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77. Stück: Wann deutsche Filme und Popmusik scheiße sind

Zuerst wollte ich diesen Essai „Warum deutsche Filme und Popmusik scheiße sind“ nennen, aber dann fielen mir immer mehr Beispiele von guten deutschen Filmen und gelungenen deutschsprachigen Liedern ein. Und da habe ich mich gefragt, was denn den Scheiß von guten Werken unterscheidet. Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil solche Urteile immer subjektiv sind, und das, was ich für grauenhaft erachte, andere wunderbar finden. Keiner von uns hat dann recht oder unrecht, es sind eben verschiedene Geschmäcker und Meinungen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es doch so ein paar Dinge gibt, die mir typisch Deutsch vorkommen, und zwar im negativen Sinne. Über die positiven Seiten der deutschen Sprache werde ich noch einmal gesondert einen Beitrag schreiben, heute geht es mal darum, was mich bei deutschsprachigen Machwerken oft stört.

Ich möchte überdies gern alle Leser dazu einladen, mir in den Kommentaren zu widersprechen oder auch zuzustimmen und Dinge zu ergänzen, die mir vielleicht nicht aufgefallen sind. Dann wird die Angelegenheit wenigstens ein bisschen intersubjektiv. 🙂

Am besten fange ich mit ein paar Beispielen deutschsprachiger Filme und Lieder an, die ich ganz schauderhaft finde. Silbermond, Juli, Revolverheld, Die Toten Hosen (zumindest den neueren Scheiß à la „Tage wie diese“, urgs 😛 ) und Xavier Naidoo sind beispielsweise Bands/Sänger, die mir zuverlässig mit ihrer Musik auf den Wecker fallen und ein genervtes „Roooh, nicht DIE schon wieder!“ begleitet von sofortigem Wechseln des Radiosenders hervorrufen. Ich nenne diese Musikrichtung gern „supernachdenklichen Deutschpop“, weil da auf Krampf versucht wird, megasensibel zu wirken und derbe poetisch rüberzukommen. Dann werden da entweder ganz melancholisch mit dünnem Stimmchen Platitüden ins Mikro gehaucht oder gewollt verwegen plattes, vor Pathos triefendes Klischeezeug gegrölt, um allen zu zeigen, wie ungemein emotional man gerade drauf ist. Die Melodien sind entweder so gut wie nicht vorhanden oder so simpel und unoriginell, dass es einen schon aggressiv macht vor Langeweile.

Wenn schon die musikalische Seite unerträglich ist, könnte zumindest ein schlauer, witziger, ironischer, leichter, liebenswerter oder zum Nachdenken anregender Text den ganzen Kram retten. Das tut er aber bei besagten Beispielen nicht. (Anmerkung am Rande: Das „meiner Meinung nach“ und „meines Erachtens“ etc. möge man sich bitte dazu denken) Im Gegenteil, da wird’s dann teilweise richtig schlimm. Von Leichtigkeit und Raffinesse, Humor, echten Gefühlen oder Gesellschaftskritik keine Spur. Stattdessen wird zum x-ten Mal darüber schwadroniert, dass früher alles besser war, was für eine tiefe Männerfreundschaft einen mit seinen Kumpels verbindet, nur, weil man regelmäßig gemeinsam in einer versifften Kneipe saufen geht. Oder es wird ganz platt und unsubtil herausposaunt, was für ein perfekter/großartiger/fantastischer/bester Tag aller Zeiten es doch ist.

Wahlweise wird auch noch mit Trampelschritten der Liebe gehuldigt, vor allem im Schlager, indem mit absurder Inbrunst herumgetrötet wird, dass man durch die Nacht geht, gemeinsam den Sternenhimmel schön findet, nur Du und ich, ich und Du, Müllers Esel schubidu. ‚Tschuldigung, da sind gerade die Maultiere mit mir durchgegangen, zurück zum Thema. Am besten schmeißt man auch noch die Zahl Tausend mit in den Text, das kommt immer gut, weil „Tausend“ ja total viel ist, also fast schon „unendlich“. „Unendlichkeit“ ist dann auch so ein Wort, ebenso wie „Ewigkeit“, „Leidenschaft“, „spüren“, „Tag“ und „Nacht“, „Sonne“, „Mond“ und „Sterne“, die in keinem deutschen Schlagertext fehlen dürfen. Ich stelle mir das Texten solcher Lieder so vor: Man schmeißt diese ganzen wahnsinnig emotionalen Begriffe auf Zettelchen geschrieben in einen Pott, wirft vielleicht noch ein paar ferne Länder oder beliebte Urlaubsziele mit dazu, rührt einmal kräftig durch und zieht dann ein paar Wörter heraus. Daraus schustert man den Text dann zusammen. „Mit Dir durch die Unendlichkeit, mit Leidenschaft in die Ewigkeit, Dich spüren Tag und Nacht! Du und ich, ich und Du, wir schauen Sonne, Mond und tausend Sternen zu, im Himmel über Capri, wo ich die Liebe fand!“ Humpta-humpta-humpta!

Mich stört daran vor allem dieses Offensichtliche, dieses Platte, dieses Berechnende. Da hat man den Eindruck, die Leute haben sich überhaupt keine Mühe gegeben, das wirkt alles so unehrlich und unauthentisch. Wobei man da sicher auch noch differenzieren kann, ich denke schon, dass Silbermond, Juli, Xavier Naidoo und Co. sich bei ihren Texten was gedacht haben und das auch wirklich so meinen und ganz viel dabei fühlen. Es wirkt trotzdem immer alles so, als habe man sich einmal ein bestimmtes Schema ausgedacht und für gut befunden. Die Lieder sind dann keine individuellen Werke mehr, sondern es wird alles in dieses Schema gepresst, mit dem Ergebnis, dass nachher alles gleich klingt. Vielleicht erweckt das dann bei mir den Eindruck des „Unechten“, weil sich selbst das coolste Schema irgendwann abnutzt und oberflächlich wird. Möglicherweise fällt es mir auch nur deswegen negativ auf, weil ich das Schema besagter Musiker grauenhaft langweilig finde. Entspräche es meinem Geschmack, fände ich es vielleicht gar nicht schlimm.

In deutschen Filmen beziehungsweise Filmszenen, die ich nicht mag, fällt mir ebenfalls vor allem die fehlende Leichtigkeit und Subtilität auf. Gepaart wird das Plumpe, Platte, Schwere und Offensichtliche obendrein häufig mit einer viel zu angestrengten, gewollten, unignorierbaren Absicht, große Gefühle zu illustrieren sowie dem Klischee des Volks der Dichter und Denker in den Allerwertesten zu kriechen, indem man extra poetische Bilder und eine vermeintlich voll lyrische Sprache wählt. Ein Beispiel dafür ist Was nützt die Liebe in Gedanken von Achim von Borries. Die Schauspieler werden dann genötigt, ein völlig leeres, ausdrucksloses Gesicht zu machen, die Schultern nichtssagend hängen zu lassen und – schon wieder mit dünnem Stimmchen oder unverständlichem Genuschel – supernachdenkliche Platitüden vor sich hin zu hauchen. Am besten ist dann auch immer möglichst oft jemand nackt, idealerweise sieht man auch alles, damit alle wissen, wie überhaupt nicht verklemmt der Deutsche an sich ist. Die Filmmusik ist passend dazu ein unerträgliches Unglücksgeraune, das jede Szene mit Pathos verklebt wie eine im Rucksack ausgelaufene Flasche Multivitaminsaft. (Ich weiß, wovon ich rede, einem solchen Vorfall ist mein erstes Handy zum Opfer gefallen.)

Meistens werden die Bilder in blasse Grau- und Blautöne getaucht, damit alles noch viel melancholischer und nachdenklicher wirkt. Zu allem Überfluss wird aber auch dieses penetrant Öde nicht konsequent durchgezogen, sondern ab und zu wird’s total emotional. Dann brüllt plötzlich jemand los, und zwar so, dass man überhaupt nicht akustisch versteht, was gerade los ist. Das soll wohl authentisch wirken, tatsächlich aber wirkt es einfach nur aufgesetzt. Ganz besonders albern wird es, wenn deutsche Filme nicht so ganz wissen, wie sie anfangen oder aufhören sollen. Dann wird nämlich einfach getanzt. Ohne Grund und ziemlich ungelenk und tapsig vollführen die Figuren dann ein paar Tanzschrittchen. Das sieht man häufig im Tatort oder Polizeiruf 110. Was das soll, habe ich bislang noch nicht verstanden.

So weit meine kleine Tirade, was ist eure Meinung dazu?

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56. Stück: „Birdman“ oder warum man gute Filme nicht mögen muss

Es ist wirklich faszinierend, wie die Anonymität des Internets die übelsten Abgründe der menschlichen Seele hervorzukitzeln vermag. Sobald man irgendwo seine Meinung äußert, braucht man nur bis drei zu zählen, schon kommen die Trolle aus ihren Höhlen gekrabbelt und pöbeln los, man solle doch gefälligst zu Hause bleiben, wenn’s einem nicht passt, man solle doch seine Ansichten für sich behalten und überhaupt was erlaube man sich, sich als Klugscheißer und Besserwisser aufzuführen, man halte sich offenkundig für etwas Besseres und für schlauer als den Rest der Welt. Das erlebe ich relativ oft auf kino.de, wo ich meine Filmkritiken in den Kommentarbereich schreibe. Wenn mir ein Film gefallen hat, werde ich dafür selten angepflaumt, aber wenn ich einen Film verreiße oder nicht durchgehend gut fand, gibt’s oft auf die Nuss. Besonders hübsch waren die Reaktionen auf meinen Jupiter Ascending-Verriss.

Irgendwie scheint es vielen Menschen schwer zu fallen, Dargestelltes (Werk) und Darstellende (Macher) zu unterscheiden. Ich kann sehr wohl das Dargestellte inhaltlich kritisieren, ohne die Darstellenden dahinter persönlich zu beleidigen. Sprich: Ich kann sagen, der Film Jupiter Ascending ist schlecht gemacht, ohne damit zu meinen, die Wachowski-Brüder wären unfähige Schwachköpfe.

Was ebenfalls häufig für Verwirrung sorgt, ist der Unterschied zwischen „gut gemacht“ und „gut finden“. Und das ist tatsächlich etwas kniffliger auseinander zu halten als Machwerk und Werkmacher. Das Thema hatte mich bereits bei The Place beyond the Pines beschäftigt und ist mir nun in Gestalt des Films Birdman erneut untergekommen. Hier noch mal meine vollständige Kritik:

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit von Alejandro González Iñárritu hinterlässt mich zwiegespalten. Der Film macht es einem aus Unterhaltungssicht betrachtet nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist sperrig, anstrengend, schräg, merkwürdig, bizarr, skurril, surreal, verrückt, mühsam und unbequem. Und das ist eigentlich wieder gut. Aber irgendwie … ich glaube – und das ist nur mein persönliches Urteil, das nichts über die Qualität des Films aussagt – mir war das zu viel des Guten.

Die Geisteswissenschaftlerin und ausgebildete Schauspielerin in mir jubelte über die vielen Seitenhiebe auf die Theater- und Filmbranche, den Jahrmarkt künstlerischer Eitelkeiten, satirischen Pointen, großartigen Bezüge, Andeutungen und philosophischen Anklänge. Mit dem Verstand betrachtet also ein Meisterwerk, ein gefundenes Fressen für Filmkritiker und andere Cineasten. Auch für Psychologen gäbe es da eine Menge zu analysieren und interpretieren.

Mit dem Herzen betrachtet war mir das aber alles viel zu intellektuell verquast, zu künstlerisch überambitioniert, zu überheblich, selbstgefällig, wichtigtuerisch, arrogant in seinem übertrieben metaphorischen Spiel mit Symbolen und Realitäten. Als wäre der Regisseur in dieselbe Falle getappt, wie sein Protagonist: Etwas Bedeutungsvolles schaffen wollen und von niemandem wirklich verstanden werden.

Vielleicht war das aber auch der Gedanke dahinter, dass man diesen Film nicht mit den normalen Sehgewohnheiten, Erzählkonventionen etc. betrachten, sondern ihn auf einer anderen Ebene wahrnehmen soll. Oder so. Wie sich Künstler das dann halt immer so schönreden, wenn sie etwas fabriziert haben, was beim Massenpublikum nicht ankommt. Die haben die Message nicht begriffen, sowieso ist das ja auch eine Auszeichnung, wenn der mainstreamverkorkste Pöbel einen doof findet und blablabla. Also, selbst wenn dem so ist und das sollte bewusst für Unverständnis sorgen, dann ist das zwar gelungen, aber nicht neu.

Durchgehend positiv aufgefallen sind mir jedoch die Schauspieler. Wie Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts und Co. sich selbst und ihren Beruf voller Spielfreude durch den Kakao ziehen macht sehr viel Spaß – intellektuelles Gestakse hin oder her. Diese Szenen haben sich in jedem Fall gelohnt.

Nur schade, dass der Film dann doch sehr lang war und zum Ende hin immer eigenartiger wurde. Mein Freund (selbst Kameramann) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der gesamte Streifen wie in einer einzigen Kamerafahrt, mit kaum sichtbaren Schnitten gedreht wurde. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen so anstrengend, denn das ist ja sehr innovativ, die Sehgewohnheiten zu torpedieren, aber von sowas wird man ein wenig seekrank. Da fehlt dann einfach die Struktur. Aber auf jeden Fall ist der Film interessant, ich denke, das lässt sich nicht leugnen. Ob man ihn nun genial findet – oder furchtbar.“

Es ist ein seltsamer Eindruck, wenn man zwar anerkennt, dass ein Film gut gemacht und künstlerisch sowie intellektuell interessant ist – und ihn trotzdem nicht mag, ihn … unsympathisch findet. Vor allem, wenn der Film dann von allen Kritikern einhellig gelobt wird und jede Menge Preise wie die Oscars abräumt und man selbst steht da und denkt: Ich mochte den nicht. Man kommt sich dann schon ein bisschen wie ein Idiot vor. Hat man vielleicht irgendetwas nicht begriffen? Hat man überhaupt denselben Film gesehen wie alle anderen?

Denselben Film hat man in diesem Fall wohl schon gesehen, … aber nicht den Gleichen. Hier ist diese oft als grammatikalische Spitzfindigkeit unterschätzte Unterscheidung zwischen „dasselbe“ und „das Gleiche“ mal sehr praktisch. Denn man kann einen Film auf verschiedene Arten und Weisen sehen und nimmt in der Folge andere Aspekte wahr, übersieht dafür aber andere Facetten, die sich ebenfalls darin verstecken. Das liegt daran, dass man mit unterschiedlichen Erwartungen, Geschmäckern, Hintergründen und Persönlichkeiten in einen Film hineingeht, die alle Einfluss darauf haben, ob das Werk einem letztendlich gefällt oder nicht.

So kann es passieren, dass man – wie ich – in Birdman geht und eine urkomische Satire auf den Theater- und Filmbetrieb erwartet. Im ersten Moment bekommt man das auch, kichert zufrieden und fühlt sich unterhalten. Aber dann nimmt der Film einfach kein Ende, die Hauptfigur Riggan Thomson verändert sich überhaupt nicht und bemitleidet sich selbst, verhält sich egozentrisch und suhlt sich in seinen Minderwertigkeitskomplexen und Frustrationen aufgrund vermeintlich verpasster Chancen. Bis kurz vor Schluss dann doch was passiert (ich sag jetzt nicht was, um nicht zu spoilern), ist es schon zu spät, damit noch Spannung aufkommt. Zumindest ging mir das so, dass ich die ganze Zeit dachte, wann kommt der Typ mal ausm Quark und am Ende war ich schon so genervt, angestrengt und gelangweilt, dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, über die Bedeutung des Schlusses nachzudenken.

Und dann schäme ich mich ein wenig, weil es doch eigentlich dumm ist, über so einen komplexen, psychologisch und künstlerisch interessanten Film nicht weiter nachdenken zu wollen, weil der einem zu anstrengend war. Auf der anderen Seite: Hätte man da nicht einfach eine halbe Stunde Selbstmitleidsgesuhle streichen und kürzen können? Der Begriff „Langeweile“ kommt ja schließlich daher, dass etwas zu lange dauert. Da finde ich, muss man doch auch als Filme- oder Theatermacher oder Buchautor an den Zuschauer denken und sich von der einen oder anderen Szene trennen, die nichts Neues zur Geschichte, erzählten Welt, den Figuren oder der Atmosphäre beiträgt.

Wobei das ja sicher wieder eine Frage des persönlichen Geschmacks ist, ob man eine Szene als überflüssig erachtet oder nicht …

Ziemlich kompliziert, das Ganze. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren, dass man manchmal Filme oder mit anderen Medien erzählte Geschichten einfach nicht mag, so wie man manche Menschen manchmal schlichtweg nicht riechen kann.

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53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

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45. Stück: Miley Cyrus als Epigone der Popkultur

Mir ist gerade so danach, einen intellektuellen Essay über eine der überbewertetsten Figuren der zeitgenössischen Pop-Welt zu schreiben: Miley Cyrus. Diese kleine Hupfdohle hat nämlich nicht nur nichts erfunden, sondern ahmt den Kram, den sie da veranstaltet, auch noch schlecht nach. Zum Vergleich habe ich hier mal auf YouTube zwei Videos hervorgekramt. Das erste zeigt den sogenannten Skandal-Auftritt von Miley Cyrus bei den MTV-Music Awards 2013 und das zweite zeigt Madonna bei einem Konzertauftritt:


In Video Nummer 1 sehen wir also Miley Cyrus, wie sie sich als Epigone der Popkultur versucht und damit kläglich scheitert. Ich nehme zumindest stark an, dass sie von der Wirkung her in etwa das im Sinn hatte, was Madonna in Video Nummer 2 tut. Besonders in Sachen Sex Appeal und Erotik misslingt Miley Cyrus jedoch der epigonale Gestus und wirkt einfach nur peinlich. Madonna hingegen war eine der ersten, die Sex Appeal und Erotik für weibliche Sängerinnen derart explizit auf die Bühne brachte und auch heute noch muss man zugeben, dass sie das wirklich gekonnt tut. Interessant finde ich in dieser Hinsicht den direkten Vergleich der Striptease-Einlagen, im Miley-Cyrus-Video etwa bei 00:16 und bei Madonna ungefähr ab 04:33. Miley Cyrus schlenkert völlig unkoordiniert mit den Armen (überhaupt keine Körperspannung – das nennt sie tanzen?) und rührt dabei mit ihrer Zunge in der Luft herum, während sie sich ihres Badeanzuges entledigt, um darunter fleischfarbene Lack-Unterwäsche zu entblößen. Madonna hingegen bleibt die ganze Zeit exakt im Takt, führt jede Bewegung bewusst aus, vermeidet kindisches Herumgekasper, jede Geste, jeder Schritt sitzen einfach genau richtig.

Die Reaktion der Moderatoren bei Miley Cyrus und ihrem niedlichen kleinen Striptease-Versüchlein sagt im Grunde schon alles: „Oh!“ und „Oooh, Nooo!“ So klingt niemand, der irgendwas sexy findet und so klingt auch niemand, der ernsthaft schockiert ist. So klingt jemand, der sich ganz fürchterlich fremdschämt. Und auch ich schäme mich einfach nur fremd, wenn Miley Cyrus sich mal wieder nackich macht oder etwas vergleichbar Langweiliges unternimmt, um Leute zu schocken oder so. Das Problem ist, dass Miley Cyrus einfach nichts Neues macht. Und klar, sie könnte das ganze Nachgemache natürlich postmodern meinen und ironisch brechen, aber dafür fehlen ihr – so meine Vermutung, die in keinster Weise der Wahrheit entsprechen muss – ein paar Gehirnzellen. Deswegen ist ihr epigonales Gehabe eben nichts weiter als das: epigonales Gehabe.

Ein bisschen Mitleid habe ich ja schon fast mit dem Mädchen. Die Kleine will doch auch nur bei den Großen mitspielen und cool sein und dazugehören. Und vielleicht hat sie auch einfach keine Lust mehr, das süße, brave, anständige Disney-Mädel zu sein, mit dem sie berühmt geworden ist. Kann ich verstehen. Wenn man hoffnungslos putzig aussieht, wird man häufig unterschätzt und für dumm und naiv gehalten, das nervt total, ich weiß wovon ich rede. Aber dann einfach nur das Äußere radikal verändern und sich im Inneren aushöhlen führt nur dazu, dass man fürchterlich peinlich wirkt. Dann ist das einfach nur ein netter Versuch, das Niedlich-Image abzulegen und es ist total offensichtlich. Da müssen Inhalte, Statements, Werte und Überzeugungen dahinter stehen, wenn man einen Image-Wechsel anstrebt. Sonst ist das Ergebnis einfach nur erbärmlich und lächerlich. Wenn man innerlich immer noch ein kleines, verwöhntes Gör ist, kann man sich noch so sehr die Haare blondieren und auf dem Kopf zu kleinen Häufchen zwirbeln, man kann noch so oft die Zunge rausstrecken und noch so viel ausziehen und so wenig anbehalten wie möglich – man erkennt von außen immer noch nur das kleine, verwöhnte Gör. Miley Cyrus sollte lieber wieder zur Schule gehen und dann vielleicht studieren oder wenigstens öfter mal ein Buch lesen und ins Theater, Museum oder Kino gehen – dann würde sie vielleicht auch eigene Ideen für ihre Auftritte haben und müsste nicht mehr alte Meister schlecht nachahmen. Nur so, meine Meinung.

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32. Stück: Zur unsinnigen Trennung von E- und U-Kultur

Wir Deutschen sind alles in allem ein ziemlich kauziges Völkchen. Wir finden immer alles „schlimm“, insbesondere Benzinpreise, und überhaupt ist das Leben ja auch kein Ponyhof und eine überaus ernstzunehmende Sache. Vielleicht ist deswegen eine unserer wohl merkwürdigsten Eigenheiten, dass wir alles in unserer Kultur in E(rnst) und U(nterhaltsam) zerteilen. Schließlich muss man sich ja an irgendetwas orientieren, damit man sich im Chaos dieser „schlimmen“ Welt zurechtfindet. Und das geht ganz besonders prima, wenn man den Umstand ignoriert, dass besagte Welt nicht einfach nur aus zwei unvereinbaren, sich feindlich gegenüber stehenden Dichotomien besteht, sondern aus einer unübersichtlichen Vielzahl von Zwischenzuständen, dass es nicht nur ‚Schwarz‘ und ‚Weiß‘ gibt, sondern auch noch ein Sammelsurium an Grautönen, Farben und verschiedensten Nuancen. Da kann einem schon schwindelig werden. Dann lieber alles schön in zwei Schubladen stecken, Etikett für alle Ewigkeiten drauf kleben und jeder weiß Bescheid.

So verständlich das alles auch sein mag, ich finde das langweilig. Und borniert. Dumm. Ärgerlich. Das führt nämlich dazu, dass plötzlich nur noch als ‚Kunst‘ angesehen wird, was so wenig Spaß und Freude wie nur irgend möglich bereitet. Je weniger zugänglich, desto höher der Kunstfaktor. Wenn etwas auch nur annähernd im Verdacht steht, unterhaltsam sein zu wollen, kommen die ganzen Kunstrichter aus ihren Löchern gekrochen und rümpfen arrogant das empfindliche Näschen, wie das Murmeltier ‚Phil‘ am 2. Februar und sagen schlechtes Wetter voraus. Igitt, das ist ja Unterhaltung, Pfui! – spucken sie dann von ihrem Podest auf den Pöbel herab.

Gibt es irgendwann nicht mehr die Möglichkeit, eine von den Halbgöttern der selbsternannten und anerkannten Kulturexperten als ‚Unterhaltung‘ abgewertete Gattung, weiterhin als solche zu ‚diffamieren‘, wird einfach ein neuer Fachbegriff in die Runde geworfen, der es erlaubt, die Trennung zwischen E- und U-Kultur aufrecht zu erhalten. So nennt man jetzt gezeichnete Geschichten, die was fürs Fußvolk und somit der ‚Unterhaltung‘ zuzurechnen sind, weiterhin „Comics“ und gezeichnete Geschichten, die wegen literarischer Vorlagen oder wegen ihrer offensichtlichen und anerkannten historischen oder politischen Themen als ‚Ernst‘ betrachtet werden können, „Graphic Novels“. Hurra! Da freut sich das Kunstrichter-Herz, Weltbild bleibt trotz Paradigmenwechsels im Kunstverständnis der Allgemeinheit weiterhin intakt. Dass die allgemein als „Comics“ arrogant von oben herab abqualifizierte Reihe der Lustigen Taschenbücher ebenfalls immer wieder anerkannte Meisterwerke der Literaturgeschichte zeichnerisch adaptiert (so geschehen mit Die Leiden des jungen Werther von Goethe, Der geteilte Visconte von Italo Calvino oder auch Krieg und Frieden von Tolstoi) wird geflissentlich ignoriert. Dass die als Kindergeschichten und somit ebenfalls als „Comics“ beleidigten Abenteuer von Asterix und Obelix, Tim und Struppi oder Johan und Pfiffikus ebenfalls historische Fakten aufbereiten und politische Fragestellungen verhandeln, wird genauso wenig beachtet. Dabei ist doch genau das gerade spannend: Wo verbergen sich ‚ernste‘ Themen hinter einer Maske von ‚Unterhaltung‘ und wo ist das ‚Unterhaltsame‘ an prinzipiell ‚ernsten‘ Sachverhalten?

Dinge, die NUR das Eine ODER das Andere sind, sind eindimensional und langweilig. Ich bin mir aber sicher, dass sich in den meisten kulturellen und künstlerischen Erzeugnissen, sowohl ernste, als auch unterhaltsame Elemente und Aspekte finden lassen. Man muss nur mal mit ein wenig Neugier und freundlich gesinnter Offenheit diese Erzeugnisse betrachten und bereit sein, sich überraschen zu lassen und Dinge zu entdecken, die man nicht erwartet hätte. Gegebenenfalls muss man auch erkennen, dass man wider Erwarten doch voreingenommen war und dass man seine für gegeben anerkannten Meinungen und Standpunkte doch noch mal relativieren muss. Das allein macht nämlich schon Spaß und Freude und ist ‚unterhaltsam‘. Einfach nur zu gucken, in welche Schublade man etwas stecken und welches Etikett man draufkleben kann, um vor den anderen elitären Snobs als wahrer Kunstkenner dazustehen, ist fürchterlich langweilig. Und borniert. Dumm. Ärgerlich.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch noch das andere Extrem, dass man versucht, reine ‚Unterhaltung‘ zu machen und alles ‚Ernste‘ auszuschließen. Zuletzt ist mit diesem Versuch Thomas Gottschalk grandios gescheitert. Keiner wollte seine Talkshow sehen. Meiner Meinung nach lag es daran, dass sich alle – inklusive Gottschalk selbst – auf den Unterhaltungsfaktor vom Entertainment-Gott(schalk) verlassen und dabei vollkommen ausgeblendet haben, dass man auch ruhig über tatsächliche Inhalte und ‚ernste‘ Themen in einer trotzdem unterhaltsamen Vorabend-Talkshow reden kann. Dass man sich auch ruhig etwas dabei denken darf und auch gerne ein Konzept hinter dem Ganzen stehen mag. Auch Dieter Bohlen macht allmählich diese Erfahrung, DSDS befindet sich derzeit in einer Zuschauerkrise. Das ist auch kein Wunder, hat uns doch The Voice of Germany kürzlich demonstriert, wie ‚unterhaltsam‘ tatsächlich qualitativ hochwertige Gesangswettbewerbe, eine faire Behandlung ‚ernst‘ zu nehmender Kandidaten und wirklich vorhandene Begabung sein können. Bohlen orientiert sich dementsprechend um und versucht schon die Kleinsten mit seinem neuen Format DSDS Kids zu ködern und sie mit der Aufrechterhaltung des Grabens zwischen E- und U-Kultur zu indoktrinieren. Wir werden sehen, ob er damit Erfolg hat. Vermutlich ja. Die armen Kinder. Und armes Deutschland.

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30. Stück: Von der Modernität klassischer Stücke und dem Nutzen von Textkürzungen

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Ich hasse es, wenn Theatermacher sich damit brüsten, einen Klassiker ungekürzt auf die Bühne zu bringen. Da frage ich mich, wo bleibt denn da die Kunst? Die Schauspieler den gesamten Text eines Klassikers, den alle schon in der Schule gelesen haben, den also jeder kennt, den jeder als Reclam-Heft käuflich erwerben und den Gesamttext bei Bedarf (!) nachlesen kann, auswendig lernen zu lassen, um dann anschließend das Publikum stundenlang damit zu quälen, ohne dass jemand sich beschweren dürfte, schließlich sei das ja werkgetreu, ist für mich keine Kunst, sondern eine besonders perfide Kombination von Faulheit und Sadismus.

Die Zeiten haben sich geändert, unsere Sehgewohnheiten haben sich geändert. Wir sind vom Kino beeinflusst, dessen rasche technische Fortschritte einen immer schnelleren und virtuoseren Schnitt ermöglichen. Die Zuschauer haben sich an dieses rasante Tempo gewöhnt und begreifen trotz der Schnelligkeit, worum es geht. Dazu kommt, dass das Publikum heute auf ein riesiges Repertoire unterschiedlichster Konventionen, Normen und anderer kultureller Verabredungen zurückgreifen kann. Man muss also gar nicht stur alles zeigen, damit der Zuschauer kapiert, was Sache ist. Häufig genügt eine Andeutung. Außerdem sind Klassiker wie Faust, Nathan der Weise, Emilia Galotti, Kabale und Liebe oder Das Leben des Galilei wirklich hierzulande jedem bekannt. Zumindest kann man voraussetzen, dass jeder weiß, worum es in den Stücken geht. Einfach nur nachzuerzählen, was sowieso schon jeder weiß, ist nicht interessant. Das ist langweilig! Interessant wird es doch erst, wenn die Theatermacher ihren Blick auf den Klassiker finden und dem Publikum präsentieren. Was will man mit diesem Klassiker erzählen, sollte die Prämisse sein. Den Klassiker als Material oder Medium begreifen, mit dem man dem Publikum etwas über ihre Gegenwart bewusst machen möchte, zum Beispiel. Und dann knöpft man sich den Text vor, liest ihn vielleicht einfach mal komplett gegen den Strich, probiert Dinge aus, von denen alle sagen, das sei unmöglich (Penthesilea sei uninszenierbar, hieß es. Dennoch habe ich bereits mindestens zwei völlig verschiedene, überaus gelungene Inszenierungen dieses Stücks gesehen) und vor allen Dingen legt man seine Scheu vor Textkürzungen ab. Jeder kennt inzwischen den Hamlet-Monolog mit „Sein oder nicht sein…“. Da genügt eine Andeutung. Thomas Ostermeier hat mit seiner Hamlet-Inszenierung 2008 auf dem Theaterfestival in Avignon bewiesen, wie viel Spannung ein geflüstertes „Sein oder nicht sein“ auch in der Wiederholung erzeugen kann, ohne sich sklavisch an die Vorlage zu halten.

Klassiker können uns nämlich auch heute noch viel über unsere Gegenwart erzählen, es gibt Themen, die zeitlos aktuell sind und historische Merkwürdigkeiten können aufzeigen, was sich inzwischen geändert hat. Das ist interessant! Liebe und Hass, Macht und Intrigen, sind nur einige wenige Beispiele zeitlos aktueller Themen. Wie die Figuren damit jeweils umgehen, mag historisch merkwürdig anmuten und genau da kann man sich als Theatermacher einklinken, sich dazu positionieren und den Zuschauer durch die Aufführung mit ins Boot holen.

Ich bin nicht gegen Klassiker auf der Bühne, da bin ich anderer Ansicht als René Pollesch. Aber ich bin entschieden dagegen, mich im Theater stundenlang zu langweilen, weil die Theatermacher mir mit dem Klassiker nichts zu erzählen haben und deswegen einfach nur stur den Text herunterorgeln!

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26. Stück: Theater als ephemere Kunst

Häufig frage ich mich, warum ein Theaterstück, das einem auf der Bühne vor Spannung den Atem raubt, einen zu einem Spontannickerchen verleitet, sobald man es auf Video schaut. Ich glaube, das liegt in der Natur der Sache. Theater ist eine ephemere, eine vergängliche Kunst. Jede Aufführung, jedes Publikum, jeder Abend ist anders. Es war vorher nie so, wie an diesem Abend und wird auch nie wieder genau so sein. Diese Vergänglichkeit ist es, die einem Theaterabend seine Magie verleiht, der aus Publikum und Schauspielern für ein paar Stunden zu Komplizen, einer eingeschworenen Gemeinschaft macht. Wenn man versucht das auf Video zu fixieren, ist der ganze Zauber im Eimer.

Leider gibt es immer wieder auch Theaterproduktionen, die das Ephemere zu ignorieren suchen. Heraus kommt ein ungemein anstrengender Theaterabend, in der die Schauspieler wahlweise in ein unerklärliches Inszenierungskorsett eingesperrt werden oder sich selbst so eitel und selbstverliebt gegenseitig beim Spielen bewundern, dass der Zuschauer sich ausgeschlossen fühlt. Wenn man sich selbst (und gegebenenfalls auch seine Kollegen) beweihräuchern möchte, kann man von mir aus ja gern sich irgendwo in einem Probenraum einschließen und sich gegenseitig super finden, aber wenn man beschließt, vor Publikum zu spielen, muss man auch für das Publikum spielen. Als Regisseur muss man sich selbst auch mal kritisch in Frage stellen und prüfen, ob man wirklich jeden eitlen Einfall, den man hatte, den aber außer man selbst keiner kapiert, partout auf die Bühne bringen muss. Bevor mich jemand missversteht. Ich bin nicht gegen Anspruch und das Verhandeln heikler gesellschaftlicher und politischer Fragestellungen auf der Bühne. Im Gegenteil. Bin ich sehr für. Aber man muss doch als Künstler auch ein Interesse daran haben, diesen Anspruch und diese heiklen Fragen auch dem Publikum zu vermitteln. Sonst ist es nämlich nichts weiter als ein selbstverliebtes Sich-toll-finden und das ist nervig und lästig und sollte bestenfalls keinem Publikum zugemutet werden. Das Ephemere des Theaters sollte parallel zur Vergänglichkeit des Lebens nämlich einfach mal ein ganz klein wenig demütig stimmen. Nicht devot, das ist etwas anderes, aber demütig. Dann entsteht auch wieder häufiger die Magie des Augenblicks und das Eingeschworene zwischen Schauspielern und Publikum, die das Theater einzigartig machen und die man nicht auf Video festhalten kann. Neben dem ephemeren Charakter ist auch die „leibliche Ko-Präsenz“ (z.B. Erika Fischer-Lichte), also das zur selben Zeit am selben Ort sein von Publikum und Schauspielern, für das Theater unentbehrlich. Theater, heißt es, findet statt wenn Schauspieler A eine Figur B spielt während Publikum C zuschaut. Heute, in Zeiten von Massentauglichkeit von Happenings, Performances, Hybridformen von Tanz, Musik und Theater, etc. kann man das sogar noch weiter reduzieren. Theater ist, wenn A etwas macht und C schaut währenddessen zu. Das klingt zunächst willkürlich und langweilig, wird aber gerade durch das Ephemere zu etwas Einzigartigem, das sich nie zuvor so ereignet hat und auch nie wieder in exakt dieser Form sich ereignen wird.

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25. Stück: Woran man merkt, dass eine Fernsehserie den Bach runter geht

Über das unsägliche Ende der einstmals hervorragenden Serie Lost habe ich mich ja bereits ausgelassen. Allerdings ist dies leider kein Einzelfall. Die meisten Serien, die nicht mangels Quoten abgesetzt wurden, bevor es soweit kommen konnte, gehen irgendwann den Bach runter. Ally McBeal hatte eine Staffel zu viel, die Gilmore Girls hatten zwei Staffeln zu viel, Nip/Tuck hatte eineinhalb Staffeln zu viel und bei den Desperate Housewives habe ich nach der fünften Staffel nur noch sporadisch weitergeguckt, weil ich mir dieses Elend nicht länger zu Gemüte führen wollte.

Woran aber merkt man, dass eine Serie ihr Pulver verschossen hat? Das wäre doch gut zu wissen, dann braucht man nur bis zu dem Punkt zu schauen, in der die Serie noch in Ordnung ist und dann kann man sie in guter Erinnerung behalten. Meiner Meinung nach (das kann gern ergänzt oder für Quatsch erklärt werden), fängt es damit an, dass sich bestimmte Handlungsmotive wiederholen. Bei den Desperate Housewives zieht zum Beispiel zu Beginn jeder Staffel ein neuer Nachbar ein, den irgendein total finsteres Geheimnis umtreibt und am Ende jeder Staffel gibt es irgendeine Katastrophe, die die Wisteria Lane fast zerstört, aber nicht ganz, damit nicht für die nächste Staffel alle umziehen müssen. Meistens stirbt auch irgendjemand, der in der laufenden Staffel gerade erst für ein wenig Spannung und Konfliktpotential gesorgt hatte.

Wenn eine Serie ihren Schwanengesang hält, erhöht sich zumeist die Fluktuation von Figuren. Die Figuren, die man schon von Anbeginn ‚kannte‘ gehen plötzlich, ohne dass die Drehbuchautoren sich besondere Mühe gäben, der Figur einen würdigen Ausstieg zu bescheren. Meistens bekommen die Figuren eine tödliche Krankheit verpasst oder – wie bei Ally McBeal, wo sie spontan umdisponieren mussten, als Robert Downey Jr. wegen Drogengeschichten in den Knast wanderte – sie sind dann einfach weg und hinterlassen eine Notiz, sie seien umgezogen. Und danach geben sich die neuen Figuren die Klinke in die Hand, noch bevor sie Zeit hatten, sich in den etablierten Figurenkonstellationen zu positionieren, geschweige denn ihren Charakter zu entwickeln. Auch hier ist Ally McBeal ein gutes Beispiel. Neue Anwälte, die zu Beginn der fünften (misslungenen) Staffel eingestellt wurden, wurden nach der Hälfte der Staffel wieder gefeuert und gründeten dann ihre eigene Kanzlei (was schon in den Staffeln zuvor passiert war, da wären wir wieder bei der Wiederholung von Handlungsmotiven), dann tauchte auch noch eine zehnjährige Tochter von Ally aus dem Nichts auf (Ally hatte ganz vergessen, dass sie ja irgendwann vor zehn Jahren mal eine Eizelle hatte einfrieren lassen) und zieht bei ihr ein und dann scheitert eine Beziehung nach der nächsten, unter anderem mit Jon Bon Jovi (hab seinen Rollennamen vergessen) und dann erkennt Ally am Ende, dass die Mutterschaft ihre wahre Erfüllung ist und sie ja eigentlich keinen Mann braucht.

Womit wir schon beim nächsten Punkt wären, der ein deutliches Indiz für das Den-Bach-runter-gehen einer Serie ist. Wenn die Figuren anfangen, sich ihrem Seriencharakter entsprechend, unlogisch und absurd zu verhalten oder wenn die Figuren zugunsten billiger Gags ‚verraten‘ werden, ist das spätestens der Moment, das Zuschauen einzustellen. Wenn Susan in Desperate Housewives wieder mal ihre Komplexe kriegt und nach Mike greint oder ihrer Tochter die Ohren vollheult und dann wieder einmal – Achtung witzig! – über irgendetwas stolpert und leichtbekleidet irgendwo reinfällt, weiß man, diese Figur hat ausgedient. Wenn Gabrielle plötzlich verrückt wird und eine Obsession für irgendeine komische Puppe entwickelt, steht das im kompletten Widerspruch zu ihrem sonstigen Charakter, auch diese Figur hat offenbar nichts mehr zu bieten und deswegen wird ihr mal eben irgendeine absurde Geisteskrankheit auf’s Auge gedrückt. Natürlich verhalten sich Menschen im ‚richtigen‘ Leben auch mal unlogisch und widersprüchlich und entwickeln auch manchmal Geisteskrankheiten, die man ihnen so nicht zugetraut hätte. Aber wenn die Geisteskrankheit nur dem Effekt dient und nicht in der Handlung oder der Geschichte begründet liegt, wirkt das einfach nur absurd. Überhaupt sollte man aufhören, eine Serie zu verfolgen, wenn die Charakterzüge der Figuren plötzlich ins Groteske überzeichnet werden und nur noch der Effekthascherei dienen. Wenn die Charakterzüge die ganze Zeit grotesk überzeichnet sind, kann man das ja unter Umständen als Stilmittel gelten lassen. Aber wenn die Zeichnung der Charakterzüge ursprünglich ‚realistisch‘ war und plötzlich übertrieben wird, zeigt das, dass den Autoren nichts mehr eingefallen ist und sie versuchen, das mit billigen Tricks zu übertünchen.

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24. Stück: Wider die Langeweile und Rezipienten-Folter in Theater und Kunst

Nach halbjährlicher Blog-Abstinenz habe ich hier wieder einmal ein schönes, die Geschmäcker und Gemüter spaltendes, polemisch aufbereitetes Reizthema für meine werte Leserschaft parat. Wie üblich übernehme ich nicht die geringste Garantie dafür, dass das, was ich hier populärwissenschaftlich verzapfe auch nur annähernd der objektiven Wahrheit entspricht. Die ist sowieso eine Illusion, jawohl. Also, es geht hier einfach nur um die bescheidene Meinung eines noch bescheideneren Geistes und wenn sich nach der Lektüre meiner kleinen Polemik der eine oder andere Theaterwissenschaftler oder selbsternannte Kunstexperte sich metaphorisch ans Bein gepinkelt fühlen sollte, so wäre ich hocherfreut, wenn selbiger sich mit der Kommentarfunktion über mein Geschreibsel ereifern und eine lebendige Diskussion vom Zaun brechen würde. Hui, das wird lustig!

Auf geht’s. In meinem letzten Beitrag hatte ich mich ja über das dramaturgische Ärgernis der Deus-ex-machina-Enden aufgeregt. Hier geht es nun um ein weiteres Ärgernis, das ich mal konzeptioneller Natur nennen möchte. Es ärgert mich nämlich schon seit geraumer Zeit, was für einen spießigen Begriff von Kunst man hierzulande allgemein als gültig akzeptiert. Dieser schließt nämlich beispielsweise komplett aus, dass Kunst auch Spaß machen kann. Um Gottes Willen, bloß das nicht! Sobald etwas auch nur annähernd unterhaltsam ist, ist es – Zack! – keine Kunst mehr. Umgekehrt gilt alles, was anstrengend, langweilig, ätzend und unerträglich ist sofort als Kunst, ohne dass das näher reflektiert würde. Die meisten nennen das normal, ich nenne es borniert.

Ich möchte das gerne an einem kleinen Beispiel erläutern. Ich habe mir neulich zwangsweise einen „Spielfilm“ zu Gemüte führen müssen, der unter Kunstkennern als große Kunst gilt. Er macht nämlich überhaupt keinen Spaß, überhaupt keinen Sinn, ist langweilig, anstrengend, qualitativ fragwürdig und ist so unerträglich, dass es selbst mich pazifistisches Sanftgemüt aggressiv macht. Es ging vorgeblich um Antigone, zumindest hatten Madame Huillet und Monsieur Straub die Antigone des Sophokles als Text genommen um ihr was-auch-immer-das-sein-mag-Konzept umzusetzen und filmisch festzuhalten. Eigentlich ist auch die Bezeichnung „Spielfilm“ eine glatte Lüge, denn spielen tut in diesem Film keiner und filmisch ist der Film auch nicht, er orientiert sich eher am Sprechtheater. Eigentlich sieht man nur einer Gruppe von Schauspie- ähm, Darstel-, nee, öhm, also Leuten zu, die den Antigone-Text absondern, in dem sie völlig bewegungslos in die Gegend starren. Einmal fällt der Bote auf die Knie (als er stirbt) und dann neigt Kreon seinen Kopf ein wenig nach unten und ich glaube, Eurydike, Kreons Frau, hebt einmal vor Gram die Arme, weil ihr Sohn und dessen Verlobte Antigone tot sind. Mehr Bewegung ist da nicht. Das ist ja auf einer Bühne live schon echt nicht leicht zu ertragen, aber als Film!? Ich meine, völlig frei von Emotionen ist das Ding nun nicht, ab und zu schlängelt sich ein Vibrato in die Stimme, so dass man erahnen kann, dass der Sprechende gerade voll verzweifelt oder so ist. Manchmal passiert auch in dem Bildausschnitt gar nichts und es wird nur der bekieselsteinte Boden gezeigt. Im Hintergrund läuft dann der Text weiter. Oh, und die Kostüme spotten jeder Beschreibung. Im Grunde hat da jemand seinen Dachboden ausgemistet, einen Haufen alter Gardinen mitgebracht und Löcher für den Kopf oben reingeschnippelt. Also, der Filmproduzent wird sich gefreut haben, viel Budget hat das Gedöns nicht verschlungen. Das muss ja auch nicht sein, wenn man eine spannende Idee hat, lässt sie sich auch ohne viel Geld realisieren. Und keine Idee bleibt auch mit viel Krach-Bumm und Holter-di-polter keine Idee, genauso wie eine langweilige Idee auch in den pompösesten Tönen langweilig bleibt.

Nun, aber genau das ist mein Kritikpunkt. Was war bloß die Idee hinter diesem unerträglichen Machwerk? Mein Prof informierte meine Kommilitonen und mich darüber, das sei „Hölderlinscher Kommunismus“, weil alles und jeder gleichberechtigt seien. Gut, das ist ein schöner Gedanke, gebe ich zu. Aber wenn alles gleichberechtigt, gleich gültig ist, dann ist eben auch alles gleichgültig. Was mich zu meiner Ausgangsfrage zurückbringt. Warum tut man das seinem Publikum an? Irgendetwas hat man sich doch dabei gedacht, irgendetwas WILL man doch von seinen Rezipienten? Um J. M. R. Lenz und seine Anmerkungen übers Theater zu zitieren: „Du sollst mir niemanden auf die Folter spannen ohne zu sagen, Warum.“ So ist das nämlich wirklich nichts anderes als pure, ungefilterte Rezipienten-Folter.

Natürlich kann man mit den üblichen Rechtfertigungsfloskeln für Rezipienten-Folter und künstlerisch wertvolle Langeweile aufwarten und herunterbeten, dass das ja postdramatisch sei und von daher niemand eine Handlung erwarten dürfe und dass es ohnehin dem Rezipienten überlassen sei, einen Sinn darin zu finden, weil das bewusst so offen mit dem Interpretationsspielraum gelassen sei um aufzuzeigen, dass jede Meinung, jeder Standpunkt seine Existenzberechtigung habe und überhaupt gebe es ja kein Richtig und Falsch, ne. Dem würde ich prinzipiell auch nicht unbedingt widersprechen wollen, nichtsdestotrotz muss es in einem Kunstwerk meiner Meinung (!) nach immer auch etwas geben, dass es von der völligen Beliebigkeit abhebt. Es muss etwas auslösen im Rezipienten und damit meine ich nicht, dass es einfach nur Ärger hervorruft, weil man seine Zeit mit so einem Schwachsinn verplempert hat. Selbst die Dadaisten, die sich den kalkulierten Schwachsinn auf die Fahnen geschrieben hatten, hatten sich eben das auf die Fahnen geschrieben. Die Absicht, reinen Nonsense zu produzieren ist auch eine Absicht.

Allerdings ist es mit der Absicht allein auch nicht getan. Denn dann könnte ja jeder kommen, irgendwas völlig Uninteressantes zusammenschustern und hinterher herumtönen, das sei so gewollt, weil das ist Hölderlinscher Kommunismus (was genau der Unterschied zwischen Hölderlinschem Kommunismus und Kommunismus ist, müsste ich auch noch mal erfragen, das habe ich nämlich nicht kapiert, Asche auf mein Haupt). Ätsch. So, und wer das nicht schnallt, der ist eben blöd und ein Kunstbanause und hat keine Ahnung von nichts und sei es von daher sowieso auch gar nicht würdig, den Sinn seines Genie-Stücks zu durchschauen. Viele nennen das genial, ich nenne es borniert, eitel und nervtötend.

Was aber muss zu der Absicht, der Motivation dazukommen, damit ein Kunstwerk nicht eitel, borniert und nervtötend daherkommt? Das Wichtigste hierbei ist der Humor. Egal was, wenn man etwas mit Humor macht, sich selbst nicht so ernst nimmt, sich selbst nicht so wahnsinnig wichtig nimmt, nicht davon ausgeht, dass die Welt automatisch aufhört sich zu drehen, sobald man mal nicht mehr ist, nicht der Selbstbeweihräucherung anheim fällt und denkt man würde mit seiner Kunst die Welt retten, oder sonstwas Größenwahnsinniges, dann ist das, was dabei herauskommt schonmal nicht so schlecht. Dann schimmert nämlich immer ein kleiner Hauch von Unterhaltung durch, der diesen Kunstquark ein wenig erträglich macht.

Und wenn nun alle Experten aufschreien, was ich kleiner Wurm mir denn überhaupt einbilde mich an dem Allerheiligsten blasphemisch zu vergreifen indem ich dreisterweise behaupte, alles was langweilig und anstrengend sei und bar jeden Humors sei keine Kunst, so habe ich mein Ziel erreicht.

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23. Stück: Deus ex machina-Enden – Ein dramaturgisches Ärgernis

Deus ex machina, der Gott aus der Maschine, war bei den alten Griechen früher ein beliebter dramaturgischer Kniff, um unlösbare Konflikte doch noch aufzulösen. Da kam dann mithilfe einer ausgeklügelten Maschinerie eine Götterfigur vom Himmel, also von der Bühnendecke, herabgeschwebt und sprach ein Machtwort. Dem mussten sich die menschlichen Figuren natürlich fügen und die Sache war erledigt.

Klingt simpel, ist es auch. Zumindest die Stück-Dramaturgie betreffend. Und für den Zuschauer ist das mehr als enttäuschend, es ist überaus ärgerlich, wenn er sich die ganze Zeit gefragt hat, wie die Figuren aus der Geschichte bloß wieder herauskommen und dann schwebt da einfach so ein Typ von der Bühnendecke, sagt „Ihr habt beide recht“ und schwebt wieder weg. (Dass das natürlich von der Bühnentechnik her für die Zeit fantastisch ist, ist eine andere Geschichte).

Ich möchte meinen Standpunkt gerne an einem zeitgenössischen Beispiel aus der Fernsehserien-Landschaft verdeutlichen. Es geht um das vollkommen bescheuerte Ende von „Lost“. Man hatte sich ja die dollsten Erklärungen ausklamüsert, dafür, was es mit der Insel auf sich habe, wie die Zeitsprünge zu erklären seien, was das Ganze mit der Dharma-Initiative zu tun habe, wo die anderen anderen anderen Anderen herkämen, etc. etc. Und wie endet die Geschichte? (Die nachfolgenden Zitate erheben keinen Anspruch auf genauen Wortlaut. Was zählt ist die sinngemäße Wiedergabe)
„Dad? Was machst du denn hier, du bist doch tot?“ – „Jack, die Frage ist, was machst DU hier?“ – „Oh, ich bin auch tot“ – „Ganz genau. Du musst loslassen. Die anderen (!) warten schon auf dich.“ Dann lächeln alle selig, alle sind glücklich und dann wird der Quatsch in gleißendes Licht getaucht und fertig ist die Laube. Das ist also die Erklärung für die sechs Staffeln, die immer wieder neue Fässer aufgemacht und neue Rätsel aufgeworfen haben. Gleißendes Licht. Toll.

So ganz ohne Interpretationsspielraum ist das sicher nicht, denn seither streiten sich die Fans und Ex-Fans im Internet, ob das Ende nun als bescheuert einzuordnen sei oder als genialer Schachzug. Wie bereits dezent angedeutet, erachte ich dieses dämliche Ende als vollkommen idiotisch. Daran ändert auch nicht, dass diejenigen, die das Ende genial fanden, allen Ernstes davon überzeugt sind, der Unfug hätte irgendeine Botschaft und nur sie hätten das begriffen. Die anderen, die sagen, das Ende sei Schwachsinn, seien eben blöd und doof und hätten das nicht verstanden und hätten kein Herz und überhaupt.

Diese Debatte erinnert mich an eines meiner Lieblingsmärchen, „Des Kaisers neue Kleider“. Nur, dass bei „Lost“ mehr als nur ein kleines Mädchen es wagen, darauf hinzuweisen, dass der Kaiser ja nackt sei, bzw. dass das Ende ein dramaturgisches Ärgernis und einfach nur Quatsch sei.

Was hat das aber mit unserem Deus ex machina, dem Gott aus der Maschine, zu tun?

Mit dieser Art von Ende macht ein Stücke- oder Drehbuchschreiber es sich schlicht ZU einfach. Wenn man so ein schwindelerregendes Gerüst an immer neuen Verwicklungen aufbaut, muss man sich sicher sein, dass man am Ende auch irgendwo ankommt. Und nicht einfach so ins Blaue hinein immer fröhlich weiterbauen, das Fundament völlig vergessen und dann am Ende sagen: „Hoppla, wie kommen wir da nur wieder herunter. Hmm, wir sagen einfach Gott war’s! Und damit keiner merkt, dass wir uns verrechnet haben, nennen wir es einfach nicht Gott, sondern wir zeigen gleißendes Licht.“ Super! Das Ganze wird dann noch mit allerlei Herzschmerz, schluchzenden Leuten, verworrenem Auserwählten-Wischiwaschi, ein wenig Küchentischpsychologie, -philosophie und –theologie verwässert und am Ende noch gesagt, dass das so sollte und dass das Absicht war und Schwupps! muss man sich keine Gedanken mehr darüber machen, wie man aus dem Salat wieder herauskommt, in den man sich hineinmanövriert hat. Das erledigen dann irgendwelche gutgläubigen Trottel für einen, die dann behaupten, dass sei eine Metapher für das Leben, da mache auch nicht immer alles einen Sinn und da kämpfe auch permanent das Gute gegen das Böse.

Da ist ja das gute alte „Ätsch, alles nur geträumt!“ oder das etwas gewagtere „Ätsch, ihr wart die ganze Zeit schon tot!“ noch besser. Da versucht man dann wenigstens gar nicht erst zu verschleiern, dass einem einfach nichts Besseres eingefallen ist. Außerdem kann man auf solche Enden ja auch so gut hin arbeiten, dass man noch eine Spur Zweifel lässt, ob das tatsächlich alles nur geträumt war oder ob die wirklich die ganze Zeit schon tot waren. Und das ist dann wieder spannend.

Aber sowas wie bei „Lost“ ist einfach nur Publikumsverarsche.

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