Monatsarchiv: Januar 2021

103. Stück: Kinojahresrückblick 2020 – Top 5 und Flop 5

Das Jahr 2020 war für die Kulturbranche und die Kinos kein gutes Jahr. Bevor die Corona-Pandemie mit voller Wucht zuschlug, war ich immerhin 19-mal im Kino und zwischen der ersten und zweiten Welle habe ich es immerhin einmal ins Kino geschafft. Das würde also für eine Top 10 und Flop 10 genau ausreichen. Allerdings fände ich es ein wenig unfair, Filme, die ich nur mittelmäßig fand auf meine Topliste zu setzen und Filme, die immerhin ganz OK waren und mich nur nicht sonderlich vom Hocker gerissen haben, auf meiner Flopliste zu verewigen. Und da dieses Jahr ohnehin alles anders war, habe ich beschlossen, auch meinen Kinojahresrückblick ein wenig anders zu gestalten als sonst. Anstelle von zwei Beiträgen mit der Top 10 und der Flop 10 gibt es jetzt nur einen einzigen Beitrag und nur fünf Filme auf den jeweiligen Listen. Viel Spaß!

Top 5 der Kinofilme 2020

5. „1917“ von Sam Mendes

„1917“ von Sam Mendes ist ein geradlinig erzählter, atemlos spannender (Anti-)Kriegsfilm. Die Prämisse ist simpel: Zwei britische Soldaten sollen schnellstmöglich eine Botschaft an ein anderes britisches Bataillon überbringen, damit diese nicht in einen deutschen Hinterhalt geraten. Das Problem: Sie müssen durch das Niemandsland, wo überall feindliche Soldaten und Fallen lauern können.

Diese Ausgangssituation wird konsequent durchgespielt und quasi in einer Einstellung gezeigt – sodass die permanente Anspannung und Rastlosigkeit der beiden Protagonisten hautnah spürbar wird. Hinzu kommt eine schonungslose Darstellung der Zerstörung, des allgegenwärtigen Todes während des Krieges. Und das geht ziemlich an die Nieren. Ein bisschen schade dabei ist, dass die Figurencharakterisierung ein wenig auf der Strecke bleibt. Ansonsten wäre es sicher noch fesselnder geworden – vielleicht aber auch zu fesselnd.

Ich hätte nicht gedacht, dass mir der Film so gut gefallen würde. Eigentlich bin ich nur mitgekommen, um meinem Freund Gesellschaft zu leisten. Normalerweise finde ich Kriegsfilme schon aus Prinzip doof und wurde durch mein letztes Experiment in die Richtung – „Dunkirk“ von Christopher Nolan – in meiner Meinung bestätigt. Aber „1917“ ist wirklich stark.

Fazit: Lohnt sich! Ist aber nichts für schwache Nerven.

4. „Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl“ von Caroline Link

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Caroline Link geht ans Herz. Ich habe das Buch zuletzt als Kind gelesen und fand es im Film aber hervorragend und stimmig umgesetzt. Dazu noch das wunderbare Spiel der kleinen Riva Krymalowski sowie insbesondere von Oliver Masucci und Carla Juri als ihre Eltern, Justus von Dohnányi als Onkel Julius und Ursula Werner als Heimpi – das lässt die Geschichte lebendig werden.

Das Heimweh, die Heimatlosigkeit und die Schwierigkeiten der Familie, sich an immer neuen Orten auf ihrer Flucht einzuleben und in ständiger Sorge um die Daheimgebliebenen zu leben, wird ebenso deutlich, wie die kleinen Glücksmomente: neue Freundschaften, Schokoladenkuchen, Erfolge in der Schule und im Beruf … Die Geschichte wird aus Sicht der kleinen Anna erzählt, die mit einem unerschütterlichen Optimismus und einer unbändigen Neugier ausgestattet ist. Trotzdem werden die Hintergründe der Handlung nicht verharmlost.

Fazit: Toller Film mit großartigen Schauspielern. Lohnt sich!

3. „Intrige“ von Roman Polanski

„Intrige“ von Roman Polanski ist ein fesselnder Thriller über einen der größten Justizskandale der französischen Geschichte: die Dreyfus-Affäre. Der Film fängt an mit der öffentlichen Degradierung des Artillerie-Hauptmanns Alfred Dreyfus. Ihm wird vorgeworfen, für das Deutsche Kaiserreich spioniert und damit Landesverrat begangen zu haben. Während ihm nach und nach jedes Kennzeichen seines militärischen Ranges und seiner Zugehörigkeit zum Militär von der Uniform gerissen wird, seine Waffen abgenommen und zerbrochen werden, ringt er mit der Fassung. Am Ende dieser quälenden Demütigung beteuert er seine Unschuld. Keiner glaubt ihm.

Der Film wird aus Sicht des Oberstleutnant Marie-Georges Picquart erzählt, der Alfred Dreyfus ausgebildet hat und zunächst als Beobachter im Prozess sitzt. Er wird dann jedoch zum Leiter des französischen Militärgeheimdienstes ernannt – und macht seine Arbeit zu gut. Er entdeckt Ungereimtheiten im Fall Dreyfus und stößt auf einen weiteren Verdächtigen, der viel eher als Täter infrage kommt. Er kann nicht anders, als seine Pflicht zu tun und handelt sich damit jede Menge Ärger mit dem gesamten französischen Militärapparat ein …

Das wird einerseits sehr nüchtern und sachlich erzählt, andererseits bauen die Ereignisse so gekonnt aufeinander auf, dass eine atemlose Spannung entsteht. Picquart stößt mit seinen Nachforschungen in ein Wespennest aus Vetternwirtschaft, Korruption, Dilettantismus, politischen Ränkespielen, Intrigen – und Antisemitismus.

Die Schauspieler in diesem Film sind durch die Bank weg großartig. Vor allem Louis Garrel als Alfred Dreyfus und Jean Dujardin als Marie-Georges Picquart spielen ihre Figuren mit beeindruckender Glaubwürdigkeit, Facettenreichtum, Tiefgang und Stolz.

Fazit: Unbedingt empfehlenswert, nicht nur für Geschichtsfans!

2. „Jojo Rabbit“ von Taika Waititi

„Jojo Rabbit“ von Taika Waititi ist übermütig, albern, durchgeknallt – und trotzdem berührt der Film zutiefst. Gerade durch den Kontrast des grotesken, dunkelschwarzen Humors und der ernsten Thematik wird die Grausamkeit des Faschismus umso deutlicher. Man versteht aber auch durch die kindliche Perspektive Jojos, was Kinder am Nationalsozialismus fasziniert haben mag, warum sich so viele von ihnen mit Freuden für die Hitlerjugend und schließlich als Kanonenfutter einspannen ließen. Es zeigt auch, wie leicht sich Menschen von Angst und Ideologie manipulieren lassen.

Gleichzeitig ist „Jojo Rabbit“ eine Coming-of-age-Geschichte, in der ein kleiner Junge unverhofft den Ernst des Lebens kennenlernt und seine Ideale, Wirklichkeitsbegriffe und sein Selbstverständnis plötzlich auf den Kopf gestellt sieht. Und behutsam, Schritt für Schritt, den Verlust seiner Gewissheiten zu überwinden lernt und dabei erwachsen wird. Der kleine Roman Griffin Davis spielt das übrigens hervorragend und ist von der ersten bis zur letzten Sekunde überzeugend. Scarlett Johansson als seine Mutter ist auch toll, aber ihre Rolle ist eben großartig geschrieben.

Fazit: Ein ungewöhnlicher und sehr gelungener Film! Unbedingt sehenswert!

1. „Coma“ von Nikita Argunov

„Coma“ von Nikita Argunov ist ein visuell überragender Thriller, der obendrein noch mit einer spannenden, wendungsreichen Story überzeugt. Ein wenig bietet sich bei der Thematik – eine Welt, in der Komapatienten leben und die aus ihren Erinnerungen zusammengesetzt ist – ein Vergleich mit „Inception“ an. Während in diesem ebenfalls hervorragenden Film jedoch im Wesentlichen die Story darin besteht, das Prinzip von Inception zu erklären, und ansonsten nicht viel passiert, wartet „Coma“ mit ausgeklügelten Plot Twists, vielschichtigen Charakteren mit komplexen Motiven, Philosophie, Ethik, Gesellschaftskritik und dem einen oder anderen satirischen Seitenhieb auf.

Fazit: Ein Film, den man nicht verpassen sollte!

Außer der Reihe: Der beste Animationsfilm in 2020 (und der einzige Animationsfilm, den ich 2020 im Kino gesehen habe)

„Weathering with You“ von Makoto Shinkai

„Weathering with You“ von Makoto Shinkai ist ein bezaubernder, märchenhafter Animationsfilm mit liebenswerten Charakteren, Humor und Melancholie. Die Coming-Of-Age-Geschichte eines 16-jährigen Oberschülers, der es zu Hause in seinem kleinen Dorf nicht mehr aushält und nach Tokyo abhaut, ist verwoben mit fantastischen Elementen, die dem Film etwas Mystisches verleihen. Aber erzählt wird diese Geschichte mit einer federleichten Poesie, sodass es nie schwermütig oder kitschig wird. Die Zeichnungen sind einfach wunderschön. Mit wie viel Liebe zum Detail hier jeder Lichtreflex, jeder Wassertropfen zum Leben erweckt wird, ist atemberaubend und verbreitet eine magische Wirkung.

Ich habe dennoch ein wenig gebraucht, um in die Handlung hineinzufinden, da sie stellenweise etwas merkwürdig ist. Doch dann wachsen einem die Figuren zunehmend ans Herz und man wünscht ihnen alles Gute. Und eine süße Katze kommt auch noch vor, das ist ja ohnehin aus meiner Sicht immer ein Pluspunkt.

Fazit: Zauberhafter, poetischer Animationsfilm, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Flop 5 der Kinofilme 2020

5. „Bombshell – Am Ende des Schweigens“ von Jay Roach

„Bombshell – Am Ende des Schweigens“ von Jay Roach ist leider nicht bissig, konsequent und mutig genug geraten, um als wirklich geniale Satire à la „Big Short“ oder „Vice“ durchzugehen. Das ist schade, denn Potenzial wäre genug dagewesen – bei diesem Stoff und diesem hervorragenden Cast. Die Schauspieler*innen sind zwar sehr gut, aber sie bleiben aufgrund des zu zahmen Drehbuchs hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Es scheint, als hätten sich die Macher nicht getraut, das Thema #metoo wirklich auszureizen – also Machtmissbrauch einflussreicher Männer in Bezug auf (junge) Frauen in der Berufswelt, unterschwelliger Sexismus, wie es sich für die betroffenen Frauen anfühlt … Vielleicht ist das Ganze auch noch zu frisch und zu aktuell, um die nötige Distanz aufzubringen, die eine Satire braucht.

Was rüber kommt – und das ist den tollen Schauspielerinnen Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie zu verdanken – sind die Ängste und Sorgen, die diese Frauen umtreibt. Allerdings auch nur diese Frauen in Bezug auf einen Mann. Im Anschluss an den Film bleibt das Gefühl zurück, es handle sich um einen Einzelfall und nicht um ein prinzipiell überholtes System, das Machtmissbrauch einflussreicher Männer in Form von sexueller Belästigung und Sexismus begünstigt gegenüber Frauen, die im Berufsleben mit den Männern gleichziehen wollen.

Es lässt das grundsätzliche Problem, dass man als Frau im Beruf immer mehr oder weniger unterschwellig das Gefühl hat, man müsste sich mindestens dreimal so viel anstrengen wie Männer, um genauso erfolgreich zu sein. Man dürfte aber auch nicht zu ehrgeizig rüberkommen – sonst gilt man als zickig und spaßbefreit. Zu sexy darf man auch nicht sein – sonst gilt man als Schlampe oder muss sich irgendwelche Sprüche und „Witze“ anhören. Zu unsexy ist auch nicht gut – dann ist man ein verklemmtes Mauerblümchen. Und wenn man das als Frau anspricht, wird es abgewiegelt: „Neeeeiiiiin, ach Quatsch, da stellst du dich aber auch echt ein bisschen an. Also iiiiiich hab das ja noch niiiiiiie so erlebt, das musst du dir einbilden, entspann dich mal und mach dich locker.“ (Übrigens teilweise auch von anderen Frauen, die wohl einfach Glück hatten oder es mit Feingefühl nicht so haben). Und natürlich ist es auch eher selten so schlimm wie im Film. Meistens ist es eben nur so ein ganz leichtes, unterschwelliges Gefühl, dass man als Frau nicht hundertprozentig selbstverständlich frei darin ist, wie man sich kleidet und wie man sich verhält und ein ganz leises, flüsterndes Unbehagen, nicht gut genug zu sein so wie man ist. Und darüber schwebt dann immer ein „selber Schuld“ oder „das bildest du dir ein, stell dich nicht so an“.

Na ja … jedenfalls bin ich der Meinung, der Film war zu artig, hat sich zu sehr auf den Einzelfall konzentriert und am Ende den Eindruck hinterlassen, mit Erledigung dieses Einzelfalls sei auch das zugrundeliegende Problem gelöst. Was es nicht ist. Und das fand ich enttäuschend.

Fazit: Hm. Als halbdokumentarisch erzählter Film über den Fall Roger Ailes vs. Gretchen Carlson (und die anderen Frauen) durchaus gelungen. Als Satire über die der #metoo-Bewegung zugrundeliegenden Probleme bleibt der Film leider unter seinen Möglichkeiten. Schade.

4. „Das Vorspiel“ von Ina Weisse

„Das Vorspiel“ von Ina Weisse wurde als deutsche Version von „Whiplash“ angepriesen und entsprechend hoch waren auch meine Erwartungen an den Film. Diese wurden leider enttäuscht, denn während in „Whiplash“ die Dynamik zwischen Schüler und Lehrer für atemlose Spannung sorgt und man sich dem Sog dieses Psychoduells zwischen zwei musikalischen Genies auf Augenhöhe nicht entziehen kann, passiert in „Das Vorspiel“ eigentlich nichts – zumindest bis kurz vor Schluss. Der Schüler macht keine wirkliche Entwicklung durch und ist auch sonst keine schillernde, zwielichtige Gestalt wie Andrew Neiman. Er wirkt wie ein tapsiger Hundewelpe, der aus völlig verschüchterten Augen erstaunt in die Welt blickt und irgendwie nicht richtig zu wissen scheint, was er da eigentlich soll, wo er gerade steht. Er ist zwar ganz niedlich, aber bleibt leider langweilig und blass. Das liegt nicht am Schauspieler, der ist toll und sehr überzeugend, aber die Rolle ist einfach zu schwach charakterisiert und setzt der überehrgeizigen, überspannten Geigenlehrerin nichts entgegen.

Nina Hoss ist dabei noch das Beste am Film – wie sie die Geigenlehrerin spielt, der langsam alles in ihrem Leben entgleitet, ist großartig. Leider kann sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass einfach keine richtige Geschichte erzählt wird. Die anderen Schauspieler sind übrigens auch richtig gut – was für einen deutschen Film beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Was man vielleicht vorher wissen sollte: Ein Teil der Dialoge wird auf Französisch gesprochen und nicht untertitelt. Mir macht das nichts aus, ich bin selbst zweisprachig, aber es gab im Kinosaal ein ununterbrochenes Geraune, Gemurmel und Gebrumsel von Leuten, die ihre Schulfranzösischkenntnisse hervorkramten und versuchten, die Passagen zu übersetzen. Und mindestens zwei-drei dieser französischen Dialoge sind wesentlich entscheidend für die Handlung. Das fand ich ziemlich unglücklich.

Fazit: Leider sehr langweilig geraten, ich würde den Film nicht weiterempfehlen. Oder man schaut ihn sich irgendwann in Ruhe im Fernsehen an, dann nerven einen die anderen Zuschauer wenigstens nicht und man kann zwischendurch aufstehen und sich Tee kochen oder ein Brot schmieren.

3. „Bloodshot“ von Dave Wilson (II)

„Bloodshot“ von Dave Wilson (II) hätte ein passabler Mindgame-Movie werden können, hätte man die Pointe nicht schon im Trailer beziehungsweise im ersten Filmdrittel verraten. Was bleibt, ist ein austauschbarer Vin-Diesel-Actionkracher, der sich leider viel zu ernst nimmt. Die Figuren sind holzschnittartig, die Dialoge banal, die Spannungskurve flach, die Handlung vorhersehbar und wendungsarm.

Fazit: Schade, hätte das Potenzial für einen unterhaltsamen Film gehabt, aber das Pulver wurde viel zu früh verschossen. Muss man nicht gucken.

2. „Bad Boys For Life“ von Adil El Arbi & Bilall Fallah

„Bad Boys For Life“ von Adil El Arbi und Bilall Fallah ist leider von ein paar netten Gags abgesehen nicht so unterhaltsam geraten wie seine Vorgänger. Ist es zu Beginn noch ganz witzig und niedlich, die beiden harten Jungs als gealterte Männer zu sehen und weiß der Gegensatz zwischen dem ängstlichen Spießer Marcus und dem draufgängerischen Berufsjugendlichen Mike noch zu erheitern, verpufft dieser komische Effekt nach einer Weile. Zurück bleibt eine hanebüchene Rachegeschichte und jede Menge Action.

Gut, ein Action-Film braucht keine tiefgründige, gesellschaftskritische, philosophische oder sonstwie komplexe Handlung. Aber zumindest geradlinig und konsequent sollte ein gelungener Actionfilm sein. Wenn’s dann zwischendurch völlig unpassend sentimental oder sogar traurig wird, man davon aber gänzlich unberührt bleibt, weil man sich noch über irgendwelche mystischen Anklänge aus den Szenen davor wundert und sich fragt, was der Quatsch soll, dann macht das meiner Meinung nach nicht so viel Spaß.

Mir hätte der Film besser gefallen, wenn sie die Story einfacher gehalten hätten, dafür außerdem ein paar von den Arschwitzen gestrichen und das Ganze auf knackige 80-90 Minuten heruntergekürzt hätten. Na ja, aber immerhin: Der Nostalgie-Faktor hat schon einiges wieder wettgemacht. Martin Lawrence und Will Smith sind eben doch ein eingespieltes Duo – von daher gibt’s auch zwei Sterne und nicht bloß einen halben.

Fazit: Na ja, ich denke, den Film wird sich eh jeder anschauen, der die anderen beiden Vorgänger mochte. Ich finde nicht, dass sich das wirklich lohnt, aber davon sollte sich niemand abhalten lassen.

1. „Tenet“ von Christopher Nolan

Sooo, das hat mir gefehlt 🙂 Achtung, Leute, das wird ein Verriss. „Tenet“ von Christopher Nolan ist der erste Film, den ich seit Wiedereröffnung der Kinos nach dem Lockdown gesehen habe – und gleich ein Kandidat für den schlechtesten Film des Jahres 2020. Visuell ist der Film schon in Ordnung, stellenweise sogar ganz cool. Davon aber abgesehen stimmt in diesem Film einfach hinten und vorne (rückwärts und vorwärts, Hihi) überhaupt nichts und der ganze Kladderadatsch ergibt nicht den geringsten Sinn.

Jaaa, mag der eine oder andere protestieren, man dürfe „Tenet“ eben nicht mit dem Verstand begreifen wollen, sondern müsse ihn … ähm … öhm … irgendwie auf einer anderen Bewusstseinsebene wahrnehmen und auf sich wirken lassen. Nolan sei ja schließlich dafür bekannt, Verwirrspiele zu erschaffen, die den Verstand des Zuschauers, seine Gewohnheiten und Gewissheiten auf den Kopf stellen, die Grenzen der Vorstellungskraft sprengen und so weiter und so fort. Das stimmt ja auch. Und das ist ihm in „Memento“ und „Inception“ beispielsweise auch meisterhaft gelungen. In „Tenet“ aber nicht. Mein Eindruck ist, der feine Herr hat sich einfach auf seine persönlichen Geheimrezepte der vergangenen Filme verlassen, mit Zeit, Wahrnehmung und Erzählgewohnheiten wie immer herumgespielt und sah offensichtlich keine Veranlassung, seine eigenen Gewohnheiten mal zu hinterfragen und zu brechen.

Herausgekommen ist ein langweiliges, langatmiges, spannungsfreies Machwerk, das überhaupt nichts aussagt und beim Zuschauer nichts auslöst (außer Verwirrung). Es ist faul – denn Nolan hat sich auf seine bewährten Mätzchen verlassen und nichts wirklich Neues erzählt, genau genommen hat er einfach mal gar nichts erzählt, sondern nur ansatzweise coole, einigermaßen stylische Actionszenen aneinander gereiht. Es ist feige – denn Nolan drückt sich total offensichtlich darum, das Risiko einzugehen, die Handlung in irgendeine Richtung zu lenken. Jedesmal, wenn die Figuren im Film eine Frage stellen, was das Ganze eigentlich soll, wozu das alles dient oder Fragen zur Schlüssigkeit und Logik stellen, windet sich Nolan heraus und versucht gar nicht erst, dieses Herauswinden zu vertuschen: „Versuchen Sie gar nicht erst, das zu verstehen“, „Was passiert ist, ist passiert“, „Das ist halt ein Paradoxon“, „Nicht drüber nachdenken“, „Das wissen die, die’s wissen müssen“ und andere Plattitüden werden dann dem Fragesteller und dem Zuschauer vor die Füße geworfen und dann geht der Film eben weiter. Der Film ist außerdem eitel – denn er gefällt sich selbstverliebt darin, eine vermeintlich gute Idee gehabt zu haben, und diese platt zu walzen und auszureizen bis zum Gehtnichtmehr.

Der Plot und die Dialoge sind also schon mal Murks. Fiebert man wenigstens mit den Figuren mit? Nö. Der „Protagonist“ hat noch nicht einmal einen Namen. Man weiß überhaupt nicht, wer er ist, woher er kommt, was er will und was er nicht will, warum er das tut, was er tut, wieso, weshalb, warum er überhaupt in der Geschichte eine Rolle spielt. Das gilt für alle anderen Figuren auch. So gut kann kein Schauspieler sein, gegen eine so holzschnittartig konzipierte Figurencharakterisierung anzuspielen. Auch von Neil erfährt man überhaupt nichts über seine Motivation. Kat, die einzige Frauenfigur, soll wohl eine Hommage an die klassische Hitchcock-Blondine darstellen, wird aber so auf ihre Rolle als Mutter und misshandelte Ehefrau reduziert, dass es einfach nur sexistisch und ärgerlich ist. Warum man Kenneth Branagh einen irren Russen als Bösewicht spielen lässt und keinen irren Briten, erschließt sich ebenfalls nicht. Vielleicht, um irgendwie so eine Kalter-Krieg-Plotline mit dem Holzhammer in die Story zu prügeln und dabei kein Klischee auszulassen. Vielleicht auch nur, weil Kenneth Branagh Lust hatte, einen russischen Dialekt zu sprechen.

Fazit: Dieser Film ist faul, feige, eitel – und schlecht. Wen ein grottiges Drehbuch, fade Figurencharakterisierung, fehlende Handlungslogik respektive überhaupt keine Handlung, eine fehlende Spannungskurve, schauderhafte Dialoge und wie verloren wirkende Schauspieler nicht stören und wer sich die ganz coolen visuellen Effekte anschauen möchte, kann das natürlich trotzdem tun. Aber er/sie beschwere sich hinterher nicht, ich hätte nicht vorgewarnt.

+++ SPOILER +++ SPOILER +++ SPOILER +++
Wer den Film schon gesehen hat, kann mir vielleicht doch mal ein paar Fragen beantworten, die mich gestern Abend noch wach gehalten und im Traum verfolgt haben, weil sie überhaupt keinen Sinn ergeben. Oder ich bin zu blöd. Egal. Also, hier meine Fragen:

  • Warum bauen die Leute in der Zukunft überhaupt erst eine Waffe, die die ganze Welt auslöscht?
    Nachdem diese Waffe nun völlig idiotischerweise gebaut wurde, warum zerteilen sie das Ding in neun Teile und verstecken diese Teile irgendwo in der Vergangenheit, sodass die Teile in der Zukunft garantiert wieder auftauchen und irgendein Irrer in der Zwischenzeit ausreichend Gelegenheit hat, die neun Teile zusammen zu suchen, das Ding zusammenzubauen und die Welt zu zerstören? Warum zerstören sie die Waffe nicht wieder? Warum zerstören sie nicht wenigstens ein Teil davon? Warum zerteilen sie das Ding nur in 9 Teile, nicht in 99 oder 999? Warum sieht das Ding aus wie ein Phallus aus Schrott? Warum verstecken sie nicht wenigstens ein paar der Einzelteile in der Gegenwart, schießen sie auf den Mond oder sonstwo hin, dass der Irre in der Vergangenheit da nicht herankommt? Und braucht man den Schrott-Phallus überhaupt oder reicht der komische Algorithmus?
  • Warum wollen die Leute aus der Zukunft Krieg mit der Vergangenheit? Da schießen sie sich doch buchstäblich selbst ins Knie?
  • Irgendwann wird auch angedeutet, dass die Leute aus der Zukunft die Leute aus der Vergangenheit bestrafen wollen, weil die ihnen den Klimawandel eingebrockt haben. DIESE LEUTE HABEN EINE ZEITMASCHINE! DIE KÖNNEN ALLES RÜCKGÄNGIG MACHEN! Warum nutzen sie ihre Zeitmaschine nicht für etwas Sinnvolles, wie den Klimawandel zu verhindern, so lange es noch möglich ist? Sie könnten doch die Regierungen infiltrieren mit ihren Leuten und die Politik im Sinne des Klimaschutzes zu beeinflussen. Nein, das wäre ja zu naheliegend, lasst uns doch stattdessen unsere Zeitmaschine nutzen, um den dritten Weltkrieg anzuzetteln und alles Leben auf der Welt zu zerstören (Ja, Kat. Auch dein Sohn), muahahahahaha!
  • Der Irre hat die Möglichkeit, sich selbst mit der Zeitmaschine zu invertieren. Warum heilt der Typ nicht einfach seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs damit, anstatt eine Superwaffe aus der Zukunft zusammen zu bauen und die Welt in die Luft zu jagen?

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