Monatsarchiv: Februar 2010

3. Stück: Pathos und Kitsch

Für gewöhnlich finde ich Pathos und pathetische Darstellungen furchtbar, vor allen Dingen, wenn es sich dabei um Heldenfilme hollywoodscher Prägung und dergleichen handelt.

Ja, das Hollywood-Kino schon wieder. Das ist für mich einfach das Ideal-Beispiel miserabler Schauspielkunst. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen und auch überaus unterhaltsame Blockbuster. Aber was ich hier meine ist das typische, auf Überwältigung zielende pathetisch-kitschige Popcorn-Kino, das kein anderes Ziel hat, als die Menschen daran zu hindern, ihr Hirn mal zu gebrauchen.

Da zieht sich der Pathos und der Kitsch dann wie ein Leitfaden durch das gesamte Machwerk:

Sei es die Geschichte (Held rettet Welt), die Figurenkonstellation (Held/Muskelprotz-Schnösel + junge, schöne, überaus verständnisvolle Frau + lustiger Sidekick), die Besetzung (Bruce Willis, Will Smith, oder irgendein Serienarzt (für die Romantiker unter den Zuschauerinnen) für den Held. Irgendeine junge, hübsche Frau mit nicht allzuviel Persönlichkeit, die gerade in ist für die weibliche Rolle. Meistens ein Stand-Up-Comedian für den lustigen Sidekick, wo man wohl aus den USA kommen muss, um den witzig zu finden.), die Musik (laut, triefend, penetrant, unausweichlich allgegenwärtig), die Bilder (viel Gold und Glitzer) und – was beinahe am schlimmsten ist – die Art zu spielen. Da wird dann geatmet, geschnauft, gebrüllt, geseufzt, geschluchzt. Bei jeder Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, wirft man sich voll brodelnder Leidenschaft auf die Knie, alle naslang posaunt irgendwer Phrasen der Marke „Es wird alles wieder gut!“ oder „Du musst nur an dich glauben, dann schaffst du alles“ durch die Gegend und zu allem Überfluss spielt auch noch ein brechreizerregend niedlicher Hund mit.

Das ist Kitsch und Pathos, wie es schlimmer nicht geht.

Meiner Meinung nach kommt dieser unerträgliche Pathos-Kitsch dann zustande, wenn man erstens lieblos, zweitens unpräzise und drittens völlig bar jeglicher Fantasie rein profitorientiert arbeitet. Dann kommt da so ein Murks bei rum.

Um das kurz zu erläutern: Dadurch, dass man lieb- und fantasielos und rein profitorientiert vorgeht, bastelt man einfach aus Versatzstücken anderer Kitsch-Pathos-Streifen was zusammen, wodurch der ganze Krempel einfach nur eine Ansammlung von Klischees wird. Der geneigte Zuschauer hat nun leider aber nichts anderes als diese Klischees, auf die er achten kann, da ja sonst nichts passiert. Dadurch fällt es dann natürlich überhaupt erst auf, wie dumm das Ganze eigentlich ist. Und mit „unpräzise“ meine ich, dass man einfach völlig undurchdacht und unreflektiert irgendwas zusammenschustert, hauptsache es wird schnell fertig und bringt Kohle ein und dadurch wirkt der Pathos und der Kitsch nicht wie ein bewusstes, absichtliches Stilmittel, sondern wie ein Versehen.

Und damit bin ich auch schon bei dem nächsten Punkt: Pathos und Kitsch müssen nicht unbedingt immer schlecht sein. Wenn man sie absichtlich und bewusst als Stilmittel einsetzt, dann kann man wunderbare, ironische Effekte damit erzielen. Wichtig dabei ist auch die Dosierung. Wenn das ganze Stück oder der ganze Film durchgängig mit Pathos und Kitsch ausgestattet ist, dann bringt es auch nichts, hinterher zu sagen „aber das gehörte so“. Um den Pathos und den Kitsch als absichtliches Stilmittel zu erkennen, muss man dem Zuschauer auch etwas zum Vergleichen bieten. Der Kitsch und der Pathos müssen sich von dem Rest absetzen, damit eine ironische Brechung entsteht.

Und wenn man auf diese Weise den Pathos und den Kitsch als ironisches, bewusstes Stilmittel gebraucht, dann kann es auch wie ein Verfremdungseffekt wirken.

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2. Stück: Verfremdungseffekte

Ich liebe Verfremdungseffekte. Laut Brecht treten Verfremdungseffekte dann auf, wenn man das Gewohnte auf ungewohnte Art und Weise darstellt, das Bekannte also verfremdet. Das Ziel, das Brecht damit verfolgt ist, dass das Publikum im Zuschauerraum sich erstens nicht von dem Einfühlungszirkus des Illusionstheaters (das zu Brechts Zeiten noch weitgehend vorherrschte, heutzutage ist dem nicht mehr so, da heißt das Illusionstheater Hollywood-Kino) hypnotisieren lässt und dadurch zweitens seine Gewohnheiten und Normkonzeptionen als solche erkennt und kritisch hinterfragt (und das ist immer noch aktuell!).

Puh. Ein langer Satz.

Der Hauptpunkt, den ich an den Verfremdungseffekten besonders interessant finde, ist: Das, was man für normal und selbstverständlich hält, wird infrage gestellt. Durch diese Irritation wird man sich überhaupt erst dessen bewusst, dass das, was man für selbstverständlich und normal hält, vielleicht gar nicht so selbstverständlich ist.

Allerdings hat man sich heute auf der Bühne an die meisten der Brechtschen Verfremdungseffekte schon gewöhnt. Ob es sich darum handelt, den Widerspruch zwischen dem Schauspieler und der Figur sichtbar zu machen oder ob man auf ein illusionistisches Bühnenbild und illusionistische Kostüme verzichtet – das ist das, was heute auf der Bühne normal ist. Das ist deswegen nicht schlecht. Aber wirkt es heute noch verfremdend?

Oder muss man zu dem Schluss kommen, das vielleicht der umgekehrte Fall, also hyperillusionistisches Theater verfremdend wirken könnte? Dem ist meiner Meinung nach nicht so. Das wirkt einfach nur peinlich und lächerlich.

Im Prinzip sind also die „klassischen“ Verfremdungseffekte immer noch besser, als das Illusions-Gedöns.

Nichtsdestotrotz reichen die „klassischen“ Verfremdungseffekte allein heute nicht mehr aus. Das heißt, wenn man einfach nur ein tolles, antiillusionistisches Bühnenbild hat und Schauspieler, die ab und zu aus der Rolle treten und alle im Anzug herumlaufen, ansonsten aber nichts verhandelt wird, dann genügt das nicht.

Ich denke, heute gibt es niemanden mehr – und das war zu Brechts Zeiten sicher nicht anders – der im Theater vergisst, dass er im Theater sitzt. Heute gehen die Zuschauer nicht mehr ins Theater, um zu vergessen, dass sie im Theater sitzen (dafür gibt es jetzt das Hollywood-Kino). Was kann man also dem Zuschauer heute bieten, damit er das Gewohnte reflektiert und das vermeintlich Selbstverständliche kritisch hinterfragt?

Die Mischung macht’s. Man sollte sicher nicht dem Zuschauer alles vorkauen, aber man darf auch nicht alles offen lassen. Es müssen klare Themen, Fragestellungen, Diskurse und so weiter erkennbar sein. Das müssen nicht immer lineare Geschichten sein. Aber es muss „um etwas gehen“. Es ist dabei nicht so wichtig, dass der Zuschauer erkennt worum es geht, aber der Zuschauer muss erkennen, dass es um ETWAS geht. Sonst bringen auch die „klassischen“ Verfremdungseffekte nichts mehr. Dann verlässt man das Theater und ist einfach nur angepisst*.

Und das ist nicht der Sinn der Sache. Vorausgesetzt, man ist kein selbstverliebter, eitler Egomane, dann will man doch als Theatermacher, dass das Publikum etwas über den Theaterabend mit nach Hause nimmt. Dass der Zuschauer verändert aus dem Theater geht, als er hineingegangen ist. Dass der Zuschauer wieder ein bisschen mehr gelernt hat, dass er etwas hat, worüber er nachdenken, grübeln, mit den anderen Zuschauern diskutieren kann. Natürlich kann der Zuschauer auch nachdenken, grübeln und diskutieren, wenn er komplett verärgert aus dem Theater kommt. Aber er tut es nicht.

*Falls Sie jetzt bei dem Begriff „angepisst“ unwillkürlich zusammengezuckt sind, dann war das ein Verfremdungseffekt.

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1. Stück: Die Grundidee

Wie der Titel des Blogs „Hamburgische Dramaturgie 2.0“ bereits erahnen lässt, habe ich mich ideenmäßig dieses Mal bei Lessing bedient. Gotthold Ephraim Lessing war um 1767 – als die ursprüngliche Hamburgische Dramaturgie entstand – Dramaturg des Deutschen Nationaltheaters in Hamburg und verfasste eine Reihe von Theaterkritiken, Bemerkungen und Überlegungen zum zeitgenössischen Theaterbetrieb.

Und genau das habe ich vom Prinzip her auch vor: Hier werde ich im Laufe der Zeit meine Bemerkungen, Überlegungen zum Thema Theater, Schauspiel, Publikum und meine Theaterkritiken veröffentlichen. Hierbei werde ich auch immer mal wieder den Vergleich zum Film oder auch Fernsehen ziehen. Das bietet sich deswegen an, weil es zu Lessings Zeiten Film und Fernsehen noch nicht gab und es heutzutage aber nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken ist. Außerdem bietet es auch interessante Aspekte bezüglich von Stilmitteln, Schauspielkunst und der unterschiedlichen Art und Weise der Aufnahme durch den Zuschauer.

Dabei verstehe ich den Blog als „work in progress“, das heißt, mit der Zeit werden sich bestimmte Leitmotive, Themen und Aspekte herauskristallisieren, die dann in dem anfänglichen Chaos allmählich einen roten Faden ergeben.

Stilistisch werde ich meine Beiträge umgangssprachlich halten. Bevor sich jemand wundert, das ist Absicht. Das gehört so. Das hängt zusammen mit Brechts Idee den „kleinen Kreis der Kenner“ zu einem „großen Kreis der Kenner“ des Theaters zu machen. Das geht meiner Ansicht nach nicht, wenn man das, was man sagen will, zu stark theoretisiert, abstrahiert und von der Praxis loslöst.

Allerdings geht es – gerade bei den Kritiken – nicht ganz ohne Fachbegriffe und intertextuelle Bezüge, Zitate und Anspielungen. Sollte etwas unklar sein, schreibt einfach einen Kommentar. Selbiges gilt für kritische Anmerkungen und Anregungen. Wie auch in meinem anderen Blog isa09 sind andere Meinungen nicht nur gewünscht, sondern Teil des Plans.

Auf geht’s!

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