Schlagwort-Archive: Improvisationstheater

84. Stück: Blogparade Impro-Geschichten – Folge 2

Die Singende Lehrerin hat mein Blogstöckchen mit den Impro-Geschichten aufgegriffen und mir gleich drei weitere Begriffe genannt, aus der ich gleich eine kleine Spontanerzählung tüfteln werde.

1. Raumschiff
2. Mütze
3. Klingone

Auf geht’s! 🙂


Matti, der Klingone, war traurig. Die anderen Kinder in der vierten Klasse der Grundschule auf dem Raumschiff Sternenstaub hatten sich schon wieder über ihn lustig gemacht, weil er mit seiner braunen Haut und den Verhornungen im Gesicht so anders aussah als sie. Die anderen Kinder hatten überwiegend menschliche Eltern, ein Vulkanier war auch mit in der Klasse – keiner mochte ihn besonders, weil er immer alles besser wusste, aber immerhin wurde er respektiert -, aber er war der einzige Klingone. Strenggenommen war er überhaupt auch der einzige Klingone auf dem Schiff und im ganzen Universum – sein Volk galt als ausgestorben und er hatte das Glück gehabt, von einem freundlichen Menschenpaar adoptiert zu werden. Sie waren auch wirklich gut zu ihm und er hatte sie sehr gern … aber es fehlte ihm, mit jemandem seine Erinnerungen aus früher Kindheit zu teilen, die Traditionen seiner Kultur … man nickte immer höflich, wenn er davon erzählen wollte, aber wirklich verstehen tat es keiner.

Nun saß er alleine auf dem Holo-Deck, hatte sich eine Landschaft seines Heimatplaneten virtuell nachbilden lassen, und hing seinen schwermütigen Gedanken nach. Seine Adoptiveltern rieten ihm immer, er solle die gemeinen Kinder in der Klasse einfach ignorieren, dann würde ihnen irgendwann langweilig werden und sie hörten damit auf, ihn zu ärgern. Matti zweifelte daran, auch wenn er es gern glauben wollte, aber seine Mitschüler machten nicht unbedingt den Eindruck, als würde es ihnen jemals langweilig werden, auf ihm herumzuhacken.

Er wusste nicht genau, wie lange er so dagesessen hatte, als er plötzlich eine Stimme hinter sich hörte: „Entschuldigung … Matti, richtig? Darf ich mich zu dir setzen?“ Er schrak kurz zusammen und wandte sich um. Da stand Hektor, der Koch aus der Schulkantine, und der Einzige, der das Leid des kleinen Klingonen nachvollziehen konnte. Sie hatten sich bei der Essensausgabe bereits ein paar Mal unterhalten und Hektor hatte Matti stets aufmunternde Blicke zugeworfen, wenn die anderen Kinder ihn mal wieder mit einem besonders blöden Spruch auf die Pelle rückten. Hektor war Meranier und ebenfalls der Letzte seiner Art – sein Planet existierte zwar noch, war aber unbewohnbar geworden. In endlosen Kriegen hatten sich die Bewohner von Meran gegenseitig umgebracht, ihr Hass hatte keine Grenzen gekannt, und Hektor war der Einzige, der rechtzeitig hatte fliehen und auf der Sternenstaub einen Job als Koch hatte finden können.

„Sicher, setz dich“, murmelte Matti, und Hektor nahm neben ihm Platz. „Weißt du, ich kann das nicht mehr mit ansehen, wie die anderen dich dauernd quälen“, platzte Hektor heraus. Matti sah ihn verblüfft an, so direkt hatte noch niemand ihn darauf angesprochen. „Na ja“, sagte er verdruckst, „ich versuche ja, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie mich treffen … ich hoffe immer, dass sie vielleicht dann von mir ablassen. Aber es ist so schwer …“, nun war er kurz davor, in Tränen auszubrechen. Hektor sah ihn verständnisvoll an und sagte dann: „Ich verrate dir ein Geheimnis. Auch ich hatte einen schweren Start, als ich hier als Koch anfing. Die Kollegen sahen mich alle schräg von der Seite an, keiner wollte etwas mit mir zu tun haben, und wenn irgendetwas in der Küche fehlte oder schieflief, war immer ich an allem Schuld“, erinnerte er sich.

„Aber eines Tages fand ich das hier“, sagte er und holte seine weiße Kochmütze hervor. „Sie lag plötzlich einfach vor der Eingangstür meiner Koje, ich weiß bis heute nicht, wie sie dorthin gekommen ist. Aber sie hat mein Leben verändert.“ Hektor erzählte, wie er die Mütze am nächsten Tag bei der Arbeit getragen hatte und voller Verwunderung feststellte, dass niemand ihn mehr zu ärgern versuchte. Die Kollegen waren auf einmal freundlich, respektvoll, als sei es nie anders gewesen. „Ich glaube, inzwischen brauchst du die Mütze nötiger als ich“, sagte er und setzte sie Matti auf. Sie lächelten sich zu, dann verabschiedete sich Hektor. „Wir sehen uns morgen in der Kantine, Matti, schlaf gut!“ – „Du auch, Hektor, und vielen Dank!“

Ein wenig skeptisch war Matti schon, als er am nächsten Tag den Klassenraum betrat. Eine einfache Mütze sollte die anderen davon abhalten, ihn weiter zu triezen und zu veräppeln? Zumindest schienen sie heute alle mit etwas anderem beschäftigt zu sein. Die erste Stunde verlief angenehm ruhig und auch in den kleinen Pausen kam nicht ein dummer Spruch. Matti fing an, sich zu entspannen, aber ihm war beim Gedanken an die Mittagspause ein wenig mulmig zumute. An der Essensausgabe traf er auf Hektor, der ihm aufmuntern zuzwinkerte. Matti lächelte schüchtern zurück und wollte sich dann wie gewohnt an seinen Lieblingsplatz, ganz hinten in der Ecke setzen, wo man ihn nicht so leicht sah. Doch da rief ihn Sinja, aus seiner Klasse, und Matti hätte vor Schreck beinahe sein Tablett fallen lassen: „Hey Matti, komm doch hierher, setz dich zu uns!“ Zuerst war der kleine Klingone überzeugt, es müsse sich um einen dieses Mal besonders gemeinen Scherz handeln.

Aber dann nahm er all seinen Mut zusammen, und setzte sich zu Sinja und den anderen Klassenkameraden. „Ich glaube, wir waren in letzter Zeit nicht besonders nett zu dir“, sagte sie, und klang dabei aufrichtig zerknirscht. „Ich hoffe, du kannst uns verzeihen … vielleicht können wir ja noch einmal von vorne anfangen?“ Matti fand, dass die anderen eine Chance verdient hätten, und setzte sich zu ihnen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

83. Stück: Blogparade Impro-Geschichten – Wer macht mit?

Schon seit Ewigkeiten spukt mir die Idee im Kopf herum, eine eigene Blogparade ins Leben zu rufen, und zwar zum Thema „Impro-Geschichten“. Impro ist die Kurzform von Improvisation, die man normalerweise vom Theater kennt. In meinem Essai über „Narrative Aspekte im Improvisationstheater von Keith Johnstone oder wie improvisiert man eine Geschichte?“ hatte ich als Vorbereitung auf meine mündliche Masterprüfung schon mal ein wenig Hintergrundwissen dazu aufgeschrieben.

In Kurzform hier noch einmal das Wesentliche, um aus dem Stehgreif eine Geschichte entstehen zu lassen:

  • Routine etablieren (Normalzustand herstellen und schildern)
  • Routine kippen durch ein Ereignis
  • Veränderung schildern
  • Zur Routine zurückkehren

Außerdem sollten Elemente und Ereignisse, die auftauchen, später wieder aufgegriffen werden, damit keine angefangenen Handlungsstränge ins Leere laufen und der Zuschauer enttäuscht wird.

Nun hatte ich mich vor vier Jahren schon gefragt, ob man dieses Prinzip nicht auch aufs Schreiben von Geschichten übertragen könnte. Die Surrealisten haben ja eine ähnliche Technik genutzt, die sogenannte écriture en direct, um „ungefiltert“ Geschichten aus dem Unbewussten aufs Papier zu bringen. Das war nicht immer gelungen und manchmal sehr langweilig, wie André Bretons „Nadja“ zeigt, aber die Idee ist spannend.

Für meine Blogparade über Impro-Geschichten werde ich gleich drei Begriffe nennen, aus denen die Teilnehmer spontan eine kurze Erzählung stricken sollen, möglichst ohne vorher nachzudenken und ohne hinterher noch mal groß etwas zu verändern. Die Ergebnisse könnt ihr entweder in eurem eigenen Blog posten oder hier unter dem Artikel in die Kommentare schreiben. Ein paar Teilnehmer nominiere ich am Ende, es darf aber jeder mitmachen, der Lust dazu hat. Wenn ihr den Text auf eurem Blog publiziert, verlinkt dann bitte diesen Post hier, und packt mir unten einen Link in die Kommentare, damit ich eure Geschichte nicht verpasse 🙂

Am Ende nennt ihr dann eurerseits drei Begriffe (z. B. ein Ort, eine Figur, einen Gegenstand) und nominiert ein paar Teilnehmer eurer Wahl.

Ach so, und Deadline ist in zwei Wochen, also am 28.11.2016

So, dann kommen hier die drei Begriffe:

1. Wald
2. Messer
3. Hund

Und ich nominiere:
Meine Freundin Stephanie Blomberg von Lieblingsbilder – Blomberg Fotodesign, mit der ich auf der Schauspielschule beim Improvisationstheater immer viel Spaß hatte 🙂

Marco von Ma-Go Filmtipps, mit dem ich gemeinsam am Essai über „Horrorfilme – Ein Genre für die geistig Schwachen?“ gearbeitet hatte.

Singende Lehrerin, bei deren Blogparaden ich selbst immer sehr gern mitmache.

Auf geht’s und viel Spaß!

30 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

36. Stück: Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone oder wie improvisiert man eine Geschichte?

Themen meiner mündlichen Prüfung, Folge 2: „Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone“. Folge 1 „Das Unheimliche in E.T.A. Hoffmanns Nachtstücken“ gibt’s hier.

Wer schon einmal eine Vorstellung von Improvisationstheater miterlebt hat, weiß, dass es dabei oft sehr lustig zugeht. Das liegt vermutlich daran, dass die einzelnen improvisierten Szenen in der Regel recht kurz sind und somit an Sketche erinnern, die im Grunde so was wie gespielte und dargestellte Witze sind. Was Keith Johnstone jedoch eigentlich im Sinn hatte, als er anfing sein Konzept des Theatersports zu entwickeln, war das Erzählen von Geschichten. Seiner Ansicht nach (und auch meiner) bleibt von einem Improvisationsabend nichts haften, wenn den Szenen eine Grundlage fehlt und sie einfach nur billige Gags aneinander reihen. Diese Grundlage stellt die Geschichte dar.

Nun ist es ja beim Improvisationstheater anders als in der Literatur, im Film oder im Drama, da die Geschichten nicht schon feststehen, sondern erst auf der Bühne unmittelbar in dem Moment entstehen. Während man also bei Drehbüchern, literarischen Texten und Dramen die verschiedenen Ereignisse, Handlungen und Geschehen immer wieder neu und anders ordnen und störende, unpassende Elemente wieder streichen oder neue hinzufügen kann, hat man diese Möglichkeit beim Improvisationstheater nicht. Das Erzählen von Geschichten funktioniert hier also ein wenig anders. Man kann nicht planen und sollte das auch am Besten gar nicht erst versuchen, da man sonst seine eigene Fantasie und die seines Spielpartners bremst.

Johnstone hat sich daher eine Reihe von Spielen, Tricks und Übungen ausgedacht, die die Fantasie der Spieler beflügeln und die spontane Kreativität anregen. Dabei sollten die Spieler aber auch „da sein“, also im Moment hellwach sein und nicht vorausdenken, da sie sonst nicht mehr darauf achten können, was ihr Partner macht. Auf diese Weise können durch das Akzeptieren von (Spiel-)Angeboten Handlungen in Gang gebracht werden. Johnstone spricht hierbei davon, eine Routine zu etablieren. Durch neue (Spiel-)Angebote und das Akzeptieren derselben wird die Routine durchbrochen und eine neue Routine entsteht, die wiederum durchbrochen wird. Da aber aneinandergereihtes Geschehen ohne Kausalzusammenhang noch keine Geschichte ergibt, müssen diese einzelnen Elemente miteinander logisch und folgerichtig verknüpft werden. Daher wehrt Johnstone auch jegliche Versuche seiner Schüler ab, „originell“ sein zu wollen. Weil man damit auf Klischees zurückgreift, anstatt bei einer Handlung zu bleiben und diese so weit wie möglich voranzutreiben. Eine weitere Empfehlung ist, die Handlung auf der Bühne im Hier und Jetzt stattfinden zu lassen. Es ist spannender, Leute auf einer Party zu sehen, als Leute zu sehen, die sich über die Party von letzter Nacht unterhalten.

Das Unterbrechen einer Routine und das Herstellen von Zusammenhängen sind also wichtige narrative Aspekte im Improvisationstheater. Johnstone nennt das Etablieren einer Routine die „Plattform“ und das Unterbrechen der Routine „Kippen“. Wichtig hierbei ist, dass das Kippen die Spieler verändert, sonst wurde die Routine nicht wirklich unterbrochen. Die Plattform ist wichtig, damit von ihr das Kippen unterschieden werden kann. Wenn die Spieler mit einem Sofort-Problem oder gleich mit einem Konflikt die Bühne betreten, ist es sehr schwierig, daraus noch eine Handlung und eine Geschichte zu entwickeln. In der Erzähltheorie spricht man hierbei von einer Zustandsveränderung. Eine Geschichte ist allerdings erst fertig, wenn es ein Ende gibt. Natürlich sind auch offene Enden denkbar, aber da die Szenen beim Improvisationstheater kurz und knackig sind, ist es hierbei oft effektiver, wenn man in einer Schlusspointe etwas vom Anfang wieder aufgreift. Damit schließt sich der Kreis und der Zuschauer freut sich.

Die (Spiel-)Angebote lassen sich noch weiter ausdifferenzieren. So gibt es Kontrollangebote, wenn der Spieler, der das Angebot macht bereits das ganze Problem und die ganze Situation ausformuliert und dem Mitspieler keine Möglichkeit mehr lässt, noch etwas hinzuzufügen. So kommt natürlich keine Handlung und schon gar keine Geschichte zustande. Das ist so, als würde man in einem Interview nur „Ja“- und „Nein“-Fragen stellen. Dann kann man langweilige und spannende Angebote machen. Ein langweiliges Angebot muss aber keine langweilige Szene zur Folge haben, erst Recht nicht, wenn man diese über-akzeptiert. Ein Improvisationsspiel, mit dem man das Über-Akzeptieren langweiliger Angebote trainieren kann, ist das Spiel „Es ist Dienstag“. Der Name des Spiels bezieht sich hierbei auf ein besonders langweiliges Angebot. „Welchen Tag haben wir heute?“ – „Es ist Dienstag“. Und das kann nun mit einer übertriebenen emotionalen Reaktion über-akzeptiert werden. Die meisten Improvisationsspieler werden dann verzweifelt oder wütend („Dienstag!? Das sagst du mir JETZT!? Heute habe ich doch meine Prüfung, davon hängt der ganze restliche Fortlauf meines Lebens ab und du sagst, es ist Dienstag!?“), aber man kann natürlich auch extrem traurig oder fröhlich werden. Wenn man mit seiner Tirade fertig ist, macht man wiederum ein langweiliges Angebot, z. B. „Ist noch Kaffee da?“, woraufhin der andere durchdreht. Das ergibt ohne Kausalzusammenhang zwar noch keine Geschichte, trainiert aber das Machen und Akzeptieren von Angeboten und macht Spaß. Ein spannendes Angebot wäre zum Beispiel, wenn der eine Spieler andeutet, dass der andere aus dem Gefängnis oder einer Anstalt für psychisch gestörte Schwerverbrecher entflohen ist („Johnny, haben sie dich entlassen? Ich dachte du hättest lebenslänglich!“). Eine weitere Übung ist, dass einer langweilige Angebote macht und der andere sie akzeptiert und seinerseits ein spannendes Angebot macht. Auch sehr unterhaltsam. Schließlich gibt es noch blinde Angebote, bei der der eine Spieler überhaupt nichts festlegt und alles offen lässt, zum Beispiel, indem er seinem Mitspieler etwas hinhält und sagt: „Halt mal kurz“. Dann muss der Mitspieler definieren, worum es sich handelt und kommt gar nicht darum herum, seine Fantasie und Kreativität anzukurbeln. Das kann man beispielsweise mit dem Geschenke-Spiel trainieren. Ein Spieler schenkt einem anderen etwas, ohne anzudeuten, was es ist. Der andere muss dann dadurch, dass er seine Arme weiter ausbreitet oder mimt, dass etwas sehr schwer ist, definieren, was er geschenkt bekommen hat. Dann schenkt er dem ersten wieder etwas und so fort. Das ergibt allerdings noch keine Geschichte.

Eine weitere, sehr schöne Übung, um seinen Spielpartner definieren zu lassen, worum es geht und gleichzeitig eine Geschichte entstehen zu lassen, ist das „Stimmchen-Spiel“. Ein Spieler versteckt sich hinter dem Vorhang und ein anderer Spieler betritt die Bühne. Wichtig ist, dass der Spieler, der die Bühne betritt nicht darauf wartet, dass das Stimmchen von dem Spieler aus dem Off kommt. Sonst ist er nicht im Moment und fängt an zu planen und macht sich seine Fantasie und Kreativität kaputt. Der Spieler auf der Bühne ist also mit einer Tätigkeit beschäftigt, vielleicht sucht er Pilze im Wald oder räumt seine Wohnung auf oder kocht sich Abendessen. Dann wird er in dieser Tätigkeit von dem Stimmchen unterbrochen (Unterbrechen der Routine, Kippen der Plattform). Dann muss er definieren, worum es sich bei dem Stimmchen handelt. Im Wald kann er zum Beispiel einer sprechenden Maus begegnen. Beim Wohnungaufräumen trifft er vielleicht auf eine Kakerlake, die seine Hilfe braucht. Und beim Abendessen kochen kann das Gemüse ihn darum bitten, sein Leben zu verschonen. Das für den Zuschauer unsichtbare Wesen, dem das Stimmchen gehört, muss also definiert werden und dann muss auch diese Routine, die Begegnung mit dem Wesen, unterbrochen werden. Das kleine Wesen hat dann ein Problem und braucht Hilfe oder es ist wütend und auf Rache aus. Auch hier ist es wichtig, dass die Spieler definieren, worum es geht, da sie sonst durch das Hinauszögern einer Entscheidung den Handlungsverlauf zum Stocken bringen. Enden tut die Szene dann zum Beispiel, indem die Anfangstätigkeit wieder aufgegriffen wird, nachdem das Problem gelöst wurde.

Auch beim Stimmchenspiel ist der Kausalzusammenhang für das Entstehen einer Geschichte unerlässlich. Das heißt, dass Geheimnisse, die aufgebaut wurden, aufgeklärt werden müssen und Konflikte, die etabliert wurden, gelöst und zuende geführt werden. Wenn Elemente eingeführt werden, die für die Handlung keinen Sinn ergeben, ist das ein gebrochenes Versprechen an das Publikum, das darauf mit Enttäuschung reagiert. Im Improvisationstheater ist es meistens üblich, dass man das Publikum mit einbezieht, indem man es um Vorschläge bittet. Johnstone rät davon ab, weil Zuschauer oft originell sein wollen und dann auf die Frage nach einem Ort „Auf dem Klo“ antworten, womit man nicht wirklich viel anfangen kann. Wenn man die Zuschauer um Vorschläge bittet, sollte man also nur die Vorschläge aufgreifen, mit denen man auch etwas anfangen kann und seine Versprechen auch einlösen.

Ich liebäugele schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, ob sich dieses Prinzip des spontanen Geschichte-Erzählens nicht auch auf das Medium Internet und die sozialen Netzwerke übertragen lässt. Vielleicht teste ich das demnächst einfach mal auf meiner Facebook-Seite, dass ich ein paar Vorschläge der User (das Publikum im Internet) sammle und dann durch das Etablieren und Durchbrechen einer Routine und das Wiederaufgreifen von eingeführten Elementen daraus eine Geschichte spinne …

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dramaturgie, Publikum, Theater