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50. Stück: Kunst, Theater, Politik und Extremismus

In Frankreich gibt es zurzeit einen beängstigenden Rechtsruck. Der rechtsradikale Extremismus des Front National hat nun auch die Kunst erreicht, genauer gesagt, das Theater, insbesondere das Festival d’Avignon. Der Direktor des Festival d’Avignon Olivier Py ist entsetzt, dass der Front National in der ersten Runde bei den Kommunalwahlen die Mehrheit eingefahren hat und plant, das Festival woanders stattfinden zu lassen oder seinen Hut zu nehmen, sollten die Rechtsradikalen auch die zweite Runde, die morgen am 30. März stattfindet, gewinnen. Für dieses Jahr könne man zwar nicht mehr viel am Programm ändern, doch für nächstes Jahr würde er sich bemühen, das Festival d’Avignon in Spielstätten der Nachbarorte zu verlegen – oder gehen. Nun kann man natürlich fragen, was die politische Einstellung des Bürgermeisters einer Stadt mit ihrer Theaterkultur zu tun hat? Sollten Theater und Kunst nicht um ihrer selbst existieren und sich nicht in die Politik einmischen?

Olivier Py sagt – und da stimme ich ihm voll und ganz zu – Nein! „Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, wie es möglich sein soll, mit einer Bürgerschaft aus dem Front National zusammenzuarbeiten“, stellt er im Interview mit laprovence.com klar. Er begründet: „Die Werte des Front National sind das absolute Gegenteil der Werte des Festival d’Avignon und sogar das Gegenteil der Werte von Avignon selbst, die eine multikulturelle Stadt ist.“ Und im Interview mit Télérama.com betont er, die „Kultur ist keine gutbürgerliche Unterhaltung, sie ist eine politische Waffe“ und erläutert: „Kultur soll offen machen für das Andere, die Unterschiede, das Fremde. Jean Vilar selbst – der das Festival 1947 gründete – mochte den Begriff ‚Festival‘ nicht; er hätte den Begriff ‚Begegnungen‘ bevorzugt.“

Gerade wenn ein Land in gefährliche politische Schieflage gerät und sich Extremismus breit macht, sich in die Seelen und Gehirne der Menschen frisst, dann MUSS Kunst Stellung beziehen, zum Nachdenken anregen, ein Gegengewicht bilden, Aufschreien und auf die Barrikaden gehen. Wenn nicht die Kunst, wer sonst? Aber ist es der richtige Weg, mit Kündigung oder Flucht zu drohen? Ist das nicht feige? Olivier Py führt im Interview mit Télérama.com als Beispiel die Reaktion von Charles De Gaulle und Pétain während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an. De Gaulle ging nach London und organisierte von dort aus die Résistance-Bewegung mit. Pétain blieb und kollaborierte mit den Besatzern und machte schließlich gemeinsame Sache mit ihnen. Sicher kann man einwenden, dass der Front National noch keinen Völkermord begangen oder sich daran beteiligt habe und dass der Vergleich daher hinke. Doch: So fängt es an.

Die Nazis hat man Ende der 1920er Jahre auch noch überwiegend für Spinner gehalten, dann fingen immer mehr Menschen an, mit ihnen zu sympathisieren. Je schlechter es dem Land ging, desto radikaler wurde nach Schuldigen dafür gesucht. Und da kam Hitler, präsentierte ein willkommenes Feindbild und der Rest ist bekannt. Aber nun geht es wieder vielen Ländern schlecht, es wird nach Schuldigen gesucht und da ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte wiederholt. In verschiedenen Ländern Europas haben die Rechtsradikalen wieder Hochkonjunktur, in den Niederlanden, in Griechenland, in Russland natürlich, in Frankreich und in der Schweiz. Nationalismus ist wieder en vogue und mir ist das gelinde gesagt unheimlich.

Was aber können Kunst und Theater bewirken? Plumpe, reißerische und effektheischende Provokation à la Rodrigo García halte ich für schwierig. Entweder, die Leute fühlen sich verarscht, sind beleidigt oder applaudieren begeistert und nicken wohlwollend die Kritik ab, gehen nach Hause und das war’s. Wirklich über Inhalte, Standpunkte und ihr eigenes Verhalten dabei nachdenken tun sie dadurch nicht. Auch politisches Theater à la Brecht – und da gehe ich mit René Pollesch d’accord – ist nur bedingt geeignet, Menschen zum politischen Nachdenken zu mobilisieren. Da wird dann die moralische Keule geschwungen und schulmeisterlich der Zeigefinger erhoben und am Ende weiß man zwar, was der Autor des Stücks für politisch richtig hält, doch eine eigene kritische Meinung bildet man sich dabei nicht wirklich. Dann doch lieber ein schöner Skandal, weil irgendein spätpubertierendes Performance-Enfant-Terrible auf der Bühne Kunstblut über eine Jesusfigur im Nacktkostüm gießen lässt.

Weiter seine Arbeit machen und zu hoffen, man könnte im Kleinen vielleicht gelegentlich ein kleines Bisschen dezenten Widerstand leisten, funktioniert mit Sicherheit nicht. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen in Klaus Manns Mephisto. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass mit einem Theaterstück oder einem anderen Kunstwerk überhaupt Stellung bezogen und etwas ausgesagt wird. Man kann auch verschiedene, konträre Standpunkte gegenüber stellen. Und dann sind Vielfalt und Gegensätzlichkeit wichtig, weshalb die kulturelle Landschaft eines Landes und einer Stadt auf keinen Fall weiter ausgedünnt werden darf. Schließlich denke ich, sollten sich Künstler und Kulturschaffende nicht hinter ihren Kunstwerken verstecken, sondern hervortreten und ihre Meinung sagen, so wie das Olivier Py getan hat. Dabei muss man auch bereit sein, notfalls Konsequenzen zu ziehen, die einem schwer fallen. Als im September 2010 der Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Friedrich Schirmer, zurücktrat, war das zwar erst ein Schock. Er wurde von vielen Seiten für diese Entscheidung angefeindet. Aber wäre er geblieben, hätte das Schauspielhaus nicht auf seine Misere aufmerksam machen können und hätte sich davon vielleicht niemals erholt.

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42. Stück: Theater, Kultur und das Internet

Vor einiger Zeit hatte ich in einem bekannten sozialen Netzwerk einmal eine interessante Diskussion mit einer Theatermacherin über die Vor- und Nachteile des Internets für die Theaterkunst. Sie sah im Internet eine Gefahr für die Kultur im Allgemeinen und die Theaterkunst im Besonderen und befürchtete, dass das Theater und die Kultur durch das Internet an Wert verlieren könnten. Ich habe den Eindruck, gerade im Bereich der „alten“ Medien gibt es nach wie vor ein großes Misstrauen gegenüber den „neuen“ Medien. Das ist wohl eine Art Konkurrenzdenken und es herrscht vielleicht unterschwellig die Angst vor, dass die neuen Medien die alten verdrängen könnten. Diese Angst gab es in der Vergangenheit häufiger als das Kino das Theater zu verdrängen drohte, als das Fernsehen das Kino zu verdrängen drohte und aktuell muss sich das Fernsehen gegen die Konkurrenz Internet wehren. Auf der anderen Seite gibt es das Theater, das Kino und das Fernsehen immer noch, trotz des Internets.

Mein Standpunkt in der Diskussion war, dass nicht alles, was neu und ungewohnt ist, automatisch schlecht sein und das Alte verdrängen muss. Schließlich kann man sich das Neue doch auch mit einer gewissen Neugier anschauen und gucken, wie man das für sich nutzen kann. Es muss doch nicht immer jeder in seiner eigenen Soße herumbrutzeln, sondern man kann doch auch mal interdisziplinär und medienübergreifend zusammenarbeiten und Mischformen finden. Oder man nutzt das Internet, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist nämlich eine große Gefahr bei den Traditionalisten unter den Kulturschaffenden, dass sie ihr eigenes Süppchen kochen und sich für Dinge, die außerhalb dessen existieren, nicht interessieren. Ich finde das schade, denn schließlich ist es doch das Wesen der Kunst, Horizonte zu erweitern, neue Perspektiven aufzuzeigen, kontroverse Standpunkte zu diskutieren und die Welt ein kleines bisschen bunter, lebendiger und vielfältiger (und damit auch toleranter und offener) zu machen. Zumindest sehe ich das so.

Ein wunderbares Beispiel, wie Kulturschaffende von den neuen Medien, insbesondere dem Internet und seinen sozialen Netzwerken, profitieren können, ist die sogenannte „Revolution der Künstler“ mit ihrem „art but fair“-Logo, die sich in den letzten Monaten in rasender Geschwindigkeit entwickelt hat. Angefangen hat die Bewegung mit einer Facebook-Seite über „Die traurigsten und unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse“ und inzwischen haben sich mehr als 9000 Sympathisanten und Leidensgenossen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen zusammengefunden, die gemeinsam für faire Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich eintreten wollen.

Letztes Jahr hatte ich mir ja bereits in meinem Essay über die Situation der Schauspieler ein Gedankenspiel ausgedacht, was wäre, wenn einfach mal alle Schauspieler und Kulturschaffenden streiken würden. Es scheint leider in der menschlichen Natur zu liegen, schöne Dinge erst zu schätzen, wenn einmal der Verlust derselben miterlebt wurde. Sonst hält man sie offenbar für selbstverständlich und was selbstverständlich ist, ist nicht kostbar, also auch nichts wert. Das ist zwar blöd, aber so ist das halt. Es muss ja auch kein Generalstreik sein, aber dass zumindest mal in irgendeiner Weise darauf aufmerksam gemacht wird, in aller Deutlichkeit, dass Kunst, Kultur, Theater und Medien überlebenswichtig sind, egal um welche Branche oder Disziplin es sich handelt. Wir sitzen da ja ohnehin alle in einem Boot, ob wir uns jetzt bloggend, singend, schreibend, darstellend, organisierend oder forschend mit den Themen Theater, Kunst, Kultur und Medien auseinandersetzen, das wird ja alles als Spaß an der Freude betrachtet, anstatt als „vernünftiger Broterwerbsjob“. Dabei sollte es doch möglich sein, Freude am Tun und angemessene Entlohnung zu vereinen. Wie dem auch sei, man kann ja so idealistisch sein, wie man will, wenn man da allein gegen Windmühlen kämpft, kann man die Aussicht auf Erfolg aber auch gleich mal wieder vergessen. Und jetzt kommt das Internet ins Spiel. Durch das Internet können Menschen kostenlos ihre Gedanken unter die Leute bringen (zugegebenermaßen ist das gleichzeitig Segen und Fluch), ihr Können zeigen, Werbung für sich machen, Aufmerksamkeit erregen und durch die sozialen Netzwerke auf Gleichgesinnte treffen und sich mit ihnen zusammentun. Es ist denke ich wichtig, dass Kulturschaffende jeder Sparte an einem Strang ziehen und sich gegenseitig helfen, mit Rat und Tat zur Seite stehen, dass erfahrene Profis den Anfängern dabei helfen, sich nach dem Abschluss oder auch schon während der Ausbildung zu orientieren. Die müssen ja auch erst einmal lernen, seriöse Angebote von Abzocke-Angeboten zu unterscheiden, lernen, wie viel Gage sie verlangen können und sollten, was zu den Bewerbungsunterlagen unbedingt dazugehört, und so weiter. Diese ganzen unsexy Notwendigkeiten, ohne die keiner einen Fuß in die Tür bekommt. Und man muss wissen, bis wann ist es OK, Studentenjobs und Praktika zu machen oder Projekte mit Freunden, um Erfahrung zu sammeln. Irgendwann kommt nämlich der Punkt, da hat man dann erstmal genug gelernt, genug Kontakte geknüpft und sich vernetzt, und dann muss man anfangen, Geld zu verdienen, ganz profan. Da ist man als Anfänger noch ganz orientierungslos, aber im Internet kann man sich mit „alten Hasen“ beraten und diese wiederum können von den jungen Leuten neue Impulse und Ideen bekommen. Da kann man sich gegenseitig helfen und inspirieren.

Ich weiß, ich schmeiß hier gerade übelst mit metaphorischen Gänseblümchen durch die Gegend, aber ich halte das einfach für keine gute Idee, neue Medien zu verteufeln, anstatt sich mal mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich durch eine Verknüpfung von Altem und Neuem ergeben können. Übrigens finde ich auch, dass das Internet nicht nur Möglichkeiten für Kulturschaffende untereinander bietet, sondern auch die Kommunikation zwischen ihnen und dem Publikum ganz neue Wege gehen kann. Das Thalia Theater in Hamburg ist da teilweise schon sehr innovativ. So haben beispielsweise Zuschauer die Möglichkeit, über die Stücke, die sie dort gesehen haben, auf deren Homepage eine Kurzkritik oder einen Kommentar zu schreiben. Oder letztes Jahr gab es ein – wie ich finde – ziemlich interessantes Experiment. Da durften die Zuschauer teilweise über das Internet drei Stücke auswählen, die auf den kommenden Spielplan gesetzt wurden. Es gab zwar reichlich Genörgel von Theaterkritikern, weil sie das für eine doofe Idee hielten, ich weiß aber gar nicht warum. Vermutlich, weil das Fußvolk ja gar nicht genug Ahnung hat, um entscheiden zu können, was es sehen will, oder etwas in der Richtung. Ich finde das super, denn auf diese Weise weckt man das Interesse des Publikums am Theater. Und wenn sie Stücke wählen, die kein vernünftiger Dramaturg jemals ausgesucht hätte, kann das doch eine wunderbare Möglichkeit sein, auch künstlerisch einmal über den Tellerrand zu gucken.

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34. Stück: Die Situation der Schauspieler – Ein Appell

Es gibt wohl kaum einen Beruf, bei dem die Ausübung und die Beschaffung von Arbeit derartig auseinander driften, wie der des Schauspielers. Vielleicht kennt noch jemand die Fabel von Lafontaine über die Grille und die Ameise. Die Grille spielt den ganzen Sommer lang auf ihrer Geige und erfreut alle mit ihrem Spiel, während die Ameise Vorräte sammelt. Dann kommt der Winter. Die Grille friert und hat Hunger. Die Ameise hat ihre Vorräte und hat’s schön kuschelig warm in ihrem Ameisenhaufen. Die Grille fragt, ob die Ameise ihr nicht etwas abgeben könne von ihren Vorräten, aber die Ameise sagt nur: „Was hast du denn den ganzen Sommer gemacht? Geige gespielt. Und jetzt kommst du und willst von meinen Vorräten? Pech gehabt, kannste gleich wieder vergessen. Und wenn dir kalt ist, nicht mein Problem, dann tanz doch jetzt.“ Die Grille verhungert und stirbt in Elend und Armut. Natürlich hätte die Grille auch den ganzen Sommer lang Vorräte sammeln können und sich einen Unterschlupf für den Winter graben können. Aber dann wäre es den ganzen Sommer über freudlos und still geblieben, weil niemand gespielt hätte. Sie hätte überlebt, aber was ist das für ein Leben?

Ich habe den Eindruck, dass viele die Einstellung der Ameise teilen und finden, wer Künstler wird, hat Pech gehabt. Schließlich hätte man ja auch etwas „Vernünftiges“ lernen können. Man hätte ja auch eine fundierte Berufsausbildung machen können. Man hätte ja auch einfach seine eigenen Begabungen ignorieren und etwas machen können, was zwar Geld bringt, einen aber nicht mit Freude erfüllt.

Einmal abgesehen davon, dass professionelle Künstler sehr wohl eine fundierte Berufsausbildung absolvieren und jeden Tag mindestens genau so lange üben, wie andere am Schreibtisch sitzen, frage ich mich, was das für eine Welt wäre, ein Welt ohne Künstler. Denn eine Welt ohne Künstler ist eine Welt ohne Kultur. Und dass ohne Kultur die Welt zugrunde geht, habe ich ja bereits geschildert. Doch immernoch gibt es diese Vorurteile gegen Künstler, insbesondere gegen Schauspieler. Die wären faul, hätten eben keine Lust auf richtige Arbeit und – seien wir doch ehrlich – wer sich so einen Beruf aussucht ist auch ein bisschen doof und sehr viel selber Schuld. Auf einen schönen Theaterabend, einen tollen Kinofilm oder qualitativ hochwertige Fernsehkrimis will man dann aber auch nicht verzichten. Schließlich habe man ja wohl ein Anrecht darauf, nach einem harten Arbeitstag sich ein wenig zu erholen. Dass die Menschen, die für die wohlverdiente Erholung sorgen aber nicht nur arbeiten, wenn alle arbeiten, sondern auch arbeiten, wenn und damit andere sich erholen, wird dabei gern vergessen. Und warum sollte man überhaupt auch Menschen dafür bezahlen, dass sie machen, was ihnen Spaß macht? Es macht ihnen doch auch so Spaß, ohne Geld.

Letzte Woche hat der Tod der Schauspielerin Silvia Seidel, die in den 80er Jahren mit der Rolle der Ballerina Anna bekannt wurde, ein bisschen für ein Aufrütteln gesorgt. Dies zeigt unter anderem der Artikel in der Welt: „Leider kein Geld, aber dafür lecker Catering“. Immerhin muss man bei der in der Überschrift geschilderten Situation seine Verpflegung nicht auch noch selbst bezahlen. Das klingt jetzt sarkastisch, aber ich kenne das aus eigener Erfahrung, dass selbst das keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe in Produktionen mitgespielt, bei denen ich mein Kostüm selbst bezahlen musste. Für Essen und Trinken musste ich auch selbst sorgen. Fahrtkosten zurückerstatten? Pff, ich bin doch nicht Krösus. Für mich war es ein Riesenerfolg, als ich das erste Mal immerhin die Aufführungen bezahlt bekam und die Fahrtkosten auch. Dass ich mich mit einer Pauschalgage übers Ohr hatte hauen lassen und mich mit einem Anwalt dagegen wehren musste, um meine Fahrtkosten vollständig erstattet zu bekommen, ist noch mal eine andere Geschichte. Ich war jung und brauchte kein Geld.

Als Schauspieler kommt man heute nicht mehr darum herum, Fernsehen zu machen. Es sei denn, man will enden wie die Grille in der Fabel. Dafür sollte man am Besten noch einen Extra-Kurs obendrauf satteln, damit man lernt, für die Kamera zu spielen, wenn man vom Theater kommt. Das ist nämlich auch schon wieder so ein Irrtum. Schauspiel ist nicht gleich Schauspiel. Für das Theater und für die Kamera zu spielen, sind zwei Paar Schuhe. Davon aber ein anderes Mal mehr. Fakt ist, diese Kurse sind teuer. Weil sie viel Geld kosten und Schauspieler alles tun, um arbeiten zu können, wollen viele ein Stück vom Kuchen abgreifen. Es tummeln sich wohl in kaum einer Weiterbildungsbranche mehr Scharlatane, Quacksalber und Gurus herum, als bei Schauspielworkshops. Die kommen dann an, mit ihren Methoden und Patentrezepten und Heilsversprechen. Und die verzweifelt unterbeschäftigten Schauspieler rennen denen die Bude ein.

Um gleich mal das größte Vorurteil über Schauspieler aus dem Weg zu räumen: Schauspieler sind nicht faul!!! Das können sie sich gar nicht erlauben. Als Schauspieler muss man allzeit bereit sein. Immer aktuelle Aufnahmen, Fotos, Präsentationsmaterial griffbereit haben. Immer wieder neue Vorsprech- und Castingrollen einstudieren. Und wenn man dann tatsächlich ein Engagement ergattert hat oder ein paar Drehtage, dann muss man proben, Text lernen, recherchieren, seine Figur erarbeiten. Das sind alles Dinge, die zur Arbeit gehören und das wird nicht bezahlt.

Der Bundesverband für Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) engagiert sich glücklicherweise dafür, die Situation der Schauspieler zu verbessern. Doch auch sie beklagen den katastrophalen Umgang mit Schauspielern am Set und das Gagendumping beim Nachwuchs. Sie schildern den Beruf des Schauspielers als einen „Beruf mit den Nachteilen von abhängig Beschäftigten und dem Risiko von Selbstständigen.“ Das führt dazu, dass viele Schauspieler nah an, bzw. unter der Armutsgrenze leben. Von Altersvorsorge einmal ganz zu schweigen. „Berühmt, aber arm“ fasst ein Artikel des NDR die Situation der Schauspieler zusammen. Und die meisten Schauspieler sind noch nicht einmal berühmt.

Was also tun?

Wenn ich einmal das magische „Was wäre, wenn…“ des Vaters zeitgenössischer Schauspieltheorie, Konstantin Stanislawski, ausleihen darf, möchte ich ein kleines Gedankenspiel vorschlagen. Was wäre, wenn alle Schauspieler des deutschsprachigen Raums einige Zeit streiken würden? Mir ist klar, dass das nicht passieren wird. Schauspieler arbeiten einfach viel zu gern. Aber angenommen, man würde das mal durchziehen. Monatelang kein Theater, keine Daily Soap, kein Sonntagskrimi, keine neuen Kinofilme. Einige erinnern sich vielleicht noch an den Streik der amerikanischen Drehbuchautoren? Der hat so manche Fernsehserie kaputt gemacht (Heroes zum Beispiel, oder Lost). Wenn jetzt alle deutschsprachigen Schauspieler sich absprächen, auch die, die jeder kennt, vielleicht würden die alten Vorurteile endlich einmal überdacht werden. Schauspieler sind nicht mehr das fahrende Volk, als das sie zu Goethes Zeiten noch  betrachtet wurden (Ich empfehle hierzu die Lektüre von Wilhelm Meisters theatralische Sendung). Es ist ein Beruf, den man lernt, für den man hart arbeiten muss, bei dem man im Grunde nie frei hat. Zugleich hat der Schauspieler nur sich selbst als Material. Das heißt, er muss permanent auf sich Acht geben, um sein Material nicht zu ruinieren. Wenn ich am Schreibtisch sitze und bin ein bisschen erkältet und meine Stimme kratzt, macht das nichts. Als Schauspieler ist man geliefert, wenn man erkältet ist.
Angenommen also, alle Schauspieler würden streiken. Das könnte so aussehen, dass in der Daily Soap die Schauspieler nicht mehr die zusammengestümperten Platitüden aus dem Drehbuch möglichst überzeugend interpretieren, sondern sich vielleicht direkt in die Kamera wenden und auf ihre Situation aufmerksam machen. Da müssten natürlich die anderen am Set eingeweiht sein und mitmachen. Aber da die auch Künstler sind und auch nicht viel zu lachen haben, denke ich, das ließe sich einrichten. Vielleicht tritt dann jeder vom Set vor die Kamera und schildert seine Situation und stellt sich vor. Dann ist das auch nicht mehr anonym. Es ist nämlich ein Unterschied, ob Silvia Seidel an ihrem Beruf zugrunde geht, oder ob die Künstler sowieso alle selber Schuld sind. Einzelschicksale veranschaulichen eine allgemeine Situation und machen sie nachvollziehbar. Mit Einzelschicksalen empfindet man Mitgefühl und Empathie. Eine anonyme Masse pauschal zu verurteilen hingegen ist leicht.
Auch auf den Theaterbühnen könnten bei einem Generalstreik der Schauspieler die Betroffenen ihre Situation schildern und sich vorstellen, anstatt das Stück zu spielen. Volker Lösch, falls Sie das hier lesen, machen Sie doch als nächstes im Hamburger Schauspielhaus ein Stück mit ausgebildeten Schauspielern, die auf ihre beschissene Situation aufmerksam machen. Die Stücke mit den Arbeitslosen haben auch schon für Furore gesorgt. Es hat sich zwar an deren Situation wohl kaum etwas geändert, aber immerhin hat man eine zeitlang darüber gesprochen.
Das dürfte natürlich nicht zu kurz dauern. Sonst ist das alles nur ein Strohfeuer. Dann sitzen die, die Einfluss haben, das einfach aus und es ändert sich nichts. Wenn es aber lange genug dauert, die Schauspieler endlich aufstehen und sich diese Scheiße – mit Verlaub – nicht mehr gefallen lassen, dann wird vielleicht endlich einmal ein Bewusstsein dafür geschaffen, was wir an den Künstlern haben.

Bis dahin habe ich noch einen Rat an die Schauspieler. Es ist nicht schlimm, sich für einen anderen Beruf zu entscheiden. Ich selbst habe das auch getan und ich bin glücklich. Wer A sagt muss nicht B sagen. Er kann auch einsehen, dass A falsch war und sich für C entscheiden. Wichtig dabei ist, ehrlich mit sich zu sein. Wenn es eine Verzweiflungstat ist und man dem Schauspielberuf hinterhertrauert, ist es die falsche Entscheidung. Empfindet man bei der Entscheidung aber wie ich eine ungeheure Erleichterung und findet man seine Erfüllung beispielsweise im Schreiben von Texten, dann ist es die richtige Entscheidung. Ich bin froh, mich dagegen entschieden zu haben. Ich habe großen Respekt vor denen, die das Schauspiel trotz dieser katastrophalen Arbeitsbedingungen weiter machen wollen. Aber fragt euch, ob ihr das wirklich wollt und ertragt die Bedingungen nicht einfach stillschweigend und brav, weil ihr glaubt, ihr hättet weniger Rechte, als andere Menschen. Seid stolz und lasst euch nicht für dumm verkaufen. Und ihr seid nicht einfach nur selber Schuld, wenn das Schauspiel eure Leidenschaft ist. Aber wenn es das nicht ist, seid ihr zu nichts verpflichtet. Ihr könnt euch immer umentscheiden. Wofür auch immer ihr euch entscheidet: Die Schauspielerfahrung als Training fürs Leben zu betrachten und einen anderen Beruf zu wählen. Oder euch ins Schauspielgetümmel zu stürzen. Hört auf euer Bauchgefühl und folgt eurer Intuition. Und dann steht zu dieser Entscheidung. Wenn ihr das nicht könnt, war sie falsch. Aber dann ist es auch noch nicht zu spät. Sich umzuentscheiden ist keine Schande.

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31. Stück: Ohne Kultur geht die Welt zugrunde

Einstein soll einmal Folgendes gesagt haben: „Zwei Dinge sind unendlich. Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht so sicher.“ In letzter Zeit fühlen sich wieder einmal ein paar Kulturbanausen bemüßigt, die Stimmigkeit dieses Bonmots mit hanebüchenen Forderungen und polemischer Aufbereitung gefährlichen Halbwissens unter Beweis zu stellen. Die staatlichen Subventionen für Kunst und Kultur sollten um 50% gekürzt werden und überhaupt, wozu brauchen wir dieses vielfältige kulturelle Angebot, da können wir doch ruhig einfach mal Museen und Theater schließen, das stört doch keinen, das merkt doch keiner.

Wirklich nicht?

Dass darüber jetzt ernsthaft diskutiert wird und diesen wichtigtuerischen, selbstgerechten Hanswürsten auch noch eine Bühne geboten wird, finde ich extrem ärgerlich. Deswegen nenne ich hier auch keine Namen und Titel, weil ich keine Lust habe, diesen Pappnasen auch noch Publicity zu bescheren. Das fehlte ja gerade noch. Dass die Gefahr besteht, mir meinerseits nun gefährliches Halbwissen zu unterstellen, da ich mich zugegebenermaßen weigere, für dieses grobe Unfugsgeschreibsel auch nur eine Sekunde meiner Lebenszeit zu opfern, ist mir hierbei durchaus bewusst und nehme ich billigend in Kauf. Tatsache ist, dass besagte Schwachköpfe mit ihren Thesen nicht auf taube Ohren stoßen, sondern offensichtlich eine Debatte aufgreifen, die zurzeit in Deutschland in der Luft liegt. Höchste Zeit also, dass meine Wenigkeit sich der Frage nach dem Nutzen von Kultur und staatlichen Subventionen derselben widmet.

Es ist so: Ohne Kultur geht die Welt zugrunde. Nicht mehr und nicht weniger. Eine Welt ohne Museen, Theater, Archive und Kinos ist eine Welt ohne Geschichten und somit eine Welt ohne Geschichte. In einer Welt ohne Geschichte, ohne Vergangenheit, gibt es aber nur die Gegenwart, in der wir gezwungen sind, alles auf immer und ewig zu wiederholen. Ohne Kultur gibt es kein kollektives Gedächtnis, keine Erinnerung mehr, nur noch kollektive Amnesie. Eine Welt, in der das Vergessen regiert, öffnet der Dummheit Tür und Tor. Mit der Dummheit kommt die Intoleranz, in der alles in ‚Gut‘ und ‚Böse‘, ‚Wir‘ und ‚Ihr‘, ‚Schwarz‘ und ‚Weiß‘ unterteilt wird. Vielfalt und Zwischentöne verschwinden und unvereinbare Gegensätze stehen sich feindlich gegenüber. Ein hervorragender Nährboden für die abstrusesten Ideologien. Derart aufgehetzt, neigt die Menschheit zu Hass, Mord und Totschlag und dann ist der nächste Völkermord nur noch eine Frage der Zeit.

Nun haben besagte Dummschwätzer nicht die Abschaffung aller kultureller Einrichtungen und die Streichung aller Subventionen gefordert. Wenn sie das getan hätten, hätten sie vermutlich auch tatsächlich niemanden gefunden, der ihnen beipflichtet oder es zumindest für keine Zeitverschwendung hält, über ihre Thesen zu reflektieren. Was mich beunruhigt, ist, dass selbst die Streichung von 50% der Subventionen für Kultur und die Schließung einiger Museen und Theater, ein Schritt in eine völlig falsche Richtung ist, die über kurz oder lang tatsächlich oben beschriebene fatale Entwicklung befördert.

Es gibt doch jetzt schon überall zuwenig Geld für kulturelle Einrichtungen. Da kann man doch unmöglich etwas streichen, das ist ein ganz falsches Signal, man zeigt damit: „Pfff, mir doch egal, dann verlangt halt mal höhere Eintrittspreise oder so, ihr seid ja auch ein Wirtschaftsunternehmen, also wirtschaftet gefälligst einfach besser.“ Das ist respektlos, borniert, egozentrisch und kurzsichtig. Wenn Eintrittspreise erhöht werden, verkleinert sich die Gruppe derer, die sich die Eintrittskarten leisten können. Schlussendlich geht das nach hinten los, da dann vielleicht pro Karte mehr eingenommen, aber weniger verkauft wird. Und das führt über kurz oder lang zu einer Klassengesellschaft, in der sich nur noch Besserverdienende Kultur und Bildung leisten können, während die ärmere Bevölkerung zur Unbildung verdammt wird. Das darf in einer Demokratie nicht sein. Brecht hatte einmal die utopische Idee, den ‚kleinen Kreis‘ der Theater-Kenner zu einem ‚großen Kreis‘ zu machen, indem er jedem Bürger gleich welcher Herkunft die ‚Kunst der Betrachtung‘ beibringen wollte. Diese ‚Kunst der Betrachtung‘ kann jeder erlernen, indem er einfach so oft wie möglich ins Theater geht und ganz genau hinschaut und das Gesehene kritisch reflektiert. Ein derart gebildetes Theaterpublikum, so der utopisch-romantische Gedanke dahinter, würde schließlich auch außerhalb des Theatersaals aktiv zur Verbesserung gesellschaftlicher Missstände beitragen. Eigentlich schade, dass das nur in der Theorie funktioniert, in der Praxis aber an unverbesserlichen, bornierten Sturköpfen scheitert, die immer nur auf den schnellen Profit und eine möglichst hohe Prestigeträchtigkeit schielen.

Aber wozu braucht es denn überhaupt staatliche Subventionen? Das kann doch auch überwiegend alles privat finanziert werden, wie in Großbritannien. Dass in Großbritannien Leute aus dem Film The Artist laufen, weil es ein schwarzweißer Stummfilm ist, wird bei diesem Argument dann lieber nicht erwähnt. Wir brauchen staatliche Subventionen für unsere Kultur, sonst können wir das vergessen, dass wir jemals wieder kritische, unbequeme Kunst zu sehen bekommen, die dann zwar nicht unbedingt schön ist, aber ein wichtiger Teil der kulturellen Vielfalt und ein unverzichtbarer Anstoß zu gesellschaftlichen Diskussionen und Debatten, wie der jüngste Vorfall um Rodrigo Garcías Stück Gòlgota Picknick zu den Hamburger Lessingtagen zeigt. Angenommen, es würden nur noch Privatleute die Kunst und Kultur in Deutschland bestimmen. Dann hieße es, wer das Geld hat, hat das Sagen. Ich glaube kaum, dass Volker Lösch dann noch einmal eine Inszenierung wie Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? oder Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg auf die Bühne des Schauspielhauses bringen könnte. Zudem schließen staatliche Subventionen ja nicht aus, dass sich zusätzlich Privatleute mit ihrem Privatvermögen für kulturelle Projekte und Institutionen engagieren, das nennt sich dann Sponsoring. Auch das ist wichtig und notwendig, aber allein auf Sponsoring für die Finanzierung von Kunst und Kultur angewiesen zu sein, bedeutete das Verschwinden von Vielfalt und letzten Endes von Kreativität.

Nun ist aber eines nicht ganz verkehrt: Die derzeitige Subventionierungspolitik für Kunst und Kultur ist weit davon entfernt eitel Sonnenschein zu sein. Streichungen, Kürzungen, Schließungen dürfen nicht sein, aber es ist anscheinend für Kunst und Kultur chronisch zuwenig Geld da. Was also tun? Uns dem beugen und damit trösten, wir müssten alle sparen? Nein. Ich finde, so lange genug Geld da ist, um ehemaligen Bundespräsidenten 200.000 Euro pro Jahr, plus Büro, Personal, etc. in den Hintern zu pusten (man verzeihe mir meine empörungsbedingt saloppe Ausdrucksweise) und zig-millionen Steuergelder in ein niemals fertig werdendes Prestigeprojekt in der Hamburger Hafencity zu versenken oder tropische Palmen in Hamburg-Rahlstedt zu pflanzen, die ihren ersten Winter nicht heil überstehen, kann mir keiner erzählen, es wäre kein Geld da. Es IST Geld da, es wird nur nicht fair verteilt. Was wir also wirklich mal ernsthaft diskutieren sollten, wäre die Frage danach, wer warum wieviel Geld bekommt und wer warum nicht. Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass ich Normalsterbliche mir niemals in meinem ganzen Leben eine Eintrittskarte für die Elbphilharmonie werde leisten können, so sie denn überhaupt eines Tages mal fertig ist. Und ich wage zu behaupten, dass die wenigsten dies werden tun können. Warum also Steuergelder von allen für ihren Bau aufwenden? Das ist zum Beispiel wirklich mal etwas, bei dem ich eine rein private Finanzierung befürworten würde. Dann können diejenigen, die sich später den Eintritt leisten können auch gleich das Ding finanzieren und das, was zurzeit an staatlichen Subventionierungen darin verpufft, für andere Projekte genutzt werden, die einer breiteren Bevölkerungsmasse zugänglich sein werden. Dies gilt meiner Ansicht nach für alle diese superteuren Prestige-Angeber-Projekte.

Woran es meiner Meinung nach außerdem krankt, ist der totale Mangel an Risikobereitschaft bei der Nachwuchsförderung. Gefördert wird nur Altbewährtes, weil man damit besser Erfolg und Misserfolg (der natürlich rein monetärer Natur ist) berechnet werden kann. Als Nachwuchstalent in der Kunst- und Kulturbranche hat man so gut wie gar keine Möglichkeiten, einen Fuß in die Tür zu bekommen und seine kreativen Projekte umzusetzen und bekannt zu machen. Mit dem Ergebnis, dass dann im Fernsehen die immergleichen Gesichter in den Filmen und Talkshows zu sehen sind und die immergleichen Themen verhandelt werden. Warum zum Beispiel ist es in Frankreich möglich, einen Film wie The Artist zu drehen, in Deutschland aber nicht? Weil die Franzosen ihre Kultur schätzen, auch wertschätzen und bereit sind, sie zu unterstützen. In Deutschland schaut man gerne mal naserümpfend auf alles herab, was auch nur annähernd unterhaltsam ist, mit der Grundhaltung, was Spaß macht sei keine Kunst. Durch eine gerechtere Subventionierung, mehr Mut zum Risiko und einer gewagteren Nachwuchsförderung aber könnte man diesen alteingesessenen Standesdünkel endlich mal anfangen aufzulösen. Und das ist in Deutschland allmählich bitternötig.

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18. Stück: „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“ von Volker Lösch im Hamburger Schauspielhaus am 11.11.2010

Schöner leben am Rand – Volker Lösch hat wieder zugeschlagen

Hamburg scheint Volker Lösch zu bekommen. Mit seinem grandiosen „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ hatte er bereits einen kleinen Skandal heraufbeschworen und sich als Vertreter eines neuen politischen Theaters gezeigt. Nun legt er nochmal einen oben drauf und benutzt das Märchen von Hänsel und Gretel als Ausgangspunkt, mit Kindern und Eltern aus dem Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg Kritik an der überhaupt nicht gleichen Gesellschaft im allgemeinen und dem Umgang mit Migration im besonderen zu üben.

Wie im „Marat …“ stehen sich auch hier die Schauspieler Achim Buch (damals Marat) und Marion Breckwoldt (damals Marquis de Sade) gegenüber: hochmotivierter, idealistischer Gutmensch auf der einen, ätzend-sarkastische Zynikerin auf der anderen Seite. Auch sind einige Mitglieder des marat-schen HartzIV-Chors wieder dabei, so dass bereits auf der Akteur-Ebene auf einen Fortsetzungscharakter hingewiesen wird. Flankiert werden Achim Buch und Marion Breckwoldt von Tristan Seith und Marco Albrecht. Das Quartett wird sich nach dem Prolog in Idole des „Unterschichten-Fernsehens“ verwandeln, Raab, Klum und Bohlen, daneben eine groteske Karikatur Westerwelles, der seine bekannten Phrasen betreffs HartzIV drescht.

Die Schauspieler stehen somit für einen bestimmten Typus, sind also keine psychologisch-realistisch gezeichneten Figuren. Diesen „Helden des Instant-Star-tums“ gegenüber stehen der Chor der Kinder und der Chor der Eltern. Es geht hier nicht um Individuen und ihre Einzelprobleme, sondern um grundlegende, gesellschaftliche Probleme. Der Chor ist hier Repräsentant einer Gesellschaftsschicht, die normalerweise nicht zu Wort kommt. Und bei der alle anderen glauben besser zu wissen, was gut für sie ist und was sie brauchen.

Entlarvt wird die gutgemeinte Heuchelei von Charity-Promis und dergleichen, die alles ganz furchtbar schlimm finden, total begriffen haben, worum es im Leben ankommt, aber denjenigen, um die es ihnen angeblich geht, überhaupt nicht zuhören. Es geht nur um sie und ihre Selbstdarstellung.

Das ist nicht nur unterhaltsam, das ist brüllend komisch. Volker Lösch gelingt hier einmal mehr das Kunststück, Humor, Witz und Unterhaltung mit Sozial- und Politkritik zu verknüpfen. Die fantastischen Schauspieler und Chorsprecher reißen das Publikum mit ihrer Energie unweigerlich mit. Natürlich klöterte und holperte der Chor zwischendurch auch mal, hin und wieder geriet es etwas durcheinander. Aber das stört hier nicht weiter.

Aber, wie auch im „Marat …“, ist auch hier nicht klar, was nach Beendigung der Produktion aus den Kindern wird. Und aus den Eltern-Darstellern. Es wäre schön, wenn von den Einflussreichen im Publikum auch welche dabei wären, die ihr soziales Gewissen nicht im Theatersaal gelassen haben und die sich engagieren, diese Menschen zu unterstützen. Mit Jobangeboten, Lehrstellen oder ähnlichem. Wenn die Sozialkritik nur Unterhaltung bleibt, genügt das nicht.

Zum Schluss gab es noch eine kleine Irritation, als der Schauspieler Achim Buch an die Rampe trat um noch eine Ansprache zu den Teilerfolgen in der desaströsen Hamburger Kulturpolitik zu halten. Es war nicht klar, ob dies noch zum Stück gehört, gepasst hätte es jedenfalls. Die große Katastrophe – die massive Kürzung, die das junge Schauspielhaus auf dem Gewissen hätte – ist demnach wohl erst einmal abgewendet. Nichtsdestotrotz ließ es sich Buch nicht nehmen, sich in einem symbolischen Akt seiner Fliege zu entledigen.

Es bleibt die Frage: Kann ein politisches Theater wie dieses tatsächlich etwas bewegen? Die Suche geht weiter…

(Isabelle Dupuis)

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13. Stück: Zum Rücktritt Friedrich Schirmers als Intendant des Hamburger Schauspielhauses

Heute morgen überraschte mich die Nachricht des Rücktritts Friedrich Schirmers als Intendant des Hamburger Schauspielhauses. Die mangelhafte Förderung dieses Theaters und die chronische Unterfinanzierung seien nicht mehr haltbar und so könne er unmöglich vernünftig weiterarbeiten.

Die Reaktionen in der Zeitung waren durch die Bank weg alle empört und wütend. Von einer „Hamburger Krankheit“ war die Rede, weil nach Ole von Beust und Karin von Welck (ehem. Kultursenatorin) jetzt schon wieder einer abdankt. Man warf Friedrich Schirmer Verantwortungslosigkeit, ja sogar Feigheit vor und befand ihn mehr oder weniger explizit als Drückeberger.

Ich finde, es muss jetzt auch mal etwas zu seiner Verteidigung gesagt werden. Der erste Gedanke – na gut, der zweite gleich nach „Oh, Verdammt!“ – war, dass er doch damit ein Zeichen setzt. Ein Zeichen dafür, dass es so nicht weitergehen kann mit der „Förderung“ der Kultur. Ich finde, er hat völlig recht, die Technik des Schauspielhauses ist nun schon eine ganze Ewigkeit marode, teilweise war sogar schon von Schließung die Rede und all das hat nichts genützt, dass man das Schauspielhaus besser unterstützt hat (dass mir angesichts utopischer Prestigeprojekte wie der Elbphilharmonie keiner kommt mit „es ist kein Geld da“).

Ich finde, dass Friedrich Schirmer angesichts dieser Verhältnisse zurücktritt ist weder feige, noch verantwortungslos, sondern konsequent und sogar fast mutig. Denn er macht sich damit so dermaßen unbeliebt, dass fraglich ist, ob ihn so schnell ein anderes Theater als Intendant nimmt. Auch hat er auf die Ansprüche in seinem Vertrag verzichtet, was doch zeigt, dass es eben nicht eine „Die Ratte verlässt das sinkende Schiff, nach mir die Sintflut“-Handlung ist, sondern eine konsequente Entscheidung, von der er keine besonderen Vorteile hat.

Vielleicht wacht die Politik nach diesem Schock auf und unternimmt etwas, damit nicht noch ein Theater „stirbt“, erst recht nicht so ein traditionsreiches wie das Hamburger Schauspielhaus.

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