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64. Stück: „Rocco Darsow“ von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses am 17. Juni 2015

Liebe und Realität

Nach längerer postdramatischer Theaterabstinenz habe ich letzte Woche Rocco Darsow von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg angeschaut – und war begeistert! Die Bühne besteht aus einer überdimensionalen Torte (mit essbaren Elementen), zwei Leinwänden und einem riesigen schwarzen Totenkopf, der aus der Mitte herausragt. Die Hälfte des kurzen Stücks verbringen die Schauspieler Martin Wuttke, Bettina Stucky, Christoph Luser und Sachiko Hara innerhalb des Totenkopfs. Sie werden dabei gefilmt und die Bilder werden live auf die Leinwände projiziert. Dies ist ein für Pollesch typischer Verfremdungseffekt, der dem Zuschauer offenbart, dass er sich gleichzeitig in einem Theaterstück (also einer Fiktion) und in der Realität befindet.

Polleschs Stücke lassen sich wie eine fortgesetzte Work in progress betrachten. Es wird nicht jedesmal eine abgeschlossene Geschichte erzählt, sondern es werden verschiedene Themen aus den Bereichen Leben, Lieben, Wirtschaft und Gesellschaft verhandelt. Dabei treten manche Leitmotive häufiger auf als andere und werden nicht nur von einem Stück zum nächsten wieder aufgegriffen, sondern auch innerhalb eines Stücks wiederholt. Jedoch sind diese Wiederholungen nicht exakt gleich, sondern stets leicht variiert. Das liegt daran, dass Pollesch seine Stücke nicht erst schreibt und dann seinen Schauspielern vorsetzt. Er entwickelt seine Texte gemeinsam mit den Schauspielern im Probenprozess, wobei die Leitmotive und wiederkehrenden Themen von jedem Schauspieler ein wenig anders betont und interpretiert werden.

Die Themen, die in Rocco Darsow im Mittelpunkt stehen, sind die Liebe, die Realität, das Sein. Der Totenkopf in der Mitte erinnert – das wird im Stück auch explizit gesagt – an den Terminator, nachdem seine menschliche Hülle verbrannt ist. Dieser intertextuelle Verweis auf einen der Klassiker der Popkultur und einen der bekanntesten Zeitreise-Filmen stellt die Frage: Was ist Realität? Schließlich wird in Terminator durch das Großvaterparadoxon die Realität innerhalb der erzählten Welt durcheinander gebracht, sodass sich nachher kaum logisch entwirren lässt, wo die Ursache und wo die Folge der Handlungen sind, die die erzählte Wirklichkeit bestimmen. In wechselnden Variationen stellen die Schauspieler in Rocco Darsow immer wieder die Frage, wie Realität zustande kommt. Wenn eine Person einer anderen ihre leidenschaftliche Liebe gesteht, wird Letztere durch diese Aussage dann erst zur Geliebten? Oder war sie es schon vorher? „Und ist nicht das die Realität, die immer so tut als wäre sie schon da, aber sie ist immer erst nachträglich da.“

Trotz solcher Texte, die für Gehirnknoten sorgen, ist Rocco Darsow sehr witzig und unterhaltsam geraten. Auch das begegnet dem Zuschauer regelmäßig in Polleschs Stücken, dass die durchweg hervorragenden Schauspieler voller Spielfreude das Publikum mitreißen. Das rasende Tempo, in dem die Texte vorgetragen werden, der ehrliche Tonfall, die Mischung aus Umgangssprache und Fachbegriffen regen zum Nachdenken an, ohne zu belehren.

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57. Stück: „Whiplash“ oder was ist ein guter Lehrer?

Einer der Filme, die mich in letzter Zeit wirklich mitgerissen und begeistert haben, ist das hervorragende Musikerdrama Whiplash, das von Leidenschaft, Kunst, Virtuosität und dem Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern erzählt.

Hier noch mal meine vollständige Kritik:

Whiplash von Damien Chazelle ist ein pulsierender Musikfilm, ein fesselndes Drama und richtig großes Kino. Hier stimmt einfach alles: Der Rhythmus des Schlagzeugs geht so ins Blut, durch Mark und Bein, dass einen die Musik auch ohne große Jazzkenntnisse mitreißt. Die beiden Hauptfiguren, der junge, talentierte Schlagzeuger Andrew und sein Lehrer Terrence Fletcher, sind so facettenreich gestaltet, dass sie einem trotz ihrer unsympathischen Wesenszüge ans Herz wachsen, man mit ihnen fühlt und um sie bangt. Wie die zwei ihr psychologisches Duell ausfechten, ist von nervenzerfetzender Spannung.

Die Dialoge sind rhythmisch genauso hervorragend gesetzt, pointiert und existenziell wie die Musik. Der Schnitt ist perfekt darauf abgestimmt (mehr als verdienter Oscar!). Und die Schauspieler machen ihre Arbeit so als ginge es um Leben und Tod (auch hier: mehr als verdienter Oscar für J.K. Simmons).Dabei werden so zeitlose, große Fragen der Menschheit und der Kunst aufgeworfen wie: was ist Leidenschaft und wie weit sollte man gehen, was sollte man alles dafür aufgeben, um sie ausüben zu können? Wie wird aus einem guten Künstler ein Virtuose, der über sich hinauswächst? Was macht den idealen Lehrer aus und was darf oder muss er tun, um seine Schüler zu fördern?Fazit: Nicht verpassen!

Einiges an dem Film hat mich an meine eigene Zeit an der Schauspielschule erinnert. Der Unterschied zwischen mir und dem jungen Schlagzeug-Genie Andrew in Whiplash ist jedoch, dass ich nicht zur Künstlerin tauge, zur Schauspielerin schon mal gar nicht. Und ich bin meinen Lehrern bis heute dankbar, dass sie in dem Punkt so ehrlich zu mir waren, mir nicht zu sagen „Gut gemacht“, obwohl wir alle wussten, dass meine Darstellung absolut niederschmetternd erbärmlich war. Hätte ich diese Erfahrung jedoch nicht gemacht, würde ich mich heute vielleicht fragen: Was wäre bloß gewesen, wenn …? Stattdessen kann ich nach Herzenslust meine Liebe zur Sprache ausleben, mit Worten jonglieren, Geschichten erzählen und meinen nimmersatten, neugierigen Geist mit komplizierten Fragen füttern wie: Was ist eigentlich ein guter Lehrer?

Ein guter Lehrer sollte auf jeden Fall ehrlich sein und einem untalentierten Schüler keinen Honig um den Bart schmieren, nur damit dieser sich kurzfristig besser fühlt. Denn als Lehrer sollte man mehr Lebenserfahrung, Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis besitzen als der Schützling und erkennen können, ob jemand in dem angestrebten Beruf bestehen kann oder nicht. Gerade im künstlerischen Feld, ob als Schauspieler, bildender Künstler, Maler oder Musiker, braucht man nicht nur Talent, sondern auch eine selbstsichere Persönlichkeit, ein dickes Fell und ein unerschütterliches Vertrauen darin, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat. Ein guter Lehrer hilft einem dabei.

Doch wie gelingt das? In Whiplash ist Terrence Fletcher der Überzeugung, nur das Beste für seine Schützlinge zu wollen und ihnen zu helfen, indem er sie wie Dreck behandelt. Wenn von ihm einmal ein aufmunterndes oder freundliches Wort, eine versöhnliche Geste kommt, dann bereitet er damit nur seinen nächsten Schlag ins Gesicht seines Schülers vor. Er tut dies, damit sie sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, faul, satt und zufrieden werden, sich nicht mehr anstrengen, auf der Stelle verharren und ihr Talent schließlich verdorren lassen. Denn Talent ist ja schön und gut – aber wenn man es nicht jeden Tag fordert und fördert, verkümmert es und ist dann zu nichts mehr nutze. So weit, so nachvollziehbar.

Fletcher übersieht in seiner eigenen verletzten Eitelkeit und Verbitterung meines Erachtens, dass es mehr Möglichkeiten im zwischenmenschlichen Umgang miteinander gibt als „Du bis super!“ und „Du bist das Letzte!“ Ein Lehrer im künstlerischen Bereich, dem selbst der große Erfolg verwehrt blieb, sollte seinen Frust nicht an den Schülern auslassen. Das mag Fletcher im Film nicht bewusst sein, doch genau das tut er. Er selbst musste dabei zusehen, wie sein eigenes Talent nicht voll zur Geltung kam, anstatt auf den großen Bühnen der Welt zu stehen, eine Berühmtheit zu sein, ein virtuoser Musiker, ist er Lehrer geworden und muss junge Menschen fördern, die noch all die Möglichkeiten haben, die ihm schon längst entwichen sind. Das kann frustrierend sein und es gibt viele, die das nicht verkraften und ihre Enttäuschung an den noch unfertigen Talenten und fragilen Persönlichkeiten ihrer Schützlinge auslassen.

Ein guter Lehrer ist also nicht nur ehrlich, fordert und fördert seine Schüler durch Kritik und engagiert sich dafür, dass sie am Ball bleiben. Er muss auch fair sein – und das ist Fletcher in Whiplash nicht.

Natürlich sollte ein Lehrer nicht einfach nur sagen „gut gemacht“, selbst wenn der Schüler wirklich bereits gut ist. Wobei ich einen Dozenten an der Schauspielschule hatte, der tatsächlich oft „gut gemacht“ gesagt hat und das fand ich in Ordnung, schließlich waren die anderen Dozenten dafür streng genug und dann war so ein bisschen Aufmunterung zwischendurch wie Seelenschokolade. Allerdings hatte ich auch Mitschüler, die daraufhin verwirrt waren und sich fragten, ob das jetzt ernst gemeint war und sie sich jetzt nicht mehr anzustrengen bräuchten, was ja eigentlich nicht sein kann, oder ob sich der Dozent lustig machen will. Da muss man natürlich als Schüler auch ein bisschen kritische Selbstreflexion ausüben und selbst gucken, was man noch verbessern kann oder halt nachfragen. Zu einem erfolgreichen Lehrer-Schüler-Gespann gehören eben zwei. Und da sollte man sich als Schüler nicht wie ein unselbstständiges Kleinkind ohne Verantwortungsbewusstsein und ohne Grips aufführen. Dann ist es verständlich, wenn dem Lehrer mal der Kragen platzt und er seine ehrliche Meinung nicht in konstruktiver Kritik vermittelt, sondern schonungslos offenlegt.

In allen anderen Fällen, also wenn der Schüler lernwillig, motiviert, engagiert, talentiert, zuversichtlich, selbstkritisch und kooperativ ist, sollte der Lehrer jedoch ruhig bleiben, Beleidigungen sein lassen und seinem Gegenüber mit Respekt begegnen. Respekt bedeutet hierbei, dass sich beide auf Augenhöhe befinden, nicht dass einer über dem anderen steht oder sich unter den anderen stellt. Kritik muss natürlich sein, also mit „gut gemacht“ ist es tatsächlich nicht getan. Perfekt geht nicht, aber besser geht immer. Das muss der Lehrer dem Schüler vermitteln.

Dabei gibt es jedoch verschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Bedürfnissen; die einen Schüler brauchen mehr Strenge, die anderen mehr Aufmunterung. Kommt ein Schüler mit starken Selbstzweifeln, der an sich selbst nicht so recht glauben kann, der jedoch wirklich Talent hat, sich aber nicht traut, dem zu vertrauen, hilft es zum Beispiel nicht weiter, wenn der Dozent dann sagt: „Du musst dich mehr anstrengen, mehr daran, daran und daran arbeiten, sonst wird das nichts.“ Das Ergebnis wäre ein Häuflein Elend, das sich abrackert und trotzdem nicht vorwärts kommt. Da wäre ein „Das und das ist schon sehr gut, das und das kannst du noch verbessern“ zielführender. Ist der Schüler aber von sich selbst total überzeugt, findet sich selbst super und ist der Meinung, er hätte den Unterricht eigentlich gar nicht nötig, muss er ein wenig gebremst werden. Da sollte man das Loben weglassen und gleich auf den Punkt bringen, was noch verbessert werden muss (nicht kann). Das sind nur zwei Extreme, es gibt selbstverständlich noch feinere Abstufungen in den unterschiedlichen Schülerpersönlichkeiten.

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53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

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46. Stück: „Requiem for a Dream“ als moderne „Glasmenagerie“?

Manchmal, wenn ich einen Film anschaue oder ein Buch lese, fallen mir meine alten Vorsprechrollen wieder ein. Vorsprechrollen sind Ausschnitte aus Theaterstücken, die Schauspieler zum einen für ihre Abschlussprüfung vorbereiten, zum anderen bei Castings und Vorsprechen präsentieren, damit die Regisseure, Dramaturgen und Produzenten sehen können, ob die Schauspieler was taugen. Das hat dann natürlich nichts mit der tatsächlichen Arbeit auf der Bühne oder vor der Kamera zu tun – es gibt viele Schauspieler, die vor Aufregung und Nervosität, oder einfach weil beim Vorsprechen kein wohlwollendes Gegenüber in Gestalt eines Publikums vorhanden ist, bei diesen Bewerbungsprozeduren ganz furchtbar, unter normalen Umständen aber ganz wunderbar sind – aber so ist das halt. Jedenfalls hatte ich bei meiner Abschlussprüfung drei Vorsprechrollen vorbereitet (Jean Anouilhs Antigone, St. Just aus Georg Büchners Dantons Tod und Sarah Kanes 4.48 Psychose) und weil ich das Stück von Sarah Kane gründlich vermasselt habe und das einfach nur peinlich war, arbeitete ich nach der Ausbildung stattdessen die Laura aus Tennessee Williams Die Glasmenagerie. Es hieß, die Rolle würde gut zu mir passen. Mädchenhaft. Verträumt. Scheu. Passt natürlich super, wenn man aussieht, wie Bambis kleine Schwester mit Zuckerguss. Ich habe diese Rolle nie hinbekommen. Und ich habe diese Rolle nach kurzer Zeit gehasst.

Warum? Weil es mich fürchterlich genervt hat, dieses mädchenhafte, verträumte, scheue Geschöpf zu spielen, das überhaupt nicht aufbegehrt. So was zu spielen ist langweilig. Auch, wenn es vielleicht realistisch ist und es in der wirklichen Welt viele Menschen gibt, die so sind. Die sich in ihre Traumwelt zurückziehen und darin bleiben. Und nie verändert sich irgendetwas. Aber auf der Bühne ist das öde – sowohl für den Schauspieler als auch für den Zuschauer.

Jedenfalls fiel mir diese Laura wieder ein, beziehungsweise Tennessee Williams Glasmenagerie und das Figurenensemble darin, als ich für meine Masterarbeit über Mentale Metadiegesen im zeitgenössischen Film Darren Aronofskys Requiem for a Dream anschaute. Bei mentalen Metadiegesen handelt es sich sozusagen um Binnenerzählungen – also kurzen Erzählungen in größeren Erzählungen – die das Innenleben beziehungsweise das, was in den Köpfen der Figuren vorgeht, darstellen. Das können Erinnerungen, Träume, Visionen, Vorstellungen oder auch ausgedachte Geschichten sein.

In der Glasmenagerie gibt es vier Figuren, beziehungsweise fünf, wenn man den abwesenden Vater mitzählt. Die Familie Wingfield bestehend aus den Geschwistern Laura und Tom sowie aus der Mutter Amanda und ein Kollege und Schulkamerad von Tom, Jim O’Connor. Amanda Wingfield trauert ihrer Jugend nach, Laura ist leicht körperlich behindert (ein Bein ist kürzer als das andere) und Tom wäre gern Schriftsteller. Jim hat große Pläne als Geschäftsmann und nimmt an Rhetorikkursen teil. Alle Figuren flüchten sich in Träume und Vorstellungen, versinken völlig darin und vergessen darüber ihre Realität. Einzig Tom schafft es irgendwann, aus diesen beengten Verhältnissen auszubrechen und geht zur Marine. Doch den Traum, als Schriftsteller zu arbeiten, muss er dafür aufgeben. Und seine Familie – wie damals sein Vater – im Stich lassen.

Hier ist ein kleiner Einblick in das Stück, Schauspieler erzählen etwas über die Figuren:

Requiem for a Dream stellt ebenfalls vier Figuren in den Mittelpunkt, auch hier ist der Vater abwesend. Die Mutter Sara Goldfarb lebt für ihren Traum, als Kandidatin in ihrer Lieblings-Fernsehsendung aufzutreten. Ihr Sohn Harry ist drogensüchtig, dessen Kumpel Tyrone ebenfalls und es dauert nicht lange, da spritzt sich auch seine Freundin Marion Heroin. Doch auch diese Drei haben einen Traum. Sie wollen durch Dealen viel Geld verdienen, damit Marion als Modedesignerin in ihrer eigenen Boutique arbeiten kann. Wenn sie genug Geld zusammenhaben, wollen sie seriös werden und ein normales, bürgerliches, anständiges Leben führen.

Hier ist der Trailer zu Requiem for a Dream:

Sicher gibt es Unterschiede zwischen der Glasmenagerie und Requiem for a Dream. In dem Stück nimmt keine der Figuren Drogen, die in dem Film eine zentrale Rolle spielen. In dem Film ist keine der Figuren körperlich beeinträchtigt, im Stück ist es ein wichtiger Teil der Figur Laura, dass diese eine leichte Behinderung hat und dies mit ein Grund für ihre Minderwertigkeitskomplexe ist. Aber ich finde, vom Thema her und von der Atmosphäre lassen sich die beiden Werke durchaus vergleichen. In beiden Geschichten geht es um zerbrochene Träume und um Figuren, die trotz aller Widrigkeiten an ihren Träumen festhalten, bis sie schließlich zu ihrem einzigen Daseinsgrund und Lebensinhalt geworden sind. Tom fällt aus diesem Muster zwar heraus, aber ich denke, an seiner Figur kann man erkennen, wie sehr Laura, Amanda und auch Jim sich etwas vormachen – was gleichzeitig ihr Verderben und ihre Lebensgrundlage darstellt. Im Film braucht es eine solche Figur nicht, denn durch filmische Mittel werden die zerbrochenen Träume und die Realität der Figuren nebeneinander gestellt und auf diese Weise das erzählt, was in der Glasmenagerie durch die Figur Tom klar wird.

Vielleicht habe ich damals die Figur der Laura auch schlichtweg fehlinterpretiert und deswegen war die Rollenarbeit an ihr ein solches Desaster. Sie ist nämlich nicht einfach nur mädchenhaft, scheu und verträumt. Sie ist hin und her gerissen, wie sämtliche Figuren in der Glasmenagerie und auch in Requiem for a Dream, zwischen ihren Träumen und der Wirklichkeit und das macht sie zu einem ambivalenten, widersprüchlichen Charakter. Eigentlich also doch nicht so langweilig. Vielleicht würde die Geschichte der Glasmenagerie heutzutage im „White Trash“-Millieu gut funktionieren und vielleicht würde Amanda nicht ihrer verlorenen Jugend hinterher trauern, sondern hoffen, in einer Fernsehshow auftreten zu dürfen. Vielleicht würden Tom und Jim nicht in einer Schuhfabrik arbeiten, sondern versuchen mit Drogenhandel das schnelle Geld zu verdienen, um sich ein freies, eigenständiges und seriöses Leben darauf aufzubauen. Und vielleicht würde Laura sich davon verführen lassen und statt Glastierchen zu sammeln plötzlich dem Heroin verfallen.

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42. Stück: Theater, Kultur und das Internet

Vor einiger Zeit hatte ich in einem bekannten sozialen Netzwerk einmal eine interessante Diskussion mit einer Theatermacherin über die Vor- und Nachteile des Internets für die Theaterkunst. Sie sah im Internet eine Gefahr für die Kultur im Allgemeinen und die Theaterkunst im Besonderen und befürchtete, dass das Theater und die Kultur durch das Internet an Wert verlieren könnten. Ich habe den Eindruck, gerade im Bereich der „alten“ Medien gibt es nach wie vor ein großes Misstrauen gegenüber den „neuen“ Medien. Das ist wohl eine Art Konkurrenzdenken und es herrscht vielleicht unterschwellig die Angst vor, dass die neuen Medien die alten verdrängen könnten. Diese Angst gab es in der Vergangenheit häufiger als das Kino das Theater zu verdrängen drohte, als das Fernsehen das Kino zu verdrängen drohte und aktuell muss sich das Fernsehen gegen die Konkurrenz Internet wehren. Auf der anderen Seite gibt es das Theater, das Kino und das Fernsehen immer noch, trotz des Internets.

Mein Standpunkt in der Diskussion war, dass nicht alles, was neu und ungewohnt ist, automatisch schlecht sein und das Alte verdrängen muss. Schließlich kann man sich das Neue doch auch mit einer gewissen Neugier anschauen und gucken, wie man das für sich nutzen kann. Es muss doch nicht immer jeder in seiner eigenen Soße herumbrutzeln, sondern man kann doch auch mal interdisziplinär und medienübergreifend zusammenarbeiten und Mischformen finden. Oder man nutzt das Internet, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist nämlich eine große Gefahr bei den Traditionalisten unter den Kulturschaffenden, dass sie ihr eigenes Süppchen kochen und sich für Dinge, die außerhalb dessen existieren, nicht interessieren. Ich finde das schade, denn schließlich ist es doch das Wesen der Kunst, Horizonte zu erweitern, neue Perspektiven aufzuzeigen, kontroverse Standpunkte zu diskutieren und die Welt ein kleines bisschen bunter, lebendiger und vielfältiger (und damit auch toleranter und offener) zu machen. Zumindest sehe ich das so.

Ein wunderbares Beispiel, wie Kulturschaffende von den neuen Medien, insbesondere dem Internet und seinen sozialen Netzwerken, profitieren können, ist die sogenannte „Revolution der Künstler“ mit ihrem „art but fair“-Logo, die sich in den letzten Monaten in rasender Geschwindigkeit entwickelt hat. Angefangen hat die Bewegung mit einer Facebook-Seite über „Die traurigsten und unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse“ und inzwischen haben sich mehr als 9000 Sympathisanten und Leidensgenossen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen zusammengefunden, die gemeinsam für faire Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich eintreten wollen.

Letztes Jahr hatte ich mir ja bereits in meinem Essay über die Situation der Schauspieler ein Gedankenspiel ausgedacht, was wäre, wenn einfach mal alle Schauspieler und Kulturschaffenden streiken würden. Es scheint leider in der menschlichen Natur zu liegen, schöne Dinge erst zu schätzen, wenn einmal der Verlust derselben miterlebt wurde. Sonst hält man sie offenbar für selbstverständlich und was selbstverständlich ist, ist nicht kostbar, also auch nichts wert. Das ist zwar blöd, aber so ist das halt. Es muss ja auch kein Generalstreik sein, aber dass zumindest mal in irgendeiner Weise darauf aufmerksam gemacht wird, in aller Deutlichkeit, dass Kunst, Kultur, Theater und Medien überlebenswichtig sind, egal um welche Branche oder Disziplin es sich handelt. Wir sitzen da ja ohnehin alle in einem Boot, ob wir uns jetzt bloggend, singend, schreibend, darstellend, organisierend oder forschend mit den Themen Theater, Kunst, Kultur und Medien auseinandersetzen, das wird ja alles als Spaß an der Freude betrachtet, anstatt als „vernünftiger Broterwerbsjob“. Dabei sollte es doch möglich sein, Freude am Tun und angemessene Entlohnung zu vereinen. Wie dem auch sei, man kann ja so idealistisch sein, wie man will, wenn man da allein gegen Windmühlen kämpft, kann man die Aussicht auf Erfolg aber auch gleich mal wieder vergessen. Und jetzt kommt das Internet ins Spiel. Durch das Internet können Menschen kostenlos ihre Gedanken unter die Leute bringen (zugegebenermaßen ist das gleichzeitig Segen und Fluch), ihr Können zeigen, Werbung für sich machen, Aufmerksamkeit erregen und durch die sozialen Netzwerke auf Gleichgesinnte treffen und sich mit ihnen zusammentun. Es ist denke ich wichtig, dass Kulturschaffende jeder Sparte an einem Strang ziehen und sich gegenseitig helfen, mit Rat und Tat zur Seite stehen, dass erfahrene Profis den Anfängern dabei helfen, sich nach dem Abschluss oder auch schon während der Ausbildung zu orientieren. Die müssen ja auch erst einmal lernen, seriöse Angebote von Abzocke-Angeboten zu unterscheiden, lernen, wie viel Gage sie verlangen können und sollten, was zu den Bewerbungsunterlagen unbedingt dazugehört, und so weiter. Diese ganzen unsexy Notwendigkeiten, ohne die keiner einen Fuß in die Tür bekommt. Und man muss wissen, bis wann ist es OK, Studentenjobs und Praktika zu machen oder Projekte mit Freunden, um Erfahrung zu sammeln. Irgendwann kommt nämlich der Punkt, da hat man dann erstmal genug gelernt, genug Kontakte geknüpft und sich vernetzt, und dann muss man anfangen, Geld zu verdienen, ganz profan. Da ist man als Anfänger noch ganz orientierungslos, aber im Internet kann man sich mit „alten Hasen“ beraten und diese wiederum können von den jungen Leuten neue Impulse und Ideen bekommen. Da kann man sich gegenseitig helfen und inspirieren.

Ich weiß, ich schmeiß hier gerade übelst mit metaphorischen Gänseblümchen durch die Gegend, aber ich halte das einfach für keine gute Idee, neue Medien zu verteufeln, anstatt sich mal mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich durch eine Verknüpfung von Altem und Neuem ergeben können. Übrigens finde ich auch, dass das Internet nicht nur Möglichkeiten für Kulturschaffende untereinander bietet, sondern auch die Kommunikation zwischen ihnen und dem Publikum ganz neue Wege gehen kann. Das Thalia Theater in Hamburg ist da teilweise schon sehr innovativ. So haben beispielsweise Zuschauer die Möglichkeit, über die Stücke, die sie dort gesehen haben, auf deren Homepage eine Kurzkritik oder einen Kommentar zu schreiben. Oder letztes Jahr gab es ein – wie ich finde – ziemlich interessantes Experiment. Da durften die Zuschauer teilweise über das Internet drei Stücke auswählen, die auf den kommenden Spielplan gesetzt wurden. Es gab zwar reichlich Genörgel von Theaterkritikern, weil sie das für eine doofe Idee hielten, ich weiß aber gar nicht warum. Vermutlich, weil das Fußvolk ja gar nicht genug Ahnung hat, um entscheiden zu können, was es sehen will, oder etwas in der Richtung. Ich finde das super, denn auf diese Weise weckt man das Interesse des Publikums am Theater. Und wenn sie Stücke wählen, die kein vernünftiger Dramaturg jemals ausgesucht hätte, kann das doch eine wunderbare Möglichkeit sein, auch künstlerisch einmal über den Tellerrand zu gucken.

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Eingeordnet unter Beruf Schauspieler, Film und Fernsehen, Internet und neue Medien, Publikum, Theater

40. Stück: Katja Riemann und der fettnäpfchentretende Moderator

Die NDR-Talkshow „Das!“ hat wieder einmal mit einem peinlichen Interview von sich reden gemacht. Allerdings ist es dieses Mal nicht eindeutig, für wen es beschämender war, für den Gast oder den Moderator. Jedenfalls gab sich Katja Riemann, der Gast, große Mühe, der harmlosen Plauderei ein wenig Tiefsinn zu geben, während der Moderator Hinnerk Baumgarten mit wachsender Ratlosigkeit versuchte, das ihm entgleitende Gespräch wieder auf ein freundliches Plauderniveau zu heben. Da prallten einfach mal zwei völlig konträre Absichten frontal aufeinander, dass es nur so krachte. Aber bevor ich das bemerkenswerte Interview weiter analysiere, ist hier erstmal das Video:

Mir tut Hinnerk Baumgarten ja schon leid. Ich finde, der wirkt wie ein netter, sympathischer Kerl, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, als Katja Riemann ihn vor allen Leuten demontiert. Allerdings – und da zeigt er sich leider etwas unflexibel – stellt er der armen Katja Riemann wirklich selten dämliche Fragen. Wenn ich in ein Interview ginge mit lauter tiefsinnigen, intellektuellen Gedanken im Gepäck, und dann werde ich nach meinen Haaren gefragt, Mann, da wäre ich aber auch so richtig genervt. Im Grunde ist das Sexismus, mit Verlaub, auch wenn der Begriff vor ein paar Wochen vielleicht etwas überstrapaziert wurde und den jetzt sowieso keiner mehr ernst nimmt. Nicht, dass das vorher irgendwer getan hätte. Trotzdem, eine Frau auf ihre Haare zu reduzieren, ist plumper Sexismus. Dementsprechend runzelt Katja Riemann da auch bereits irritiert die Stirn und scheint sich zu fragen, wo sie denn da gelandet sei. Meiner bescheidenen Ansicht nach ist ihr Sich-auf-den-Schlips-getreten-fühlen ob dieser blöden, überflüssigen und nicht im geringsten interessanten Frage nicht zu übersehen. Das hätte man als Moderator merken und rechtzeitig gegenlenken können. Zum Beispiel, indem man sich entschuldigt und die Flucht nach vorn antritt: „Entschuldigen Sie, die Frage war gerade echt dämlich, lassen Sie uns das Thema wechseln …“

Aber stattdessen reitet er weiter auf dieser Haargeschichte herum, da ist Katja Riemanns lapidarer Kommentar „Das is ne Perücke“ finde ich durchaus angebracht. Und lustig. Jedenfalls, durch diese haarige Angelegenheit hat er es sich dann mit ihr verscherzt und danach war sie endgültig auf Krawall gebürstet, scheint es mir. Man merkt zwischendurch, wie sie ihre Genervtheit vergisst, wenn sie von ihrem Beruf spricht, und das sind die interessanten Momente des Interviews. Schade, dass der Moderator sie darin unterbricht und nicht merkt, dass Frau Riemann keineswegs in Plauderlaune ist. Also, so sympathisch er auch sein mag, da muss man sich meiner Meinung nach als Interviewer schon ein wenig darauf einstellen, worüber der Gast gerne sprechen möchte und worüber nicht. Und als er dann das Filmchen aus Katja Riemanns Heimatörtchen zeigt und sie knallt ihm ein „wahnsinnig peinlich“ in die Fresse, als er fragt, wie sie sich danach gefühlt habe, finde ich das eigentlich ganz erfrischend. Endlich sagt das mal einer. Denn diese Filmchen mit dem Privatgedöns der Leute, das interessiert doch wirklich niemanden und das ist immer peinlich. Das sagt bloß keiner, weil alle höflich sind. Aber Katja Riemann scheint darauf zu pfeifen, ob sie höflich wirkt oder nicht. Und das ist irgendwie cool. Ich kann sie auch absolut verstehen, dass sie nicht gern über sich als Privatperson spricht, sondern lieber über das, was sie tut. Das ist doch auch viel spannender. Ich persönlich will eigentlich gar nicht so genau wissen, wie die Schauspieler als Privatmenschen sind, nachher muss ich beim nächsten Film die ganze Zeit daran denken, was der als Privatmensch für ein Arsch ist. Dann kann man doch gar nicht mehr der Geschichte folgen. Außerdem, ich habe das selbst schon auf der Schauspielschule gehasst wie die Pest, wenn ich erzählen sollte, wie es mir persönlich „dabei ging“, wie ich mich „gefühlt“ habe. Was soll man denn auf so einen Mumpitz antworten? Denn mit „ganz OK“ lässt sich ja niemand abspeisen. Im Gegenteil, das spornt dann den Fragensteller erst richtig an, noch dämlichere Fragen zu stellen.

Trotz allem Verständnis für Katja Riemanns Reaktion muss ich allerdings sagen, dass sie schon auch etwas freundlicher und nachsichtiger mit Hinnerk Baumgarten hätte sein können. Sie muss doch auch ihrerseits gemerkt haben, dass er sich nur nett unterhalten wollte und dass er auch ein wenig nervös war, so eine berühmte Schauspielerin interviewen zu dürfen. Ihn dann zusammenzufalten und gegen die Wand laufen zu lassen wie einen dummen Jungen ist nicht gerade die feine Art. Es gibt sicher nicht wenige, die sie jetzt als arrogante Ziege betrachten und keine Lust mehr haben, ihre Filme zu sehen. Das ist vom Selbstmarketing her kontraproduktiv. Klar, als Schauspieler hasst man das in der Regel, dieses Selbstmarketing. Das hört sich so unauthentisch an, so verlogen, so rein profitorientiert. Dinge, die den meisten Schauspielern zuwider sind, die lieber eine Geschichte erzählen wollen oder erforschen möchten, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten und warum. Aber leider gehört das dazu, so sehr es mir selbst auch missfällt. Wobei Katja Riemann schon versucht hat, die nervigen Fragen elegant zu umschiffen und das Thema auf Dinge zu lenken, über die sie gern reden möchte. Aber dann kam immer eine neue trutschige Frage, die sie immer weniger Lust hatte, zu beantworten. Immerhin redet man jetzt über sie, das ist ja auch eine Form von Marketing.

Jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass der arme Hinnerk Baumgarten so schnell keine Lust mehr haben wird, Katja Riemann zu interviewen. Oberflächlich-fröhlicher Sonnyboy und intellektuell-tiefsinniger Stinkstiefel passen dann auch einfach nicht zusammen.

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39. Stück: Katrin Sass‘ Zorn – Arroganz oder berechtigte Empörung?

In letzter Zeit kursiert im Internet ein Videoausschnitt von der Markus Lanz-Talkshow, in dem Katrin Sass (56, „Goodbye Lenin“) Peer Kusmagk (37, Dschungelkönig bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ 2011) ziemlich aufgebracht zusammengefaltet hat. Grund ihres Zorns war die Grimme-Preis-Nominierung für das „Dschungelcamp – Ich bin ein Star holt mich hier raus“.

Frau Sass echauffiert sich darüber, dass infolge dieser Nominierung nun einige so täten – aus ihrer Sicht – als sei das „Dschungelcamp“ große Kunst und intellektuell wertvolles Kulturgut. Das hält sie für „Unfug“, denn schließlich gehe man ja nicht in den Dschungel, um Känguruhoden zu vertilgen, sondern man mache bei der Show mit, weil man das Geld haben wolle und sich zudem Publicity erhoffe, und dann solle man das auch so sagen und nicht behaupten: „Ich esse Schwänze, aber mit erhobenen Hauptes!“

Wer sich Katrin Sass‘ Ausraster noch einmal anschauen möchte, kann das hier tun:

Nun, meine erste Reaktion war Zustimmung für Katrin Sass. Ein bisschen Mitleid mit Peer Kusmagk, der ja überhaupt nichts dafür kann, dass er Dschungelkönig geworden und die Sendung für den Grimme-Preis nominiert ist. Und nun sitzt er da in einer Talkshow, ahnt nichts Böses, will ein bisschen was aus seinem Leben erzählen und wird dann so fies zusammengefaltet und kriegt den ganzen heiligen Zorn von Katrin Sass ab. Das ist natürlich nicht sehr nett, aber inhaltlich konnte ich Frau Sass Ärger nachvollziehen. Bevor jetzt alle sagen, ja klar, diese arroganten Intellektuellen immer, die halten auch dauernd zusammen, möchte ich erklären, warum ich Frau Sass in einigen Punkten zustimme.

Als Schauspieler hat man es sowieso schon nicht leicht, ernst genommen zu werden. Das Image des fahrenden Volkes haftet ihnen nach wie vor an und es herrscht die Meinung vor, dass Schauspieler ja schließlich aus Spaß schauspielen und das sei ja auch kein richtiger Beruf und außerdem so ein bisschen Text aufsagen, das kann ja jeder und selber Schuld, wer sich entscheidet, Künstler zu werden und warum sollte man die dann auch noch anständig bezahlen. Überspitzt formuliert und Ausnahmen bestätigen die Regel. Das betrifft übrigens nicht nur die unbekannten Nobodys die frisch von der Schauspielschule sich ins Haifischbecken gesammelter Eitelkeiten stürzen, sondern auch renommiertere Schauspieler müssen zusehen, wie sie ihre Miete und täglich eine warme Mahlzeit bezahlen. Wenn dann eine Sendung wie das „Dschungelcamp“, das Zehntausende von Euros dafür ausgibt, damit irgendwelche Leute eklige Sachen essen, für eine wichtige Auszeichnung wie den Grimme-Preis nominiert wurde, kann ich nachvollziehen, dass man sich da als Schauspieler mit jahrzehntelanger Bühnen-, Film- und Fernseherfahrung und fundierter Ausbildung verarscht vorkommt.

Dann aber habe ich recherchiert und bin ins Grübeln gekommen. Peer Kusmagk hat nämlich auch eine fundierte Ausbildung absolviert, am Lee Strasberg Institute in den USA. Gut, ich persönlich halte von Strasberg nicht viel, aber nichtsdestotrotz ist das eine anerkannte Schauspielausbildung. Auch er hat Fernseh- und Schauspielerfahrung gesammelt über mehrere Jahre. Sprich: Er ist genau so ein Profi, wie Katrin Sass. Auch wenn ihn vielleicht nicht so viele Leute kennen und er weniger auf der Bühne und im Kino unterwegs ist und mehr im Fernsehen in Serien oder als Moderator. Das ist etwas anderes, aber es ist keineswegs schlechter oder weniger ehrenwert.

Und wie ist das mit dem Grimme-Preis? Ist das wirklich so abwegig, dass das „Dschungelcamp“ nominiert wurde? Auch da, meine erste Reaktion: Empörung! Wie kann man nur! Der Grimme-Preis! Das Dschungelcamp! Unmöglich! Schaut man auf der Homepage des Grimme-Preises, findet man dort folgende Erklärung: „Mit einem Grimme-Preis werden Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind. Leitziel der im Grimme-Preis institutionalisierten Fernsehkritik ist eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Fernsehen, das als zentrales und bedeutsames Medium mit vielfachen gesellschaftlichen Bezügen und Wirkungen verstanden wird. In diese kritische Auseinandersetzung sind alle Themen und Formen des Fernsehens einbezogen.“

So gesehen ist das also doch nicht so bescheuert, das „Dschungelcamp“ in der Kategorie Unterhaltung zu nominieren. Wenn man da mal so darüber nachdenkt ist das höchst interessant. Immerhin haben sie es mit der Nominierung ja auch geschafft, dass unsere Vorstellungen von Kultur nun neu reflektiert werden und vielleicht auch werden müssen. Ich hatte mich ja bereits darüber aufgeregt, dass hierzulande immer alles in E(rnste) und U(nterhaltsame) Kultur unterteilt wird. Meiner Meinung nach sind die Produktionen am besten, die beides vereinen. Das „Dschungelcamp“ hätte ich jetzt – Asche auf mein Haupt, auch ich bin nicht frei von Vorurteilen – in die Kategorie „nur unterhaltsam“ gepackt. Aber die Moderatoren üben ja durchaus ironische Distanz zu dem Geschehen im Dschungel, was dann meiner Ansicht nach das Ganze wieder im Niveau hebt. Also, reiner purer Trash ist das gar nicht unbedingt. Auch wenn viele Teilnehmer geltungssüchtige Niemande sind, die sich in den Mittelpunkt stellen und die Publicity haben wollen oder Pleite-Promis, die das Geld brauchen, sind ja auch immer wieder Kandidaten wie Olivia Jones dabei, die das aus Jux machen und Selbstironie beweisen. Und ich bin sicher nicht die Einzige, die sich ob dieser Nominierung nun kritisch mit dem Medium Fernsehen auseinandersetzt. Da sind doch, mal ganz ehrlich, die Kriterien für eine Grimme-Preis-Nominierung für das „Dschungelcamp“ erfüllt.

Zusammengefasst komme ich also zu folgendem Schluss: Katrin Sass‘ Zorn über das Nicht-ernstgenommen-werden des Schauspielerberufs – was ich als eigentlichen Grund für ihren Ausraster sehe – ist durchaus begründet. Vermutlich hat auch sie sich nicht wirklich über den Grimme-Preis und Peer Kusmagk informiert und auch sie hat das „Dschungelcamp“ voreilig als Mist abgetan. Wenn man allerdings ein wenig darüber nachdenkt, ist die Nominierung durchaus sinnvoll. Und Peer Kusmagk war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

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