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61. Stück: Die 10 besten Film-Fieslinge

Inspiriert von Ma-Go Filmtipps folge ich dem Aufruf, bei der Blogparade von Singende Lehrerin mitzumachen, und meine 10 Lieblingsbösewichte aus der Filmwelt zu nennen. Erst einmal: Was macht für mich einen richtig guten Film-Fiesling aus? Sie müssen mir entweder das Blut in den Adern gefrierern lassen oder ihren Antagonisten (den Streber-Superhelden) so geschickt zur Weißglut treiben, dass sie schon wieder fast sympathisch sind. Das Ranking ist ein bisschen willkürlich und nicht so streng gemeint.

10. Der Clown Pennywise aus Stephen Kings Es (1990, Tommy Lee Wallace):

Ich muss zugeben, diesen Film habe ich nie ganz gesehen. Eigentlich sieht das aus heutiger Sicht fast etwas trashig aus, trotzdem kann ich mir den Trailer nicht zuende angucken, weil mich dieser Clown so gruselt. Meine große Schwester und ich waren als Kinder mal bei meiner Oma zu Besuch, ich muss da ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein. Meine Schwester, damals hartgesottener in Bezug auf Horrorfilme als meine Ängstlichkeit (heute ist es witzigerweise umgekehrt), schaltete abends den Fernseher ein und blieb bei dem Film hängen.

Neugierig lugte ich hinter vorgehaltener Bettdecke hervor auf den Bildschirm und dann taucht plötzlich dieser irre Clown auf, großartig gespielt von Tim Curry, und ich bekomme den Schreck meines bis dahin jungen Lebens. Zitternd flehte ich, sie möge doch umschalten, aber da war es schon zu spät. Ich habe mir jetzt die literarische Vorlage geholt und das Buch steht schon in meinem Regal bereit. Es wird demnächst gelesen und vielleicht erschreckt mich dieser Bösewicht dann nicht mehr so. Man soll sich schließlich seinen Dämonen stellen, nech.

9. Samara aus Ring (2002, Gore Verbinski):

Für mich lange Zeit der gruseligste Film aller Zeiten: Ring. Ich hatte noch Wochen später Angst, wenn ich nachts im Dunkeln allein nach Hause musste. Wie Samara mit zuckenden Bewegungen und strähnigen schwarzen Haaren langsam, aber sicher aus dem Fernseher gekrabbelt kommt … Uiuiui, Gänsehaut! Übrigens rief meine Schwester mich an, nachdem sie den Film gesehen hatte, weil sie nicht schlafen konnte und eine Heidenangst hatte. Ausgleichende Gerechtigkeit würde ich sagen.

Eine Freundin von mir und ich hatten damals lange dunkle Haare und haben uns einen Spaß gemacht: Wir hingen uns die Haare vors Gesicht, versteckten uns mit gesenkten Köpfen in einer dunklen Ecke und als unsere Freunde kamen, traten wir mit zuckenden Bewegungen hervor und flüsterten „Nur noch sieben Tage“. Die haben sich vielleicht erschrocken.

8. Eva Ernst, Oberhexe aus Hexen hexen (1990, Nicolas Roeg):

Anjelica Huston ist eine meiner Lieblingsschauspielerinnen und die beidenDie Addams Family-Filme gehören zu meinen Kann-ich-immer-wieder-gucken-Streifen. Aber da hat sie ja keine Bösewichtin gespielt. Dass sie das fiese Fach hervorragend beherrscht, zeigt sie in Hexen hexen als gemeine Oberhexe Eva Ernst. Der Film beruht auf einem Kinderbuch von Roald Dahl, der mich meine ganze Kindheit als mein Lieblingsautor begleitet hat.

7. Präsident Snow aus Die Tribute von Panem (4 Filme 2012-2015, Gary Ross bzw. Francis Lawrence):

Oha, jetzt geht das los, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme, die hervorragenden Film-Fieslinge nicht alle auf Platz 1 wählen zu können. Donald Sutherland als Präsident Snow in den Verfilmungen der Die Tribute von Panem-Trilogie von Suzanne Collins lässt einen einerseits erschauern, andererseits aber strahlt er einen faszinierenden, hypnotischen Charme, eine subtile Gefährlichkeit aus, der man sich nicht entziehen kann.

Dieser Mann ist zu allem fähig … und dabei davon überzeugt, das Notwendige zu tun. Er sieht sich nicht als böse an, sondern betrachtet sich als Pragmatiker. Ich kann mir niemand anderen als Donald Sutherland in dieser Rolle vorstellen, der der Ambivalenz dieser Figur Gestalt verleiht.

6. Biff Tannen aus Zurück in die Zukunft (3 Filme 1985, 1989, 1990, Robert Zemeckis):

Zurück in die Zukunft gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen, aber sie wären nichts ohne den großartigen Kotzbrocken Biff Tannen. Thomas F. Wilson spielt diesen großspurigen Widerling mit virtuoser Knallcharge und fulminantem Spielspaß, dass es eine Freude ist.

5. Lancaster Dodd aus The Master (2013, Paul Thomas Anderson):

Philip Seymour Hoffman hat mit seinem Tod im vergangenen Jahr eine große Lücke in der Schauspielwelt hinterlassen. Ein Film, der das eindrucksvoll zeigt, ist The Master. Hoffman spielt dort den charismatischen Lancaster Dodd, der die Menschen um sich herum manipuliert und seinem Narzissmus einverleibt. Könnte man selbst sich ihm entziehen? Fraglich.

4. Tyler Durden aus Fight Club (1999, David Fincher):

Wer wäre nicht gern ab und zu ein kleines bisschen wie Tyler Durden? Frei, unabhängig, konsequent? Zu dumm nur, dass er es heillos übertreibt und zum wahnsinnigen Fanatiker wird. Auf der anderen Seite gibt es meiner Meinung nach kaum eine Figur in der Filmwelt, die den Prozess von Idealismus über Ideologie bis hin zu Fanatismus und Zerstörung deutlicher zeigt als Tyler Durden. Brad Pitt spielt ihn einfach großartig mit schmuddeliger Lässigkeit und nonchalanter Arroganz. Und ich liebe diesen rosa Bademantel!

3. Roger „Verbal“ Kint aus Die üblichen Verdächtigen (1995, Bryan Singer):

Es gibt kaum einen Schauspieler, der so gut Fieslinge spielen kann wie Kevin Spacey. Ganz besonders brilliant ist er als Roger „Verbal“ Kint in Die üblichen Verdächtigen. Gibt es jemanden, den er nicht hinters Licht geführt hat?

2. Louis Bloom aus Nightcrawler (2014, Dan Gilroy):

Jake Gyllenhaal ist ebenfalls ein genialer Bösewicht-Darsteller, ihm haftet immer etwas Unheimliches, Undurchschaubares an. In Nightcrawler treibt er dies auf die Spitze und sorgt damit für lange nachhallendes Grauen. Wer den Film noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen.

1. Terrence Fletcher aus Whiplash (2014, Damien Chazelle):

Ich kann gar nicht oft genug wiederholen, wie großartig Whiplash ist! Dass dieser Film so grandios geworden ist, liegt nicht nur an den beiden tollen Schauspielern Miles Teller und J. K. Simmons, es liegt auch daran, wie fantastisch die beiden Figuren charakterisiert sind. Das Perfide an Terrence Fletcher, dem Schlagzeuglehrer des jungen Talents Andrew Neyman, ist, dass es solche Leute tatsächlich gibt. Und dass sie wirklich glauben, das Richtige zu tun. Sie schaffen es, dass andere schließlich davon überzeugt sind, falsch zu liegen und nicht würdig zu sein, ein wenig Respekt und Achtung zu verdienen.

So weit, so gut. Mit Sicherheit gibt es noch eine Vielzahl von Film-Fieslingen, die hier keinen Platz gefunden haben, obwohl sie es verdient hätten.

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59. Stück: Psychologie und Horror

Am Freitag habe ich wieder einmal einen hervorragend gemachten Horrorfilm gesehen: Warte, bis es dunkel wird von Alfonso Gomez-Rejon. Außerdem habe ich seit Stephen Kings Die Arena auch Geschmack an der Horrorliteratur gefunden. Allerdings ist mir aufgefallen, dass Horror nicht gleich Horror ist. Denn als ich neulich Stephen Kings Kurzgeschichtensammlung Nachtwache las, fand ich längst nicht alle Geschichten gleichermaßen erschreckend und spannend. Meine Theorie ist, dass Horror nur dann wirklich Grauen im Leser hervorruft, wenn es nicht bloß um Schockeffekte geht, sondern um die psychologischen Untiefen der Figuren, die die verborgenen Ängste des Lesers anstoßen. In gelungenen Horrorgeschichten und Schauerromanen – zu denen auch die Nachtstücke von E. T. A. Hoffmann aus der Schwarzen Romantik gezählt werden können – werden Urängste des Menschen berührt, indem nicht nur entsprechende Gruselmotive auftauchen, sondern vor allem geschildert wird, was dies mit den Figuren macht.

In Warte, bis es dunkel wird treibt nicht einfach nur irgendein Meuchelmörder sein Unwesen. Es ist eine Art Wiedergänger oder Nachahmungstäter, der scheinbar wahllos Liebespaare umbringt. Nur ein Mädchen verschont er. Dies könnte man nun mit plumper Brutalität erzählen und darstellen, wodurch zwar Ekel und Abscheu hervorgerufen werden könnten, aber keine Spannung, nichts, was dem Zuschauer an die Nieren geht, ihn berührt, dafür sorgt, dass er sich auch noch einige Zeit später Gedanken über den Film macht. Schlimmstenfalls wäre der Film dann unfreiwillig komisch, weil man als Zuschauer nicht glaubt, dass das auf der Leinwand tatsächlich passieren könnte und sich deswegen nicht fürchtet, sondern nur über den gezeigten Schwachsinn kichert. Das kann natürlich auch kurzweilig sein und für einen lustigen Trash-Filmabend mit Freunden taugen. Aber guter Horror ist das dann nicht.

Dieser Film aber nimmt den Serienmörder zum Anlass, eine Geschichte über Trauer, Verlust, Angst, Trauma, Misstrauen, Gewalt, Liebe und Tod zu erzählen – die ganze Palette großer, zeitloser Gefühle und menschlicher Themen also. Die junge Jami, das Mädchen, das verschont wurde, will die Mordserie unbedingt aufklären und nimmt dies als Möglichkeit, mit dem Verlust ihres Freundes, ihrer Eltern und dem tief traumatisierenden Erlebnis ihrer Beinaheermordung fertig zu werden. Ihr dabei zuzuschauen und mitzurätseln, wer der Täter ist und welches Motiv er verfolgt, ist wesentlicher Teil der Spannung. Gleichzeitig wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Handlung auf wahren Begebenheiten beruht: Tatsächlich gab es 1946 eine Reihe von Morden durch den sogenannten Phantom Killer, der jedoch nie gefasst wurde. Dies berührt verborgene Ängste, denn wenn etwas damals wirklich geschehen konnte, dann kann es das immer wieder tun.

Ebenso sind, wie ich finde, die Geschichten von Stephen King, die ich bisher gelesen habe, am spannendsten, die ebenfalls auf verborgene Urängste anspielen und in denen eindeutig unwirkliche Horrorelemente nicht die zentrale Rolle spielen, sondern ihre psychischen Auswirkungen auf die Figuren. So fand ich beispielsweise die Kurzgeschichte Spätschicht nicht so beängstigend. Darin treiben mutierte Ratten im Keller einer Textilfabrik ihr Unwesen, was zwar ziemlich eklig ist, aber trotzdem nicht übermäßig gruselig, da die Hauptfigur angesichts der Kreaturen die Fassung bewahrt. Auch die Kurzgeschichte Der Rasenmähermann hat mich nicht gefesselt. Zwar reagiert die Hauptfigur hier mit panischer Angst, doch da ein Rasenmäher, der von allein läuft und ein Mann, der die Grasreste auffuttert keine Urängste auslöst, lässt sich die Panik des Gartenbesitzers nicht nachvollziehen. Vielleicht ist das aber auch eine Frage der Zeit, denn als Stephen King die Geschichte in den 70er Jahren schrieb, gab es noch keine Rasenmähroboter. Heutzutage gibt es zudem so viele kuriose Diätweisheiten und Ernährungsgeklugscheiße, dass es mich nicht verwundern würde, wenn sich irgendein Guru eine Wiederkäuerdiät ausgedacht hätte, die darin besteht, sich nur von Gras zu ernähren.

Urängste, psychische Probleme und starke Emotionen müssen nicht konkret thematisiert werden, um in Horrorgeschichten ihre Wirkung zu entfalten. Dies gelingt auch im übertragenen Sinne in Form von Symbolen oder Metaphern. Der Alkoholiker Richie Grenadine in Stephen Kings Kurzgeschichte Graue Masse zum Beispiel, der sich nach dem Konsum einer verdorbenen Bierdose in ein graues Schleimmonster verwandelt, zeigt auf, was die Sucht nicht nur mit den Betroffenen selbst, sondern auch mit den Freunden und Angehörigen macht: Sie verschlingt und vernichtet alles um sich herum. Würde dies konkret geschildert, wäre es ein Drama, man wäre betroffen, traurig, hätte vielleicht Mitgefühl mit den Figuren. Aber man hätte keine Angst. Hier schon.

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54. Stück: Das Unheimliche in „Der Doppelgänger“ von José Saramago

Seit ich mich in meinem Studium mit E. T. A. Hoffmann, der Schwarzen Romantik und dem Unheimlichen beschäftigt habe, fasziniert mich dieses Thema. Vielleicht, weil es meiner Meinung nach, gerade das Wesen des Unheimlichen ist, dass es jeglicher Fassbarkeit und Erklärbarkeit entbehrt. Dinge, die ich nicht verstehe, machen mich immer besonders neugierig. So ging es mir auch, als ich vor ein paar Monaten den Film Enemy von Denis Villeneuve im Kino sah. Im ersten Moment fand ich ihn einfach nur eigenartig, aber trotzdem wollte ich diesem seltsamen Machwerk auf den Grund gehen. Daher habe ich mir nun die literarische Vorlage von José Saramago Der Doppelgänger zu Gemüte geführt.

In meiner Analyse des Unheimlichen bei Hoffmann hatte ich das Phänomen auf eine Unsicherheit darüber, was in der erzählten Welt der Fall ist und was nicht, zurückgeführt. Doch Saramago geht noch einen Schritt weiter. Im Doppelgänger wirkt es einerseits so als wäre klar, was in der erzählten Welt passiert ist. Andererseits wird diese scheinbare Eindeutigkeit der Grundhandlung durch die Art und Weise der Erzählung wieder infrage gestellt. Vordergründig scheint es klar: Der Geschichtslehrer Tertuliano Maximo Afonso findet heraus, dass er einen Doppelgänger hat, den Schauspieler Antonio Claro. Er spürt ihn auf, kontaktiert ihn, es kommt zum Treffen der beiden äußerlich und stimmlich vollkommen identischen Männer. Aber dann wird es knifflig: Wer war zuerst da, ist sozusagen das Original?

(Mini-Spoiler) Es ist nicht derjenige, den der Leser zuerst kennenlernt, der ihm als Hauptfigur präsentiert wird. Sondern der vermeintliche Doppelgänger.

Während es also zum Beispiel in E. T. A. Hoffmanns Sandmann von Anfang an zwei Möglichkeiten gibt, was in der erzählten Welt der Fall ist und was nicht, scheint es im Doppelgänger zunächst so als gäbe es nur eine Möglichkeit, um diese im Laufe der Erzählung immer wieder infrage gestellt zu sehen. Nicht einmal auf die Identität der Hauptfigur ist Verlass. Im Sandmann bleibt Nathanael Nathanael, unsicher ist nur, ob er spinnt oder es tatsächlich böse Mächte gibt, die ihm nach dem Glück trachten.

Aber im Doppelgänger wird das Identitätskonzept, das im Grunde das Einzige ist, auf das man sich verlassen kann, wenn alles um einen herum zerbricht, dekonstruiert. Mal weiß der Erzähler genau, was in Afonso vorgeht, mal weiß er mehr, kann sogar in die Zukunft blicken, und dann wird er selbst nicht schlau aus dem Verhalten seines Protagonisten. Gelegentlich kommt der Erzähler vermeintlich ins Plaudern und Philosophieren. Die Handlung tritt währenddessen auf der Stelle und es wird eine weitere Ebene eröffnet, die den Leser daran erinnert, dass er nur eine fiktive Geschichte liest und die den Erzählkosmos in die Außenwelt ausweitet. Das Eintauchen in die erzählte Welt wird damit immer wieder verhindert, der Leser abwechselnd und unvorhersehbar in die Geschichte hineingezogen und wieder herausgeschleudert. Am Ende dann, ohne zu viel verraten zu wollen, wird dem Leser sogar die allerletzte Gewissheit, die ihm geblieben ist, geraubt.*

Vielleicht ist das Unheimliche also das Gefühl, das überhaupt nichts mehr sicher ist, ein permanenter Schwebezustand zwischen Möglichkeiten, ein ewiger Zweifel. Nicht nur darüber, was in der erzählten Welt Wirklichkeit und Illusion, Wahrheit und Lüge ist, sondern auch über sonst selbstverständliche Gewissheiten wie Identität, Ich und Du, Leben und Tod.

*(Mega-Spoiler) Am Ende hat Antonio Claro, der in die Rolle des Afonso geschlüpft ist, einen Autounfall mit Afonsos Verlobter. Beide sterben, Claro wird als Afonso beerdigt und Afonso ist dabei, ein neues Leben mit Claros Frau anzufangen und sich immer mehr die Identität des vermeintlich toten Originals überzustülpen. Da wird er von einem Mann angerufen, der ihm erzählt, er sei sein Doppelgänger. Das Gespräch läuft genauso ab wie das Telefonat, das Afonso mit Claro geführt hatte, bevor sie sich kennenlernten, nur mit vertauschten Rollen. Ist nun nicht einmal mehr der Tod gewiss?

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35. Stück: Versuch über das Unheimliche am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Nachtstücken

Morgen habe ich meine voraussichtlich letzte Prüfung an der Uni Hamburg. Die mündliche Master-Deutschsprachige Literaturen-Prüfung. Da ich mir die drei Themen selbst aussuchen durfte, sind die alle drei durchweg ziemlich cool und überaus interessant. Kurz: Diese Themen kann ich meiner werten Leserschaft unmöglich guten Gewissens vorenthalten. Daher habe ich beschlossen, eine kleine Essay-Reihe zu verfassen und euch meine Themen vorzustellen. Mitdiskutieren und -philosophieren wie immer erwünscht. Den Anfang macht – passend zu Halloween morgen – „Das Unheimliche in E. T. A. Hoffmanns Nachtstücken“.

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E. T. A. Hoffmann ist einer der Hauptvertreter der „Schwarzen Romantik“, die sich mit den Abgründen der Seele und den dunklen Seiten des menschlichen Daseins beschäftigte. Das war dann auch zum Teil ein Gegenentwurf zur Weimarer Klassik, die sich doch mit recht viel Idealismus und vielleicht auch ein bisschen Naivität darum bemühten, den Menschen zur „schönen Seele“ zu erziehen. Das heißt, zu einem in sich ruhenden, mit sich im Reinen seienden, Pflicht, Neigung und Handeln harmonisch vereinenden, „guten“ Menschen zu kreieren. Die Kunst ging hierbei mit gutem Beispiel voran und sollte in ihrer Ästhetik und Thematik dem Menschen ein gutes Vorbild sein. Die „schwarzen Romantiker“ hingegen waren von dem Düsteren, Unerklärlichen, Bösen und Abgründigen der menschlichen Seele fasziniert.

Kein Wunder also, dass auch psychische Unannehmlichkeiten wie Wahnsinn und Melancholie (was man heute als Depression bezeichnen würde) in den düsteren Geschichten der Romantiker eine wichtige Rolle spielen. Das bekannteste Beispiel von E. T. A. Hoffmann bezüglich der Düsternis einer menschlichen Seele ist Der Sandmann. In der Literaturwissenschaft wird gemunkelt, dass die Analyse und Interpretation des Sandmanns bereits sich zu einer eigenen Disziplin entwickelt hat. Tatsächlich gibt es zahlreiche – vor allem auch psychoanalytische – Deutungen dieser Geschichte. Eine der Hauptursachen (da stimme ich mit Jürgen Walter überein) für diese unübersichtliche Menge unterschiedlichster Interpretationen ist die, dass im Sandmann bis zum Schluss offen bleibt, ob sich der Protagonist Nathanael nur eingebildet hat, dass er in Gestalt des unsympathischen Zeitgenossen Coppelius und seinem Doppelgänger, dem italienischen Wetterglashändler Coppola, von einem bösen Prinzip, einem Dämon, verfolgt wird. Oder ob es in dieser Geschichte tatsächlich übernatürliche, satanische Vorkommnisse gibt, die es auf Nathanael und sein Lebens- und Liebesglück abgesehen haben. Dem Rezipienten wird konsequent nur so viel Information geliefert, dass er grob zwei Interpretationsrichtungen rekonstruieren kann. Gleichzeitig wird aber nie Stellung bezogen, welche dieser Interpretationen nun die „richtige“ ist. Der Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov bezeichnete diese Ambivalenz oder Ambiguität, bei denen es in derselben Geschichte für das erzählte Geschehen sowohl eine natürliche (Traum, Wahn, Halluzination, etc.) als auch eine übernatürliche (Dämonen, Geister, der Teufel, Außerirdische, etc.) Ursache geben kann, als „Phantastik“. Wenn sich eine Geschichte eindeutig als übernatürlich erklären lässt, wie das beispielsweise beim Märchen der Fall ist, bezeichnet er das als das „Wunderbare“. Bei einer eindeutig natürlichen Ursache für das erzählte Geschehen, wie das beispielsweise bei einer eindeutig markierten Traumsequenz der Fall ist, spricht er vom „Realistischen“. Jürgen Walter hingegen – und auch da bin ich geneigt, ihm zuzustimmen – bezeichnet diese durchgehende Ambivalenz im Sandmann als das Unheimliche. Todorov ist Gerüchten zufolge einem Übersetzungsfehler aufgesessen. E. T. A. Hoffmanns Fantasiestücke wurden ins Französische mit contes fantastiques übersetzt statt mit contes de la fantaisie. Todorov hat wohl auch in den Fantasiestücken eine Ambivalenz der Deutungsmöglichkeiten entdeckt und daraus den Begriff der „Phantastik“ abgeleitet. Ich würde eher das, was Todorov als das „Wunderbare“ bezeichnet, als „Phantastik“ verstehen und es synonym mit dem heute geläufigeren „Fantasy“ gebrauchen. Aber das ist ein anderes Thema und auch nicht unbedingt mein Steckenpferd (auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, ich fand Tolkiens Herr der Ringe strunzlangweilig).

Der wohl berühmteste Vertreter (und so ziemlich der erste) der psychoanalytischen Interpretation der unheimlichen Wirkung des Sandmanns ist Sigmund Freud. Teilweise muss ich ihm Recht geben. So stellt auch er fest, dass das Unheimliche dadurch zustande kommt, dass etwas Eigenartiges geschieht, für das sowohl gleichermaßen eine natürliche und eine übernatürliche Ursache in Frage kommt, was aber nie restlos aufgeklärt wird. Auch halte ich es für richtig, dass er zu Beginn seines Aufsatzes das „Unheimliche“ von ähnlichen Begriffen wie das „Beunruhigende“, „Beängstigende“, „Erschreckende“, etc. abgrenzt. So fand ich zum Beispiel dieses Jahr den Film The Woman in Black (Die Frau in Schwarz) überaus erschreckend und gruselig. David Lynchs Mulholland Drive allerdings finde ich immer wieder unheimlich. Bei The Woman in Black ist es relativ schnell klar, dass es in dieser Geschichte einen bösen Geist gibt. Die Schockmomente werden so gekonnt hinausgezögert, dass man sie zwar vorausahnt, aber nie genau weiß, wann sie auftauchen. Wenn sie es dann tun – der Geist plötzlich hinter dem Protagonisten erscheint und dergleichen, erschreckt man sich fast zu Tode. So lange man die Schockmomente erahnt, ist es gruselig und wenn sie plötzlich auftauchen, erschreckend. Bei Mulholland Drive hingegen ist es die ganze Zeit über unsicher, was sich nun innerhalb der erzählten Welt wirklich ereignet hat, was vielleicht nur geträumt war und ob es sich hierbei nicht auch um die Vorkommnisse in einer Art Hölle handelt oder ob dieses unheimliche ältere Paar nicht vielleicht Dämonen oder Boten des Schicksals oder etwas anderes sind. Die Sicherheiten und Gewissheiten des Rezipienten werden zutiefst erschüttert und er weiß sich nicht mehr zwischen „Gut“ und „Böse“, „richtig“ und „falsch“, „wirklich“ und „unwirklich“ zu orientieren. Das ist unheimlich. Freud meint, das liege daran, dass man eine bestimmte Kindheitsangst oder eine Realitätsvorstellung (z. B. einen bestimmten Aberglauben wie den an Geister und böse Mächte) überwunden glaubte, weil man sie verdrängt hat und sie dann wieder durch bestimmte Momente wachgerufen werden. Als Beispiel nennt er bezüglich des Sandmanns die Angst vor Kastration, die der kleine Nathanael von seinem Vater erwartet, weil er ödipale Gefühle für ihn hegt und sich deswegen schuldig fühlt. Das halte ich allerdings persönlich für etwas weit hergeholt, da im Text selbst Nathanael schlichtweg Angst vorm Sandmann hat, weil er ihm die Augen auszureißen droht. Das ist doch schon beängstigend genug. Und das sage ich als Frau. Ich werde wohl kaum die Augenangst als Ersatz für die Kastrationsangst gebrauchen. Wie sollte ich Angst haben, etwas zu verlieren, was ich nie hatte und auch nie haben wollte. Tut mir leid, Jungs, Penisneid bei uns Frauen könnt ihr mal sowas von vergessen. Aber im Rahmen von Freuds Psychoanalyse ist das schon sinnvoll, da er davon ausgeht, dass diese Kastrationsangst jeder kleine Junge empfindet, ebenso wie jedes Kind ödipale Gefühle gegenüber seinen Eltern hegt. Das ist bereits von vielen Psychologen kritisiert worden und gilt wohl heute auch als überholt. Damals zu Freuds Zeit war das allerdings eine große Sache, weil er als einer der ersten diesen Tabubruch mit der Sexualität (auch der des Kindes) gewagt hat. Also, wörtlich genommen ist das mit der Kastrationsangst ziemlicher Mumpitz, aber im übertragenen Sinn passt es in meine bisherige These. Die Angst vor Kastration und die Angst vor dem Verlust der Augen lässt sich als Angst vor dem Verlust von Handlungsfähigkeit (Potenz), Identität, Orientierung und Sicherheit betrachten. Wenn man die Augen erstmal verloren hat, kann man lernen, damit umzugehen. Aber die Angst davor ist es, die einen zutiefst verunsichern kann. Jeder kennt den Spruch, das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Das, was wir mit unseren eigenen Augen sehen, halten wir für wirklich. Das, was wir für wirklich halten, gibt uns Orientierung und Sicherheit. Damit können wir umgehen und handeln. Wir haben nach wie vor die Kontrolle. Das Gefühl, das uns diese Kontrolle, Sicherheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit entgleitet, ist das, was die unheimliche Wirkung erzeugt.

In E. T. A. Hoffmanns weiteren Nachtstücken (Ignaz Denner, Die Jesuiterkirche in G., Das Sanctus, Das öde Haus, Das Majorat, Das Gelübde und Das steinerne Herz) finden sich weitere Techniken und Motive, die eine Unsicherheit und Ambivalenz darüber erzeugen, was sich in der erzählten Welt wirklich zugetragen hat und was nicht. So wird zum Beispiel der Leser im Unklaren darüber gelassen, in was für einem Genre er sich befindet. Im Genre Märchen oder Fantasy ist es normal, das merkwürdige Dinge geschehen. Das lässt sich dann leicht beispielsweise als Zauberei oder als Fluch erklären und ist vielleicht erschreckend oder gruselig, aber nicht unheimlich. Die Nachtstücke aber sind weder eindeutig Märchen noch eindeutig einer realistischen Erzählgattung zuzuordnen. Verstärkt wird dieser Effekt auch noch dadurch, dass die Geschichten immer in irgendeiner Weise durch eine Erzählerfigur vermittelt werden, wobei zumeist auch mehrere Erzählebenen ineinander geschachtelt sind. Das heißt, man erfährt die Ereignisse nicht aus erster Hand von einem allwissenden Erzähler, auf den man sich verlassen könnte, was die Vermittlung der erzählten Wirklichkeit betrifft, sondern immer perspektivisch gefiltert oder getrübt, je nachdem. Das Geschehen geht wie in dem Stille-Post-Spiel durch mehrere Erzähler hindurch und erhält so die Glaubwürdigkeit von Gerüchten. Es ist nicht sicher, dass es sich wirklich so zugetragen hat. Zudem sind die Erzähler häufig auch noch psychisch labil oder zumindest angeschlagen und wissen selbst nicht so recht, was sie sich eingebildet haben und was nicht.

Soweit erst einmal meine Überlegungen zu meinem ersten Prüfungsthema. Wer mir zustimmen, widersprechen oder etwas ergänzen möchte, kann dies gern tun. Ich bin gespannt!

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