Archiv der Kategorie: Internet und neue Medien

79. Stück: „Der Circle“ von Dave Eggers – Versuch einer differenzierten Betrachtung

Normalerweise bin ich bei Hypes immer etwas skeptisch und tendiere dazu, das Gehypte absichtlich zu ignorieren. So ging es mir auch bei Dave Eggers‘ „Der Circle“, aber schließlich war ich doch neugierig – vor allem, weil ich selbst in der Internetwelt arbeite und mich das Thema des Buchs allein deshalb schon reizte: Die 24-jährige Mae Holland fängt bei der großen Internetfirma ‚Circle‘ im Kundendienst an (dort ganz berufsjugendlich-hip als ‚Customer Experience‘ bezeichnet) und macht eine steile Karriere. Die Firma weist einige Parallelen zu dem auf, was man so von Google hört, und das ist wahrscheinlich Absicht. An den Job gekommen ist Mae dank ihrer Freundin Annie, die dort zur Führungsriege gehört. An der Spitze des Circles stehen die ‚drei Weisen‘ Ty Gospodinov (Ähnlichkeiten mit Mark Zuckerberg sind bestimmt rein zufällig), Eamon Bailey und Tom Stenton. Außerdem spielen noch Maes Eltern eine Rolle, ihr Vater ist an Multipler Sklerose erkrankt und muss mit der Krankenversicherung kämpfen, um ordentlich versorgt zu werden. Wichtig ist überdies Maes Ex-Freund Mercer, der mit ihrer schönen neuen Internetwelt, wo Transparenz, ständige Erreichbarkeit und die totale Daueroffenbarung alles sind, überhaupt nichts anfangen kann.

Kritiker haben „Der Circle“ mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Wenn man mal bei Google (!) nach „Der Circle Kritik“ sucht, stellt sich an erster Stelle gleich die Frage „Ist ‚Der Circle‘ ein gutes Buch?“ und ich finde, das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einige schimpfen, das Werk sei ein „schlechter Roman“ oder ein „langweiliges dickes Buch“, andere vergleichen es mit George Orwells „1984“ oder mit Aldous Huxleys „Brave New World“. Meine Meinung liegt wohl irgendwo dazwischen, aber ich werde mal versuchen, sie aufzudröseln. Ab hier können sich womöglich ein paar Spoiler einschleichen, also, wer das Buch noch ganz unvoreingenommen rezipieren möchte, sollte nun nicht weiterlesen. Alle anderen sind dazu eingeladen, ihre Ansichten zu „Der Circle“ in den Kommentaren mitzuteilen.

„Der Circle“: Spannender Inhalt, schlechter Stil?

Die meisten Nörgler kritisieren insbesondere den Stil des Romans. In der Erzähltheorie werden immer mindestens zwei Ebenen eines fiktionalen Werks unterschieden, das „Was“ (histoire, story, …) und das „Wie“ (discours, …). Gelegentlich monieren Profimeckerer auch das „Was“ von „Der Circle“ und schimpfen, das sei ja alles gar nicht neu, was da beschrieben wird, heute bereits möglich und teilweise auch schon Realität. Nun, da kann ich nicht wirklich etwas dagegen sagen, ich befasse mich beruflich weniger mit den technischen Möglichkeiten des Internets und mehr mit Inhalten. Also, vielleicht ist das heute schon möglich und nicht unwahrscheinlich, dass man sämtliche Internetdienste unter eine Identität fasst, diese Identität überprüft wird, sodass man im Netz nicht mehr anonym ist. Teilweise ist das bei Facebook ja schon so, dass sie bei Profilen prüfen, ob es den Namen wirklich gibt und man wirklich derjenige ist, als der man sich ausgibt. Auch die Idee mit SeeChange ist im Grunde einfach Google Street View und ähnliches weitergesponnen. Na ja, und die ständige Erreichbarkeit und private Belanglosigkeiten, die in der Netzöffentlichkeit breitgetreten werden, sind ebenfalls Realität. Allerdings finde ich das ehrlich gesagt deswegen nicht weniger interessant, sondern umso erschreckender, dass die Welt, die in „Der Circle“ dargestellt wird, so nah dran an unserer Wirklichkeit ist. Dass technische Möglichkeiten, die es heute schon gibt, lediglich weitergesponnen werden, macht doch alles noch aktueller und gruseliger.

Aber was ist mit dem Stil? Kritikpunkte sind die platte, kunstlose Sprache, die teilweise merkwürdig und holprig anmutenden Formulierungen, hölzerne Dialoge, Holzhammer-Metaphern, die auch noch ausführlich für die ganz Doofen erklärt werden. Außerdem wird die Figurenkonzeption kritisiert, da kein wirklicher Sympathieträger sich herauskristallisiert. Es fällt schwer, sich mit den Figuren zu identifizieren, sich in sie hineinzufühlen und ihre Motive nachzuvollziehen. Vor allem Hauptfigur Mae gibt Rätsel auf und hinterlässt einen zum Schluss mit dem Gefühl, gerade über 500 Seiten lang einem absoluten Miststück gefolgt zu sein. Das stimmt schon, der Stil ist oberflächlich, unempathisch, plump und … nun … hässlich. Einige Stellen sind so langatmig, dass ich sie kurzerhand überflogen habe, und teilweise saß ich kopfschüttelnd da und dachte, Alter! Kann sich der Autor bitte mal ein bisschen mehr Mühe geben!? Aber ist „Der Circle“ deswegen scheiße?

„Der Circle“ regt zum Nachdenken an

Das Figurenpersonal, das sich dem Leser von „Der Circle“ präsentiert, lebt bereits in einer Welt ständiger Erreichbarkeit, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit. Für echtes Mitgefühl bleibt keine Zeit mehr, wahre Empfindungen sind nicht mehr möglich, wenn es nur noch ums Präsentieren und Performen geht. Reste davon lassen sich bei Maes Eltern und ihrem Ex-Freund Mercer erkennen, auch Ty lässt zum Schluss ein wenig Reue über den Verlust des echten Lebens zugunsten des im Internet inszenierten aufblitzen. Doch diese Menschen gehen in dieser schönen neuen Welt unter. Und das zeigt der Roman zwar etwas plakativ, aber durchaus klar, deutlich und eindrucksvoll. Der Stil passt im Prinzip perfekt zur Mentalität der Personen, die in dieser Welt das Sagen haben, und da Hauptfigur Mae ebenfalls dazugehört, ist es nur konsequent, dass die Art und Weise, mit der Sprache umzugehen, ihrem Denken entspricht. Es ist zuweilen schwer auszuhalten, weil die passive Aggressivität der Gute-Laune-Terroristen im ‚Circle‘, dieser gnadenlose Narzissmus seiner Mitarbeiter, die totale Ich-Bezogenheit und Ignoranz gegenüber Andersdenkenden einem an die Nieren geht, teilweise aber so grotesk überspitzt wirkt, dass es fast schon komisch ist. Nur, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt, weil es wirklich solche Menschen gibt, die das ernst meinen.

In meiner Kritik zu Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ hatte ich die Frage gestellt, ob es sich dabei um eine Dystopie oder Utopie handelt. Auch bei „Der Circle“ ist das meiner Meinung nach nicht eindeutig. Ich denke, das liegt daran, dass beide Romane nicht aus Sicht der Verliererseite erzählt werden, sondern aus Sicht der Gewinnerseite oder zumindest derer, die von den Entwicklungen in der Geschichte profitieren. Das führt mich zu der Annahme, dass es immer eine Frage der Perspektive ist, ob bestimmte Entwicklungen in der Geschichte als positiv oder negativ wahrgenommen werden.

Dadurch kommt man ins Grübeln, man hinterfragt seine eigenen Gewohnheiten und überlegt, wie viel von dem, was man im Internet preisgibt eitle Selbstdarstellung ist (schrieb sie in ihrem Blog 😛 ) und wie viel von dem wirklich hundertprozentig ehrlich ist. Außerdem bin ich jetzt doch wieder am zweifeln, ob ich mein uraltes Steinzeit-Handy, das mir seit rund 13-14 Jahren gute Dienste leistet, wirklich durch ein Smartphone ersetzen sollte …

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75. Stück: Liebster-Award-Nominierung, die Dritte

Und hier ist auch schon die nächste Liebster-Award-Nominierung 🙂 Dieses Mal hat mich mein Bloggerkollege von Haltstop zurücknominiert, den ich nach meiner ersten Liebster-Award-Nominierung erkoren hatte. Ersteinmal vielen lieben Dank dafür 😀 Dann werde ich mal die spannenden Fragen beantworten:

1. Was macht für Dich den Reiz eines fiktiven Films/Buchs/etc. aus?

Ich mag das „Was wäre, wenn …“-Spiel in fiktiven Geschichten. Erzählungen allgemein – egal in welchem Medium oder mit welchem Grad an Wirklichkeitsübereinstimmung – werden für mich dann reizvoll, wenn ich mich da irgendwie in die Situation oder das Gedankenspiel hineinversetzen kann. Das hängt oft sehr stark von der Figurencharakterisierung ab: Sind die Figuren so beschrieben und dargestellt, dass ich etwas an ihnen finde, was mir bekannt vorkommt, womit ich mich identifizieren kann? Wenn ich die Motive einer Figur überhaupt nicht nachvollziehen kann, verliert die ganze Geschichte für mich an Reiz.

Darüber hinaus kann ich mich auch für tolles Handwerk und hervorragenden Stil bei Filmen, Büchern, Theaterinszenierungen und Fernsehsendungen begeistern. Ist die Geschichte jedoch langweilig und die Motive der Figuren schwer nachvollziehbar, genügt es nicht, dass das Werk gut gemacht ist. Für mich steht die Handlung – die unmittelbar mit den Figuren verknüpft ist – stets im Vordergrund.

2. Du trittst Deinem größten Idol aus der Welt des Films/Buchs/etc. gegenüber. Was würdest Du ihn fragen oder ihm sagen?

Hier geht es um reale Menschen, nehme ich an? Ich glaube, wenn ich plötzlich Woody Allen, Jaco van Dormael oder Stephen King gegenüberstände, würde ich überhaupt kein Wort herausbringen. Da würde ich nur „Ääähm! Ööööhm! I like your *läuft-puterrot-an* *schweißausbrüche* *atemnot* *kieks* books/films“ sagen, mich für mein peinliches Auftreten in Grund und Boden schämen, ganz schnell verschwinden und mich über mich selbst wahnsinnig ärgern. Ich bin da leider superschüchtern 😦

Einmal angenommen, ich wäre nicht so eine lächerliche, peinliche, verdruckste Erscheinung, wenn ich irgendwem Berühmtes gegenüberstehe, den ich aufrichtig bewundere, was würde ich dann tun? Sowas zu fragen wie „Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?“ ist ja schonmal unfassbar bescheuert, weil das Autoren und Filmemacher ständig in Interviews hören. Aber vielleicht würde ich sie fragen, ob sie auch manchmal Selbstzweifel haben, ob sie manchmal denken, das taugt doch überhaupt nichts, was ich hier mache, … und was Sie dann dagegen tun. Das fände ich spannend.

3. Wann wird für Dich ein Film/Buch/etc. langweilig?

Also, wenn ich die Figurenmotivation nicht nachvollziehen kann, das hatte ich ja in der ersten Frage schon geschrieben, dann langweile ich mich und ärgere mich. Was ich ebenfalls nicht ausstehen kann, ist schlechter Stil, schluderiges Handwerk und schnarchige Dialoge, die vor Klischees nur so triefen. Wenn dann noch die Macher dieses Schrotts sich eitel aufplustern und behaupten, das soll aber so, und sie hätten sich schon was dabei gedacht (was, das verraten sie selbstredend nicht), und wer das nicht versteht, der sei ihrer Kunst eben nicht würdig und ein Idiot, dann finde ich das so langweilig, dass mir die Hutschnur platzt. Dann kann ich mich darüber auch ziemlich leidenschaftlich echauffieren, und mein Freund denkt dann immer, jetzt spinnt sie wieder rum 😀 Also ganz allgemein langweilt es mich ins Unermessliche, wenn ich den Eindruck habe, da hat nur irgendsoein eingebildeter Fatzke seine persönlichen Eitelkeiten in einen Film oder ein Buch gefurzt, so ein höchstens mittelmäßig begabter Schnösel macht sich da wichtig und hört sich gerne reden oder liest sich gerne schreiben, aber es sagt überhaupt rein gar nichts aus. Bäh, sowas hasse ich! 😛

4. Was denkst Du: Wieso wird die Musik nicht öfters zum Geschichtenerzählen genutzt?

Oh, das ist interessant, ich gehe ja ab und zu noch zum erzähltheoretischen Kolloquium (ETK) an der Uni Hamburg, und da haben wir schon des Öfteren über narrative Songs – also Lieder, in denen eine Geschichte erzählt wird – gesprochen. Das gibt es also schon, und finde ich auch spannend. Das Lieblingsbeispiel von meinem Masterarbeitsprüfer ist dabei „Buenos Tardes Amigo“ von Ween:

Ich denke, das wird nicht so oft gemacht, weil Lieder der Textform Lyrik näher sind als der Prosa. Und bei Lyrik geht es mehr um Bilder und Gefühle, weniger um Geschichten. Das eine muss das andere natürlich nicht ausschließen, aber einfach durch die Kürze von Gedichten und Liedern ist es dort schwieriger, eine zusammenhängende Handlung zu entfalten.

5. Freitagabend, Kinozeit. Du hast die Wahl: Blockbuster-Streifen oder Indiefilm? Für was entscheidest Du Dich, und wieso?

Das kommt darauf an, worum es in den Filmen geht. Wenn der Indiefilm, der zur Auswahl steht, irgendsoein eitler Kunstkram ist, der keine richtige Geschichte erzählt, sondern, den man auf „einer anderen, emotionalen Ebene rezipieren muss“, dann wähle ich lieber den Blockbuster-Streifen. Ist der Blockbuster-Streifen aber so ein dämlicher Macho-Geballer-Schwachsinn ohne Story, dann nehme ich eher den Indiefilm.

6. Gibt es eine Filmreihe, bei der Dir auch noch der 3., 4., 5.,.. Teil gefällt?

Bei Stirb langsam haben mir bisher alle Teile gefallen. Wobei, die ersten Teile sind immer noch am besten, aber die neueren Filme waren immerhin guckbar 🙂

7. Welche Figur ist für Dich interessanter: Der Held oder der Bösewicht?

Meistens finde ich den Bösewicht spannender als den Helden. Der Held muss halt in der Regel die Vorbildfunktion und moralische Instanz verkörpern, der hat nicht so viel Spielraum bei der Charakterisierung. Der Bösewicht hingegen hat alle Freiheiten, da kann man die Figur mit viel mehr Facetten und Persönlichkeitszügen ausstatten. Wobei das ja in letzter Zeit modern ist, den Helden auch mal an sich und seiner „Mission“ zweifeln zu lassen, dass der nicht mehr so perfekt und unfehlbar ist. Das kann dann wieder interessant werden. Es sei denn, man übertreibt, vergisst ein wenig Humor dabei, und zeigt einen Ich-bezogenen, weinerlichen Schluffi, der die ganze Zeit herumlamentiert: „Ach und Weh! Was ist bloß meine Bestimmung! Was ist der Sinn meiner Existenz!“ Das regt mich dann ja schon wieder auf! 😀

8. Spectre kommt in wenigen Tagen ins Kino. Welcher ist Dein Lieblings-Bond-Film?

Eindeutig Casino Royale! James Bond ist in dem Film nicht nur ein Frauenheld und hübsch anzuschauen, sondern zeigt da tatsächlich auch mal ein wenig Persönlichkeit, aber ohne dabei ins Weinerliche abzudriften. Spannend!

9. Gehst Du manchmal in Kinovorstellungen, ohne Dich vorher über den Film informiert zu haben (keine Trailer, Kritiken etc.)?

Selten, meistens machen mich Trailer neugierig, oder ich habe irgendwo ein Bröckchen von der Handlung mitbekommen, der mich interessiert hat. Ich versuche aber meistens, vorher nicht so viele Kritiken zu lesen, um mich nicht allzusehr beeinflussen zu lassen.

10. Du kannst die Zeit zurückdrehen und eine schlechte Casting-Entscheidung in einem Film ändern. Welche Rolle würdest Du mit wem neu besetzen?

Hayden Christensen als Anakin Skywalker in Star Wars Episode II und Episode III. Meine Güte, war der scheiße! Da hätte man doch Ryan Philippe nehmen können, der hätte das wesentlich besser gemacht.

11. Wieso braucht die Welt eigentlich genau Deinen Blog?

Die Frage ist fies 😛 Wahrscheinlich würde sich die Welt auch noch weiter drehen, wenn es meinen Blog nicht gäbe. Insofern „braucht“ die Welt meinen Blog eigentlich gar nicht. Aber das ist vielleicht auch nicht wichtig … mir macht es einfach Spaß, hier meine Gedanken zu Film, Fernsehen, Kultur, Theater und Literatur auszubreiten, und noch mehr Spaß macht es mir, wenn ich mich mit anderen Menschen darüber austauschen kann.


So, dieses Mal nominiere ich meinen lieben Kollegen von Haltstop zurück 🙂

Die Fragen sind die, die ich bei meiner zweiten Nominierung bereits genannt hatte 🙂

1. Eine Zombie-Apokalypse bricht aus: Was tust du, warum und wie schätzt du deine Überlebenschancen ein?

2. Welches Endzeitszenario hältst du für wahrscheinlicher und warum: Ein Killervirus rafft die Mehrheit der Menschen dahin? Der dritte Weltkrieg findet statt, alle bewerfen sich mit Atom- und Wasserstoffbomben, die Welt wird unbewohnbar? Der Klimawandel und der menschliche Raubbau an der Umwelt fordern ihren Tribut? Wir werden von einem kolossalen Kometen zermalmt? Oder etwas vollkommen anderes?

3. Hand aufs Herz: Was hältst du von der Todesstrafe?

4. Selbstjustiz: Unter gewissen Umständen verständlich? Oder grundsätzlich falsch?

5. Til Schweiger: Genialer Marketingstratege oder aufgeblasener Angeber?

6. Was ist für dich der schlechteste Film aller Zeiten und warum?

7. Du bemerkst einen Troll-Kommentar auf deinem Blog: Wie reagierst du?

8. Jemand schreibt Blödsinn oder menschenverachtende Kackscheiße im Internet: Kannst du widerstehen oder pöbelst du dagegen?

9. Welches Buch hat dich zuletzt so richtig gefesselt?

10. Gibt es eine Eigenschaft, die dich an deinen Mitmenschen ganz besonders nervt? Welche?

11. Wie lange betreibst du deinen Blog schon und was hat dich dazu bewogen, damit anzufangen?

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74. Stück: Liebster-Award Nominierung, die Zweite

Ich wurde von Singende Lehrerin für den Liebster-Award nominiert. Die Regeln und meine erste Nominierung findet ihr hier. Und nun komme ich zu den Fragen 🙂

1. Wie stehst du zum Selfie-Wahn?

Das nervt mich ungemein, überhaupt, wie alle immer mit ihren Smartphones herumtüddeln, geht mir fürchterlich auf den Senkel. Ich selbst habe noch ein ganz altes Handy, das hat noch nicht einmal ein Farbdisplay, dafür aber vernünftige Tasten und ich kann damit telefonieren und SMS schreiben. Mehr braucht ein Telefon eigentlich nicht. Aber da bin ich wohl ein Dinosaurier … Was seltsam ist, weil ich ja in der Internetbranche arbeite, da sollte ich eigentlich ständig irgendwie vernetzt sein. Stattdessen bin ich ganz froh, dass ich auf dem Weg zur Arbeit, nach Hause oder sonstwohin ein ganz normales, analoges Buch lesen kann und nicht auch noch in meiner Freizeit dauernd auf einen – noch dazu viel zu kleinen – Bildschirm starren muss.

Selfies mache ich ab und zu mit meinem Fotoapparat – der immerhin ist schon digital. Aber meine analoge Spiegelreflexkamera habe ich trotzdem noch, ich habe sie aber zugegebenermaßen länger nicht mehr benutzt. Da ist so eine Digitalkamera schon um Einiges praktischer. Das Ding ist, wenn ich Fotos mache, dann bin ich selbst halt nie mit drauf – es sei denn, ich mache ein Selbstportrait, wie Selfies früher einmal hießen. Deswegen mache ich das dann doch manchmal. Aber was ich extrem lästig finde, sind diese ganzen eitlen, selbstverliebten Möchtegernpromis, die sich an-dau-ernd selbst knipsen, dabei ein unfassbar dämliches, sexy gemeintes Gesicht machen, und das dann auf Instagram teilen. Und unsereiner darf dann da wieder eine News drüber schreiben.

2. Couch Potato oder Fitness-Guru?

Ach, da bin ich wohl so ein Mittelding. Wenn ich zu lange auf der Couch versumpfe, werde ich blöd im Kopf. Dann kriege ich einen Rappel und muss irgendwie raus und mich bewegen. Ich gehe jetzt auch seit ca. 1,5 Jahren regelmäßig dreimal die Woche zum Sport, wenn nichts dazwischen kommt, und es macht mir tatsächlich Spaß. Obwohl ich früher, bedingt durch den Schulsport, immer dachte, Sport sei scheiße. Als Fitness-Guru würde ich mich trotzdem nicht bezeichnen, da ich weit davon entfernt bin, Spitzensportlerin zu sein. Ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die allen, die danach fragen oder auch nicht, ihre sportlichen Leistungen unter die Nase reiben. Das interessiert doch keine Sau.

3. Lässt du dich gerne von Hypes um gewisse Filme und Franchises anstecken?

Eigentlich nicht, da schlummert in mir wohl so ein kleiner Hipster, der ab und zu mal aufpiepst und nölt: „Neeeee, wenn alle das so toll finden, dann finde ich das jetzt mal doof.“ Aber ich kann’s dann trotzdem nicht verhindern, dass mich gelegentlich mal die Neugier packt. Zuletzt ist mir das bei Star Wars – Das Erwachen der Macht passiert. Bereut habe ich es dann aber nicht, der Film war ganz unterhaltsam und hat Spaß gemacht.

4. Advent und Weihnachten – Stress oder pure (Vor-)Freude?

Beides, ich gehe gern auf die Suche nach schönen Geschenken für meine Lieblingsmenschen, ich futtere sehr gern Plätzchen und ich mag die Stimmung mit den Weihnachtsmärkten, dem Tannenduft und den Lichtern überall. Die Vorweihnachtszeit ist allerdings immer recht stressig, weil plötzlich alle noch alles Mögliche zum Jahresende erledigen wollen und eine riesige Hektik vom Zaun brechen. Außerdem sind dann viele Kollegen in den letzten beiden Dezemberwochen in Urlaub, und trotzdem müssen wir genauso viele Artikel produzieren wie jeden Monat – mit weniger Leuten und weniger Arbeitstagen. Das bedeutet natürlich auch Stress und jede Menge Überstunden. Ist Weihnachten dann aber da, entspanne ich mich schnell wieder und zwischen den Feiertagen zu arbeiten ist immer schön muckelig.

5. In welches Land würdest du eigentlich gerne einmal reisen, traust dich aber nicht so recht (Weil du Flugangst hast? Weil du Angst vor Krankheiten hast? Weil du niemanden hast, der dich begleiten würde? Weil die Sicherheitslage in diesem Land prekär ist? Weil das viel Geld kosten würde?…)?

Offen gestanden bin ich ein ziemliches Gewohnheitstier und für mich bedeutet Wegfahren immer einen Riesenstress. Deswegen verreise ich generell nicht sehr gern. Wenn, dann fahre ich gern in Länder, in denen ich mich verständigen kann, und gehe dann in einer ausgewählten Stadt auf Entdeckungstour – natürlich nicht, ohne mich vorher mit Reiseführer und auf diversen Internetseiten über die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten informiert und ein wenig vorgeplant zu haben. Ich plane jetzt nicht alles streng durch, aber ich mache mir im Vorfeld Gedanken, was ich mir anschauen möchte, was es für nette Restaurants und Läden gibt. Auf meiner Wunschliste stehen derzeit noch Irland, England und Belgien, wobei ich in England und Belgien schon mal war, aber in London nur ganz kurz für drei-vier Stunden und in Brüssel nur auf der Durchreise. Amsterdam würde ich gern auch noch einmal länger besuchen, da war ich bisher auch nur für ein paar Stunden. Dort gibt es nämlich ein Katzenkabinett mit echten Katzen, die dort herumlaufen – für mich als verhinderte verrückte Katzenlady genau das Richtige.

Ansonsten fahre ich gern Freunde besuchen, die in anderen Städten wohnen, zum Klönen, Spielen und gemütlich Zusammensitzen. Die wundern sich dann immer, warum ich keine Lust habe, in ferne Länder zu reisen. Irgendwie scheint das der Normalfall zu sein, dass man sowas klasse findet. Aber ich find’s einfach klasse, wenn ich in einer Stadt selbstständig alles erkunden kann, zwischendurch ein Schwätzchen mit den Einheimischen halten kann – und dafür nicht so weit wegfahren muss. Ferne Länder entdecke ich dann lieber in meiner Vorstellung, in Büchern, Filmen und Erzählungen von Freunden, denen Reisen wirklich Spaß macht.

6. Welches Lied musst du immer ganz laut aufdrehen, wenn du es anhörst?

Oooh, da gibt’s mehrere 🙂 „Think“ von Aretha Franklin zum Beispiel. Ebenfalls toll: „Basket Case“ von Green Day und „Ich bin reich“ von Die Ärzte (überhaupt so ziemlich alles von der besten Band der Welt 😉 ). Mein armer Freund muss dann immer ertragen, dass ich laut mitsinge, wenn die Lieder im Radio laufen 😛

7. Was vermisst du am meisten, wenn du einmal längere Zeit nicht bloggen kannst?

Beim Bloggen schreibe ich einfach drauflos, pfeife auf Google und SEO (Search Engine Optimization = Suchmaschinenoptimierung) und tippe nach Herzenslust meine Gedanken in die Tasten. Manchmal lese ich hinterher noch mal kurz drüber, meistens publiziere ich es jedoch direkt. Diese Freiheit vermisse ich ein wenig, wenn ich eine Weile keine Zeit zum Bloggen hatte. Für die Arbeit schreiben macht mir auch sehr großen Spaß, aber da muss ich auf Einiges achten und muss mich an bestimmte Vorgaben halten.

8. Wie bist du eigentlich auf den Namen deines Blogs gekommen?

Das hatte ich ganz am Anfang, in meinem allerersten Post „Die Grundidee“ geschildert. Ursprünglich wollte ich aus „Hamburgische Dramaturgie 2.0“ einen reinen Theaterblog machen, damals hatte ich vor, mich für den Dramaturgie-Studiengang an der Hochschule für Musik und Theater zu bewerben, und den Theaterblog wollte ich machen, um Arbeitsproben vorstellen zu können. (Die Bewerbung war erfolglos, aber letzten Endes war das gut so. Als Online-Redakteurin bin ich definitiv mehr in meinem Element 🙂 )

Für den Namen habe ich mich an einem meiner Lieblingstheaterleute aus der Geschichte der deutschsprachigen Literatur orientiert: Gotthold Ephraim Lessing. Seine Stücke – bürgerliche Trauerspiele wie „Emilia Galotti“ oder Lehrstücke wie „Nathan der Weise“ – sind heutzutage etwas altmodisch und schwer nachvollziehbar (wobei das Thema in „Nathan der Weise“ immer noch erschreckend aktuell ist: Religionskriege). Aber seine Theatertheorie, die er in der originalen Hamburgischen Dramaturgie dargelegt hat, die ist auch heute noch spannend und aktuell. Der Zusatz „2.0“ kam dann dadurch, dass ich meine Gedanken und Beobachtungen der Hamburger Theaterlandschaft und zum Theater allgemein ins Internet verlegt hatte, anstatt sie in einem Buch aufzuschreiben. Später merkte ich dann, dass ich mich nicht mehr nur aufs Theater beschränken, sondern auch etwas über Literatur, Filme, Fernsehen und Popkultur hier schreiben wollte. So hat sich der Blog dann weiterentwickelt.

9. Wissen deine ArbeitskollegInnen von deinem Blog?

Ja, ich denke schon. Ich freu mich dann immer, wenn mich jemand auf einen Blogartikel anspricht. Genauso, wie ich mich über jeden Kommentar freue 😉

10. Giltst du als Nerd in deinem Bekanntenkreis? Oder kannst du das an- und abschalten? Oder siehst du dich gar nicht als Nerd?

Meine Freunde sind noch schlimmere Nerds als ich, da falle ich nicht weiter auf 😛 Ich bin wohl schon ein bisschen so ein Bücher- und Kulturnerd. Ich gehe zum Beispiel auch total gern ins Museum, das macht mir aufrichtig Spaß. Das können dann auch nicht unbedingt alle meine Bekannten und Freunde nachvollziehen. Aber wenn ich weiß, da ist eine spannende Ausstellung, auf die von meinen Freunden keiner Lust hat, frage ich meine Mutter, die lässt sich dafür genauso begeistern wie ich.

11. Du veröffentlichst einen Artikel: Wann schaust du nach, ob du schon ein “Gefällt mir” oder einen Kommentar dazu bekommen hast? Sei ehrlich!

Hahaha 😀 Da bin ich voll ungeduldig, meistens lade ich gleich in den ersten fünf Minuten die Seite mit meinem aktuellen Machwerk drei- bis viermal neu, und hoffe, dass irgendeine Reaktion kam. Das ist natürlich völliger Quatsch, so schnell geht das gar nicht. Aber irgendwie bin ich dann immer so neugierig.


So, in meiner ersten Fassung von dem Post hatte ich die Nominierungen von anderen Blogs weggelassen. Aber inzwischen sind mir doch ein paar spannende Fragen eingefallen. Ich nominiere für den Liebster Award die folgenden Blogs (zufällige Auswahl aus den Blogs, denen ich folge, und die bei der letzten Nominierung nicht dabei waren):

Die Quadrataugenrunde

Maunzendemaus

Motion Picture Maniac

Depressiver Optimist

Wer nicht auf der Liste steht, aber trotzdem Lust hat, die Fragen zu beantworten, kann dies natürlich trotzdem tun 🙂

Hier nun zu meinen Fragen:

1. Eine Zombie-Apokalypse bricht aus: Was tust du, warum und wie schätzt du deine Überlebenschancen ein?

2. Welches Endzeitszenario hältst du für wahrscheinlicher und warum: Ein Killervirus rafft die Mehrheit der Menschen dahin? Der dritte Weltkrieg findet statt, alle bewerfen sich mit Atom- und Wasserstoffbomben, die Welt wird unbewohnbar? Der Klimawandel und der menschliche Raubbau an der Umwelt fordern ihren Tribut? Wir werden von einem kolossalen Kometen zermalmt? Oder etwas vollkommen anderes?

3. Hand aufs Herz: Was hältst du von der Todesstrafe?

4. Selbstjustiz: Unter gewissen Umständen verständlich? Oder grundsätzlich falsch?

5. Til Schweiger: Genialer Marketingstratege oder aufgeblasener Angeber?

6. Was ist für dich der schlechteste Film aller Zeiten und warum?

7. Du bemerkst einen Troll-Kommentar auf deinem Blog: Wie reagierst du?

8. Jemand schreibt Blödsinn oder menschenverachtende Kackscheiße im Internet: Kannst du widerstehen oder pöbelst du dagegen?

9. Welches Buch hat dich zuletzt so richtig gefesselt?

10. Gibt es eine Eigenschaft, die dich an deinen Mitmenschen ganz besonders nervt? Welche?

11. Wie lange betreibst du deinen Blog schon und was hat dich dazu bewogen, damit anzufangen?

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42. Stück: Theater, Kultur und das Internet

Vor einiger Zeit hatte ich in einem bekannten sozialen Netzwerk einmal eine interessante Diskussion mit einer Theatermacherin über die Vor- und Nachteile des Internets für die Theaterkunst. Sie sah im Internet eine Gefahr für die Kultur im Allgemeinen und die Theaterkunst im Besonderen und befürchtete, dass das Theater und die Kultur durch das Internet an Wert verlieren könnten. Ich habe den Eindruck, gerade im Bereich der „alten“ Medien gibt es nach wie vor ein großes Misstrauen gegenüber den „neuen“ Medien. Das ist wohl eine Art Konkurrenzdenken und es herrscht vielleicht unterschwellig die Angst vor, dass die neuen Medien die alten verdrängen könnten. Diese Angst gab es in der Vergangenheit häufiger als das Kino das Theater zu verdrängen drohte, als das Fernsehen das Kino zu verdrängen drohte und aktuell muss sich das Fernsehen gegen die Konkurrenz Internet wehren. Auf der anderen Seite gibt es das Theater, das Kino und das Fernsehen immer noch, trotz des Internets.

Mein Standpunkt in der Diskussion war, dass nicht alles, was neu und ungewohnt ist, automatisch schlecht sein und das Alte verdrängen muss. Schließlich kann man sich das Neue doch auch mit einer gewissen Neugier anschauen und gucken, wie man das für sich nutzen kann. Es muss doch nicht immer jeder in seiner eigenen Soße herumbrutzeln, sondern man kann doch auch mal interdisziplinär und medienübergreifend zusammenarbeiten und Mischformen finden. Oder man nutzt das Internet, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist nämlich eine große Gefahr bei den Traditionalisten unter den Kulturschaffenden, dass sie ihr eigenes Süppchen kochen und sich für Dinge, die außerhalb dessen existieren, nicht interessieren. Ich finde das schade, denn schließlich ist es doch das Wesen der Kunst, Horizonte zu erweitern, neue Perspektiven aufzuzeigen, kontroverse Standpunkte zu diskutieren und die Welt ein kleines bisschen bunter, lebendiger und vielfältiger (und damit auch toleranter und offener) zu machen. Zumindest sehe ich das so.

Ein wunderbares Beispiel, wie Kulturschaffende von den neuen Medien, insbesondere dem Internet und seinen sozialen Netzwerken, profitieren können, ist die sogenannte „Revolution der Künstler“ mit ihrem „art but fair“-Logo, die sich in den letzten Monaten in rasender Geschwindigkeit entwickelt hat. Angefangen hat die Bewegung mit einer Facebook-Seite über „Die traurigsten und unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse“ und inzwischen haben sich mehr als 9000 Sympathisanten und Leidensgenossen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen zusammengefunden, die gemeinsam für faire Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich eintreten wollen.

Letztes Jahr hatte ich mir ja bereits in meinem Essay über die Situation der Schauspieler ein Gedankenspiel ausgedacht, was wäre, wenn einfach mal alle Schauspieler und Kulturschaffenden streiken würden. Es scheint leider in der menschlichen Natur zu liegen, schöne Dinge erst zu schätzen, wenn einmal der Verlust derselben miterlebt wurde. Sonst hält man sie offenbar für selbstverständlich und was selbstverständlich ist, ist nicht kostbar, also auch nichts wert. Das ist zwar blöd, aber so ist das halt. Es muss ja auch kein Generalstreik sein, aber dass zumindest mal in irgendeiner Weise darauf aufmerksam gemacht wird, in aller Deutlichkeit, dass Kunst, Kultur, Theater und Medien überlebenswichtig sind, egal um welche Branche oder Disziplin es sich handelt. Wir sitzen da ja ohnehin alle in einem Boot, ob wir uns jetzt bloggend, singend, schreibend, darstellend, organisierend oder forschend mit den Themen Theater, Kunst, Kultur und Medien auseinandersetzen, das wird ja alles als Spaß an der Freude betrachtet, anstatt als „vernünftiger Broterwerbsjob“. Dabei sollte es doch möglich sein, Freude am Tun und angemessene Entlohnung zu vereinen. Wie dem auch sei, man kann ja so idealistisch sein, wie man will, wenn man da allein gegen Windmühlen kämpft, kann man die Aussicht auf Erfolg aber auch gleich mal wieder vergessen. Und jetzt kommt das Internet ins Spiel. Durch das Internet können Menschen kostenlos ihre Gedanken unter die Leute bringen (zugegebenermaßen ist das gleichzeitig Segen und Fluch), ihr Können zeigen, Werbung für sich machen, Aufmerksamkeit erregen und durch die sozialen Netzwerke auf Gleichgesinnte treffen und sich mit ihnen zusammentun. Es ist denke ich wichtig, dass Kulturschaffende jeder Sparte an einem Strang ziehen und sich gegenseitig helfen, mit Rat und Tat zur Seite stehen, dass erfahrene Profis den Anfängern dabei helfen, sich nach dem Abschluss oder auch schon während der Ausbildung zu orientieren. Die müssen ja auch erst einmal lernen, seriöse Angebote von Abzocke-Angeboten zu unterscheiden, lernen, wie viel Gage sie verlangen können und sollten, was zu den Bewerbungsunterlagen unbedingt dazugehört, und so weiter. Diese ganzen unsexy Notwendigkeiten, ohne die keiner einen Fuß in die Tür bekommt. Und man muss wissen, bis wann ist es OK, Studentenjobs und Praktika zu machen oder Projekte mit Freunden, um Erfahrung zu sammeln. Irgendwann kommt nämlich der Punkt, da hat man dann erstmal genug gelernt, genug Kontakte geknüpft und sich vernetzt, und dann muss man anfangen, Geld zu verdienen, ganz profan. Da ist man als Anfänger noch ganz orientierungslos, aber im Internet kann man sich mit „alten Hasen“ beraten und diese wiederum können von den jungen Leuten neue Impulse und Ideen bekommen. Da kann man sich gegenseitig helfen und inspirieren.

Ich weiß, ich schmeiß hier gerade übelst mit metaphorischen Gänseblümchen durch die Gegend, aber ich halte das einfach für keine gute Idee, neue Medien zu verteufeln, anstatt sich mal mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich durch eine Verknüpfung von Altem und Neuem ergeben können. Übrigens finde ich auch, dass das Internet nicht nur Möglichkeiten für Kulturschaffende untereinander bietet, sondern auch die Kommunikation zwischen ihnen und dem Publikum ganz neue Wege gehen kann. Das Thalia Theater in Hamburg ist da teilweise schon sehr innovativ. So haben beispielsweise Zuschauer die Möglichkeit, über die Stücke, die sie dort gesehen haben, auf deren Homepage eine Kurzkritik oder einen Kommentar zu schreiben. Oder letztes Jahr gab es ein – wie ich finde – ziemlich interessantes Experiment. Da durften die Zuschauer teilweise über das Internet drei Stücke auswählen, die auf den kommenden Spielplan gesetzt wurden. Es gab zwar reichlich Genörgel von Theaterkritikern, weil sie das für eine doofe Idee hielten, ich weiß aber gar nicht warum. Vermutlich, weil das Fußvolk ja gar nicht genug Ahnung hat, um entscheiden zu können, was es sehen will, oder etwas in der Richtung. Ich finde das super, denn auf diese Weise weckt man das Interesse des Publikums am Theater. Und wenn sie Stücke wählen, die kein vernünftiger Dramaturg jemals ausgesucht hätte, kann das doch eine wunderbare Möglichkeit sein, auch künstlerisch einmal über den Tellerrand zu gucken.

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