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77. Stück: Wann deutsche Filme und Popmusik scheiße sind

Zuerst wollte ich diesen Essai „Warum deutsche Filme und Popmusik scheiße sind“ nennen, aber dann fielen mir immer mehr Beispiele von guten deutschen Filmen und gelungenen deutschsprachigen Liedern ein. Und da habe ich mich gefragt, was denn den Scheiß von guten Werken unterscheidet. Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil solche Urteile immer subjektiv sind, und das, was ich für grauenhaft erachte, andere wunderbar finden. Keiner von uns hat dann recht oder unrecht, es sind eben verschiedene Geschmäcker und Meinungen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es doch so ein paar Dinge gibt, die mir typisch Deutsch vorkommen, und zwar im negativen Sinne. Über die positiven Seiten der deutschen Sprache werde ich noch einmal gesondert einen Beitrag schreiben, heute geht es mal darum, was mich bei deutschsprachigen Machwerken oft stört.

Ich möchte überdies gern alle Leser dazu einladen, mir in den Kommentaren zu widersprechen oder auch zuzustimmen und Dinge zu ergänzen, die mir vielleicht nicht aufgefallen sind. Dann wird die Angelegenheit wenigstens ein bisschen intersubjektiv. 🙂

Am besten fange ich mit ein paar Beispielen deutschsprachiger Filme und Lieder an, die ich ganz schauderhaft finde. Silbermond, Juli, Revolverheld, Die Toten Hosen (zumindest den neueren Scheiß à la „Tage wie diese“, urgs 😛 ) und Xavier Naidoo sind beispielsweise Bands/Sänger, die mir zuverlässig mit ihrer Musik auf den Wecker fallen und ein genervtes „Roooh, nicht DIE schon wieder!“ begleitet von sofortigem Wechseln des Radiosenders hervorrufen. Ich nenne diese Musikrichtung gern „supernachdenklichen Deutschpop“, weil da auf Krampf versucht wird, megasensibel zu wirken und derbe poetisch rüberzukommen. Dann werden da entweder ganz melancholisch mit dünnem Stimmchen Platitüden ins Mikro gehaucht oder gewollt verwegen plattes, vor Pathos triefendes Klischeezeug gegrölt, um allen zu zeigen, wie ungemein emotional man gerade drauf ist. Die Melodien sind entweder so gut wie nicht vorhanden oder so simpel und unoriginell, dass es einen schon aggressiv macht vor Langeweile.

Wenn schon die musikalische Seite unerträglich ist, könnte zumindest ein schlauer, witziger, ironischer, leichter, liebenswerter oder zum Nachdenken anregender Text den ganzen Kram retten. Das tut er aber bei besagten Beispielen nicht. (Anmerkung am Rande: Das „meiner Meinung nach“ und „meines Erachtens“ etc. möge man sich bitte dazu denken) Im Gegenteil, da wird’s dann teilweise richtig schlimm. Von Leichtigkeit und Raffinesse, Humor, echten Gefühlen oder Gesellschaftskritik keine Spur. Stattdessen wird zum x-ten Mal darüber schwadroniert, dass früher alles besser war, was für eine tiefe Männerfreundschaft einen mit seinen Kumpels verbindet, nur, weil man regelmäßig gemeinsam in einer versifften Kneipe saufen geht. Oder es wird ganz platt und unsubtil herausposaunt, was für ein perfekter/großartiger/fantastischer/bester Tag aller Zeiten es doch ist.

Wahlweise wird auch noch mit Trampelschritten der Liebe gehuldigt, vor allem im Schlager, indem mit absurder Inbrunst herumgetrötet wird, dass man durch die Nacht geht, gemeinsam den Sternenhimmel schön findet, nur Du und ich, ich und Du, Müllers Esel schubidu. ‚Tschuldigung, da sind gerade die Maultiere mit mir durchgegangen, zurück zum Thema. Am besten schmeißt man auch noch die Zahl Tausend mit in den Text, das kommt immer gut, weil „Tausend“ ja total viel ist, also fast schon „unendlich“. „Unendlichkeit“ ist dann auch so ein Wort, ebenso wie „Ewigkeit“, „Leidenschaft“, „spüren“, „Tag“ und „Nacht“, „Sonne“, „Mond“ und „Sterne“, die in keinem deutschen Schlagertext fehlen dürfen. Ich stelle mir das Texten solcher Lieder so vor: Man schmeißt diese ganzen wahnsinnig emotionalen Begriffe auf Zettelchen geschrieben in einen Pott, wirft vielleicht noch ein paar ferne Länder oder beliebte Urlaubsziele mit dazu, rührt einmal kräftig durch und zieht dann ein paar Wörter heraus. Daraus schustert man den Text dann zusammen. „Mit Dir durch die Unendlichkeit, mit Leidenschaft in die Ewigkeit, Dich spüren Tag und Nacht! Du und ich, ich und Du, wir schauen Sonne, Mond und tausend Sternen zu, im Himmel über Capri, wo ich die Liebe fand!“ Humpta-humpta-humpta!

Mich stört daran vor allem dieses Offensichtliche, dieses Platte, dieses Berechnende. Da hat man den Eindruck, die Leute haben sich überhaupt keine Mühe gegeben, das wirkt alles so unehrlich und unauthentisch. Wobei man da sicher auch noch differenzieren kann, ich denke schon, dass Silbermond, Juli, Xavier Naidoo und Co. sich bei ihren Texten was gedacht haben und das auch wirklich so meinen und ganz viel dabei fühlen. Es wirkt trotzdem immer alles so, als habe man sich einmal ein bestimmtes Schema ausgedacht und für gut befunden. Die Lieder sind dann keine individuellen Werke mehr, sondern es wird alles in dieses Schema gepresst, mit dem Ergebnis, dass nachher alles gleich klingt. Vielleicht erweckt das dann bei mir den Eindruck des „Unechten“, weil sich selbst das coolste Schema irgendwann abnutzt und oberflächlich wird. Möglicherweise fällt es mir auch nur deswegen negativ auf, weil ich das Schema besagter Musiker grauenhaft langweilig finde. Entspräche es meinem Geschmack, fände ich es vielleicht gar nicht schlimm.

In deutschen Filmen beziehungsweise Filmszenen, die ich nicht mag, fällt mir ebenfalls vor allem die fehlende Leichtigkeit und Subtilität auf. Gepaart wird das Plumpe, Platte, Schwere und Offensichtliche obendrein häufig mit einer viel zu angestrengten, gewollten, unignorierbaren Absicht, große Gefühle zu illustrieren sowie dem Klischee des Volks der Dichter und Denker in den Allerwertesten zu kriechen, indem man extra poetische Bilder und eine vermeintlich voll lyrische Sprache wählt. Ein Beispiel dafür ist Was nützt die Liebe in Gedanken von Achim von Borries. Die Schauspieler werden dann genötigt, ein völlig leeres, ausdrucksloses Gesicht zu machen, die Schultern nichtssagend hängen zu lassen und – schon wieder mit dünnem Stimmchen oder unverständlichem Genuschel – supernachdenkliche Platitüden vor sich hin zu hauchen. Am besten ist dann auch immer möglichst oft jemand nackt, idealerweise sieht man auch alles, damit alle wissen, wie überhaupt nicht verklemmt der Deutsche an sich ist. Die Filmmusik ist passend dazu ein unerträgliches Unglücksgeraune, das jede Szene mit Pathos verklebt wie eine im Rucksack ausgelaufene Flasche Multivitaminsaft. (Ich weiß, wovon ich rede, einem solchen Vorfall ist mein erstes Handy zum Opfer gefallen.)

Meistens werden die Bilder in blasse Grau- und Blautöne getaucht, damit alles noch viel melancholischer und nachdenklicher wirkt. Zu allem Überfluss wird aber auch dieses penetrant Öde nicht konsequent durchgezogen, sondern ab und zu wird’s total emotional. Dann brüllt plötzlich jemand los, und zwar so, dass man überhaupt nicht akustisch versteht, was gerade los ist. Das soll wohl authentisch wirken, tatsächlich aber wirkt es einfach nur aufgesetzt. Ganz besonders albern wird es, wenn deutsche Filme nicht so ganz wissen, wie sie anfangen oder aufhören sollen. Dann wird nämlich einfach getanzt. Ohne Grund und ziemlich ungelenk und tapsig vollführen die Figuren dann ein paar Tanzschrittchen. Das sieht man häufig im Tatort oder Polizeiruf 110. Was das soll, habe ich bislang noch nicht verstanden.

So weit meine kleine Tirade, was ist eure Meinung dazu?

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73. Stück: 31 Tage, 31 Filme – Folgen 27 bis 31, plus Sonderfolge

Folge 27: Welchen Film sollte deiner Meinung nach jeder gesehen haben?

Mit Ausnahme des Films, den ich am wenigsten mag (Folge 3), sollte man alle Filme mal gesehen haben, die ich in dieser Serie genannt habe. Aber ich möchte ja gern in jeder Folge einen Film vorstellen, den ich bisher noch nicht erwähnt habe.

Unter dem Eindruck der Attentate von Paris, bin ich immer noch erschüttert, fassungslos und unendlich traurig. Was motiviert Menschen bloß, andere Menschen grausam niederzumetzeln, die ihnen überhaupt nichts getan haben, die einfach nur in Ruhe und Frieden leben wollten? Woher kommt dieser fanatische, alles zerstörende Hass?

In diesem Sinne möchte ich heute Hass (La Haine) von Mathieu Kassovitz vorstellen. Obwohl der Film inzwischen 20 Jahre alt ist, hat er nichts an Aktualität eingebüßt. Die Handlung ist wie eine griechische Tragödie aufgebaut, in der die Hauptfiguren sehenden Auges in ihr Unglück stürzen, und trotzdem nicht fähig sind, etwas dagegen zu tun. Weil sie von Hass und Rachegefühlen vollkommen verblendet sind. Als Leitmotiv wird zum Schluss der Witz vom Mann erzählt, der vom Dach eines Wolkenkratzers fällt. Als er an den Fenstern der Stockwerke vorbeirast, denkt er: „Och, bis hierhin ist ja alles gut gegangen“.

Im Mittelpunkt stehen drei Freunde, der Araber Saïd, der Jude Vinz und der Schwarze Hubert, deren Bekannter von Polizisten verprügelt wurde. Vinz findet eine Polizeiwaffe und will einen Polizisten töten, falls ihr Kumpel an seinen Verletzungen sterben sollte.

Die Stimmung zwischen den Jugendlichen und den Polizisten ist von gegenseitigem Hass geprägt, die Fronten sind verhärtet, ein Dialog scheint nicht mehr möglich. Die Freunde ziehen durch Paris, dabei kommt es nicht nur zu Zusammenstößen mit der Polizei, sondern auch mit einer Gruppe von Nazis, die ebenfalls vom Hass zerfressen sind.

Am Ende kommt Vinz zur Vernunft und vertraut Hubert die Waffe an. Doch es ist bereits zu spät, die Gewaltspirale hat sie alle abwärts gezogen, der Aufprall nach dem Sturz vom Wolkenkratzer steht kurz bevor …

Ein ähnliches Thema und eine vergleichbare Erzählstruktur – wenn auch aus mehreren Perspektiven – behandelt der Film Wir sind jung. Wir sind stark von Burhan Qurbani aus dem Jahr 2014. Er schildert die Ereignisse rund um die Anschläge auf das Asylbewerberheim von 1995 in Rostock-Lichtenhagen.

Beide Filme sollte man unbedingt gesehen haben, vor allem Jugendliche, die manchmal nicht wissen, wohin mit sich, die Gefahr laufen, Fanatikern auf den Leim zu gehen, sollten sich Hass und Wir sind jung. Wir sind stark unbedingt ansehen. Hass kann man nur mit Güte begegnen, anders geht es nicht. Sonst zerfrisst er einen und man kommt aus der Gewaltspirale nicht mehr heraus. Noch schlimmer: Man zieht Unschuldige mit hinein.

Folge 28: Welchen Film sollte man unbedingt im Kino gesehen haben?

Jeder gute Film lohnt sich, im Kino gesehen zu werden. Zuhause vor dem Fernseher lässt man sich eher mal ablenken, sodass man sich nicht so leicht in einen Film hineinversenken kann. Im Kino ist es dunkel, man hat diese riesige Leinwand und der Ton kommt von allen Seiten. Da ist auch gleich die ganze Atmosphäre und Stimmung anders. Außerdem muss man Kinos unterstützen, damit sie nicht pleite gehen, insbesondere kleinere Programmkinos.

So, nach dieser kleinen Moralpredigt muss ich mich ja jetzt für einen Film entscheiden … ich finde, so Blockbusterfilme mit eindrucksvollen Spezialeffekten, intensiven Bildern, tollen Kostümen und Soundeffekten sollte man unbedingt im Kino sehen. Die fantastische Welt von Oz (2013, Regie: Sam Raimi) zum Beispiel sollte man auf jeden Fall im Kino sehen. Vor allem ist das auch einer der wenigen Filme, die 3D sinnvoll einsetzen. Oft sind 3D-Effekte allenfalls hübsches Beiwerk, sagen aber ansonsten nichts aus. Hier werden die 3D-Effekte tatsächlich mal genutzt, um die erzählte Welt zu erweitern und zu unterstützen, und auch, um etwas zu erzählen und darzustellen, was in 2D nicht so gut herüberkäme.

Folge 29: Welchen Film wolltest du schon immer sehen, bist aber nie dazu gekommen?

Ich hab schon eine ganze Ewigkeit M – Eine Stadt sucht einen Mörder auf DVD im Regal stehen, aber ich habe es noch nie geschafft, den Film zu sehen. Ich kenne nur ein paar Ausschnitte aus der Uni-Vorlesung, und das hat genügt, um mich neugierig zu machen. Aber wie das immer so ist mit DVDs und Aufzeichnungen – man denkt, man könnte es ja jederzeit gucken, es läuft nicht weg, man hat’s nicht eilig. Und letzten Endes guckt man es dann nie, weil immer irgendwas dazwischen kommt.

Deswegen mag ich es eigentlich auch ganz gern, Filme im Fernsehen zu gucken. Da hat man dann einen bestimmten Termin, wenn der Film läuft, und dann kommt einem nicht so leicht eine Ausrede in die Quere. Aber leider sind die Filme, sofern sie nicht auf ARD, ZDF, NDR, Arte oder 3Sat laufen, immer von Werbung zerhackstückt, das macht dann auch keinen Spaß.

Aber zum Glück habe ich M – Eine Stadt sucht einen Mörder ja auf DVD, das heißt, ich kann den Film jederzeit ohne Werbung gucken. 😉

(Übrigens fällt mir gerade auf, wie sehr sich dieser alte Trailer von neuen Trailern unterscheidet. Das wäre auch mal ein spannendes Thema)

Folge 30: Von welchem Film erwartest du in Zukunft am meisten?

Nein, nicht Star Wars. Ich werde mir den Film zwar ansehen, erwarte aber gar nichts, sondern hege lediglich die Hoffnung, dass er ganz unterhaltsam wird, so wie die alten Filme. Und ich hoffe, dass er nicht in Geballer, CGI-Effekten und schlechtem Schauspiel ertränkt wird, wie Episode 2 und 3 (Episode 1 war noch erträglich).

Ich freu mich schon riesig auf Pets, den neuen Animationsfilm der Minions-Erfinder. Im Trailer sieht man eine Reihe von Haustieren und was sie den ganzen Tag treiben, wenn Herrchen und/oder Frauchen aus dem Haus sind. Mehr weiß ich von dem Film noch nicht, aber das genügt mir, um jetzt schon ganz ungeduldig von einem Bein aufs andere zu hüpfen, bis endlich der 4. August 2016 ist und der Film in die Kinos kommt. Seufz, das ist noch sooooo lange hin.

Worauf ich ebenfalls sehr gespannt bin, ist die Verfilmung von Tschick, dem Roman von Wolfgang Herrndorf, über eine Jungsfreundschaft. Fatih Akin hat die Regie übernommen und ich glaube, das wird ziemlich gut.

Folge 31: Welchen Film wirst du als Nächstes sehen?

Nun bin ich tatsächlich schon ans Ende meiner Reihe „31 Tage, 31 Filme“ angekommen. Zum Abschluss habe ich einen besonders tollen Filmtipp für euch: Das brandneue Testament von Jaco van Dormael. Den schaue ich mir morgen an und freue mich schon sehr darauf, da ich ihn bereits im Sommer auf dem Hamburger Filmfestival gesehen und für absolut wunderbar befunden habe.

In Das brandneue Testament geht es um Gott, der in der Geschichte ein fieser, sadistischer Kotzbrocken ist und in Brüssel wohnt. Er ist verheiratet und hat eine Tochter, Ea, die er ebenso wie seine Frau schikaniert und tyrannisiert. Auf seinem Computer entwirft er jeden Tag gemeine Regeln, um die Menschheit zu ärgern, zum Beispiel, dass das Brot immer mit der Marmeladenseite nach unten fällt oder genau in dem Moment das Telefon klingelt, wenn man es sich in der Badewanne gemütlich gemacht hat.

Ea hat irgendwann genug, hackt sich in Papas Computer und versendet an alle Menschen eine Nachricht mit ihrem genauen Todesdatum. Daraufhin bricht auf der Erde das Chaos aus, weil plötzlich alle die Tage, Monate und Jahre, die ihnen noch bleiben, möglichst auskosten wollen und jeder merkt, dass er für sein Leben und Glück selbst verantwortlich ist.

Die Geschichte allein strotzt nur so vor schrulligen und fantasievollen Einfällen. Jaco van Dormael hat diese herrliche Geschichte dann auch noch in bonbonbunte Farben getaucht, mit wundervoller Musik untermalt und mit pointierten, humorvollen Dialogen gewürzt. Die tollen Schauspieler, deren Spielfreude einfach mitreißend ist, füllen die liebenswerten Figuren mit Leben. Kurz: Der Film ist rundum gelungen und einfach toll!

Jaco van Dormael ist neben Woody Allen einer meiner Lieblingsregisseure. Allerdings hat er noch gar nicht so viele Spielfilme gedreht, Das brandneue Testament ist erst sein vierter abendfüllender Film, ansonsten hat er Kurzfilme, TV-Serien und Dokumentationen gedreht sowie im Theater Regie geführt.

Kennengelernt habe ich seine Arbeit durch den Film Mr. Nobody, den ich meiner geneigten Leserschaft ebenfalls wärmstens ans Herz legen möchte. Den Film habe ich später für meine Masterarbeit analysiert, weil er eine ganz besondere Erzählstruktur aufweist. Die Erzählebenen sind so miteinander verzweigt, dass erst ganz zum Schluss klar wird, was Traum, Erinnerung, Vorstellung und was Wirklichkeit innerhalb der erzählten Welt war. Auch hier sorgen liebenswerte Figuren, tolle Schauspieler (vor allem Jared Leto), skurrile Ideen, bunte Bilder, ein wunderbarer Soundtrack und tiefe, philosophische Fragen, die mit einer Leichtigkeit aufgeworfen werden, für Verzauberung. Und das ist es ja, wofür Filme da sind, oder nicht?

Sonderfolge: Welcher ist dein absoluter Lieblings-Weihnachtsfilm?

Weil es so schön war und es sich gerade anbietet, gibt es jetzt noch eine Zusatzfolge von „31 Tage, 31 Filme“ über Weihnachtsfilme.

Mein allerliebster Weihnachtsfilm ist Die Muppets-Weihnachtsgeschichte, mit Michael Caine als fieser Geizhals Ebeneezer Scrooge, Kermit als Bob Cratchit und Gonzo als Erzähler. Ich kenne den Film auswendig, aber ich kann ihn mir immer wieder anschauen und laut mitsingen. Da fühle ich immer, wie mich „der Geist der Weihnacht“ packt und ich wie Scrooge am Ende am liebsten jeden knuddeln würde, der nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Außerdem liebe ich den Weihnachtsfilmklassiker Ist das Leben nicht schön? mit James Stewart als junger Familienvater, der sich wegen finanzieller Probleme das Leben nehmen möchte. Ein Schutzengel, der sich seine Flügel erst noch durch eine gute Tat verdienen muss, bewahrt ihn davor und zeigt ihm, wie die Welt aussähe, wäre er nie geboren worden.

Ebenfalls ein toller Weihnachtsfilm ist Tasächlich … Liebe, ein Episodenfilm mit lauter liebenswerten Figuren, die die Liebe suchen, und teilweise auch finden.

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Die anderen Folgen der Reihe „31 Tage, 31 Filme“ findet ihr hier:

Folgen 1 bis 5

Folgen 6 bis 10

Folgen 11 bis 15

Folgen 16 bis 26

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64. Stück: „Rocco Darsow“ von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses am 17. Juni 2015

Liebe und Realität

Nach längerer postdramatischer Theaterabstinenz habe ich letzte Woche Rocco Darsow von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg angeschaut – und war begeistert! Die Bühne besteht aus einer überdimensionalen Torte (mit essbaren Elementen), zwei Leinwänden und einem riesigen schwarzen Totenkopf, der aus der Mitte herausragt. Die Hälfte des kurzen Stücks verbringen die Schauspieler Martin Wuttke, Bettina Stucky, Christoph Luser und Sachiko Hara innerhalb des Totenkopfs. Sie werden dabei gefilmt und die Bilder werden live auf die Leinwände projiziert. Dies ist ein für Pollesch typischer Verfremdungseffekt, der dem Zuschauer offenbart, dass er sich gleichzeitig in einem Theaterstück (also einer Fiktion) und in der Realität befindet.

Polleschs Stücke lassen sich wie eine fortgesetzte Work in progress betrachten. Es wird nicht jedesmal eine abgeschlossene Geschichte erzählt, sondern es werden verschiedene Themen aus den Bereichen Leben, Lieben, Wirtschaft und Gesellschaft verhandelt. Dabei treten manche Leitmotive häufiger auf als andere und werden nicht nur von einem Stück zum nächsten wieder aufgegriffen, sondern auch innerhalb eines Stücks wiederholt. Jedoch sind diese Wiederholungen nicht exakt gleich, sondern stets leicht variiert. Das liegt daran, dass Pollesch seine Stücke nicht erst schreibt und dann seinen Schauspielern vorsetzt. Er entwickelt seine Texte gemeinsam mit den Schauspielern im Probenprozess, wobei die Leitmotive und wiederkehrenden Themen von jedem Schauspieler ein wenig anders betont und interpretiert werden.

Die Themen, die in Rocco Darsow im Mittelpunkt stehen, sind die Liebe, die Realität, das Sein. Der Totenkopf in der Mitte erinnert – das wird im Stück auch explizit gesagt – an den Terminator, nachdem seine menschliche Hülle verbrannt ist. Dieser intertextuelle Verweis auf einen der Klassiker der Popkultur und einen der bekanntesten Zeitreise-Filmen stellt die Frage: Was ist Realität? Schließlich wird in Terminator durch das Großvaterparadoxon die Realität innerhalb der erzählten Welt durcheinander gebracht, sodass sich nachher kaum logisch entwirren lässt, wo die Ursache und wo die Folge der Handlungen sind, die die erzählte Wirklichkeit bestimmen. In wechselnden Variationen stellen die Schauspieler in Rocco Darsow immer wieder die Frage, wie Realität zustande kommt. Wenn eine Person einer anderen ihre leidenschaftliche Liebe gesteht, wird Letztere durch diese Aussage dann erst zur Geliebten? Oder war sie es schon vorher? „Und ist nicht das die Realität, die immer so tut als wäre sie schon da, aber sie ist immer erst nachträglich da.“

Trotz solcher Texte, die für Gehirnknoten sorgen, ist Rocco Darsow sehr witzig und unterhaltsam geraten. Auch das begegnet dem Zuschauer regelmäßig in Polleschs Stücken, dass die durchweg hervorragenden Schauspieler voller Spielfreude das Publikum mitreißen. Das rasende Tempo, in dem die Texte vorgetragen werden, der ehrliche Tonfall, die Mischung aus Umgangssprache und Fachbegriffen regen zum Nachdenken an, ohne zu belehren.

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58. Stück: Die Gut-Böse-Dichotomie in „American Sniper“

Eines der größten Rätsel der diesjährigen Oscar-Nominierungen ist für mich Clint Eastwoods American Sniper*. Gut, Bradley Cooper spielt Chris Kyle ganz OK, aber der Film ist insgesamt schlichtweg plumpe Kriegspropaganda. Oder sehe nur ich das so, weil ich pazifistisch erzogen wurde? Ich denke, der Schlüssel dazu, ob man American Sniper für ein geniales Drama oder ein erbärmlich-offensichtliches Patriotengeschwurbel hält, liegt in der Gut-Böse-Dichotomie, die der Film propagiert. Die möchte ich gern analysieren und vielleicht klärt sich das Rätsel dann ja auf?

Der Film beginnt mit Chris Kyles erstem Einsatz im Irak und der Szene, in der er einen kleinen Jungen und seine Mutter erschießt, weil die eine Granate auf die amerikanischen Soldaten werfen wollen. Bevor er die tödlichen Schüsse abfeuert, geht es auf Zeitreise und in einer Rückblende wird gezeigt, wie der kleine Chris – etwa in dem Alter wie das Kind, das er im Begriff ist zu erschießen – mit Papa Kyle auf die Jagd geht. Papa Kyle ist ein beinharter, ungemein männlicher Mann, ohne auch nur ansatzweise Sinn für Humor oder Warmherzigkeit, der seinem kleinen Dreikäshoch weismacht, es wäre unfassbar maskulin, auf wehrlose, flauschige, knopfäugige Hirsche zu schießen. Was der Lütte dann auch prompt macht und den armen Hirsch mit einem Schuss erlegt. Daraufhin ist Papa Kyle stolz wie nichts auf seinen Steppke und indoktriniert ihn mit der Überzeugung, es sei eine Gabe, aus dem Hinterhalt nichts Böses ahnende Lebewesen hinzurichten, die niemandem auch nur ein Haar gekrümmt haben.

Nächste Szene, die Familie sitzt beim Abendessen. Die Mutter hat eigentlich gar nichts zu melden und der Vater schwadroniert weiter seine hinterwäldlerischen Männlichkeitsmythen in die Gegend. Der kleine Bruder von Chris ist etwas feinsinniger und sensibler als er und wurde in der Schule verprügelt. Das empfindet der Vater als persönlichen Affront und mit kaum verhohlener Verachtung schaut er seinen jüngeren Sohn an und dröhnt, es gäbe auf der Welt drei Arten von Menschen: Schafe, Wölfe und Hütehunde. Die Schafe duckmäusern sich durchs Leben und würden sich nicht wehren, die Wölfe greifen die Schafe an und töten sie, die Hütehunde verteidigen die Schafe vor den Wölfen. Die meisten Menschen wären Schafe und Hütehunde sehr selten. Als der Vater hört, dass Chris seinen Bruder verteidigt und die Schulrüpel seinerseits vermöbelt hat, nickt der Vater zufrieden. Wenigstens einen Hütehund in der Familie und nur einen Versager.

Jedenfalls erschießt Chris Kyle Jahre später diesen kleinen Jungen und dessen Mutter, so wie er damals auch den Hirsch abgeknallt hat. Gut, der Hirsch hatte keine Granate in der Hand und hat nicht Kyles Kollegen bedroht, also ein bisschen anders ist das schon. Und immerhin ist Kyle nach diesem ersten Menschenmord ziemlich fertig mit den Nerven. Das legt sich aber relativ schnell und dann sieht er die Einheimischen nur noch als Feinde an, als Wölfe. Das macht es vermutlich leichter, Menschen aus dem Hinterhalt zu ermorden, wenn man sie nicht als Menschen sieht, sondern als das Böse und sich selbst ebenfalls nicht als Menschen, sondern als das Gute.

Dabei ignorieren sowohl Chris Kyle als auch der Film als solcher, dass es eine Frage der Perspektive ist, wer wen gegen wen verteidigt, wer das Gute, wer das Böse ist, wer ein Hütehund und wer ein Wolf. Übrigens hinkt dieser Hütehund-Wolf-Schaf-Vergleich meiner Meinung nach gewaltig, denn es wäre mir neu, dass Hütehunde mit Scharfschützengewehren auf die Dächer der Wolfshäuser klettern, sich dort verstecken und die Wölfe hinterrücks abknallen, sobald diese zähnefletschend aus ihren Höhlen kommen, während kein Schaf in der Nähe ist. Soweit ich weiß – man korrigiere mich gern, wenn ich mich irre, von Landwirtschaft verstehe ich nicht viel – läuft das so: Die Schafe weiden friedlich vor sich hin und der Hütehund passt auf, dass sie zusammenbleiben. Sollte irgendwann einmal ein Wolf auftauchen, was wohl nicht oft vorkommt, da Wölfe nicht mehr so weit verbreitet sind wie noch zu Gebrüder-Grimm-Zeiten, dann kläfft der Hütehund den an, sodass der Wolf sich trollt und woanders auf Futtersuche geht. Das funktioniert auch mit Eseln habe ich neulich gelesen. Wer schon mal einen Esel hat blöken hören, der kann sich vorstellen, dass Wölfe reißaus nehmen, sobald die sympathischen Langohren Alarm schlagen. Außerdem töten Raubtiere wie der Wolf andere Lebewesen nur aus zwei Gründen: 1) Sie fühlen sich bedroht und verteidigen sich / 2) Sie haben Hunger und brauchen Futter

Warum töten Chris Kyle und seine Kollegen in American Sniper? Am ehesten wohl, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen. Was also unterscheidet sie von Wölfen? Außerdem: Warum haben die Iraker in dem Film überhaupt aufgerüstet? Warum verstecken sie Waffen in ihren Wohnungen, schicken Kinder und Frauen mit Granaten vor? Möglicherweise, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen? Vielleicht auch gar nicht einmal zu Unrecht, schließlich sind die US-Amerikaner in ihr Land eingefallen und nicht umgekehrt. Was also unterscheidet die irakischen Kämpfer von den amerikanischen Kämpfern?

Richtig: Nichts.

Außer, dass sie sich in ihrem eigenen Land befinden und sich aus ihrer Sicht gegen Besatzer wehren.

Es wird in dem Film zwar einmal kurz angedeutet, dass die irakischen Terroristen auch ihre eigenen Landsleute grausam umbringen und dann könnte man natürlich sagen, die Amerikaner sind zu recht dort und helfen auch der unschuldigen Zivilbevölkerung. Allerdings gelingt es ihnen nicht, diese zu retten und wenn sie auf der Seite der Iraker stehen, warum kämpfen sie dann nicht mit ihnen zusammen gegen die Terroristen?

Man sieht: Sobald man diese Gut-Böse-Dichotomie ein wenig näher betrachtet, funktioniert sie nicht mehr. Sie lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn man nicht darüber nachdenkt. Und wollen wir das wirklich? Wild gewordene Hütehunde, die blind jeden zerfetzen, der die Schafherde auch nur finster anguckt?

* Hier meine Kritik zu dem Film:

„American Sniper“ von Clint Eastwood ist ein schwieriger Film. Natürlich kann man bei dem kontroversen Inhalt keine leichte Unterhaltung erwarten, das ist klar. Aber ein spannendes, psychologisch tiefgründiges Drama hätte schon daraus werden können. Das ist auch das, was ich nach Sicht des Trailers erwartet habe, vor allem, weil Clint Eastwood sich bereits häufiger in der Vergangenheit (zum Beispiel im großartigen „Gran Torino“) als sensibler, feinsinniger und kluger Filmemacher erwiesen hat. Leider ist das meines Erachtens bei „American Sniper“ nicht gut gelungen.

Die Kriegsszenen sind sich untereinander sehr ähnlich, es ist keine wirkliche Steigerung oder Entwicklung zu sehen. Zwar macht Chris Kyle eine Wandlung durch, doch seine persönliche Entwicklung, seine Traumata, seine zerbrochenen Ideale und Träume, sein innerer Schmerz, den er bis zur Selbstaufgabe verleugnet (sonst könnte er seinen Job wohl auch nicht weiter ausführen) werden nur angedeutet. Die privaten Szenen zuhause mit seiner Frau und seinen Kindern, das Verhältnis zu seinem Bruder (was passiert eigentlich mit ihm? Diese Frage lässt der Film leider offen) kommen zu kurz. Es blitzen ab und zu ein paar Szenen und Momente auf, die das innere Grauen dieses Mannes erkennen lassen, doch sind diese zu selten. Der Erzählrhythmus ist irgendwie nicht ganz stimmig, die Kriegsszenen sind zu gleichförmig und lang, die Szenen, die zeigen, was der Krieg mit Chris Kyle macht, sind zu kurz und bleiben zu sehr an der Oberfläche.

Am interessantesten in dem Film fand ich den Anfang, als in Rückblenden gezeigt wurde, wie Chris Kyle überhaupt Sniper geworden ist. Da bekam man einen Einblick in die amerikanische Heldenideologie, die mir als pazifistischer, bildungsbürgerlicher Europäerin völlig absurd vorkommt, die jedoch im Film glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt wird. Diese Dreiteilung der Menschheit in Schafe, Wölfe und Hütehunde finde ich zwar Quatsch (vermutlich, weil ich in dieser Kategorisierung eindeutig ein Schaf bin und somit ein Loser), aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen daran wirklich glauben. Und wer davon überzeugt ist und fest daran glaubt, ein Hütehund zu sein, der alle vor den bösen Wölfen beschützen muss, der findet das dann auch absolut logisch, in ein fremdes Land einzufallen und dort Leute zu erschießen, die man als böse betrachtet.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese Überzeugung Kyles, die ja bis zum Schluss nicht wirklich ins Wanken gerät, etwas kritischer hinterfragt worden wäre. Allerdings beruht der Film auf Kyles Autobiographie, er gilt in den USA als Held, da ist es für einen US-amerikanischen Filmemacher wahrscheinlich nicht so naheliegend, den Heldenmythos zu demontieren. Das Hauptzielpublikum dürften außerdem diejenigen sein, die Kyle als Helden verehren und wenn man ihn dann im Kinofilm als gebrochenen, traumatisierten Menschen zeigt, den Krieg nicht als notwendig, sondern als sinnlos darstellt und Verständnis für die Soldaten aufbringt, die Zweifel an der vermeintlich gerechten Sache bekommen, wäre der Misserfolg vorprogrammiert.

Fazit: Insofern sehenswert, weil der Film zum Nachdenken anregt. Allerdings sollte man seine Erwartungen in Sachen Spannung vorher herunterschrauben.

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56. Stück: „Birdman“ oder warum man gute Filme nicht mögen muss

Es ist wirklich faszinierend, wie die Anonymität des Internets die übelsten Abgründe der menschlichen Seele hervorzukitzeln vermag. Sobald man irgendwo seine Meinung äußert, braucht man nur bis drei zu zählen, schon kommen die Trolle aus ihren Höhlen gekrabbelt und pöbeln los, man solle doch gefälligst zu Hause bleiben, wenn’s einem nicht passt, man solle doch seine Ansichten für sich behalten und überhaupt was erlaube man sich, sich als Klugscheißer und Besserwisser aufzuführen, man halte sich offenkundig für etwas Besseres und für schlauer als den Rest der Welt. Das erlebe ich relativ oft auf kino.de, wo ich meine Filmkritiken in den Kommentarbereich schreibe. Wenn mir ein Film gefallen hat, werde ich dafür selten angepflaumt, aber wenn ich einen Film verreiße oder nicht durchgehend gut fand, gibt’s oft auf die Nuss. Besonders hübsch waren die Reaktionen auf meinen Jupiter Ascending-Verriss.

Irgendwie scheint es vielen Menschen schwer zu fallen, Dargestelltes (Werk) und Darstellende (Macher) zu unterscheiden. Ich kann sehr wohl das Dargestellte inhaltlich kritisieren, ohne die Darstellenden dahinter persönlich zu beleidigen. Sprich: Ich kann sagen, der Film Jupiter Ascending ist schlecht gemacht, ohne damit zu meinen, die Wachowski-Brüder wären unfähige Schwachköpfe.

Was ebenfalls häufig für Verwirrung sorgt, ist der Unterschied zwischen „gut gemacht“ und „gut finden“. Und das ist tatsächlich etwas kniffliger auseinander zu halten als Machwerk und Werkmacher. Das Thema hatte mich bereits bei The Place beyond the Pines beschäftigt und ist mir nun in Gestalt des Films Birdman erneut untergekommen. Hier noch mal meine vollständige Kritik:

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit von Alejandro González Iñárritu hinterlässt mich zwiegespalten. Der Film macht es einem aus Unterhaltungssicht betrachtet nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist sperrig, anstrengend, schräg, merkwürdig, bizarr, skurril, surreal, verrückt, mühsam und unbequem. Und das ist eigentlich wieder gut. Aber irgendwie … ich glaube – und das ist nur mein persönliches Urteil, das nichts über die Qualität des Films aussagt – mir war das zu viel des Guten.

Die Geisteswissenschaftlerin und ausgebildete Schauspielerin in mir jubelte über die vielen Seitenhiebe auf die Theater- und Filmbranche, den Jahrmarkt künstlerischer Eitelkeiten, satirischen Pointen, großartigen Bezüge, Andeutungen und philosophischen Anklänge. Mit dem Verstand betrachtet also ein Meisterwerk, ein gefundenes Fressen für Filmkritiker und andere Cineasten. Auch für Psychologen gäbe es da eine Menge zu analysieren und interpretieren.

Mit dem Herzen betrachtet war mir das aber alles viel zu intellektuell verquast, zu künstlerisch überambitioniert, zu überheblich, selbstgefällig, wichtigtuerisch, arrogant in seinem übertrieben metaphorischen Spiel mit Symbolen und Realitäten. Als wäre der Regisseur in dieselbe Falle getappt, wie sein Protagonist: Etwas Bedeutungsvolles schaffen wollen und von niemandem wirklich verstanden werden.

Vielleicht war das aber auch der Gedanke dahinter, dass man diesen Film nicht mit den normalen Sehgewohnheiten, Erzählkonventionen etc. betrachten, sondern ihn auf einer anderen Ebene wahrnehmen soll. Oder so. Wie sich Künstler das dann halt immer so schönreden, wenn sie etwas fabriziert haben, was beim Massenpublikum nicht ankommt. Die haben die Message nicht begriffen, sowieso ist das ja auch eine Auszeichnung, wenn der mainstreamverkorkste Pöbel einen doof findet und blablabla. Also, selbst wenn dem so ist und das sollte bewusst für Unverständnis sorgen, dann ist das zwar gelungen, aber nicht neu.

Durchgehend positiv aufgefallen sind mir jedoch die Schauspieler. Wie Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts und Co. sich selbst und ihren Beruf voller Spielfreude durch den Kakao ziehen macht sehr viel Spaß – intellektuelles Gestakse hin oder her. Diese Szenen haben sich in jedem Fall gelohnt.

Nur schade, dass der Film dann doch sehr lang war und zum Ende hin immer eigenartiger wurde. Mein Freund (selbst Kameramann) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der gesamte Streifen wie in einer einzigen Kamerafahrt, mit kaum sichtbaren Schnitten gedreht wurde. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen so anstrengend, denn das ist ja sehr innovativ, die Sehgewohnheiten zu torpedieren, aber von sowas wird man ein wenig seekrank. Da fehlt dann einfach die Struktur. Aber auf jeden Fall ist der Film interessant, ich denke, das lässt sich nicht leugnen. Ob man ihn nun genial findet – oder furchtbar.“

Es ist ein seltsamer Eindruck, wenn man zwar anerkennt, dass ein Film gut gemacht und künstlerisch sowie intellektuell interessant ist – und ihn trotzdem nicht mag, ihn … unsympathisch findet. Vor allem, wenn der Film dann von allen Kritikern einhellig gelobt wird und jede Menge Preise wie die Oscars abräumt und man selbst steht da und denkt: Ich mochte den nicht. Man kommt sich dann schon ein bisschen wie ein Idiot vor. Hat man vielleicht irgendetwas nicht begriffen? Hat man überhaupt denselben Film gesehen wie alle anderen?

Denselben Film hat man in diesem Fall wohl schon gesehen, … aber nicht den Gleichen. Hier ist diese oft als grammatikalische Spitzfindigkeit unterschätzte Unterscheidung zwischen „dasselbe“ und „das Gleiche“ mal sehr praktisch. Denn man kann einen Film auf verschiedene Arten und Weisen sehen und nimmt in der Folge andere Aspekte wahr, übersieht dafür aber andere Facetten, die sich ebenfalls darin verstecken. Das liegt daran, dass man mit unterschiedlichen Erwartungen, Geschmäckern, Hintergründen und Persönlichkeiten in einen Film hineingeht, die alle Einfluss darauf haben, ob das Werk einem letztendlich gefällt oder nicht.

So kann es passieren, dass man – wie ich – in Birdman geht und eine urkomische Satire auf den Theater- und Filmbetrieb erwartet. Im ersten Moment bekommt man das auch, kichert zufrieden und fühlt sich unterhalten. Aber dann nimmt der Film einfach kein Ende, die Hauptfigur Riggan Thomson verändert sich überhaupt nicht und bemitleidet sich selbst, verhält sich egozentrisch und suhlt sich in seinen Minderwertigkeitskomplexen und Frustrationen aufgrund vermeintlich verpasster Chancen. Bis kurz vor Schluss dann doch was passiert (ich sag jetzt nicht was, um nicht zu spoilern), ist es schon zu spät, damit noch Spannung aufkommt. Zumindest ging mir das so, dass ich die ganze Zeit dachte, wann kommt der Typ mal ausm Quark und am Ende war ich schon so genervt, angestrengt und gelangweilt, dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, über die Bedeutung des Schlusses nachzudenken.

Und dann schäme ich mich ein wenig, weil es doch eigentlich dumm ist, über so einen komplexen, psychologisch und künstlerisch interessanten Film nicht weiter nachdenken zu wollen, weil der einem zu anstrengend war. Auf der anderen Seite: Hätte man da nicht einfach eine halbe Stunde Selbstmitleidsgesuhle streichen und kürzen können? Der Begriff „Langeweile“ kommt ja schließlich daher, dass etwas zu lange dauert. Da finde ich, muss man doch auch als Filme- oder Theatermacher oder Buchautor an den Zuschauer denken und sich von der einen oder anderen Szene trennen, die nichts Neues zur Geschichte, erzählten Welt, den Figuren oder der Atmosphäre beiträgt.

Wobei das ja sicher wieder eine Frage des persönlichen Geschmacks ist, ob man eine Szene als überflüssig erachtet oder nicht …

Ziemlich kompliziert, das Ganze. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren, dass man manchmal Filme oder mit anderen Medien erzählte Geschichten einfach nicht mag, so wie man manche Menschen manchmal schlichtweg nicht riechen kann.

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53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

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51. Stück: Überlegungen zur „Divergent“-Trilogie von Veronica Roth

Meine erste Begegnung mit der Divergent-Trilogie von Veronica Roth (bestehend aus den Romanen Divergent, Insurgent und Allegiant) hatte ich im April im Kino. So wirklich überzeugt hatte mich der Film in seiner Umsetzung nicht, doch der Inhalt hatte mich neugierig gemacht – neugierig genug, um die Bücher im Original zu lesen. In kurzer Zeit habe ich nun alle drei Teile verschlungen und muss sagen, dass sich die Divergent-Trilogie nicht hinter Die Tribute von Panem von Suzanne Collins zu verstecken braucht. Ein Vergleich beider Trilogien liegt nahe, da in beiden Reihen ein junges Mädchen gegen ein dystopisches System kämpft, gegen ihren Willen eine Art Revolutionärin wird und nebenbei auch noch mit den Liebeswirren des Teenagerdaseins zurecht kommen muss.

Doch bei genauer Betrachtung offenbaren sich doch große Unterschiede zwischen den beiden Werken, sodass es sich durchaus lohnt, beide Trilogien zu lesen, ohne dass das eine das gleiche in Grün vom anderen ist.

Der erste Teil von Divergent hatte mich noch nicht so stark gepackt. Das ist das Buch, das gerade verfilmt wurde. Der Film hält sich doch sehr eng an die literarische Vorlage und im ersten Teil wird noch nicht so viel von der dystopischen Welt und ihren Ausmaßen offenbart. Richtig spannend und interessant wird es im Prinzip erst im letzten Drittel des ersten Teils, als die scheinbare Idylle mit den Fraktionen, wo jeder weiß, wo er hingehört, immer stärker ins Wanken gerät. Im ersten Teil scheint es auch noch so als sei die Liebesgeschichte zwischen Beatrice „Tris“ Prior und ihrem Trainer „Four“ Teeniekitsch à la Twilight. Doch im zweiten und dritten Teil sieht man diese Beziehung immer wieder auf die Probe gestellt, man sieht Zweifel, Streit, Enttäuschung, Zusammenraufen und das Ganze wieder von vorn – also eine ganz normale, durchaus realistische Liebesbeziehung, die allmählich wächst und sich wandelt. Tris und Four begegnen sich mit der Zeit auf Augenhöhe – anders als Bella und Edward, wo der edle Vampirritter seine holde Maid ständig rettet, bevormundet und auf fast schon kontrollfreakige Art und Weise „beschützt“, während Bella alle ihre Entscheidungen von ihm abhängig macht.

Was mir allerdings in der Divergent-Trilogie trotz des vielschichtigen, spannenden Inhalts und der Figurenkonzeption, die einen tieferen Blick lohnt, nicht gefällt, ist der Schreibstil. Das Vokabular mangelt an Bandbreite, oft wird das gleiche Wort in einem Absatz dreimal wiederholt. Zum Beispiel „realisiert“ dauernd irgendwer irgendwas. Da ist zum Beispiel Suzanne Collins‘ Sprache bunter, vielseitiger und lebendiger, obwohl auch sie die Ich-Perspektive nutzt. Die ist bei Veronica Roth möglicherweise keine gute Entscheidung. Denn sicher kann man argumentieren, dass Tris und im dritten Teil Four alias Tobias (seine Ich-Perspektive kommt im letzten Teil dazu) beide aus der Fraktion Altruan (im Original Abnegation) stammen. Und die zeichnet sich durch absolute Selbstlosigkeit aus. Ein abwechslungsreicher Sprachstil würde dort vermutlich als ich-bezogen gewertet und abgelehnt. Somit wäre die schlichte, schmucklose Sprache ein Mittel, um die Figuren indirekt zu charakterisieren und durchaus eine konsequente, interessante Idee. Doch der Sprachstil, die Gedankengänge und die Wahrnehmung von Tris und Tobias im dritten Teil ähneln sich stark – da verliert man schnell den Überblick, wer gerade mit „ich“ gemeint ist, wenn man das Buch mitten im Kapitel zur Seite legen musste.

Außerdem lautet mein Motto: Es geht letztendlich immer um den Rezipienten, in diesem Fall dem Leser. Wenn man Tagebuch schreibt, das keiner lesen soll, kann man gern so redundant und uneloquent schreiben wie man will – übertrieben gesagt. Doch wenn man für jemanden schreibt, dann muss man auch diesen Jemand im Hinterkopf behalten. Hier wäre also anstelle der Ich-Perspektive entweder die Sicht einer Nebenfigur oder ein sogenannter allwissender Erzähler sinnvoller gewesen, um den spannenden Inhalt voll auszuschöpfen und die charakterlichen Unterschiede der Figuren stärker hervorzuheben. Stephen King ist beispielsweise ein Meister darin, zwischen allwissendem Erzähler und Blick in die Figuren hin und her zu wechseln und allein dadurch schon Spannung zu erzeugen – wozu dann der Inhalt noch dazu kommt.

Nichtsdestotrotz konnte ich die Bücher kaum aus der Hand legen und auch wenn die Hauptfiguren gelegentlich nerven, wachsen sie einem doch ans Herz, ebenso wie die Nebenfiguren. Ein wenig lästig sind Tris‘ Gewissensbisse, wenn sie überlegt, was ihre Eltern an ihrem Verhalten alles missbilligen würden, weil sie angeblich nicht selbstlos genug ist. Das gehört zu den Dingen, die etwas zu oft wiederholt und betont werden.

Allerdings – und das ist wieder das Gute an der Buchreihe – wird die extreme, absolute Selbstlosigkeit auch kritisch hinterfragt. Alle fünf Fraktionen – Erudite (Ken auf Deutsch), Candor, Amity (Amite), Dauntless (Furox) und Abnegation (Altruan) – gingen von edlen Motiven, gut gemeinten Idealen und klugen Überlegungen aus. Doch im Laufe der Zeit wurden alle immer extremer, bis sich die ursprüngliche Tugend in ihr Gegenteil verkehrte. Aus Neugier und Forschungsdrang wurden Machtstreben und Arroganz, aus Ehrlichkeit wurde Herzlosigkeit, aus Pazifismus Passivität, aus Mut und Tapferkeit wurden Grausamkeit und Brutalität, aus der Selbstlosigkeit und Nächstenliebe wurde Selbstaufgabe. Und das finde ich interessant, denn Veronica Roth macht aus ihrem christlichen Glauben keinen Hehl, streut in die Geschichte auch gelegentlich Hinweise darauf ein, dass der christliche Gott auch für Tris‘ ursprüngliche Fraktion eine wichtige Rolle spielt. Doch insgesamt lässt sich die Reihe als kritisch gegenüber sämtlichen einst gut gemeinten Idealen – wie Religionen es ja auch sind – die durch Fanatismus, Angst vor dem Unbekannten und daraus resultierendem Hass schließlich zu gefährlichem Extremismus verkommen werten. Als Moral von der Geschicht‘ lässt sich festhalten, dass es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Grautöne, Farben und Facetten gibt – und zwar in jedem Menschen. Das ist natürlich nicht neu, doch angesichts dessen, dass sich nach wie vor Menschen wegen Glaubensfragen gegenseitig die Köpfe einhauen anscheinend doch nötig, das immer und immer wieder zu wiederholen.

Fazit: Ich kann jedem nur empfehlen, die Divergent-Reihe selbst zu lesen. Und ich freu mich darauf, mit euch darüber zu diskutieren.

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