will mir gerade nicht einfallen … gute Filmanfänge ziehen mich sofort in die Geschichte hinein, sodass ich gebannt verfolge, wie es weitergeht – und wie es endet. Das heißt, ich erinnere mich dann eher an den ganzen Film oder an das Ende, das ja der ganzen Geschichte zum Schluss noch einen völlig neuen Dreh geben kann. Schlechte Enden hingegen können einen an sich passablen Film komplett ruinieren. Ich werde also gleich etwas über eines meiner Lieblingsfilmenden erzählen.

Mein Bloggerkollege von Ma-Go Filmtipps warf in seinem Post zum besten Filmende die Frage auf, ob es überhaupt gute und schlechte Enden gibt, oder ob es nicht vielmehr gute und schlechte Filme gebe, und dazu passende oder nicht passende Enden. Das finde ich ganz spannend, aber ich selbst würde sagen, dass passende Enden gleichzeitig auch gute Enden sind. Klar, wenn man vorher ein heilloses Durcheinander angerichtet hat und als Drehbuchautor selbst nicht mehr durchblickt, worauf man eigentlich hinauswollte, ist es natürlich schwierig, ein passendes, gutes Ende zu finden. Ich sag nur: „Lost“ (zwar eine Serie und kein Film, dennoch ist das für mich das Paradebeispiel eines beschissenen Endes).

Ich mag es ja, wenn das Ende überraschend ist, ein cleverer „final plot twist“ eingebaut ist, der aber trotzdem innerhalb der erzählten Welt logisch und folgerichtig ist. Das ist für mich ein gelungenes Ende. Es gibt natürlich auch Enden, die nur logisch und folgerichtig, aber nicht überraschend sind, die sind auch gut, bleiben aber weniger im Gedächtnis haften (zum Beispiel ist es nicht überraschend, dass sich in „Schlaflos in Seattle“ und anderen RomComs die beiden Turteltäubchen am Ende kriegen, aber schön und logisch ist es trotzdem).

Vorsicht, jetzt kommen Spoiler, für Menschen, die „Inception“ und „Fight Club“ noch nicht gesehen haben!

Das Ende von „Inception“ fand ich damals im Kino, als ich den Film das erste Mal gesehen hatte, absolut genial. Ich saß mit offenem Mund da und dachte „Ach. Du. Scheiße.“ Anders als bei „final plot twists“, die im Nachhinein die Geschichte erklären, und ihr einen neuen Dreh verleihen, öffnet das Ende von „Inception“ die Filmhandlung für Interpretationen. Der Kreisel dreht sich weiter … wird er noch umkippen? Oder nicht? Ist Cobb im Traum gefangen? Oder ist er wieder aufgewacht und alles ist gut? Beide Möglichkeiten bestehen gleichberechtigt nebeneinander. Allerdings habe ich festgestellt, dass die Wucht von dem Ende bei „Inception“ nachlässt, wenn man den Film häufiger sieht und ihn ein wenig auseinander analysiert. Ich hatte über den Film ein Referat gehalten und versucht, nach Hinweisen zu schauen, die eine der Interpretationsmöglichkeiten zum Schluss stärker stützt als die andere. Aber die Spannung hat dadurch nachgelassen.

Anders bei „Fight Club“, dort erklärt das Ende die vorangegangene Handlung eindeutig, ohne dass noch eine zweite Interpretationsmöglichkeit eröffnet wird. Nun könnte man sagen, das ist dann ja langweilig, wenn man das Ende kennt, den Film dann noch mal zu gucken oder zu analysieren. Witzigerweise ist aber das Gegenteil der Fall. Beim ersten Mal fand ich „Fight Club“ doof, ich dachte: Pff, prügelnde Möchtegern-Machos mit Luxusproblemchen, bescheuert!

Dann kam das Ende: Tyler Durden und der Erzähler sind ein- und dieselbe Person. Uff, damit hatte ich beim ersten Mal überhaupt nicht gerechnet. Und dann dachte ich, ich muss den Film noch mal sehen, mal gucken, welche Hinweise ich übersehen habe. Das hat mich neugierig gemacht und beim zweiten Mal fand ich den Film spannend, beim dritten Mal richtig lustig. Und dann habe ich über „Fight Club“ eine Hausarbeit geschrieben und die Frage gestellt, welchem Genre man diesen durchgeknallten Streifen zuordnen könne.

Durch das Ende kann man „Fight Club“ als RomCom sehen, aber auch als Satire, Thriller, Actionfilm oder „Mindfuck movie“. Ein wenig Raum zur Interpretation bleibt also dennoch. Und es macht Spaß, ein wenig Detektiv zu spielen und den Film nach Hinweisen zu durchsuchen, die auf das Ende hindeuten. Daher gefällt mir das Ende von „Fight Club“ noch besser als das von „Inception“, weil der Film auch bei Kenntnis des „final plot twists“ spannend und unterhaltsam bleibt, und sogar besser wird.

24. Welcher ist der traurigste Film, den du kennst?

Grundsätzlich bin ich ziemlich nah am Wasser gebaut und ich fange schon an zu heulen, wenn ich ein YouTube-Video gucke, in dem ein unfassbar flauschiges Kätzchen gerettet wird. Das heißt, ich vergieße auch im Kino immer wieder das eine oder andere Tränchen. Bei „Unterwegs nach Cold Mountain“ haben eine Freundin und ich so herzzerreißend geschluchzt (und wohl auch recht laut), dass wir von den anderen Zuschauern genervt zur Räson gezischt werden mussten. Aber die Geschichte habe ich ja schon erzählt, als ich einen Film schildern wollte, der mich an jemanden erinnert.

Einer der traurigsten Filme, die ich kenne, ist „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni aus dem Jahr 1997. Die erste Hälfte des Films ist heiter, bunt und fröhlich, eine Komödie, die eine romantische Liebesgeschichte erzählt. Aber dann kippt die Stimmung, als die Hauptfigur Guido (Roberto Benigni) mit seinem kleinen Sohn ins KZ kommt und Guidos Frau Dora ihnen folgt. Guido versucht alles, um seinen Sohn zu schützen und erzählt ihm, das KZ sei ein Spiel, er müsse sich an bestimmte Regeln halten, dann gewinne er zum Schluss einen echten Panzer.

Durch die lustige erste Hälfte und die Schilderungen Guidos vom KZ als Spiel wirkt der eigentliche Schrecken der Handlung umso grausamer. Der Film trifft direkt ins Herz und geht an die Nieren. Auch lange, nachdem der Abspann gelaufen ist, klingt die traurige Geschichte noch nach. Ich brauche nur die Musik zu hören, schon fange ich wieder an zu heulen.

25. Welche ist die gelungenste Verfilmung einer literarischen Vorlage?

Grundsätzlich finde ich es immer spannend, eine Literaturverfilmung mit ihrer Vorlage zu vergleichen. Manchmal habe ich zuerst den Film gesehen und möchte mehr über die Figuren und die Hintergrundgeschichte erfahren – dann lese ich hinterher das Buch. Oder ich habe den ersten Teil einer Buchserie im Kino gesehen und bin zu neugierig und ungeduldig, um den Fortgang der Geschichte als Verfilmung abzuwarten. Dann lese ich den ersten Band, nachdem ich den Film gesehen habe, und die weiteren Bücher, bevor ich die Filme kenne. Schließlich gibt es noch den Fall, dass mich ein Buch gefesselt hat und ich einfach so einen Spaß an der Geschichte hatte, dass ich sie noch einmal als Film sehen möchte. Und dann kommt es auch gelegentlich vor, dass ich eine Geschichte grundsätzlich interessant fand und nur den Schreibstil nicht mochte – dann kann eine Verfilmung eigentlich nur besser sein.

Ein Beispiel für Letzteres ist für mich „Herr der Ringe“. Tolkien war ja in erster Linie Sprachwissenschaftler und hatte sich diese großartige Welt um die Hobbits ausgedacht. Das ist eine beeindruckende Leistung und dafür respektiere ich ihn. Aber: „Herr der Ringe“ ist fürchterlich langatmig geschrieben, das Buch ist langweilig und anstrengend zu lesen und die Handlung geht in schier endlosen Landschaftsbeschreibungen und Liedern (die ohne Melodie eigentlich auch echt keinen Sinn ergeben) unter, die Figurencharakterisierung bietet – zumindest für mich – keine Gelegenheit, mit den Figuren mitzufiebern und mich für ihr Schicksal zu interessieren. Die Filme sind insofern besser, dass sie kürzer sind. Außerdem hört man bei den Liedern eine Melodie und die öden Beschreibungen konnten durch atemberaubende Bilder ersetzt werden. Daher ist „Herr der Ringe“ in jedem Fall eine gelungene Verfilmung.

Da ich das „Herr der Ringe“-Universum trotzdem nicht sonderlich mag, ist es aber für mich nicht die „gelungenste“ Literaturverfilmung.

Bis vor ein paar Monaten wäre meine Lieblingsliteraturverfilmung noch „Abbitte“ von Joe Wright nach dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan. Die verschachtelte Erzählstruktur aus dem Buch wurde geschickt in die Filmsprache übersetzt, die Schauspieler sind alle toll (Benedict Cumber*quiiiiiietsch*batch sowieso), die Bilder verbreiten eine Atmosphäre, die optimal zur Geschichte und zur Handlung passt. Und es wurde nicht zu viel an den Figuren und an der Hintergrundgeschichte herumgekürzt.

Nun habe ich aber neulich „Er ist wieder da“ von David Wnendt nach dem Roman von Timur Vermes gesehen und diese Literaturverfilmung hat meinen bisherigen Favoriten vom Thron gestoßen.

Warum?

David Wnendt hat einen Weg gefunden, der literarischen Vorlage treu zu bleiben und trotzdem ein eigenständiges Werk zu erschaffen. Der Roman ist aus Sicht von Adolf Hitler erzählt und er zieht einen Großteil seines grotesken Humors aus dem Zusammenprall zwischen den Zeiten. Gleichzeitig erlaubt diese Perspektive, sich in Hitler hineinzuversetzen, sodass man als Leser vor sich selbst erschrickt, weil man plötzlich nicht mehr die Möglichkeit hat, Hitler als Monster abzutun. Und weil man merkt, dass man möglicherweise ebenfalls auf ihn hereingefallen wäre vor 80 Jahren.

Im Film kann man das nicht so gut machen, dass man die ganze Zeit Hitler im Off erzählen lässt, das hätte nicht die gleiche Wirkung entfaltet wie im Roman, weil es irgendwann den Zuschauer ermüdet hätte. Um dieses Problem zu lösen, hat Wnendt die Figur des Fabian Sawatzki ausgebaut (im Buch heißt er Frank Sawatzki und spielt nur eine Nebenrolle). Er ist ein Filmemacher, der zunächst die große Chance auf eine sensationelle Doku wittert, als er Adolf Hitler trifft, den er erst für einen Komiker hält. Als Zuschauer macht man nun die Entwicklung von Sawatzki mit, man wird von ihm sozusagen an die Hand genommen, und erst hält man das Ganze für einen Witz. Später ist man fasziniert, bevor die Faszination dem Entsetzen weicht. Und das ist großartig!

26. Nenne deinen liebsten Filmklassiker

Oha. Da ist jetzt aber ein Riesenfass aufgesprungen. Denn was genau ist eigentlich ein Filmklassiker? Mein Bloggerkollege von Ma-Go Filmtipps hatte als Definition vorgeschlagen: „Ein Filmklassiker ist ein Film, der im Hinblick auf die Charakterisierung seiner Figuren oder in inhaltlicher, technischer, moralischer oder gestalterischer Hinsicht als Vorbild für andere Filme fungiert oder ein Porträt einer Kultur oder geschichtlichen Epoche darstellt.“ Da fehlt aber meiner Meinung nach noch der zeitliche Aspekt, denn sonst wären ja alle Filme der letzten Jahre, die etwas Innovatives enthielten, jetzt schon Klassiker. Und das ist meiner Meinung nach nicht ganz stimmig. Filme wie „Fight Club“ oder „Pulp Fiction“, die für damalige Verhältnisse aufgrund ihres unzuverlässigen Erzählens (noch so ein Riesenfass!) fast schon revolutionär waren, haben zwar inzwischen ihren festen Platz im filmkulturellen Gedächtnis bekommen. Dennoch würde ich sie eher als Kultfilm, nicht als Klassiker bezeichnen, obwohl sie für nachfolgende, sogenannte Mindfuck-Filme (an der Uni bevorzugten wir „Mindgame“ oder „Mindbender“) Vorbild waren.

Darum würde ich die Definition wie folgt ergänzen:

Ein Filmklassiker ist ein Film, der im Hinblick auf die Figurencharakterisierung, in inhaltlicher, erzählerischer, technischer, moralischer oder gestalterischer Hinsicht als Vorbild für andere Filme fungiert oder ein Porträt einer Kultur oder geschichtlichen Epoche darstellt. Gleichzeitig ist ein Filmklassiker aber bereits so alt, dass man vergisst, dass er seinerzeit innovativ war.

Schließlich war jeder Klassiker einmal revolutionär. Der Zug, der in die Bahnstation La Ciotat einfährt, die Frauen, die aus der Fabrik kommen oder der Gärtner mit dem Gartenschlauch, der nassgespritzt wird, waren Ende des 19. Jahrhunderts eine Sensation. Heutzutage aber würden solche Filme nicht mehr den Zuschauergeschmack treffen, weil sie heute nicht mehr innovativ sind. Damals aber waren sie es, man muss es sich aber erst bewusst machen, um es nicht zu vergessen. Gleiches gilt für die ersten Science-Fiction-Filme von Georges Méliès, die ersten längeren Stummfilme, die ersten Tonfilme, die ersten Farbfilme und bald auch für die ersten 3D-Filme.

Einer meiner Lieblingsfilmklassiker in diesem Sinne ist „Jules und Jim“ von François Truffaut aus dem Jahr 1962. Es geht um eine Dreiecksbeziehung (heute würde man das wohl polyamore Beziehung nennen) zwischen dem Franzosen Jim, dem Österreicher Jules und Catherine, einer freiheitsliebenden, durchgeknallten jungen Frau, die sich gegen alle Konventionen sträubt. Aber sie ist auch rastlos, unzufrieden, kompliziert und radikal. Dass das Ganze nicht gut ausgehen kann, erahnt man von Anfang an.

Trotzdem bleiben die Männer befreundet, auch, als sie im ersten Weltkrieg eigentlich Feinde sein müssten, auch, als Jules Catherine heiratet, sie aber offen ein Verhältnis mit Jim eingeht, der dann sogar bei den beiden einzieht. Jules möchte nur, dass Catherine glücklich ist. Aber sie ist unfähig, glücklich zu sein …

Ich mag die melancholische Grundstimmung des Films, die aber stets zuversichtlich bleibt und nie in Selbstmitleid, emotionalen Gefühlsquark oder langweilige Seelenbeschau abdriftet. Dadurch berührt einen der Film, alle Figuren wachsen einem ans Herz. Das entfaltet einen Zauber, der auch nach mehrmaligem Sehen und auch nach über 50 Jahren immer noch wirkt.


31 Tage, 31 Filme – Folgen 11 bis 15

31 Tage, 31 Filme – Folgen 6 bis 10

31 Tage, 31 Filme – Folgen 1 bis 5

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