Monatsarchiv: März 2014

50. Stück: Kunst, Theater, Politik und Extremismus

In Frankreich gibt es zurzeit einen beängstigenden Rechtsruck. Der rechtsradikale Extremismus des Front National hat nun auch die Kunst erreicht, genauer gesagt, das Theater, insbesondere das Festival d’Avignon. Der Direktor des Festival d’Avignon Olivier Py ist entsetzt, dass der Front National in der ersten Runde bei den Kommunalwahlen die Mehrheit eingefahren hat und plant, das Festival woanders stattfinden zu lassen oder seinen Hut zu nehmen, sollten die Rechtsradikalen auch die zweite Runde, die morgen am 30. März stattfindet, gewinnen. Für dieses Jahr könne man zwar nicht mehr viel am Programm ändern, doch für nächstes Jahr würde er sich bemühen, das Festival d’Avignon in Spielstätten der Nachbarorte zu verlegen – oder gehen. Nun kann man natürlich fragen, was die politische Einstellung des Bürgermeisters einer Stadt mit ihrer Theaterkultur zu tun hat? Sollten Theater und Kunst nicht um ihrer selbst existieren und sich nicht in die Politik einmischen?

Olivier Py sagt – und da stimme ich ihm voll und ganz zu – Nein! „Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, wie es möglich sein soll, mit einer Bürgerschaft aus dem Front National zusammenzuarbeiten“, stellt er im Interview mit laprovence.com klar. Er begründet: „Die Werte des Front National sind das absolute Gegenteil der Werte des Festival d’Avignon und sogar das Gegenteil der Werte von Avignon selbst, die eine multikulturelle Stadt ist.“ Und im Interview mit Télérama.com betont er, die „Kultur ist keine gutbürgerliche Unterhaltung, sie ist eine politische Waffe“ und erläutert: „Kultur soll offen machen für das Andere, die Unterschiede, das Fremde. Jean Vilar selbst – der das Festival 1947 gründete – mochte den Begriff ‚Festival‘ nicht; er hätte den Begriff ‚Begegnungen‘ bevorzugt.“

Gerade wenn ein Land in gefährliche politische Schieflage gerät und sich Extremismus breit macht, sich in die Seelen und Gehirne der Menschen frisst, dann MUSS Kunst Stellung beziehen, zum Nachdenken anregen, ein Gegengewicht bilden, Aufschreien und auf die Barrikaden gehen. Wenn nicht die Kunst, wer sonst? Aber ist es der richtige Weg, mit Kündigung oder Flucht zu drohen? Ist das nicht feige? Olivier Py führt im Interview mit Télérama.com als Beispiel die Reaktion von Charles De Gaulle und Pétain während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an. De Gaulle ging nach London und organisierte von dort aus die Résistance-Bewegung mit. Pétain blieb und kollaborierte mit den Besatzern und machte schließlich gemeinsame Sache mit ihnen. Sicher kann man einwenden, dass der Front National noch keinen Völkermord begangen oder sich daran beteiligt habe und dass der Vergleich daher hinke. Doch: So fängt es an.

Die Nazis hat man Ende der 1920er Jahre auch noch überwiegend für Spinner gehalten, dann fingen immer mehr Menschen an, mit ihnen zu sympathisieren. Je schlechter es dem Land ging, desto radikaler wurde nach Schuldigen dafür gesucht. Und da kam Hitler, präsentierte ein willkommenes Feindbild und der Rest ist bekannt. Aber nun geht es wieder vielen Ländern schlecht, es wird nach Schuldigen gesucht und da ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte wiederholt. In verschiedenen Ländern Europas haben die Rechtsradikalen wieder Hochkonjunktur, in den Niederlanden, in Griechenland, in Russland natürlich, in Frankreich und in der Schweiz. Nationalismus ist wieder en vogue und mir ist das gelinde gesagt unheimlich.

Was aber können Kunst und Theater bewirken? Plumpe, reißerische und effektheischende Provokation à la Rodrigo García halte ich für schwierig. Entweder, die Leute fühlen sich verarscht, sind beleidigt oder applaudieren begeistert und nicken wohlwollend die Kritik ab, gehen nach Hause und das war’s. Wirklich über Inhalte, Standpunkte und ihr eigenes Verhalten dabei nachdenken tun sie dadurch nicht. Auch politisches Theater à la Brecht – und da gehe ich mit René Pollesch d’accord – ist nur bedingt geeignet, Menschen zum politischen Nachdenken zu mobilisieren. Da wird dann die moralische Keule geschwungen und schulmeisterlich der Zeigefinger erhoben und am Ende weiß man zwar, was der Autor des Stücks für politisch richtig hält, doch eine eigene kritische Meinung bildet man sich dabei nicht wirklich. Dann doch lieber ein schöner Skandal, weil irgendein spätpubertierendes Performance-Enfant-Terrible auf der Bühne Kunstblut über eine Jesusfigur im Nacktkostüm gießen lässt.

Weiter seine Arbeit machen und zu hoffen, man könnte im Kleinen vielleicht gelegentlich ein kleines Bisschen dezenten Widerstand leisten, funktioniert mit Sicherheit nicht. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen in Klaus Manns Mephisto. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass mit einem Theaterstück oder einem anderen Kunstwerk überhaupt Stellung bezogen und etwas ausgesagt wird. Man kann auch verschiedene, konträre Standpunkte gegenüber stellen. Und dann sind Vielfalt und Gegensätzlichkeit wichtig, weshalb die kulturelle Landschaft eines Landes und einer Stadt auf keinen Fall weiter ausgedünnt werden darf. Schließlich denke ich, sollten sich Künstler und Kulturschaffende nicht hinter ihren Kunstwerken verstecken, sondern hervortreten und ihre Meinung sagen, so wie das Olivier Py getan hat. Dabei muss man auch bereit sein, notfalls Konsequenzen zu ziehen, die einem schwer fallen. Als im September 2010 der Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Friedrich Schirmer, zurücktrat, war das zwar erst ein Schock. Er wurde von vielen Seiten für diese Entscheidung angefeindet. Aber wäre er geblieben, hätte das Schauspielhaus nicht auf seine Misere aufmerksam machen können und hätte sich davon vielleicht niemals erholt.

Ein Kommentar

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49. Stück: Faszination „Germany’s Next Topmodel“ – eine Mutmaßung

Bis zu diesem Jahr habe ich mich immer standhaft geweigert, mir „Germany’s Next Topmodel“ zu Gemüte zu führen. „Die machen doch nichts, stehen nur rum oder latschen so nen Steg runter, so einen Scheiß gucke ich nicht“, war stets meine Devise. Aber dieses Jahr habe ich jetzt doch ein paar Mal reingeschaut und habe festgestellt, dass es doch ein Beruf ist, zu dem auch Talent und Handwerk gehören und den nicht jeder ausführen kann, der einfach nur groß und dünn ist. Das ist natürlich ein bisschen peinlich, dass jemand, der eine Schauspielausbildung hat und jetzt mit Schreiben seine Brötchen verdient, von einem anderen Beruf denkt „Das kann ja wohl jeder“. Denn das ist ja genau das Problem von allen kreativen und/oder künstlerischen Berufen, dass Außenstehende denken, das könne jeder und sei nichts, wofür man eine fundierte Ausbildung bräuchte und überhaupt seien das ja wohl nur Hobbys und da kann man froh sein, wenn man das überhaupt ausüben darf und soll nicht auch noch verlangen, von dem damit (wenn überhaupt) verdienten Geld leben zu können.

Also, Asche auf mein Haupt, da habe ich dem Modelberuf offenkundig Unrecht getan. Denn was man bei „GNTM“ wunderbar sehen kann ist, dass es eben doch nicht so einfach ist, sich in hohen Absätzen elegant und sicher zu bewegen. Und dass es auch gar nicht so leicht ist, vernünftig vor einer Fotokamera zu posen, sodass das  nachher gut aussieht. Was man allerdings auch gut sehen konnte – und da hält sich mein schlechtes Gewissen wegen der banausenhaften Verkennung des Modelstands dann doch in Grenzen – ist, dass die Modelwelt offenbar keine Ahnung vom Schauspielerberuf hat. In der Folge „Extreme Edition“ sollten die Models nämlich eine Szene in einem Restaurant spielen, wo sie furchtbar sauer auf einen Kerl waren. Später sollten sie dann für einen Werbespot so tun als würde ihnen irgendein kaltes Teegesöff unfassbar gut schmecken. Das Ergebnis war durch die Bank weg einfach nur beschämend. Gut, was soll man auch machen, wenn man als Regieanweisung hat: „Sei mal richtig sauer“. Oder: „Sei mal glücklich“. Das ist doch klar, dass da nur hysterisches, sinnentleertes Gekreische oder ein sinnloses Grinsen bei rumkommen. Beim Schauspiel geht es nicht darum, Gefühle darzustellen, sondern darum, was die Figur will und was sie wie tut, um es zu bekommen. Warum ist man wütend und wie äußert sich die Wut? Warum ist man glücklich und wie zeigt man dieses Glück?

Auf jeden Fall wird nicht nur der Schauspielerberuf dadurch völlig verkehrt dargestellt, sondern die Mädchen werden auch noch dabei blamiert. Einen großen Teil der Faszination von „GNTM“ macht meiner Meinung nach eine Mischung aus Fremdscham und Schadenfreude aus. Das ist sehr sehr peinlich, was die Mädchen da teilweise alles mit sich machen lassen und auch das, was sie teilweise für Probleme halten ist mehr als lächerlich. Augenbrauen zu bleich gefärbt, Rabäääääh, Haare abschneiden, heuuuuuul, die hat gesagt, dass die gesagt hat, dass ich gesagt hab, dass sie gesagt hat, mimimimimi. Gleichzeitig kristallisieren sich recht schnell in dieser Sendung Feindbilder und Sympathieträger heraus und dann ist das ein bisschen wie Fußball gucken. Man freut sich, wenn die Feindbild-Kandidatinnen Misserfolge einstecken müssen und man freut sich, wenn die Lieblingskandidatinnen Erfolge verbuchen können.

Was ich bei der „Extreme Edition“ außerdem festgestellt habe, ist, dass es ziemlich viel Spaß zu machen scheint, Kostüme und Mode zu designen und umzusetzen. Ich kann also verstehen, wenn man diese Sendung guckt und hinterher sagt, ich hätte Lust Kostüm- oder Modedesign zu studieren. Was ich nicht verstehe, ist, wie junge Mädchen durch diese Sendung ernsthaft Lust haben können, Model zu werden. Denn ich habe nicht den Eindruck, dass der Beruf da groß geschönt dargestellt wird. Vielleicht ein bisschen, denn ich denke, ähnlich wie beim Schauspiel, wenn man nicht Heidi Klum und Wolfgang Joop kennen lernt, sondern ein ganz normales Model ohne Vitamin B ist, dann ist das noch tausend Mal schwieriger, in der Branche Fuß zu fassen, sodass man davon leben kann.

Und wenn man Fuß gefasst hat, was dann? Als Model ist man ja im Grunde, böse gesagt, ein lebender Kleiderständer. Die Aufgabe von Models ist, Produkte, Kleidung und Kosmetik so zu präsentieren, dass Leute das Zeug unbedingt haben wollen und bei nächstbester Gelegenheit kaufen. Aber Models sind nicht diejenigen, die kreativ sein, eigene Vorschläge machen oder eigene Ideen haben dürfen. Die sollen tun, was ihnen gesagt wird und das war es dann auch schon. Und zum Dank darf man sich dann wie Schlachtvieh behandeln und wie Ware begutachten lassen. Wer will das denn?

Das zumindest ist mein Eindruck, den ich durch „Germany’s Next Topmodel“ gewonnen habe. Trotzdem wollen alle diese Mädchen unbedingt als Nummer eins aus dieser gruseligen Serie hervorgehen. Dabei haben sich die wenigsten Gewinnerinnen der letzten Jahre dauerhaft einen Namen in der Modelbranche gemacht. Einige üben jetzt einen ganz anderen Beruf aus, andere tingeln von Show zu Show und von anderen hört man gar nichts mehr. Und die Mädchen, die da teilnehmen, da ist die Älteste grad mal Anfang 20 oder so, die meisten sind so 16-18 Jahre jung. Die haben doch noch gar nicht das Selbstbewusstsein, um sich mit heiler Seele in diesem Haifischbecken von Modebranche zu behaupten. Auch nicht die, die so selbstbewusst tun und herumposaunen, sie wären die Beste. Das glauben sie vielleicht, aber sie plappern einfach nur Phrasen nach, die sie vermutlich in den letzten Staffeln oder bei irgendwelchen anderen Castingshows aufgeschnappt haben.

Außerdem schneiden die das ja hinterher auch so zusammen, dass sich bestimmte Kandidatentypen herauskristallisieren. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es nicht darum geht, wohltätigerweise kleinen Mädchen eine Traumkarriere zu ermöglichen, sondern darum, Kohle zu scheffeln und Fernsehdeutschland zu unterhalten. Also braucht man bestimmte Typen, bestimmte Klischees, mit denen sich jeder Zuschauer identifizieren oder das er ablehnen kann. Die Zicke, die sich für was Besseres hält, die Liebe, die immer vermitteln will, die Doofe, die immer irgendwelche dummen Sachen in fragwürdiger Grammatik vom Stapel lässt, die Süße, die ein bisschen naiv, aber zum Knuddeln ist, die Emotionale, die immer gleich anfängt zu flennen, die Schicksalsgebeutelte, die meint, die Sendung wäre ihre letzte Chance, im Leben noch irgendwas Schönes zu erleben, die Natürliche, die man gern als Freundin hätte, und so weiter. Am Anfang waren noch ein paar Mädchen dabei, die sich nicht einem dieser Typen zuordnen ließen und deren Gesicht man sich nicht merken konnte. Die scheiden jetzt nach und nach aus. Diejenigen, die die Show unterhaltsam machen, sind die, die bis zum Schluss drinbleiben.

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