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50. Stück: Kunst, Theater, Politik und Extremismus

In Frankreich gibt es zurzeit einen beängstigenden Rechtsruck. Der rechtsradikale Extremismus des Front National hat nun auch die Kunst erreicht, genauer gesagt, das Theater, insbesondere das Festival d’Avignon. Der Direktor des Festival d’Avignon Olivier Py ist entsetzt, dass der Front National in der ersten Runde bei den Kommunalwahlen die Mehrheit eingefahren hat und plant, das Festival woanders stattfinden zu lassen oder seinen Hut zu nehmen, sollten die Rechtsradikalen auch die zweite Runde, die morgen am 30. März stattfindet, gewinnen. Für dieses Jahr könne man zwar nicht mehr viel am Programm ändern, doch für nächstes Jahr würde er sich bemühen, das Festival d’Avignon in Spielstätten der Nachbarorte zu verlegen – oder gehen. Nun kann man natürlich fragen, was die politische Einstellung des Bürgermeisters einer Stadt mit ihrer Theaterkultur zu tun hat? Sollten Theater und Kunst nicht um ihrer selbst existieren und sich nicht in die Politik einmischen?

Olivier Py sagt – und da stimme ich ihm voll und ganz zu – Nein! „Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, wie es möglich sein soll, mit einer Bürgerschaft aus dem Front National zusammenzuarbeiten“, stellt er im Interview mit laprovence.com klar. Er begründet: „Die Werte des Front National sind das absolute Gegenteil der Werte des Festival d’Avignon und sogar das Gegenteil der Werte von Avignon selbst, die eine multikulturelle Stadt ist.“ Und im Interview mit Télérama.com betont er, die „Kultur ist keine gutbürgerliche Unterhaltung, sie ist eine politische Waffe“ und erläutert: „Kultur soll offen machen für das Andere, die Unterschiede, das Fremde. Jean Vilar selbst – der das Festival 1947 gründete – mochte den Begriff ‚Festival‘ nicht; er hätte den Begriff ‚Begegnungen‘ bevorzugt.“

Gerade wenn ein Land in gefährliche politische Schieflage gerät und sich Extremismus breit macht, sich in die Seelen und Gehirne der Menschen frisst, dann MUSS Kunst Stellung beziehen, zum Nachdenken anregen, ein Gegengewicht bilden, Aufschreien und auf die Barrikaden gehen. Wenn nicht die Kunst, wer sonst? Aber ist es der richtige Weg, mit Kündigung oder Flucht zu drohen? Ist das nicht feige? Olivier Py führt im Interview mit Télérama.com als Beispiel die Reaktion von Charles De Gaulle und Pétain während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an. De Gaulle ging nach London und organisierte von dort aus die Résistance-Bewegung mit. Pétain blieb und kollaborierte mit den Besatzern und machte schließlich gemeinsame Sache mit ihnen. Sicher kann man einwenden, dass der Front National noch keinen Völkermord begangen oder sich daran beteiligt habe und dass der Vergleich daher hinke. Doch: So fängt es an.

Die Nazis hat man Ende der 1920er Jahre auch noch überwiegend für Spinner gehalten, dann fingen immer mehr Menschen an, mit ihnen zu sympathisieren. Je schlechter es dem Land ging, desto radikaler wurde nach Schuldigen dafür gesucht. Und da kam Hitler, präsentierte ein willkommenes Feindbild und der Rest ist bekannt. Aber nun geht es wieder vielen Ländern schlecht, es wird nach Schuldigen gesucht und da ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte wiederholt. In verschiedenen Ländern Europas haben die Rechtsradikalen wieder Hochkonjunktur, in den Niederlanden, in Griechenland, in Russland natürlich, in Frankreich und in der Schweiz. Nationalismus ist wieder en vogue und mir ist das gelinde gesagt unheimlich.

Was aber können Kunst und Theater bewirken? Plumpe, reißerische und effektheischende Provokation à la Rodrigo García halte ich für schwierig. Entweder, die Leute fühlen sich verarscht, sind beleidigt oder applaudieren begeistert und nicken wohlwollend die Kritik ab, gehen nach Hause und das war’s. Wirklich über Inhalte, Standpunkte und ihr eigenes Verhalten dabei nachdenken tun sie dadurch nicht. Auch politisches Theater à la Brecht – und da gehe ich mit René Pollesch d’accord – ist nur bedingt geeignet, Menschen zum politischen Nachdenken zu mobilisieren. Da wird dann die moralische Keule geschwungen und schulmeisterlich der Zeigefinger erhoben und am Ende weiß man zwar, was der Autor des Stücks für politisch richtig hält, doch eine eigene kritische Meinung bildet man sich dabei nicht wirklich. Dann doch lieber ein schöner Skandal, weil irgendein spätpubertierendes Performance-Enfant-Terrible auf der Bühne Kunstblut über eine Jesusfigur im Nacktkostüm gießen lässt.

Weiter seine Arbeit machen und zu hoffen, man könnte im Kleinen vielleicht gelegentlich ein kleines Bisschen dezenten Widerstand leisten, funktioniert mit Sicherheit nicht. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen in Klaus Manns Mephisto. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass mit einem Theaterstück oder einem anderen Kunstwerk überhaupt Stellung bezogen und etwas ausgesagt wird. Man kann auch verschiedene, konträre Standpunkte gegenüber stellen. Und dann sind Vielfalt und Gegensätzlichkeit wichtig, weshalb die kulturelle Landschaft eines Landes und einer Stadt auf keinen Fall weiter ausgedünnt werden darf. Schließlich denke ich, sollten sich Künstler und Kulturschaffende nicht hinter ihren Kunstwerken verstecken, sondern hervortreten und ihre Meinung sagen, so wie das Olivier Py getan hat. Dabei muss man auch bereit sein, notfalls Konsequenzen zu ziehen, die einem schwer fallen. Als im September 2010 der Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Friedrich Schirmer, zurücktrat, war das zwar erst ein Schock. Er wurde von vielen Seiten für diese Entscheidung angefeindet. Aber wäre er geblieben, hätte das Schauspielhaus nicht auf seine Misere aufmerksam machen können und hätte sich davon vielleicht niemals erholt.

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27. Stück: Kunst und Religion – unvereinbare Gegensätze?

Es hat sich Wunderliches zugetragen anlässlich der diesjährigen Lessingtage am Hamburger Thalia-Theater. Der Performance-Macher (ob Künstler oder nicht, darüber lässt sich streiten) Rodrigo García hat ein Stück mit Namen Gòlgota Picnic inszeniert und das Thalia-Theater wurde mit Morddrohungen und Protestgewittern traktiert. Was war geschehen? García, nicht eben subtil in seiner Kapitalismus-Kritik, hatte in seine Inszenierung dem Hören-Sagen nach auch etwas brachiale Religions-Kritik einfließen lassen. Da hängt dann Gerüchten zufolge eine Frau in einem Nackedei-Kostüm an einem Kreuz und so Sachen und der Boden ist angeblich voll von Brötchen (immerhin keine Fischreste, was García ebenso zuzutrauen, wie der religiösen Metapher nach folgerichtig wäre). Das ist meiner bescheidenen Ansicht nach nicht sonderlich originell und hat man schon tausendmal gehabt. Ich hätte nie gedacht, dass so ein langweiliges Ekel-Theater heute überhaupt noch eine Katze hinterm Ofen hervorlockt.
Rodrigo García ist mir nämlich kein Unbekannter, er und eine seiner Performances (Titel habe ich verdrängt) begegneten mir auf dem Theaterfestival in Avignon im Jahr 2007. Man hatte mir schon die übelsten Gruselgeschichten über diesen jungen Mann erzählt. Dinge wie, dass er Hühnern auf der Bühne den Kopf abbeißen ließe. Groß war mein Schreck, als tatsächlich Käfige mit lebenden Hühnern auf die Bühne getragen wurden. Aber die Hühner wurden nur hypnotisiert, was zwar komplett schwachsinnig, aber auch ziemlich witzig war, weil es tatsächlich funktionierte. Das darob tiefenentspannte Federvieh wurde behutsam in seine Käfige zurückgelegt und dann ein Salat auf der Bühne zubereitet. Das Ganze wurde von einer Schildkröte gefilmt und auf eine Leinwand projiziert. García hat sich dann ganz dreist bei Fight Club bedient und seine Kapitalismuskritik am Beispiel der kleinen Shampoo- und Seifenportionen in Hotels illustriert und am Ende waren alle nackt, voll mit Honig und Erde und wälzten sich unmotiviert übereinander durch die Gegend. Alles in allem ziemlich bescheuert, billige Schockversuche und abgedroschene Gesellschaftskritik. Nichts, worüber man sich aufregen müsste. Habe ich natürlich trotzdem, denn ich gehe nur ungern ins Theater und werde verarscht. Ich gehe lieber ins Theater und nehme hinterher etwas zum Nachdenken mit nach Hause.

Um aber auf die wundersame Begebenheit in der Hansestadt zurückzukehren: Ebendieser Rodrigo García, der Hühnerhypnotiseur und Möchtegern-Provokateur, hatte also ein Gastspiel bei den Lessingtagen. Die Morddrohungen und wütenden Proteste kamen nicht etwa von entrüsteten Zuschauern, die schon mal ein Stück von dem Kerl sehen mussten, sondern von radikalen Christen. Ich hätte ja gedacht, dass sich Radikalität und Christentum gegenseitig ausschließen, da ja das Christentum Toleranz und Nächstenliebe predigt und Radikalität grundsätzlich immer zu Aggressionen führt, aber offensichtlich lag ich da falsch. Kommt vor. Jedenfalls gibt es wohl so eine dubiose Nazi-Gruppe, die ihren Hass unter dem Deckmäntelchen des Christentums rechtfertigt, die antisemitisch, homophob und weiß ich was noch alles sind und die haben – ich weiß nicht wie – von dieser Inszenierung Wind bekommen und sich dazu entschlossen – vermutlich weil sie zu viel Zeit und zu wenig Grips haben – gegen dieses Stück zu protestieren. Ihnen angeschlossen hat sich die ultra-christliche Pius-Bruderschaft, die sich dann kleine lustige Pappschildchen bastelte, um ebenfalls gegen die Aufführung zu protestieren. Immerhin waren die friedlich, fast schon rührend. Es gab sogar eine Klage gegen das Thalia-Theater. Und jetzt kommt’s: Die Klage wurde abgeschmettert, das Stück durfte aufgeführt werden. Begründung: Wem es nicht gefällt, kann der Aufführung fernbleiben. Zack.

Meine Gefühle ob dieses Vorfalls sind zwiegespalten. Einerseits freue ich mich, dass Theater auch heute noch zu solch einem Tumult führen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass García mit seiner billigen Provokation heute tatsächlich noch irgendwo einen Nerv treffen kann. Auch kann ich eine gewisse Schadenfreude und ein Gefühl des Triumpfs nicht verhehlen, die die abgeschmetterte, schwachsinnige Klage ausgelöst hat. Andererseits aber finde ich es beängstigend, dass in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft immer noch solche radikalen Idioten herumlaufen, die die ursprünglich edlen Gesinnungen von Religionen jeder Art missbrauchen, um Krawall zu machen und anderen Leuten ungefragt mit ihren bescheuerten, undurchdachten, nachgeplapperten Instant-Meinungen auf den Keks zu gehen. An dieser Stelle möchte ich mit Dieter Nuhr sagen, dass man in einer Demokratie zwar eine Meinung haben dürfe, aber nicht müsse und dass, wenn man keine Ahnung habe, man die Klappe halten sollte. Sie können ja gerne Nacktkostüme und Verschwendung von Nahrungsmitteln ablehnen. Ich find die Verschwendung von Nahrungsmitteln auch nicht gerade ein überzeugendes Mittel zur Kapitalismuskritik, weil man dann genau das Gleiche macht, was man anderen vorwirft. Aber ich hab mir das Stück auch schlichtweg nicht angeschaut und niemanden hat’s gestört. Ich war stattdessen im Kino und habe Die Muppets geguckt. Aber gegen die gab es ja in den USA auch wütende Proteste, weil sie angeblich dem Kommunismus huldigen. Das kam allerdings von Seiten der Tea Party-Fuzzis und ihrer Sympathisanten, die sind ja alle paranoid und nicht ganz dicht, weder wundert das irgendwen, noch juckt es einen.

Mich interessiert jetzt, ob denn Religion und Kunst tatsächlich unvereinbare Gegensätze sind. Meiner Meinung nach müssen sie es nicht sein. Wenn irgendwelche radikalen Psychopathen oder Dummdödel die Religion missbrauchen, um ihre wiedergekäuten Idiotien zu rechtfertigen und dies als Vorwand für Gewalt nutzen (weil ihnen schlicht langweilig ist und sie zu dumm sind, sich eine friedfertige Freizeitbeschäftigung zu suchen), dann geht das natürlich nicht mit Kunst zusammen. Kunst liegt im Auge des Betrachters und erfordert daher grundsätzlich Toleranz. Eigentlich ist Toleranz auch das, was allen Religionen ihrem Ursprung nach zugrunde liegt. Aber offensichtlich gibt es immer Vollidioten, die das nicht kapiert haben.

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22. Stück: Umfrage – „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ von Volker Lösch. Was meint ihr zu dem umstrittenen Ende?

Es ist wirklich eine umstrittene Inszenierung, die Volker Lösch mit „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ gelungen ist. Und er hat offensichtlich insbesondere mit dem Ende, bei dem die Namen und das Einkommen der 20 reichsten Hamburger laut verlesen werden, doch mehr provoziert als man das im ersten Moment gedacht hätte.

Erst neulich hatte ich in meinem Seminar über „Chorisches Theater“ eine hitzige Diskussion mit meinen Kommilitonen, weil wir uns über die moralische Tragweite des Endes von „Marat,…“ nicht einig waren.

Hat Volker Lösch mit diesem Ende die 20 reichsten Hamburger an den Pranger gestellt und ihr Persönlichkeitsrecht verletzt? Hat er geholfen, auf einen allseits bekannten und gerne ignorierten Missstand, nämlich der Schere zwischen Arm und Reich, aufmerksam zu machen? Und was ist davon zu halten, dass etwa die Hälfte der genannten Bürger mit Hilfe ihrer Anwälte einstweilige Verfügungen erwirkt haben, damit ihr Name nicht mehr genannt wird? Haben sie damit vollkommen richtig reagiert? Oder hätten sie lieber souverän bleiben und das Geld, das sie für Anwälte ausgegeben haben, lieber für wohltätige Zwecke spenden sollen?

Für mich war die Antwort vor dieser Debatte in meinem Seminar eigentlich ganz klar. Doch mittlerweile muss ich feststellen, dass der Fall doch nicht so eindeutig ist und dass man dieses Ende auch ganz anders bewerten kann.

Und das finde ich hochinteressant. Deswegen seid jetzt ihr gefragt. Ich habe in diesem Beitrag erstmals eine Umfrage erstellt und möchte nun eure Meinung wissen.

Darf Volker Lösch in seiner Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ am Ende die Namen und das Vermögen der 20 reichsten Hamburger verlesen?

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