Archiv der Kategorie: Theater

80. Stück: „Lenz“ von Cornelia Rainer auf dem Theaterfestival von Avignon 2016

Dieses Jahr habe ich es endlich mal wieder zum Theaterfestival nach Avignon geschafft und mir „Lenz“ von Cornelia Rainer angeschaut. Das letzte Mal in Avignon ist bereits acht Jahre her, 2008 war ich wie auch schon 2007 und 2005 mit dem deutsch-französischen Forum (später Plattform) für junge Kunst auf dem Theaterfestival und hatte mir in einem einwöchigen Vorstellungsmarathon teilweise drei Vorstellungen am Tag angeschaut. Dieses Jahr läuft alles etwas minimalistischer ab, es war etwas nervig, die Theaterkarten von Deutschland aus zu kaufen, aber wie sich nun herausgestellt hat, hat sich der Aufwand definitiv gelohnt, für alle anderen Vorstellungen des „In“-Festivals sind die Tickets inzwischen ausverkauft. Dafür haben wir uns aus dem „Off“-Festival noch zwei Vorstellungen herausgepickt, ein Clownsstück (das niedlich und amüsant war, aber zwischendurch auch ein paar Längen hatte) und heute Abend schauen wir ein Soulkonzert mit Coverliedern von Otis Redding sowie Stepptanz ❤ Ich glaube, das wird super.

Nun aber erst einmal zu "Lenz": Erzählt wird die Geschichte von Jakob Michael Reinhold Lenz, Dichter des Sturm und Drang, einst Weggefährte von Goethe, bevor die beiden sich – aus heutzutage nicht eindeutig bekannten Gründen – entzweiten. Goethe hatte Glück, gute Kontakte, wurde alt und hatte deswegen nachhaltig Erfolg und ist auch heute noch jedem bekannt. Lenz geriet in Vergessenheit und starb mit 41 Jahren unter ungeklärten Umständen in Moskau – er wurde einfach tot auf der Straße gefunden. Wirklich vermisst hatte ihn zu diesem Zeitpunkt wohl niemand mehr … Lenz hatte psychische Probleme, welche genau, ist schwer zu sagen. Womöglich schizophrene Schübe, abwechselnd manische und depressive Phasen, allgemein war er wohl einfach zu feinfühlig, eigenartig und verschroben für seine Welt. Diesen Zustand hatte Büchner versucht, mit seinem Text, dem Romanfragment "Lenz", zu veranschaulichen, und ich finde, das ist ihm gut gelungen. Cornelia Rainer hat ebenfalls versucht, Lenz' Gefühlswelt greifbar zu machen, hat sich dabei im Wesentlichen auf Büchners Text gestützt, aber auch Gedichte und Textausschnitte von Lenz selbst sowie Notizen des Pfarrers Oberlin, in dessen Haus in den Bergen der Dichter für ein paar Wochen Zuflucht gefunden hatte. Diese Wochen sind es, auf die Büchner sich konzentriert und die auch in der Inszenierung erzählt werden.

Im Innenhof des Lycée Saint Joseph ist unter freiem Himmel die Bühne aufgebaut. Darauf zu sehen ist eine Holzachterbahn, die für die Berglandschaft steht, aber auch metaphorisch Lenz' emotionale Verfassung widerspiegelt. Begleitet werden die Schauspieler von einem Perkussionisten, der mal die Holzachterbahn, mal Requisiten und Kulisse, mal ein Schlagzeug als Instrument benutzt. Die Klänge, die dabei herauskommen, sind mal mehr, mal weniger harmonisch und unterstreichen den Eindruck, den man von der inneren Zerrissenheit und dem Gefühlswirrwarr des Dichters durch das intensive Spiel von Markus Meyer erlangt.

Das klingt jetzt alles ziemlich schwermütig, zäh und freudlos. Aber das war es nicht, denn die Schauspieler ergänzen sich wunderbar, sind mit Freude bei der Sache und spielen mit einer Leichtigkeit und Natürlichkeit, die das schwere, traurige Thema ausgleichen und lebendig wirken lassen. In knapp 100 Minuten wird Lenz' Schicksal auf diese Weise verdichtet und in konzentrierter Atmosphäre unterhaltsam und berührend erzählt. Kurz: Das war toll!

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64. Stück: „Rocco Darsow“ von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses am 17. Juni 2015

Liebe und Realität

Nach längerer postdramatischer Theaterabstinenz habe ich letzte Woche Rocco Darsow von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg angeschaut – und war begeistert! Die Bühne besteht aus einer überdimensionalen Torte (mit essbaren Elementen), zwei Leinwänden und einem riesigen schwarzen Totenkopf, der aus der Mitte herausragt. Die Hälfte des kurzen Stücks verbringen die Schauspieler Martin Wuttke, Bettina Stucky, Christoph Luser und Sachiko Hara innerhalb des Totenkopfs. Sie werden dabei gefilmt und die Bilder werden live auf die Leinwände projiziert. Dies ist ein für Pollesch typischer Verfremdungseffekt, der dem Zuschauer offenbart, dass er sich gleichzeitig in einem Theaterstück (also einer Fiktion) und in der Realität befindet.

Polleschs Stücke lassen sich wie eine fortgesetzte Work in progress betrachten. Es wird nicht jedesmal eine abgeschlossene Geschichte erzählt, sondern es werden verschiedene Themen aus den Bereichen Leben, Lieben, Wirtschaft und Gesellschaft verhandelt. Dabei treten manche Leitmotive häufiger auf als andere und werden nicht nur von einem Stück zum nächsten wieder aufgegriffen, sondern auch innerhalb eines Stücks wiederholt. Jedoch sind diese Wiederholungen nicht exakt gleich, sondern stets leicht variiert. Das liegt daran, dass Pollesch seine Stücke nicht erst schreibt und dann seinen Schauspielern vorsetzt. Er entwickelt seine Texte gemeinsam mit den Schauspielern im Probenprozess, wobei die Leitmotive und wiederkehrenden Themen von jedem Schauspieler ein wenig anders betont und interpretiert werden.

Die Themen, die in Rocco Darsow im Mittelpunkt stehen, sind die Liebe, die Realität, das Sein. Der Totenkopf in der Mitte erinnert – das wird im Stück auch explizit gesagt – an den Terminator, nachdem seine menschliche Hülle verbrannt ist. Dieser intertextuelle Verweis auf einen der Klassiker der Popkultur und einen der bekanntesten Zeitreise-Filmen stellt die Frage: Was ist Realität? Schließlich wird in Terminator durch das Großvaterparadoxon die Realität innerhalb der erzählten Welt durcheinander gebracht, sodass sich nachher kaum logisch entwirren lässt, wo die Ursache und wo die Folge der Handlungen sind, die die erzählte Wirklichkeit bestimmen. In wechselnden Variationen stellen die Schauspieler in Rocco Darsow immer wieder die Frage, wie Realität zustande kommt. Wenn eine Person einer anderen ihre leidenschaftliche Liebe gesteht, wird Letztere durch diese Aussage dann erst zur Geliebten? Oder war sie es schon vorher? „Und ist nicht das die Realität, die immer so tut als wäre sie schon da, aber sie ist immer erst nachträglich da.“

Trotz solcher Texte, die für Gehirnknoten sorgen, ist Rocco Darsow sehr witzig und unterhaltsam geraten. Auch das begegnet dem Zuschauer regelmäßig in Polleschs Stücken, dass die durchweg hervorragenden Schauspieler voller Spielfreude das Publikum mitreißen. Das rasende Tempo, in dem die Texte vorgetragen werden, der ehrliche Tonfall, die Mischung aus Umgangssprache und Fachbegriffen regen zum Nachdenken an, ohne zu belehren.

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50. Stück: Kunst, Theater, Politik und Extremismus

In Frankreich gibt es zurzeit einen beängstigenden Rechtsruck. Der rechtsradikale Extremismus des Front National hat nun auch die Kunst erreicht, genauer gesagt, das Theater, insbesondere das Festival d’Avignon. Der Direktor des Festival d’Avignon Olivier Py ist entsetzt, dass der Front National in der ersten Runde bei den Kommunalwahlen die Mehrheit eingefahren hat und plant, das Festival woanders stattfinden zu lassen oder seinen Hut zu nehmen, sollten die Rechtsradikalen auch die zweite Runde, die morgen am 30. März stattfindet, gewinnen. Für dieses Jahr könne man zwar nicht mehr viel am Programm ändern, doch für nächstes Jahr würde er sich bemühen, das Festival d’Avignon in Spielstätten der Nachbarorte zu verlegen – oder gehen. Nun kann man natürlich fragen, was die politische Einstellung des Bürgermeisters einer Stadt mit ihrer Theaterkultur zu tun hat? Sollten Theater und Kunst nicht um ihrer selbst existieren und sich nicht in die Politik einmischen?

Olivier Py sagt – und da stimme ich ihm voll und ganz zu – Nein! „Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, wie es möglich sein soll, mit einer Bürgerschaft aus dem Front National zusammenzuarbeiten“, stellt er im Interview mit laprovence.com klar. Er begründet: „Die Werte des Front National sind das absolute Gegenteil der Werte des Festival d’Avignon und sogar das Gegenteil der Werte von Avignon selbst, die eine multikulturelle Stadt ist.“ Und im Interview mit Télérama.com betont er, die „Kultur ist keine gutbürgerliche Unterhaltung, sie ist eine politische Waffe“ und erläutert: „Kultur soll offen machen für das Andere, die Unterschiede, das Fremde. Jean Vilar selbst – der das Festival 1947 gründete – mochte den Begriff ‚Festival‘ nicht; er hätte den Begriff ‚Begegnungen‘ bevorzugt.“

Gerade wenn ein Land in gefährliche politische Schieflage gerät und sich Extremismus breit macht, sich in die Seelen und Gehirne der Menschen frisst, dann MUSS Kunst Stellung beziehen, zum Nachdenken anregen, ein Gegengewicht bilden, Aufschreien und auf die Barrikaden gehen. Wenn nicht die Kunst, wer sonst? Aber ist es der richtige Weg, mit Kündigung oder Flucht zu drohen? Ist das nicht feige? Olivier Py führt im Interview mit Télérama.com als Beispiel die Reaktion von Charles De Gaulle und Pétain während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an. De Gaulle ging nach London und organisierte von dort aus die Résistance-Bewegung mit. Pétain blieb und kollaborierte mit den Besatzern und machte schließlich gemeinsame Sache mit ihnen. Sicher kann man einwenden, dass der Front National noch keinen Völkermord begangen oder sich daran beteiligt habe und dass der Vergleich daher hinke. Doch: So fängt es an.

Die Nazis hat man Ende der 1920er Jahre auch noch überwiegend für Spinner gehalten, dann fingen immer mehr Menschen an, mit ihnen zu sympathisieren. Je schlechter es dem Land ging, desto radikaler wurde nach Schuldigen dafür gesucht. Und da kam Hitler, präsentierte ein willkommenes Feindbild und der Rest ist bekannt. Aber nun geht es wieder vielen Ländern schlecht, es wird nach Schuldigen gesucht und da ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte wiederholt. In verschiedenen Ländern Europas haben die Rechtsradikalen wieder Hochkonjunktur, in den Niederlanden, in Griechenland, in Russland natürlich, in Frankreich und in der Schweiz. Nationalismus ist wieder en vogue und mir ist das gelinde gesagt unheimlich.

Was aber können Kunst und Theater bewirken? Plumpe, reißerische und effektheischende Provokation à la Rodrigo García halte ich für schwierig. Entweder, die Leute fühlen sich verarscht, sind beleidigt oder applaudieren begeistert und nicken wohlwollend die Kritik ab, gehen nach Hause und das war’s. Wirklich über Inhalte, Standpunkte und ihr eigenes Verhalten dabei nachdenken tun sie dadurch nicht. Auch politisches Theater à la Brecht – und da gehe ich mit René Pollesch d’accord – ist nur bedingt geeignet, Menschen zum politischen Nachdenken zu mobilisieren. Da wird dann die moralische Keule geschwungen und schulmeisterlich der Zeigefinger erhoben und am Ende weiß man zwar, was der Autor des Stücks für politisch richtig hält, doch eine eigene kritische Meinung bildet man sich dabei nicht wirklich. Dann doch lieber ein schöner Skandal, weil irgendein spätpubertierendes Performance-Enfant-Terrible auf der Bühne Kunstblut über eine Jesusfigur im Nacktkostüm gießen lässt.

Weiter seine Arbeit machen und zu hoffen, man könnte im Kleinen vielleicht gelegentlich ein kleines Bisschen dezenten Widerstand leisten, funktioniert mit Sicherheit nicht. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen in Klaus Manns Mephisto. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass mit einem Theaterstück oder einem anderen Kunstwerk überhaupt Stellung bezogen und etwas ausgesagt wird. Man kann auch verschiedene, konträre Standpunkte gegenüber stellen. Und dann sind Vielfalt und Gegensätzlichkeit wichtig, weshalb die kulturelle Landschaft eines Landes und einer Stadt auf keinen Fall weiter ausgedünnt werden darf. Schließlich denke ich, sollten sich Künstler und Kulturschaffende nicht hinter ihren Kunstwerken verstecken, sondern hervortreten und ihre Meinung sagen, so wie das Olivier Py getan hat. Dabei muss man auch bereit sein, notfalls Konsequenzen zu ziehen, die einem schwer fallen. Als im September 2010 der Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Friedrich Schirmer, zurücktrat, war das zwar erst ein Schock. Er wurde von vielen Seiten für diese Entscheidung angefeindet. Aber wäre er geblieben, hätte das Schauspielhaus nicht auf seine Misere aufmerksam machen können und hätte sich davon vielleicht niemals erholt.

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46. Stück: „Requiem for a Dream“ als moderne „Glasmenagerie“?

Manchmal, wenn ich einen Film anschaue oder ein Buch lese, fallen mir meine alten Vorsprechrollen wieder ein. Vorsprechrollen sind Ausschnitte aus Theaterstücken, die Schauspieler zum einen für ihre Abschlussprüfung vorbereiten, zum anderen bei Castings und Vorsprechen präsentieren, damit die Regisseure, Dramaturgen und Produzenten sehen können, ob die Schauspieler was taugen. Das hat dann natürlich nichts mit der tatsächlichen Arbeit auf der Bühne oder vor der Kamera zu tun – es gibt viele Schauspieler, die vor Aufregung und Nervosität, oder einfach weil beim Vorsprechen kein wohlwollendes Gegenüber in Gestalt eines Publikums vorhanden ist, bei diesen Bewerbungsprozeduren ganz furchtbar, unter normalen Umständen aber ganz wunderbar sind – aber so ist das halt. Jedenfalls hatte ich bei meiner Abschlussprüfung drei Vorsprechrollen vorbereitet (Jean Anouilhs Antigone, St. Just aus Georg Büchners Dantons Tod und Sarah Kanes 4.48 Psychose) und weil ich das Stück von Sarah Kane gründlich vermasselt habe und das einfach nur peinlich war, arbeitete ich nach der Ausbildung stattdessen die Laura aus Tennessee Williams Die Glasmenagerie. Es hieß, die Rolle würde gut zu mir passen. Mädchenhaft. Verträumt. Scheu. Passt natürlich super, wenn man aussieht, wie Bambis kleine Schwester mit Zuckerguss. Ich habe diese Rolle nie hinbekommen. Und ich habe diese Rolle nach kurzer Zeit gehasst.

Warum? Weil es mich fürchterlich genervt hat, dieses mädchenhafte, verträumte, scheue Geschöpf zu spielen, das überhaupt nicht aufbegehrt. So was zu spielen ist langweilig. Auch, wenn es vielleicht realistisch ist und es in der wirklichen Welt viele Menschen gibt, die so sind. Die sich in ihre Traumwelt zurückziehen und darin bleiben. Und nie verändert sich irgendetwas. Aber auf der Bühne ist das öde – sowohl für den Schauspieler als auch für den Zuschauer.

Jedenfalls fiel mir diese Laura wieder ein, beziehungsweise Tennessee Williams Glasmenagerie und das Figurenensemble darin, als ich für meine Masterarbeit über Mentale Metadiegesen im zeitgenössischen Film Darren Aronofskys Requiem for a Dream anschaute. Bei mentalen Metadiegesen handelt es sich sozusagen um Binnenerzählungen – also kurzen Erzählungen in größeren Erzählungen – die das Innenleben beziehungsweise das, was in den Köpfen der Figuren vorgeht, darstellen. Das können Erinnerungen, Träume, Visionen, Vorstellungen oder auch ausgedachte Geschichten sein.

In der Glasmenagerie gibt es vier Figuren, beziehungsweise fünf, wenn man den abwesenden Vater mitzählt. Die Familie Wingfield bestehend aus den Geschwistern Laura und Tom sowie aus der Mutter Amanda und ein Kollege und Schulkamerad von Tom, Jim O’Connor. Amanda Wingfield trauert ihrer Jugend nach, Laura ist leicht körperlich behindert (ein Bein ist kürzer als das andere) und Tom wäre gern Schriftsteller. Jim hat große Pläne als Geschäftsmann und nimmt an Rhetorikkursen teil. Alle Figuren flüchten sich in Träume und Vorstellungen, versinken völlig darin und vergessen darüber ihre Realität. Einzig Tom schafft es irgendwann, aus diesen beengten Verhältnissen auszubrechen und geht zur Marine. Doch den Traum, als Schriftsteller zu arbeiten, muss er dafür aufgeben. Und seine Familie – wie damals sein Vater – im Stich lassen.

Hier ist ein kleiner Einblick in das Stück, Schauspieler erzählen etwas über die Figuren:

Requiem for a Dream stellt ebenfalls vier Figuren in den Mittelpunkt, auch hier ist der Vater abwesend. Die Mutter Sara Goldfarb lebt für ihren Traum, als Kandidatin in ihrer Lieblings-Fernsehsendung aufzutreten. Ihr Sohn Harry ist drogensüchtig, dessen Kumpel Tyrone ebenfalls und es dauert nicht lange, da spritzt sich auch seine Freundin Marion Heroin. Doch auch diese Drei haben einen Traum. Sie wollen durch Dealen viel Geld verdienen, damit Marion als Modedesignerin in ihrer eigenen Boutique arbeiten kann. Wenn sie genug Geld zusammenhaben, wollen sie seriös werden und ein normales, bürgerliches, anständiges Leben führen.

Hier ist der Trailer zu Requiem for a Dream:

Sicher gibt es Unterschiede zwischen der Glasmenagerie und Requiem for a Dream. In dem Stück nimmt keine der Figuren Drogen, die in dem Film eine zentrale Rolle spielen. In dem Film ist keine der Figuren körperlich beeinträchtigt, im Stück ist es ein wichtiger Teil der Figur Laura, dass diese eine leichte Behinderung hat und dies mit ein Grund für ihre Minderwertigkeitskomplexe ist. Aber ich finde, vom Thema her und von der Atmosphäre lassen sich die beiden Werke durchaus vergleichen. In beiden Geschichten geht es um zerbrochene Träume und um Figuren, die trotz aller Widrigkeiten an ihren Träumen festhalten, bis sie schließlich zu ihrem einzigen Daseinsgrund und Lebensinhalt geworden sind. Tom fällt aus diesem Muster zwar heraus, aber ich denke, an seiner Figur kann man erkennen, wie sehr Laura, Amanda und auch Jim sich etwas vormachen – was gleichzeitig ihr Verderben und ihre Lebensgrundlage darstellt. Im Film braucht es eine solche Figur nicht, denn durch filmische Mittel werden die zerbrochenen Träume und die Realität der Figuren nebeneinander gestellt und auf diese Weise das erzählt, was in der Glasmenagerie durch die Figur Tom klar wird.

Vielleicht habe ich damals die Figur der Laura auch schlichtweg fehlinterpretiert und deswegen war die Rollenarbeit an ihr ein solches Desaster. Sie ist nämlich nicht einfach nur mädchenhaft, scheu und verträumt. Sie ist hin und her gerissen, wie sämtliche Figuren in der Glasmenagerie und auch in Requiem for a Dream, zwischen ihren Träumen und der Wirklichkeit und das macht sie zu einem ambivalenten, widersprüchlichen Charakter. Eigentlich also doch nicht so langweilig. Vielleicht würde die Geschichte der Glasmenagerie heutzutage im „White Trash“-Millieu gut funktionieren und vielleicht würde Amanda nicht ihrer verlorenen Jugend hinterher trauern, sondern hoffen, in einer Fernsehshow auftreten zu dürfen. Vielleicht würden Tom und Jim nicht in einer Schuhfabrik arbeiten, sondern versuchen mit Drogenhandel das schnelle Geld zu verdienen, um sich ein freies, eigenständiges und seriöses Leben darauf aufzubauen. Und vielleicht würde Laura sich davon verführen lassen und statt Glastierchen zu sammeln plötzlich dem Heroin verfallen.

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42. Stück: Theater, Kultur und das Internet

Vor einiger Zeit hatte ich in einem bekannten sozialen Netzwerk einmal eine interessante Diskussion mit einer Theatermacherin über die Vor- und Nachteile des Internets für die Theaterkunst. Sie sah im Internet eine Gefahr für die Kultur im Allgemeinen und die Theaterkunst im Besonderen und befürchtete, dass das Theater und die Kultur durch das Internet an Wert verlieren könnten. Ich habe den Eindruck, gerade im Bereich der „alten“ Medien gibt es nach wie vor ein großes Misstrauen gegenüber den „neuen“ Medien. Das ist wohl eine Art Konkurrenzdenken und es herrscht vielleicht unterschwellig die Angst vor, dass die neuen Medien die alten verdrängen könnten. Diese Angst gab es in der Vergangenheit häufiger als das Kino das Theater zu verdrängen drohte, als das Fernsehen das Kino zu verdrängen drohte und aktuell muss sich das Fernsehen gegen die Konkurrenz Internet wehren. Auf der anderen Seite gibt es das Theater, das Kino und das Fernsehen immer noch, trotz des Internets.

Mein Standpunkt in der Diskussion war, dass nicht alles, was neu und ungewohnt ist, automatisch schlecht sein und das Alte verdrängen muss. Schließlich kann man sich das Neue doch auch mit einer gewissen Neugier anschauen und gucken, wie man das für sich nutzen kann. Es muss doch nicht immer jeder in seiner eigenen Soße herumbrutzeln, sondern man kann doch auch mal interdisziplinär und medienübergreifend zusammenarbeiten und Mischformen finden. Oder man nutzt das Internet, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist nämlich eine große Gefahr bei den Traditionalisten unter den Kulturschaffenden, dass sie ihr eigenes Süppchen kochen und sich für Dinge, die außerhalb dessen existieren, nicht interessieren. Ich finde das schade, denn schließlich ist es doch das Wesen der Kunst, Horizonte zu erweitern, neue Perspektiven aufzuzeigen, kontroverse Standpunkte zu diskutieren und die Welt ein kleines bisschen bunter, lebendiger und vielfältiger (und damit auch toleranter und offener) zu machen. Zumindest sehe ich das so.

Ein wunderbares Beispiel, wie Kulturschaffende von den neuen Medien, insbesondere dem Internet und seinen sozialen Netzwerken, profitieren können, ist die sogenannte „Revolution der Künstler“ mit ihrem „art but fair“-Logo, die sich in den letzten Monaten in rasender Geschwindigkeit entwickelt hat. Angefangen hat die Bewegung mit einer Facebook-Seite über „Die traurigsten und unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse“ und inzwischen haben sich mehr als 9000 Sympathisanten und Leidensgenossen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen zusammengefunden, die gemeinsam für faire Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich eintreten wollen.

Letztes Jahr hatte ich mir ja bereits in meinem Essay über die Situation der Schauspieler ein Gedankenspiel ausgedacht, was wäre, wenn einfach mal alle Schauspieler und Kulturschaffenden streiken würden. Es scheint leider in der menschlichen Natur zu liegen, schöne Dinge erst zu schätzen, wenn einmal der Verlust derselben miterlebt wurde. Sonst hält man sie offenbar für selbstverständlich und was selbstverständlich ist, ist nicht kostbar, also auch nichts wert. Das ist zwar blöd, aber so ist das halt. Es muss ja auch kein Generalstreik sein, aber dass zumindest mal in irgendeiner Weise darauf aufmerksam gemacht wird, in aller Deutlichkeit, dass Kunst, Kultur, Theater und Medien überlebenswichtig sind, egal um welche Branche oder Disziplin es sich handelt. Wir sitzen da ja ohnehin alle in einem Boot, ob wir uns jetzt bloggend, singend, schreibend, darstellend, organisierend oder forschend mit den Themen Theater, Kunst, Kultur und Medien auseinandersetzen, das wird ja alles als Spaß an der Freude betrachtet, anstatt als „vernünftiger Broterwerbsjob“. Dabei sollte es doch möglich sein, Freude am Tun und angemessene Entlohnung zu vereinen. Wie dem auch sei, man kann ja so idealistisch sein, wie man will, wenn man da allein gegen Windmühlen kämpft, kann man die Aussicht auf Erfolg aber auch gleich mal wieder vergessen. Und jetzt kommt das Internet ins Spiel. Durch das Internet können Menschen kostenlos ihre Gedanken unter die Leute bringen (zugegebenermaßen ist das gleichzeitig Segen und Fluch), ihr Können zeigen, Werbung für sich machen, Aufmerksamkeit erregen und durch die sozialen Netzwerke auf Gleichgesinnte treffen und sich mit ihnen zusammentun. Es ist denke ich wichtig, dass Kulturschaffende jeder Sparte an einem Strang ziehen und sich gegenseitig helfen, mit Rat und Tat zur Seite stehen, dass erfahrene Profis den Anfängern dabei helfen, sich nach dem Abschluss oder auch schon während der Ausbildung zu orientieren. Die müssen ja auch erst einmal lernen, seriöse Angebote von Abzocke-Angeboten zu unterscheiden, lernen, wie viel Gage sie verlangen können und sollten, was zu den Bewerbungsunterlagen unbedingt dazugehört, und so weiter. Diese ganzen unsexy Notwendigkeiten, ohne die keiner einen Fuß in die Tür bekommt. Und man muss wissen, bis wann ist es OK, Studentenjobs und Praktika zu machen oder Projekte mit Freunden, um Erfahrung zu sammeln. Irgendwann kommt nämlich der Punkt, da hat man dann erstmal genug gelernt, genug Kontakte geknüpft und sich vernetzt, und dann muss man anfangen, Geld zu verdienen, ganz profan. Da ist man als Anfänger noch ganz orientierungslos, aber im Internet kann man sich mit „alten Hasen“ beraten und diese wiederum können von den jungen Leuten neue Impulse und Ideen bekommen. Da kann man sich gegenseitig helfen und inspirieren.

Ich weiß, ich schmeiß hier gerade übelst mit metaphorischen Gänseblümchen durch die Gegend, aber ich halte das einfach für keine gute Idee, neue Medien zu verteufeln, anstatt sich mal mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich durch eine Verknüpfung von Altem und Neuem ergeben können. Übrigens finde ich auch, dass das Internet nicht nur Möglichkeiten für Kulturschaffende untereinander bietet, sondern auch die Kommunikation zwischen ihnen und dem Publikum ganz neue Wege gehen kann. Das Thalia Theater in Hamburg ist da teilweise schon sehr innovativ. So haben beispielsweise Zuschauer die Möglichkeit, über die Stücke, die sie dort gesehen haben, auf deren Homepage eine Kurzkritik oder einen Kommentar zu schreiben. Oder letztes Jahr gab es ein – wie ich finde – ziemlich interessantes Experiment. Da durften die Zuschauer teilweise über das Internet drei Stücke auswählen, die auf den kommenden Spielplan gesetzt wurden. Es gab zwar reichlich Genörgel von Theaterkritikern, weil sie das für eine doofe Idee hielten, ich weiß aber gar nicht warum. Vermutlich, weil das Fußvolk ja gar nicht genug Ahnung hat, um entscheiden zu können, was es sehen will, oder etwas in der Richtung. Ich finde das super, denn auf diese Weise weckt man das Interesse des Publikums am Theater. Und wenn sie Stücke wählen, die kein vernünftiger Dramaturg jemals ausgesucht hätte, kann das doch eine wunderbare Möglichkeit sein, auch künstlerisch einmal über den Tellerrand zu gucken.

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36. Stück: Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone oder wie improvisiert man eine Geschichte?

Themen meiner mündlichen Prüfung, Folge 2: „Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone“. Folge 1 „Das Unheimliche in E.T.A. Hoffmanns Nachtstücken“ gibt’s hier.

Wer schon einmal eine Vorstellung von Improvisationstheater miterlebt hat, weiß, dass es dabei oft sehr lustig zugeht. Das liegt vermutlich daran, dass die einzelnen improvisierten Szenen in der Regel recht kurz sind und somit an Sketche erinnern, die im Grunde so was wie gespielte und dargestellte Witze sind. Was Keith Johnstone jedoch eigentlich im Sinn hatte, als er anfing sein Konzept des Theatersports zu entwickeln, war das Erzählen von Geschichten. Seiner Ansicht nach (und auch meiner) bleibt von einem Improvisationsabend nichts haften, wenn den Szenen eine Grundlage fehlt und sie einfach nur billige Gags aneinander reihen. Diese Grundlage stellt die Geschichte dar.

Nun ist es ja beim Improvisationstheater anders als in der Literatur, im Film oder im Drama, da die Geschichten nicht schon feststehen, sondern erst auf der Bühne unmittelbar in dem Moment entstehen. Während man also bei Drehbüchern, literarischen Texten und Dramen die verschiedenen Ereignisse, Handlungen und Geschehen immer wieder neu und anders ordnen und störende, unpassende Elemente wieder streichen oder neue hinzufügen kann, hat man diese Möglichkeit beim Improvisationstheater nicht. Das Erzählen von Geschichten funktioniert hier also ein wenig anders. Man kann nicht planen und sollte das auch am Besten gar nicht erst versuchen, da man sonst seine eigene Fantasie und die seines Spielpartners bremst.

Johnstone hat sich daher eine Reihe von Spielen, Tricks und Übungen ausgedacht, die die Fantasie der Spieler beflügeln und die spontane Kreativität anregen. Dabei sollten die Spieler aber auch „da sein“, also im Moment hellwach sein und nicht vorausdenken, da sie sonst nicht mehr darauf achten können, was ihr Partner macht. Auf diese Weise können durch das Akzeptieren von (Spiel-)Angeboten Handlungen in Gang gebracht werden. Johnstone spricht hierbei davon, eine Routine zu etablieren. Durch neue (Spiel-)Angebote und das Akzeptieren derselben wird die Routine durchbrochen und eine neue Routine entsteht, die wiederum durchbrochen wird. Da aber aneinandergereihtes Geschehen ohne Kausalzusammenhang noch keine Geschichte ergibt, müssen diese einzelnen Elemente miteinander logisch und folgerichtig verknüpft werden. Daher wehrt Johnstone auch jegliche Versuche seiner Schüler ab, „originell“ sein zu wollen. Weil man damit auf Klischees zurückgreift, anstatt bei einer Handlung zu bleiben und diese so weit wie möglich voranzutreiben. Eine weitere Empfehlung ist, die Handlung auf der Bühne im Hier und Jetzt stattfinden zu lassen. Es ist spannender, Leute auf einer Party zu sehen, als Leute zu sehen, die sich über die Party von letzter Nacht unterhalten.

Das Unterbrechen einer Routine und das Herstellen von Zusammenhängen sind also wichtige narrative Aspekte im Improvisationstheater. Johnstone nennt das Etablieren einer Routine die „Plattform“ und das Unterbrechen der Routine „Kippen“. Wichtig hierbei ist, dass das Kippen die Spieler verändert, sonst wurde die Routine nicht wirklich unterbrochen. Die Plattform ist wichtig, damit von ihr das Kippen unterschieden werden kann. Wenn die Spieler mit einem Sofort-Problem oder gleich mit einem Konflikt die Bühne betreten, ist es sehr schwierig, daraus noch eine Handlung und eine Geschichte zu entwickeln. In der Erzähltheorie spricht man hierbei von einer Zustandsveränderung. Eine Geschichte ist allerdings erst fertig, wenn es ein Ende gibt. Natürlich sind auch offene Enden denkbar, aber da die Szenen beim Improvisationstheater kurz und knackig sind, ist es hierbei oft effektiver, wenn man in einer Schlusspointe etwas vom Anfang wieder aufgreift. Damit schließt sich der Kreis und der Zuschauer freut sich.

Die (Spiel-)Angebote lassen sich noch weiter ausdifferenzieren. So gibt es Kontrollangebote, wenn der Spieler, der das Angebot macht bereits das ganze Problem und die ganze Situation ausformuliert und dem Mitspieler keine Möglichkeit mehr lässt, noch etwas hinzuzufügen. So kommt natürlich keine Handlung und schon gar keine Geschichte zustande. Das ist so, als würde man in einem Interview nur „Ja“- und „Nein“-Fragen stellen. Dann kann man langweilige und spannende Angebote machen. Ein langweiliges Angebot muss aber keine langweilige Szene zur Folge haben, erst Recht nicht, wenn man diese über-akzeptiert. Ein Improvisationsspiel, mit dem man das Über-Akzeptieren langweiliger Angebote trainieren kann, ist das Spiel „Es ist Dienstag“. Der Name des Spiels bezieht sich hierbei auf ein besonders langweiliges Angebot. „Welchen Tag haben wir heute?“ – „Es ist Dienstag“. Und das kann nun mit einer übertriebenen emotionalen Reaktion über-akzeptiert werden. Die meisten Improvisationsspieler werden dann verzweifelt oder wütend („Dienstag!? Das sagst du mir JETZT!? Heute habe ich doch meine Prüfung, davon hängt der ganze restliche Fortlauf meines Lebens ab und du sagst, es ist Dienstag!?“), aber man kann natürlich auch extrem traurig oder fröhlich werden. Wenn man mit seiner Tirade fertig ist, macht man wiederum ein langweiliges Angebot, z. B. „Ist noch Kaffee da?“, woraufhin der andere durchdreht. Das ergibt ohne Kausalzusammenhang zwar noch keine Geschichte, trainiert aber das Machen und Akzeptieren von Angeboten und macht Spaß. Ein spannendes Angebot wäre zum Beispiel, wenn der eine Spieler andeutet, dass der andere aus dem Gefängnis oder einer Anstalt für psychisch gestörte Schwerverbrecher entflohen ist („Johnny, haben sie dich entlassen? Ich dachte du hättest lebenslänglich!“). Eine weitere Übung ist, dass einer langweilige Angebote macht und der andere sie akzeptiert und seinerseits ein spannendes Angebot macht. Auch sehr unterhaltsam. Schließlich gibt es noch blinde Angebote, bei der der eine Spieler überhaupt nichts festlegt und alles offen lässt, zum Beispiel, indem er seinem Mitspieler etwas hinhält und sagt: „Halt mal kurz“. Dann muss der Mitspieler definieren, worum es sich handelt und kommt gar nicht darum herum, seine Fantasie und Kreativität anzukurbeln. Das kann man beispielsweise mit dem Geschenke-Spiel trainieren. Ein Spieler schenkt einem anderen etwas, ohne anzudeuten, was es ist. Der andere muss dann dadurch, dass er seine Arme weiter ausbreitet oder mimt, dass etwas sehr schwer ist, definieren, was er geschenkt bekommen hat. Dann schenkt er dem ersten wieder etwas und so fort. Das ergibt allerdings noch keine Geschichte.

Eine weitere, sehr schöne Übung, um seinen Spielpartner definieren zu lassen, worum es geht und gleichzeitig eine Geschichte entstehen zu lassen, ist das „Stimmchen-Spiel“. Ein Spieler versteckt sich hinter dem Vorhang und ein anderer Spieler betritt die Bühne. Wichtig ist, dass der Spieler, der die Bühne betritt nicht darauf wartet, dass das Stimmchen von dem Spieler aus dem Off kommt. Sonst ist er nicht im Moment und fängt an zu planen und macht sich seine Fantasie und Kreativität kaputt. Der Spieler auf der Bühne ist also mit einer Tätigkeit beschäftigt, vielleicht sucht er Pilze im Wald oder räumt seine Wohnung auf oder kocht sich Abendessen. Dann wird er in dieser Tätigkeit von dem Stimmchen unterbrochen (Unterbrechen der Routine, Kippen der Plattform). Dann muss er definieren, worum es sich bei dem Stimmchen handelt. Im Wald kann er zum Beispiel einer sprechenden Maus begegnen. Beim Wohnungaufräumen trifft er vielleicht auf eine Kakerlake, die seine Hilfe braucht. Und beim Abendessen kochen kann das Gemüse ihn darum bitten, sein Leben zu verschonen. Das für den Zuschauer unsichtbare Wesen, dem das Stimmchen gehört, muss also definiert werden und dann muss auch diese Routine, die Begegnung mit dem Wesen, unterbrochen werden. Das kleine Wesen hat dann ein Problem und braucht Hilfe oder es ist wütend und auf Rache aus. Auch hier ist es wichtig, dass die Spieler definieren, worum es geht, da sie sonst durch das Hinauszögern einer Entscheidung den Handlungsverlauf zum Stocken bringen. Enden tut die Szene dann zum Beispiel, indem die Anfangstätigkeit wieder aufgegriffen wird, nachdem das Problem gelöst wurde.

Auch beim Stimmchenspiel ist der Kausalzusammenhang für das Entstehen einer Geschichte unerlässlich. Das heißt, dass Geheimnisse, die aufgebaut wurden, aufgeklärt werden müssen und Konflikte, die etabliert wurden, gelöst und zuende geführt werden. Wenn Elemente eingeführt werden, die für die Handlung keinen Sinn ergeben, ist das ein gebrochenes Versprechen an das Publikum, das darauf mit Enttäuschung reagiert. Im Improvisationstheater ist es meistens üblich, dass man das Publikum mit einbezieht, indem man es um Vorschläge bittet. Johnstone rät davon ab, weil Zuschauer oft originell sein wollen und dann auf die Frage nach einem Ort „Auf dem Klo“ antworten, womit man nicht wirklich viel anfangen kann. Wenn man die Zuschauer um Vorschläge bittet, sollte man also nur die Vorschläge aufgreifen, mit denen man auch etwas anfangen kann und seine Versprechen auch einlösen.

Ich liebäugele schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, ob sich dieses Prinzip des spontanen Geschichte-Erzählens nicht auch auf das Medium Internet und die sozialen Netzwerke übertragen lässt. Vielleicht teste ich das demnächst einfach mal auf meiner Facebook-Seite, dass ich ein paar Vorschläge der User (das Publikum im Internet) sammle und dann durch das Etablieren und Durchbrechen einer Routine und das Wiederaufgreifen von eingeführten Elementen daraus eine Geschichte spinne …

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