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9. Stück: „Warm“ von David Bobee am 22.05.2010 in Saarbrücken / Festival Perspectives

Es geht um Hitze

David Bobees „Warm“ in der alten Feuerwache in Saarbrücken ist ein merkwürdiges Machwerk. Man betritt den Saal und spürt sofort die drückende Hitze. Die im Programmheft angekündigten 45°C waren also doch nicht metaphorisch gemeint.

Eine Schauspielerin betritt die Bühne, Scheinwerferreihen wabern ununterbrochen, im Hintergrund dröhnt eine Art Musik, die wohl aus Rückkopplungsgeräuschen und anderen unschönen Lauten zusammengeschustert wurde.

Die Schauspielerin macht ihre Sache wirklich sehr gut. Ohne Pathos, Kitsch oder aufgesetztem Drama spricht sie den Text, den Ronan Chéneau verbrochen hat:

Es geht um Hitze. Um mehr nicht. Dafür ist das Motiv der Hitze konsequent überall verteilt, damit jeder kapiert, dass es um Hitze geht: Assoziationen von Wüste, Sonne, Schweiß und nicht zu vergessen dem Feuer extatischer Leidenschaft drängen sich auf.

Auch die Tänzer-Artisten, die den Text bebildern machen ihre Sache sehr gut. Konsequent die Existenz der Schwerkraft ignorierend veranstalten sie die erstaunlichsten akrobatischen Höchstleistungen.

So sehr sich auch Darsteller und Regisseur bemühen: Das Ergebnis ist trotzdem Mist. Hitze allein als Thema reicht eben nicht aus. Zum Glück dauert der Quatsch nur 40 Minuten. Eine Sekunde länger diese Ansammlung von abgelatschten Platitüden zu ertragen wäre zuviel verlangt.

Irgendetwas muss sich doch Ronan Chéneau beim Text gedacht haben? Und zwar etwas, dass nichts mit Freud zu tun hat? Aber was, das bleibt in diesem Versuch eines avantgardistischen, provokanten und poetischen Textes ein absolutes Rätsel. Man kann sich auch nicht des Verdachts erwehren, das Geschwafel schon tausendmal (aber in besser, origineller, schöner) gehört zu haben. Von den Surrealisten der 20er Jahre, mit ihren drogengeschwängerten Écriture en direct-Experimenten. Oder von den Expressionisten und ihren Klanggedichten, die Text als Material begriffen und nicht als sinnergebendes Konstrukt.

Ein gutes Theaterstück entlässt den Zuschauer verändert, anders als er hineingekommen ist. Nur weil einem 40 Minuten heiß ist, ist man noch lange nicht verändert.

(Isabelle Dupuis)

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8. Stück: „Autochtone“ von AOC am 21.05.2010 in Saarbrücken / Festival Perspectives

Was bleibt, ist Staunen!

Überraschung und Schrecken, Furcht und Bewunderung wechseln im Sekundentakt. Die Artisten des französischen Collectif AOC wirbelten bei der Deutschlandpremiere von „Autochtone“ im Zirkuszelt am Tbilisser Platz anlässlich des deutsch-französischen Festivals für Bühnenkunst „Perspectives“ in Saarbrücken mit ihren atemberaubenden Stunts sämtliche Erwartungen der Zuschauer durcheinander.

Immer, wenn man glaubt, eine Geschichte ausgemacht oder bestimmte Themen oder Motive erkannt zu haben, wird man eines besseren belehrt. Es ist nicht möglich „Autochtone“ auf klassische, intellektuelle Art und Weise zu begreifen. Jede mögliche Geschichte, jede Vermutung über eine zusammenhängende Handlung verläuft im Sande:

Erst wähnt man sich inmitten eines Gangsterfilms, wenn der Musiker Jules Beckman im Mafioso-Kostüm auftritt. Auch bei dem folgenden Spiel mit Geräuschen und Rhythmen fühlt man sich durch die düstere Atmosphäre an diverse Filme aus dem Genre des Neo-Noir erinnert. Sei es Blade Runner, Dark City oder auch Children of Men. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die finster-melancholische Musik im Hintergrund.

Dann glaubt man sich in einem Moment in einem Flüchtlingslager, möglicherweise an einem Hafen. Doch kurz darauf erscheint wieder der Herr im Mafioso-Kostüm. Diesmal scheint er der Demagoge eines totalitären Staates zu sein, der vielleicht seine Gefolgsleute gegen die Flüchtlinge aufhetzt. Assoziationen wie Armut, Unterdrückung und Angst blitzen fragmentarisch vor dem inneren Auge des Betrachters auf.

Eine lineare Erzählung ist aber auch nicht das, was „Autochtone“ so sehenswert macht. Logik und Zusammenhang sind in dieser atmosphärisch fesselnden Produktion vollkommen gleichgültig. Es sind vielmehr die Sinne, die überwältigt werden:

Scheinbare Stürze und immer schnellere, immer intensivere akrobatische Virtuositäten lassen die Zuschauer die Luft anhalten. Man hat Angst um sie, kann nicht hinsehen. Man sieht trotzdem hin. Was bleibt, ist Staunen!

(Isabelle Dupuis)

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