Schlagwort-Archive: Poesie

78. Stück: Die präzise Eleganz der deutschen Sprache und wer sie zu nutzen weiß

In meinem letzten Essai „Wann deutsche Filme und Popmusik scheiße sind“ war ich ein bisschen gemein zu deutschsprachigen Bands und Filmen, die ich nicht leiden kann. Was ich an Silbermond, Juli, Revolverheld und Co. sowie Filmen à la Was nützt die Liebe in Gedanken im Wesentlichen hasse, ist die plumpe, unsubtile, humorlose und pathetische Art, mit der wunderbaren deutschen Sprache umzugehen und die fehlende Leichtigkeit. Es gibt aber auch Werke, die die Besonderheiten meiner Vatersprache (Eh oui, meine Muttersprache ist Französisch, meine patrie ist Deutschland) positiv für sich zu nutzen wissen. Jede Sprache hat ihre Eigenarten und sie können wundervoll sein, aber auch tückisch, wenn man nicht aufpasst. Bei Deutsch ist es vor allem die Klarheit und Präzision, die sehr stark sein kann – oder auch plump und humorlos. Im Deutschen kann man ganz genau das sagen, was man sagen will, indem man Wortteile nach Belieben neu zusammensetzt. Stellt man es ungeschickt an, wirkt es schnell zu offensichtlich und polterig. Pathos wirkt im Deutschen auch deshalb so albern, weil er vollkommen unnötig ist. Die Worte sind bereits klar und stark genug, da muss man nicht noch eins draufsetzen – im Gegenteil. Durch feine Untertreibung als Kontrast zur Deutlichkeit der Worte kann eine Leichtigkeit und Einfachheit erzeugt werden, die deutsche Filme und Lieder vor unerträglichem Schnulzkitsch bewahren. Ein paar deutschsprachige Künstler sind solche begnadeten Wortakrobaten, die mit Ausdrücken und Bedeutungen jonglieren können, tolle Geschichten erzählen und mit verschmitzter Ironie an den Oberflächen der Dinge kratzen.

Am besten schildere ich mal anhand einiger Beispiele, wie man die präzise Eleganz der deutschen Sprache gekonnt einsetzen kann. Meister der Ironie sind zum Beispiel Farin Urlaub von Die Ärzte und die Texter von Annett Louisan:

„Lasse redn“ verbirgt hinter seiner fröhlichen Melodie und den pfiffigen Reimen eine herrlich entlarvende Kritik am Spießertum, wie es sich durch die tägliche Lektüre der ‚Bild‘-Zeitung und das Lästern über Nachbarn und Bekannte bemerkbar macht. Aber anstatt plump zu wehklagen, wie unglaublich verabscheuungswürdig und moralisch daneben es doch ist, fiese Gerüchte über andere Leute in die Welt zu setzen und sich an den Problemen anderer Menschen zu ergötzen, wird hier einfach frech grinsend die ganze Tratscherei ins Absurde überspitzt. „Die Katze“ kommt mit ganz einfachen Worten aus, präzise wird beschrieben, wie sich eine Katze häufig aufführt: eigensinnig, unabhängig, aber unwiderstehlich. Der etwas träge Rhythmus passt wunderbar dazu. Durch Annett Louisans ironisch-lustvolle Interpretation bekommt das Lied jedoch auch etwas unterschwellig Erotisches, ohne es allerdings direkt auszusprechen. Täte sie dies, etwa wie im Schlager „Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig …“, würde diese prickelnde zweite Ebene verpuffen (Hihi, ver“Puff“en 😛 ).

Deutsch eignet sich außerdem hervorragend dafür, Geschichten zu erzählen, und zwar mit wenigen Worten, so wie ein paar Pinselstriche in einer gelungenen Skizze ein ganzes Bild entstehen lassen können. Ein Beispiel hierfür ist das Lied „Der Tantenmörder“ vom Theaterautor Frank Wedekind:

Bei dem Lied muss man allerdings aufpassen, dass man nicht durch eine plumpe, finstere Darstellung den tollen Text von Wedekind ruiniert. Das liegt dann aber nicht mehr an der Sprache, sondern an der Interpretation, die das, was der Text gekonnt vermieden und ausgelassen hat, mit Krampf aufpresst. Man darf als Schauspieler und Interpret nicht vergessen, dass das Publikum nicht blöd ist und des Lesens von Zwischentönen durchaus mächtig. Diese Version hier finde ich zum Beispiel nicht so gut:

Außerdem gibt es auch tatsächlich ein paar „Supernachdenklicher Deutschpop“-Lieder, die ich mag. Zum Beispiel höre ich sehr gern „Wolke 4“ von Philipp Dittberner & Marv oder „Herz über Kopf“ von Joris:

Ich mag zum einen die Schlichtheit der musikalischen Begleitung, die den Text optimal unterstreicht, ohne ihn zu überdecken. Die gewählten Wörter und ihre Anordnung sind einfach, aber drücken trotzdem viel aus, ohne dass man noch etwas dazupacken oder extra erklären müsste. Mit eleganter Präzision entstehen Bilder, werden Emotionen transportiert, ohne zu nerven oder dem Zuhörer mit einer Extraportion Plumpheit die gemeinte Bedeutung unter die Nase zu reiben.

Ironie, Leichtigkeit, tolle Geschichten in wenigen, präzisen und gut gewählten Wörtern sowie unterschwelliger Humor funktionieren nicht nur in der Musik, sondern auch in Filmen. Der Tatort Im Schmerz geboren mit Ulrich Tukur war zum Beispiel absolut genial. Der letzte Kölner Tatort Kartenhaus hat mich sogar zu Tränen gerührt. Sehr gut gefallen hat mir auch Wir sind jung. Wir sind stark von XY. Ab und zu gibt es eine Szene, die ich etwas übertrieben schwermütig-melancholisch und aufgesetzt fand, aber insgesamt wird hier aus verschiedenen Perspektiven ein genauer Blick auf die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen von 1992 geworfen, ohne zu urteilen oder die moralische Keule zu schwingen. Dass die Geschichte, die mit dem Brand einer Asylunterkunft endet, von erschreckender Realität ist, braucht dann nicht mehr extra dazugesagt zu werden. Nicht zu vergessen sind außerdem ein paar herausragende deutschsprachige Fernsehserien, die durch witzige Dialoge, tolle Figuren und Experimentierfreude glänzen, etwa Morgen hör ich auf, Der kleine Mann, Der Tatortreiniger, Dr. Psycho oder Stromberg.

Zum Schluss habe ich noch ein paar Lesetipps für euch:

  • Tschick von Wolfgang Herrndorf
  • Die kurzen und die langen Jahre von Thommie Bayer
  • Alle Toten fliegen hoch (Amerika) und die anderen Bücher von Joachim Meyerhoff
  • Der Sandmann und alles andere von E. T. A. Hoffmann
  • Lenz von Georg Büchner
  • Der Hofmeister und alles andere von Jakob Michael Reinhold Lenz
  • Die Schachnovelle und alles andere von Stefan Zweig
  • Das Schloss und alles andere von Franz Kafka
  • Die Gedichte und alles andere von Erich Kästner
  • Alles von Charlotte Link

Welche deutschsprachigen Lieder, Filme, Serien und Bücher mögt ihr besonders gern und warum?

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein, Film und Fernsehen, Literatur, Popkultur

77. Stück: Wann deutsche Filme und Popmusik scheiße sind

Zuerst wollte ich diesen Essai „Warum deutsche Filme und Popmusik scheiße sind“ nennen, aber dann fielen mir immer mehr Beispiele von guten deutschen Filmen und gelungenen deutschsprachigen Liedern ein. Und da habe ich mich gefragt, was denn den Scheiß von guten Werken unterscheidet. Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil solche Urteile immer subjektiv sind, und das, was ich für grauenhaft erachte, andere wunderbar finden. Keiner von uns hat dann recht oder unrecht, es sind eben verschiedene Geschmäcker und Meinungen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es doch so ein paar Dinge gibt, die mir typisch Deutsch vorkommen, und zwar im negativen Sinne. Über die positiven Seiten der deutschen Sprache werde ich noch einmal gesondert einen Beitrag schreiben, heute geht es mal darum, was mich bei deutschsprachigen Machwerken oft stört.

Ich möchte überdies gern alle Leser dazu einladen, mir in den Kommentaren zu widersprechen oder auch zuzustimmen und Dinge zu ergänzen, die mir vielleicht nicht aufgefallen sind. Dann wird die Angelegenheit wenigstens ein bisschen intersubjektiv. 🙂

Am besten fange ich mit ein paar Beispielen deutschsprachiger Filme und Lieder an, die ich ganz schauderhaft finde. Silbermond, Juli, Revolverheld, Die Toten Hosen (zumindest den neueren Scheiß à la „Tage wie diese“, urgs 😛 ) und Xavier Naidoo sind beispielsweise Bands/Sänger, die mir zuverlässig mit ihrer Musik auf den Wecker fallen und ein genervtes „Roooh, nicht DIE schon wieder!“ begleitet von sofortigem Wechseln des Radiosenders hervorrufen. Ich nenne diese Musikrichtung gern „supernachdenklichen Deutschpop“, weil da auf Krampf versucht wird, megasensibel zu wirken und derbe poetisch rüberzukommen. Dann werden da entweder ganz melancholisch mit dünnem Stimmchen Platitüden ins Mikro gehaucht oder gewollt verwegen plattes, vor Pathos triefendes Klischeezeug gegrölt, um allen zu zeigen, wie ungemein emotional man gerade drauf ist. Die Melodien sind entweder so gut wie nicht vorhanden oder so simpel und unoriginell, dass es einen schon aggressiv macht vor Langeweile.

Wenn schon die musikalische Seite unerträglich ist, könnte zumindest ein schlauer, witziger, ironischer, leichter, liebenswerter oder zum Nachdenken anregender Text den ganzen Kram retten. Das tut er aber bei besagten Beispielen nicht. (Anmerkung am Rande: Das „meiner Meinung nach“ und „meines Erachtens“ etc. möge man sich bitte dazu denken) Im Gegenteil, da wird’s dann teilweise richtig schlimm. Von Leichtigkeit und Raffinesse, Humor, echten Gefühlen oder Gesellschaftskritik keine Spur. Stattdessen wird zum x-ten Mal darüber schwadroniert, dass früher alles besser war, was für eine tiefe Männerfreundschaft einen mit seinen Kumpels verbindet, nur, weil man regelmäßig gemeinsam in einer versifften Kneipe saufen geht. Oder es wird ganz platt und unsubtil herausposaunt, was für ein perfekter/großartiger/fantastischer/bester Tag aller Zeiten es doch ist.

Wahlweise wird auch noch mit Trampelschritten der Liebe gehuldigt, vor allem im Schlager, indem mit absurder Inbrunst herumgetrötet wird, dass man durch die Nacht geht, gemeinsam den Sternenhimmel schön findet, nur Du und ich, ich und Du, Müllers Esel schubidu. ‚Tschuldigung, da sind gerade die Maultiere mit mir durchgegangen, zurück zum Thema. Am besten schmeißt man auch noch die Zahl Tausend mit in den Text, das kommt immer gut, weil „Tausend“ ja total viel ist, also fast schon „unendlich“. „Unendlichkeit“ ist dann auch so ein Wort, ebenso wie „Ewigkeit“, „Leidenschaft“, „spüren“, „Tag“ und „Nacht“, „Sonne“, „Mond“ und „Sterne“, die in keinem deutschen Schlagertext fehlen dürfen. Ich stelle mir das Texten solcher Lieder so vor: Man schmeißt diese ganzen wahnsinnig emotionalen Begriffe auf Zettelchen geschrieben in einen Pott, wirft vielleicht noch ein paar ferne Länder oder beliebte Urlaubsziele mit dazu, rührt einmal kräftig durch und zieht dann ein paar Wörter heraus. Daraus schustert man den Text dann zusammen. „Mit Dir durch die Unendlichkeit, mit Leidenschaft in die Ewigkeit, Dich spüren Tag und Nacht! Du und ich, ich und Du, wir schauen Sonne, Mond und tausend Sternen zu, im Himmel über Capri, wo ich die Liebe fand!“ Humpta-humpta-humpta!

Mich stört daran vor allem dieses Offensichtliche, dieses Platte, dieses Berechnende. Da hat man den Eindruck, die Leute haben sich überhaupt keine Mühe gegeben, das wirkt alles so unehrlich und unauthentisch. Wobei man da sicher auch noch differenzieren kann, ich denke schon, dass Silbermond, Juli, Xavier Naidoo und Co. sich bei ihren Texten was gedacht haben und das auch wirklich so meinen und ganz viel dabei fühlen. Es wirkt trotzdem immer alles so, als habe man sich einmal ein bestimmtes Schema ausgedacht und für gut befunden. Die Lieder sind dann keine individuellen Werke mehr, sondern es wird alles in dieses Schema gepresst, mit dem Ergebnis, dass nachher alles gleich klingt. Vielleicht erweckt das dann bei mir den Eindruck des „Unechten“, weil sich selbst das coolste Schema irgendwann abnutzt und oberflächlich wird. Möglicherweise fällt es mir auch nur deswegen negativ auf, weil ich das Schema besagter Musiker grauenhaft langweilig finde. Entspräche es meinem Geschmack, fände ich es vielleicht gar nicht schlimm.

In deutschen Filmen beziehungsweise Filmszenen, die ich nicht mag, fällt mir ebenfalls vor allem die fehlende Leichtigkeit und Subtilität auf. Gepaart wird das Plumpe, Platte, Schwere und Offensichtliche obendrein häufig mit einer viel zu angestrengten, gewollten, unignorierbaren Absicht, große Gefühle zu illustrieren sowie dem Klischee des Volks der Dichter und Denker in den Allerwertesten zu kriechen, indem man extra poetische Bilder und eine vermeintlich voll lyrische Sprache wählt. Ein Beispiel dafür ist Was nützt die Liebe in Gedanken von Achim von Borries. Die Schauspieler werden dann genötigt, ein völlig leeres, ausdrucksloses Gesicht zu machen, die Schultern nichtssagend hängen zu lassen und – schon wieder mit dünnem Stimmchen oder unverständlichem Genuschel – supernachdenkliche Platitüden vor sich hin zu hauchen. Am besten ist dann auch immer möglichst oft jemand nackt, idealerweise sieht man auch alles, damit alle wissen, wie überhaupt nicht verklemmt der Deutsche an sich ist. Die Filmmusik ist passend dazu ein unerträgliches Unglücksgeraune, das jede Szene mit Pathos verklebt wie eine im Rucksack ausgelaufene Flasche Multivitaminsaft. (Ich weiß, wovon ich rede, einem solchen Vorfall ist mein erstes Handy zum Opfer gefallen.)

Meistens werden die Bilder in blasse Grau- und Blautöne getaucht, damit alles noch viel melancholischer und nachdenklicher wirkt. Zu allem Überfluss wird aber auch dieses penetrant Öde nicht konsequent durchgezogen, sondern ab und zu wird’s total emotional. Dann brüllt plötzlich jemand los, und zwar so, dass man überhaupt nicht akustisch versteht, was gerade los ist. Das soll wohl authentisch wirken, tatsächlich aber wirkt es einfach nur aufgesetzt. Ganz besonders albern wird es, wenn deutsche Filme nicht so ganz wissen, wie sie anfangen oder aufhören sollen. Dann wird nämlich einfach getanzt. Ohne Grund und ziemlich ungelenk und tapsig vollführen die Figuren dann ein paar Tanzschrittchen. Das sieht man häufig im Tatort oder Polizeiruf 110. Was das soll, habe ich bislang noch nicht verstanden.

So weit meine kleine Tirade, was ist eure Meinung dazu?

6 Kommentare

Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Popkultur

19. Stück: „Penthesilea“ von Roger Vontobel am 20.11.2010 im Hamburger Schauspielhaus

Kleist rockt!

Man ahnt zunächst Schlimmes nach Betreten des Zuschauerraums. Schwarze Stühle sind in einer Reihe aufgebaut, davor Mikrophone auf Ständer montiert. An den Seiten befinden sich mit Plexiglas abgetrennte Kabinen: Rechts für die Musiker mit Schlagzeug und E-Gitarre, links für den Tontechniker mit Mischpult. Aus der Mitte des Parketts wurden Stuhlreihen entfernt und auf der Bühne wieder aufgebaut. Das wird doch hoffentlich kein Performance-Happening-Probenatmosphäre-Theater à la „Nathan der Weise“ von Nicolas Stemann? Etwas, bei dem man sich mit seiner Rolle als Zuschauer auseinandersetzen und über die Publikumssituation reflektieren muss, weil auf der Bühne nichts Interessantes passiert?

Doch dann die Überraschung! Die Befürchtungen werden sämtlich enttäuscht. Die Schauspieler betreten die Bühne und sofort entsteht eine konzentrierte, gespannte Atmosphäre. Es beginnt wie ein Live-Hörspiel, Odysseus erzählt die Vorgeschichte, wir befinden uns mitten im trojanischen Krieg. Ein Geräusche-Chor unterstützt ihn dabei und wechselt zwischen friedlichen Lauten wie Vogelgezwitscher zu kriegerischen Geräuschen wie Maschinengewehrrattern und Pferdegetrappel. Mit einfachsten Mitteln wird so die anfänglich friedliche Atmosphäre zu einer kriegerischen, aggressiven Atmosphäre umgeschwungen.

Es kommt Bewegung hinzu: Die Stühle werden umgeworfen, die Schauspieler suchen hinter ihnen wie in einem Schützengraben Deckung und funktionieren die Mikrophonständer zu Gewehren um. Die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite.

Die Musiker unterstützen nicht nur den Geräusche-Chor, sie machen aus „Penthesilea“ ein wahres Rockkonzert. Mal spielen sie leise und dezent, kreieren eine bedrohliche Atmosphäre, die das tragische Ende bereits vorwegnimmt, mal spielen sie laut, wild und aggressiv und lassen die weibliche Rockband der Amazonen auf die männliche Rockband der Griechen prallen. „Penthesilea“ ist bei Roger Vontobel auch ein Kampf der Geschlechter. Die Frauen geben sich hierbei stolz und kämpferisch, die Männer grölen mit der aggressiven Kampfeslust angetrunkener Fußballfans gegen sie an.

Der Zuschauerraum wurde durch die Stuhlreihen auf der Bühne auf diese ausgeweitet, dafür erstreckt sich die Bühne durch die entfernten Stuhlreihen bis in den Zuschauerraum. Doch das Publikum auf der Bühne sitzt nicht auf dem Silbertablett, verlässt auch seine Rolle als Publikum nicht und wird nicht direkt zu Akteuren. Vielmehr wird man als Zuschauer direkt ins Geschehen geworfen, ob man auf der Bühne, im Rang oder im Parkett sitzt. Die Schauspieler wirbeln durch den gesamten Raum, mal auf der Bühne, mal im Rang, mal im Parkett. Dafür, dass sich die eigentliche Handlung von Kleists „Penthesilea“ hauptsächlich im Unsichtbaren abspielt, passiert bei Roger Vontobel auf der Bühne unheimlich viel.

„Penthesilea“ nicht naturalistisch-realistisch zu inszenieren wird dem Werk hierbei gerecht. Lässt Vontobel anfangs den Text für sich allein sprechen, kommt später noch als Gestaltungsmittel die Form eines Rockkonzerts hinzu. Sicher geht die Lautstärke manchmal auf Kosten der Verständlichkeit, was vielleicht das einzige Manko der Inszenierung ist. Doch das Gesamtbild wird dadurch nicht beeinträchtigt.

Jana Schulz spielt Penthesilea und sie spielt sie großartig. Sie changiert zwischen zerbrechlich-zärtlicher Kindlichkeit und aggressiv-wildem Stolz und wirkt dabei wie der Panther aus Rainer Maria Rilkes gleichnamigem Gedicht. Wie ein wildes Tier, gefangen im Käfig, streift sie rastlos umher und wirkt, als wüsste sie nicht wohin mit ihrer Einsamkeit und ihrer Kraft. Sie ist hin- und hergerissen zwischen der Tradition, dem Amazonengesetz, der Verpflichtung gegenüber ihren Kameradinnen und zwischen ihrer individuellen Neigung, ihrer Liebe zu dem „Peliden“ Achill.

Markus John spielt Achill, ein „Anti-Brad-Pitt“ der wirkt wie ein Bär. Achill ist einerseits eine parallele Figur zu Penthesilea, wie eine verwandte Seele. Auch er wirkt wie ein wildes Tier in Gefangenschaft, ist zerrissen zwischen Pflicht und Gefühl, zwischen der Loyalität zu seinen Kameraden und seiner Liebe zu Penthesilea. Andererseits sind sie beide Gegner im Kampf. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, müssen sich aber hassen.

In einer einzigen, zärtlichen Liebesszene treffen diese beiden Figuren aufeinander. Diese Szene nimmt kurzzeitig das wilde, aggressive, laute Tempo aus der Inszenierung. Zögernd nähern sich beide einander an, doch schließlich siegt Penthesileas Stolz, als sie erfährt, dass nicht sie Achill besiegt hat, sondern er sie. Sie kommt nicht gegen ihre Traditionsverhaftung an. Ihre Liebe ist zum Scheitern verurteilt. Penthesilea zerreißt Achill mit ihren Hunden. Sie zerbricht daran und stirbt schließlich an ihrem Schmerz.

Roger Vontobels Inszenierung zerreißt auch dem Zuschauer das Herz, wie Penthesilea den Achill mit ihren Hunden. Wild, leidenschaftlich und voller Energie. Ein toller Abend, mit tollen Schauspielern, einem großartigen Ensemble, toller Musik und vor allem einem tollen Stück. Kleist rockt!

(Isabelle Dupuis)

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kritik

17. Stück: „Mea Culpa“ von Christoph Schlingensief am 25.10.2010 im Schauspielhaus / Hamburger Theaterfestival

Ein Kritikversuch

An sich wollte ich an dieser Stelle, wie zu jedem Stück, das ich mir ansehe, eine Kritik schreiben. Was aber soll man über ein Stück schreiben, das einen völlig umgehauen hat, einem die Worte geraubt hat? Alle Adjektive – traurig, schön, hoffnungsvoll, lebendig, tragisch, persönlich, intim – müssen zwangsläufig zu hohlen Floskeln verkommen.

Ich kann nur J. S. Foers Oskar Schell aus „Extrem laut und unglaublich nah“ zitieren: Das Theater habe ich mit „superschweren Bleifüßen“ verlassen…

(Isabelle Dupuis)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kritik

14. Stück: „Der Prozess“ von Andreas Kriegenburg am 26.09.2010 im Thalia Theater / Hamburger Theaterfestival

Poesie, Beklemmung, … und Kafka

Der Abend beginnt bereits kafkaesk, mit dem scheiternden Versuch ein Programmheft käuflich zu erwerben. Die eine Garderobiere verzweifelt schier an der unlösbaren Aufgabe, 2,50 Euro auf einen 5-Euro-Schein herauszugeben, in Ermangelung entsprechenden Kleingelds. Auch, dass die nächste Zuschauerin passend bezahlt, trägt nichts zur Linderung der Seelenpein dieser Garderobiere bei, eben waren keine 50 cent in der Schublade, jetzt bezahlt plötzlich einer passend und die andere, die steht noch da und wartet frohgemut auf ihr Programmheft und dann auch noch auf ihr Wechselgeld, Oh mein Gott, wie machen wir das nur, wie machen wir das nur… Die nächste Garderobiere wirkt weniger hoffnungslos überfordert, man schöpft neuen Mut. Aber was geschieht? Das wohlerzogene Bildungbürgertum drängelt sich vor! Man kommt endlich dran, Programmhefte ausverkauft. Aber Wechselgeld ist reichlich vorhanden. Man verzichtet auf das Programmheft und freut sich auf den Beginn des Stücks.

Die Luft im Theater ist stickig, man könnte sie mit dem Messer zerschneiden. Doch diese bedrückende Atmosphäre ergänzt in idealer Weise die alptraumhafte Beklemmung, die Andreas Kriegenburg in seiner Interpretation von Kafkas erstem Roman, „Der Prozess“, dank seines großartigen Ensembles und seines umwerfenden Bühnenbilds auf die Bretter gezaubert hat. Kriegenburg, der auch Bühnenbildner ist, hat es selbst entworfen und hat zu Recht den Preis für das beste Bühnenbild 2009 dafür erhalten. Das Bühnenbild, ein riesiges Auge, in dem sich die Schauspieler scheinbar schwerelos durch alle drei Dimensionen hindurchbewegen, ist der heimliche Star dieses Abends, wenngleich die Schauspieler, die Beleuchtung und die Musik ihm ernsthafte Konkurrenz machen könnten.

Doch in dieser Inszenierung gibt es keine Konkurrenz, alles passt zusammen und fügt sich zu einem poetisch-beklemmenden Gesamtbild. Die Schauspieler klettern, kriechen, hangeln und fallen in dem riesenhaften Auge, das den Zuschauer erbarmungslos anstarrt. Sie wirken gleichzeitig gehetzt und ohne Orientierung, wie Mäuse in einem viel zu engen Käfig.

Es ist eine klaustrophobische, expressionistische, paranoide und beklemmende Albtraumwelt, die Kriegenburg hier präsentiert. Gleichzeitig entfalten der leise, hintergründige Humor und die abstrakt-entrückte Spielweise der Schauspieler eine hypnotisierende, poetische Kraft, die den Zuschauer in ihren Bann zieht. Unterstrichen wird dies noch durch die bläulich-silbrige Beleuchtung, deren düstere Schönheit an eine Vollmondnacht erinnert.

Leider macht all das Dunkle, Entrückte und (Alb)traumhafte nach einer Weile etwas schläfrig, so dass man Schwierigkeiten hat, den langen Textkaskaden der Schauspieler aufmerksam zu folgen. Hier hätte etwas mehr Mut zur Kürzung sicher noch zur ansonsten hervorragenden Qualität der Aufführung beigetragen.

Es wird auch nicht vollständig klar, was der Regisseur Andreas Kriegenburg mit dem Stück aussagen wollte. Laut dem „Magazin“ des Hamburger Theaterfestivals sei dies, das „ausweglose Dasein des Einzelnen im Labyrinth einer anonymen Welt“ auszudrücken. Keine Frage, das ist mit dieser Produktion absolut gelungen. Doch bleibt offen, ob dies nicht generell die Aussage von Kafkas Roman um den Bankangestellten Josef K. ist, der eines Tages von einer geheimnisvollen Behörde grundlos verhaftet wird. Was genau davon Kafka und was Kriegenburgs Interpretation von Kafka ist, wird nicht deutlich.

Aber angesichts einer solch faszinierenden, hypnotisierenden und begeisternden Aufführung, sollte man nicht so spitzfindig sein.

(Isabelle Dupuis)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kritik