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50. Stück: Kunst, Theater, Politik und Extremismus

In Frankreich gibt es zurzeit einen beängstigenden Rechtsruck. Der rechtsradikale Extremismus des Front National hat nun auch die Kunst erreicht, genauer gesagt, das Theater, insbesondere das Festival d’Avignon. Der Direktor des Festival d’Avignon Olivier Py ist entsetzt, dass der Front National in der ersten Runde bei den Kommunalwahlen die Mehrheit eingefahren hat und plant, das Festival woanders stattfinden zu lassen oder seinen Hut zu nehmen, sollten die Rechtsradikalen auch die zweite Runde, die morgen am 30. März stattfindet, gewinnen. Für dieses Jahr könne man zwar nicht mehr viel am Programm ändern, doch für nächstes Jahr würde er sich bemühen, das Festival d’Avignon in Spielstätten der Nachbarorte zu verlegen – oder gehen. Nun kann man natürlich fragen, was die politische Einstellung des Bürgermeisters einer Stadt mit ihrer Theaterkultur zu tun hat? Sollten Theater und Kunst nicht um ihrer selbst existieren und sich nicht in die Politik einmischen?

Olivier Py sagt – und da stimme ich ihm voll und ganz zu – Nein! „Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, wie es möglich sein soll, mit einer Bürgerschaft aus dem Front National zusammenzuarbeiten“, stellt er im Interview mit laprovence.com klar. Er begründet: „Die Werte des Front National sind das absolute Gegenteil der Werte des Festival d’Avignon und sogar das Gegenteil der Werte von Avignon selbst, die eine multikulturelle Stadt ist.“ Und im Interview mit Télérama.com betont er, die „Kultur ist keine gutbürgerliche Unterhaltung, sie ist eine politische Waffe“ und erläutert: „Kultur soll offen machen für das Andere, die Unterschiede, das Fremde. Jean Vilar selbst – der das Festival 1947 gründete – mochte den Begriff ‚Festival‘ nicht; er hätte den Begriff ‚Begegnungen‘ bevorzugt.“

Gerade wenn ein Land in gefährliche politische Schieflage gerät und sich Extremismus breit macht, sich in die Seelen und Gehirne der Menschen frisst, dann MUSS Kunst Stellung beziehen, zum Nachdenken anregen, ein Gegengewicht bilden, Aufschreien und auf die Barrikaden gehen. Wenn nicht die Kunst, wer sonst? Aber ist es der richtige Weg, mit Kündigung oder Flucht zu drohen? Ist das nicht feige? Olivier Py führt im Interview mit Télérama.com als Beispiel die Reaktion von Charles De Gaulle und Pétain während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an. De Gaulle ging nach London und organisierte von dort aus die Résistance-Bewegung mit. Pétain blieb und kollaborierte mit den Besatzern und machte schließlich gemeinsame Sache mit ihnen. Sicher kann man einwenden, dass der Front National noch keinen Völkermord begangen oder sich daran beteiligt habe und dass der Vergleich daher hinke. Doch: So fängt es an.

Die Nazis hat man Ende der 1920er Jahre auch noch überwiegend für Spinner gehalten, dann fingen immer mehr Menschen an, mit ihnen zu sympathisieren. Je schlechter es dem Land ging, desto radikaler wurde nach Schuldigen dafür gesucht. Und da kam Hitler, präsentierte ein willkommenes Feindbild und der Rest ist bekannt. Aber nun geht es wieder vielen Ländern schlecht, es wird nach Schuldigen gesucht und da ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte wiederholt. In verschiedenen Ländern Europas haben die Rechtsradikalen wieder Hochkonjunktur, in den Niederlanden, in Griechenland, in Russland natürlich, in Frankreich und in der Schweiz. Nationalismus ist wieder en vogue und mir ist das gelinde gesagt unheimlich.

Was aber können Kunst und Theater bewirken? Plumpe, reißerische und effektheischende Provokation à la Rodrigo García halte ich für schwierig. Entweder, die Leute fühlen sich verarscht, sind beleidigt oder applaudieren begeistert und nicken wohlwollend die Kritik ab, gehen nach Hause und das war’s. Wirklich über Inhalte, Standpunkte und ihr eigenes Verhalten dabei nachdenken tun sie dadurch nicht. Auch politisches Theater à la Brecht – und da gehe ich mit René Pollesch d’accord – ist nur bedingt geeignet, Menschen zum politischen Nachdenken zu mobilisieren. Da wird dann die moralische Keule geschwungen und schulmeisterlich der Zeigefinger erhoben und am Ende weiß man zwar, was der Autor des Stücks für politisch richtig hält, doch eine eigene kritische Meinung bildet man sich dabei nicht wirklich. Dann doch lieber ein schöner Skandal, weil irgendein spätpubertierendes Performance-Enfant-Terrible auf der Bühne Kunstblut über eine Jesusfigur im Nacktkostüm gießen lässt.

Weiter seine Arbeit machen und zu hoffen, man könnte im Kleinen vielleicht gelegentlich ein kleines Bisschen dezenten Widerstand leisten, funktioniert mit Sicherheit nicht. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen in Klaus Manns Mephisto. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass mit einem Theaterstück oder einem anderen Kunstwerk überhaupt Stellung bezogen und etwas ausgesagt wird. Man kann auch verschiedene, konträre Standpunkte gegenüber stellen. Und dann sind Vielfalt und Gegensätzlichkeit wichtig, weshalb die kulturelle Landschaft eines Landes und einer Stadt auf keinen Fall weiter ausgedünnt werden darf. Schließlich denke ich, sollten sich Künstler und Kulturschaffende nicht hinter ihren Kunstwerken verstecken, sondern hervortreten und ihre Meinung sagen, so wie das Olivier Py getan hat. Dabei muss man auch bereit sein, notfalls Konsequenzen zu ziehen, die einem schwer fallen. Als im September 2010 der Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Friedrich Schirmer, zurücktrat, war das zwar erst ein Schock. Er wurde von vielen Seiten für diese Entscheidung angefeindet. Aber wäre er geblieben, hätte das Schauspielhaus nicht auf seine Misere aufmerksam machen können und hätte sich davon vielleicht niemals erholt.

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31. Stück: Ohne Kultur geht die Welt zugrunde

Einstein soll einmal Folgendes gesagt haben: „Zwei Dinge sind unendlich. Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht so sicher.“ In letzter Zeit fühlen sich wieder einmal ein paar Kulturbanausen bemüßigt, die Stimmigkeit dieses Bonmots mit hanebüchenen Forderungen und polemischer Aufbereitung gefährlichen Halbwissens unter Beweis zu stellen. Die staatlichen Subventionen für Kunst und Kultur sollten um 50% gekürzt werden und überhaupt, wozu brauchen wir dieses vielfältige kulturelle Angebot, da können wir doch ruhig einfach mal Museen und Theater schließen, das stört doch keinen, das merkt doch keiner.

Wirklich nicht?

Dass darüber jetzt ernsthaft diskutiert wird und diesen wichtigtuerischen, selbstgerechten Hanswürsten auch noch eine Bühne geboten wird, finde ich extrem ärgerlich. Deswegen nenne ich hier auch keine Namen und Titel, weil ich keine Lust habe, diesen Pappnasen auch noch Publicity zu bescheren. Das fehlte ja gerade noch. Dass die Gefahr besteht, mir meinerseits nun gefährliches Halbwissen zu unterstellen, da ich mich zugegebenermaßen weigere, für dieses grobe Unfugsgeschreibsel auch nur eine Sekunde meiner Lebenszeit zu opfern, ist mir hierbei durchaus bewusst und nehme ich billigend in Kauf. Tatsache ist, dass besagte Schwachköpfe mit ihren Thesen nicht auf taube Ohren stoßen, sondern offensichtlich eine Debatte aufgreifen, die zurzeit in Deutschland in der Luft liegt. Höchste Zeit also, dass meine Wenigkeit sich der Frage nach dem Nutzen von Kultur und staatlichen Subventionen derselben widmet.

Es ist so: Ohne Kultur geht die Welt zugrunde. Nicht mehr und nicht weniger. Eine Welt ohne Museen, Theater, Archive und Kinos ist eine Welt ohne Geschichten und somit eine Welt ohne Geschichte. In einer Welt ohne Geschichte, ohne Vergangenheit, gibt es aber nur die Gegenwart, in der wir gezwungen sind, alles auf immer und ewig zu wiederholen. Ohne Kultur gibt es kein kollektives Gedächtnis, keine Erinnerung mehr, nur noch kollektive Amnesie. Eine Welt, in der das Vergessen regiert, öffnet der Dummheit Tür und Tor. Mit der Dummheit kommt die Intoleranz, in der alles in ‚Gut‘ und ‚Böse‘, ‚Wir‘ und ‚Ihr‘, ‚Schwarz‘ und ‚Weiß‘ unterteilt wird. Vielfalt und Zwischentöne verschwinden und unvereinbare Gegensätze stehen sich feindlich gegenüber. Ein hervorragender Nährboden für die abstrusesten Ideologien. Derart aufgehetzt, neigt die Menschheit zu Hass, Mord und Totschlag und dann ist der nächste Völkermord nur noch eine Frage der Zeit.

Nun haben besagte Dummschwätzer nicht die Abschaffung aller kultureller Einrichtungen und die Streichung aller Subventionen gefordert. Wenn sie das getan hätten, hätten sie vermutlich auch tatsächlich niemanden gefunden, der ihnen beipflichtet oder es zumindest für keine Zeitverschwendung hält, über ihre Thesen zu reflektieren. Was mich beunruhigt, ist, dass selbst die Streichung von 50% der Subventionen für Kultur und die Schließung einiger Museen und Theater, ein Schritt in eine völlig falsche Richtung ist, die über kurz oder lang tatsächlich oben beschriebene fatale Entwicklung befördert.

Es gibt doch jetzt schon überall zuwenig Geld für kulturelle Einrichtungen. Da kann man doch unmöglich etwas streichen, das ist ein ganz falsches Signal, man zeigt damit: „Pfff, mir doch egal, dann verlangt halt mal höhere Eintrittspreise oder so, ihr seid ja auch ein Wirtschaftsunternehmen, also wirtschaftet gefälligst einfach besser.“ Das ist respektlos, borniert, egozentrisch und kurzsichtig. Wenn Eintrittspreise erhöht werden, verkleinert sich die Gruppe derer, die sich die Eintrittskarten leisten können. Schlussendlich geht das nach hinten los, da dann vielleicht pro Karte mehr eingenommen, aber weniger verkauft wird. Und das führt über kurz oder lang zu einer Klassengesellschaft, in der sich nur noch Besserverdienende Kultur und Bildung leisten können, während die ärmere Bevölkerung zur Unbildung verdammt wird. Das darf in einer Demokratie nicht sein. Brecht hatte einmal die utopische Idee, den ‚kleinen Kreis‘ der Theater-Kenner zu einem ‚großen Kreis‘ zu machen, indem er jedem Bürger gleich welcher Herkunft die ‚Kunst der Betrachtung‘ beibringen wollte. Diese ‚Kunst der Betrachtung‘ kann jeder erlernen, indem er einfach so oft wie möglich ins Theater geht und ganz genau hinschaut und das Gesehene kritisch reflektiert. Ein derart gebildetes Theaterpublikum, so der utopisch-romantische Gedanke dahinter, würde schließlich auch außerhalb des Theatersaals aktiv zur Verbesserung gesellschaftlicher Missstände beitragen. Eigentlich schade, dass das nur in der Theorie funktioniert, in der Praxis aber an unverbesserlichen, bornierten Sturköpfen scheitert, die immer nur auf den schnellen Profit und eine möglichst hohe Prestigeträchtigkeit schielen.

Aber wozu braucht es denn überhaupt staatliche Subventionen? Das kann doch auch überwiegend alles privat finanziert werden, wie in Großbritannien. Dass in Großbritannien Leute aus dem Film The Artist laufen, weil es ein schwarzweißer Stummfilm ist, wird bei diesem Argument dann lieber nicht erwähnt. Wir brauchen staatliche Subventionen für unsere Kultur, sonst können wir das vergessen, dass wir jemals wieder kritische, unbequeme Kunst zu sehen bekommen, die dann zwar nicht unbedingt schön ist, aber ein wichtiger Teil der kulturellen Vielfalt und ein unverzichtbarer Anstoß zu gesellschaftlichen Diskussionen und Debatten, wie der jüngste Vorfall um Rodrigo Garcías Stück Gòlgota Picknick zu den Hamburger Lessingtagen zeigt. Angenommen, es würden nur noch Privatleute die Kunst und Kultur in Deutschland bestimmen. Dann hieße es, wer das Geld hat, hat das Sagen. Ich glaube kaum, dass Volker Lösch dann noch einmal eine Inszenierung wie Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? oder Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg auf die Bühne des Schauspielhauses bringen könnte. Zudem schließen staatliche Subventionen ja nicht aus, dass sich zusätzlich Privatleute mit ihrem Privatvermögen für kulturelle Projekte und Institutionen engagieren, das nennt sich dann Sponsoring. Auch das ist wichtig und notwendig, aber allein auf Sponsoring für die Finanzierung von Kunst und Kultur angewiesen zu sein, bedeutete das Verschwinden von Vielfalt und letzten Endes von Kreativität.

Nun ist aber eines nicht ganz verkehrt: Die derzeitige Subventionierungspolitik für Kunst und Kultur ist weit davon entfernt eitel Sonnenschein zu sein. Streichungen, Kürzungen, Schließungen dürfen nicht sein, aber es ist anscheinend für Kunst und Kultur chronisch zuwenig Geld da. Was also tun? Uns dem beugen und damit trösten, wir müssten alle sparen? Nein. Ich finde, so lange genug Geld da ist, um ehemaligen Bundespräsidenten 200.000 Euro pro Jahr, plus Büro, Personal, etc. in den Hintern zu pusten (man verzeihe mir meine empörungsbedingt saloppe Ausdrucksweise) und zig-millionen Steuergelder in ein niemals fertig werdendes Prestigeprojekt in der Hamburger Hafencity zu versenken oder tropische Palmen in Hamburg-Rahlstedt zu pflanzen, die ihren ersten Winter nicht heil überstehen, kann mir keiner erzählen, es wäre kein Geld da. Es IST Geld da, es wird nur nicht fair verteilt. Was wir also wirklich mal ernsthaft diskutieren sollten, wäre die Frage danach, wer warum wieviel Geld bekommt und wer warum nicht. Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass ich Normalsterbliche mir niemals in meinem ganzen Leben eine Eintrittskarte für die Elbphilharmonie werde leisten können, so sie denn überhaupt eines Tages mal fertig ist. Und ich wage zu behaupten, dass die wenigsten dies werden tun können. Warum also Steuergelder von allen für ihren Bau aufwenden? Das ist zum Beispiel wirklich mal etwas, bei dem ich eine rein private Finanzierung befürworten würde. Dann können diejenigen, die sich später den Eintritt leisten können auch gleich das Ding finanzieren und das, was zurzeit an staatlichen Subventionierungen darin verpufft, für andere Projekte genutzt werden, die einer breiteren Bevölkerungsmasse zugänglich sein werden. Dies gilt meiner Ansicht nach für alle diese superteuren Prestige-Angeber-Projekte.

Woran es meiner Meinung nach außerdem krankt, ist der totale Mangel an Risikobereitschaft bei der Nachwuchsförderung. Gefördert wird nur Altbewährtes, weil man damit besser Erfolg und Misserfolg (der natürlich rein monetärer Natur ist) berechnet werden kann. Als Nachwuchstalent in der Kunst- und Kulturbranche hat man so gut wie gar keine Möglichkeiten, einen Fuß in die Tür zu bekommen und seine kreativen Projekte umzusetzen und bekannt zu machen. Mit dem Ergebnis, dass dann im Fernsehen die immergleichen Gesichter in den Filmen und Talkshows zu sehen sind und die immergleichen Themen verhandelt werden. Warum zum Beispiel ist es in Frankreich möglich, einen Film wie The Artist zu drehen, in Deutschland aber nicht? Weil die Franzosen ihre Kultur schätzen, auch wertschätzen und bereit sind, sie zu unterstützen. In Deutschland schaut man gerne mal naserümpfend auf alles herab, was auch nur annähernd unterhaltsam ist, mit der Grundhaltung, was Spaß macht sei keine Kunst. Durch eine gerechtere Subventionierung, mehr Mut zum Risiko und einer gewagteren Nachwuchsförderung aber könnte man diesen alteingesessenen Standesdünkel endlich mal anfangen aufzulösen. Und das ist in Deutschland allmählich bitternötig.

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16. Stück: „Onkel Wanja“ von Jürgen Gosch am 24.10.2010 im Thalia Theater / Hamburger Theaterfestival

Brecht und Tschechow im Schuhkarton

Eine weitere Produktion, die für das Hamburger Theaterfestival zum ersten Mal in die Hansestadt geholt wurde, ist Jürgen Goschs Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“. Die Bühne besteht aus einem Guckkasten, der karg und leer ist und innen notdürftig mit hellbrauner Farbe überpinselt wurde. Sie sieht aus wie ein Schuhkarton. Klar begrenzt, eng und erdrückend.

Der Schuhkarton symbolisiert die Tschechowsche Welt schwüler Langeweile, die nur mit Galgenhumor zu ertragen ist. Angenehm unaufgeregt lässt Gosch seine Schauspieler die Geschichte von „Onkel Wanja“ erzählen: Ein Professor besucht mit seiner jungen Frau seine Tochter und ihren Onkel und tyrannisiert während seines Aufenthalts seine ganze Umgebung. Eine lähmende Lethargie breitet sich über den Hof aus und jede Figur ergibt sich ihrer Trägheit oder lässt sich vom Professor vereinnahmen. Es geht um Glück und Unglück, Liebe und unglückliche Liebe, Melancholie und Wehmut. Dem distanzierten, trockenen, nüchternen Spiel der Schauspieler sei Dank rutscht diese Erzählung jedoch nie ins Kitschig-Klebrige ab, sondern bewahrt im Gegenteil den hintergründigen, feinen Humor der typisch für Tschechow ist.

Setzt man Tschechow-Stücke oft mit Stanislawski und seinem naturalistischen Schauspielstil in Verbindung, hat Gosch sich hier für das komplette Gegenteil entschieden. Unverkennbar hat sich der im letzten Jahr verstorbene Regisseur an Brechts Theaterdramaturgie orientiert. Die Spieler zeigen ihre Figuren, anstatt sie zu sein. Auch ist während des gesamten Abends immer das komplette Ensemble auf der Bühne, die Auf- und Abtritte sind offen gelegt, nichts wird versteckt. Auch die leere, nüchterne, abstrakte Bühne bietet keinerlei naturalistische Illusionen. Es besteht keine Gefahr der Einfühlung und der Einbildung, man befände sich woanders, als im Theater. Das mutet heutzutage schon beinahe nostalgisch an, passt aber wunderbar zum Stück. Besser vielleicht sogar, als echte Grillen und originales Hundegebell (das, so informiert das Programmheft, tatsächlich Bestandteil der Stanislawski-Inszenierung von „Onkel Wanja“ war, und Tschechow nicht unbedingt fasziniert hat. Er fand es wohl ziemlich grotesk). Zum Einen passt das Motiv der Nostalgie gut zum Stück, in dem es um verpasste Chancen und unerfüllte Sehnsüchte geht und deren Figuren die Vergangenheit gleichzeitig vermissen und bereuen. Zum Anderen bildet die nüchterne, sachliche Darstellungsart auch ein Gegengewicht zur vorherrschenden Melancholie in der Atmosphäre des Stücks. Durch diese Gegensätzlichkeit tritt diese Atmosphäre noch stärker hervor.

Zuweilen ist die Inszenierung aber leider fast schon zu distanziert. Beinahe steril. Es fehlt ein bisschen an Magie, an „Feenstaub“, der aus einem perfekten Theaterabend einen unvergesslichen Theaterabend macht. Das ist aber auch das Einzige, das es auszusetzen gibt. Goschs „Onkel Wanja“ ist tolles Schauspieler-Theater, fantastische Ensemble-Arbeit und der Beweis dafür, dass sich auch mit den Mitteln des Regietheaters Geschichten erzählen lassen, die dem Geist eines Stückes gerecht werden. Solche Inszenierungen sollten eigentlich allen Meckerern, die immer nach Werktreue krakeelen, sobald ein Stück ein bisschen anti-illusorisch angehaucht ist, den Wind aus den Segeln nehmen.

(Isabelle Dupuis)

P.S.: 08.12.2010 – Mittlerweile muss ich meine Meinung, in Goschs „Onkel Wanja“ fehle es an „Feenstaub“, relativieren. Der ‚Zauber‘ dieser Inszenierung entfaltet sich erst im Nachhinein, wenn man die Aufführung in Gedanken Revue passieren lässt.

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2. Stück: Verfremdungseffekte

Ich liebe Verfremdungseffekte. Laut Brecht treten Verfremdungseffekte dann auf, wenn man das Gewohnte auf ungewohnte Art und Weise darstellt, das Bekannte also verfremdet. Das Ziel, das Brecht damit verfolgt ist, dass das Publikum im Zuschauerraum sich erstens nicht von dem Einfühlungszirkus des Illusionstheaters (das zu Brechts Zeiten noch weitgehend vorherrschte, heutzutage ist dem nicht mehr so, da heißt das Illusionstheater Hollywood-Kino) hypnotisieren lässt und dadurch zweitens seine Gewohnheiten und Normkonzeptionen als solche erkennt und kritisch hinterfragt (und das ist immer noch aktuell!).

Puh. Ein langer Satz.

Der Hauptpunkt, den ich an den Verfremdungseffekten besonders interessant finde, ist: Das, was man für normal und selbstverständlich hält, wird infrage gestellt. Durch diese Irritation wird man sich überhaupt erst dessen bewusst, dass das, was man für selbstverständlich und normal hält, vielleicht gar nicht so selbstverständlich ist.

Allerdings hat man sich heute auf der Bühne an die meisten der Brechtschen Verfremdungseffekte schon gewöhnt. Ob es sich darum handelt, den Widerspruch zwischen dem Schauspieler und der Figur sichtbar zu machen oder ob man auf ein illusionistisches Bühnenbild und illusionistische Kostüme verzichtet – das ist das, was heute auf der Bühne normal ist. Das ist deswegen nicht schlecht. Aber wirkt es heute noch verfremdend?

Oder muss man zu dem Schluss kommen, das vielleicht der umgekehrte Fall, also hyperillusionistisches Theater verfremdend wirken könnte? Dem ist meiner Meinung nach nicht so. Das wirkt einfach nur peinlich und lächerlich.

Im Prinzip sind also die „klassischen“ Verfremdungseffekte immer noch besser, als das Illusions-Gedöns.

Nichtsdestotrotz reichen die „klassischen“ Verfremdungseffekte allein heute nicht mehr aus. Das heißt, wenn man einfach nur ein tolles, antiillusionistisches Bühnenbild hat und Schauspieler, die ab und zu aus der Rolle treten und alle im Anzug herumlaufen, ansonsten aber nichts verhandelt wird, dann genügt das nicht.

Ich denke, heute gibt es niemanden mehr – und das war zu Brechts Zeiten sicher nicht anders – der im Theater vergisst, dass er im Theater sitzt. Heute gehen die Zuschauer nicht mehr ins Theater, um zu vergessen, dass sie im Theater sitzen (dafür gibt es jetzt das Hollywood-Kino). Was kann man also dem Zuschauer heute bieten, damit er das Gewohnte reflektiert und das vermeintlich Selbstverständliche kritisch hinterfragt?

Die Mischung macht’s. Man sollte sicher nicht dem Zuschauer alles vorkauen, aber man darf auch nicht alles offen lassen. Es müssen klare Themen, Fragestellungen, Diskurse und so weiter erkennbar sein. Das müssen nicht immer lineare Geschichten sein. Aber es muss „um etwas gehen“. Es ist dabei nicht so wichtig, dass der Zuschauer erkennt worum es geht, aber der Zuschauer muss erkennen, dass es um ETWAS geht. Sonst bringen auch die „klassischen“ Verfremdungseffekte nichts mehr. Dann verlässt man das Theater und ist einfach nur angepisst*.

Und das ist nicht der Sinn der Sache. Vorausgesetzt, man ist kein selbstverliebter, eitler Egomane, dann will man doch als Theatermacher, dass das Publikum etwas über den Theaterabend mit nach Hause nimmt. Dass der Zuschauer verändert aus dem Theater geht, als er hineingegangen ist. Dass der Zuschauer wieder ein bisschen mehr gelernt hat, dass er etwas hat, worüber er nachdenken, grübeln, mit den anderen Zuschauern diskutieren kann. Natürlich kann der Zuschauer auch nachdenken, grübeln und diskutieren, wenn er komplett verärgert aus dem Theater kommt. Aber er tut es nicht.

*Falls Sie jetzt bei dem Begriff „angepisst“ unwillkürlich zusammengezuckt sind, dann war das ein Verfremdungseffekt.

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