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86. Stück: Die schlechtesten Filme in 2016

Die besten Filme in 2016 habe ich euch schon verraten. Aber ein filmischer Jahresrückblick darf natürlich auch die Flops nicht verleugnen.

Flop 10 2016: Die größten Enttäuschungen und schlechtesten Filmgurken des Jahres

10. „Café Society“

„Café Society“ von Woody Allen gehört leider zu den schwächeren Filmen meines Lieblingsregisseurs. Der launige Tonfall, die flotte Jazzmusik, Humor und pointierte Dialoge sowie die nostalgische Atmosphäre der höheren Gesellschaft in Hollywood und New York der 30er und 40er Jahre hat er wie gehabt exzellent getroffen … aber leider passiert darüber hinaus nicht wirklich was. Und wenn doch etwas passiert, wird es mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen, und munter weitergeplaudert. Dadurch gerät die Handlung leider ins Belanglose, was schade ist, und meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre. Ich habe den Eindruck, Woody Allen hat diesen Film so zwischendurch als Fingerübung gemacht, oder weil er gerade nichts Besseres in der Schublade bereitliegen hatte.

Die Schauspieler machen ihre Sache prima und scheinen viel Spaß zu haben. Kristen Stewart hat mich positiv überrascht, habe ich sie doch noch immer als somnambules, devotes Frauchen aus den „Twilight“-Filmen in Erinnerung. Aber sie kann auch anders. Jesse Eisenbergs Körperhaltung bereitet mir indes ein wenig Sorgen. Der ist jünger als ich und hat schon einen Buckel wie ein 90-Jähriger. In ein paar Jahren hat der übelste Rückenprobleme, vielleicht sogar einen Bandscheibenvorfall. Das tut ja schon beim Zuschauen weh … also ein bisschen Kraftsport und ein Tanzkurs würden wirklich nicht schaden.

Fazit: Daran, dass ich mir über potenzielle Rückenbeschwerden des Hauptdarstellers Gedanken mache, während der Film läuft, kann man eigentlich auch schon erkennen, dass mich die Handlung nicht sonderlich gefesselt hat. Hoffentlich macht Woody Allen als nächstes wieder einen Thriller, das kann er nämlich richtig gut.

9. „The Hateful 8“

„The Hateful Eight“ von Quentin Tarantino hat mich leider enttäuscht. Vielleicht ist es ja keine schlechte Idee von Tarantino, nur noch zwei Filme zu machen und sich dann aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass er allmählich anfängt, seine Ideen zu wiederholen und unnötig auszuwalzen (wobei Christoph Waltz dieses Mal nicht dabei ist, aber die Rolle von Tim Roth erinnert sehr, sehr stark an die typischen Christoph-Waltz-Figuren). Vielleicht bin ich aber auch einfach mit zu hohen Erwartungen in diesen Film gegangen, sodass ich deswegen enttäuscht bin.

Jedenfalls fand ich das Tempo vom Film unausgewogen, die Spannungskurve zu schlaff. Die erste Hälfte hat noch meine Neugier aufrechterhalten, obwohl das Erzähltempo da gemächlicher war. Aber so baute sich allmählich das gesamte Konstrukt, die brisante Figurenkonstellation auf, was für Spannung sorgte. In der zweiten Hälfte explodiert die Handlung, die Ereignisse folgen Schlag auf Schlag, das Tempo wirkt übereilt, hektisch und gehetzt. Der Schluss ist dann wieder etwas zu langgezogen geraten. Das passte meiner Meinung nach alles nicht ganz zusammen, wirkte nicht stimmig.

Ich denke, dem Film hätte es gut getan, wenn er eine Stunde kürzer gewesen, dafür aber schneller auf den Punkt gekommen wäre und die Action etwas stimmiger verteilt hätte. Kammerspiele können sehr spannend sein, erst recht, wenn eine so konfliktträchtige Figurenkonstellation im Mittelpunkt steht. Die psychologische Spannung eines Kammerspiels über gut drei Stunden zu halten, ist jedoch äußerst schwierig, und in diesem Fall meines Erachtens nicht gelungen.

Fazit: Lieber noch mal einen der älteren Tarantino-Filme gucken oder Erwartungen ein wenig herunterschrauben.

8. „Legend“

„Legend“ von Brian Helgeland ist zwar eine fantastische Schauspielerleistung von Tom Hardy, aber als Film insgesamt nur mittelmäßig. Die große Stärke des Films – Tom Hardys wirklich virtuose Wandlungsfähigkeit in der Doppelrolle der Kray-Zwillinge – ist leider gleichzeitig auch seine Schwäche. Es scheint, als habe man sich zu sehr darauf verlassen, dass Hardy den Film schon trägt, und als habe man darüber die anderen Aspekte, die einen mittelmäßigen von einem herausragenden Film unterscheiden, vernachlässigt.

Die Handlung dümpelt vor sich hin, ohne wirklich Fahrt aufzunehmen. Es sind zwar pflichtgemäß die meisten Handlungsmotive für das Genre Gangsterfilm vorhanden: Aufstieg und Fall der Gangstergrößen, Drogen, Gier, Gewalt und Wahnsinn führen zum Absturz, eine junge hübsche Frau, die sich wünscht, ihr Mann möge ehrlich werden … Aber der Rhythmus ist zu unentschlossen, das Tempo nicht stimmig, die Spannungskurve kaum zu erkennen. Die mise en scène ist durchaus gelungen, man fühlt sich ins London der 60er Jahre hineinversetzt. Der Soundtrack ist nicht schlecht. Aber es reißt einen nicht wirklich mit.

Irgendwie wirkt der Film ein wenig … feige. Als hätte man sich nicht so recht entschließen können, ob man die Kray-Zwillinge nun als brutale, skrupellose Gangster oder als eigentlich ganz sympathische Halunken darstellen wollte. Und statt zu versuchen, sie zunächst richtig sympathisch einzuführen, damit hinterher die Fallhöhe größer ist, wenn sie sich als brutale, skrupellose Gangster entpuppen, wabert es die ganze Zeit irgendwo dazwischen. Das macht es schwierig, mit den Figuren mitzufiebern, trotz dem tollen Schauspiel. Wenn man den Film mit anderen Gangsterfilmen vergleicht, wie zum Beispiel „Goodfellas“, dann wirkt er leider etwas schwach.

Fazit: Tom Hardy in der Doppelrolle lohnt schon das Ansehen, aber ein Muss ist der Film trotzdem nicht.

7. „Ice Age – Kollision voraus!“

„Ice Age – Kollision voraus!“ ist der fünfte Teil der Reihe und nicht sonderlich einfallsreich. Scrat rettet wieder einmal den Film vor der völligen Belanglosigkeit und sorgt für die meisten Lacher, ansonsten ist die Handlung dieses Mal wirklich mau. Ein riesiger Komet rast auf die Erde zu und die Freunde Manni, Diego und Sid nebst Anhang müssen sie retten[spoiler], was sie auch schaffen[/spoiler]. Ja. Das war’s auch schon. Ach so, und dann gibt’s noch ganz viel Familienschnulz, schließlich muss man die über 90 Minuten ja irgendwie füllen. Die Dialoge triefen vor klischeehaftem Platitüdenkitschquark, alle haben sich lieb und die Konflikte lösen sich sämtlich in Wohlgefallen auf. Na gut, man will vermutlich der Hauptzielgruppe (Familien mit Kindern) den Popo pudern, deswegen muss man dann die Figuren so Zeugs sagen lassen wie „Hach, unser kleines Mädchen ist erwachsen geworden“, „Man muss loslassen“ und überhaupt, man müsse nur an sich glauben und sich selbst treu bleiben, dann schaffe man alles, lebe deine Träume, aber träume nicht dein Leben, ein Leben ohne Lächeln ist ein verlorener Tag und Morgenstund hat Gold im Mund.

Fazit: Ist nicht wirklich toll, aber auch nicht komplett scheiße. Scrat ist super und der Film insgesamt zwar überraschungsfrei und so tiefsinnig wie eine Pfütze im Hochsommer, aber die restlichen Figuren sind nach wie vor niedlich, sodass das Ganze immerhin ganz nett ist und in jedem Fall eine prima Beschäftigung, um dem Hamburger Schmuddelwetter zu entkommen.

6. „Victor Frankenstein“

„Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“ von Paul McGuigan kommt einfach nicht aus dem Quark und enttäuscht auf ganzer Linie. Dabei ist der Ansatz interessant: Die Geschichte wird aus Sicht von Igor, Frankensteins Assistenten, erzählt und würde somit einen neuen Blickwinkel auf die altbekannte Handlung erlauben. Mit Daniel Radcliffe als Igor, James McAvoy als Victor Frankenstein und Dr. Moriarty-äh-Andrew Scott als Inspector Turpin ist der Film auch noch herausragend besetzt, sogar die Love-Interest-Alibifrau Jessica Brown Findlay als Lorelei macht einen tollen Job und schafft es, ihrer Nebenfigur Profil und Persönlichkeit zu verleihen. Die mise en scène und die Kostüme sind ebenfalls großartig und entführen den Zuschauer in das London des späten 19. Jahrhunderts. Nach einem starken Anfang mit spannender, actiongeladener Fluchtszene ebbt der Film jedoch komplett ab und dümpelt danach trantütig seinem viel zu späten Ende entgegen.

Das Problem bei „Victor Frankenstein“ ist, dass zu viel behauptet und zu wenig gesagt, gedacht, gefühlt und getan wird. Man sieht und hört fast zwei Stunden lang vier Talking Heads beim Moralisieren und Thesenaufstellen zu. Dabei stehen Victor Frankenstein, Inspektor Turpin und Lorelei jeweils für eine bestimmte These in Bezug auf das Erschaffen von neuem Leben durch den Menschen. Frankenstein, wahnsinnig vor Ehrgeiz, will unbedingt Leben erschaffen, weil [spoiler]er Schuldgefühle wegen seines toten Bruders hat [/spoiler]oder so. Inspektor Turpin glaubt laut Drehbuch ganz doll an Gott, was sich daran erkennen lässt, dass ständig in Nahaufnahme das Kreuz und der Rosenkranz gezeigt werden, die er fest in den Händen hält. Deswegen ist er aus Prinzip dagegen, dass der Mensch Gott spielt und damit basta. Lorelei hingegen ist die Stimme des Herzens und der Liebe, sie ermutigt Igor, auf sein Gewissen zu hören und seiner Intuition zu vertrauen (merkt dabei aber nicht, dass sie Igor genauso bequatscht und in ihre – wenn auch menschlich-liebevolle – Ideologie einzubinden und zu manipulieren versucht.) Das ist eigentlich hochspannend und mit etwas mehr Tempo, pointierten Dialogen, raffinierten Schnitten und schärferer, entschlossenerer Figurencharakterisierung wäre das auch eine coole Sache geworden. Insbesondere dadurch, dass mit dem Vierten im Bunde, Hauptfigur und Erzähler Igor, eine Zwischenstellung inmitten dieser drei grundverschiedenen Positionen vorhanden ist. Er verspürt den Wissensdurst, Forschergeist und Ehrgeiz von Frankenstein, spürt jedoch die Menschenliebe und das unbestimmte Gefühl schlechten Gewissens beim Gedanken, den Toten nicht ihre Ruhe zu gönnen, wie Lorelei. Und ein leichtes Unbehagen beim Gedanken, Gott zu spielen, grummelt da auch in seinem Hinterkopf, wenn auch nicht so fanatisch wie beim Inspektor.

Leider hat das nicht geklappt. Die Figur des Inspektors wirkt völlig überflüssig und redundant, er findet immer nur das heraus, was der Zuschauer schon längst weiß, und hinkt mit seinen Erkenntnissen im Vergleich zur Zuschauerinformiertheit meilenweit hinterher. Sein Glaube wirkt aufgesetzt und überzeugt kein Stück, es sei denn, man ist ohnehin selber strenggläubig und von vorneherein prinzipiell seiner Meinung, aber dann schaut man sich ja so einen Film gar nicht erst an. Mit Ausnahme Igors machen keine der Figuren eine Entwicklung durch, sie haben von Anfang an dieselbe Einstellung, dieselbe Haltung und lassen sich durch nichts davon abbringen. Wie Engelchen und Teufelchen, Über-Ich und Es zerren sie alle an Igor und seinem Selbstverständnis, seinem Gewissen, und wollen ihn auf ihre Seite ziehen. Das passiert aber so lahm und lustlos, dass keinerlei Spannung entsteht. Die an sich fantastischen Schauspieler werden – so scheint es – vom Regisseur völlig alleine gelassen. Mit großer Anstrengung schwimmen sie gegen das zähe Drehbuch, die wächserne Figurenkonzeption und die starren Dialoge an, ohne dass es ihnen gelingt, irgendwo Fuß zu fassen.

Fazit: Der Film hätte Potenzial gehabt, ist aber komplett in die Grütze gegangen. Schade. Lohnt sich nicht.

5. „Das Morgan Projekt“

„Das Morgan Projekt“ von Luke Scott hatte eine interessante Grundidee, aber das war’s dann auch schon. Als Kurzfilm hätte das wunderbar funktioniert und wäre spannend geworden. Für einen abendfüllenden Spielfilm jedoch war das zu wenig. Die überraschend gemeinte Pointe am Schluss hatte ich – die ich für gewöhnlich schwer von Begriff bin – bereits nach fünf Minuten geahnt und musste dann noch 85 Minuten darauf warten, dass das dann auch bestätigt wurde.

Im Grunde wird fast der ganze Film auch schon im Titel verraten, es fehlt nur der Zusatz „Das Morgan Projekt scheitert“. In den ersten zehn bis 15 Minuten wird das Morgan Projekt erklärt – wie gesagt, interessante Grundidee mit der KI und der genetischen Modifikation künstlicher Menschen – und der Rest zeigt dann, wie dieses Projekt gründlich in die Grütze geht und in einem Blutbad endet. Dann noch kurz die vorhersehbare Pointe und fertig ist die Laube.

Mit einer etwas detailreicheren Figurencharakterisierung hätte man aus dem Film viel mehr machen können. Stattdessen bleiben alle Figuren flach, holzschnittartig und langweilig. Es ist einem als Zuschauer vollkommen gleichgültig, was mit ihnen passiert, welche Entscheidungen sie treffen und warum. Eigentlich sollte man zumindest mit Morgan mitfiebern und Sympathien für sie empfinden, damit ihre spätere Entwicklung einen kümmert und etwas bedeutet.

Das ist schade um die Schauspieler, die eigentlich ihre Sache ganz gut machen – so gut es eben geht, wenn einem das Drehbuch so wenig Material zum Arbeiten liefert. Vor allem Anya Taylor-Joy scheint mir eigentlich eine gute Schauspielerin und ein vielversprechendes Nachwuchstalent zu sein. Doch nun ist das nach „The Witch“ schon der zweite Film mit ihr in der Hauptrolle, der echt nicht gelungen war und sein Potenzial in die Tonne getreten hat. Ärgerlich!

Fazit: Lohnt sich nicht. Dann lieber „Ex Machina“ noch mal gucken.

4. „Batman V Superman“

„Batman v Superman“ von Zack Snyder hat mich enttäuscht. Ich dachte, bei all den schlechten Kritiken kann er so schlimm nicht sein …

Doch.

Es lag vielleicht auch daran, dass ich „Man of Steel“ nicht mehr so im Kopf hatte und mich mit den Comicvorlagen nicht auskenne – ich habe bislang nur die Filme gesehen. Deswegen habe ich in der ersten Hälfte überhaupt nicht kapiert, was die Leute alle eigentlich für ein Problem haben. Warum hassen plötzlich alle Superman? Wieso hat Batman ihn so auf den Kieker? Wer ist der Flugheini, mit dem sich Superman zu Beginn prügelt und dabei die ganze Stadt zermalmt? Wieso ist der Rollstuhltyp pissig auf Bruce Wayne, der ihm das Leben gerettet hat? Was genau will Lex Luthor eigentlich? Fragen über Fragen …

Das Unterhaltendste an dem Film war dann auch die Pause, wo meine beiden Begleiter mir zumindest einen Teil der Fragen beantworten konnten und sich der Herr neben uns vergnügt einmischte, um über Sinn und Logik von Superheldenfilmen zu diskutieren. Gut, den Seitenhieb, wenn man Logik suche, könne man sich ja Rosamunde-Pilcher-Filme anschauen, hätte man mit etwas bösem Willen als eine Spur frauenfeindlich interpretieren können. Aber na ja, ich habe mich auch über die männliche Eitelkeit dieser beiden Superhelden lustig gemacht, also hab ich quasi angefangen 😛 Die männliche Eitelkeit dieser beiden Supertrottel, die nicht peilen, dass sie beide denselben Feind haben, ist aber auch wirklich albern! Überhaupt ist dieser Konflikt völlig an den Haaren herbeigezogen und einfach nur idiotisch. Auf der anderen Seite, wäre Batman zu Superman hingegangen und hätte gesagt „Moinsen, du sachma, dieser Lex Luthor, ne, das ist doch ein vollkommen wahnsinniger, gemeingefährlicher Psychopath, der die Welt zerstören will. Wollen wir den nicht zusammen aufhalten, ist lustiger als alleine“ und Superman hätte dann geantwortet: „OK“ -> Dann wäre der Film ja schon nach einer Minute aus gewesen und man hätte keinen Grund gehabt, lauter Sachen in die Luft zu jagen. Und das geht ja nun auch nicht.

Die zweite Hälfte war dann nicht ganz so schlimm, dann musste man auch nicht mehr so lange auf Wonder Woman warten – die übrigens supercoole Kleider tragen durfte, nur so nebenbei. Dann haben sich die beiden Gockel ja auch endlich zusammengerauft und man musste diesen vollkommen lächerlichen Männerzickenkrieg, das Säbelgerassel und den Schwanzvergleich nicht länger ertragen.

Die Dialoge waren platt und dümmlich, die Story hanebüchen und wirr erzählt, ohne Vorkenntnisse kaum nachvollziehbar. Ben Affleck trägt als Batman seinen einen Gesichtsausdruck tapfer spazieren, wirkt ansonsten aber ziemlich lustlos. Man kann argumentieren, dass auch sein Batman völlig am Arsch ist und seine Darstellung somit zur Figur passt. Es ist aber auch so, dass er es nicht besser kann. Henry Cavill als Superman macht seinen Job OK. Die wunderbare Amy Adams ist als Lois Lane gnadenlos unterfordert. Der Einzige, bei dem es Spaß macht, zuzugucken, ist Jesse Eisenberg als vollkommen durchgeknallter Lex Luthor. Er erinnert zuweilen fast an Heath Ledger als Joker.

Fazit: Ach, das reicht, wenn man den Trailer gesehen hat.

3. „The Witch“

„The Witch“ von Robert Eggers hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich hatte subtilen Grusel, psychologischen Tiefgang und emotional berührende, menschliche Dramen à la „Babadook“ oder „Das Waisenhaus“ erwartet, doch die Figuren laden einen hier überhaupt nicht dazu ein, mit ihnen mitzufiebern und auf ein gutes Ende für sie zu hoffen. Wie soll denn da Spannung und Schrecken in einem Horrorfilm entstehen, wenn man die Figuren nicht leiden kann? Dann ist es einem doch völlig wumpe, was mit ihnen passiert. Gut, ich muss dazu sagen, ich bin da nicht ganz objektiv. Ich kann diesen religiösen Fanatismus, den man über allen gesunden Menschenverstand stellt, einfach nicht nachvollziehen. Meine Güte, dann interpretieren die Heinis im Dorf die Bibel eben anders als der Familienvater, das ist doch kein Grund, stur auf seinem Recht zu beharren und dafür in Kauf zu nehmen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Vor allem ist das einfach nur extrem dumm, wenn man ohne diese Gemeinschaft nichts zustande kriegt und einem die ganze Familie in der Einöde durchdreht. Aber gut, das war halt die Prämisse des Films, sonst hätte es keine Geschichte gegeben.

Übrigens beruht dieser Film teilweise auf historischen Dokumenten, solche ähnlichen Vorkommnisse hat es also wirklich im 17. Jahrhundert in den USA gegeben. Gemixt wurde dies mit Volkssagen, was ich eigentlich einen interessanten, spannenden Ansatz finde. Trotzdem reicht das nicht aus für einen letzten Endes fiktionalen Film. Da muss man auch ein wenig Erzählkunst anwenden, Spannung aufbauen, die Figuren so charakterisieren, dass sie um die Gunst der Zuschauer buhlen. Es sei denn, man will partout einen öden, schnarchlangweiligen Film machen, dann ist das aber dem Publikum gegenüber unfair, den Kram als Horror- oder Gruselfilm zu verkaufen. Am Ende [spoiler]wird zwar noch mal tüchtig herumgesplattert, aber ohne den Humor von Quentin Tarantino wirkt das einfach nur völlig daneben, bescheuert und albern.[/spoiler] Na ja, wenigstens dauert der Unsinn nicht viel mehr als 90 Minuten.

Nichtsdestotrotz kann ich verstehen, warum der Film so gute Kritiken in der Presse bekommen hat. Für Cineasten, Intellektuelle und Irgendwas-mit-Medien-und-Film-Studenten bietet dieser Mumpitz nämlich einige Interpretationsansätze. Wer was mit Filmen oder Erzähltheorie oder Kulturwissenschaften studiert, aufgemerkt: Hier kommen ein paar Ideen für Hausarbeiten. So kann man den Film zum Beispiel historisch analysieren und gucken, wie die Originaldokumente eingebunden wurden, vielleicht auch eine Parallele zu unserer heutigen Zeit ziehen und schauen, wo uns religiöser Fanatismus und wahnhafte Verblendung heutzutage begegnen. Man kann aber auch wunderbar eine psychoanalytische Interpretation nach Freudschem Vorbild an dem Film versuchen. Wir haben da ein junges Mädchen und ihren jüngeren Bruder, die allmählich ihre Sexualität entdecken, und huch!, der Bruder wird sich gewahr, dass seine Schwester Brüste bekommt. Die Mutter wird rasend eifersüchtig auf die Tochter, der Vater hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihr. Herrlich, ein Fest für Freudianer, da haben wir Inzest (oder fast), Kastrationskomplexe (der Vater hackt dauernd Holz wie ein Verrückter, weil er nämlich sonst nichts kann, also sprichwörtlich impotent ist), Penisneid, Ödipus-Komplex und auch noch gleich zwei gar prächtige Phallussymbole in Form der [spoiler]Hörner des satanischen Ziegenbocks[/spoiler]. Und man kann außerdem die Wirklichkeitskonstruktion im Film auseinander nehmen: Was ist in der erzählten Welt real passiert, was waren nur Träume, Visionen, Einbildungen, die dem schleichenden Wahn aufgrund von Mangelernährung, Isolation, Einsamkeit, Trauer, Langeweile und religiösem Übereifer geschuldet sind?

Fazit: Sofern man nicht studiert und ein Seminarthema sucht oder sich gern 90 Minuten lang im Kino quält, weil er meint, je öder ein Film, desto anspruchsvoller ist er und desto schlauer, toller und besser ist man selbst, weil man den Käse erträgt, kann man sich den Film sparen.

2. „Ben Hur“

„Ben Hur“ von Timur Bekmambetov ist tatsächlich ziemlich schlecht. Nicht ganz so schlimm wie „Jupiter Ascending“ – es gibt immerhin ein paar spannende Szenen und das Wagenrennen ist zugegebenermaßen sehr gelungen -, aber dennoch nicht gut gemacht. Aber ich fange mal ganz von vorne an:

Es waren einmal zwei dauerpubertierende Knalltüten, die sich ständig gegenseitig beweisen mussten, wer den Größten hat. Der eine hatte Minderwertigkeitskomplexe und lief deswegen immer mit ausgekugelter Unterlippe und dauerbeleidigtem Schmollmund herum. Der andere war ein ganz normaler Trottel, der das Glück hatte, in eine wohlhabende Familie hineingeboren worden zu sein, und später das Pech hatte, dass sein Bruder ein rachsüchtiger, eitler Gockel ist, der den Machthabern partout in den Allerwertesten kriechen wollte. [spoiler]Er landet als Sklave in einer Galeere, sie geht unter, er nicht. Dann taucht Morgan Freeman auf, guckt weise und brummt einen Kalenderspruch nach dem nächsten vor sich hin (er ist auch der Erzähler der ganzen Chose, schildert das Geschehen jedoch etwas pathetischer und salbungsvoller als meine Wenigkeit, die ich für dümmliche Schwanzvergleiche unter zwei Idioten nichts übrig habe). Und dann gibt’s ein (wie gesagt, fesselnd inszeniertes) Wagenrennen, dezent symbolträchtig fährt der Heini, der zu den Guten gehört, mit vier weißen Pferden und der Abtrünnige mit dem Backpfeifengesicht mit vier schwarzen Pferden im Kreis.

Überraschung: Der Gute gewinnt, wenn auch knapp. Dann könnte der Film eigentlich zuende sein, aber man muss ja irgendwie noch rechtfertigen, dass zwischendurch Jesus auftaucht und spricht, wie der Kater von Shrek (aber nicht so süße Stiefelchen anhat). Warum er wie der Klischee-Latino vom Dienst daherkommt, wird nicht erklärt, aber auf jeden Fall sagt Jesus viele schlaue Sachen (denen ich auch zustimmen würde) und ist ein sehr netter Kerl. Gekreuzigt wird er trotzdem und dann fängt es ganz dramatisch an zu regnen und dieser Wunderregen heilt schwuppdiwupp die leprakranken Mutter und Schwester von Ben Hur. Mit dem Bruder ist zum Schluss auch wieder alles paletti, auch, wenn er nicht nur das Rennen, sondern auch ein Bein verloren hat und seine Soldatenehre in die Tonne kloppen kann. Der Film endet schließlich damit, dass sich alle wieder vertragen und fröhlich durch die Gegend reiten und die beiden Knalltüten wieder um die Wette pesen.[/spoiler]

Zum Glück ist der Film aber nicht so lang. Allerdings hätte man sich schon etwas mehr Mühe geben und Zeit lassen können, um die Charakterzeichnung etwas komplexer zu gestalten. Die Figurenmotivation wirkte aufgesetzt und nicht nachvollziehbar. Die Leute haben getan, was sie getan haben, weil es im Drehbuch stand, nicht, weil es einer inneren Logik der Figurencharakterisierung und Logik der erzählten Welt folgte. Bis zum Wagenrennen rast der Film durch die einzelnen Ereignisstationen, frühstückt sie möglichst schnell ab, danach versinkt der ganze Murks in Schmalz und religiösem Quatsch. Das war dann nur noch unfreiwillig komisch, soweit, dass ich meine ganze Selbstbeherrschung auffahren musste, um nicht „Always look on the bright side of life“ *phüphü-phüphü-phüphüphüphü* zu singen / zu pfeifen.

Ach so, und noch was: Den Film mit Charlton Heston habe ich nie gesehen – ich habe diese Version also ohne Vergleichsmöglichkeiten angeschaut.

Fazit: Der Film wirkt lieblos heruntergenudelt, die Figuren sind flach, die Inszenierung gehetzt und unausgegoren, die Schauspieler wirken wie Falschgeld und orgeln mäßig motiviert ihren Text herunter. Ein guter Film sieht anders aus. Kann man sich aus Jux aber trotzdem mal anschauen, wenn er zum Beispiel auf Netflix läuft.

1. „Die Bestimmung – Allegiant“

„Die Bestimmung – Allegiant“ von Robert Schwentke ist der dritte Teil der Verfilmungen der Romantrilogie von Veronica Roth. Aus unerfindlichen Gründen wurde auch der dritte Band der Romanreihe für die Filmadaption in zwei Teile zerhackstückt. Damit das überhaupt einigermaßen zu rechtfertigen ist, hat man sich kurzerhand fast vollständig von der literarischen Vorlage gelöst und einen eigenen Quark zusammengerührt. Geblieben sind die Namen der Figuren und die Ausgangssituation mit den fünf Fraktionen, dem Chaos nach deren Zusammenbruch sowie das Setting in der Stadt Chicago. Das, was sich hinter der Mauer befindet, entspricht ebenfalls zumindest grob vom Prinzip her dem, was im Buch beschrieben wird.

Das, was aus der spannenden, interessanten Ausgangssituation gemacht wird, ist leider völliger Mist. Die Dialoge bestehen – wie auch schon in der misslungenen Verfilmung von „Die Auserwählten in der Brandwüste“ – im Wesentlichen aus „Lauft!“ „Kommt schnell!“ und „Wir müssen hier weg!“ (Ach, nee!?). Immerhin, und das ist eine Verbesserung im Vergleich zum zweiten Teil der Filmreihe, turteln Four und Tris diesesmal mangels Zeit und Gelegenheit weniger miteinander herum, sodass man dieses unsympathische Liebespaar nicht zu oft ertragen muss. Nur schade, dass auch die sympathischen Nebenfiguren zu kurz kommen, insbesondere Peter, der nicht nur mit dem großartigen Miles Teller besetzt, sondern als Figur bereits im Buch schon am spannendsten war, wird hier holzschnittartig zu einem simplen Verräter zusammengestampft.

Und es tut mir leid, aber es ist einfach albern, Teenagerrollen mit erwachsenen Männern zu besetzen, denen man ansieht, dass sie fast 30 sind. Theo James ist halt einfach kein herausragender Schauspieler und wäre als Lichtdouble von Moritz Bleibtreu besser aufgehoben. Gegen Shailene Woodley habe ich im Grunde nichts, aber auch sie bleibt flach und langweilig.

Die dürftige Handlung wurde künstlich aufgeplüscht, indem willkürlich ständig irgendwelche Schießereien, Kämpfe und Prügeleien auf Teufel komm‘ raus ausbrechen. Zum Glück haben sie alle so tolle Waffen und ausreichend Munition, ansonsten wäre das Revolutionspielen ruckzuck vorbei. Da hat man sich wohl ganz an das heilige Motto gehalten, dass einen Bösewicht mit Waffe nur ein guter Held mit Waffe aufhalten könne. Schön, dass das immerhin auf der Leinwand zuverlässig funktioniert, aber ich habe noch ein Motto für meine werte Leserschaft: „Don’t try this at home, kids“ – In der Realität ist es immer noch so, dass Gewalt grundsätzlich Gegengewalt erzeugt und nur eine friedliche Lösung eine echte, nachhaltige Lösung ist. Im Buch wurde das zwar auch nicht so ganz beherzigt, aber ein wenig vielschichtiger war das Ganze dann doch.

Wirklich spannend wird es dementsprechend auch nicht. Ein bisschen Nervenkitzel kam erst auf, als eine Maus im Kinosaal frech von rechts nach links durchs Parkett huschte und ein paar Minuten später von links nach rechts zurücksauste. Verständlich, so wie viele Kinobesucher mit Popcorn herumsauen und nach dem Kinobesuch halbvolle Nacho-Schalen mit Käsesoße auf den Sitzen und dem Fußboden liegen lassen. Da würde ich mich als Maus auch wie im Schlaraffenland fühlen. Die sind ja eigentlich auch ganz niedlich, die Tierchen. Aber eingedenk der Tatsache, dass sie Krankheiten übertragen können, möchte man sie vielleicht nicht so gerne wenige Meter entfernt durch den Kinosaal flitzen sehen.

Fazit: Dieser Film ist Murks, kann man sich sparen. Lest lieber die Bücher.

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85. Stück: Die besten Filme in 2016

Das Jahr 2016 war ein sehr filmreiches Jahr – ich habe meine Kino-Abo-Karte großzügig genutzt. Hier kommt nun ein ganz objektives, überhaupt nicht willkürliches Ranking, welche Filme mir am besten gefallen haben. (Anmerkung: Ich gehe nicht vom Produktionsjahr aus, sondern von dem Jahr, in dem ich den Film im Kino gesehen habe).

Top 10 – Diese Filme haben mich 2016 am meisten beeindruckt oder begeistert:

10. „Elvis & Nixon“

„Elvis & Nixon“ von Liza Johnson ist ein wunderbarer kleiner Film, der sowohl die Entertainer-Legende Elvis Presley als auch den Unsympathen vom Dienst Richard Nixon von einer überraschenden Seite zeigt. Michael Shannon und Kevin Spacey spielen ihre Figuren mit einer Freude, die ansteckend ist, und schaffen es, den skurrilen Charakteren etwas Liebenswertes und Menschliches zu verleihen. Außerdem harmonieren die beiden prächtig miteinander und man wird in diesem Film Zeuge wirklich hervorragender Schauspielkunst.

Elvis Presley wirkt einerseits weltfremd und abgehoben, andererseits aber auch rührend kindlich in seinem unbedingten Willen, seinem Land zu helfen. Er erinnert ein wenig an Til Schweiger, der der deutschen Bundeswehr tonnenweise Nutella ins Krisengebiet liefern lässt. Und Richard Nixon wird bei seiner Begegnung mit dem Künstler, den er vorher genervt so schnell wie möglich abwimmeln wollte, plötzlich zu einem umgänglichen, neugierigen und vergnügten Menschen. Wer hätte gedacht, dass diese beiden Persönlichkeiten Gemeinsamkeiten haben könnten?

Fazit: Lohnt sich! Also nicht nur die großen Blockbuster wie „Star Wars: Rogue One“ schauen, sondern ruhig auch mal den leisen, zurückhaltenden Filmjuwelen eine Chance geben.

9. „Hail, Caesar!“

„Hail, Caesar!“ von den Coen-Brüdern macht unheimlich Spaß. Nur schade, dass er so kurz ist, er hätte auch noch ein paar Minuten länger unterhalten. Aber besser so als andersherum. Das Schöne an dem Film ist, dass alle Figuren sympathisch und im Kern eigentlich nett sind. Niemand will hier irgendwem schaden, niemand ist boshaft oder absichtlich gemein. Natürlich haben alle auch ihre Schwächen und Fehler, bauen Mist oder verrennen sich in Ideen, die mit der Realität nicht vereinbar sind. Aber dabei sind die Figuren tapsig und naiv, glauben Gutes zu tun oder bemühen sich wenigstens – das ist zur Abwechslung einfach mal toll.

Fazit: Lohnt sich!

8. „The Revenant“

Nachdem ich „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu reichlich langatmig und affektiert fand, war ich skeptisch, ob ich mir „The Revenant“ vom selben Regisseur anschauen sollte. Zum Glück bin ich seit ein paar Wochen stolze Besitzerin eines Kino-Flatrate-Abos. Zum Glück deshalb, weil ich mir den Film sonst aus Geiz und Vorbehalt nicht angesehen und wirklich etwas verpasst hätte. Eines schon mal vorweg: Die Golden Globes sind vollkommen berechtigt und ich denke, der eine oder andere Oscar müsste auch drin sein. Und zwar endlich einmal für Leonardo DiCaprio. Das kann ja wohl nicht angehen, dass er wieder nur eine Nominierung bekommt.

DiCaprio sowie Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter und alle anderen Schauspieler sind einfach großartig! Das ist fantastisches Handwerk und Talent, das vom Regisseur absolut gekonnt in Szene gesetzt wurde. Die eigentliche Hauptrolle aber spielt die Natur in „The Revenant“. Normalerweise bedeutet es, dass mich die Handlung ins Halbkoma langweilt, wenn mir die tolle Landschaft auffällt. Dann denke ich hinterher: „Na ja … war schön gefilmt *gähn*“ Die Handlung ist hier zwar auch nicht sonderlich komplex, halt eine Rachegeschichte, aber sie ist so eng mit der Natur verflochten, dass sich daraus eine ganz eigentümliche Spannung entwickelt. Trotz der 157 Minuten lief ich keine Sekunde Gefahr einzuschlafen.

Fazit: Der Film ist richtig gut! Unbedingt anschauen!

7. „Die Melodie des Meeres“

„Die Melodie des Meeres“ von Tomm Moore ist ein wunderschöner Zeichentrickfilm. In nostalgisch anmutenden, zweidimensionalen Aquarellbildern und mit liebevoll gestalteten Figuren wird eine Märchengeschichte aus dem Reich der keltischen Mythologie erzählt. Untermalt werden die zauberhaften Bilder von einer geheimnisvollen, keltisch-traditionell klingenden Musik. Das Grundthema sind Verlust und der Umgang mit Trauer und anderen negativen Gefühlen.

Für Kinder könnte das eventuell zu ernst sein und das stille, ruhige, verträumte Erzähltempo zu langsam. Ich hatte zumindest den Eindruck, dass die Kleinen im Publikum ein wenig Schwierigkeiten hatten, sich zu konzentrieren. Leider gibt es nicht viele Erwachsene, die sich ihren Sinn fürs Geheimnisvolle und Magische bewahrt haben, und das nicht als albernen Kinderkram abtun. So wenige Vorstellungen, wie es von diesem kleinen Filmjuwel gab, lassen nicht darauf hoffen, dass es ein größeres Publikum erreicht.

6. „Raum“

„Raum“ von Lenny Abrahamson ist ein stiller Film, der einem an die Nieren geht. Das Erzähltempo ist zwar recht gemächlich und es passiert – zumindest bei der äußerlich sichtbaren Handlung – nicht viel. Dennoch fand ich den Film spannend und ergreifend. Wie die Mutter und ihr kleiner Sohn sich zunächst im Raum ihre eigene Welt aufgebaut haben, um zu überleben, und hinterher erst allmählich wieder Schritt für Schritt mühsam zurück in die wirkliche Welt finden, ist erschütternd und von Brie Larson sowie Jacob Tremblay eindrucksvoll und überzeugend gespielt.

Fazit: Ein ungewöhnlicher Film, der mit leisen Tönen zu berühren weiß. Lohnt sich!

5. „The Big Short“

„The Big Short“ von Adam McKay liefert einen unterhaltsamen und erschütternden Einblick in die Hintergründe der Finanzkrise von 2008. Ich habe mich nie wirklich für Weltwirtschaft interessiert, für Aktienkurse und diesen ganzen Kram. Aber ich kann es nicht leiden, wenn ich etwas nicht verstehe, und während der Krise flogen mir immer mehr völlig unverständliche Begriffe um die Ohren, die mich dann doch neugierig gemacht haben. „Subprimes“, „Hedgefonds“, „CPO“, „Hypothekenanleihen“, … da wird einem schwindelig. Der Film holt so ahnungslose Trottel wie mich, die ernsthaft noch daran glauben, man könnte mit ehrlicher Arbeit einigermaßen reich werden, dort ab, wo sie stehen. Bei den wichtigsten Begriffen hält der Film kurz inne, erläutert die Bedeutung, veranschaulicht das Prinzip mit einem Beispiel, und dann geht es mit der Geschichte weiter.

Für Leute, die sich damit schon gut auskennen, und denen bei diesem ganzen Bankersprech nicht der Kopf schwirrt, ist das womöglich eine störende Unterbrechung des Erzählflusses. Doch mir hat das gefallen, weil ich den Eindruck habe, tatsächlich einiges gelernt und begriffen zu haben. Außerdem ist der Grundtonfall des Films durchaus humorvoll, die Protagonisten irgendwie sympathisch – auch, wenn sie streng genommen ganz schön skrupellose Arschlöcher sind, die sich an der Dummheit und den Träumen armer Menschen bereichern.

Obwohl ich jetzt das Prinzip verstanden habe – es ist eigentlich relativ simpel – bin ich trotzdem fassungslos. Wie! Kann! Man! Nur! Gerade, weil das Prinzip so einfach ist, hätte man es doch als Branchenkenner sofort durchschauen müssen. Das heißt, die Beteiligten haben alle fröhlich mitgezockt und auf die Konsequenzen gepfiffen. Und warum auch nicht? Die Wirtschaft hat sich wieder erholt, das tut sie immer irgendwie, und wer das Geld hat, hat das Sagen. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Haben die denn überhaupt gar kein Verantwortungsgefühl? Überhaupt kein Mitgefühl?

Fazit: Ein wichtiger Film, der an die Nieren geht, aber trotzdem unterhält und informiert. Lohnt sich! Und ich schau mir jetzt ein Katzenvideo an, um meinen Glauben an das Gute in der Welt wieder etwas aufzubauen.

4. „Arrival“

„Arrival“ von Denis Villeneuve ist ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Film mit zutiefst pazifistischer Botschaft. Da soll noch mal einer sagen, Geisteswissenschaften wären zu nichts nutze. Ha! Bäm! Ätschibätsch! Sind sie nämlich doch! Zumindest, wenn man sich wie Dr. Louise Banks (Amy Adams) in dem Film mit Linguistik beschäftigt und mit Kommunikation auskennt, kann man die Menschheit offenbar vor einem intergalaktischen Mordskonflikt bewahren. Gut, sie bekommt dabei Hilfe vom Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner). Und das Militär stellt ihr immerhin die benötigten Mittel zur Verfügung, die wohl insgesamt von Steuergeldern finanziert sein dürften, also hat genaugenommen jeder irgendwie mehr oder weniger dazu beigetragen, dass die Wissenschaftler ihre Arbeit machen können.

Aber nichtsdestoweniger zeigte „Arrival“ ganz deutlich, dass man mit Köpfchen, Miteinanderreden und Völkerverständigung viel mehr bewirken kann, als mit Säbelgerassel, Muskelspielen, sogenanntem Stärkezeigen, Krachbummpardauz-Waffengedöns und dem ganzen restlichen Idiotenkram, den Populisten und ihre Anhänger für so zielführend und zweckdienlich erachten.

Dabei ist die Geschichte ausgeklügelt, raffiniert erzählt, hält ein paar spannende Wendungen parat, konzentriert sich dabei jedoch vor allem auf seine Hauptfigur Louise und ihre Annäherung an die fremde Spezies. Auf diese Weise kann man dem Film optimal folgen und er ist trotz langsamem, ruhigem Erzähltempo keinen Augenblick langweilig.

Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass Zuschauer, die mit anderen Erwartungen in den Film hineingehen – zum Beispiel einen Actionthriller mit Alienmonstern sehen wollen – dem gemächlichen Tempo womöglich mit Ungeduld begegnen. Mich hat’s nicht gestört und ich fand’s super.

Fazit: Lohnt sich auf jeden Fall! Ein kluger Science-Fiction-Film, der zum Nachdenken anregt.

3. „Sausage Party“

„Sausage Party – Es geht um die Wurst“ von Conrad Vernon und Greg Tiernan ist absolut genialer Schwachsinn. Bei diesem krawallklamaukigen Rundumschlag wird so ziemlich jede Regel politischer Korrektheit gebrochen, jedes nur erdenkliche Tabu gebrochen und vermutlich jedem auf den religiösen oder ideologischen Schlips getreten, der sich einen solchen umgebunden hat. Weil das aber so fair verteilt ist und ausnahmslos jeder sein Fett weg bekommt, ist es auf seine Weise auch schon wieder politisch korrekt – ein moralisches Paradox, und das finde ich gut.

Wenn man mal die ganzen Klischees, Vorurteile, im Grunde kleinlichen Streitereien zwischen den Kulturen, so herrlich respektlos um die Ohren gehauen bekommt, merkt man erst recht, wie albern und lächerlich diese eigentlich sind. Ich bin der Meinung, der Film sollte Pflicht werden für den Religionsunterricht an Schulen. So Kinder, das mit den Göttern ist alles Quatsch, das haben sich nur irgendwelche Leute mal ausgedacht, um Sachen zu erklären, die sie nicht erklären konnten, damit sich alle besser fühlen, aber dann haben die Leute das ernsthaft geglaubt, und dann ist die ganze Chose ein minibisschen aus dem Ruder gelaufen. Und schwupps haben wir Weltfrieden. Na ja … man wird doch wohl noch träumen dürfen.

2. „Tony Erdmann“

„Toni Erdmann“ von Maren Ade ist ein ungewöhnlicher und außergewöhnlicher Film. Über 160 Minuten lang kommt er ohne Musik aus, nur die Hintergrundgeräusche sind zu hören. Es gibt keinen Vorspann, der Zuschauer wird in die Handlung mittenhinein geworfen. Eine steile Spannungskurve ist nicht zu erkennen, vielmehr ist es, als würde die Kamera einen zufälligen Lebensabschnitt von Winfried Conradi (Peter Simonischek) und seiner Tochter Ines (Sandra Hüller) einfangen und beobachten. Obwohl es zwischendurch immer wieder Leerstellen und Pausen gibt, in denen scheinbar nichts passiert und die Motivation der Figuren im Dunkeln bleibt, wird der Film nie langweilig. Man bleibt irgendwie am Ball, möchte wissen, wie es weitergeht, hofft für und bangt um Winfried und Ines, dass es ihnen gut geht und sie sich einander annähern.

Die Geschichte ist einfühlsam erzählt, aber es wird nie sentimental. Dafür sorgt der schräge Humor, der die ernsten Themen immer wieder auflockert. Manchmal aber bleibt einem das Lachen im Hals stecken, zum Beispiel, wenn Winfried den rumänischen Arbeitern rät, den Humor nicht zu verlieren, obwohl diese vermutlich bald kein Zuhause mehr haben. Überhaupt ist der Film gespickt von Sozialkritik in alle möglichen Richtungen. Der Kontrast zwischen der armen Bevölkerung in Rumänien und den erfolgsverwöhnten Managern, für die ihre Mitarbeiter bloße Zahlen und Menschenmaterial sind, die aber dennoch feige sind und nicht die Bösen sein wollen, wird deutlich gemacht. Die Schwierigkeiten von Frauen in Führungspositionen, von männlichen Platzhirschen ernst genommen und akzeptiert zu werden, kommt ebenfalls zum Ausdruck. Und schließlich erzählt „Toni Erdmann“ auch von Generationskonflikten, komplizierten Familienbanden … und Liebe.

Fazit: Ein rundum gelungener, besonderer Film, absolut sehenswert!

1. „10 Cloverfield Lane“

„10 Cloverfield Lane“ von Dan Trachtenberg ist ein großartiges Kammerspiel und spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde. Es ist allerdings möglicherweise für die Zuschauererwartung etwas ungeschickt, den Titel so nah an den Found-Footage-Film „Cloverfield“ anzulehnen. Viele erwarten daraufhin eine Fortsetzung, ein Spin-off oder ein Prequel – tatsächlich aber haben beide Filme kaum etwas miteinander zu tun. Ich fand’s gut, weil ich nicht so ein ‚creature feature‘-Katastrophenfilm-Fan bin, aber psychologisch feinsinnige Charakterzeichnung, tolle Schauspieler und intelligentes Storytelling liebe.

„Cloverfield“ war von der Machart interessant und das Storytelling war auch da zumindest innovativ. In „10 Cloverfield Lane“ aber wachsen einem die Figuren mehr ans Herz und man fiebert mit ihnen mit; ein wichtiger Aspekt, wenn man nachhaltig Spannung erzeugen und das Publikum in irgendeiner Weise berühren will. Das ist in diesem Film meiner Meinung nach geglückt.

Das liegt nicht nur an dem tollen Drehbuch, dem virtuosen Schnitt und der bedrückenden mise en scène, sondern auch und vor allem an den drei Hauptdarstellern, die sich gegenseitig die Bälle zuspielen. John Goodman als zwielichtiger Verschwörungstheoretiker lässt einem abwechselnd das Blut in den Adern gefrieren und den Wunsch verspüren, ihn in den Arm zu nehmen. Mary Elizabeth Winstead gelingt das Kunststück, ihre Michelle sympathisch wirken zu lassen, obwohl sie es faustdick hinter den Ohren hat und durchaus kratzbürstig und durchtrieben sein kann. John Gallagher Jr. als Emmett wirkt wie jemand, dem man vertrauen kann, aber stimmt wirklich alles, was er sagt?

Anders als zum Beispiel in Quentin Tarantinos Kammerspiel „The Hateful Eight“ wird das Zusammenspiel zwischen den drei eingesperrten, grundverschiedenen Personen nicht langweilig. Vielleicht, weil es nicht so viele Menschen sind, zwischen denen die Handlung zu sehr in Stücke gerissen wird. Die Atmosphäre, die Handlung bleiben hochkonzentriert, konsequent und spannend. Trotzdem gibt es zwischendurch skurrile, absurde Momente, die die nervenaufreibende Spannung zwischendurch ein wenig lösen, sodass sich neue Spannung aufbauen kann. Die ganze Situation im Bunker wirkt kafkaesk. Ohne mehr verraten zu wollen: Das Ende ist auf jeden Fall eine Überraschung und steht im starken Kontrast zum restlichen Film.

Fazit: Ganz unvoreingenommen reingegangen und begeistert herausgekommen. Unbedingt empfehlenswert!

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Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Kritik

80. Stück: „Lenz“ von Cornelia Rainer auf dem Theaterfestival von Avignon 2016

Dieses Jahr habe ich es endlich mal wieder zum Theaterfestival nach Avignon geschafft und mir „Lenz“ von Cornelia Rainer angeschaut. Das letzte Mal in Avignon ist bereits acht Jahre her, 2008 war ich wie auch schon 2007 und 2005 mit dem deutsch-französischen Forum (später Plattform) für junge Kunst auf dem Theaterfestival und hatte mir in einem einwöchigen Vorstellungsmarathon teilweise drei Vorstellungen am Tag angeschaut. Dieses Jahr läuft alles etwas minimalistischer ab, es war etwas nervig, die Theaterkarten von Deutschland aus zu kaufen, aber wie sich nun herausgestellt hat, hat sich der Aufwand definitiv gelohnt, für alle anderen Vorstellungen des „In“-Festivals sind die Tickets inzwischen ausverkauft. Dafür haben wir uns aus dem „Off“-Festival noch zwei Vorstellungen herausgepickt, ein Clownsstück (das niedlich und amüsant war, aber zwischendurch auch ein paar Längen hatte) und heute Abend schauen wir ein Soulkonzert mit Coverliedern von Otis Redding sowie Stepptanz ❤ Ich glaube, das wird super.

Nun aber erst einmal zu "Lenz": Erzählt wird die Geschichte von Jakob Michael Reinhold Lenz, Dichter des Sturm und Drang, einst Weggefährte von Goethe, bevor die beiden sich – aus heutzutage nicht eindeutig bekannten Gründen – entzweiten. Goethe hatte Glück, gute Kontakte, wurde alt und hatte deswegen nachhaltig Erfolg und ist auch heute noch jedem bekannt. Lenz geriet in Vergessenheit und starb mit 41 Jahren unter ungeklärten Umständen in Moskau – er wurde einfach tot auf der Straße gefunden. Wirklich vermisst hatte ihn zu diesem Zeitpunkt wohl niemand mehr … Lenz hatte psychische Probleme, welche genau, ist schwer zu sagen. Womöglich schizophrene Schübe, abwechselnd manische und depressive Phasen, allgemein war er wohl einfach zu feinfühlig, eigenartig und verschroben für seine Welt. Diesen Zustand hatte Büchner versucht, mit seinem Text, dem Romanfragment "Lenz", zu veranschaulichen, und ich finde, das ist ihm gut gelungen. Cornelia Rainer hat ebenfalls versucht, Lenz' Gefühlswelt greifbar zu machen, hat sich dabei im Wesentlichen auf Büchners Text gestützt, aber auch Gedichte und Textausschnitte von Lenz selbst sowie Notizen des Pfarrers Oberlin, in dessen Haus in den Bergen der Dichter für ein paar Wochen Zuflucht gefunden hatte. Diese Wochen sind es, auf die Büchner sich konzentriert und die auch in der Inszenierung erzählt werden.

Im Innenhof des Lycée Saint Joseph ist unter freiem Himmel die Bühne aufgebaut. Darauf zu sehen ist eine Holzachterbahn, die für die Berglandschaft steht, aber auch metaphorisch Lenz' emotionale Verfassung widerspiegelt. Begleitet werden die Schauspieler von einem Perkussionisten, der mal die Holzachterbahn, mal Requisiten und Kulisse, mal ein Schlagzeug als Instrument benutzt. Die Klänge, die dabei herauskommen, sind mal mehr, mal weniger harmonisch und unterstreichen den Eindruck, den man von der inneren Zerrissenheit und dem Gefühlswirrwarr des Dichters durch das intensive Spiel von Markus Meyer erlangt.

Das klingt jetzt alles ziemlich schwermütig, zäh und freudlos. Aber das war es nicht, denn die Schauspieler ergänzen sich wunderbar, sind mit Freude bei der Sache und spielen mit einer Leichtigkeit und Natürlichkeit, die das schwere, traurige Thema ausgleichen und lebendig wirken lassen. In knapp 100 Minuten wird Lenz' Schicksal auf diese Weise verdichtet und in konzentrierter Atmosphäre unterhaltsam und berührend erzählt. Kurz: Das war toll!

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79. Stück: „Der Circle“ von Dave Eggers – Versuch einer differenzierten Betrachtung

Normalerweise bin ich bei Hypes immer etwas skeptisch und tendiere dazu, das Gehypte absichtlich zu ignorieren. So ging es mir auch bei Dave Eggers‘ „Der Circle“, aber schließlich war ich doch neugierig – vor allem, weil ich selbst in der Internetwelt arbeite und mich das Thema des Buchs allein deshalb schon reizte: Die 24-jährige Mae Holland fängt bei der großen Internetfirma ‚Circle‘ im Kundendienst an (dort ganz berufsjugendlich-hip als ‚Customer Experience‘ bezeichnet) und macht eine steile Karriere. Die Firma weist einige Parallelen zu dem auf, was man so von Google hört, und das ist wahrscheinlich Absicht. An den Job gekommen ist Mae dank ihrer Freundin Annie, die dort zur Führungsriege gehört. An der Spitze des Circles stehen die ‚drei Weisen‘ Ty Gospodinov (Ähnlichkeiten mit Mark Zuckerberg sind bestimmt rein zufällig), Eamon Bailey und Tom Stenton. Außerdem spielen noch Maes Eltern eine Rolle, ihr Vater ist an Multipler Sklerose erkrankt und muss mit der Krankenversicherung kämpfen, um ordentlich versorgt zu werden. Wichtig ist überdies Maes Ex-Freund Mercer, der mit ihrer schönen neuen Internetwelt, wo Transparenz, ständige Erreichbarkeit und die totale Daueroffenbarung alles sind, überhaupt nichts anfangen kann.

Kritiker haben „Der Circle“ mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Wenn man mal bei Google (!) nach „Der Circle Kritik“ sucht, stellt sich an erster Stelle gleich die Frage „Ist ‚Der Circle‘ ein gutes Buch?“ und ich finde, das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einige schimpfen, das Werk sei ein „schlechter Roman“ oder ein „langweiliges dickes Buch“, andere vergleichen es mit George Orwells „1984“ oder mit Aldous Huxleys „Brave New World“. Meine Meinung liegt wohl irgendwo dazwischen, aber ich werde mal versuchen, sie aufzudröseln. Ab hier können sich womöglich ein paar Spoiler einschleichen, also, wer das Buch noch ganz unvoreingenommen rezipieren möchte, sollte nun nicht weiterlesen. Alle anderen sind dazu eingeladen, ihre Ansichten zu „Der Circle“ in den Kommentaren mitzuteilen.

„Der Circle“: Spannender Inhalt, schlechter Stil?

Die meisten Nörgler kritisieren insbesondere den Stil des Romans. In der Erzähltheorie werden immer mindestens zwei Ebenen eines fiktionalen Werks unterschieden, das „Was“ (histoire, story, …) und das „Wie“ (discours, …). Gelegentlich monieren Profimeckerer auch das „Was“ von „Der Circle“ und schimpfen, das sei ja alles gar nicht neu, was da beschrieben wird, heute bereits möglich und teilweise auch schon Realität. Nun, da kann ich nicht wirklich etwas dagegen sagen, ich befasse mich beruflich weniger mit den technischen Möglichkeiten des Internets und mehr mit Inhalten. Also, vielleicht ist das heute schon möglich und nicht unwahrscheinlich, dass man sämtliche Internetdienste unter eine Identität fasst, diese Identität überprüft wird, sodass man im Netz nicht mehr anonym ist. Teilweise ist das bei Facebook ja schon so, dass sie bei Profilen prüfen, ob es den Namen wirklich gibt und man wirklich derjenige ist, als der man sich ausgibt. Auch die Idee mit SeeChange ist im Grunde einfach Google Street View und ähnliches weitergesponnen. Na ja, und die ständige Erreichbarkeit und private Belanglosigkeiten, die in der Netzöffentlichkeit breitgetreten werden, sind ebenfalls Realität. Allerdings finde ich das ehrlich gesagt deswegen nicht weniger interessant, sondern umso erschreckender, dass die Welt, die in „Der Circle“ dargestellt wird, so nah dran an unserer Wirklichkeit ist. Dass technische Möglichkeiten, die es heute schon gibt, lediglich weitergesponnen werden, macht doch alles noch aktueller und gruseliger.

Aber was ist mit dem Stil? Kritikpunkte sind die platte, kunstlose Sprache, die teilweise merkwürdig und holprig anmutenden Formulierungen, hölzerne Dialoge, Holzhammer-Metaphern, die auch noch ausführlich für die ganz Doofen erklärt werden. Außerdem wird die Figurenkonzeption kritisiert, da kein wirklicher Sympathieträger sich herauskristallisiert. Es fällt schwer, sich mit den Figuren zu identifizieren, sich in sie hineinzufühlen und ihre Motive nachzuvollziehen. Vor allem Hauptfigur Mae gibt Rätsel auf und hinterlässt einen zum Schluss mit dem Gefühl, gerade über 500 Seiten lang einem absoluten Miststück gefolgt zu sein. Das stimmt schon, der Stil ist oberflächlich, unempathisch, plump und … nun … hässlich. Einige Stellen sind so langatmig, dass ich sie kurzerhand überflogen habe, und teilweise saß ich kopfschüttelnd da und dachte, Alter! Kann sich der Autor bitte mal ein bisschen mehr Mühe geben!? Aber ist „Der Circle“ deswegen scheiße?

„Der Circle“ regt zum Nachdenken an

Das Figurenpersonal, das sich dem Leser von „Der Circle“ präsentiert, lebt bereits in einer Welt ständiger Erreichbarkeit, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit. Für echtes Mitgefühl bleibt keine Zeit mehr, wahre Empfindungen sind nicht mehr möglich, wenn es nur noch ums Präsentieren und Performen geht. Reste davon lassen sich bei Maes Eltern und ihrem Ex-Freund Mercer erkennen, auch Ty lässt zum Schluss ein wenig Reue über den Verlust des echten Lebens zugunsten des im Internet inszenierten aufblitzen. Doch diese Menschen gehen in dieser schönen neuen Welt unter. Und das zeigt der Roman zwar etwas plakativ, aber durchaus klar, deutlich und eindrucksvoll. Der Stil passt im Prinzip perfekt zur Mentalität der Personen, die in dieser Welt das Sagen haben, und da Hauptfigur Mae ebenfalls dazugehört, ist es nur konsequent, dass die Art und Weise, mit der Sprache umzugehen, ihrem Denken entspricht. Es ist zuweilen schwer auszuhalten, weil die passive Aggressivität der Gute-Laune-Terroristen im ‚Circle‘, dieser gnadenlose Narzissmus seiner Mitarbeiter, die totale Ich-Bezogenheit und Ignoranz gegenüber Andersdenkenden einem an die Nieren geht, teilweise aber so grotesk überspitzt wirkt, dass es fast schon komisch ist. Nur, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt, weil es wirklich solche Menschen gibt, die das ernst meinen.

In meiner Kritik zu Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ hatte ich die Frage gestellt, ob es sich dabei um eine Dystopie oder Utopie handelt. Auch bei „Der Circle“ ist das meiner Meinung nach nicht eindeutig. Ich denke, das liegt daran, dass beide Romane nicht aus Sicht der Verliererseite erzählt werden, sondern aus Sicht der Gewinnerseite oder zumindest derer, die von den Entwicklungen in der Geschichte profitieren. Das führt mich zu der Annahme, dass es immer eine Frage der Perspektive ist, ob bestimmte Entwicklungen in der Geschichte als positiv oder negativ wahrgenommen werden.

Dadurch kommt man ins Grübeln, man hinterfragt seine eigenen Gewohnheiten und überlegt, wie viel von dem, was man im Internet preisgibt eitle Selbstdarstellung ist (schrieb sie in ihrem Blog 😛 ) und wie viel von dem wirklich hundertprozentig ehrlich ist. Außerdem bin ich jetzt doch wieder am zweifeln, ob ich mein uraltes Steinzeit-Handy, das mir seit rund 13-14 Jahren gute Dienste leistet, wirklich durch ein Smartphone ersetzen sollte …

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72. Stück: Die grottigsten Schrottfilme 2015

Nachdem ich eben schon die 10 besten Filme und 5 tollsten Animationsfilme von 2015 aufgezählt habe, komme ich nun zu den schlimmsten Kinoerlebnissen von 2015. Einige dieser Filme sind objektiv betrachtet der hinterletzte Mist, andere fand ich doof, obwohl sie objektiv betrachtet nicht schlecht gemacht waren. Wie immer sind Diskussionen, Proteste und andere Meinungen willkommen und erwünscht.

Die schlechtesten Filme 2015: Top 10

10. „Mac Beth“

„MacBeth“ von Justin Kurzel ist ein sehr guter Film und eine überzeugende, werktreue Umsetzung des Shakespeare-Stücks. Aber wirklich gefallen hat mir der Film trotzdem nicht. Mit diesem Urteil habe ich bereits meinen Freund in völlige Verwirrung gestürzt, aber manchmal ist es ja wirklich so, dass man einen Film einfach nicht mag, obwohl man anerkennt, dass er objektiv gut gemacht ist. Ähnlich ging es mir bei „Birdman“, aber da war ich zusätzlich noch enttäuscht, weil ich den Film als witzig erwartet hatte und dann war er vor allem zäh.

Bei „MacBeth“ hatte ich ehrlich gesagt nichts erwartet, ich war einfach neugierig, weil ich das Stück zuletzt als Schulaufführung an meinem Gymnasium gesehen hatte und wissen wollte, wie sie es als Film umsetzen. Die Schauspieler sind hervorragend, die Kulisse wirkt authentisch, die Kampfszenen sind überzeugend und wirken realistisch. Die Zeit und die Atmosphäre sind gut eingefangen, die Figuren vielschichtig, eigentlich gibt’s also nichts zu meckern. Dennoch hat der Film mich nicht so gefesselt wie damals die Schulaufführung.

Meine Theorie ist nun, dass der Film vielleicht zu viel Wert auf Authentizität und Werktreue gelegt hat, und darüber vernachlässigt hat, für Spannung zu sorgen. Die entsteht nämlich vor allem dann, wenn man mit den Figuren mitfiebert, emotional an sie andockt, und um sie bangt. Nun sind die beiden Hauptfiguren, das Ehepaar MacBeth, aber so extrem unsympathisch und ihre Motive sind – vor allem aus heutiger Sicht – nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, dass man die ganze Zeit darauf wartet, dass es mit den beiden endlich ein Ende nimmt. Klar, das liegt auch an der Geschichte, da sind die MacBeths eben keine Sympathieträger. Aber trotzdem sollte man ihre Denke, ihre Motivation, nachvollziehbar machen. Vielleicht muss man dann Abstriche bei der Werktreue machen, aber das macht man im Theater bei klassischen Stücken ja auch. Wer Werktreue haben möchte, kann ja den Text lesen.

Wenn man aber einen Text in einem anderen Medium umsetzt, muss man ihn für dieses Medium anpassen. Beim Theater geht es heutzutage nicht mehr um Realismus, da werden die Geschichten oft abstrakt erzählt oder der Text aufs Wesentliche zusammengekürzt. Die Distanz, die durch Verssprache nun einmal zwischen den Figuren und dem Zuschauer entsteht, wird im Theater durch den Live-Charakter überbrückt. Im Film hat man diesen direkten Kontakt zwischen Schauspielern auf der Bühne und Publikum im Zuschauersaal nicht, da bilden die Leinwand und der zeitliche Abstand eine Distanz. Kommt dann noch die Verssprache obendrauf sowie die schwierig nachzuvollziehende Motivation der Figuren, wird die Distanz so groß, dass es kaum noch möglich ist, den Zuschauer emotional mitzunehmen und somit Spannung zu erzeugen.

9. „Man lernt nie aus“

„Man lernt nie aus“ von Nancy Meyers ist eine nette Wohlfühlkomödie, bei der man sich entspannt zurücklehnen und den Kopf abschalten kann. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Der Film ist insofern gelungen, dass er die Erwartungen, die er im Trailer geweckt hat, erfüllt: Alle sind nett zueinander, keiner hat wirklich schlimme Sorgen und niemand hat irgendwelche fiesen, gemeinen Seiten in seiner Persönlichkeit. Der ganze Film ist wie eingehüllt in eine fluffige Zuckerwatteflauschwolke, die ab und zu rosa Glitzerherzchen regnen lässt. Ich persönlich fand, die Geschichte hätte man genausogut in 80 Minuten erzählen können, anstatt in 122 Minuten, aber das ist vielleicht auch Geschmackssache, wie lange man diese konzentrierte Süßigkeit aushält.

Schade fand ich, dass die tollen Schauspieler so wenig zu tun hatten, weil sich alle Konfliktchen früher oder später in Wohlgefallen aufgelöst haben und keine der Figuren einen mehrdimensionalen Charakter hatte. Im Prinzip mussten sie einfach nur ihren Text aufsagen, Robert De Niro musste regelmäßig freundlich lächeln (was er sehr gut kann und was ihn wie einen knuddeligen Teddybär-Opi wirken lässt) und Anne Hathaway durfte hin und wieder den Hundeblick aufsetzen. Allerdings waren ihre Kleider richtig toll, also, wenn es ihr Label wirklich gäbe, würde ich da auf jeden Fall mal vorbeischauen. Doch sie kann mehr, als hübsch und niedlich aussehen, das hat sie spätestens in „Les Misérables“ bewiesen.

Für meinen Geschmack hätte man noch mehr aus dem Generationsthema machen können. Da hätte der Film ruhig einen bissigeren Humor vertragen. Außerdem gefällt es mir nicht, dass das Thema „Frauen in Führungspositionen“ so verniedlicht dargestellt wurde. Man hat sich ein bisschen pflichtbewusst über Sexismus aufgeregt und darüber, was für ein negatives Image sogenannte Karrierefrauen noch immer haben, aber das wirkte in dieser Regenbogenblümchenwelt wie ein albernes Luxusproblem, das niemand ernst nehmen muss.

Fazit: So, nun bin ich auch schon fertig mit meinem Genörgel. Um einen grauen Regentag ein bisschen erträglicher zu machen, taugt dieser muckelige Wohlfühlfilm allemal.

8. „Die Frau in Schwarz 2“

„Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ von Tom Harper schafft es leider nicht ganz, an seinen Vorgänger heranzukommen. Die gruselige Atmosphäre ist zwar weitestgehend gelungen und bei den Schockmomenten habe ich mich auch jedesmal erschrocken. Aber die Geschichte ist nicht ganz so rund geworden, die Figuren nicht ganz so facettenreich wie im ersten Teil.

Die Idee, die Handlung in den zweiten Weltkrieg zu verlegen und die Evakuierung von Kindern als Startpunkt für den Gruselplot zu nehmen, war eigentlich gut. Leider wurde aus der Idee nicht wirklich viel gemacht. Die Liebesgeschichte mit Harry hat zudem ein bisschen von der Schaurigkeit wieder herausgenommen. Im ersten Teil war es gerade spannend, dass die Hauptfigur so einsam und verloren war, dadurch wurde nachvollziehbar, warum er das Drama um die Frau in Schwarz unbedingt aufklären wollte.

Nun wurde zwar auch Eve eine traurige Vergangenheit auferlegt, aber wer den ersten Teil gesehen hatte (und ich nehme an, das haben die meisten, die sich den zweiten Teil anschauen), kannte ja das Geheimnis schon und somit bot dies kein Spannungspotential mehr.

Also, alles in allem insgesamt nicht schlecht, kann man sich angucken und man fühlt sich gut unterhalten und gruselt sich. Aber man verpasst nicht allzu viel, wenn man ihn nicht gesehen hat.

7. „True Story“

„True Story – Spiel um Macht“ von Rupert Goold hat mich nicht überzeugt, was jedoch nicht heißt, dass der Film schlecht ist. Wir waren zu viert im Kino und ich war die Einzige, die sich hinterher über das (meines Erachtens) vergeudete Potenzial ereifert hat. Ich denke, das liegt vor allem an James Franco: Die Glaubwürdigkeit des Films steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit der Figur des Christian Longo. Glaubt man ihm, was er erzählt, vertraut ihm und entwickelt Sympathie für ihn (übernimmt also sozusagen die Perspektive von Michael Finkel), dann findet man den Film spannend.

Ich für meinen Teil habe aber die ganze Zeit James Francos Rolle als dümmliche eitle Knalltüte aus „The Interview“ und sein Katy-Perry-Duett mit ‚Kim Jong Un‘ im Hinterkopf gehabt und ihm nicht eine Sekunde lang irgendetwas abgekauft. Daher konnte ich keinen Anknüpfungspunkt finden, um mich in die Geschichte richtig einzuhaken und fand den Film fürchterlich langatmig und vorhersehbar.

Das ist eigentlich schade, denn der Stoff, die Story und die Ausgangssituation sind interessant, da hätte man einen nervenzerfetzenden Thriller mit nachdenklich stimmenden Drama-Elementen draus machen können. Vielleicht hätte es etwas gebracht, wenn James Franco und Jonah Hill die Rollen getauscht hätten. James Franco hätte die Figur des eitlen Journalisten, der seinen Berufsethos sehr großzügig auslegt, sicher sehr gut und überzeugend gespielt und da hätte auch sein Knalltütengesicht gepasst. Jonah Hill traue ich indes zu, dass er das Undurchschaubare des Christian Longo besser hingekriegt hätte als James Franco.

Trotzdem hat der Film spannende Fragen aufgeworfen, insbesondere die nach der Wahrheit in „wahren Geschichten“ wie Reportagen, Biografien und Geständnissen. Ist es ethisch vertretbar, die Tatsachen ein wenig zu raffen, zu konzentrieren, anders anzuordnen, um eine bestimmte Aussage zu verdeutlichen, selbst wenn die Wahrheit dadurch leicht verfälscht wird? Wie glaubhaft sind Selbstdarstellungen? Ist es überhaupt möglich, eine Geschichte zu erzählen, die 100 Prozent den Tatsachen entspricht? Schließlich findet bereits durch das Erzählen eine Auswahl und Anordnung statt, die schon verfälschend wirken kann. Die Figuren in dem Film scheitern alle mit ihrem Wahrheitsanspruch und auch dem Film selbst scheint es nicht zu gelingen, den eigenen Wahrheitsanspruch zu erfüllen.

Eine Sache noch: Die Figur der Jill hätte man mehr Tiefe und Ambivalenz verleihen oder sie sich sparen können. Von Anfang an ist sie dauerbeleidigt, ohne zu sagen, was sie hat, ist passiv aggressiv, zickig, vertraut ihrem Partner nicht, guckt die ganze Zeit muksch aus der Wäsche und trägt nicht viel zur Handlung bei. Was soll denn das?

6. „Birdman“

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ von Alejandro González Iñárritu hinterlässt mich zwiegespalten. Der Film macht es einem aus Unterhaltungssicht betrachtet nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist sperrig, anstrengend, schräg, merkwürdig, bizarr, skurril, surreal, verrückt, mühsam und unbequem. Und das ist eigentlich wieder gut. Aber irgendwie … ich glaube – und das ist nur mein persönliches Urteil, das nichts über die Qualität des Films aussagt – mir war das zu viel des Guten.

Die Geisteswissenschaftlerin und ausgebildete Schauspielerin in mir jubelte über die vielen Seitenhiebe auf die Theater- und Filmbranche, den Jahrmarkt künstlerischer Eitelkeiten, satirischen Pointen, großartigen Bezüge, Andeutungen und philosophischen Anklänge. Mit dem Verstand betrachtet also ein Meisterwerk, ein gefundenes Fressen für Filmkritiker und andere Cineasten. Auch für Psychologen gäbe es da eine Menge zu analysieren und interpretieren.

Mit dem Herzen betrachtet war mir das aber alles viel zu intellektuell verquast, zu künstlerisch überambitioniert, zu überheblich, selbstgefällig, wichtigtuerisch, arrogant in seinem übertrieben metaphorischen Spiel mit Symbolen und Realitäten. Als wäre der Regisseur in dieselbe Falle getappt, wie sein Protagonist: Etwas Bedeutungsvolles schaffen wollen und von niemandem wirklich verstanden werden.

Vielleicht war das aber auch der Gedanke dahinter, dass man diesen Film nicht mit den normalen Sehgewohnheiten, Erzählkonventionen etc. betrachten, sondern ihn auf einer anderen Ebene wahrnehmen soll. Oder so. Wie sich Künstler das dann halt immer so schönreden, wenn sie etwas fabriziert haben, was beim Massenpublikum nicht ankommt. Die haben die Message nicht begriffen, sowieso ist das ja auch eine Auszeichnung, wenn der mainstreamverkorkste Pöbel einen doof findet und blablabla. Also, selbst wenn dem so ist und das sollte bewusst für Unverständnis sorgen, dann ist das zwar gelungen, aber nicht neu.

Durchgehend positiv aufgefallen sind mir jedoch die Schauspieler. Wie Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts und Co. sich selbst und ihren Beruf voller Spielfreude durch den Kakao ziehen macht sehr viel Spaß – intellektuelles Gestakse hin oder her. Diese Szenen haben sich in jedem Fall gelohnt.

Nur schade, dass der Film dann doch sehr lang war und zum Ende hin immer eigenartiger wurde. Mein Freund (selbst Kameramann) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der gesamte Streifen wie in einer einzigen Kamerafahrt, mit kaum sichtbaren Schnitten gedreht wurde. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen so anstrengend, denn das ist ja sehr innovativ, die Sehgewohnheiten zu torpedieren, aber von sowas wird man ein wenig seekrank. Da fehlt dann einfach die Struktur. Aber auf jeden Fall ist der Film interessant, ich denke, das lässt sich nicht leugnen. Ob man ihn nun genial findet – oder furchtbar.

P. S.: In der kino.de-Kritik steht, dass Edward Norton alias Mike Shiner es mit dem Method Acting zu genau nimmt. Das ist so nicht ganz richtig, denn beim Method Acting (entwickelt von Lee Strasberg auf Grundlage einiger Aspekte der Schauspieltheorien von Konstantin Stanislawski) geht es nicht darum, dass alles auf der Bühne/vor der Kamera echt sein muss. Das ist dann ja kein Schauspiel mehr, wenn’s echt ist.

Beim Method Acting nutzt der Schauspieler seine eigenen Erinnerungen, um Gefühle wachzurufen und diese der Figur zur Verfügung zu stellen. Das ist so der Grundgedanke dahinter. Dass man das, was auf der Bühne gezeigt wird, tatsächlich tut, geht eher in Richtung Performance. So wie Marina Abramovic, die sich einen Stern in die Bauchdecke geritzt hat und dann blutend vor dem Publikum stand, bis endlich jemand aufgestanden und ihr geholfen hat. Das ist was völlig anderes.

5. „American Sniper“

American Sniper“ von Clint Eastwood ist ein schwieriger Film. Natürlich kann man bei dem kontroversen Inhalt keine leichte Unterhaltung erwarten, das ist klar. Aber ein spannendes, psychologisch tiefgründiges Drama hätte schon daraus werden können. Das ist auch das, was ich nach Sicht des Trailers erwartet habe, vor allem, weil Clint Eastwood sich bereits häufiger in der Vergangenheit (zum Beispiel im großartigen „Gran Torino“) als sensibler, feinsinniger und kluger Filmemacher erwiesen hat. Leider ist das meines Erachtens bei „American Sniper“ nicht gut gelungen.

Die Kriegsszenen sind sich untereinander sehr ähnlich, es ist keine wirkliche Steigerung oder Entwicklung zu sehen. Zwar macht Chris Kyle eine Wandlung durch, doch seine persönliche Entwicklung, seine Traumata, seine zerbrochenen Ideale und Träume, sein innerer Schmerz, den er bis zur Selbstaufgabe verleugnet (sonst könnte er seinen Job wohl auch nicht weiter ausführen) werden nur angedeutet. Die privaten Szenen zuhause mit seiner Frau und seinen Kindern, das Verhältnis zu seinem Bruder (was passiert eigentlich mit ihm? Diese Frage lässt der Film leider offen) kommen zu kurz. Es blitzen ab und zu ein paar Szenen und Momente auf, die das innere Grauen dieses Mannes erkennen lassen, doch sind diese zu selten. Der Erzählrhythmus ist irgendwie nicht ganz stimmig, die Kriegsszenen sind zu gleichförmig und lang, die Szenen, die zeigen, was der Krieg mit Chris Kyle macht, sind zu kurz und bleiben zu sehr an der Oberfläche.

Am interessantesten in dem Film fand ich den Anfang, als in Rückblenden gezeigt wurde, wie Chris Kyle überhaupt Sniper geworden ist. Da bekam man einen Einblick in die amerikanische Heldenideologie, die mir als pazifistischer, bildungsbürgerlicher Europäerin völlig absurd vorkommt, die jedoch im Film glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt wird. Diese Dreiteilung der Menschheit in Schafe, Wölfe und Hütehunde finde ich zwar Quatsch (vermutlich, weil ich in dieser Kategorisierung eindeutig ein Schaf bin und somit ein Loser), aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen daran wirklich glauben. Und wer davon überzeugt ist und fest daran glaubt, ein Hütehund zu sein, der alle vor den bösen Wölfen beschützen muss, der findet das dann auch absolut logisch, in ein fremdes Land einzufallen und dort Leute zu erschießen, die man als böse betrachtet.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese Überzeugung Kyles, die ja bis zum Schluss nicht wirklich ins Wanken gerät, etwas kritischer hinterfragt worden wäre. Allerdings beruht der Film auf Kyles Autobiographie, er gilt in den USA als Held, da ist es für einen US-amerikanischen Filmemacher wahrscheinlich nicht so naheliegend, den Heldenmythos zu demontieren. Das Hauptzielpublikum dürften außerdem diejenigen sein, die Kyle als Helden verehren und wenn man ihn dann im Kinofilm als gebrochenen, traumatisierten Menschen zeigt, den Krieg nicht als notwendig, sondern als sinnlos darstellt und Verständnis für die Soldaten aufbringt, die Zweifel an der vermeintlich gerechten Sache bekommen, wäre der Misserfolg vorprogrammiert.

Fazit: Insofern sehenswert, weil der Film zum Nachdenken anregt. Allerdings sollte man seine Erwartungen in Sachen Spannung vorher herunterschrauben.

4. „The Avengers 2: Age of Ultron“

„Avengers: Age of Ultron“ von Joss Whedon war … so mittel. Erwartet hatte ich ein furioses Action-Spektakel mit viel Krachbumm, erhofft hatte ich eine spannende Handlung mit witzigen Dialogen. Es sind leider nur meine Erwartungen erfüllt worden. Übertroffen wurden sie nicht. Aber das ist ja auch schon mal was.

Zwischendurch gibt es witzige Schlagabtäusche, launige Dialoge, ein wenig Ironie. Das sind die Stellen, die mir gefallen haben. Dann gibt es sehr, sehr viele Szenen, in denen unter ohrenbetäubendem Getöse alles Mögliche zu Bruch geht. Das war zu erwarten, nichtsdestotrotz schlafe ich bei solchem Spezialleffekte-Exzess immer ein. Wobei das jetzt aber auch nicht so schlimm ist, man verpasst nichts von der Handlung (weil es keine gibt).

Ärgerlich fand ich jedoch die einen oder anderen sexistischen Metadiskurse, und ich meine damit nicht, dass zum Beispiel Scarlett Johansson einen engen Strampelanzug trägt. Sie hat eine tolle Figur und kann sowas tragen, außerdem muss sich die von ihr gespielte Superheldin ja auch bewegen können und Strampelanzüge sind überaus bequem. Des Weiteren finde ich es unsinnig, am Aussehen gutaussehender Menschen herumzumäkeln, weil man selber vielleicht nicht so toll aussieht. Was ich aber unmöglich finde, ist, wenn Frauen so dargestellt werden, als wäre es für sie alle das ultimative Glückseligkeitsziel, Mutter zu werden und wenn sie es nicht können, dann sind sie nichts wert. ‚Natasha Romanoff‘ sagt in dem Film allen Ernstes: „Ich wurde zwangsweise sterilisiert, ich bin ein Monster.“ Entschuldigung, bitte, was!? Und ‚Hawkeye‘ kann seinen Job als Superheld trotz Kinder auch nur ausführen, weil seine Frau ihm bedingungslos den Rücken freihält und am Ende der Welt in einem Farmhaus den ganzen Tag allein mit den Kindern ist und den Haushalt schmeißt. Natürlich mit links, ohne eigenen Willen, ohne eigene Bedürfnisse. Ein Träumchen. Grummel.

Gut, aber davon abgesehen ist der Film durchaus unterhaltsam und man bekommt das, was der Trailer verspricht.

Fazit: Kann man sich angucken. Muss man aber nicht.

3. „Maze Runner 2: Die Auserwählten in der Brandwüste“

„Maze Runner 2 – Die Auserwählten in der Brandwüste“ von Wes Ball ist ganz anders als das Buch. Die Namen, die Ausgangssituation und ein paar Szenen stimmen mit der literarischen Vorlage überein, mehr eigentlich nicht. Wenn es einem gelingt, Buch und Film als unabhängige, eigenständige Werke zu sehen, kann man sich trotzdem von beiden gut unterhalten lassen. Der Film zeichnet sich vor allem durch atemberaubende Stunts, nervenzerfetzende Action und eine eindrucksvolle mise en scène aus (das ist das, was man sieht, wenn man das Bild anhält, also die visuelle Inszenierung, aber auch Kostüme, Requisiten, etc.).

Aber: Leider ist das Tempo etwas unausgewogen. Mal geht es im Affenzahn durch die Gegend, und der Film macht da weiter, wo der erste Teil aufgehört hat. Die Dialoge bestehen überwiegend aus „Komm“, „Mach schnell“, „Beeil dich“, „Wir müssen hier weg!“ und „Los!“ Das ist auf Dauer ermüdend, außerdem bleibt überhaupt keine Zeit für die Charakterzeichnung der Figuren und Hinweise auf die Hintergrundgeschichte. Teilweise bekommt man gar nicht mit, wie die Leute überhaupt heißen. Und wenn es dann mal einen erwischt, fragt man sich: „Wer war das noch mal?“, anstatt Rotz und Wasser über den Verlust zu heulen. Von Jorge und Brenda abgesehen, bleiben alle Figuren langweilig, blass und flach. Jorge und Brenda aber sind super und werten den Film erheblich auf.

Dann gibt es zwischendurch auch ein paar rührselige Szenen, in denen die Figuren etwas Trauriges aus ihrer Vergangenheit erzählen. Das wirkt aber im Vergleich zu dem restlichen Überschalltempo fehl am Platz, unglaubwürdig und plump. Da wäre es vielleicht spannender gewesen, nicht so viel auf einmal in einen Film zu packen, sondern sich lieber auf ein paar wenige, wichtige Handlungspunkte zu konzentrieren und sich dafür etwas mehr Zeit und Mühe zu geben.

2. „Die Bestimmung 2: Insurgent“

„Die Bestimmung – Insurgent“ von Robert Schwentke hat mich sehr enttäuscht. Wer den Film mochte und ihn sich nicht madig machen lassen will, sollte am besten nicht weiterlesen. Denn was jetzt folgt, ist ein Verriss:

Inzwischen habe ich die Bücher von Veronica Roth gelesen und finde sie zwar nicht gut geschrieben, aber trotzdem spannend und vor allem inhaltlich interessant. Die Geschichte, die Welt in der sie spielt, die Hintergründe, die Grundidee sind super. Und deswegen habe ich mir diesen Film angeschaut, in der Hoffnung, die stilistischen Makel der noch jungen Autorin fallen bei der visuellen Umsetzung weg. Unter anderem haben mich im Buch gestört, dass die Autorin ständig mehrmals hintereinander ähnliche Formulierungen und einen fast identischen Satzbau verwendet, sodass einem die Erzähler (Tris selbst, im dritten Teil abwechselnd mit Four) fürchterlich auf den Keks gehen. Die spannende Handlung aber machte das im Buch wett.

Im Film nicht. Schlimmer noch: Die Verfilmung hat es tatsächlich geschafft, die Hauptfiguren noch unsympathischer erscheinen zu lassen, die Handlung noch weiter zu kürzen, die Hintergründe noch oberflächlicher abzufertigen und die Nebenfiguren noch nebensächlicher zu gestalten. Das Ergebnis ist eine schleimtriefende Teenie-Schmonzette, die mehr in Richtung „Twilight“ geht als in „Die Tribute von Panem“. Nun fand ich „Twilight“ aber ganz unterhaltsam, weil das so offenkundig bescheuert war, dass es einfach schon wieder Spaß gemacht hat. „Die Bestimmung“ aber behandelt ja durchaus ein spannendes Thema, das gesellschaftsrelevant und sozialkritisch ist. Die dystopische Welt, die Veronica Roth kreiert hat, ist eine durchaus denkbare Eskalation und Weiterentwicklung der heutigen politischen Verhältnisse.

Aber hat das der Film in irgendeiner Weise genutzt? Nö. Stattdessen drehen sich von den knapp zwei Stunden 90 Minuten nur um das Beziehungsgeschwurbel zwischen Fräulein Selbsthass und Monsieur Aushilfs-Moritz-Bleibtreu. Nichts gegen Shailene Woodley, sie ist keine schlechte Schauspielerin. Aber in diesem Film speziell hat sie mich genervt. Im Buch konnte man das ja wenigstens noch schnell überfliegen, wenn sie wieder ankam mit ihrem „Ach und Weh, ich bin an allem Schuld, ich bin der schlimmste Mensch der Welt blablabla“. Bevor man mich falsch versteht: Sie hat allen Grund sich Vorwürfe zu machen und das ist ja alles ganz menschlich. Doch dieses egozentrische In-sich-selbst-Herumgewühle muss man nicht fast zwei Stunden lang auswalzen, sondern es genügt, wenn das ab und zu aufblitzt.

Fazit: Lohnt sich nicht. Lest lieber das Buch.

1. „Jupiter Ascending“

„Jupiter Ascending“ von den Wachowski-Geschwistern ist ein ganz heißer Kandidat für die Goldene Himbeere – und zwar in sämtlichen Kategorien. Normalerweise würde ich ja diplomatisch sagen, dass ich ihn schlecht fand. Dieses Mal würde ich mich aber glatt dazu hinreißen lassen zu urteilen: Der ist einfach schlecht.

Aber einmal ganz von vorne. Die Heldin Jupiter Jones erzählt, wie sich ihre Eltern kennen gelernt haben, was an Kitsch eigentlich nur noch davon überboten wird, dass ihre Tante ihr weissagt, dass sie zu Großem bestimmt sei. Und (was noch viel wichtiger ist), dass sie ihre große Liebe treffen wird. Gähn. Schnarch. Sülz.

Da putzt sie also tagein tagaus Toiletten, hasst ihr Leben und melancholisiert so nichtsahnend vor sich hin, da tauchen plötzlich so komische Alienviecher bei ihr auf und wollen ihr ans Leder. Nicht nett. Vor allem, weil sich dahinter einfach nur ein schnöder Erbschaftsstreit zwischen rivalisierenden Adelssprössen einer uralten außerirdischen Familie verbirgt. Und die arme Jupiter wird mir nichts dir nichts zum Spielball der dekadenten Brut.

Man hätte daraus eine witzige Satire machen können, die übertriebenes Wirtschaftsstreben auf die Schippe nimmt und kritisch-humorvoll beleuchtet. Die Szene in der intergalaktischen Behörde (die überhaupt nicht zum restlichen Film passte) hat es angedeutet. Man hätte eine urkomische Parodie auf Auserwählten-Wischiwaschi und Heldengeschwurbel-Fantasy-ScienceFiction-Quatsch machen können. Oder einfach nur ein launiges Effektespektakel à la „Guardians of the Galaxy“. Von mir aus hätte da auch ein romantischer Märchenfilm und eine schmachtige Liebesschnulze draus werden können.

Aber es hat nicht sollen sein.

Was gibt es stattdessen? Flache Figurenkonzeption, die schon fast an Nulldimensionalität grenzt. Die Schauspieler hatten überhaupt nichts anderes zu tun als dekorativ im Bild herumzustehen oder dekorativ durchs Bild zu fegen. Mila Kunis kulleräugt sich durch ihre Figur und tapst wie ein verknallter Backfisch durch den Special-Effects-Salat. Channing Tatum stehen die spitzen Ohren zwar super, ansonsten guckt er nur grimmig in die Gegend und knurrt von Selbsthass und Abgeklärtheit getönten Unfug vor sich hin. Jupiter kennt den Kerl keine zwei Sekunden und ist sich schon sicher, dass das ihre große Liebe ist. Sowas nennt man Verzweiflung, keine Liebe. Und die anderen Figuren und Schauspieler sind keinen Deut besser. Was nicht an den Schauspielern liegt, sondern an diesem himmelschreiend schlechten Skript.

Die an sich simple Geschichte wird völlig verquast erzählt, ohne dass das irgendwie philosophische oder gesellschaftskritische oder sonstwie interessante Fragen aufwerfen würde. Nein, es ist einfach nur durcheinander, verworren, unstrukturiert, unentschlossen und witzlos. Und diese Dialoge!!! Unterirdisch wäre noch eine zu positive Bezeichnung. Da gibt es ja in jeder Seifenoper oder in Rosamunde-Pilcher-Filmen noch pointiertere Texte.

Fazit: Das Geld kann man sich aber sowas von sparen. Da kann man sich auch gleich „Matrix III“ noch mal antun.

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71. Stück: Die 10 besten Filme und 5 tollsten Animationsfilme von 2015

Das Jahr 2015 neigt sich dem Ende und es wird Zeit für einen cineastischen Rückblick. Hier präsentiere ich die meiner Meinung nach besten Filme und Animationsfilme von 2015, dazu gibt es meine Kritiken. Die Liste ist garantiert völlig subjektiv – wer also Lust hat, mir zu widersprechen oder mich ob meines miserablen Filmgeschmacks zu bepöbeln: Ich freue mich über jeden Kommentar.

Die 10 besten Filme 2015:

10. „Mad Max – Fury Road“

Wow! Was für ein rasanter Trip! In „Mad Max: Fury Road“ von George Miller geht es 121 Minuten lang im furiosen (!) Tempo quer durch eine bizarre, surrealistische Landschaft, in der kaum noch ein Fünkchen Zivilisation übrig ist. Es ist, als wäre die Menschheit zurück in der Steinzeit gelandet – nur dass in der Steinzeit nicht die ganze Erde verwüstet und noch ausreichend Ressourcen für alle vorhanden waren.

Mit skurrilem Humor entlarvt Miller in seinem Film die völlige Absurdität des Daseins und zeigt seinen Helden Max als ein Wesen, das nur noch auf den Instinkt des Überlebens reduziert ist und langsam wieder etwas Menschlichkeit entdeckt.

Etwas reizüberflutet steht man nachher da, aber merkwürdigerweise nicht enttäuscht wie beispielsweise nach „Avengers: Age of Ultron“. Das liegt daran, dass einem die Figuren sofort ans Herz wachsen und man mit ihnen mitfiebert, auch wenn die Dialoge sehr knapp ausfallen. Vielleicht, weil sie alle so klare, nachvollziehbare Motive verfolgen und weil sie alle im Kern ganz normale Menschen sind.

Fazit: Absolut sehenswert!

9. „Warte, bis es dunkel wird“

„Warte, bis es dunkel wird“ von Alfonso Gomez-Rejon ist handwerklich hervorragend gemachter Grusel mit schockierenden Splatter-Momenten, die es in sich haben. Die weitestgehend unbekannten Darsteller spielen glaubwürdig, facettenreich und sympathisch – was für Horrorfilme keine Selbstverständlichkeit ist. Die Gefahr unfreiwilliger Komik ist groß, wenn irgendwelche Teenager (oder Schauspieler, die wie Teenager aussehen sollen, auch wenn sie schon fast 30 sind) kreischend vor einem Hackebeilmörder davonlaufen. Das kann schnell albern aussehen, aber in diesem Film wirkt es nicht ansatzweise komisch. Und das ist gut. Richtig gut.

Ich gebe zu, ich konnte bei den Splatter-Szenen nicht hingucken. Gerade, weil man sich nicht durch Kichern vom Gefühl des Grauens innerlich distanzieren konnte, ging die Brutalität der Morde besonders an die Nieren. Die Filmsprache mit schnellen, perfekt choreographierten Schnitten, ungewöhnlichen Kamerawinkeln und einem verträumt-unheimlichen Retro-Filter über den Bildern verstärkt diesen Effekt. Die Musik ergänzt und untermalt das Furchterregende auf ideale Weise. Für Cineasten bieten außerdem die Meta-Ebene mit dem alten Film von 1976 und die geschickte Verknüpfung mit den wahren Ereignissen zusätzliches Vergnügen.

Fazit: Sehenswert, nicht nur für Genrefans.

8. „Horns“

„Horns“ von Alexandre Aja ist ein schräger, aber spannender Genre-Mix aus Horror, Fantasy, Mistery, Krimi, Film Noir, Liebesfilm und Drama. Teilweise hat mich der Erzähltonfall auch ein wenig an „Donnie Darko“ erinnert, der meines Erachtens vor allem eine Gesellschaftssatire ist. Satirische Elemente lassen sich auch hier entdecken, wenn die Dorfbewohner Ig Perrish ihre dunkelsten Geheimnisse offenbaren. Zwischendurch musste ich dabei immer wieder laut auflachen, dann wieder blieb das Lachen im Hals stecken.

Der Film springt direkt, ohne Umschweife, in die Handlung und lässt dann jedoch, sobald Ig seine Hörner und sich daran gewöhnt hat, dass ihm jeder seine dunkle Seite zeigt, im Tempo ein wenig nach. Das heißt, hier und da gibt es ein paar kurze Durststrecken, in denen die Spannung droht, leicht abzuflauen. Im Gesamteindruck ist der Film jedoch herrlich skurril und wunderbar anders als das, was man sonst von Horrorfilmen gewohnt ist. Die tolle Songauswahl für den Soundtrack tut dann ihr Übriges, spätestens bei „Where is my mind“ von den Pixies hatte mich der Film auch musikalisch gepackt.

Fazit: Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber ich fand den super! Und ich bin der Ansicht, dass Daniel Radcliffe sein Harry-Potter-Image noch abstreifen wird. Mit solchen Filmen, in denen er zeigt, dass er (anders als beispielsweise Robert Pattinson) ein echt guter Schauspieler ist, ist er auf einem guten Weg.

+++Spoiler+++Spoiler+++Spoiler+++

Das Ende passte zwar und war ein guter Abschluss. Aber: Trotzdem hätte ich mir die Möglichkeit gewünscht, mit der Figur Ig Perrish noch weitere Geschichten zu erzählen. Ich denke, das Potential für Fortsetzungen, vielleicht sogar eine Serie, wäre vorhanden gewesen. Diese Option ist nun leider verbaut. Schade.

7. „Wir sind jung. Wir sind stark“

„Wir sind jung. Wir sind stark“ von Burhan Qurbani ist ein beeindruckendes und nachdenklich stimmendes Drama, das sich mit einem der unrühmlichsten Kapitel jüngerer deutscher Geschichte beschäftigt – und gerade in Zeiten von Pegida, Hogesa und Co. wieder hochaktuell ist. Die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen am 24. August 1992, als ein unkontrollierte Mob von Wutbürgern ein Asylbewerberheim in Brand setzte, werden im Film von mehreren Blickwinkeln aus betrachtet: Die Jugendlichen, die später mittendrin in den ausländerfeindlichen Angriffen sind, die Lokalpolitiker, die zwischen schlechtem Gewissen, Verantwortungsgefühl und zynischer Wahlkampf- und Imageschonungsstrategie schwanken und die Vietnamesen, die in dem später angegriffenen Haus wohnen.

Innerhalb dieser Gruppierungen finden sich wiederum verschiedene Standpunkte, die die Vorgänge noch feiner ausdifferenzieren lassen. Qurbani scheint es weniger darum zu gehen, Antworten auf die Frage nach dem „Warum?“ zu liefern, sondern aufzuzeigen, dass es manchmal keine einfachen Antworten gibt. Und dass rein theoretisch jeder zum Monster werden kann, wenn genug Frust und Wut sich aufgestaut haben. Eine beunruhigende, beklemmende Erkenntnis.

Der Stil und die Erzählstruktur erinnern an „La Haine“ (Hass) von Mathieu Kassovitz aus dem Jahr 1995. Auch dort wurde ein Tag im Leben von drei Jugendlichen in einem Pariser Vorort gezeigt, in Schwarz-Weiß und mit Zeitangaben, die die Geschichte gliedern und gleichzeitig daran erinnern, dass die unausweichliche Katastrophe, in der die Gewaltspirale enden wird, immer näher rückt.

Wie in „La Haine“ sind auch die deutschen Jungschauspieler in „Wir sind jung. Wir sind stark“ herausragend und brauchen sich hinter ihren älteren, erfahrenen Kollegen nicht zu verstecken. Die verschiedenen Facetten ihrer sorgfältig charakterisierten Figuren können sie mühelos durchscheinen lassen und sie spielen hervorragend als Clique zusammen.

Ein wenig Kritik habe ich aber dennoch (meine beiden Begleiter fanden den Film nämlich eher langatmig): Dadurch, dass aus so vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird (bei „La Haine“ war es konsequent immer nur die Perspektive der Jugendlichen), büßt der Film viel von seinem Spannungspotential ein. Er springt immer wieder zwischen den verschiedenen Protagonistengruppen hin und her, sodass die Spannungskurve zwischendurch erneut absinkt.

Außerdem haben mich zwischendurch das – leider für deutsche Filme typische – Schwelgen in bedeutungsschwangeren Bildern und Szenen sowie die eigenartige Darstellung der Freundschaft etwas irriitiert. Dieses Getanze und ständige Umarmerei, das macht doch in echt keiner? Na ja, also im Sturm und Drang früher vielleicht, wenn die vom gegenseitigen Gedichtevorlesen von Gefühlen übermannt wurden. Aber das ist ja nun schon über 200 Jahre her. Überdies taucht in deutschen Filmen ständig dramaturgisch grundlos ein nackter Männerhintern irgendwo auf. Das wirkt auf mich immer etwas aufgesetzt und künstlich. Aber insgesamt hat mich persönlich das nicht so gestört.

6. „Heil“

„Heil“ von Dietrich Brüggemann ist ein durchgeknallter Rundumschlag gegen alles, was den Deutschen heilig ist. Politiker, Autoren, Wissenschaftler, Philosophen, Verfassungsschutz, BND, Polizei, Linke, Rechte, Unpolitische, Medienfuzzis, Künstler … alle werden erfrischend unsubtil durch den Kakao gezogen. Das macht einen Heidenspaß, doch bei der Gagdichte und dem furiosen Tempo kommt man auch ein wenig aus der Puste. Das Finale ist schließlich so absurd und brüllend komisch, dass man fast aus dem Kinosessel plumpst. Ganz großes Kino, unbedingt anschauen!

5. „Er ist wieder da“

„Er ist wieder da“ von David Wnendt ist eine hervorragende filmische Umsetzung des gleichnamigen Romans von Timur Vermes. Der dokumentarische Stil des Films und die Szenen, die mit (scheinbar?) versteckter Kamera gedreht wurden, verleihen der Geschichte etwas erschreckend Authentisches, auch, wenn die Ausgangssituation zunächst absurd ist. Doch akzeptiert man die Ausgangssituation als Gedankenspiel, dann ist das, was sich daraus entwickelt, verstörend nah an der aktuellen Realität.

Spannend und etwas unheimlich fand ich, dass man als Zuschauer den Sinneswandel der Hauptfiguren, allen voran Sawatzkis, mitmacht: Zuerst findet man diesen Hitler lustig, vor allem die Szenen, in denen Hitler mit der modernen Welt zusammenprallt. Dann kommt seine Rede in der Comedyshow und man ertappt sich dabei, wie man diesem geschickten Demagogen zuhören muss, sich seinen Worten und seiner Ausstrahlung gar nicht entziehen kann. Und schließlich, am Ende, wird einem klar, dass man sich hat einlullen lassen, und dass es für jemanden wie Hitler auch heute noch überhaupt kein Problem wäre, an die Macht zu kommen und dass sich die Geschichte dann wiederholen würde. Dass die Menschheit nichts aus ihren Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Das ist bitter und schwer zu verdauen.

Deswegen ist „Er ist wieder da“ nicht nur ein sehr guter, sondern auch ein wichtiger Film, der den Menschen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, den Spiegel vorhält.

4. „Der Babadook“

„Der Babadook“ von Jennifer Kent ist ein kleines Gruselmeisterwerk. Markerschütternde Schockeffekte sind hier rar gesät, doch der Film bleibt von Anfang bis Ende spannend. Essie Davis und Noah Wiseman als Mutter-Sohn-Gespann spielen so eindringlich und intensiv, dass es beinahe weh tut. Die Figuren sind facettenreich, vielschichtig, glaubwürdig und widersprüchlich charakterisiert, dass die Handlung, die sich allein daraus schon entwickelt, an die Nieren geht. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Psychologie und Horror zusammenspielen können, um hervorragende Schauergeschichten zu erzählen.

+++ Spoiler +++
Bis zum Schluss bleibt offen, ob es den Babadook wirklich gibt oder ob Amelia ihn sich nur einbildet. Diese Ambivalenz sorgt für ein unheimliches Gefühl, das auch lange nach dem Film noch nachwirkt. Ich denke, dass der Babadook in der Geschichte echt ist und sich aus ihren Ängsten, ihrer Trauer, ihrer Ohnmacht speist. Am Ende hat sie das Monster zwar nicht vertrieben, aber sie hat es gezähmt und gelernt, mit ihm zu leben. Das ist zumindest meine Interpretation, aber der Film ergibt genauso viel Sinn und ist schlüssig, wenn man den Babadook als Einbildung betrachtet oder ihn als Metapher sieht. Sowas finde ich immer toll, wenn am Ende zwei oder mehr Interpretationsmöglichkeiten gleichwertig nebeneinander stehen.

3. „Das brandneue Testament“

„Das brandneue Testament“ von Jaco van Dormael habe ich am Wochenende auf dem Filmfest Hamburg gesehen. Der Film hat mich von Anfang bis Ende verzaubert und begeistert, weil er so übersprudelt vor bunten Einfällen, skurrilen Ideen und liebenswerten Figuren. Wer „Mr. Nobody“ oder „Toto, der Held“ von Jaco van Dormael gesehen hat, wird auch in „Das brandneue Testament“ seinen unverwechselbaren Stil und Humor wiedererkennen.

Ich freue mich, dass der Film im Dezember (Edit: Also jetzt gerade!) auch regulär in den Kinos läuft, dann schaue ich ihn mir auf jeden Fall noch einmal an. Und ich hoffe, er findet ein breites Publikum – verdient hat er es.

2. „Whiplash“

Whiplash“ von Damien Chazelle ist ein pulsierender Musikfilm, ein fesselndes Drama und richtig großes Kino. Hier stimmt einfach alles: Der Rhythmus des Schlagzeugs geht so ins Blut, durch Mark und Bein, dass einen die Musik auch ohne große Jazzkenntnisse mitreißt. Die beiden Hauptfiguren, der junge, talentierte Schlagzeuger Andrew und sein Lehrer Terrence Fletcher, sind so facettenreich gestaltet, dass sie einem trotz ihrer unsympathischen Wesenszüge ans Herz wachsen, man mit ihnen fühlt und um sie bangt. Wie die zwei ihr psychologisches Duell ausfechten, ist von nervenzerfetzender Spannung.

Die Dialoge sind rhythmisch genauso hervorragend gesetzt, pointiert und existenziell wie die Musik. Der Schnitt ist perfekt darauf abgestimmt (mehr als verdienter Oscar!). Und die Schauspieler machen ihre Arbeit so als ginge es um Leben und Tod (auch hier: mehr als verdienter Oscar für J.K. Simmons).

Dabei werden so zeitlose, große Fragen der Menschheit und der Kunst aufgeworfen wie: was ist Leidenschaft und wie weit sollte man gehen, was sollte man alles dafür aufgeben, um sie ausüben zu können? Wie wird aus einem guten Künstler ein Virtuose, der über sich hinauswächst? Was macht den idealen Lehrer aus und was darf oder muss er tun, um seine Schüler zu fördern?

Fazit: Nicht verpassen!

1. (Tadaaaa!) „Ex Machina“

Bei „Ex Machina“ von Alex Garland merkt man, dass da ein Drehbuch- und Romanautor am Werk war. Die Geschichte erzählt sich fast von selbst, so hervorragend sind die Figuren in diesem klaustrophobischen Kammerspiel konzipiert (Hurra, eine Alliteration). Der Schauplatz, ein teils unterirdischer Bunker mitten im dichten Wald eines Tals im Gebirge, kann nur mit Hubschrauber erreicht werden. Die vier Figuren, die in dem Haus mehr oder weniger eingesperrt und von der Außenwelt isoliert sind, werden aufeinander losgelassen und was dann passiert ist von unheimlicher Eindringlichkeit.

Zur Handlung möchte ich lieber nichts schreiben, denn der kleinste Spoiler würde bei „Ex Machina“ den Spaß verderben. Wobei der Spaß hierbei nicht in action- und temporeicher Materialschlacht besteht, sondern in einem raffinierten Katz-und-Maus-Spiel, das immer wieder Haken schlägt und einen zum Nachdenken anregt. Zum Beispiel darüber, was es mit den Namen ‚Nathan‘ und ‚Caleb‘ sowie dem Titel „Ex Machina“ auf sich hat.

Es fällt auf, dass Nathan und Caleb biblische Namen sind. Kaleb – so die deutsche Version des Namens – wurde für sein Gottvertrauen und seine Treue zu Gotts Verheißungen belohnt. Nathan lässt sich mit „er hat gegeben“ übersetzen und ist eine Kurzform von Nathanel, was „Gott hat gegeben“ bedeutet. Gleichzeitig deutet der Titel den aus dem Theatervokabular bekannten Begriff „Deus ex machina“ (Gott aus der Maschine) an. Das war ein ziemlich plumper dramaturgischer Trick, um unlösbare Konflikte doch noch aufzulösen. Da ploppte dann mit viel Special-Effects-Brimborium eine Gottesfigur auf, die ein Machtwort sprach und dann war das Stück zuende. Warum wurde der Gottesbezug im Titel und in der Figur des genialen Wissenschaftlers herausgenommen?

Auf jeden Fall wird die Thematik der künstlichen Intelligenz in „Ex Machina“ erschreckend realistisch, gesellschaftskritisch, klug und mit gelegentlichem rabenschwarzem Humor behandelt. Und das finde ich toll. Gar kein Vergleich zu dem grauenhaft misslungenem „Transcendence“ von Wally Pfister mit einem unmotivierten Johnny Depp in der Hauptrolle. Auch „Chappie“ hat mich nicht so gepackt wie dieser Film. Ich fand ihn niedlich, unterhaltsam und mochte ihn sehr gern. Aber ich habe nicht hinterher noch so lange darüber nachgegrübelt.

Fazit: Ausgeklügelter, zum Nachdenken anregender Science-Fiction-Film. Unbedingt anschauen!

Die 5 schönsten Animationsfilme von 2015:

5. „Manolo und das Buch des Lebens“

„Manolo und das Buch des Lebens“ von Jorge R. Gutierrez ist ein farbenfrohes und fantasievolles Märchen, das eine klassische Dreiecksliebesgeschichte mit dem mexikanischen Brauchtum des Día de los Muertos (Tag der Toten) verknüpft. Die Figuren sind liebenswert und der ganze Film sprudelt nur so vor bunten Farben und Einfallsreichtum.

Sicher, die Botschaft „Schreib deine eigene Geschichte“ ist nicht neu und die Musikauswahl war mir persönlich ein wenig zu poppig. Da hätte man meiner Ansicht nach noch schönere Lieder finden können (wobei mir die „Only Fools rush in“-Version gut gefallen hat). Aber das ist wohl der vorwiegend jungen Zielgruppe geschuldet und mein Musikgeschmack stammt ohnehin aus der Steinzeit. Die meisten Lieder waren eher neuere Charterfolge (soweit ich das beurteilen kann). Also ist das nicht wirklich etwas, was das Vergnügen an diesem wunderbaren Animationsfilm wirklich beeinträchtigt.

Fazit: Der Film ist richtig etwas fürs Herz und ein Augenschmaus. Definitiv sehenswert, nicht nur für Erwachsene, sondern vor allem auch für Kinder mit ihren Eltern.

4. „Die Peanuts – Der Film“

„Die Peanuts – der Film“ von Steve Martino ist ein herzerwärmender Animationsfilm, der dem Charme der Vorlage absolut gerecht wird. Trotz 3D bleibt der zweidimensionale Look der Figuren erhalten, ihre Persönlichkeiten sind gut getroffen und alle sind auf ihre Weise liebenswert. In den Sequenzen, in denen Charlie Browns Hund Snoopy seinen Träumen nachhängt, sind die 3D-Effekte außerdem nett anzuschauen. Nicht zwingend nötig, aber immerhin auch nicht störend.

Fazit: Nicht nur für Kinder ein sehenswerter Film! (Der zu Unrecht bereits nach der ersten Woche im Nachmittagsprogramm versumpft, was nebenbei bemerkt empörend ist!)

3. „Strange Magic“

„Strange Magic“ von Gary Rydstrom ist ein zauberhafter Animationsfilm, der rundum gelungen ist. Die Bilder und Animationen sind toll, die Songauswahl und -interpretation mitreißend und die Figuren detailreich und liebenswert. Man verlässt das Kino nach dem Film blendend gelaunt und mit einem Potpourri an Ohrwürmern quer durch die Popgeschichte. Die Handlung ist nicht übermäßig originell, aber mit Anleihen an Shakespeares Komödien und „Shrek“ absolut unterhaltsam. Tatsächlich habe ich dieses Mal nichts zu nörgeln.

Nur schade, dass dieser wunderbare Film in so wenigen Kinos gezeigt wird. Vermutlich ist es schwierig, eine Zielgruppe zu finden – für Kinder sind die gruseligen Passagen möglicherweise etwas zu düster, Erwachsene finden womöglich die Geschichte zu kindlich. Zudem sind die Lieder auf Englisch mit deutschen Untertiteln, die jüngere Kinder so schnell nicht gut lesen können. Dabei tut man dem Film jedoch unrecht, er hat eigentlich eine breitere Resonanz verdient. Also: Geheimtipp, ab ins Kino!

2. „Erinnerungen an Marnie“

„Erinnerungen an Marnie“ von Hiromasa Yonebayashi ist ein wunderbarer Zeichentrickfilm, der durch seine Geschichte und liebevollen Zeichnungen verzaubert. Wie schade, dass er einem breiteren Publikum verwehrt bleibt, indem er (zumindest in Hamburg) nur in einem entlegenen Kino in einer Nachmittagsvorstellung versteckt wird. Es ist natürlich auch schwer für einen so stillen Film neben Blockbustern und Actionkrachern wie „James Bond: Spectre“ zu bestehen, doch genau deswegen bräuchte er doch ein bisschen Unterstützung. Na ja, aber ich kann auch verstehen, dass die Kinos lieber auf sicheren Erfolg setzen. Für Zeichentrickfilme, die eigentlich eher für Erwachsene gemacht sind, gibt es halt nicht so eine große Zielgruppe. Trotzdem ist das bedauerlich.

Erzählt wird die Geschichte der zwölfjährigen Anna, die es nicht schafft, Freunde zu finden und die sehr einsam ist. Bei einem Erholungsurlaub am Meer trifft sie auf ein Mädchen, Marnie, mit der sie rasch eine enge Freundschaft verbindet. Allmählich kommt sie ihren Familiengeheimnissen auf die Spur und überwindet ihre Ängste … Das ist psychologisch sehr feinfühlig geschildert und ich denke, jeder, der ein bisschen introvertiert ist oder mit Schüchternheit zu kämpfen hat, wird sich in Anna teilweise wiederfinden (ich zum Beispiel bei ihrem Satz „Ich hasse Partys“) und sich mit ihr identifizieren.

Action gibt es hier eigentlich nicht und das Erzähltempo ist sehr gemächlich. Für Kinder könnte das eventuell etwas langatmig sein, vor allem, wenn sie eher „Madagascar“ oder die „Minions“ (die ich trotzdem mag, aber auf andere Weise) gewohnt sind.

Nichtsdestotrotz möchte ich „Erinnerungen an Marnie“ jedem wärmstens ans Herz legen, dann bekommt dieser kleine, feine Film immerhin ein wenig Werbung.

1. „Alles steht Kopf“

„Alles steht Kopf“ von Pete Docter ist ein wunderbarer Animationsfilm, der wohl vor allem einem älteren Publikum Spaß machen dürfte. Mit „älter“ meine ich übrigens Erwachsene, die sich ein wenig kindliche Fantasie bewahrt haben. Bei Kindern bin ich mir nicht sicher, ob die das alles so lustig finden, weil die Geschichte und das Konzept mit den verschiedenen Gefühlen und Teilen der Psyche und Persönlichkeit doch recht komplex sind. Das könnte sie eventuell langweilen. Vielleicht aber auch nicht, denn die Animationen und Figuren sind so liebevoll gestaltet, so niedlich und hübsch, dass sich Kinder davon möglicherweise verzaubern lassen, auch wenn sie nicht alles auf Anhieb erfassen.

Die Figuren möchte man am liebsten alle knuddeln und das Kuddelmuddel in der Gefühlsschaltzentrale im Kopf kann wohl jeder nachvollziehen. Ich dachte ein paar Mal: „Ach, so ist das? Na, das erklärt aber so einiges“ … man erkennt sich selbst und seine Mitmenschen darin wieder, und muss unwillkürlich schmunzeln, weil die menschlichen Eigenarten nie böse verspottet werden, sondern einfach mit so viel Mitgefühl und Humor erzählt werden.

Für mich ist „Alles steht Kopf“ definitiv der beste Animationsfilm des Jahres. Unbedingt sehenswert!

Ein Kommentar

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67. Stück: Gedanken zu „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia

Wo fängt man am besten an, ein Buch zu loben, das so gut ist wie Der Club der unverbesserlichen Optimisten (Le Club des incorrigibles Optimistes) von Jean-Michel Guenassia? Gerade in der in letzter Zeit neu entflammten Flüchtlingsdebatte sollte sich jeder dieses Werk zu Gemüte führen. Die Figuren sind allesamt Vertriebene, Flüchlinge oder haben irgendeine Art von Migrationshintergrund. Und trotzdem haben sie in Paris eine Heimat gefunden und treffen sich regelmäßig im „Club der unverbesserlichen Optimisten“ in einem Bistro. Dort sitzen Russen, Polen, Griechen, Ungarn, Deutsche und Franzosen friedlich zusammen, diskutieren und philosophieren, streiten und versöhnen sich und spielen Schach. Der Ich-Erzähler Michel erzählt von seiner Jugend, wie er diesen Club entdeckte und wie der Algerienkrieg seine Familie auseinanderriss und seine Freunde tötete. Er schildert auch nach und nach die Schicksale der Flüchtlinge aus dem Ostblock und aus Deutschland. Anhand der Familie seines Onkels erfährt der Leser außerdem einen Eindruck von den Franzosen, die sich in Algerien niedergelassen hatten und dort reich geworden waren, dann jedoch nach Ende des Krieges ohne einen Centimes nach Frankreich fliehen mussten. Irgendwann waren wir oder unsere Vorfahren alle Vertriebene oder Flüchtlinge, scheint der Roman subtil und unterhaltsam vermitteln zu wollen, und auch, dass ein solches Schicksal im Grunde jeden jederzeit treffen kann.

Wie sollte sich der Einzelne in solchen Krisenzeiten, wenn das Land von einer Diktatur regiert wird, wenn bei politischem Andersdenken mit dem Tod gerechnet werden muss, verhalten? Solche Gewissensfragen und moralischen Dilemmata werden ebenso verhandelt wie die Frage nach Heimatliebe und der bestmöglichen Regierungsform. Philosophische Gedankengänge und Ideen rund um den Existenzialismus von Jean-Paul Sartre oder das Absurde von Albert Camus durchmischen sich mit dem Flair des Frankreichs der 60er Jahre, Rock’n Roll und Nouvelle Vague. Eine Aufbruchstimmung, die jedoch durch die Erlebnisse des Algerienkriegs und die Nachwehen der Weltkriege gedeckelt wird.

Ganz nebenbei zeugt Der Club der unverbesserlichen Optimisten auch von einer unerschütterlichen Leidenschaft für die Literatur, die Fotografie und fürs Kino, die einfach ansteckend ist. Der Erzähler Michel hat es sich zur Gewohnheit gemacht, im Gehen zu lesen, wird ein paar Mal beinahe überfahren und trifft auf diese Weise seine erste große Liebe Camille. Doch bei den politischen Verwicklungen steht die Beziehung unter keinem guten Stern …

Dem Leid und Schmerz zum Trotz, die den jungen Michel beuteln, bewahrt er sich seine Neugier, seine Zuversicht und eine gewisse Naivität, so wie die anderen unverbesserlichen Optimisten im Club. Ein Buch, das Mut macht, das einen zu Tränen rührt und einen vor Spannung fesselt. Unbedingt empfehlenswert! Und wenn ihr es gelesen habt, freue ich mich über Kommentar, Anmerkungen und Diskussionen – auch, wenn es euch wider Erwarten nicht gefallen haben sollte.

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