Monatsarchiv: November 2010

19. Stück: „Penthesilea“ von Roger Vontobel am 20.11.2010 im Hamburger Schauspielhaus

Kleist rockt!

Man ahnt zunächst Schlimmes nach Betreten des Zuschauerraums. Schwarze Stühle sind in einer Reihe aufgebaut, davor Mikrophone auf Ständer montiert. An den Seiten befinden sich mit Plexiglas abgetrennte Kabinen: Rechts für die Musiker mit Schlagzeug und E-Gitarre, links für den Tontechniker mit Mischpult. Aus der Mitte des Parketts wurden Stuhlreihen entfernt und auf der Bühne wieder aufgebaut. Das wird doch hoffentlich kein Performance-Happening-Probenatmosphäre-Theater à la „Nathan der Weise“ von Nicolas Stemann? Etwas, bei dem man sich mit seiner Rolle als Zuschauer auseinandersetzen und über die Publikumssituation reflektieren muss, weil auf der Bühne nichts Interessantes passiert?

Doch dann die Überraschung! Die Befürchtungen werden sämtlich enttäuscht. Die Schauspieler betreten die Bühne und sofort entsteht eine konzentrierte, gespannte Atmosphäre. Es beginnt wie ein Live-Hörspiel, Odysseus erzählt die Vorgeschichte, wir befinden uns mitten im trojanischen Krieg. Ein Geräusche-Chor unterstützt ihn dabei und wechselt zwischen friedlichen Lauten wie Vogelgezwitscher zu kriegerischen Geräuschen wie Maschinengewehrrattern und Pferdegetrappel. Mit einfachsten Mitteln wird so die anfänglich friedliche Atmosphäre zu einer kriegerischen, aggressiven Atmosphäre umgeschwungen.

Es kommt Bewegung hinzu: Die Stühle werden umgeworfen, die Schauspieler suchen hinter ihnen wie in einem Schützengraben Deckung und funktionieren die Mikrophonständer zu Gewehren um. Die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite.

Die Musiker unterstützen nicht nur den Geräusche-Chor, sie machen aus „Penthesilea“ ein wahres Rockkonzert. Mal spielen sie leise und dezent, kreieren eine bedrohliche Atmosphäre, die das tragische Ende bereits vorwegnimmt, mal spielen sie laut, wild und aggressiv und lassen die weibliche Rockband der Amazonen auf die männliche Rockband der Griechen prallen. „Penthesilea“ ist bei Roger Vontobel auch ein Kampf der Geschlechter. Die Frauen geben sich hierbei stolz und kämpferisch, die Männer grölen mit der aggressiven Kampfeslust angetrunkener Fußballfans gegen sie an.

Der Zuschauerraum wurde durch die Stuhlreihen auf der Bühne auf diese ausgeweitet, dafür erstreckt sich die Bühne durch die entfernten Stuhlreihen bis in den Zuschauerraum. Doch das Publikum auf der Bühne sitzt nicht auf dem Silbertablett, verlässt auch seine Rolle als Publikum nicht und wird nicht direkt zu Akteuren. Vielmehr wird man als Zuschauer direkt ins Geschehen geworfen, ob man auf der Bühne, im Rang oder im Parkett sitzt. Die Schauspieler wirbeln durch den gesamten Raum, mal auf der Bühne, mal im Rang, mal im Parkett. Dafür, dass sich die eigentliche Handlung von Kleists „Penthesilea“ hauptsächlich im Unsichtbaren abspielt, passiert bei Roger Vontobel auf der Bühne unheimlich viel.

„Penthesilea“ nicht naturalistisch-realistisch zu inszenieren wird dem Werk hierbei gerecht. Lässt Vontobel anfangs den Text für sich allein sprechen, kommt später noch als Gestaltungsmittel die Form eines Rockkonzerts hinzu. Sicher geht die Lautstärke manchmal auf Kosten der Verständlichkeit, was vielleicht das einzige Manko der Inszenierung ist. Doch das Gesamtbild wird dadurch nicht beeinträchtigt.

Jana Schulz spielt Penthesilea und sie spielt sie großartig. Sie changiert zwischen zerbrechlich-zärtlicher Kindlichkeit und aggressiv-wildem Stolz und wirkt dabei wie der Panther aus Rainer Maria Rilkes gleichnamigem Gedicht. Wie ein wildes Tier, gefangen im Käfig, streift sie rastlos umher und wirkt, als wüsste sie nicht wohin mit ihrer Einsamkeit und ihrer Kraft. Sie ist hin- und hergerissen zwischen der Tradition, dem Amazonengesetz, der Verpflichtung gegenüber ihren Kameradinnen und zwischen ihrer individuellen Neigung, ihrer Liebe zu dem „Peliden“ Achill.

Markus John spielt Achill, ein „Anti-Brad-Pitt“ der wirkt wie ein Bär. Achill ist einerseits eine parallele Figur zu Penthesilea, wie eine verwandte Seele. Auch er wirkt wie ein wildes Tier in Gefangenschaft, ist zerrissen zwischen Pflicht und Gefühl, zwischen der Loyalität zu seinen Kameraden und seiner Liebe zu Penthesilea. Andererseits sind sie beide Gegner im Kampf. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, müssen sich aber hassen.

In einer einzigen, zärtlichen Liebesszene treffen diese beiden Figuren aufeinander. Diese Szene nimmt kurzzeitig das wilde, aggressive, laute Tempo aus der Inszenierung. Zögernd nähern sich beide einander an, doch schließlich siegt Penthesileas Stolz, als sie erfährt, dass nicht sie Achill besiegt hat, sondern er sie. Sie kommt nicht gegen ihre Traditionsverhaftung an. Ihre Liebe ist zum Scheitern verurteilt. Penthesilea zerreißt Achill mit ihren Hunden. Sie zerbricht daran und stirbt schließlich an ihrem Schmerz.

Roger Vontobels Inszenierung zerreißt auch dem Zuschauer das Herz, wie Penthesilea den Achill mit ihren Hunden. Wild, leidenschaftlich und voller Energie. Ein toller Abend, mit tollen Schauspielern, einem großartigen Ensemble, toller Musik und vor allem einem tollen Stück. Kleist rockt!

(Isabelle Dupuis)

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18. Stück: „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“ von Volker Lösch im Hamburger Schauspielhaus am 11.11.2010

Schöner leben am Rand – Volker Lösch hat wieder zugeschlagen

Hamburg scheint Volker Lösch zu bekommen. Mit seinem grandiosen „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ hatte er bereits einen kleinen Skandal heraufbeschworen und sich als Vertreter eines neuen politischen Theaters gezeigt. Nun legt er nochmal einen oben drauf und benutzt das Märchen von Hänsel und Gretel als Ausgangspunkt, mit Kindern und Eltern aus dem Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg Kritik an der überhaupt nicht gleichen Gesellschaft im allgemeinen und dem Umgang mit Migration im besonderen zu üben.

Wie im „Marat …“ stehen sich auch hier die Schauspieler Achim Buch (damals Marat) und Marion Breckwoldt (damals Marquis de Sade) gegenüber: hochmotivierter, idealistischer Gutmensch auf der einen, ätzend-sarkastische Zynikerin auf der anderen Seite. Auch sind einige Mitglieder des marat-schen HartzIV-Chors wieder dabei, so dass bereits auf der Akteur-Ebene auf einen Fortsetzungscharakter hingewiesen wird. Flankiert werden Achim Buch und Marion Breckwoldt von Tristan Seith und Marco Albrecht. Das Quartett wird sich nach dem Prolog in Idole des „Unterschichten-Fernsehens“ verwandeln, Raab, Klum und Bohlen, daneben eine groteske Karikatur Westerwelles, der seine bekannten Phrasen betreffs HartzIV drescht.

Die Schauspieler stehen somit für einen bestimmten Typus, sind also keine psychologisch-realistisch gezeichneten Figuren. Diesen „Helden des Instant-Star-tums“ gegenüber stehen der Chor der Kinder und der Chor der Eltern. Es geht hier nicht um Individuen und ihre Einzelprobleme, sondern um grundlegende, gesellschaftliche Probleme. Der Chor ist hier Repräsentant einer Gesellschaftsschicht, die normalerweise nicht zu Wort kommt. Und bei der alle anderen glauben besser zu wissen, was gut für sie ist und was sie brauchen.

Entlarvt wird die gutgemeinte Heuchelei von Charity-Promis und dergleichen, die alles ganz furchtbar schlimm finden, total begriffen haben, worum es im Leben ankommt, aber denjenigen, um die es ihnen angeblich geht, überhaupt nicht zuhören. Es geht nur um sie und ihre Selbstdarstellung.

Das ist nicht nur unterhaltsam, das ist brüllend komisch. Volker Lösch gelingt hier einmal mehr das Kunststück, Humor, Witz und Unterhaltung mit Sozial- und Politkritik zu verknüpfen. Die fantastischen Schauspieler und Chorsprecher reißen das Publikum mit ihrer Energie unweigerlich mit. Natürlich klöterte und holperte der Chor zwischendurch auch mal, hin und wieder geriet es etwas durcheinander. Aber das stört hier nicht weiter.

Aber, wie auch im „Marat …“, ist auch hier nicht klar, was nach Beendigung der Produktion aus den Kindern wird. Und aus den Eltern-Darstellern. Es wäre schön, wenn von den Einflussreichen im Publikum auch welche dabei wären, die ihr soziales Gewissen nicht im Theatersaal gelassen haben und die sich engagieren, diese Menschen zu unterstützen. Mit Jobangeboten, Lehrstellen oder ähnlichem. Wenn die Sozialkritik nur Unterhaltung bleibt, genügt das nicht.

Zum Schluss gab es noch eine kleine Irritation, als der Schauspieler Achim Buch an die Rampe trat um noch eine Ansprache zu den Teilerfolgen in der desaströsen Hamburger Kulturpolitik zu halten. Es war nicht klar, ob dies noch zum Stück gehört, gepasst hätte es jedenfalls. Die große Katastrophe – die massive Kürzung, die das junge Schauspielhaus auf dem Gewissen hätte – ist demnach wohl erst einmal abgewendet. Nichtsdestotrotz ließ es sich Buch nicht nehmen, sich in einem symbolischen Akt seiner Fliege zu entledigen.

Es bleibt die Frage: Kann ein politisches Theater wie dieses tatsächlich etwas bewegen? Die Suche geht weiter…

(Isabelle Dupuis)

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