Monatsarchiv: Januar 2015

55. Stück: „Gone Girl“ von Gillian Flynn und die doppelte Ich-Perspektive

Nachdem mich der Film Gone Girl von David Fincher so gefesselt hat, wollte ich unbedingt das Buch von Gillian Flynn lesen. Die Verfilmung ist sehr gelungen, doch die literarische Vorlage ist noch besser. Man erfährt einfach noch mehr über die Motive, Gedanken und Gefühle der Figuren. Was ich besonders hervorragend fand, war der Einsatz der doppelten Ich-Perspektive im Roman Gone Girl. Das wird zwar im Film übernommen, kommt jedoch im Buch noch deutlicher zum Ausdruck. Es ist ja nicht immer ganz einfach, eine Geschichte aus der (beschränkten) Sicht einzelner Figuren zu erzählen. Das kann schnell daneben gehen, wenn diese Figuren nicht absolut präzise, vielschichtig, facettenreich, überraschend, geheimnisvoll, nachvollziehbar und individuell charakterisiert worden sind.

Ein Beispiel für eine misslungene doppelte Ich-Perspektive bietet der letzte Teil von Veronica Roths Divergent-Trilogie. Dort ist nie klar, ob nun Tris oder Four gerade die Geschichte erzählen, weil ihr Sprachstil sich zu stark ähnelt. Außerdem erscheinen ihre Gedanken, Gefühle, Gewissensbisse und Probleme zu ähnlich und werden auf zu ähnliche Weise von beiden gehandhabt. Da kommt man als Leser nicht nur durcheinander, es ist auch sehr langweilig und verdirbt viel Spannungspotential. Der Inhalt ist zwar trotzdem fesselnd, sodass die Buchreihe dennoch lesenswert ist. Aber man hätte mit etwas mehr schriftstellerischem Geschick noch mehr daraus machen können.

Wie das gelingt, zeigt also Gillian Flynn in Gone Girl. Wer die Geschichte noch nicht kennt und das Buch noch lesen oder den Film noch sehen will, sollte lieber nicht weiterlesen. Bei der Beschreibung der doppelten Ich-Perspektive muss ich vermutlich ziemlich viel spoilern.

Im ersten Teil stehen Nicks Schilderung des Geschehens und Amys Tagebucheinträge gleichberechtigt neben- und gegeneinander. Beide Ich-Erzähler buhlen um die Sympathie des Lesers – beide Figuren sind selbst Autoren/Schriftsteller und das spiegelt sich auch in ihrer Sprache wider. Sie erzählen die Ereignisse aus ihrer Sicht, haben dabei jedoch stets offenkundig ein Publikum im Hinterkopf. Das sollte immer bei Romanen der Fall sein, egal aus welcher Perspektive geschrieben wird. Doch bei der Ich-Perspektive muss das, sofern die Figuren nicht selbst auch Schriftsteller oder Geschichtenerzähler sind, verdeckt geschehen. Dass das hier nicht nötig ist, ist raffiniert und unterstützt die Spannung der Frage, was denn nun stimmt und was nicht.

Ist man jedoch darauf angewiesen, den Bezug von der intradiegetischen (innerhalb der erzählten Welt) Figur zur extratextuellen (außerhalb der erzählten Welt) Leserschaft zu verstecken, läuft man Gefahr, dass der Leser sich nicht so gut mit der Figur identifizieren kann. Identifikation ist jedoch unverzichtbar, um Spannung und Unterhaltung zu kreieren. Schließlich soll es dem Leser nicht völlig egal sein, was mit den Figuren in der Geschichte passiert. Man muss die Figur nicht mögen, aber man muss sie zumindest ansatzweise verstehen und ihre Motive nachvollziehen können. Dann kann man selbst entscheiden, ob man die Art und Weise, wie sie ihre Motive verfolgt und umsetzt persönlich ablehnt oder gut findet. Die Ich-Perspektive mit verdecktem Publikumsbezug ist beispielsweise in Suzanne Collins‘ Hunger Games-Trilogie überaus gelungen. Man fiebert mit, was mit Katniss Everdeen passiert, ohne dass sie den Leser direkt anspricht, mit einbezieht oder sich für seine Meinung interessiert.

In Gone Girl hingegen versuchen beide Ich-Erzähler, den Leser auf ihre Seite zu ziehen. Ein wenig kommt man sich als Leser vor wie ein Kind inmitten eines fiesen Sorgerechtsstreits. „Du willst doch lieber bei der Mama wohnen, wir finden den Papa voll doof, oder?“ – „Bei der Mama kannst du aber nicht so viel Playstation spielen wie du möchtest und beim Papa gibt’s jeden Abend Pizza zum Abendbrot“ und so weiter.

Auf der einen Seite gibt es Nick, der eigentlich aus seiner Ehe herauswill, der seine Frau Amy nicht mehr erträgt, sich ihr nicht gewachsen sieht. Aber auch ein ganz normaler Feigling ist, der sich nicht so recht aus seiner Komfortzone heraustraut. Manchmal bringt er einen (besonders als weibliche Leserin) zum Augenrollen, dann wieder hat man Mitleid, kann ihn verstehen und findet ihn sympathisch.

Amy stellt sich in ihren Tagebucheinträgen als romantisch, naiv, verträumt und bis über beide Ohren verliebt dar. Wenn sie schildert, wie die Ehe immer schlimmer, Nick immer respektloser, gemeiner, aggressiver wird und sie nur noch vernachlässigt und wie Dreck behandelt, bekommt man Mitleid mit ihr, kann sie verstehen, findet sie sympathisch. Das Bild von Nick bekommt durch Amy erhebliche Kratzer. Das Bild von Amy bekommt durch Nick, wenn schon keine Kratzer, so doch zumindest viele Fragezeichen verpasst.

Am Ende vom ersten Teil steht es 1:0 für Amy. Nick hat sich als Lügner entpuppt, der dem Leser eine Affäre verheimlicht hat, außerdem wenden sich langsam nicht nur seine Schwiegereltern, sondern auch seine Zwillingsschwester – mit der er ein Herz und eine Seele normalerweise ist – von ihm ab beziehungsweise fangen an, an seiner Unschuld zu zweifeln. Der Leser verliert an Vertrauen in Nicks Perspektive, gewinnt jedoch an Vertrauen in Amys Darstellung der Ereignisse. Der Verdacht, Nick könnte tatsächlich seine Ehefrau umgebracht haben und verschwinden lassen, erhärtet sich. Seine Ich-Perspektive wird unzuverlässig.

Dann kommt der zweite Teil und schlagartig wird dem Leser klar: Amy hat ihn mit ihrer Ich-Perspektive in den Tagebüchern die ganze Zeit verarscht, an der Nase herumgeführt und manipuliert. Der Leser sollte sie ins Herz schließen und an Nicks Rechtschaffenheit zweifeln – und das ist ihr gelungen. Nun sind die beiden Perspektiven wieder gleichberechtigt in der Publikumsgunst und es steht nicht mehr die Frage im Vordergrund „War er’s oder war er’s nicht?“, sondern „Wie kommt Nick aus der Nummer bloß wieder heraus?“ sowie „Wird Amy erwischt?“

Die Sympathie oszilliert zwischen Nick und Amy – Einerseits hat sich Nick wirklich wie ein dämlicher Idiot benommen und sich rücksichtslos egoistisch aufgeführt und somit ist man auch ein kleines bisschen schadenfroh. Andererseits: So eine gemeine, harte Strafe hat er nun auch wieder nicht verdient, schließlich droht ihm nun die Todesstrafe, obwohl er nichts wirklich Schlimmes getan hat. Im Gegenzug muss man Amys Plan dann aber doch bewundern und irgendwie ist sie in ihrer zynischen Kaltschnäuzigkeit und eiskalten Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen auch sehr witzig und unterhaltsam. Nichtsdestoweniger ist sie natürlich eine knallharte Superpsychopathin, die auch nicht vor Mord zurückschreckt, um ihren Willen durchzusetzen. Während sie getrennt sind, Nick um sein Leben fürchten muss und Amy erkennt, dass das Leben ohne Nick irgendwie doch nicht so toll ist, kommen sich die beiden näher. Nick wächst über sich hinaus, kommt aus seiner Lethargie heraus und Amy wird durch die Rückschläge während ihres Alleingangs ein wenig demütiger.

Wenn Amy im dritten Teil zu Nick zurückkehrt, ist er stärker geworden und sie ein bisschen schwächer. Sie sind plötzlich gleichberechtigte Gegner, die sich auf einer Stufe treffen. Dennoch belauern sich die beiden wie zwei feindliche Raubkatzen und der Tango wird weitergetanzt. In den Ich-Perspektiven wird klar, wie Nick zunächst noch versucht, Amy zu überlisten und zu überführen. Amy durchschaut das und hat natürlich entsprechende Vorkehrungen getroffen. Sie kriegt ihn schließlich mit einer tatsächlichen Schwangerschaft. Nick glaubt nun, aus der Ehe nicht mehr heraus zu können wegen des Babys und es scheint, als hätte Amy schließlich gewonnen. Doch Nicks letzter Beitrag zeigt ihn letztendlich als gleichberechtigten Partner für Amy, vor allem aber als den einzig möglichen Partner. Amys letzter Beitrag hingegen zeigt sie nach wie vor als Opfer ihrer Unsicherheiten – was sie nicht minder gefährlich macht.

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