Monatsarchiv: Juni 2015

64. Stück: „Rocco Darsow“ von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses am 17. Juni 2015

Liebe und Realität

Nach längerer postdramatischer Theaterabstinenz habe ich letzte Woche Rocco Darsow von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg angeschaut – und war begeistert! Die Bühne besteht aus einer überdimensionalen Torte (mit essbaren Elementen), zwei Leinwänden und einem riesigen schwarzen Totenkopf, der aus der Mitte herausragt. Die Hälfte des kurzen Stücks verbringen die Schauspieler Martin Wuttke, Bettina Stucky, Christoph Luser und Sachiko Hara innerhalb des Totenkopfs. Sie werden dabei gefilmt und die Bilder werden live auf die Leinwände projiziert. Dies ist ein für Pollesch typischer Verfremdungseffekt, der dem Zuschauer offenbart, dass er sich gleichzeitig in einem Theaterstück (also einer Fiktion) und in der Realität befindet.

Polleschs Stücke lassen sich wie eine fortgesetzte Work in progress betrachten. Es wird nicht jedesmal eine abgeschlossene Geschichte erzählt, sondern es werden verschiedene Themen aus den Bereichen Leben, Lieben, Wirtschaft und Gesellschaft verhandelt. Dabei treten manche Leitmotive häufiger auf als andere und werden nicht nur von einem Stück zum nächsten wieder aufgegriffen, sondern auch innerhalb eines Stücks wiederholt. Jedoch sind diese Wiederholungen nicht exakt gleich, sondern stets leicht variiert. Das liegt daran, dass Pollesch seine Stücke nicht erst schreibt und dann seinen Schauspielern vorsetzt. Er entwickelt seine Texte gemeinsam mit den Schauspielern im Probenprozess, wobei die Leitmotive und wiederkehrenden Themen von jedem Schauspieler ein wenig anders betont und interpretiert werden.

Die Themen, die in Rocco Darsow im Mittelpunkt stehen, sind die Liebe, die Realität, das Sein. Der Totenkopf in der Mitte erinnert – das wird im Stück auch explizit gesagt – an den Terminator, nachdem seine menschliche Hülle verbrannt ist. Dieser intertextuelle Verweis auf einen der Klassiker der Popkultur und einen der bekanntesten Zeitreise-Filmen stellt die Frage: Was ist Realität? Schließlich wird in Terminator durch das Großvaterparadoxon die Realität innerhalb der erzählten Welt durcheinander gebracht, sodass sich nachher kaum logisch entwirren lässt, wo die Ursache und wo die Folge der Handlungen sind, die die erzählte Wirklichkeit bestimmen. In wechselnden Variationen stellen die Schauspieler in Rocco Darsow immer wieder die Frage, wie Realität zustande kommt. Wenn eine Person einer anderen ihre leidenschaftliche Liebe gesteht, wird Letztere durch diese Aussage dann erst zur Geliebten? Oder war sie es schon vorher? „Und ist nicht das die Realität, die immer so tut als wäre sie schon da, aber sie ist immer erst nachträglich da.“

Trotz solcher Texte, die für Gehirnknoten sorgen, ist Rocco Darsow sehr witzig und unterhaltsam geraten. Auch das begegnet dem Zuschauer regelmäßig in Polleschs Stücken, dass die durchweg hervorragenden Schauspieler voller Spielfreude das Publikum mitreißen. Das rasende Tempo, in dem die Texte vorgetragen werden, der ehrliche Tonfall, die Mischung aus Umgangssprache und Fachbegriffen regen zum Nachdenken an, ohne zu belehren.

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63. Stück: Logik von Zeitreisen in fiktionalen Werken

Asche auf mein Haupt, erst letztes Wochenende habe ich erstmals Terminator geguckt, zusammen mit meinem Freund. Und ich finde, der Film ist vollkommen unlogisch. Er ist trotzdem unterhaltsam und spannend, aber, wenn man mal darüber nachdenkt, haut das mit der Zeitreise logisch betrachtet hinten und vorne nicht hin. Mein Freund entgegnete diesem Einwand mit der kategorischen Feststellung, Zeitreisen wären grundsätzlich nicht logisch, woraufhin ich meinte, in Zurück in die Zukunft sei die Zeitreise-Thematik sehr wohl logisch. „Nee“, meinte mein Freund und da dachte ich: Jetzt reicht’s, ich schreibe einen Essay.

Wohlan, die Diskussion ist eröffnet:

  • These Nr. 1 (meine, also die Richtige): Zeitreisen können in fiktionalen Werken logisch dargestellt werden.
  • These Nr. 2 (die von meinem Freund, der unrecht hat): Zeitreisen sind grundsätzlich unlogisch und deswegen muss man die Unlogik in Zeitreise-Geschichten einfach hinnehmen.

Meine These ist insofern schonmal besser, als dass sie mehr Spaß macht. „Es ist so wie es ist“, ist eine langweilige These. Außerdem muss man meines Erachtens unterscheiden zwischen „logisch“ und „in der wirklichen, nicht-fiktionalen Welt wissenschaftlich realisierbar“. Bisher sind Zeitreisen im wirklichen Leben noch nicht durchführbar, aber in Filmen und Büchern sind sie es. Das heißt, man kann für erzählte Welten, in denen Zeitreisen möglich sind, eine eigene, innere Logik voraussetzen, die den Naturgesetzen der wirklichen Welt nicht in jedem Punkt entsprechen muss.

Kommen wir nun zum berühmt-berüchtigten Großvaterparadoxon, das häufig im Zusammenhang mit der „Terminator“-Welt zitiert wird. Das Paradoxon besteht in folgendem Gedankenspiel: Jemand reist in die Zeit zurück, um seinen eigenen Großvater umzubringen. Sobald er ihn jedoch umbringt, hört er auf zu existieren, er wird gar nicht erst geboren. Dann kann er allerdings auch nicht in die Zeit zurückreisen, um seinen Großvater umzubringen.

Wie löst man dieses Problem?

Eine Möglichkeit ist, davon auszugehen, dass die Ereignisse in der Zeit bereits im Kern feststehen und nicht grundlegend veränderbar sind. Ich nenne das mal die Schicksals-Erklärung. Alles ist vorherbestimmt, was passieren soll, wird passieren, in welcher Form auch immer. Demnach würde es wahrscheinlich erst gelingen, den Großvater umzubringen, nachdem er den Vater oder die Mutter bereits gezeugt hat und auch nur dann, wenn ohnehin vom Schicksal vorgesehen war, dass er bald nach der Zeugung ermordet wird (wenn auch nicht zwingend von seinem eigenen Enkel, der, nebenbei bemerkt, von Respekt vor dem Alter anscheinend nie was gehört hat). Dieses Weltbild liegt anscheinend bei Terminator der Logik innerhalb der erzählten Welt zugrunde.

Aber: Wozu geben sich der Terminator und Kyle Reese die ganze Mühe, 45 Jahre in die Vergangenheit zu reisen, dort allerhand Unruhe zu stiften und das Raum-Zeit-Kontinuum ins Chaos zu stürzen, wenn ohnehin alles so passiert, wie es vorgesehen ist und sich nicht ändern lässt? Dann wird doch John Connor trotzdem irgendwie geboren, oder zumindest jemand, der dann an seiner Stelle seine Rolle als Anführer der Menschenrebellen übernimmt. Und dann verlieren die Maschinen doch ohnehin früher oder später den Krieg, wenn das vom Schicksal so vorgesehen ist.

Nun könnte man einwenden, dass die Figuren nicht wussten, dass es überhaupt nichts nützt, die Vergangenheit zu verändern, weil der Ablauf der Ereignisse innerhalb der Zeit im Kern sowieso von vorneherein feststeht. Dass sie halt einfach mal ihr Glück versucht haben. Na ja, … Ein wenig dürftig, die Erklärung, oder? Und woher hatte Kyle Reese das Foto von Sarah, wenn es in seiner Zukunft, mit der ursprünglichen, vom Terminator unbehelligten Vergangenheit, noch nicht geschossen wurde? Wer war ursprünglich John Connors Vater und macht es denn überhaupt keinen Unterschied, wenn sein Vater sich plötzlich ändert und Kyle Reese derjenige welche wird?

Wenn eine Handlung so viele Fragen aufwirft, dann ist sie nicht logisch. Tut mir leid. Aber liegt das in der Natur der Sache, wie mein Freund behauptet? Darf man da überhaupt gar nicht erst anfangen, über die Handlung nachzudenken? Vielleicht. Aber meines Erachtens geht es eben doch anders.

Eine weitere Möglichkeit, sich aus dem Großvaterparadoxon herauszuwieseln, ist die Viele-Welten-Theorie. Dabei gibt es nicht nur einen im Kern unveränderbaren Zeitstrang, wie es bei der Schicksals-Erklärung der Fall ist, sondern beliebig viele parallele Zeitstränge oder auch Welten. Kehrt jemand in die Vergangenheit zurück und pfuscht da fröhlich vor sich hin, eröffnet sich ein neuer Zeitstrang und eine neue Parallelwelt, die eine Zukunft mit den veränderten Voraussetzungen zeigt. In dieser Theorie würde der undankbare Enkel also in die Vergangenheit reisen, seinen Großvater abmurksen und damit eine neue Welt eröffnen, in der sein Großvater nicht mehr lebt, er aber weiterhin existiert. Es gibt ihn dann sozusagen doppelt: einmal in der neuen Welt und einmal in der alten Welt. In der alten Welt aber hat sich nichts verändert, dort lebt sein Großvater weiterhin, kann sein Kind und seinen Enkel zeugen, der dann später in die Vergangenheit zurückreist. Diese Erklärung lässt sich allerdings nicht auf Terminator anwenden, da in dem Film nicht ein einziger Hinweis darauf gegeben wird, dass es mehrere parallel laufende Zeitstränge gibt. Vielleicht kommt das noch in den folgenden Teilen?

Beispiele für fiktionale Werke, in denen die Viele-Welten-Theorie als Erklärung für Zeitreisen dient, ist zum Beispiel Stephen Kings Der Anschlag oder auch Richard Kellys Meisterwerk Donnie Darko, je nachdem, wie man diesen ambivalenten Film interpretiert. Mit der Viele-Welten-Theorie macht man es sich natürlich leicht, da können keine Logiklöcher entstehen, wenn bei jeder Veränderung eine neue Welt eröffnet wird. Dann ist alles möglich.

Aber kann ein Film oder ein Buch auch in sich eine logische Welt aufbauen, wenn es sich nur um eine Welt handelt? Im bereits erwähnten Zurück in die Zukunft zum Beispiel, da ist die Handlung, dafür, dass Zeitreisen das zentrale Motiv sind, im Großen und Ganzen logisch. Zumindest logisch genug, damit mein ruheloser Geist nicht ständig mit einem „Hä? Moooooment! Da stimmt was nicht, warum ist das *ratter-ratter-ratter-klöter-rumpel*“ dazwischenhupt.

Es gibt den ursprünglichen Zeitverlauf: Marty McFlys Eltern lernen sich zu Highschoolzeiten kennen und lieben, weil sein Vater George vors Auto von Martys Großvater, Lorraines Vater, gefallen ist. Lorraine hatte daraufhin Mitleid mit ihm, ist mit ihm zum ‚Verzauberung unterm See‘-Tanz gegangen, wo sie sich das erste Mal geküsst haben und von da an war ihre Zukunft besiegelt. In den 80er Jahren ist George ein Versager, wird vom Rüpel Biff weiterhin drangsaliert, Lorraine ist frustriert, alles ist irgendwie suboptimal.

Nun kommt die Handlung aus dem ersten Teil: Marty reist aus Versehen ins Jahr 1955 zurück und fällt statt George vor das Auto von Lorraines Vater. Das heißt, sie verliebt sich in Marty, nicht in George. Soweit, so logisch. Je mehr sie sich in Marty verliebt und je ferner die Möglichkeit rückt, dass sie George überhaupt nur wahrnimmt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Marty aufhört zu existieren. Wenn er tatsächlich vollständig verschwinden würde, dann könnte er natürlich auch nicht in die Vergangenheit reisen und alles bliebe beim Alten. Aber da er seine Eltern nicht umbringt, wird das Großvaterparadoxon geschickt umgangen, er löst sich also nur allmählich auf. Und dann, bevor es zu einem Paradoxon kommen kann, wendet sich alles zum Guten und George küsst Lorraine. Allerdings hat er dadurch, dass er Biff eine reingehauen hat, Selbstvertrauen gewonnen und deswegen ist dann die Gegenwart doch leicht verändert, als Marty ins Jahr 1985 zurückkehrt. George ist ein erfolgreicher Autor, Lorraine und er sind wie frisch verliebt und Biff ist der Versager, der ständig die Familienautos waschen muss.

Im zweiten Teil von Zurück in die Zukunft wird es etwas komplizierter, aber meiner Meinung nach bleibt es dennoch innerhalb des erzählten Universums folgerichtig. Marty und Doc Brown reisen ins Jahr 2015 (Am 21. Oktober, haben schon alle ihre Kalender gezückt, um ihn Willkommen zu heißen? Und wo bleibt mein Hoverboard!), um Martys zukünftigen Sohn vor einem Schlamassel zu retten. Sie erledigen ihre Mission, aber in der Zwischenzeit hat der alte Biff sie beobachtet, das mit der Zeitmaschine spitzgekriegt und heckt einen teuflischen Plan aus. Er kauft in einem Antiquariat einen Almanach mit den Ergebnissen der Sportwetten von 1950 bis 2000, klaut die Zeitmaschine und reist ins Jahr 1955, wo er seinem jungen Alter Ego den Almanach überreicht. Als Marty daraufhin in seine Gegenwart, das Jahr 1985 zurückkehrt, ist alles verändert: Biff ist zum reichsten und mächtigsten Mann der Stadt aufgestiegen, die Stadt versinkt in der Kriminalität, George ist in der Zwischenzeit gestorben und Lorraine hat danach Biff geheiratet und ist Alkoholikerin geworden. Also müssen Marty und Doc Brown wieder nach 1955 reisen, um zu verhindern, dass der alte Biff dem jungen Biff den Almanach gibt. Ist doch logisch, oder?

Der dritte Teil spielt fast ausschließlich im Wilden Westen, und da man dieses Mal nicht so viel davon erfährt, inwieweit Martys und Docs Handlungen Auswirkungen auf die Zukunft haben, drücken sich die Filmemacher hier geschickt darum, Logiklöcher überhaupt erst entstehen zu lassen.

Das ist überhaupt die einfachste Methode, Zeitreisen in fiktionalen Werken zu schildern, ohne dass ein Großvaterparadoxon entsteht. Man lässt die Figuren aus der Zukunft schlichtweg nichts derart Wesentliches in der Vergangenheit verändern. Oder man lässt seine Figuren gar nicht erst in die Vergangenheit reisen, so wie im ersten Teil von Planet der Affen oder in Die Zeitmaschine nach dem Roman von H. G. Wells. Da hat man dann freie Hand und kann auf Basis der aktuellen Gegenwart die Zukunft beliebig weiterspinnen. Was dann eine wunderbare Taktik ist, um Gesellschaftskritik an aktuellen Problemen zu üben, ohne diese direkt ansprechen zu müssen. Diese Denkleistung muss der Zuschauer übernehmen. Eine spannende Aufgabe.

Und, was meint ihr? Konnte ich euch überzeugen, dass es sehr wohl möglich ist, Zeitreisen in Filmen und Büchern logisch zu erzählen?

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