Monatsarchiv: November 2013

47. Stück: The Hunger Games vs. Twilight

In den letzten Jahren sind hauptsächlich zwei Buchreihen aus der Masse hervorgestochen, die sich dem Fantasygenre zuordnen lassen. „The Hunger Games“ von Suzanne Collins – zu Deutsch „Die Tribute von Panem“ – und die „Twilight“-Reihe von Stephenie Meyer. Über den Erfolg der „Twilight“-Reihe hatte ich mich vor ein paar Jahren bereits gewundert. Über den Erfolg von „Die Tribute von Panem“ hingegen wundere ich mich überhaupt nicht, sondern bin erfreut. Denn das ist richtig gute Literatur: spannend, sozialkritisch, vielschichtig und mit interessanten Figuren, deren Beweggründe sich nachvollziehen lassen (auch bei den ‚Bösewichtern‘).

Da bietet es sich meiner Meinung nach an, die beiden Buchreihen mal miteinander zu vergleichen. In „Twilight“ wie auch in „Panem“ gibt es eine Dreiecksliebesgeschichte. Während es bei „Twilight“ ein Leichtes ist, den einen oder den anderen Kerl zu bevorzugen, ist das bei „Panem“ im Grunde unmöglich, weil beide Figuren so facettenreich und vielschichtig gestaltet sind, das mal der eine, mal der andere sympathischer erscheinen. Darüber hinaus sind auch die Gefühle der Hauptfigur Katniss den beiden Jungs gegenüber viel realistischer, weil ambivalenter, als in „Twilight“.

Bella Swan verknallt sich in den Vampirschnösel Edward Cullen in „Twilight“, weil er (zumindest in der Buchversion, über den Film-Edward breiten wir mal den Mantel des Schweigens) unfassbar gut aussieht, charismatisch und immer so ganz melancholisch drauf ist. Das ist von Anfang bis Ende klar. Auch wenn zwischendurch ihr bester Kumpel Jacob den Seelentröster geben darf, sie zweifelt nie daran, dass sie mit Edward bis in alle Ewigkeiten zusammen sein will. Dabei ist Bella ein leidendes, passives Teeniemädchen, das es kaum abwarten kann, für ihren wohlhabenden Vampirfreund den Haushalt zu schmeißen und ihm eine brave Ehefrau und Mutter zu sein. Alles andere – Studium, Job, Eigenständigkeit – ist ihr scheißegal. Nun kann das natürlich jeder so machen, wie er oder sie das möchte, nur bin ich der Meinung, dass das durchaus seinen Grund hat, warum die Buchreihe damit endet, dass Bella, Edward, ihr Töchterchen Renesmee und der Werwolf Jacob die Oberschurken (die einfach nur grundlos böse waren) besiegt haben und jeder Topf sein Deckelchen gefunden hat. Drei Jahrhunderte oder so später dürfte Bella nämlich allmählich anfangen, sich schrecklich zu langweilen.

Katniss Everdeen hingegen hat ganz andere Probleme, als sich zu verlieben. Ihre beiden Freunde Peeta und Gale ebenfalls. Sie sind weder Vampire noch Werwölfe und müssen zusehen, wie sie überleben. Denn sie leben nicht in einem verschlafenen, amerikanischen Kleinstädtchen wie Bella und Konsorten in „Twilight“, sondern in dem, was in der Zukunft von Nordamerika noch übrig ist – Panem. Eine grausame Diktatur, mit ein paar wenigen reichen Bewohnern im Kapitol, das bei Laune gehalten werden muss, damit es nicht aufbegehrt. Und den normalen Bürgern in den zwölf Distrikten, die unterdrückt werden müssen, damit sie nicht aufbegehren. In dieser Dystopie bleibt kein Platz für Wankelmütigkeit und Wehleidigkeit. Das wirkt sich dann auch auf die Beziehungen zwischen den Figuren aus und macht sie dadurch viel interessanter. Die Figuren des Liebesdreiecks sind sich allesamt ebenbürtig und haben ihre eigene Persönlichkeit. Es ist längst nicht klar, für wen sich Katniss schließlich entscheidet und ob sie das überhaupt tut. Was jedoch klar ist, wenn sie sich für einen der beiden entscheidet, werden sie ein Team sein und nicht einer von beiden das Anhängsel des jeweils anderen.

So unterhaltsam die „Twilight“-Bücher auch zu lesen waren – warum, weiß ich nicht mehr – so glaube ich kaum, dass ich sie mir irgendwann noch mal ein zweites Mal zu Gemüte führen werde. Die „Hunger Games“-Trilogie hingegen könnte ich immer wieder lesen und auch die Filme finde ich sehr gelungen. Dies liegt nicht nur an den unterschiedlichen Liebeskonzeptionen, sondern daran, dass die „Hunger Games“-Bücher insgesamt einfach vielschichtiger und facettenreicher sind und einen auch lange, nachdem man die letzte Seite des letzten Teils gelesen hat, mit den Gedanken noch in der erzählten Welt von Panem nachhängt. Die Mechanismen von Macht und Politik werden unter dem Deckmantel einer Science-Fiction-Fantasy-Geschichte messerscharf analysiert und offengelegt. Diese gesellschaftskritische Ebene fehlt bei „Twilight“ völlig. Da geht es im Prinzip nur um ein rückständiges Weltbild mit anachronistischem Geschlechterrollenverhältnis. Am Ende der „Hunger Games“ – Achtung Spoiler – lassen sich die Motive und Beweggründe von Präsident Snow zwar nicht gutheißen, aber nachvollziehen. Und es lässt sich erkennen, dass die Anführerin der Rebellen, Präsidentin Coin, keinen Deut besser ist als Präsident Snow und dass das Unrechtsregime unter ihrer Herrschaft keinesfalls aufhören würde. Und genau das macht es so spannend.

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