Monatsarchiv: September 2015

68. Stück: Horrorfilme – Ein Genre für die geistig Schwachen?

Betrachtet man Horrorfilme mit der Brille der Vernunft und Logik, kann man schon mal daran zweifeln, ob Horrorfilme die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Zuschauer wirklich ernst nehmen. Da wird dem Angreifer der Rücken zugedreht und ein kleines Päuschen gemacht, vom Gebrauch jeglicher Waffen abgesehen, prinzipiell darauf verzichtet das Licht anzuschalten, sich aufgeteilt anstatt mit vereinten Kräften den Eindringling zur Strecke zu bringen, oder sich in einem engen Raum ohne Fluchtweg versteckt.

Doch was wäre nun, wenn die Filmemacher ihr Publikum gar nicht für dumm verkaufen wollen, sondern einfach WISSEN, dass der gemeine Horrorfan nicht die hellste Kerze auf dem Leuchter ist? Oder anders gefragt: Ist das Horrorgenre eher auf eine kognitiv einfach gestrickte Zielgruppe ausgelegt? Und können intelligente Filmfans (oder diejenigen die sich dafür halten) Mainstream-Horrorstreifen überhaupt genießen?

Ich selbst bin ein großer Horrorfan, daher habe ich mir Verstärkung geholt, um diese Frage zu beantworten: Meine Kollegen Marco von Ma-Go Filmtipps und David vom Blog Haltstop. Schaut doch bei Gelegenheit mal auf ihren Blogs vorbei. Gemeinsam wollen wir im Gespräch der Sache auf den Grund gehen. Zur besseren Lesbarkeit werden unsere Beiträge in verschiedenen Farben dargestellt, damit jede Aussage der jeweiligen Person zugeordnet werden kann: Marcos Antworten sind schwarz, Davids Antworten sind rot und meine Antworten sind blau.

Hallo ihr beiden,
schön, dass ihr euch Zeit nehmt, euren Senf zu diesem Beitrag abzugeben. Sagt mal, mögt ihr eigentlich Horrorfilme?

Ich liebe gut gemachte Horrorfilme. Mit „gut gemacht“ meine ich, dass man mit den Figuren mitfiebert, die Jump-Scares zwar erahnt, aber dennoch nicht kommen sieht, und die Grundatmosphäre düster und gruselig ist. Außerdem lassen sich in gut gemachten Horrorfilmen auch psychologische Untiefen erkennen, die menschliche Urängste ansprechen. Dadurch entsteht eine Art Angstlust: Man sieht etwas, das eine Urangst berührt (zum Beispiel die vor dem Tod), gleichzeitig fühlt man sich aber in Sicherheit und kann die Angst so bewältigen. Und das macht Spaß. Schlechte Horrorfilme hingegen langweilen mit flachen Figurencharakterisierungen. Es gelingt nicht, eine Gruselatmosphäre zu etablieren und die Jump-Scares riecht man meilenweit gegen den Wind. Diese taugen höchstens (wenn sie so schlecht sind, dass sie schon wieder lustig sind) für einen unterhaltsamen Trash-Filmabend unter Freunden. Aber ich denke, jeder Film kann einen tieferen Blick lohnen. Schlechte Filme lassen sich wunderbar analysieren, um zu schauen, was gute Filme anders machen und warum es dort gelingt, den Zuschauer zu fesseln und bei anderen Filmen nicht.

Was mir in letzter Zeit den Horrorspaß des Öfteren vermiest hat, waren einige Leute im Publikum, die sich offenbar zu fünft eine Gehirnzelle teilen. Und der, der sie zuletzt hatte, hat sie aus Versehen ausgeniest und nun ist sie futsch. Die machen einem die ganze Gruselatmosphäre kaputt, wenn sie dazwischen quaken, dass sie gar keine Angst haben und sich nicht gruseln. Furchtbar. Ist euch das auch aufgefallen?

Ich muss ehrlich sagen: Ich bin generell kein großer Fan von Horrorfilmen. Ich erkenne für mich nie so richtig den Sinn oder den Spaß darin, sich zu gruseln und einer ,,extremen“ Emotion wie Angst auszusetzen.
Natürlich habe ich dennoch schon einige Horrorfilme gesehen – und zwar sowohl solche, die mir trotz meiner abgeneigten Haltung einigermaßen gefallen haben, aber auch solche, die ich anstrengend und nervig fand.
Welche Horrorfilme ich als gut und welche ich als schlecht einordnen würde, da kann ich mich nur an Isabelles Beschreibungen halten: Ist ein Horrorfilm eine Aneinanderreihung von Jump-Scares und mehr nicht, dann schalte ich nach wenigen Minuten aus. Steht aber die Spannung, die durch die Figuren oder die Handlung getragen wird, im Vordergrund, so kann ich nachvollziehen, wieso einem der Film gefällt.

Die „anstrengenden“ Besucher im Kino habe ich schon mehrfach wahrgenommen (bzw. aus meinem Freundeskreis berichtet bekommen). Ich denke, das hat damit zu tun, dass viele einen Horrorstreifen als eine ,,Mutprobe“ ansehen. Nur denke ich, dass es heute (zumindest im Mainstream-Kino) viel zu viele „Mutprobenfilme“ gibt, die – statt eine spannende Handlung zu erzählen – den Weltrekord für Jump-Scares brechen wollen.

Schön, dass ihr direkt zu Beginn das Publikum ansprecht, denn auch mir sind bei meinen letzten Horrorfilmsichtungen nervige Gestalten aufgefallen, bei denen man meinen könnte, sie seien zum ersten Mal im Kino oder überhaupt unter Menschen. Natürlich findet man Idioten genreübergreifend in allen Kinosälen rund um den Globus. Bei Horrorfilmen stelle ich jedoch ganz subjektiv eine deutliche Häufung fest. Es wird dazwischen gequasselt, mit dem Handy die nähere Umgebung abgeleuchtet oder lautstark über den laufenden Film abgeledert. Neulich meinte ein Schlauberger wohl, die nervenaufreibende Stille in einer Szene würde viel zu lange dauern. Kurzentschlossen durchbrach er die Spannung mit einem lauten „BUH!!!“, um die Begleitung neben sich so richtig zu erschrecken und sich dann lautstark über ihre Reaktion zu amüsieren. Die gruselige Atmosphäre war für die restlichen Besucher natürlich im Eimer.

Ob es sich bei diesem Verhalten um eine Strategie handelt, die eigene Furcht mit „Humor“ zu überspielen, oder um einen Mangel an Intelligenz respektive sozialer Kompetenz, lasse ich mal dahin gestellt. Habt ihr Ähnliches auch schon erlebt?

Ja, ich hatte neulich in Insidious: Chapter 3 auch so einen „Buh!“-Rufer. Ich glaube, das ist eine Art spätpubertärer Sinn für Humor kombiniert mit plumpem Balzverhalten. Der fand das ungemein witzig, seine Sitznachbarin zu erschrecken und wollte damit auf sich aufmerksam machen. Wie ein paarungsbereiter Ziegenbock auf Brautschau, die benehmen sich auch nicht gerade feinsinnig. Da könnte man noch sagen, die Hormone seien Schuld und vielleicht ist der normalerweise schlau, wenn er nicht gerade darauf aus ist, ein Weibchen zu begatten.

Aber manche Leute haben außer Stroh wirklich nicht viel im Kopf. Zum Beispiel Leute, die jeden Text laut (und schlecht) vorlesen müssen, der auf der Leinwand erscheint. In Wolf Creek 2 saßen ein paar Spezialisten hinter uns. Ein Straßenschild kam ins Bild, auf dem „Wolf Creek“ stand und selbst das mussten sie erst einmal vorlesen. Wenn ein Film ab 18 freigegeben ist, sollte man meinen, dass die Zuschauer die Grundschule abgeschlossen haben. Ich glaube, da fehlt es sowohl an Intelligenz als auch an sozialer Kompetenz. Ansonsten könnte man ja dumme Gedanken für sich behalten.

Dabei muss man allerdings bedenken, dass Deutsche generell sehr zivilisierte Kinogänger sind und wir es einfach nicht gewohnt sind, andere Gäste wirklich wahrzunehmen. In anderen Ländern – und ich kenne das selbst aus den USA – werden die Helden lauthals angefeuert, Ausrufe des Schreckens sind an der Tagesordnung und so weiter. Aber ich bin ehrlich: Mich würde das auch stören.

Apropos zivilisierte Kinogänger: Gab es da nicht letztes Jahr irgendwo einen Vorfall, bei dem Horrorfans ihre volle geistige Reife und kognitiven Kapazitäten zur Schau stellten?

Oh ja! Das war in Frankreich: in Marseille, Straßburg und Montpellier. Tausende Jugendliche haben sich anlässlich von Kinovorführungen des Horrorfilms „Annabelle“ (dem Prequel zu „Conjuring“) zusammengerottet und die Kinosäle auseinandergenommen (Filmstarts.de hat beispielsweise darüber berichtet.). Warum, weiß keiner. Ich denke, da fehlt es an Anstand und gesundem Menschenverstand. Ob man das als Dummheit bezeichnen will oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Aber es ist sinnlos, achtlos und arschig. Man kann sich auch Hobbys suchen, die nicht das Eigentum anderer Leute beschädigen und anderen Menschen den Spaß am Filmegucken ruinieren. Man könnte ein Buch lesen oder mit Sport anfangen, wenn man nicht weiß, wohin mit seiner Energie.

Ein Zeitzeuge berichtet vom „Annabelle“-Vorfall auf kino.de

Wenn man sich diese Vorkommnisse und unsere eigenen Erfahrungen vor Augen hält, könnte man schon den Eindruck bekommen, dass ein Teil des Horrorfilmpublikums nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Neulich habe ich jedoch in der Psychologie heute einen interessanten Artikel mit dem Titel Du guckst und liest, was du bist gelesen, der diese These scheinbar widerlegt. Es geht um eine Studie der University of Cambridge über den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und filmischen Vorlieben. Filme und Bücher wurden in fünf „Mega-Genres“ eingeteilt. Eines davon war die Kategorie „Düster-Dämmriges“, die man auch „Horror/Mystery“ nennen könnte. Die Teilnehmer der Studie mussten Persönlichkeits- und Intelligenztests durchführen, einige grundlegende Angaben zu ihrer Biographie machen und letztlich verraten, welche Genres in Film und Literatur sie wie gerne sehen. Daraus ergab sich für Fans des Horrorgenres folgendes Profil:

„Das Dunkle in Film […] suchen […] Gemüter von oft wenig ausgeprägter Verträglichkeit und Liebenswürdigkeit, denen aber doch nicht selten eine intellektuelle Note eigen ist. Sie fahren nicht besonders auf Pflichten ab, ebenso wenig auf Umsicht, Rücksichtnahme, Moral, Einfühlung in andere. Sie sind überdurchschnittlich kreativ, einfallsreich, widerspruchsfreudig, extravertiert und selbstdarstellerisch.“

Das klingt zwar alles andere als sympathisch, spricht den Horrorfans jedoch keineswegs intellektuelle Fähigkeiten ab. Allerdings würde diese Beschreibung erklären, warum in Horrorfilmen gefühlt deutlich häufiger nervige Dumpfbacken sitzen. Was sagt ihr zu diesen Befunden? Und denkt ihr auch, dass sich auf Grundlage unseres Filmgeschmacks Aussagen über unsere Persönlichkeiten treffen lassen?

Prinzipiell denke ich schon, dass unsere Geschmäcker etwas über unsere Persönlichkeit verraten. Doch trotz meiner Vorliebe für dunkle und düstere Filme sehe ich mich als pflegeleichtes Persönchen, das im wahren Leben geradezu unerschütterlich fröhlich ist und es hasst, im Mittelpunkt zu stehen. So viel zum Thema extravertierte Selbstdarsteller.

Allerdings reizt mich am Horrorgenre nicht das Jonglieren mit Eingeweiden, Abhacken diverser Gliedmaßen oder Blutgespritze, sondern die psychologischen Untiefen, die sich dahinter verbergen. Über ironisch überspitzte Splatter à la „Machete Kills“ kann ich mich trotzdem prächtig amüsieren. Da möchte ich jetzt aber nicht so genau wissen, was das über meine psychologischen Untiefen aussagen mag.

Es erscheint logisch, dass Filme, die von den dunklen Seiten unserer Welt und vom Jenseits handeln, Menschen ansprechen, die es mit dem Einfühlungsvermögen nicht so haben. Doch ich bezweifle, dass sich das verallgemeinern lässt. Gerade, wenn man recht empathisch ist, interessiert man sich für die psychologischen Aspekte hinter den Schreckmomenten: Man möchte wissen, was sich hinter den Fassaden befindet. Horns ist hierfür ein spannendes Beispiel.

David sprach vorhin von Horrorfilmen als „Mutprobe“, du von „psychologischen Untiefen“. Das klingt nach deutlichen Unterschieden, wie man Filme dieses Genres sehen kann oder mit welcher Erwartungshaltung man ins Kino geht. Passend dazu möchte ich auf das Video The Problem with Horror Movies Today des Kollegen Chris Stuckmann aufmerksam machen: Darin fragt er, ob Horrorfans vergessen haben, was echter Horror ist.

Hauptsächlich bezieht sich Chris auf die beiden Horrorfilme The Babadook und Oculus (die ich beide noch nicht gesehen habe). Seiner Meinung nach wurden die Filme in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ausreichend gewürdigt. Er bemängelt, dass Zuschauer Horrorfilme häufig qualitativ an der Anzahl der Jump-Scares, des Designs der auftauchenden Monster und des Ekelgrads der blutigen Szenen beurteilen und Elemente wie die Filmatmosphäre, menschliche Urängste oder psychologische Untiefen oft vergessen oder ignorieren. Eure Meinung dazu bitte:

Das Video ist spannend und aufschlussreich. Oculus habe ich noch nicht gesehen, aber The Babadook war für mich einer der besten Horrorfilme des Jahres (wobei der Film bei uns in Deutschland erst 2015 gezeigt wurde). Ich habe mich keine einzige Sekunde gelangweilt. Im Gegenteil, ich rutschte immer tiefer in meinen Kinosessel und verspürte die ganze Zeit Unbehagen und Grusel. Die wenigen Jump-Scares waren dramaturgisch raffiniert und schlüssig eingeflochten. Sie dienten nicht der reinen Effekthascherei, sondern waren Teil der Geschichte. Chris Stuckmann findet in seinem Video gut gemachte Jump-Scares, die in die Handlung eingebunden sind, wunderbar. Aber diese völlig übertriebene Aneinanderreihung von plumpen Schreckmomenten ruinieren seiner Ansicht nach einen Horrorfilm.

Ich denke, so lässt sich erklären, weshalb Horrorfilme sowohl „Mutproben“ sein als auch psychologische Untiefen aufzeigen können. Das Genre gibt beides her und der Zuschauer kann die eine oder andere Erwartungshaltung einnehmen. Bei The Babadook hat der Trailer wohl bei vielen Zuschauern die Erwartungshaltung „Mutprobe“ hervorgerufen, doch der Grusel konzentrierte sich auf psychologische Untiefen. Dass dann viele enttäuscht sind, ist verständlich. Viele Rezipienten trennen jedoch nicht zwischen enttäuschter Erwartungshaltung und Film. Die sagen dann: „Der Film war scheiße, total schlecht gemacht, man sieht das Monster ja kaum, so ein Dreck!“, und dann kommt zum Schluss von der Tirade ein kleines „also mir hat er nicht gefallen“. Ein lieblos und berechnend aus effekthaschenden Jump-Scares zusammengeworfener Horrorfilm wird hingegen als gut gemacht empfunden, weil man sich möglichst oft erschrocken hat. Solche Filme sind nicht unbedingt schlecht, aber sie bleiben weniger im Gedächtnis. Wenn ich an The Babadook denke, läuft es mir eiskalt den Rücken rauf und runter. Wenn ich an Annabelle denke, weiß ich noch, dass ich die Puppe gruselig fand, aber an ihre Opfer, die eigentlichen Hauptfiguren, kann ich mich kaum noch erinnern. Der Kollege hier auf Moviepilot sieht das jedoch ganz anders:

Enttäuschter Fan auf Moviepilot.de

Enttäuschter Fan auf Moviepilot.de

Auf Filmstarts.de ist die Zuschauerreaktion nicht besser:

Enttäuschter Fan auf Filmstarts.de

Enttäuschter Fan auf Filmstarts.de

Und auch auf kino.de äußern Zuschauer ihren Unmut:

„Alles Mist!“, findet dieser Filmfan auf kino.de

Vielleicht wollen manche Filmfans sich einfach aufregen, wie hier auf kino.de:

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Der Fairness halber: Es gibt auch Zuschauer, die den Film richtig gut fanden:

Begeisterter Fan auf Moviepilot.de

Begeisterter Fan auf Moviepilot.de

Diese Erwartungshaltung ist vergleichbar mit Fastfood-Konsum. Man genießt das Essen nicht, schmeckt keine einzelnen Nuancen heraus (nicht, dass in klassischem Fastfood Geschmacksnuancen wären) und erwartet, dass das immer alles gleich schmeckt. Es geht um die reine, schnelle Nahrungsaufnahme. Angenommen, es würde ein Koch in einer Fastfood-Kette was Neues ausprobieren wollen und Koriander auf den Burger legen. Dann würden auch viele krakeelen, wie scheiße der schmeckt und dass der Koch keine Ahnung hat und gefeuert gehört. Die Jump-Scare-Parade liefert Schock und Horror in immer gleich schmeckenden Häppchen, die nach dem immer gleichen Rezept zusammengeklatscht werden. Das funktioniert, es erfüllt die Erwartungen und ab und zu macht das auch einfach Spaß. Aber auf Dauer lässt es einen nicht wirklich gesättigt und mit einem leeren Gefühl im Innern zurück.

Ich denke, Isabelle hat es hier ganz gut getroffen. Es ist die Frage, auf welche Art und Weise ein Horrorfilm geguckt wird bzw. geguckt werden will: Interessieren mich die Charaktere? Interessieren mich die Motive, das Spiel mit der Spannung, die Ungewissheit etc.? Dann ist es mir egal, wenn das Monster nicht hinter jeder zweiten Ecke hervorspringt, sondern sich nur wenige Male blicken lässt – dafür aber effektvoll. Gehe ich aber ins Kino mit dem Gedanken „Geil ey, Horror und so!1!11!!“, dann denke ich, interessiert mich nicht, wie die Spannung erzeugt wird, sondern nur, dass sie irgendwie da ist, damit der nächste Jump-Scare ordentlich sitzt.

Die oben angesprochene Studie zeigt, dass es den Leuten oft an Einfühlungsvermögen fehle und ich denke, diese Beobachtung deckt sich mit der oberflächlichen Betrachtung des Films: Mir ist egal, was mit den Figuren in der Handlung passiert, solange ich meinen Spaß habe und erschreckt werde. Verallgemeinern kann man das natürlich nicht: Gerade zum Beispiel Slasher-Franchises wie Freitag der 13te, Halloween usw. machen „den Bösen“ zum Star, der der Einzige ist, der in allen Filmen vorkommt. Somit bleibt dem Publikum nichts anderes übrig, als mit dem wahnsinnigen Killer zu sympathisieren. Mitunter hat das noch andere Gründe, zum Beispiel dass die Figuren selber etwas Schlimmes getan haben oder noch tun werden und es nur „recht“ ist, wenn sie weg vom Fenster sind.

Ich will in diesem Zusammenhang kurz den mahnenden Zeigefinger heben: Es scheint unterschiedliche Nutzungsmuster für Horrorfilme zu geben; das ist schon durch den Anfang dieses Artikels klar geworden: Wir haben solche, die sich über jeden Jump-Scare freuen, und wir haben jene, die sich auf einer anderen Ebene mit dem Film beschäftigen. Dennoch meine Frage: Was sagt uns das, wenn wir Filme nur noch für ihr Erschreckpotential gucken? Schauen wir demnächst Actionfilme nur noch für den Bodycount? Dramen nur noch, damit wir weinen können? Werden die Filme also nur noch Mittel zum Zweck? Geht uns die Medienkompetenz flöten? Werden wir zu gelangweilt, zu faul – zu blöd, um Filme in ihrer Gesamtheit zu sehen?

Dazu fällt mir die Poetik des Aristoteles und seine Definition der Tragödie ein:

„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden. Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer (eleos) und Schaudern (phobos) hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“

Demnach soll „Schaudern“, also Horror und Schrecken, beim Zuschauer eine Katharsis (Reinigung) auslösen und ihn von seiner eigenen Angst und seinen negativen Gefühlen befreien. Allerdings kann man Aristoteles auch so verstehen, dass das nur in Kombination mit „Jammer“, also im weiteren Sinne Mitgefühl, funktioniert. Das wäre die Komponente der psychologischen Untiefen, die die Schreckmomente miteinander zu einer Geschichte verknüpfen und dafür sorgen, dass wir uns für die Figuren und ihr Schicksal interessieren. So entsteht ein durchgehender Spannungsbogen.

Ich fürchte, es gibt jedoch tatsächlich viele Menschen, die Filmen gegenüber diese Fastfood-Mentalität an den Tag legen; sie können oder wollen keine Geduld mehr aufbringen, um einer psychologisch präzise erzählten Geschichte zu folgen, die ohne permanente Reizüberflutung auskommt. Ob das ein allgemeiner Trend ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Mit den neuen Medien, Smartphones und Co. ist unser Leben immer schneller geworden und es prasseln immer mehr Reize gleichzeitig auf uns ein, mit denen wir umgehen müssen. Unsere Wahrnehmung hat sich dem bestimmt ein Stück weit angepasst. Wenn ich zum Beispiel heute Kinderfilme aus den 80ern gucke, die ich als Dreikäsehoch geliebt habe, merke ich, wie ich ungeduldig werde, weil ich das gemächliche Erzähltempo nicht mehr gewohnt bin.

Den Fastfood-Vergleich finde ich auch sehr passend. Zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich auf die Eingangsfrage zurückkommen: Sprechen heutige Horrorfilme eine geistig schwache oder anspruchslose Zielgruppe an? Auch wenn sich dieser Eindruck in alltäglichen Kinosituationen manchmal förmlich aufdrängt, halten wir fest, dass man dem Gros der Horrorfans geistige Kompetenzen zugestehen muss.

Vielmehr sind es irreführende Trailer und vorangegangene Filmerfahrungen der Zuschauer, die falsche Erwartungen davon schüren und verfestigen, wie Horrorfilme aufgebaut sein sollen und zu funktionieren haben. Wenn ein Film wie The Babadook oder It Follows diesen Erwartungen nicht entspricht, da er auf gängige Stilmittel verzichtet und andere Aspekte des Horrors in den Vordergrund rückt, fühlen sich viele Kinobesucher in ihrer Erwartung enttäuscht und reagieren verärgert, genervt und ungeduldig. Das ist schade, wird aber schwer zu ändern sein. Zumindest so lange Filme, die sich eines immer gleichen Musters bedienen, weiterhin so massentauglich vermarktet und gewinnbringend produziert werden, oder?

Das denke ich auch. Es wäre schöner, wenn die Trailer Erwartungen schürten, die der Film später auch erfüllt, damit jeder Film das Publikum bekommt, das er verdient. Aber Trailer sind immer eine Form von Werbung und die funktioniert leider nicht mit Ehrlichkeit. Niemand kauft einen Schokoriegel, der mit „macht fett und fördert Pickel“ oder ein Waschmittel, das mit „entfernt einen Teil der Flecken, die noch nicht eingetrocknet sind“ beworben wird.

Ja, ein Trailer ist eine Form von Werbung, und je nachdem, wie der Trailer aufgebaut ist, kann man dann auch ahnen, wie und wo der Hase lang läuft: Zeige ich in meinem Film eine Person, der Schlimmes passiert? Oder zeige ich erschreckende Momente? Ich gebe meinen Vorrednern abschließend recht. Es wäre interessant zu wissen bzw. genauer zu beobachten, ob man eine solche „Bewegung“ auch in anderen Genres feststellen kann, oder ob sich das doch (wir denken an die „Mutprobe“) nur auf den Horrorbereich bezieht.

Mit diesen Schlussworten möchten wir das Wort an euch weiterreichen. Schreibt uns euer Feedback in die Kommentare. Natürlich freuen wir uns über jeden Like, Re-Blogg und sonstigen Social-Media-Kram und hoffen auf eine nette Diskussion: Wie sind eure Erfahrungen mit Horrorfilmen und -fans und welche Erwartungen habt ihr selbst an Horrorfilme? Nennt uns eure Favoriten und absoluten Rohrkrepierer oder was euch sonst so zum Thema und/oder unserem Artikel auf dem Herzen liegt.

P. S.: Mehr zum Thema „Psychologie und Horror

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