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78. Stück: Die präzise Eleganz der deutschen Sprache und wer sie zu nutzen weiß

In meinem letzten Essai „Wann deutsche Filme und Popmusik scheiße sind“ war ich ein bisschen gemein zu deutschsprachigen Bands und Filmen, die ich nicht leiden kann. Was ich an Silbermond, Juli, Revolverheld und Co. sowie Filmen à la Was nützt die Liebe in Gedanken im Wesentlichen hasse, ist die plumpe, unsubtile, humorlose und pathetische Art, mit der wunderbaren deutschen Sprache umzugehen und die fehlende Leichtigkeit. Es gibt aber auch Werke, die die Besonderheiten meiner Vatersprache (Eh oui, meine Muttersprache ist Französisch, meine patrie ist Deutschland) positiv für sich zu nutzen wissen. Jede Sprache hat ihre Eigenarten und sie können wundervoll sein, aber auch tückisch, wenn man nicht aufpasst. Bei Deutsch ist es vor allem die Klarheit und Präzision, die sehr stark sein kann – oder auch plump und humorlos. Im Deutschen kann man ganz genau das sagen, was man sagen will, indem man Wortteile nach Belieben neu zusammensetzt. Stellt man es ungeschickt an, wirkt es schnell zu offensichtlich und polterig. Pathos wirkt im Deutschen auch deshalb so albern, weil er vollkommen unnötig ist. Die Worte sind bereits klar und stark genug, da muss man nicht noch eins draufsetzen – im Gegenteil. Durch feine Untertreibung als Kontrast zur Deutlichkeit der Worte kann eine Leichtigkeit und Einfachheit erzeugt werden, die deutsche Filme und Lieder vor unerträglichem Schnulzkitsch bewahren. Ein paar deutschsprachige Künstler sind solche begnadeten Wortakrobaten, die mit Ausdrücken und Bedeutungen jonglieren können, tolle Geschichten erzählen und mit verschmitzter Ironie an den Oberflächen der Dinge kratzen.

Am besten schildere ich mal anhand einiger Beispiele, wie man die präzise Eleganz der deutschen Sprache gekonnt einsetzen kann. Meister der Ironie sind zum Beispiel Farin Urlaub von Die Ärzte und die Texter von Annett Louisan:

„Lasse redn“ verbirgt hinter seiner fröhlichen Melodie und den pfiffigen Reimen eine herrlich entlarvende Kritik am Spießertum, wie es sich durch die tägliche Lektüre der ‚Bild‘-Zeitung und das Lästern über Nachbarn und Bekannte bemerkbar macht. Aber anstatt plump zu wehklagen, wie unglaublich verabscheuungswürdig und moralisch daneben es doch ist, fiese Gerüchte über andere Leute in die Welt zu setzen und sich an den Problemen anderer Menschen zu ergötzen, wird hier einfach frech grinsend die ganze Tratscherei ins Absurde überspitzt. „Die Katze“ kommt mit ganz einfachen Worten aus, präzise wird beschrieben, wie sich eine Katze häufig aufführt: eigensinnig, unabhängig, aber unwiderstehlich. Der etwas träge Rhythmus passt wunderbar dazu. Durch Annett Louisans ironisch-lustvolle Interpretation bekommt das Lied jedoch auch etwas unterschwellig Erotisches, ohne es allerdings direkt auszusprechen. Täte sie dies, etwa wie im Schlager „Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig …“, würde diese prickelnde zweite Ebene verpuffen (Hihi, ver“Puff“en 😛 ).

Deutsch eignet sich außerdem hervorragend dafür, Geschichten zu erzählen, und zwar mit wenigen Worten, so wie ein paar Pinselstriche in einer gelungenen Skizze ein ganzes Bild entstehen lassen können. Ein Beispiel hierfür ist das Lied „Der Tantenmörder“ vom Theaterautor Frank Wedekind:

Bei dem Lied muss man allerdings aufpassen, dass man nicht durch eine plumpe, finstere Darstellung den tollen Text von Wedekind ruiniert. Das liegt dann aber nicht mehr an der Sprache, sondern an der Interpretation, die das, was der Text gekonnt vermieden und ausgelassen hat, mit Krampf aufpresst. Man darf als Schauspieler und Interpret nicht vergessen, dass das Publikum nicht blöd ist und des Lesens von Zwischentönen durchaus mächtig. Diese Version hier finde ich zum Beispiel nicht so gut:

Außerdem gibt es auch tatsächlich ein paar „Supernachdenklicher Deutschpop“-Lieder, die ich mag. Zum Beispiel höre ich sehr gern „Wolke 4“ von Philipp Dittberner & Marv oder „Herz über Kopf“ von Joris:

Ich mag zum einen die Schlichtheit der musikalischen Begleitung, die den Text optimal unterstreicht, ohne ihn zu überdecken. Die gewählten Wörter und ihre Anordnung sind einfach, aber drücken trotzdem viel aus, ohne dass man noch etwas dazupacken oder extra erklären müsste. Mit eleganter Präzision entstehen Bilder, werden Emotionen transportiert, ohne zu nerven oder dem Zuhörer mit einer Extraportion Plumpheit die gemeinte Bedeutung unter die Nase zu reiben.

Ironie, Leichtigkeit, tolle Geschichten in wenigen, präzisen und gut gewählten Wörtern sowie unterschwelliger Humor funktionieren nicht nur in der Musik, sondern auch in Filmen. Der Tatort Im Schmerz geboren mit Ulrich Tukur war zum Beispiel absolut genial. Der letzte Kölner Tatort Kartenhaus hat mich sogar zu Tränen gerührt. Sehr gut gefallen hat mir auch Wir sind jung. Wir sind stark von XY. Ab und zu gibt es eine Szene, die ich etwas übertrieben schwermütig-melancholisch und aufgesetzt fand, aber insgesamt wird hier aus verschiedenen Perspektiven ein genauer Blick auf die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen von 1992 geworfen, ohne zu urteilen oder die moralische Keule zu schwingen. Dass die Geschichte, die mit dem Brand einer Asylunterkunft endet, von erschreckender Realität ist, braucht dann nicht mehr extra dazugesagt zu werden. Nicht zu vergessen sind außerdem ein paar herausragende deutschsprachige Fernsehserien, die durch witzige Dialoge, tolle Figuren und Experimentierfreude glänzen, etwa Morgen hör ich auf, Der kleine Mann, Der Tatortreiniger, Dr. Psycho oder Stromberg.

Zum Schluss habe ich noch ein paar Lesetipps für euch:

  • Tschick von Wolfgang Herrndorf
  • Die kurzen und die langen Jahre von Thommie Bayer
  • Alle Toten fliegen hoch (Amerika) und die anderen Bücher von Joachim Meyerhoff
  • Der Sandmann und alles andere von E. T. A. Hoffmann
  • Lenz von Georg Büchner
  • Der Hofmeister und alles andere von Jakob Michael Reinhold Lenz
  • Die Schachnovelle und alles andere von Stefan Zweig
  • Das Schloss und alles andere von Franz Kafka
  • Die Gedichte und alles andere von Erich Kästner
  • Alles von Charlotte Link

Welche deutschsprachigen Lieder, Filme, Serien und Bücher mögt ihr besonders gern und warum?

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53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

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41. Stück: „The Walking Dead“ als Spiegel der Gesellschaft

Nach LostDexter und Breaking Bad möchte ich mich nun einer weiteren – wie ich finde genialen – US-Fernsehserie widmen. Heute geht es um die Zombie-Apokalypsen-Serie The Walking Dead. Inzwischen habe ich sie bis zum Ende der dritten Staffel geschaut, also kann es sein, dass ich ein paar Dinge verrate. In diesem Fall werde ich ein (Spoiler!) davorsetzen, damit niemandem die Spannung verdorben wird. Was mich an der Serie jedoch von Anfang an interessiert, ist, inwiefern die Geschichte sich als Spiegel der Gesellschaft lesen lässt.

Die „Was wäre wenn …“-Prämisse der Geschichte und der erzählten Welt schildert, wie Menschen sich in der extremsten aller Extremsituationen verhalten könnten, wenn nämlich von einem Tag auf den anderen die ganze Zivilisation zusammenbricht. Der amerikanische Drehbuchautor Robert McKee betont in seinem Werk Story, dass Figuren ihren wahren Charakter erst in Extremsituationen offenbaren, wenn sie sozusagen keine Möglichkeit mehr haben, ihn zu verstecken. Das heißt, so wie die Figuren sich in einer Extremsituation verhalten, sind sie wirklich. Extremsituationen sind hierbei immer solche, die das Leben bedrohen und wenn die für das Leben notwendigen Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schlafen, Atmen) in Gefahr oder nicht unmittelbar verfügbar sind. In Lost gab es auch eine solche existentiell bedrohliche Extremsituation, die die Möglichkeit geboten hätte, mal grundsätzliche Gesellschaftsmodelle unter dem Deckmantel einer fiktionalen Geschichte zu analysieren und zu hinterfragen. Aber dann mussten sie ja unbedingt diesen Esoterik-Quatsch mit hinein nehmen und alles kaputt machen. Ja, ich bin nachtragend, ich weiß. Trotzdem, wie kann man nur so eine vielversprechende Ausgangssituation nicht dramaturgisch nutzen? Jedenfalls, so wie es bislang aussieht, gelingt genau das den The Walking Dead-Machern hervorragend. Frei nach Brechts „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ werden in dieser dramaturgischen Versuchsanordnung die unterschiedlichsten Figuren zusammen in eine Extremsituation geworfen und daraus entwickelt sich die Handlung. Da hätte sich bestimmt auch Jakob Michael Reinhold Lenz gefreut – den seinerzeit im Sturm und Drang keiner ernst nehmen wollte, Goethe schon mal gar nicht – dass seine Idee von echten Charakteren, die die Handlung nicht nur voran treiben, sondern gleichzeitig Spielbälle der Umstände sind, nun auch in amerikanische Fernsehserien Eingang gefunden hat.

Zur Ausgangssituation: Der Polizist Rick Grimes, der mit seiner Frau Lori und seinem Sohn Carl in einer amerikanischen Kleinstadt lebt, wird angeschossen und fällt ins Koma. Als er einige Wochen später aufwacht, ist das Krankenhaus nicht nur wie ausgestorben, sondern auch noch voller Zombies. Er schafft es, zu entkommen und wird auf der Suche nach seiner Familie beinahe von den Untoten erwischt. Im letzten Moment rettet ihm ein Nachbar das Leben und erklärt ihm die Situation: Plötzlich waren die ersten Zombies erschienen, die anfingen, die Menschen zu beißen und ebenfalls in Zombies zu verwandeln. Die meisten Bewohner, die noch leben, sind aus der Stadt geflohen, so auch Ricks Familie. Er bewaffnet sich und macht sich auf die Suche nach ihnen. Dabei stellt er fest, dass nicht nur in der Kleinstadt, sondern offenbar überall die Zombies Oberhand gewonnen haben. Es gibt keinen Strom mehr, kein Fernsehen, kein Radio, es werden keine Zeitungen mehr gedruckt, Internet gibt es auch nicht mehr, Handy-Empfang kann man vergessen, fließendes Wasser ebenfalls. Kurz: Die Welt ist zurückgeworfen in einen Zustand während der Steinzeit, nur dass die Menschen dies nicht mehr gewöhnt sind. Extremer und lebensbedrohlicher kann eine Situation nicht sein. Und hier zeigt sich dann natürlich, wer es schafft, sich an die neuen Umstände anzupassen und wer nicht. Und vor allem, auf welche Art und Weise.

Wenn die Welt von Zombies überrannt wurde, gibt es mehrere Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Erstens, man wird gebissen und selbst zum Zombie. Das würde beispielsweise mir passieren, und zwar zwei Sekunden nachdem die Zombieapokalypse ausgebrochen ist. Da wir aber bei The Walking Dead nicht bei „So isses“ sind, sondern bei „Wünsch dir was“, und eine fiktionale Geschichte, in der alle Figuren gleich sterben ziemlich langweilig wäre, gehören die Hauptfiguren der Serie nicht zu dieser ersten Kategorie von möglichen Reaktionen auf eine Zombieseuche. Nun also angenommen, man überlebt erst einmal, dann gibt es zweitens die Möglichkeit, anderen zu helfen. Drittens gibt es die Möglichkeit, nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ zu handeln, und sein eigenes Süppchen zu kochen und von den anderen Überlebenden erst einmal abzukapseln. So wie (Spoiler!) Michonne, die am Ende der zweiten Staffel erstmals in Erscheinung tritt. Sie hat sich an die neuen Umstände perfekt angepasst, hat herausgefunden, wie sie sich die „Beißer“ (Zombies) vom Hals halten kann und das geht auch so lange gut, wie sie für sich allein sorgen muss. Probleme bekommt sie erst, als sie wieder anfängt, Menschen ins Herz zu schließen. (Spoiler Ende!) Viertens kann man durchdrehen und den Verstand verlieren, so wie das (Spoiler!) Ricks bestem Freund Shane passiert, was ihn dann ja nachher auch das Leben kostet und auch Rick selbst droht in der dritten Staffel wahnsinnig zu werden. (Spoiler Ende!) Fünftens kann man die Situation ausnutzen, um seinen schon lange gehegten Machtkomplex auszuleben, sofern man zu den wenigen gehört, die noch über ein paar übrig gebliebene Ressourcen verfügen. (Spoiler!) Diese Reaktionsmöglichkeit wird am besten von dem Governor verkörpert, der immer mehr Spaß daran findet, andere zu quälen, zu foltern, zu manipulieren oder sogar zu töten, damit er seinen Größenwahn und Gottkomplex voll entfalten kann. Da bin ich nun echt gespannt, wie das in der vierten Staffel mit ihm noch weitergeht. Leider muss ich mich da jetzt noch ein halbes Jahr gedulden. (Spoiler Ende!)

Was ich auch interessant finde, ist, wie sich hier verschiedene politische Konzepte einander gegenüber stehen. Denn mit dem Zusammenbruch der Zivilisation sind auch sämtliche Strukturen zerbrochen, die Welt ist in einen chaotischen, rohen, ursprünglichen Zustand zurückgeworfen worden und nun muss die übrig gebliebene Gesellschaft nicht nur ihre Werte neu definieren, sondern sich auch neu organisieren, um zu überleben. (Spoiler!) Am Anfang wird Rick zum Anführer seiner kleinen Truppe aus Atlanta und von der Farm gekürt. Wobei er nicht wirklich gewählt wird, aber es verlassen sich alle auf ihn und sind froh, dass sie jemanden haben, an dem sie sich orientieren können. Er merkt dann jedoch, dass er auch nicht mehr Ahnung hat als die anderen, wie man sich am besten in der Extremsituation verhält, sodass er beschließt, aus dieser Alleinherrschaft eine Art Demokratie zu machen, in der jedes einzelne Mitglied der Gruppe das gleiche Mitspracherecht hat, wie alle anderen. Mal sehen, ob das funktioniert, auch das erfahren wir leider erst in der vierten Staffel. Spannend ist in dem Zusammenhang auch die Rolle von Ricks Sohn Carl. Der ist nämlich mit dem Kuschelkurs seines Vaters gar nicht einverstanden und wirft ihm vor, Menschen seien gestorben, weil er „bösen“ Menschen vertraut hat und sie hat laufen lassen. Den Fehler will er nicht begehen und nimmt somit keine Gefangenen. Er bringt sogar einen Jungen aus der Gruppe des Governors um, der sich gerade ergeben wollte. Hier findet sich die Idee des Kindersoldaten in der Figur wieder, denn der Kleine reagiert auf die Verrohung der Welt mit eigener Verrohung und der Vater muss dabei zusehen, wie er seinem Kind gegenüber in Erklärungsnot gerät und seine Moralvorstellungen plötzlich nicht mehr ausreichen.
Auf Seiten des Governors findet sich der Gegenentwurf zu Ricks kleiner Demokratie. Hier hat sich ein gemeingefährlicher Psychopath an die Spitze einer Stadt gestellt und das politische Modell einer Autokratie oder einer Diktatur etabliert. Zunächst sind die Menschen froh, in Sicherheit zu sein, genug zu Essen, zu Trinken, zum Wohnen, Schlafen und Duschen zu haben. Der Governor organisiert sogar regelmäßig Gladiatorenspiele mit den Zombies als wilde Tiere, um seinVolk bei Laune zu halten. Das funktioniert auch prima und so genau interessiert es auch niemanden, dass der Kerl größenwahnsinnig, kaltblütig und skrupellos geworden ist. Erst, als es offensichtlich wird, dass er auch seine eigenen Leute foltert und grundlos tötet, dämmert es ihnen allmählich. (Spoiler Ende!)

Das ist immer das Spannende an fiktionalen Geschichten, erst recht, wenn noch fantastische Elemente mit hineinkommen, die den fiktionalen Charakter noch stärker betonen. Dann können unter dem Deckmantel des „ist doch alles nur ausgedacht“ grundsätzliche menschliche und gesellschaftspolitische Themen zur Debatte gestellt werden. Gute Science-Fiction-Geschichten funktionieren nach dem gleichen Prinzip.

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37. Stück: Moralisch ambivalente Figuren in zeitgenössischen US-Fernsehserien oder entspricht Walter White Dexters Beuteschema?

Themen meiner mündlichen Prüfung, dritte und letzte Folge „Moralisch ambivalente Figuren in zeitgenössischen US-Fernsehserien“. Folge 2, „Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone“ gibt’s hier und Folge 1, „Versuch über das Unheimliche am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns Nachtstücken“ gibt’s hier.

Eins muss man den US-Amerikanern lassen: Sie machen richtig gute Fernsehserien. Ein wichtiger Aspekt, weswegen US-Fernsehserien wie Dexter, Breaking Bad, Nip/Tuck, True Blood, Six Feet Under, The Walking Dead (um nur einige zu nennen) so richtig gut sind, ist die Charakterisierung und Konzeption der Figuren, insbesondere der Hauptfiguren. Generell ein großer Freund von Gesellschaftskritik und dem Aufwerfen heikler moralischer Fragen in literarischen, theatralen und medialen Texten, interessiert mich hierbei vor allem, wie die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt werden. Es scheint, als hätte nach den krisengebeutelten letzten Jahren ein Wechsel im Weltbild stattgefunden. Ein dualistisches Weltbild mit den Guten auf „unserer Seite“ und den Bösen auf „ihrer Seite“ hat offenbar ausgedient und lässt sich nicht länger aufrecht erhalten. Kann man sich denn überhaupt noch sicher sein heute, was richtig und was falsch ist? Heiligt der Zweck immer die Mittel, wie es der Utilitarismus für moralisch richtig hält? Kommt es nur auf die Konsequenzen einer Handlung an? Ist es also gut, einen Menschen zu foltern, wenn am Ende dadurch ein Kind gerettet werden kann, das dieser Mensch entführt hat? Wie bewertet man, ob ein Zweck gut oder schlecht ist, wenn es doch immer mehrere Perspektiven und Standpunkte gibt? Das, was ich für gut befinde, kann einem anderen Menschen schaden und umgekehrt. Kann ich das denn immer hundertprozentig ausschließen? Oder gibt es – wie es Vertreter der Deontologie für moralisch richtig erachten – gewisse universelle moralische Regeln, an die man sich halten muss, um als moralisch guter Mensch zu gelten? Ist es also immer richtig, die Wahrheit zu sagen, auch wenn man einen anderen Menschen damit unnötig verletzt? Ist es immer falsch, einen Menschen zu töten, selbst wenn man sein eigenes Leben verteidigt?

Die Beantwortung dieser Fragen ist gar nicht so einfach. Es scheint, als sei diese Erkenntnis nun auch bei den Fernsehserien-Autoren angelangt. Nehmen wir einmal das Beispiel Dexter. Der freundliche Serienmörder von nebenan, der seinen Tötungsdrang nur an schlechten und bösen Menschen stillt. Ein Deontologist würde sagen, Dexter ist selbst ein schlechter Mensch, weil er tötet, lügt und betrügt. Basta. Schön einfach. Für einen Utilitaristen gestaltet sich das Problem schon etwas kniffliger, weil es hierbei ja darum geht, was für die meisten Menschen besser ist. Gesetzt den Fall, dass Dexter wirklich nur Menschen tötet, die abgrundtief böse sind, unschuldige Menschen ermorden und auch nicht damit aufhören und die die Polizei nicht fangen kann, wäre er also ein guter Mensch, weil er ja die Unschuldigen vor den Bösen schützt. Aber auch diese einfache Antwort wird uns von den Serienautoren vorenthalten. Denn Dexter macht Fehler und Dexter irrt sich. Außerdem legt er manchmal absichtlich falsche Spuren oder unterschlägt Beweise, damit die Polizei den Verbrecher laufen lassen muss und er ihn selbst erledigen kann. Eine solche Aktion in der vierten Staffel hat zur Folge, dass (SPOILER!) seine Frau Rita vom Trinity Killer ermordet wird. Er macht sich also selbst etwas vor, wenn er erklärt, er würde nur böse Menschen umbringen, die die Polizei nicht erwischen konnte. Auch, wie Dexter böse Menschen definiert, erscheint etwas willkürlich. Nun ist es in Deutschland ohnehin als moralisch verwerflich angesehen, Menschen in gute (= verdient zu leben) und schlechte (= verdient es nicht, zu leben) Menschen einzuteilen, weil das aus bekannten historischen Gründen negativ konnotiert ist. Eine Einstellung, die ich im Übrigen teile. Aber nun ist Dexter ja nicht die Realität und in der erzählten Wirklichkeit Dexters scheint es zahlreiche Menschen zu geben, deren einziger Daseinsgrund darin besteht, Unschuldige und Kinder abzuschlachten. Verständlich, dass Dexter da der Meinung ist, dass die gestoppt werden müssen. Aber ist Dexter denn so viel besser als die Leute, die er umbringt? Durch den Kodex, den ihm sein Ziehvater beigebracht hat, kann man sich das vielleicht ein bisschen schönreden und sagen, Na ja, immerhin ist er ein klein wenig nicht ganz so schlimm. Aber was ist, wenn Harry, Dexters Ziehvater, falsch lag und Dexters Serienmördertum war ursprünglich kein angeborenes unausweichliches Schicksal? Dann hat er mit dem Kodex ganz schön was verbockt und ein Monster erschaffen. Diese Möglichkeit wird angedeutet, als Dexter davon erfährt, dass Harry sich umgebracht hat. Jetzt, als Erwachsener, da er sein ganzes bewusstes Leben damit verbracht hat, dass er sich für einen Serienmörder hält, lässt sich das wohl nicht mehr rückgängig machen. Ursprünglich aber denke ich, seine Aggression hätte man auch anders kanalisieren können (als Schlachter, Extremsportler oder Künstler).

Ein ganz anderer Fall moralischer Ambivalenz findet sich in der Serie Breaking Bad. Während in Dexter ein böser Mensch gezeigt wird, der gelegentlich mal gute Entscheidungen trifft (z. B. ein Serienmörder rettet einer Unschuldigen das Leben) gerät der an sich gute Mensch, der harmlose Chemielehrer Walter White aus Breaking Bad, in eine Verkettung unglücklicher Umstände (allen voran eine Lungenkrebsdiagnose im Endstadium) und trifft eine Reihe schlechter Entscheidungen (er kocht Methamphetamin, tötet Menschen, belügt seine Familie, erpresst andere und spinnt Intrigen). Bewertet man Walter nach den Konsequenzen seiner Entscheidungen, ist er moralisch ziemlich tief gefallen. Bewertet man ihn nach seinen Absichten, ist das schon wieder eine andere Sache, da er die meisten seiner schlechten Entscheidungen vorgeblich trifft, um seine Familie nach seinem Tod versorgt zu wissen. Allerdings stellt sich auch hier die Frage nach seinen wahren, vielleicht auch unbewussten Motiven. Denn – und da hat er mit Dexter etwas gemeinsam – auch Walter redet sich seine Missetaten schön und bildet sich ein, es ginge um einen höheren, besseren Zweck. Während Dexter die Unschuldigen mit seinen Handlungen zu schützen glaubt, glaubt Walter, er tue das alles nur für seine Familie. Aber wenn es nur um das Wohl seiner Familie geht, warum akzeptiert er nicht das Angebot seiner alten Studienfreunde und Forscherkollegen, ihn zu unterstützen? Warum muss er anfangen, eine der zurzeit schlimmsten und tödlichsten Drogen zu kochen? Warum hört er nicht auf, als er genug Geld beisammen hat? Walter handelt auch aus verletztem Stolz, aus Egoismus und aus Gier heraus. Er ist ein Feigling, der sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Er erpresst und nötigt Jesse, die Drecksarbeit zu erledigen, sei es das Dealen auf der Straße, das Geldeintreiben oder das Beseitigen unliebsamer Konkurrenz. Seine Morde lassen sich zumindest bis zum Ende der dritten Staffel mit etwas gutem Willen als Notwehr rechtfertigen. Wobei er einige Menschen auch tötet oder sterben lässt, um Jesse zu schützen, für den er trotz allem Ärger mit der Zeit väterliche Gefühle entwickelt. Aber (SPOILER!) warum Gale? Der hat ihm doch nun wirklich nichts getan. Da sehe ich eine Tendenz, dass er immer skrupelloser wird und immer weniger zögert, bevor er einen Menschen umbringt, um seinen eigenen Allerwertesten aus der Schlinge zu ziehen. Das wird sich dann in der vierten Staffel zeigen, die ich hier schon als DVD liegen habe, aber noch keine Zeit gefunden habe, sie zu gucken. Die ist dann übrigens auch die vorletzte Staffel, also ist zu vermuten, dass alles noch viel viel schlimmer wird.

Was ich mich nun frage, angenommen, man würde die erzählten Welten von Breaking Bad und Dexter miteinander verknüpfen und Walter White auf Dexter prallen lassen. Würde Dexter Walter als einen Menschen betrachten, der beseitigt werden muss und seinem Beuteschema entspricht? Immerhin bringt er Menschen um, zum Teil aus Eigennutz und es ist nicht abzusehen, dass er damit aufhört. Von den Leuten, für deren Tod er indirekt durch die Herstellung der Droge und durch den Flugzeugabsturz verantwortlich ist, einmal ganz zu schweigen. Das ist doch für Dexter zumeist ein ausreichendes Kriterium für seine Opfer. Der weitere Kontext interessiert ihn ja nicht. Der Trinity Killer hatte zwar auch Familie und Kinder, wie Walter, aber er war auch zu seiner eigenen Familie ein Tyrann und ein Monster. Walter ist das nicht. Wie auch Dexter – noch eine Gemeinsamkeit – ist ihm daran gelegen, seine Familie und die Menschen, die er als Familie betrachtet (Jesse) zu schützen und zu versorgen. Es ist also auch möglich, dass die Beiden sich prima verstehen würden. Ansonsten gebe ich dieses Gedankenspiel mal an meine werte Leserschaft weiter: Ist Walter White ein Bösewicht im Dexterschen Sinne, der beseitigt werden müsste? Oder sind die beiden sich ähnlicher als es auf den ersten Blick den Anschein hat?

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25. Stück: Woran man merkt, dass eine Fernsehserie den Bach runter geht

Über das unsägliche Ende der einstmals hervorragenden Serie Lost habe ich mich ja bereits ausgelassen. Allerdings ist dies leider kein Einzelfall. Die meisten Serien, die nicht mangels Quoten abgesetzt wurden, bevor es soweit kommen konnte, gehen irgendwann den Bach runter. Ally McBeal hatte eine Staffel zu viel, die Gilmore Girls hatten zwei Staffeln zu viel, Nip/Tuck hatte eineinhalb Staffeln zu viel und bei den Desperate Housewives habe ich nach der fünften Staffel nur noch sporadisch weitergeguckt, weil ich mir dieses Elend nicht länger zu Gemüte führen wollte.

Woran aber merkt man, dass eine Serie ihr Pulver verschossen hat? Das wäre doch gut zu wissen, dann braucht man nur bis zu dem Punkt zu schauen, in der die Serie noch in Ordnung ist und dann kann man sie in guter Erinnerung behalten. Meiner Meinung nach (das kann gern ergänzt oder für Quatsch erklärt werden), fängt es damit an, dass sich bestimmte Handlungsmotive wiederholen. Bei den Desperate Housewives zieht zum Beispiel zu Beginn jeder Staffel ein neuer Nachbar ein, den irgendein total finsteres Geheimnis umtreibt und am Ende jeder Staffel gibt es irgendeine Katastrophe, die die Wisteria Lane fast zerstört, aber nicht ganz, damit nicht für die nächste Staffel alle umziehen müssen. Meistens stirbt auch irgendjemand, der in der laufenden Staffel gerade erst für ein wenig Spannung und Konfliktpotential gesorgt hatte.

Wenn eine Serie ihren Schwanengesang hält, erhöht sich zumeist die Fluktuation von Figuren. Die Figuren, die man schon von Anbeginn ‚kannte‘ gehen plötzlich, ohne dass die Drehbuchautoren sich besondere Mühe gäben, der Figur einen würdigen Ausstieg zu bescheren. Meistens bekommen die Figuren eine tödliche Krankheit verpasst oder – wie bei Ally McBeal, wo sie spontan umdisponieren mussten, als Robert Downey Jr. wegen Drogengeschichten in den Knast wanderte – sie sind dann einfach weg und hinterlassen eine Notiz, sie seien umgezogen. Und danach geben sich die neuen Figuren die Klinke in die Hand, noch bevor sie Zeit hatten, sich in den etablierten Figurenkonstellationen zu positionieren, geschweige denn ihren Charakter zu entwickeln. Auch hier ist Ally McBeal ein gutes Beispiel. Neue Anwälte, die zu Beginn der fünften (misslungenen) Staffel eingestellt wurden, wurden nach der Hälfte der Staffel wieder gefeuert und gründeten dann ihre eigene Kanzlei (was schon in den Staffeln zuvor passiert war, da wären wir wieder bei der Wiederholung von Handlungsmotiven), dann tauchte auch noch eine zehnjährige Tochter von Ally aus dem Nichts auf (Ally hatte ganz vergessen, dass sie ja irgendwann vor zehn Jahren mal eine Eizelle hatte einfrieren lassen) und zieht bei ihr ein und dann scheitert eine Beziehung nach der nächsten, unter anderem mit Jon Bon Jovi (hab seinen Rollennamen vergessen) und dann erkennt Ally am Ende, dass die Mutterschaft ihre wahre Erfüllung ist und sie ja eigentlich keinen Mann braucht.

Womit wir schon beim nächsten Punkt wären, der ein deutliches Indiz für das Den-Bach-runter-gehen einer Serie ist. Wenn die Figuren anfangen, sich ihrem Seriencharakter entsprechend, unlogisch und absurd zu verhalten oder wenn die Figuren zugunsten billiger Gags ‚verraten‘ werden, ist das spätestens der Moment, das Zuschauen einzustellen. Wenn Susan in Desperate Housewives wieder mal ihre Komplexe kriegt und nach Mike greint oder ihrer Tochter die Ohren vollheult und dann wieder einmal – Achtung witzig! – über irgendetwas stolpert und leichtbekleidet irgendwo reinfällt, weiß man, diese Figur hat ausgedient. Wenn Gabrielle plötzlich verrückt wird und eine Obsession für irgendeine komische Puppe entwickelt, steht das im kompletten Widerspruch zu ihrem sonstigen Charakter, auch diese Figur hat offenbar nichts mehr zu bieten und deswegen wird ihr mal eben irgendeine absurde Geisteskrankheit auf’s Auge gedrückt. Natürlich verhalten sich Menschen im ‚richtigen‘ Leben auch mal unlogisch und widersprüchlich und entwickeln auch manchmal Geisteskrankheiten, die man ihnen so nicht zugetraut hätte. Aber wenn die Geisteskrankheit nur dem Effekt dient und nicht in der Handlung oder der Geschichte begründet liegt, wirkt das einfach nur absurd. Überhaupt sollte man aufhören, eine Serie zu verfolgen, wenn die Charakterzüge der Figuren plötzlich ins Groteske überzeichnet werden und nur noch der Effekthascherei dienen. Wenn die Charakterzüge die ganze Zeit grotesk überzeichnet sind, kann man das ja unter Umständen als Stilmittel gelten lassen. Aber wenn die Zeichnung der Charakterzüge ursprünglich ‚realistisch‘ war und plötzlich übertrieben wird, zeigt das, dass den Autoren nichts mehr eingefallen ist und sie versuchen, das mit billigen Tricks zu übertünchen.

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