Monatsarchiv: Juli 2014

52. Stück: Ausstellung „Krieg und Propaganda 14/18“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe

Im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist zurzeit noch bis zum 2. November 2014 eine sehr spannende Ausstellung zu sehen, die sich mit der Rolle der Propaganda im ersten Weltkrieg beschäftigt. Gleich zu Beginn von „Krieg und Propaganda 14/18“ wird man auch als Museumsgänger von heute, 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg, in die Propagandamühle hineingesogen. Aus Lautsprechern schallen abwechselnd Motivationsreden und die erste Strophe der deutschen Nationalhymne – die gruseligerweise auch noch Stunden später, nach Verlassen der Ausstellung, als Ohrwurm nachhallt. Zu Beginn werden beunruhigte Stimmen skeptischer Zeitzeugen mit den grellbunten Propagandaplakaten – die an Werbeplakate angelehnt sind – gegenüber gestellt. Ein wenig schade ist, dass im ersten Teil nur die britische und die deutsche Seite beleuchtet werden. Aber irgendeine Auswahl muss man wohl treffen, wenn man eine Ausstellung organisiert.

Die griffigen Slogans, die Heldenmythisierung wirken wie eine Mischung aus Motivationsgerede, emotionaler Erpressung, Fußballeuphorievokabular, Appell ans Pflichtbewusstsein und Werberhetorik. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer das ist, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Bei der Dämonisierung des „Feindes“ geht es dann schon plumper zu: Völlig unsubtil wird gesagt, der Brite an sich sei Schuld, wenn in Deutschland Menschen Hunger leiden und arbeitslos sind. Oder es werden völlig hanebüchene Statistiken ausgedacht, die die Deutschen als in jeder Hinsicht überlegenes Volk präsentieren.

Die Kinder werden später durch patriotisches Spielzeug und Geschichten mit klarem Feindbildbezug indoktriniert. Volksveranstaltungen mit patriotischem Heldengeschwurbel, Filmpropaganda, Kriegshelden-Devotionalien, Satirezeitschriften, Lügen und die Verdrehung von Tatsachen tun ihr Übriges, um die Menschen auf Krieg einzustellen und plötzlich in Grenzen und Territorien zu denken, statt in Nächstenliebe und Toleranz.

Wenn man diese Methoden offenbart sieht, gibt einem das zu denken. Zwar leben wir im Moment in Europa in Frieden und so schnell hat hier wohl keiner Lust auf einen dritten Weltkrieg. Aber wenn doch, greifen die gleichen Propagandamittel wie vor hundert Jahren immer noch. Propaganda fängt ja bereits da an, wo eine Auswahl getroffen wird. Denn dann überblickt man nicht mehr objektiv das ganze Gesamtbild, sondern bekommt eine bestimmte Sicht der Dinge präsentiert, wird in eine Richtung gelenkt. Das muss nicht immer schlimm sein, aber da beginnt schon die Manipulation und Meinungsmache. Insofern ist es vielleicht auch ein wenig paradox, dass auch eine Ausstellung zu Propaganda eine Auswahl treffen muss. Vielleicht ist vollkommene Objektivität auch gar nicht möglich. So bleibt es bei jedem Einzelnen, sich über mehrere Sichtweisen zu informieren, sich umzuschauen, über den Tellerrand zu blicken, neugierig und offen zu bleiben. Und im Hinterkopf zu behalten, gegenüber allzu einfachen Patentrezepten, Formeln und Slogans stets skeptisch zu bleiben.

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