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94. Stück: Theater, Social Media und SEO – gar nicht mal so verschieden?

Wie einige von euch vielleicht schon wissen, teilt sich mein Berufsleben in zwei Phasen: Theater und Internet. Auf den ersten Blick scheint das beides wenig gemeinsam zu haben.

Schließlich stehe ich beim Theater in voller Lebensgröße da und spreche Texte, die jemand anders geschrieben hat. Als Online Redakteurin hingegen sitze ich an meiner Tastatur und schreibe selbst die Texte – oft, ohne dass ich als Person überhaupt in Erscheinung trete.

Aber ist die Arbeit am Theater und die an der Tastatur wirklich so verschieden? Ich finde nicht. Schaut man genauer hin, machen sich ein paar Gemeinsamkeiten bemerkbar.

Unmittelbarkeit und direkte Kommunikation

Das Besondere am Theater ist die direkte, unmittelbare Kommunikation zwischen den Schauspielern auf der Bühne und den Menschen im Publikum. Es entsteht eine sogenannte Feedbackschleife: Die „Energie“ der Zuschauer überträgt sich auf die Schauspieler und umgekehrt.

Und im Internet? Ist es vor allem auf Social Media ganz ähnlich. Insbesondere, wenn man auf Facebook, Instagram oder YouTube einen Livestream per Video sendet und die Kommentare der User in Echtzeit sieht und beantworten kann, wird die unmittelbare, direkte Kommunikation zwischen „Akteuren“ und „Zuschauern“ offensichtlich.

Doch auch, wenn man nicht live sendet, sondern einen Tweet, eine Statusmeldung oder einen Link postet, kann man dieser direkten Kommunikation nahekommen. Das funktioniert auch, wenn man eine Kommentarfunktion oder die Möglichkeit einer Bewertung unter den Artikeln hat, die man im Netz publiziert.

Da sieht man dann, wie die eigenen Inhalte bei den Lesern ankommen und es überträgt sich oft eine Stimmung von einem User zum anderen und schließlich auch auf den Autor.

Das ist nicht immer schön: Im Gegensatz zum Theater sitzen die Menschen im Internet nicht nebeneinander. Da vergisst der eine oder andere schon mal seine gute Erziehung und motzt, pöbelt, stänkert und trollt, nur um sich wichtig zu machen – und diese aggressive Grundstimmung färbt dann auf die anderen User ab.

Nichtsdestotrotz finde ich das unheimlich spannend, diesen Prozess zu beobachten. Und manchmal versuche ich, die Grundstimmung in eine andere Richtung zu lenken, indem ich sachliche, höfliche und interessierte Kommentare schreibe.

Allerdings sind meine Nerven da auch nicht unbegrenzt strapazierbar … da fühlt man sich manchmal so, als würde man als Schauspieler auf der Bühne ausgebuht und mit faulen Tomaten beworfen. Und da hilft gelegentlich nur noch der Rückzug.

Einzigartigkeit der Inhalte

Über den ephemeren Charakter des Theaters hatte ich ja schon mal einen Essay geschrieben. Dieses Vergängliche, das „im Moment sein“ jeder Aufführung, macht den Zauber des Theaters aus, macht es einzigartig.

Einzigartigkeit ist auch das, wonach wir Online-Redakteure mit unseren Inhalten streben. „Unique Content“ nennt sich das dann und unter SEO-Experten (Search Engine Optimization, Suchmaschinenoptimierung) ist man sich relativ einig, dass man damit bei Google Punkte sammeln kann – sofern der einzigartige Inhalt auch für das Thema der eigenen Website relevant ist und dem User einen echten Mehrwert bietet. Sonst könnte man ja auch irgendeinen willkürlichen Murks zusammenspinnen und behaupten: Bäm! Das ist jetzt „Unique Content“ ihr Luschen!

Der Rezipient beeinflusst wesentlich Erfolg und Scheitern

Apropos Mehrwert für den User: Das ist im Prinzip der Kern von erfolgreicher SEO- und Social-Media-Arbeit. Klar, im Detail setzt sich dieses simpel klingende Prinzip aus vielen kleinen Einzelheiten zusammen – viele davon kann man mit verschiedenen, spannenden Tools messen, analysieren und interpretieren. Manchmal kommt es aber auch einfach auf Intuition, Menschenkenntnis und Empathie an.

Das ist mit der Arbeit des Schauspielers und Regisseurs durchaus vergleichbar. Man braucht sowohl solides Handwerk (Stimmbildung, Sprechtraining, körperliche Fitness) als auch Talent und Gespür. Und ob man mit seiner Kunst Erfolg hat oder scheitert, hängt vom Publikum ab.

Wenn man auf der Bühne nur sich selbst beweihräuchert, abfeiert und sich gegenseitig bestätigt, die Zuschauer aber ignoriert, wird man keinen unvergesslichen Theaterabend bescheren. Das Publikum wird sich ausgeschlossen fühlen, sich langweilen, vielleicht sogar ärgern und unruhig werden. Schlimmstenfalls sogar zu Scharen den Raum verlassen. Vielleicht spricht sich herum, wie unerträglich das Stück ist, das Publikum wird weniger, bleibt schließlich ganz fern. Ungünstig.

Umgekehrt kann man das Publikum mitreißen, verzaubern und dafür sorgen, dass die Zuschauer anders das Theater verlassen, als sie es betreten haben. Dafür ist es wichtig, dass man auf das Publikum eingeht, ohne sich anzubiedern – wie bei einem richtig guten Text. Und auch das kann sich herumsprechen: wie toll und einzigartig und wunderbar dieses Theaterstück war oder dieser Online-Artikel ist.

Rollenarbeit und Marketing

Mit Rollenarbeit bezeichnet man bei Schauspielern das Entwickeln einer Figur. Da gibt es unzählige Schauspieltheorien, die einem diese höchst individuelle, komplexe Arbeit erleichtern kann (oder auch nicht, wie zum Beispiel Strasbergs Method Acting meines Erachtens). Ein Ansatz ist, eine Biografie für die eigene Figur zu schreiben. Das kann man sehr ausführlich machen – oder man notiert in Stichpunkten bestimmte archetypische Eigenschaften, die einem bei der Orientierung und Ausrichtung der Figur helfen.

In eine vergleichbare Richtung geht im Online Marketing die Methode der sogenannten Buyer Personas. Dabei entwirft man Archetypen als Vertreter der eigenen Zielgruppe. In Stichworten notiert man dann bestimmte Charakteristika, die diese Archetypen kennzeichnen, und die einem bei der Orientierung und Ausrichtung der eigenen Inhalte helfen.

Das erinnert auch ein wenig an das Konzept des „idealen Lesers“ aus der Erzähltheorie. Da habe ich im Erzähltheoretischen Kolloquium und in Uni-Seminaren schon erbitterte Diskussionen erlebt, ob man diesen „idealen Leser“ und insbesondere sein Äquivalent, den „idealen Autor“, überhaupt braucht. Man habe den realen Leser und realen Autor, den Erzähler und die Figuren, das reiche ja wohl, um einen Text zu analysieren und zu interpretieren.

Ich sehe das ganz pragmatisch: Wenn man es hilfreich findet und es dazu führt, dass man eine bessere Vorstellung der angepeilten Zielgruppe, des angepeilten Lesers, erhält und daraufhin bessere Texte schreibt … dann ist doch alles fein. Dann muss man sich echt nicht wegen Begrifflichkeiten und Definitionen in die Haare kriegen und seine Zeit mit rechthaberischen Diskussionen verplempern.

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Und, liebes Publikum, liebe Leser: Wie seht ihr das? Sind das Internet und das Theater zwei völlig verschiedene Welten? Oder könnt ihr meine Beispiele nachvollziehen? Schreibt es mir in den Kommentaren, ich bin gespannt.

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56. Stück: „Birdman“ oder warum man gute Filme nicht mögen muss

Es ist wirklich faszinierend, wie die Anonymität des Internets die übelsten Abgründe der menschlichen Seele hervorzukitzeln vermag. Sobald man irgendwo seine Meinung äußert, braucht man nur bis drei zu zählen, schon kommen die Trolle aus ihren Höhlen gekrabbelt und pöbeln los, man solle doch gefälligst zu Hause bleiben, wenn’s einem nicht passt, man solle doch seine Ansichten für sich behalten und überhaupt was erlaube man sich, sich als Klugscheißer und Besserwisser aufzuführen, man halte sich offenkundig für etwas Besseres und für schlauer als den Rest der Welt. Das erlebe ich relativ oft auf kino.de, wo ich meine Filmkritiken in den Kommentarbereich schreibe. Wenn mir ein Film gefallen hat, werde ich dafür selten angepflaumt, aber wenn ich einen Film verreiße oder nicht durchgehend gut fand, gibt’s oft auf die Nuss. Besonders hübsch waren die Reaktionen auf meinen Jupiter Ascending-Verriss.

Irgendwie scheint es vielen Menschen schwer zu fallen, Dargestelltes (Werk) und Darstellende (Macher) zu unterscheiden. Ich kann sehr wohl das Dargestellte inhaltlich kritisieren, ohne die Darstellenden dahinter persönlich zu beleidigen. Sprich: Ich kann sagen, der Film Jupiter Ascending ist schlecht gemacht, ohne damit zu meinen, die Wachowski-Brüder wären unfähige Schwachköpfe.

Was ebenfalls häufig für Verwirrung sorgt, ist der Unterschied zwischen „gut gemacht“ und „gut finden“. Und das ist tatsächlich etwas kniffliger auseinander zu halten als Machwerk und Werkmacher. Das Thema hatte mich bereits bei The Place beyond the Pines beschäftigt und ist mir nun in Gestalt des Films Birdman erneut untergekommen. Hier noch mal meine vollständige Kritik:

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit von Alejandro González Iñárritu hinterlässt mich zwiegespalten. Der Film macht es einem aus Unterhaltungssicht betrachtet nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist sperrig, anstrengend, schräg, merkwürdig, bizarr, skurril, surreal, verrückt, mühsam und unbequem. Und das ist eigentlich wieder gut. Aber irgendwie … ich glaube – und das ist nur mein persönliches Urteil, das nichts über die Qualität des Films aussagt – mir war das zu viel des Guten.

Die Geisteswissenschaftlerin und ausgebildete Schauspielerin in mir jubelte über die vielen Seitenhiebe auf die Theater- und Filmbranche, den Jahrmarkt künstlerischer Eitelkeiten, satirischen Pointen, großartigen Bezüge, Andeutungen und philosophischen Anklänge. Mit dem Verstand betrachtet also ein Meisterwerk, ein gefundenes Fressen für Filmkritiker und andere Cineasten. Auch für Psychologen gäbe es da eine Menge zu analysieren und interpretieren.

Mit dem Herzen betrachtet war mir das aber alles viel zu intellektuell verquast, zu künstlerisch überambitioniert, zu überheblich, selbstgefällig, wichtigtuerisch, arrogant in seinem übertrieben metaphorischen Spiel mit Symbolen und Realitäten. Als wäre der Regisseur in dieselbe Falle getappt, wie sein Protagonist: Etwas Bedeutungsvolles schaffen wollen und von niemandem wirklich verstanden werden.

Vielleicht war das aber auch der Gedanke dahinter, dass man diesen Film nicht mit den normalen Sehgewohnheiten, Erzählkonventionen etc. betrachten, sondern ihn auf einer anderen Ebene wahrnehmen soll. Oder so. Wie sich Künstler das dann halt immer so schönreden, wenn sie etwas fabriziert haben, was beim Massenpublikum nicht ankommt. Die haben die Message nicht begriffen, sowieso ist das ja auch eine Auszeichnung, wenn der mainstreamverkorkste Pöbel einen doof findet und blablabla. Also, selbst wenn dem so ist und das sollte bewusst für Unverständnis sorgen, dann ist das zwar gelungen, aber nicht neu.

Durchgehend positiv aufgefallen sind mir jedoch die Schauspieler. Wie Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts und Co. sich selbst und ihren Beruf voller Spielfreude durch den Kakao ziehen macht sehr viel Spaß – intellektuelles Gestakse hin oder her. Diese Szenen haben sich in jedem Fall gelohnt.

Nur schade, dass der Film dann doch sehr lang war und zum Ende hin immer eigenartiger wurde. Mein Freund (selbst Kameramann) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der gesamte Streifen wie in einer einzigen Kamerafahrt, mit kaum sichtbaren Schnitten gedreht wurde. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen so anstrengend, denn das ist ja sehr innovativ, die Sehgewohnheiten zu torpedieren, aber von sowas wird man ein wenig seekrank. Da fehlt dann einfach die Struktur. Aber auf jeden Fall ist der Film interessant, ich denke, das lässt sich nicht leugnen. Ob man ihn nun genial findet – oder furchtbar.“

Es ist ein seltsamer Eindruck, wenn man zwar anerkennt, dass ein Film gut gemacht und künstlerisch sowie intellektuell interessant ist – und ihn trotzdem nicht mag, ihn … unsympathisch findet. Vor allem, wenn der Film dann von allen Kritikern einhellig gelobt wird und jede Menge Preise wie die Oscars abräumt und man selbst steht da und denkt: Ich mochte den nicht. Man kommt sich dann schon ein bisschen wie ein Idiot vor. Hat man vielleicht irgendetwas nicht begriffen? Hat man überhaupt denselben Film gesehen wie alle anderen?

Denselben Film hat man in diesem Fall wohl schon gesehen, … aber nicht den Gleichen. Hier ist diese oft als grammatikalische Spitzfindigkeit unterschätzte Unterscheidung zwischen „dasselbe“ und „das Gleiche“ mal sehr praktisch. Denn man kann einen Film auf verschiedene Arten und Weisen sehen und nimmt in der Folge andere Aspekte wahr, übersieht dafür aber andere Facetten, die sich ebenfalls darin verstecken. Das liegt daran, dass man mit unterschiedlichen Erwartungen, Geschmäckern, Hintergründen und Persönlichkeiten in einen Film hineingeht, die alle Einfluss darauf haben, ob das Werk einem letztendlich gefällt oder nicht.

So kann es passieren, dass man – wie ich – in Birdman geht und eine urkomische Satire auf den Theater- und Filmbetrieb erwartet. Im ersten Moment bekommt man das auch, kichert zufrieden und fühlt sich unterhalten. Aber dann nimmt der Film einfach kein Ende, die Hauptfigur Riggan Thomson verändert sich überhaupt nicht und bemitleidet sich selbst, verhält sich egozentrisch und suhlt sich in seinen Minderwertigkeitskomplexen und Frustrationen aufgrund vermeintlich verpasster Chancen. Bis kurz vor Schluss dann doch was passiert (ich sag jetzt nicht was, um nicht zu spoilern), ist es schon zu spät, damit noch Spannung aufkommt. Zumindest ging mir das so, dass ich die ganze Zeit dachte, wann kommt der Typ mal ausm Quark und am Ende war ich schon so genervt, angestrengt und gelangweilt, dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, über die Bedeutung des Schlusses nachzudenken.

Und dann schäme ich mich ein wenig, weil es doch eigentlich dumm ist, über so einen komplexen, psychologisch und künstlerisch interessanten Film nicht weiter nachdenken zu wollen, weil der einem zu anstrengend war. Auf der anderen Seite: Hätte man da nicht einfach eine halbe Stunde Selbstmitleidsgesuhle streichen und kürzen können? Der Begriff „Langeweile“ kommt ja schließlich daher, dass etwas zu lange dauert. Da finde ich, muss man doch auch als Filme- oder Theatermacher oder Buchautor an den Zuschauer denken und sich von der einen oder anderen Szene trennen, die nichts Neues zur Geschichte, erzählten Welt, den Figuren oder der Atmosphäre beiträgt.

Wobei das ja sicher wieder eine Frage des persönlichen Geschmacks ist, ob man eine Szene als überflüssig erachtet oder nicht …

Ziemlich kompliziert, das Ganze. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren, dass man manchmal Filme oder mit anderen Medien erzählte Geschichten einfach nicht mag, so wie man manche Menschen manchmal schlichtweg nicht riechen kann.

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53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

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42. Stück: Theater, Kultur und das Internet

Vor einiger Zeit hatte ich in einem bekannten sozialen Netzwerk einmal eine interessante Diskussion mit einer Theatermacherin über die Vor- und Nachteile des Internets für die Theaterkunst. Sie sah im Internet eine Gefahr für die Kultur im Allgemeinen und die Theaterkunst im Besonderen und befürchtete, dass das Theater und die Kultur durch das Internet an Wert verlieren könnten. Ich habe den Eindruck, gerade im Bereich der „alten“ Medien gibt es nach wie vor ein großes Misstrauen gegenüber den „neuen“ Medien. Das ist wohl eine Art Konkurrenzdenken und es herrscht vielleicht unterschwellig die Angst vor, dass die neuen Medien die alten verdrängen könnten. Diese Angst gab es in der Vergangenheit häufiger als das Kino das Theater zu verdrängen drohte, als das Fernsehen das Kino zu verdrängen drohte und aktuell muss sich das Fernsehen gegen die Konkurrenz Internet wehren. Auf der anderen Seite gibt es das Theater, das Kino und das Fernsehen immer noch, trotz des Internets.

Mein Standpunkt in der Diskussion war, dass nicht alles, was neu und ungewohnt ist, automatisch schlecht sein und das Alte verdrängen muss. Schließlich kann man sich das Neue doch auch mit einer gewissen Neugier anschauen und gucken, wie man das für sich nutzen kann. Es muss doch nicht immer jeder in seiner eigenen Soße herumbrutzeln, sondern man kann doch auch mal interdisziplinär und medienübergreifend zusammenarbeiten und Mischformen finden. Oder man nutzt das Internet, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist nämlich eine große Gefahr bei den Traditionalisten unter den Kulturschaffenden, dass sie ihr eigenes Süppchen kochen und sich für Dinge, die außerhalb dessen existieren, nicht interessieren. Ich finde das schade, denn schließlich ist es doch das Wesen der Kunst, Horizonte zu erweitern, neue Perspektiven aufzuzeigen, kontroverse Standpunkte zu diskutieren und die Welt ein kleines bisschen bunter, lebendiger und vielfältiger (und damit auch toleranter und offener) zu machen. Zumindest sehe ich das so.

Ein wunderbares Beispiel, wie Kulturschaffende von den neuen Medien, insbesondere dem Internet und seinen sozialen Netzwerken, profitieren können, ist die sogenannte „Revolution der Künstler“ mit ihrem „art but fair“-Logo, die sich in den letzten Monaten in rasender Geschwindigkeit entwickelt hat. Angefangen hat die Bewegung mit einer Facebook-Seite über „Die traurigsten und unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse“ und inzwischen haben sich mehr als 9000 Sympathisanten und Leidensgenossen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen zusammengefunden, die gemeinsam für faire Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich eintreten wollen.

Letztes Jahr hatte ich mir ja bereits in meinem Essay über die Situation der Schauspieler ein Gedankenspiel ausgedacht, was wäre, wenn einfach mal alle Schauspieler und Kulturschaffenden streiken würden. Es scheint leider in der menschlichen Natur zu liegen, schöne Dinge erst zu schätzen, wenn einmal der Verlust derselben miterlebt wurde. Sonst hält man sie offenbar für selbstverständlich und was selbstverständlich ist, ist nicht kostbar, also auch nichts wert. Das ist zwar blöd, aber so ist das halt. Es muss ja auch kein Generalstreik sein, aber dass zumindest mal in irgendeiner Weise darauf aufmerksam gemacht wird, in aller Deutlichkeit, dass Kunst, Kultur, Theater und Medien überlebenswichtig sind, egal um welche Branche oder Disziplin es sich handelt. Wir sitzen da ja ohnehin alle in einem Boot, ob wir uns jetzt bloggend, singend, schreibend, darstellend, organisierend oder forschend mit den Themen Theater, Kunst, Kultur und Medien auseinandersetzen, das wird ja alles als Spaß an der Freude betrachtet, anstatt als „vernünftiger Broterwerbsjob“. Dabei sollte es doch möglich sein, Freude am Tun und angemessene Entlohnung zu vereinen. Wie dem auch sei, man kann ja so idealistisch sein, wie man will, wenn man da allein gegen Windmühlen kämpft, kann man die Aussicht auf Erfolg aber auch gleich mal wieder vergessen. Und jetzt kommt das Internet ins Spiel. Durch das Internet können Menschen kostenlos ihre Gedanken unter die Leute bringen (zugegebenermaßen ist das gleichzeitig Segen und Fluch), ihr Können zeigen, Werbung für sich machen, Aufmerksamkeit erregen und durch die sozialen Netzwerke auf Gleichgesinnte treffen und sich mit ihnen zusammentun. Es ist denke ich wichtig, dass Kulturschaffende jeder Sparte an einem Strang ziehen und sich gegenseitig helfen, mit Rat und Tat zur Seite stehen, dass erfahrene Profis den Anfängern dabei helfen, sich nach dem Abschluss oder auch schon während der Ausbildung zu orientieren. Die müssen ja auch erst einmal lernen, seriöse Angebote von Abzocke-Angeboten zu unterscheiden, lernen, wie viel Gage sie verlangen können und sollten, was zu den Bewerbungsunterlagen unbedingt dazugehört, und so weiter. Diese ganzen unsexy Notwendigkeiten, ohne die keiner einen Fuß in die Tür bekommt. Und man muss wissen, bis wann ist es OK, Studentenjobs und Praktika zu machen oder Projekte mit Freunden, um Erfahrung zu sammeln. Irgendwann kommt nämlich der Punkt, da hat man dann erstmal genug gelernt, genug Kontakte geknüpft und sich vernetzt, und dann muss man anfangen, Geld zu verdienen, ganz profan. Da ist man als Anfänger noch ganz orientierungslos, aber im Internet kann man sich mit „alten Hasen“ beraten und diese wiederum können von den jungen Leuten neue Impulse und Ideen bekommen. Da kann man sich gegenseitig helfen und inspirieren.

Ich weiß, ich schmeiß hier gerade übelst mit metaphorischen Gänseblümchen durch die Gegend, aber ich halte das einfach für keine gute Idee, neue Medien zu verteufeln, anstatt sich mal mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich durch eine Verknüpfung von Altem und Neuem ergeben können. Übrigens finde ich auch, dass das Internet nicht nur Möglichkeiten für Kulturschaffende untereinander bietet, sondern auch die Kommunikation zwischen ihnen und dem Publikum ganz neue Wege gehen kann. Das Thalia Theater in Hamburg ist da teilweise schon sehr innovativ. So haben beispielsweise Zuschauer die Möglichkeit, über die Stücke, die sie dort gesehen haben, auf deren Homepage eine Kurzkritik oder einen Kommentar zu schreiben. Oder letztes Jahr gab es ein – wie ich finde – ziemlich interessantes Experiment. Da durften die Zuschauer teilweise über das Internet drei Stücke auswählen, die auf den kommenden Spielplan gesetzt wurden. Es gab zwar reichlich Genörgel von Theaterkritikern, weil sie das für eine doofe Idee hielten, ich weiß aber gar nicht warum. Vermutlich, weil das Fußvolk ja gar nicht genug Ahnung hat, um entscheiden zu können, was es sehen will, oder etwas in der Richtung. Ich finde das super, denn auf diese Weise weckt man das Interesse des Publikums am Theater. Und wenn sie Stücke wählen, die kein vernünftiger Dramaturg jemals ausgesucht hätte, kann das doch eine wunderbare Möglichkeit sein, auch künstlerisch einmal über den Tellerrand zu gucken.

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33. Stück: Schneewittchen – Ein Märchen, zwei Filme

Es war einmal eine Bloggerin, die wollte einen Artikel über zwei Märchenfilme schreiben, die sie kürzlich gesehen hatte und die dieselbe Geschichte auf eine so unterschiedliche Weise erzählten, dass sie sich noch am selben Abend, als sie den zweiten Film über Schneewittchen im Kino gesehen hatte, ans Werk machte.

Vor einiger Zeit hatte ich einen Essay darüber geschrieben, wie man ein klassisches Stück so bearbeiten kann, dass es uns auch heute noch etwas erzählen kann. Die Themen, die beispielsweise in der griechischen Mythologie verhandelt werden, wie Liebe, Eifersucht, Rache, Hass, Ehrgeiz und so weiter, sind zeitlos und werden uns immer wieder beschäftigen. Das Gleiche gilt auch für die Volksmythen, die die Brüder Grimm vor etwa 200 Jahren gesammelt, und in ihren Kinder- und Hausmärchen verewigt haben. Den Beweis dafür, wie unterschiedlich man Schneewittchen beispielsweise interpretieren kann, kann man zurzeit im Kino bewundern. Am 05. April startete die urkomische Version Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen und seit letzter Woche, dem 31. Mai läuft die düstere Albtraum-Fassung Snow White & the Huntsman, die ich mir vorhin zu Gemüte geführt habe. (Die folgende Darstellung enthält Spoiler)

In Spieglein, Spieglein habe ich mich wunderbar amüsiert, vor allem über die von Julia Roberts nicht ohne Selbstironie dargestellte böse Königin. Keine schauspielerische Meisterleistung, aber überaus witzig. Das Schneewittchen war zwar zuckersüß, mit den großen Kulleraugen und dem Puppengesicht, was mich normalerweise aus Prinzip schon nervt (denn wer könnte besser diesen Kulleraugen-Niedlich-gucken-Trick durchschauen, als jemand, der ebenfalls mit großen Kulleraugen durchs Leben hüpft?), aber von Phil Collins Sprössling Lily mit so viel Charme und Keckheit interpretiert, dass man sie einfach mögen musste. Die Zwerge waren erwartungsgemäß putzig, drollig und ulkig und ein Happy End mit dem gutaussehenden Prinzen gab’s selbstverständlich auch. Überdies war der Vater auch nicht gestorben, sondern nur verzaubert und wurde am Ende wieder errettet, so dass zum Schluss alles seine Ordnung hatte und man mit einem guten Gefühl und einem zufriedenen Grinsen im Gesicht den Kinosaal wieder verlassen konnte. Schneewittchen war durchaus wehrhaft und ein kluges, selbstbewusstes Mädchen, so dass auch meine innere Feministin nicht allzu viel zu meckern hatte und sich die Mühe aufzumucken sparte. Dieser Film hatte es sich offenbar zum Ziel gesetzt, unterhaltsam, witzig und spaßig zu sein, einfach gut gemachtes Wohlfühl-Gute-Laune-Kino, und das hat er auf jeden Fall geschafft. Nichts, worüber man noch Jahre später drüber nachdenkt, kein Film der nachwirkt, aber ein Film, der einen fröhlich nach Hause entlässt.

Wie anders ist da die neueste Schneewittchen-Fassung Snow White & the Huntsman. Düster, deprimierend, albtraumhaft ist hier die Landschaft als ein Spiegel der Seele einer vor Verzweiflung wahnsinnigen Frau in Szene gesetzt, der bösen Königin. Charlize Theron beweist einmal mehr, dass sie auch noch viel mehr kann, als einfach nur hübsch aus der Wäsche zu schauen. Ihre Königin ist nicht einfach so böse, wie es die von Julia Roberts verkörperte Rolle noch war, sondern wurde als Kind von ihrer Mutter mit einem Zauber (oder Fluch?) belegt, der es ihr erlaubte, ewig jung zu bleiben, wenn sie nur in regelmäßigen Abständen jungen Mädchen das Leben aussaugt. Ihr zur Seite steht der Bruder, ihr ergebener Diener und treuer Handlanger, den sie schließlich doch verrät, um ihre eigene Haut zu retten. Therons Königin ist eine fast schon tragische Figur, die von Rache, Eitelkeit und Machtgier zerfressen, alles um sie herum zerstört, was sie vielleicht hätte lieben können. Wenn Snow White sie am Ende besiegt, scheint es, als sei es keine Niederlage, sondern eine Erlösung.
Kristen Stewart, bekannt als somnambule Ohrfeige in das Gesicht weiblicher Emanzipation namens Bella aus der Twilight-Reihe, zeigt, dass sie auch mehr drauf hat, als schläfrig in die Kamera zu schielen und sich von pubertierenden Werwölfen und schnöseligen Vampiren mit Heldenkomplex herumschubsen zu lassen. Ihre Snow White ist der glatte Gegenentwurf zur unterwürfigen Bella und auch zum fröhlich-niedlichen Schneewittchen von Lily Collins. Von der für europäische Gemüter etwas befremdenden Szene abgesehen, in der Snow White zwei selbstgebastelte Reisigpüppchen fest an sich pressend, mit tiefster Innbrunst das Vaterunser aufsagt, abgesehen, ist sie hier eine ganz und gar unabhängige, mutige junge Frau, die schließlich über sich hinauswächst, um ihr Volk und ihr Land zu retten. Das hat zugegebenermaßen auch etwas religiöses Geschmäckle, erinnert es doch sehr an Jeanne d’Arc. Aber die Spannung und dichte, düstere Atmosphäre lassen darüber hinweg sehen.
Lange Zeit fragt man sich, wo denn in dieser Schneewittchen-Version eigentlich die Zwerge bleiben. Ungefähr nach der Hälfte der Zeit (nachdem mein Cineasten-Hirn schon überall nach Metaphern Ausschau gehalten, und zu dem Schluss gekommen war, dass Snow White die Zwerge symbolisch in ihrem Herz trägt), tauchen sie doch noch auf. Eine Gemeinsamkeit mit Spieglein, Spieglein ist, dass auch hier die Zwerge für komische Momente sorgen und nicht ganz frei von Possierlichkeit sind. Witzig war der Seitenhieb auf den Disney-Film in folgendem Dialog: „Hey Ho, an die Arbeit!“ – „Wenn er jetzt auch noch anfängt, zu pfeifen, hau ich ihm eins in die Fresse“ (aufgrund dessen, dass ich frei aus dem Gedächtnis zitiere, kann es sein, dass der genaue Wortlaut leicht hiervon abweicht). Aber auch hier sind die Zwerge traurig, deprimiert, resigniert, verzweifelt. Im Kampf verlieren sie sogar einen von ihnen. Schließlich sind sie dann für das Gelingen der Rückeroberung des Schlosses von großer Wichtigkeit.
Eine ungewöhnliche Rolle für eine Hollywood-Blockbuster-Produktion spielt die Liebe in Snow White & the Huntsman. Gibt es in Spieglein, Spieglein noch das genretypische Princess-meets-Prince-Happily-Ever-After-Ende, so steht Snow White in der Albtraum-Version zwischen zwei Männern: Ihr ‚Sandkasten-Freund‘ Will und der Huntsman. Snow White stirbt zwischendurch, wie auch in Grimms Märchen, durch die List der bösen Königin und den Biss in einen vergifteten Apfel. Nicht Wills Kuss erweckt sie wieder zum Leben, sondern der des Huntsman. Da denkt man als märchenkundiger Zuschauer natürlich, Aha, der Huntsman ist ihre wahre Liebe, denn nur der wahren Liebe Kuss erweckt Tote zum Leben. Der romantische-Komödie-erprobte Zuschauer wundert sich allerdings, Nanu, sonst ist es doch immer der ‚tausend Mal berührt, tausend Mal ist nichts passiert‘-Sandkastenfreund, der die Frau kriegt. Daraus folgert schließlich der Fantasyfilm-erfahrene Zuschauer, dass einer von den Beiden sich für Snow White aufopfern wird, und der Übrigbleibende sie heiratet. Und das ist tatsächlich mal eine interessante Abwechslung, sie entscheidet sich für keinen von Beiden. Der Film endet mit ihrer Krönung zur Königin und meine innere Feministin hat auch dieses Mal nichts zu beanstanden.

Insgesamt also zwei grundverschiedene Interpretationen derselben Geschichte, die beide auf ihre Weise überaus gelungen sind und in jedem Fall einen genaueren, vergleichenden Blick lohnen und beweisen, dass Märchen eben nicht nur etwas für Kinder sein müssen.

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32. Stück: Zur unsinnigen Trennung von E- und U-Kultur

Wir Deutschen sind alles in allem ein ziemlich kauziges Völkchen. Wir finden immer alles „schlimm“, insbesondere Benzinpreise, und überhaupt ist das Leben ja auch kein Ponyhof und eine überaus ernstzunehmende Sache. Vielleicht ist deswegen eine unserer wohl merkwürdigsten Eigenheiten, dass wir alles in unserer Kultur in E(rnst) und U(nterhaltsam) zerteilen. Schließlich muss man sich ja an irgendetwas orientieren, damit man sich im Chaos dieser „schlimmen“ Welt zurechtfindet. Und das geht ganz besonders prima, wenn man den Umstand ignoriert, dass besagte Welt nicht einfach nur aus zwei unvereinbaren, sich feindlich gegenüber stehenden Dichotomien besteht, sondern aus einer unübersichtlichen Vielzahl von Zwischenzuständen, dass es nicht nur ‚Schwarz‘ und ‚Weiß‘ gibt, sondern auch noch ein Sammelsurium an Grautönen, Farben und verschiedensten Nuancen. Da kann einem schon schwindelig werden. Dann lieber alles schön in zwei Schubladen stecken, Etikett für alle Ewigkeiten drauf kleben und jeder weiß Bescheid.

So verständlich das alles auch sein mag, ich finde das langweilig. Und borniert. Dumm. Ärgerlich. Das führt nämlich dazu, dass plötzlich nur noch als ‚Kunst‘ angesehen wird, was so wenig Spaß und Freude wie nur irgend möglich bereitet. Je weniger zugänglich, desto höher der Kunstfaktor. Wenn etwas auch nur annähernd im Verdacht steht, unterhaltsam sein zu wollen, kommen die ganzen Kunstrichter aus ihren Löchern gekrochen und rümpfen arrogant das empfindliche Näschen, wie das Murmeltier ‚Phil‘ am 2. Februar und sagen schlechtes Wetter voraus. Igitt, das ist ja Unterhaltung, Pfui! – spucken sie dann von ihrem Podest auf den Pöbel herab.

Gibt es irgendwann nicht mehr die Möglichkeit, eine von den Halbgöttern der selbsternannten und anerkannten Kulturexperten als ‚Unterhaltung‘ abgewertete Gattung, weiterhin als solche zu ‚diffamieren‘, wird einfach ein neuer Fachbegriff in die Runde geworfen, der es erlaubt, die Trennung zwischen E- und U-Kultur aufrecht zu erhalten. So nennt man jetzt gezeichnete Geschichten, die was fürs Fußvolk und somit der ‚Unterhaltung‘ zuzurechnen sind, weiterhin „Comics“ und gezeichnete Geschichten, die wegen literarischer Vorlagen oder wegen ihrer offensichtlichen und anerkannten historischen oder politischen Themen als ‚Ernst‘ betrachtet werden können, „Graphic Novels“. Hurra! Da freut sich das Kunstrichter-Herz, Weltbild bleibt trotz Paradigmenwechsels im Kunstverständnis der Allgemeinheit weiterhin intakt. Dass die allgemein als „Comics“ arrogant von oben herab abqualifizierte Reihe der Lustigen Taschenbücher ebenfalls immer wieder anerkannte Meisterwerke der Literaturgeschichte zeichnerisch adaptiert (so geschehen mit Die Leiden des jungen Werther von Goethe, Der geteilte Visconte von Italo Calvino oder auch Krieg und Frieden von Tolstoi) wird geflissentlich ignoriert. Dass die als Kindergeschichten und somit ebenfalls als „Comics“ beleidigten Abenteuer von Asterix und Obelix, Tim und Struppi oder Johan und Pfiffikus ebenfalls historische Fakten aufbereiten und politische Fragestellungen verhandeln, wird genauso wenig beachtet. Dabei ist doch genau das gerade spannend: Wo verbergen sich ‚ernste‘ Themen hinter einer Maske von ‚Unterhaltung‘ und wo ist das ‚Unterhaltsame‘ an prinzipiell ‚ernsten‘ Sachverhalten?

Dinge, die NUR das Eine ODER das Andere sind, sind eindimensional und langweilig. Ich bin mir aber sicher, dass sich in den meisten kulturellen und künstlerischen Erzeugnissen, sowohl ernste, als auch unterhaltsame Elemente und Aspekte finden lassen. Man muss nur mal mit ein wenig Neugier und freundlich gesinnter Offenheit diese Erzeugnisse betrachten und bereit sein, sich überraschen zu lassen und Dinge zu entdecken, die man nicht erwartet hätte. Gegebenenfalls muss man auch erkennen, dass man wider Erwarten doch voreingenommen war und dass man seine für gegeben anerkannten Meinungen und Standpunkte doch noch mal relativieren muss. Das allein macht nämlich schon Spaß und Freude und ist ‚unterhaltsam‘. Einfach nur zu gucken, in welche Schublade man etwas stecken und welches Etikett man draufkleben kann, um vor den anderen elitären Snobs als wahrer Kunstkenner dazustehen, ist fürchterlich langweilig. Und borniert. Dumm. Ärgerlich.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch noch das andere Extrem, dass man versucht, reine ‚Unterhaltung‘ zu machen und alles ‚Ernste‘ auszuschließen. Zuletzt ist mit diesem Versuch Thomas Gottschalk grandios gescheitert. Keiner wollte seine Talkshow sehen. Meiner Meinung nach lag es daran, dass sich alle – inklusive Gottschalk selbst – auf den Unterhaltungsfaktor vom Entertainment-Gott(schalk) verlassen und dabei vollkommen ausgeblendet haben, dass man auch ruhig über tatsächliche Inhalte und ‚ernste‘ Themen in einer trotzdem unterhaltsamen Vorabend-Talkshow reden kann. Dass man sich auch ruhig etwas dabei denken darf und auch gerne ein Konzept hinter dem Ganzen stehen mag. Auch Dieter Bohlen macht allmählich diese Erfahrung, DSDS befindet sich derzeit in einer Zuschauerkrise. Das ist auch kein Wunder, hat uns doch The Voice of Germany kürzlich demonstriert, wie ‚unterhaltsam‘ tatsächlich qualitativ hochwertige Gesangswettbewerbe, eine faire Behandlung ‚ernst‘ zu nehmender Kandidaten und wirklich vorhandene Begabung sein können. Bohlen orientiert sich dementsprechend um und versucht schon die Kleinsten mit seinem neuen Format DSDS Kids zu ködern und sie mit der Aufrechterhaltung des Grabens zwischen E- und U-Kultur zu indoktrinieren. Wir werden sehen, ob er damit Erfolg hat. Vermutlich ja. Die armen Kinder. Und armes Deutschland.

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31. Stück: Ohne Kultur geht die Welt zugrunde

Einstein soll einmal Folgendes gesagt haben: „Zwei Dinge sind unendlich. Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht so sicher.“ In letzter Zeit fühlen sich wieder einmal ein paar Kulturbanausen bemüßigt, die Stimmigkeit dieses Bonmots mit hanebüchenen Forderungen und polemischer Aufbereitung gefährlichen Halbwissens unter Beweis zu stellen. Die staatlichen Subventionen für Kunst und Kultur sollten um 50% gekürzt werden und überhaupt, wozu brauchen wir dieses vielfältige kulturelle Angebot, da können wir doch ruhig einfach mal Museen und Theater schließen, das stört doch keinen, das merkt doch keiner.

Wirklich nicht?

Dass darüber jetzt ernsthaft diskutiert wird und diesen wichtigtuerischen, selbstgerechten Hanswürsten auch noch eine Bühne geboten wird, finde ich extrem ärgerlich. Deswegen nenne ich hier auch keine Namen und Titel, weil ich keine Lust habe, diesen Pappnasen auch noch Publicity zu bescheren. Das fehlte ja gerade noch. Dass die Gefahr besteht, mir meinerseits nun gefährliches Halbwissen zu unterstellen, da ich mich zugegebenermaßen weigere, für dieses grobe Unfugsgeschreibsel auch nur eine Sekunde meiner Lebenszeit zu opfern, ist mir hierbei durchaus bewusst und nehme ich billigend in Kauf. Tatsache ist, dass besagte Schwachköpfe mit ihren Thesen nicht auf taube Ohren stoßen, sondern offensichtlich eine Debatte aufgreifen, die zurzeit in Deutschland in der Luft liegt. Höchste Zeit also, dass meine Wenigkeit sich der Frage nach dem Nutzen von Kultur und staatlichen Subventionen derselben widmet.

Es ist so: Ohne Kultur geht die Welt zugrunde. Nicht mehr und nicht weniger. Eine Welt ohne Museen, Theater, Archive und Kinos ist eine Welt ohne Geschichten und somit eine Welt ohne Geschichte. In einer Welt ohne Geschichte, ohne Vergangenheit, gibt es aber nur die Gegenwart, in der wir gezwungen sind, alles auf immer und ewig zu wiederholen. Ohne Kultur gibt es kein kollektives Gedächtnis, keine Erinnerung mehr, nur noch kollektive Amnesie. Eine Welt, in der das Vergessen regiert, öffnet der Dummheit Tür und Tor. Mit der Dummheit kommt die Intoleranz, in der alles in ‚Gut‘ und ‚Böse‘, ‚Wir‘ und ‚Ihr‘, ‚Schwarz‘ und ‚Weiß‘ unterteilt wird. Vielfalt und Zwischentöne verschwinden und unvereinbare Gegensätze stehen sich feindlich gegenüber. Ein hervorragender Nährboden für die abstrusesten Ideologien. Derart aufgehetzt, neigt die Menschheit zu Hass, Mord und Totschlag und dann ist der nächste Völkermord nur noch eine Frage der Zeit.

Nun haben besagte Dummschwätzer nicht die Abschaffung aller kultureller Einrichtungen und die Streichung aller Subventionen gefordert. Wenn sie das getan hätten, hätten sie vermutlich auch tatsächlich niemanden gefunden, der ihnen beipflichtet oder es zumindest für keine Zeitverschwendung hält, über ihre Thesen zu reflektieren. Was mich beunruhigt, ist, dass selbst die Streichung von 50% der Subventionen für Kultur und die Schließung einiger Museen und Theater, ein Schritt in eine völlig falsche Richtung ist, die über kurz oder lang tatsächlich oben beschriebene fatale Entwicklung befördert.

Es gibt doch jetzt schon überall zuwenig Geld für kulturelle Einrichtungen. Da kann man doch unmöglich etwas streichen, das ist ein ganz falsches Signal, man zeigt damit: „Pfff, mir doch egal, dann verlangt halt mal höhere Eintrittspreise oder so, ihr seid ja auch ein Wirtschaftsunternehmen, also wirtschaftet gefälligst einfach besser.“ Das ist respektlos, borniert, egozentrisch und kurzsichtig. Wenn Eintrittspreise erhöht werden, verkleinert sich die Gruppe derer, die sich die Eintrittskarten leisten können. Schlussendlich geht das nach hinten los, da dann vielleicht pro Karte mehr eingenommen, aber weniger verkauft wird. Und das führt über kurz oder lang zu einer Klassengesellschaft, in der sich nur noch Besserverdienende Kultur und Bildung leisten können, während die ärmere Bevölkerung zur Unbildung verdammt wird. Das darf in einer Demokratie nicht sein. Brecht hatte einmal die utopische Idee, den ‚kleinen Kreis‘ der Theater-Kenner zu einem ‚großen Kreis‘ zu machen, indem er jedem Bürger gleich welcher Herkunft die ‚Kunst der Betrachtung‘ beibringen wollte. Diese ‚Kunst der Betrachtung‘ kann jeder erlernen, indem er einfach so oft wie möglich ins Theater geht und ganz genau hinschaut und das Gesehene kritisch reflektiert. Ein derart gebildetes Theaterpublikum, so der utopisch-romantische Gedanke dahinter, würde schließlich auch außerhalb des Theatersaals aktiv zur Verbesserung gesellschaftlicher Missstände beitragen. Eigentlich schade, dass das nur in der Theorie funktioniert, in der Praxis aber an unverbesserlichen, bornierten Sturköpfen scheitert, die immer nur auf den schnellen Profit und eine möglichst hohe Prestigeträchtigkeit schielen.

Aber wozu braucht es denn überhaupt staatliche Subventionen? Das kann doch auch überwiegend alles privat finanziert werden, wie in Großbritannien. Dass in Großbritannien Leute aus dem Film The Artist laufen, weil es ein schwarzweißer Stummfilm ist, wird bei diesem Argument dann lieber nicht erwähnt. Wir brauchen staatliche Subventionen für unsere Kultur, sonst können wir das vergessen, dass wir jemals wieder kritische, unbequeme Kunst zu sehen bekommen, die dann zwar nicht unbedingt schön ist, aber ein wichtiger Teil der kulturellen Vielfalt und ein unverzichtbarer Anstoß zu gesellschaftlichen Diskussionen und Debatten, wie der jüngste Vorfall um Rodrigo Garcías Stück Gòlgota Picknick zu den Hamburger Lessingtagen zeigt. Angenommen, es würden nur noch Privatleute die Kunst und Kultur in Deutschland bestimmen. Dann hieße es, wer das Geld hat, hat das Sagen. Ich glaube kaum, dass Volker Lösch dann noch einmal eine Inszenierung wie Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? oder Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg auf die Bühne des Schauspielhauses bringen könnte. Zudem schließen staatliche Subventionen ja nicht aus, dass sich zusätzlich Privatleute mit ihrem Privatvermögen für kulturelle Projekte und Institutionen engagieren, das nennt sich dann Sponsoring. Auch das ist wichtig und notwendig, aber allein auf Sponsoring für die Finanzierung von Kunst und Kultur angewiesen zu sein, bedeutete das Verschwinden von Vielfalt und letzten Endes von Kreativität.

Nun ist aber eines nicht ganz verkehrt: Die derzeitige Subventionierungspolitik für Kunst und Kultur ist weit davon entfernt eitel Sonnenschein zu sein. Streichungen, Kürzungen, Schließungen dürfen nicht sein, aber es ist anscheinend für Kunst und Kultur chronisch zuwenig Geld da. Was also tun? Uns dem beugen und damit trösten, wir müssten alle sparen? Nein. Ich finde, so lange genug Geld da ist, um ehemaligen Bundespräsidenten 200.000 Euro pro Jahr, plus Büro, Personal, etc. in den Hintern zu pusten (man verzeihe mir meine empörungsbedingt saloppe Ausdrucksweise) und zig-millionen Steuergelder in ein niemals fertig werdendes Prestigeprojekt in der Hamburger Hafencity zu versenken oder tropische Palmen in Hamburg-Rahlstedt zu pflanzen, die ihren ersten Winter nicht heil überstehen, kann mir keiner erzählen, es wäre kein Geld da. Es IST Geld da, es wird nur nicht fair verteilt. Was wir also wirklich mal ernsthaft diskutieren sollten, wäre die Frage danach, wer warum wieviel Geld bekommt und wer warum nicht. Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass ich Normalsterbliche mir niemals in meinem ganzen Leben eine Eintrittskarte für die Elbphilharmonie werde leisten können, so sie denn überhaupt eines Tages mal fertig ist. Und ich wage zu behaupten, dass die wenigsten dies werden tun können. Warum also Steuergelder von allen für ihren Bau aufwenden? Das ist zum Beispiel wirklich mal etwas, bei dem ich eine rein private Finanzierung befürworten würde. Dann können diejenigen, die sich später den Eintritt leisten können auch gleich das Ding finanzieren und das, was zurzeit an staatlichen Subventionierungen darin verpufft, für andere Projekte genutzt werden, die einer breiteren Bevölkerungsmasse zugänglich sein werden. Dies gilt meiner Ansicht nach für alle diese superteuren Prestige-Angeber-Projekte.

Woran es meiner Meinung nach außerdem krankt, ist der totale Mangel an Risikobereitschaft bei der Nachwuchsförderung. Gefördert wird nur Altbewährtes, weil man damit besser Erfolg und Misserfolg (der natürlich rein monetärer Natur ist) berechnet werden kann. Als Nachwuchstalent in der Kunst- und Kulturbranche hat man so gut wie gar keine Möglichkeiten, einen Fuß in die Tür zu bekommen und seine kreativen Projekte umzusetzen und bekannt zu machen. Mit dem Ergebnis, dass dann im Fernsehen die immergleichen Gesichter in den Filmen und Talkshows zu sehen sind und die immergleichen Themen verhandelt werden. Warum zum Beispiel ist es in Frankreich möglich, einen Film wie The Artist zu drehen, in Deutschland aber nicht? Weil die Franzosen ihre Kultur schätzen, auch wertschätzen und bereit sind, sie zu unterstützen. In Deutschland schaut man gerne mal naserümpfend auf alles herab, was auch nur annähernd unterhaltsam ist, mit der Grundhaltung, was Spaß macht sei keine Kunst. Durch eine gerechtere Subventionierung, mehr Mut zum Risiko und einer gewagteren Nachwuchsförderung aber könnte man diesen alteingesessenen Standesdünkel endlich mal anfangen aufzulösen. Und das ist in Deutschland allmählich bitternötig.

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