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75. Stück: Liebster-Award-Nominierung, die Dritte

Und hier ist auch schon die nächste Liebster-Award-Nominierung 🙂 Dieses Mal hat mich mein Bloggerkollege von Haltstop zurücknominiert, den ich nach meiner ersten Liebster-Award-Nominierung erkoren hatte. Ersteinmal vielen lieben Dank dafür 😀 Dann werde ich mal die spannenden Fragen beantworten:

1. Was macht für Dich den Reiz eines fiktiven Films/Buchs/etc. aus?

Ich mag das „Was wäre, wenn …“-Spiel in fiktiven Geschichten. Erzählungen allgemein – egal in welchem Medium oder mit welchem Grad an Wirklichkeitsübereinstimmung – werden für mich dann reizvoll, wenn ich mich da irgendwie in die Situation oder das Gedankenspiel hineinversetzen kann. Das hängt oft sehr stark von der Figurencharakterisierung ab: Sind die Figuren so beschrieben und dargestellt, dass ich etwas an ihnen finde, was mir bekannt vorkommt, womit ich mich identifizieren kann? Wenn ich die Motive einer Figur überhaupt nicht nachvollziehen kann, verliert die ganze Geschichte für mich an Reiz.

Darüber hinaus kann ich mich auch für tolles Handwerk und hervorragenden Stil bei Filmen, Büchern, Theaterinszenierungen und Fernsehsendungen begeistern. Ist die Geschichte jedoch langweilig und die Motive der Figuren schwer nachvollziehbar, genügt es nicht, dass das Werk gut gemacht ist. Für mich steht die Handlung – die unmittelbar mit den Figuren verknüpft ist – stets im Vordergrund.

2. Du trittst Deinem größten Idol aus der Welt des Films/Buchs/etc. gegenüber. Was würdest Du ihn fragen oder ihm sagen?

Hier geht es um reale Menschen, nehme ich an? Ich glaube, wenn ich plötzlich Woody Allen, Jaco van Dormael oder Stephen King gegenüberstände, würde ich überhaupt kein Wort herausbringen. Da würde ich nur „Ääähm! Ööööhm! I like your *läuft-puterrot-an* *schweißausbrüche* *atemnot* *kieks* books/films“ sagen, mich für mein peinliches Auftreten in Grund und Boden schämen, ganz schnell verschwinden und mich über mich selbst wahnsinnig ärgern. Ich bin da leider superschüchtern 😦

Einmal angenommen, ich wäre nicht so eine lächerliche, peinliche, verdruckste Erscheinung, wenn ich irgendwem Berühmtes gegenüberstehe, den ich aufrichtig bewundere, was würde ich dann tun? Sowas zu fragen wie „Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?“ ist ja schonmal unfassbar bescheuert, weil das Autoren und Filmemacher ständig in Interviews hören. Aber vielleicht würde ich sie fragen, ob sie auch manchmal Selbstzweifel haben, ob sie manchmal denken, das taugt doch überhaupt nichts, was ich hier mache, … und was Sie dann dagegen tun. Das fände ich spannend.

3. Wann wird für Dich ein Film/Buch/etc. langweilig?

Also, wenn ich die Figurenmotivation nicht nachvollziehen kann, das hatte ich ja in der ersten Frage schon geschrieben, dann langweile ich mich und ärgere mich. Was ich ebenfalls nicht ausstehen kann, ist schlechter Stil, schluderiges Handwerk und schnarchige Dialoge, die vor Klischees nur so triefen. Wenn dann noch die Macher dieses Schrotts sich eitel aufplustern und behaupten, das soll aber so, und sie hätten sich schon was dabei gedacht (was, das verraten sie selbstredend nicht), und wer das nicht versteht, der sei ihrer Kunst eben nicht würdig und ein Idiot, dann finde ich das so langweilig, dass mir die Hutschnur platzt. Dann kann ich mich darüber auch ziemlich leidenschaftlich echauffieren, und mein Freund denkt dann immer, jetzt spinnt sie wieder rum 😀 Also ganz allgemein langweilt es mich ins Unermessliche, wenn ich den Eindruck habe, da hat nur irgendsoein eingebildeter Fatzke seine persönlichen Eitelkeiten in einen Film oder ein Buch gefurzt, so ein höchstens mittelmäßig begabter Schnösel macht sich da wichtig und hört sich gerne reden oder liest sich gerne schreiben, aber es sagt überhaupt rein gar nichts aus. Bäh, sowas hasse ich! 😛

4. Was denkst Du: Wieso wird die Musik nicht öfters zum Geschichtenerzählen genutzt?

Oh, das ist interessant, ich gehe ja ab und zu noch zum erzähltheoretischen Kolloquium (ETK) an der Uni Hamburg, und da haben wir schon des Öfteren über narrative Songs – also Lieder, in denen eine Geschichte erzählt wird – gesprochen. Das gibt es also schon, und finde ich auch spannend. Das Lieblingsbeispiel von meinem Masterarbeitsprüfer ist dabei „Buenos Tardes Amigo“ von Ween:

Ich denke, das wird nicht so oft gemacht, weil Lieder der Textform Lyrik näher sind als der Prosa. Und bei Lyrik geht es mehr um Bilder und Gefühle, weniger um Geschichten. Das eine muss das andere natürlich nicht ausschließen, aber einfach durch die Kürze von Gedichten und Liedern ist es dort schwieriger, eine zusammenhängende Handlung zu entfalten.

5. Freitagabend, Kinozeit. Du hast die Wahl: Blockbuster-Streifen oder Indiefilm? Für was entscheidest Du Dich, und wieso?

Das kommt darauf an, worum es in den Filmen geht. Wenn der Indiefilm, der zur Auswahl steht, irgendsoein eitler Kunstkram ist, der keine richtige Geschichte erzählt, sondern, den man auf „einer anderen, emotionalen Ebene rezipieren muss“, dann wähle ich lieber den Blockbuster-Streifen. Ist der Blockbuster-Streifen aber so ein dämlicher Macho-Geballer-Schwachsinn ohne Story, dann nehme ich eher den Indiefilm.

6. Gibt es eine Filmreihe, bei der Dir auch noch der 3., 4., 5.,.. Teil gefällt?

Bei Stirb langsam haben mir bisher alle Teile gefallen. Wobei, die ersten Teile sind immer noch am besten, aber die neueren Filme waren immerhin guckbar 🙂

7. Welche Figur ist für Dich interessanter: Der Held oder der Bösewicht?

Meistens finde ich den Bösewicht spannender als den Helden. Der Held muss halt in der Regel die Vorbildfunktion und moralische Instanz verkörpern, der hat nicht so viel Spielraum bei der Charakterisierung. Der Bösewicht hingegen hat alle Freiheiten, da kann man die Figur mit viel mehr Facetten und Persönlichkeitszügen ausstatten. Wobei das ja in letzter Zeit modern ist, den Helden auch mal an sich und seiner „Mission“ zweifeln zu lassen, dass der nicht mehr so perfekt und unfehlbar ist. Das kann dann wieder interessant werden. Es sei denn, man übertreibt, vergisst ein wenig Humor dabei, und zeigt einen Ich-bezogenen, weinerlichen Schluffi, der die ganze Zeit herumlamentiert: „Ach und Weh! Was ist bloß meine Bestimmung! Was ist der Sinn meiner Existenz!“ Das regt mich dann ja schon wieder auf! 😀

8. Spectre kommt in wenigen Tagen ins Kino. Welcher ist Dein Lieblings-Bond-Film?

Eindeutig Casino Royale! James Bond ist in dem Film nicht nur ein Frauenheld und hübsch anzuschauen, sondern zeigt da tatsächlich auch mal ein wenig Persönlichkeit, aber ohne dabei ins Weinerliche abzudriften. Spannend!

9. Gehst Du manchmal in Kinovorstellungen, ohne Dich vorher über den Film informiert zu haben (keine Trailer, Kritiken etc.)?

Selten, meistens machen mich Trailer neugierig, oder ich habe irgendwo ein Bröckchen von der Handlung mitbekommen, der mich interessiert hat. Ich versuche aber meistens, vorher nicht so viele Kritiken zu lesen, um mich nicht allzusehr beeinflussen zu lassen.

10. Du kannst die Zeit zurückdrehen und eine schlechte Casting-Entscheidung in einem Film ändern. Welche Rolle würdest Du mit wem neu besetzen?

Hayden Christensen als Anakin Skywalker in Star Wars Episode II und Episode III. Meine Güte, war der scheiße! Da hätte man doch Ryan Philippe nehmen können, der hätte das wesentlich besser gemacht.

11. Wieso braucht die Welt eigentlich genau Deinen Blog?

Die Frage ist fies 😛 Wahrscheinlich würde sich die Welt auch noch weiter drehen, wenn es meinen Blog nicht gäbe. Insofern „braucht“ die Welt meinen Blog eigentlich gar nicht. Aber das ist vielleicht auch nicht wichtig … mir macht es einfach Spaß, hier meine Gedanken zu Film, Fernsehen, Kultur, Theater und Literatur auszubreiten, und noch mehr Spaß macht es mir, wenn ich mich mit anderen Menschen darüber austauschen kann.


So, dieses Mal nominiere ich meinen lieben Kollegen von Haltstop zurück 🙂

Die Fragen sind die, die ich bei meiner zweiten Nominierung bereits genannt hatte 🙂

1. Eine Zombie-Apokalypse bricht aus: Was tust du, warum und wie schätzt du deine Überlebenschancen ein?

2. Welches Endzeitszenario hältst du für wahrscheinlicher und warum: Ein Killervirus rafft die Mehrheit der Menschen dahin? Der dritte Weltkrieg findet statt, alle bewerfen sich mit Atom- und Wasserstoffbomben, die Welt wird unbewohnbar? Der Klimawandel und der menschliche Raubbau an der Umwelt fordern ihren Tribut? Wir werden von einem kolossalen Kometen zermalmt? Oder etwas vollkommen anderes?

3. Hand aufs Herz: Was hältst du von der Todesstrafe?

4. Selbstjustiz: Unter gewissen Umständen verständlich? Oder grundsätzlich falsch?

5. Til Schweiger: Genialer Marketingstratege oder aufgeblasener Angeber?

6. Was ist für dich der schlechteste Film aller Zeiten und warum?

7. Du bemerkst einen Troll-Kommentar auf deinem Blog: Wie reagierst du?

8. Jemand schreibt Blödsinn oder menschenverachtende Kackscheiße im Internet: Kannst du widerstehen oder pöbelst du dagegen?

9. Welches Buch hat dich zuletzt so richtig gefesselt?

10. Gibt es eine Eigenschaft, die dich an deinen Mitmenschen ganz besonders nervt? Welche?

11. Wie lange betreibst du deinen Blog schon und was hat dich dazu bewogen, damit anzufangen?

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53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

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49. Stück: Faszination „Germany’s Next Topmodel“ – eine Mutmaßung

Bis zu diesem Jahr habe ich mich immer standhaft geweigert, mir „Germany’s Next Topmodel“ zu Gemüte zu führen. „Die machen doch nichts, stehen nur rum oder latschen so nen Steg runter, so einen Scheiß gucke ich nicht“, war stets meine Devise. Aber dieses Jahr habe ich jetzt doch ein paar Mal reingeschaut und habe festgestellt, dass es doch ein Beruf ist, zu dem auch Talent und Handwerk gehören und den nicht jeder ausführen kann, der einfach nur groß und dünn ist. Das ist natürlich ein bisschen peinlich, dass jemand, der eine Schauspielausbildung hat und jetzt mit Schreiben seine Brötchen verdient, von einem anderen Beruf denkt „Das kann ja wohl jeder“. Denn das ist ja genau das Problem von allen kreativen und/oder künstlerischen Berufen, dass Außenstehende denken, das könne jeder und sei nichts, wofür man eine fundierte Ausbildung bräuchte und überhaupt seien das ja wohl nur Hobbys und da kann man froh sein, wenn man das überhaupt ausüben darf und soll nicht auch noch verlangen, von dem damit (wenn überhaupt) verdienten Geld leben zu können.

Also, Asche auf mein Haupt, da habe ich dem Modelberuf offenkundig Unrecht getan. Denn was man bei „GNTM“ wunderbar sehen kann ist, dass es eben doch nicht so einfach ist, sich in hohen Absätzen elegant und sicher zu bewegen. Und dass es auch gar nicht so leicht ist, vernünftig vor einer Fotokamera zu posen, sodass das  nachher gut aussieht. Was man allerdings auch gut sehen konnte – und da hält sich mein schlechtes Gewissen wegen der banausenhaften Verkennung des Modelstands dann doch in Grenzen – ist, dass die Modelwelt offenbar keine Ahnung vom Schauspielerberuf hat. In der Folge „Extreme Edition“ sollten die Models nämlich eine Szene in einem Restaurant spielen, wo sie furchtbar sauer auf einen Kerl waren. Später sollten sie dann für einen Werbespot so tun als würde ihnen irgendein kaltes Teegesöff unfassbar gut schmecken. Das Ergebnis war durch die Bank weg einfach nur beschämend. Gut, was soll man auch machen, wenn man als Regieanweisung hat: „Sei mal richtig sauer“. Oder: „Sei mal glücklich“. Das ist doch klar, dass da nur hysterisches, sinnentleertes Gekreische oder ein sinnloses Grinsen bei rumkommen. Beim Schauspiel geht es nicht darum, Gefühle darzustellen, sondern darum, was die Figur will und was sie wie tut, um es zu bekommen. Warum ist man wütend und wie äußert sich die Wut? Warum ist man glücklich und wie zeigt man dieses Glück?

Auf jeden Fall wird nicht nur der Schauspielerberuf dadurch völlig verkehrt dargestellt, sondern die Mädchen werden auch noch dabei blamiert. Einen großen Teil der Faszination von „GNTM“ macht meiner Meinung nach eine Mischung aus Fremdscham und Schadenfreude aus. Das ist sehr sehr peinlich, was die Mädchen da teilweise alles mit sich machen lassen und auch das, was sie teilweise für Probleme halten ist mehr als lächerlich. Augenbrauen zu bleich gefärbt, Rabäääääh, Haare abschneiden, heuuuuuul, die hat gesagt, dass die gesagt hat, dass ich gesagt hab, dass sie gesagt hat, mimimimimi. Gleichzeitig kristallisieren sich recht schnell in dieser Sendung Feindbilder und Sympathieträger heraus und dann ist das ein bisschen wie Fußball gucken. Man freut sich, wenn die Feindbild-Kandidatinnen Misserfolge einstecken müssen und man freut sich, wenn die Lieblingskandidatinnen Erfolge verbuchen können.

Was ich bei der „Extreme Edition“ außerdem festgestellt habe, ist, dass es ziemlich viel Spaß zu machen scheint, Kostüme und Mode zu designen und umzusetzen. Ich kann also verstehen, wenn man diese Sendung guckt und hinterher sagt, ich hätte Lust Kostüm- oder Modedesign zu studieren. Was ich nicht verstehe, ist, wie junge Mädchen durch diese Sendung ernsthaft Lust haben können, Model zu werden. Denn ich habe nicht den Eindruck, dass der Beruf da groß geschönt dargestellt wird. Vielleicht ein bisschen, denn ich denke, ähnlich wie beim Schauspiel, wenn man nicht Heidi Klum und Wolfgang Joop kennen lernt, sondern ein ganz normales Model ohne Vitamin B ist, dann ist das noch tausend Mal schwieriger, in der Branche Fuß zu fassen, sodass man davon leben kann.

Und wenn man Fuß gefasst hat, was dann? Als Model ist man ja im Grunde, böse gesagt, ein lebender Kleiderständer. Die Aufgabe von Models ist, Produkte, Kleidung und Kosmetik so zu präsentieren, dass Leute das Zeug unbedingt haben wollen und bei nächstbester Gelegenheit kaufen. Aber Models sind nicht diejenigen, die kreativ sein, eigene Vorschläge machen oder eigene Ideen haben dürfen. Die sollen tun, was ihnen gesagt wird und das war es dann auch schon. Und zum Dank darf man sich dann wie Schlachtvieh behandeln und wie Ware begutachten lassen. Wer will das denn?

Das zumindest ist mein Eindruck, den ich durch „Germany’s Next Topmodel“ gewonnen habe. Trotzdem wollen alle diese Mädchen unbedingt als Nummer eins aus dieser gruseligen Serie hervorgehen. Dabei haben sich die wenigsten Gewinnerinnen der letzten Jahre dauerhaft einen Namen in der Modelbranche gemacht. Einige üben jetzt einen ganz anderen Beruf aus, andere tingeln von Show zu Show und von anderen hört man gar nichts mehr. Und die Mädchen, die da teilnehmen, da ist die Älteste grad mal Anfang 20 oder so, die meisten sind so 16-18 Jahre jung. Die haben doch noch gar nicht das Selbstbewusstsein, um sich mit heiler Seele in diesem Haifischbecken von Modebranche zu behaupten. Auch nicht die, die so selbstbewusst tun und herumposaunen, sie wären die Beste. Das glauben sie vielleicht, aber sie plappern einfach nur Phrasen nach, die sie vermutlich in den letzten Staffeln oder bei irgendwelchen anderen Castingshows aufgeschnappt haben.

Außerdem schneiden die das ja hinterher auch so zusammen, dass sich bestimmte Kandidatentypen herauskristallisieren. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es nicht darum geht, wohltätigerweise kleinen Mädchen eine Traumkarriere zu ermöglichen, sondern darum, Kohle zu scheffeln und Fernsehdeutschland zu unterhalten. Also braucht man bestimmte Typen, bestimmte Klischees, mit denen sich jeder Zuschauer identifizieren oder das er ablehnen kann. Die Zicke, die sich für was Besseres hält, die Liebe, die immer vermitteln will, die Doofe, die immer irgendwelche dummen Sachen in fragwürdiger Grammatik vom Stapel lässt, die Süße, die ein bisschen naiv, aber zum Knuddeln ist, die Emotionale, die immer gleich anfängt zu flennen, die Schicksalsgebeutelte, die meint, die Sendung wäre ihre letzte Chance, im Leben noch irgendwas Schönes zu erleben, die Natürliche, die man gern als Freundin hätte, und so weiter. Am Anfang waren noch ein paar Mädchen dabei, die sich nicht einem dieser Typen zuordnen ließen und deren Gesicht man sich nicht merken konnte. Die scheiden jetzt nach und nach aus. Diejenigen, die die Show unterhaltsam machen, sind die, die bis zum Schluss drinbleiben.

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40. Stück: Katja Riemann und der fettnäpfchentretende Moderator

Die NDR-Talkshow „Das!“ hat wieder einmal mit einem peinlichen Interview von sich reden gemacht. Allerdings ist es dieses Mal nicht eindeutig, für wen es beschämender war, für den Gast oder den Moderator. Jedenfalls gab sich Katja Riemann, der Gast, große Mühe, der harmlosen Plauderei ein wenig Tiefsinn zu geben, während der Moderator Hinnerk Baumgarten mit wachsender Ratlosigkeit versuchte, das ihm entgleitende Gespräch wieder auf ein freundliches Plauderniveau zu heben. Da prallten einfach mal zwei völlig konträre Absichten frontal aufeinander, dass es nur so krachte. Aber bevor ich das bemerkenswerte Interview weiter analysiere, ist hier erstmal das Video:

Mir tut Hinnerk Baumgarten ja schon leid. Ich finde, der wirkt wie ein netter, sympathischer Kerl, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, als Katja Riemann ihn vor allen Leuten demontiert. Allerdings – und da zeigt er sich leider etwas unflexibel – stellt er der armen Katja Riemann wirklich selten dämliche Fragen. Wenn ich in ein Interview ginge mit lauter tiefsinnigen, intellektuellen Gedanken im Gepäck, und dann werde ich nach meinen Haaren gefragt, Mann, da wäre ich aber auch so richtig genervt. Im Grunde ist das Sexismus, mit Verlaub, auch wenn der Begriff vor ein paar Wochen vielleicht etwas überstrapaziert wurde und den jetzt sowieso keiner mehr ernst nimmt. Nicht, dass das vorher irgendwer getan hätte. Trotzdem, eine Frau auf ihre Haare zu reduzieren, ist plumper Sexismus. Dementsprechend runzelt Katja Riemann da auch bereits irritiert die Stirn und scheint sich zu fragen, wo sie denn da gelandet sei. Meiner bescheidenen Ansicht nach ist ihr Sich-auf-den-Schlips-getreten-fühlen ob dieser blöden, überflüssigen und nicht im geringsten interessanten Frage nicht zu übersehen. Das hätte man als Moderator merken und rechtzeitig gegenlenken können. Zum Beispiel, indem man sich entschuldigt und die Flucht nach vorn antritt: „Entschuldigen Sie, die Frage war gerade echt dämlich, lassen Sie uns das Thema wechseln …“

Aber stattdessen reitet er weiter auf dieser Haargeschichte herum, da ist Katja Riemanns lapidarer Kommentar „Das is ne Perücke“ finde ich durchaus angebracht. Und lustig. Jedenfalls, durch diese haarige Angelegenheit hat er es sich dann mit ihr verscherzt und danach war sie endgültig auf Krawall gebürstet, scheint es mir. Man merkt zwischendurch, wie sie ihre Genervtheit vergisst, wenn sie von ihrem Beruf spricht, und das sind die interessanten Momente des Interviews. Schade, dass der Moderator sie darin unterbricht und nicht merkt, dass Frau Riemann keineswegs in Plauderlaune ist. Also, so sympathisch er auch sein mag, da muss man sich meiner Meinung nach als Interviewer schon ein wenig darauf einstellen, worüber der Gast gerne sprechen möchte und worüber nicht. Und als er dann das Filmchen aus Katja Riemanns Heimatörtchen zeigt und sie knallt ihm ein „wahnsinnig peinlich“ in die Fresse, als er fragt, wie sie sich danach gefühlt habe, finde ich das eigentlich ganz erfrischend. Endlich sagt das mal einer. Denn diese Filmchen mit dem Privatgedöns der Leute, das interessiert doch wirklich niemanden und das ist immer peinlich. Das sagt bloß keiner, weil alle höflich sind. Aber Katja Riemann scheint darauf zu pfeifen, ob sie höflich wirkt oder nicht. Und das ist irgendwie cool. Ich kann sie auch absolut verstehen, dass sie nicht gern über sich als Privatperson spricht, sondern lieber über das, was sie tut. Das ist doch auch viel spannender. Ich persönlich will eigentlich gar nicht so genau wissen, wie die Schauspieler als Privatmenschen sind, nachher muss ich beim nächsten Film die ganze Zeit daran denken, was der als Privatmensch für ein Arsch ist. Dann kann man doch gar nicht mehr der Geschichte folgen. Außerdem, ich habe das selbst schon auf der Schauspielschule gehasst wie die Pest, wenn ich erzählen sollte, wie es mir persönlich „dabei ging“, wie ich mich „gefühlt“ habe. Was soll man denn auf so einen Mumpitz antworten? Denn mit „ganz OK“ lässt sich ja niemand abspeisen. Im Gegenteil, das spornt dann den Fragensteller erst richtig an, noch dämlichere Fragen zu stellen.

Trotz allem Verständnis für Katja Riemanns Reaktion muss ich allerdings sagen, dass sie schon auch etwas freundlicher und nachsichtiger mit Hinnerk Baumgarten hätte sein können. Sie muss doch auch ihrerseits gemerkt haben, dass er sich nur nett unterhalten wollte und dass er auch ein wenig nervös war, so eine berühmte Schauspielerin interviewen zu dürfen. Ihn dann zusammenzufalten und gegen die Wand laufen zu lassen wie einen dummen Jungen ist nicht gerade die feine Art. Es gibt sicher nicht wenige, die sie jetzt als arrogante Ziege betrachten und keine Lust mehr haben, ihre Filme zu sehen. Das ist vom Selbstmarketing her kontraproduktiv. Klar, als Schauspieler hasst man das in der Regel, dieses Selbstmarketing. Das hört sich so unauthentisch an, so verlogen, so rein profitorientiert. Dinge, die den meisten Schauspielern zuwider sind, die lieber eine Geschichte erzählen wollen oder erforschen möchten, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten und warum. Aber leider gehört das dazu, so sehr es mir selbst auch missfällt. Wobei Katja Riemann schon versucht hat, die nervigen Fragen elegant zu umschiffen und das Thema auf Dinge zu lenken, über die sie gern reden möchte. Aber dann kam immer eine neue trutschige Frage, die sie immer weniger Lust hatte, zu beantworten. Immerhin redet man jetzt über sie, das ist ja auch eine Form von Marketing.

Jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass der arme Hinnerk Baumgarten so schnell keine Lust mehr haben wird, Katja Riemann zu interviewen. Oberflächlich-fröhlicher Sonnyboy und intellektuell-tiefsinniger Stinkstiefel passen dann auch einfach nicht zusammen.

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