Monatsarchiv: Juni 2010

12. Stück: Theater und Fußball

Passend zur WM 2010 will ich hier mal die Phänomene Theater und Fußball miteinander vergleichen. Schaut man etwas genauer hin, erkennt man einige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Volksbespaßungsunternehmen. Bei beiden gibt es (Schau)Spieler und Zuschauer, einen Spielleiter (Regisseur bzw. Trainer) und Regeln („A spielt B während C zuschaut“ bzw. „Das Runde muss in das Eckige“).

Das, was ein spannendes Fußballspiel ausmacht, macht auch ein spannendes Theaterstück aus. Das konnte man sehr gut bei dem Spiel Deutschland – Australien sehen, wo Deutschland mit 4:0  gewonnen hat. Sie haben miteinander gespielt, nicht jeder für sich. Niemand hat die Rampensau markiert. Sie waren konzentriert und schienen jederzeit zu wissen, was sie tun. Und das ist es auch, was einen gelungenen Theaterabend ausmacht: Ensemblegeist, Konzentration und bewusstes Handeln.

Das, was Theater und Fußball voneinander unterscheidet ist: Beim Fußball weiß man vorher nie, wie es ausgeht.

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Ein Kommentar

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11. Stück: „Marat, was ist aus deiner Revolution geworden“ am 17.05.2010 im Hamburger Schauspielhaus

Sozialkritik mit dem Holzhammer – gar nicht peinlich

Das Schlimmste hatte man erwartet angesichts einer sozialkritisch gemeinten „Skandal“-Inszenierung von Volker Lösch mit einem „echten Hartz IV“-Chor im Hamburger Schauspielhaus bei der Derniere am 17. Mai 2010.

Volker Lösch hatte bereits vor 4 Jahren mit seinem Gastspiel vom Schauspielhaus Stuttgart „Dogville“ bei den Autorentheatertagen 2006 im Thalia Theater bewiesen, dass er es mit Subtilität und Hintergründigkeit nicht so hat. Dafür umso mehr mit von der Decke fallenden Lebensmitteln und Sprechchören (die bei Dogville noch durch exzessives Auseinanderklötern zum Fremdschämen einluden).

Mehr aus Pflichtgefühl und ein wenig aus Neugierde begab man sich nun also in den „Marat, …“, schließlich hatten schon diverse renommierte Zeitungen, Zeitschriften und Magazine darüber berichtet und zahlreiche – nun ja – Besserverdienende ihre Anwaltsarmada mobilisiert, um am Ende des Stückes nicht namentlich erwähnt zu werden. Das hat auch funktioniert, nur dass das für die reichen Bonzen Wohlhabenden nach hinten losgegangen ist. Erstens war es irrsinnig komisch, wie der Chor die Namen und pervers hohen Jahreseinkommen verlas und zwischendurch immer wieder „Jahreseinkommen 650 Millionen Euro – aufgrund einer einstweiligen Verfügung, darf der Name hier nicht genannt werden“ rief. Zweitens machte es einen als Zuschauer noch mal doppelt so sauer, dass diejenigen welchen mit ihrem Geld nichts Besseres anzufangen wussten, als es in eine Klage zu investieren. Das fördert nicht gerade Sympathie, Verständnis oder Respekt. Wobei einem so etwas mit einem Jahreseinkommen von 650 Millionen Euro vielleicht auch egal ist…

Normalerweise ist das ja immer ganz peinlich, wenn man „Leute von der Straße“ holt und sie unter dem Deckmäntelchen der „Authentizität“ den Zuschauern zum Fraß vorwirft. Erst Recht, wenn die dann auch noch völlig unsubtil dem Publikum Sachen vor den Latz knallen, die ohnehin jeder weiß und deretwegen ohnehin jeder schon total betroffen ist (es sei denn, man verdient 650 Millionen Euro im Jahr).

Aber dieser „Hartz IV“-Chor war anders: Konzentration, Spannung, Ensemblegeist strahlten alle aus, dass man von der Energie umgehend mitgerissen wurde. Man sitzt da und denkt, verdammt, die haben so Recht!

Nur leider hat diese doch gelungene Sozialkritik in der Realität einen bitteren Beigeschmack, und das aus mehreren Gründen.

Die erste Frage, die sich aufdrängt, ist was denn mit den arbeitslosen Chormitgliedern geschieht, nun da die Produktion abgespielt ist? Es wäre natürlich wünschenswert, wenn sie auf sich aufmerksam machen konnten und so vielleicht an Arbeit kommen. Doch ob das wirklich so ist? Man weiß es nicht.

Dann kommt hinzu, dass Volker Lösch wieder seiner Vorliebe für Material- und Lebensmittelschlacht gefrönt hat. Gleichzeitig prangert sein Chor aber die ungerechte Verteilung der Mittel und die Tatsache an, dass man mit Hartz IV teilweise nicht wüsste, wovon man sein Essen bezahlen soll. Da offenbart sich doch ein Widerspruch, der ganz bestimmt nicht beabsichtigt ist. Und da stellt sich einfach die Frage, inwieweit diese ganze Sozialkritik – so richtig und berechtigt sie auch ist – nicht geheuchelt ist.

Und schließlich fragt man sich auch – so zynisch es auch klingt – ob diese berechtigte Sozialkritik denn irgendetwas ändert. Ob die Menschen tatsächlich aus dem Theater kommen und nicht nur denken, dass man was tun und was ändern müsste, sondern auch etwas „dagegen“ tun. Denn wer sitzt in so einem Theatersaal im Publikum? Das ist alles zum größten Teil Bildungsbürgertum, die würden vielleicht gerne was tun, aber was? Und dann alleine, was kann man da schon ausrichten? Nichts. Es sei denn vielleicht, man verdient 650 Millionen Euro im Jahr, aber die braucht man ja, um sie in einstweilige Verfügungen zu investieren, da kann man nicht mal eben was für wohltätige Zwecke spenden, eine Stiftung gründen oder sonstwie „Gutes“ tun. Und für eine neue Revolution, dafür, dass sich alle zusammentun um zu protestieren, zu rebellieren, tatsächlich etwas zu ändern, geht es zu vielen Leuten noch zu gut. Was natürlich einerseits schön ist. Andererseits aber, sind nur diejenigen bereit, alles auf’s Spiel zu setzen, die nichts mehr zu verlieren haben.

Eines aber hat diese Sozialkritik mit dem Holzhammer bewirkt, man denkt noch lange Zeit, nachdem der Vorhang gefallen ist, über diese Inszenierung nach.

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