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52. Stück: Ausstellung „Krieg und Propaganda 14/18“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe

Im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist zurzeit noch bis zum 2. November 2014 eine sehr spannende Ausstellung zu sehen, die sich mit der Rolle der Propaganda im ersten Weltkrieg beschäftigt. Gleich zu Beginn von „Krieg und Propaganda 14/18“ wird man auch als Museumsgänger von heute, 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg, in die Propagandamühle hineingesogen. Aus Lautsprechern schallen abwechselnd Motivationsreden und die erste Strophe der deutschen Nationalhymne – die gruseligerweise auch noch Stunden später, nach Verlassen der Ausstellung, als Ohrwurm nachhallt. Zu Beginn werden beunruhigte Stimmen skeptischer Zeitzeugen mit den grellbunten Propagandaplakaten – die an Werbeplakate angelehnt sind – gegenüber gestellt. Ein wenig schade ist, dass im ersten Teil nur die britische und die deutsche Seite beleuchtet werden. Aber irgendeine Auswahl muss man wohl treffen, wenn man eine Ausstellung organisiert.

Die griffigen Slogans, die Heldenmythisierung wirken wie eine Mischung aus Motivationsgerede, emotionaler Erpressung, Fußballeuphorievokabular, Appell ans Pflichtbewusstsein und Werberhetorik. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer das ist, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Bei der Dämonisierung des „Feindes“ geht es dann schon plumper zu: Völlig unsubtil wird gesagt, der Brite an sich sei Schuld, wenn in Deutschland Menschen Hunger leiden und arbeitslos sind. Oder es werden völlig hanebüchene Statistiken ausgedacht, die die Deutschen als in jeder Hinsicht überlegenes Volk präsentieren.

Die Kinder werden später durch patriotisches Spielzeug und Geschichten mit klarem Feindbildbezug indoktriniert. Volksveranstaltungen mit patriotischem Heldengeschwurbel, Filmpropaganda, Kriegshelden-Devotionalien, Satirezeitschriften, Lügen und die Verdrehung von Tatsachen tun ihr Übriges, um die Menschen auf Krieg einzustellen und plötzlich in Grenzen und Territorien zu denken, statt in Nächstenliebe und Toleranz.

Wenn man diese Methoden offenbart sieht, gibt einem das zu denken. Zwar leben wir im Moment in Europa in Frieden und so schnell hat hier wohl keiner Lust auf einen dritten Weltkrieg. Aber wenn doch, greifen die gleichen Propagandamittel wie vor hundert Jahren immer noch. Propaganda fängt ja bereits da an, wo eine Auswahl getroffen wird. Denn dann überblickt man nicht mehr objektiv das ganze Gesamtbild, sondern bekommt eine bestimmte Sicht der Dinge präsentiert, wird in eine Richtung gelenkt. Das muss nicht immer schlimm sein, aber da beginnt schon die Manipulation und Meinungsmache. Insofern ist es vielleicht auch ein wenig paradox, dass auch eine Ausstellung zu Propaganda eine Auswahl treffen muss. Vielleicht ist vollkommene Objektivität auch gar nicht möglich. So bleibt es bei jedem Einzelnen, sich über mehrere Sichtweisen zu informieren, sich umzuschauen, über den Tellerrand zu blicken, neugierig und offen zu bleiben. Und im Hinterkopf zu behalten, gegenüber allzu einfachen Patentrezepten, Formeln und Slogans stets skeptisch zu bleiben.

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50. Stück: Kunst, Theater, Politik und Extremismus

In Frankreich gibt es zurzeit einen beängstigenden Rechtsruck. Der rechtsradikale Extremismus des Front National hat nun auch die Kunst erreicht, genauer gesagt, das Theater, insbesondere das Festival d’Avignon. Der Direktor des Festival d’Avignon Olivier Py ist entsetzt, dass der Front National in der ersten Runde bei den Kommunalwahlen die Mehrheit eingefahren hat und plant, das Festival woanders stattfinden zu lassen oder seinen Hut zu nehmen, sollten die Rechtsradikalen auch die zweite Runde, die morgen am 30. März stattfindet, gewinnen. Für dieses Jahr könne man zwar nicht mehr viel am Programm ändern, doch für nächstes Jahr würde er sich bemühen, das Festival d’Avignon in Spielstätten der Nachbarorte zu verlegen – oder gehen. Nun kann man natürlich fragen, was die politische Einstellung des Bürgermeisters einer Stadt mit ihrer Theaterkultur zu tun hat? Sollten Theater und Kunst nicht um ihrer selbst existieren und sich nicht in die Politik einmischen?

Olivier Py sagt – und da stimme ich ihm voll und ganz zu – Nein! „Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, wie es möglich sein soll, mit einer Bürgerschaft aus dem Front National zusammenzuarbeiten“, stellt er im Interview mit laprovence.com klar. Er begründet: „Die Werte des Front National sind das absolute Gegenteil der Werte des Festival d’Avignon und sogar das Gegenteil der Werte von Avignon selbst, die eine multikulturelle Stadt ist.“ Und im Interview mit Télérama.com betont er, die „Kultur ist keine gutbürgerliche Unterhaltung, sie ist eine politische Waffe“ und erläutert: „Kultur soll offen machen für das Andere, die Unterschiede, das Fremde. Jean Vilar selbst – der das Festival 1947 gründete – mochte den Begriff ‚Festival‘ nicht; er hätte den Begriff ‚Begegnungen‘ bevorzugt.“

Gerade wenn ein Land in gefährliche politische Schieflage gerät und sich Extremismus breit macht, sich in die Seelen und Gehirne der Menschen frisst, dann MUSS Kunst Stellung beziehen, zum Nachdenken anregen, ein Gegengewicht bilden, Aufschreien und auf die Barrikaden gehen. Wenn nicht die Kunst, wer sonst? Aber ist es der richtige Weg, mit Kündigung oder Flucht zu drohen? Ist das nicht feige? Olivier Py führt im Interview mit Télérama.com als Beispiel die Reaktion von Charles De Gaulle und Pétain während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an. De Gaulle ging nach London und organisierte von dort aus die Résistance-Bewegung mit. Pétain blieb und kollaborierte mit den Besatzern und machte schließlich gemeinsame Sache mit ihnen. Sicher kann man einwenden, dass der Front National noch keinen Völkermord begangen oder sich daran beteiligt habe und dass der Vergleich daher hinke. Doch: So fängt es an.

Die Nazis hat man Ende der 1920er Jahre auch noch überwiegend für Spinner gehalten, dann fingen immer mehr Menschen an, mit ihnen zu sympathisieren. Je schlechter es dem Land ging, desto radikaler wurde nach Schuldigen dafür gesucht. Und da kam Hitler, präsentierte ein willkommenes Feindbild und der Rest ist bekannt. Aber nun geht es wieder vielen Ländern schlecht, es wird nach Schuldigen gesucht und da ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte wiederholt. In verschiedenen Ländern Europas haben die Rechtsradikalen wieder Hochkonjunktur, in den Niederlanden, in Griechenland, in Russland natürlich, in Frankreich und in der Schweiz. Nationalismus ist wieder en vogue und mir ist das gelinde gesagt unheimlich.

Was aber können Kunst und Theater bewirken? Plumpe, reißerische und effektheischende Provokation à la Rodrigo García halte ich für schwierig. Entweder, die Leute fühlen sich verarscht, sind beleidigt oder applaudieren begeistert und nicken wohlwollend die Kritik ab, gehen nach Hause und das war’s. Wirklich über Inhalte, Standpunkte und ihr eigenes Verhalten dabei nachdenken tun sie dadurch nicht. Auch politisches Theater à la Brecht – und da gehe ich mit René Pollesch d’accord – ist nur bedingt geeignet, Menschen zum politischen Nachdenken zu mobilisieren. Da wird dann die moralische Keule geschwungen und schulmeisterlich der Zeigefinger erhoben und am Ende weiß man zwar, was der Autor des Stücks für politisch richtig hält, doch eine eigene kritische Meinung bildet man sich dabei nicht wirklich. Dann doch lieber ein schöner Skandal, weil irgendein spätpubertierendes Performance-Enfant-Terrible auf der Bühne Kunstblut über eine Jesusfigur im Nacktkostüm gießen lässt.

Weiter seine Arbeit machen und zu hoffen, man könnte im Kleinen vielleicht gelegentlich ein kleines Bisschen dezenten Widerstand leisten, funktioniert mit Sicherheit nicht. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen in Klaus Manns Mephisto. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass mit einem Theaterstück oder einem anderen Kunstwerk überhaupt Stellung bezogen und etwas ausgesagt wird. Man kann auch verschiedene, konträre Standpunkte gegenüber stellen. Und dann sind Vielfalt und Gegensätzlichkeit wichtig, weshalb die kulturelle Landschaft eines Landes und einer Stadt auf keinen Fall weiter ausgedünnt werden darf. Schließlich denke ich, sollten sich Künstler und Kulturschaffende nicht hinter ihren Kunstwerken verstecken, sondern hervortreten und ihre Meinung sagen, so wie das Olivier Py getan hat. Dabei muss man auch bereit sein, notfalls Konsequenzen zu ziehen, die einem schwer fallen. Als im September 2010 der Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Friedrich Schirmer, zurücktrat, war das zwar erst ein Schock. Er wurde von vielen Seiten für diese Entscheidung angefeindet. Aber wäre er geblieben, hätte das Schauspielhaus nicht auf seine Misere aufmerksam machen können und hätte sich davon vielleicht niemals erholt.

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47. Stück: The Hunger Games vs. Twilight

In den letzten Jahren sind hauptsächlich zwei Buchreihen aus der Masse hervorgestochen, die sich dem Fantasygenre zuordnen lassen. „The Hunger Games“ von Suzanne Collins – zu Deutsch „Die Tribute von Panem“ – und die „Twilight“-Reihe von Stephenie Meyer. Über den Erfolg der „Twilight“-Reihe hatte ich mich vor ein paar Jahren bereits gewundert. Über den Erfolg von „Die Tribute von Panem“ hingegen wundere ich mich überhaupt nicht, sondern bin erfreut. Denn das ist richtig gute Literatur: spannend, sozialkritisch, vielschichtig und mit interessanten Figuren, deren Beweggründe sich nachvollziehen lassen (auch bei den ‚Bösewichtern‘).

Da bietet es sich meiner Meinung nach an, die beiden Buchreihen mal miteinander zu vergleichen. In „Twilight“ wie auch in „Panem“ gibt es eine Dreiecksliebesgeschichte. Während es bei „Twilight“ ein Leichtes ist, den einen oder den anderen Kerl zu bevorzugen, ist das bei „Panem“ im Grunde unmöglich, weil beide Figuren so facettenreich und vielschichtig gestaltet sind, das mal der eine, mal der andere sympathischer erscheinen. Darüber hinaus sind auch die Gefühle der Hauptfigur Katniss den beiden Jungs gegenüber viel realistischer, weil ambivalenter, als in „Twilight“.

Bella Swan verknallt sich in den Vampirschnösel Edward Cullen in „Twilight“, weil er (zumindest in der Buchversion, über den Film-Edward breiten wir mal den Mantel des Schweigens) unfassbar gut aussieht, charismatisch und immer so ganz melancholisch drauf ist. Das ist von Anfang bis Ende klar. Auch wenn zwischendurch ihr bester Kumpel Jacob den Seelentröster geben darf, sie zweifelt nie daran, dass sie mit Edward bis in alle Ewigkeiten zusammen sein will. Dabei ist Bella ein leidendes, passives Teeniemädchen, das es kaum abwarten kann, für ihren wohlhabenden Vampirfreund den Haushalt zu schmeißen und ihm eine brave Ehefrau und Mutter zu sein. Alles andere – Studium, Job, Eigenständigkeit – ist ihr scheißegal. Nun kann das natürlich jeder so machen, wie er oder sie das möchte, nur bin ich der Meinung, dass das durchaus seinen Grund hat, warum die Buchreihe damit endet, dass Bella, Edward, ihr Töchterchen Renesmee und der Werwolf Jacob die Oberschurken (die einfach nur grundlos böse waren) besiegt haben und jeder Topf sein Deckelchen gefunden hat. Drei Jahrhunderte oder so später dürfte Bella nämlich allmählich anfangen, sich schrecklich zu langweilen.

Katniss Everdeen hingegen hat ganz andere Probleme, als sich zu verlieben. Ihre beiden Freunde Peeta und Gale ebenfalls. Sie sind weder Vampire noch Werwölfe und müssen zusehen, wie sie überleben. Denn sie leben nicht in einem verschlafenen, amerikanischen Kleinstädtchen wie Bella und Konsorten in „Twilight“, sondern in dem, was in der Zukunft von Nordamerika noch übrig ist – Panem. Eine grausame Diktatur, mit ein paar wenigen reichen Bewohnern im Kapitol, das bei Laune gehalten werden muss, damit es nicht aufbegehrt. Und den normalen Bürgern in den zwölf Distrikten, die unterdrückt werden müssen, damit sie nicht aufbegehren. In dieser Dystopie bleibt kein Platz für Wankelmütigkeit und Wehleidigkeit. Das wirkt sich dann auch auf die Beziehungen zwischen den Figuren aus und macht sie dadurch viel interessanter. Die Figuren des Liebesdreiecks sind sich allesamt ebenbürtig und haben ihre eigene Persönlichkeit. Es ist längst nicht klar, für wen sich Katniss schließlich entscheidet und ob sie das überhaupt tut. Was jedoch klar ist, wenn sie sich für einen der beiden entscheidet, werden sie ein Team sein und nicht einer von beiden das Anhängsel des jeweils anderen.

So unterhaltsam die „Twilight“-Bücher auch zu lesen waren – warum, weiß ich nicht mehr – so glaube ich kaum, dass ich sie mir irgendwann noch mal ein zweites Mal zu Gemüte führen werde. Die „Hunger Games“-Trilogie hingegen könnte ich immer wieder lesen und auch die Filme finde ich sehr gelungen. Dies liegt nicht nur an den unterschiedlichen Liebeskonzeptionen, sondern daran, dass die „Hunger Games“-Bücher insgesamt einfach vielschichtiger und facettenreicher sind und einen auch lange, nachdem man die letzte Seite des letzten Teils gelesen hat, mit den Gedanken noch in der erzählten Welt von Panem nachhängt. Die Mechanismen von Macht und Politik werden unter dem Deckmantel einer Science-Fiction-Fantasy-Geschichte messerscharf analysiert und offengelegt. Diese gesellschaftskritische Ebene fehlt bei „Twilight“ völlig. Da geht es im Prinzip nur um ein rückständiges Weltbild mit anachronistischem Geschlechterrollenverhältnis. Am Ende der „Hunger Games“ – Achtung Spoiler – lassen sich die Motive und Beweggründe von Präsident Snow zwar nicht gutheißen, aber nachvollziehen. Und es lässt sich erkennen, dass die Anführerin der Rebellen, Präsidentin Coin, keinen Deut besser ist als Präsident Snow und dass das Unrechtsregime unter ihrer Herrschaft keinesfalls aufhören würde. Und genau das macht es so spannend.

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45. Stück: Miley Cyrus als Epigone der Popkultur

Mir ist gerade so danach, einen intellektuellen Essay über eine der überbewertetsten Figuren der zeitgenössischen Pop-Welt zu schreiben: Miley Cyrus. Diese kleine Hupfdohle hat nämlich nicht nur nichts erfunden, sondern ahmt den Kram, den sie da veranstaltet, auch noch schlecht nach. Zum Vergleich habe ich hier mal auf YouTube zwei Videos hervorgekramt. Das erste zeigt den sogenannten Skandal-Auftritt von Miley Cyrus bei den MTV-Music Awards 2013 und das zweite zeigt Madonna bei einem Konzertauftritt:


In Video Nummer 1 sehen wir also Miley Cyrus, wie sie sich als Epigone der Popkultur versucht und damit kläglich scheitert. Ich nehme zumindest stark an, dass sie von der Wirkung her in etwa das im Sinn hatte, was Madonna in Video Nummer 2 tut. Besonders in Sachen Sex Appeal und Erotik misslingt Miley Cyrus jedoch der epigonale Gestus und wirkt einfach nur peinlich. Madonna hingegen war eine der ersten, die Sex Appeal und Erotik für weibliche Sängerinnen derart explizit auf die Bühne brachte und auch heute noch muss man zugeben, dass sie das wirklich gekonnt tut. Interessant finde ich in dieser Hinsicht den direkten Vergleich der Striptease-Einlagen, im Miley-Cyrus-Video etwa bei 00:16 und bei Madonna ungefähr ab 04:33. Miley Cyrus schlenkert völlig unkoordiniert mit den Armen (überhaupt keine Körperspannung – das nennt sie tanzen?) und rührt dabei mit ihrer Zunge in der Luft herum, während sie sich ihres Badeanzuges entledigt, um darunter fleischfarbene Lack-Unterwäsche zu entblößen. Madonna hingegen bleibt die ganze Zeit exakt im Takt, führt jede Bewegung bewusst aus, vermeidet kindisches Herumgekasper, jede Geste, jeder Schritt sitzen einfach genau richtig.

Die Reaktion der Moderatoren bei Miley Cyrus und ihrem niedlichen kleinen Striptease-Versüchlein sagt im Grunde schon alles: „Oh!“ und „Oooh, Nooo!“ So klingt niemand, der irgendwas sexy findet und so klingt auch niemand, der ernsthaft schockiert ist. So klingt jemand, der sich ganz fürchterlich fremdschämt. Und auch ich schäme mich einfach nur fremd, wenn Miley Cyrus sich mal wieder nackich macht oder etwas vergleichbar Langweiliges unternimmt, um Leute zu schocken oder so. Das Problem ist, dass Miley Cyrus einfach nichts Neues macht. Und klar, sie könnte das ganze Nachgemache natürlich postmodern meinen und ironisch brechen, aber dafür fehlen ihr – so meine Vermutung, die in keinster Weise der Wahrheit entsprechen muss – ein paar Gehirnzellen. Deswegen ist ihr epigonales Gehabe eben nichts weiter als das: epigonales Gehabe.

Ein bisschen Mitleid habe ich ja schon fast mit dem Mädchen. Die Kleine will doch auch nur bei den Großen mitspielen und cool sein und dazugehören. Und vielleicht hat sie auch einfach keine Lust mehr, das süße, brave, anständige Disney-Mädel zu sein, mit dem sie berühmt geworden ist. Kann ich verstehen. Wenn man hoffnungslos putzig aussieht, wird man häufig unterschätzt und für dumm und naiv gehalten, das nervt total, ich weiß wovon ich rede. Aber dann einfach nur das Äußere radikal verändern und sich im Inneren aushöhlen führt nur dazu, dass man fürchterlich peinlich wirkt. Dann ist das einfach nur ein netter Versuch, das Niedlich-Image abzulegen und es ist total offensichtlich. Da müssen Inhalte, Statements, Werte und Überzeugungen dahinter stehen, wenn man einen Image-Wechsel anstrebt. Sonst ist das Ergebnis einfach nur erbärmlich und lächerlich. Wenn man innerlich immer noch ein kleines, verwöhntes Gör ist, kann man sich noch so sehr die Haare blondieren und auf dem Kopf zu kleinen Häufchen zwirbeln, man kann noch so oft die Zunge rausstrecken und noch so viel ausziehen und so wenig anbehalten wie möglich – man erkennt von außen immer noch nur das kleine, verwöhnte Gör. Miley Cyrus sollte lieber wieder zur Schule gehen und dann vielleicht studieren oder wenigstens öfter mal ein Buch lesen und ins Theater, Museum oder Kino gehen – dann würde sie vielleicht auch eigene Ideen für ihre Auftritte haben und müsste nicht mehr alte Meister schlecht nachahmen. Nur so, meine Meinung.

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42. Stück: Theater, Kultur und das Internet

Vor einiger Zeit hatte ich in einem bekannten sozialen Netzwerk einmal eine interessante Diskussion mit einer Theatermacherin über die Vor- und Nachteile des Internets für die Theaterkunst. Sie sah im Internet eine Gefahr für die Kultur im Allgemeinen und die Theaterkunst im Besonderen und befürchtete, dass das Theater und die Kultur durch das Internet an Wert verlieren könnten. Ich habe den Eindruck, gerade im Bereich der „alten“ Medien gibt es nach wie vor ein großes Misstrauen gegenüber den „neuen“ Medien. Das ist wohl eine Art Konkurrenzdenken und es herrscht vielleicht unterschwellig die Angst vor, dass die neuen Medien die alten verdrängen könnten. Diese Angst gab es in der Vergangenheit häufiger als das Kino das Theater zu verdrängen drohte, als das Fernsehen das Kino zu verdrängen drohte und aktuell muss sich das Fernsehen gegen die Konkurrenz Internet wehren. Auf der anderen Seite gibt es das Theater, das Kino und das Fernsehen immer noch, trotz des Internets.

Mein Standpunkt in der Diskussion war, dass nicht alles, was neu und ungewohnt ist, automatisch schlecht sein und das Alte verdrängen muss. Schließlich kann man sich das Neue doch auch mit einer gewissen Neugier anschauen und gucken, wie man das für sich nutzen kann. Es muss doch nicht immer jeder in seiner eigenen Soße herumbrutzeln, sondern man kann doch auch mal interdisziplinär und medienübergreifend zusammenarbeiten und Mischformen finden. Oder man nutzt das Internet, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist nämlich eine große Gefahr bei den Traditionalisten unter den Kulturschaffenden, dass sie ihr eigenes Süppchen kochen und sich für Dinge, die außerhalb dessen existieren, nicht interessieren. Ich finde das schade, denn schließlich ist es doch das Wesen der Kunst, Horizonte zu erweitern, neue Perspektiven aufzuzeigen, kontroverse Standpunkte zu diskutieren und die Welt ein kleines bisschen bunter, lebendiger und vielfältiger (und damit auch toleranter und offener) zu machen. Zumindest sehe ich das so.

Ein wunderbares Beispiel, wie Kulturschaffende von den neuen Medien, insbesondere dem Internet und seinen sozialen Netzwerken, profitieren können, ist die sogenannte „Revolution der Künstler“ mit ihrem „art but fair“-Logo, die sich in den letzten Monaten in rasender Geschwindigkeit entwickelt hat. Angefangen hat die Bewegung mit einer Facebook-Seite über „Die traurigsten und unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse“ und inzwischen haben sich mehr als 9000 Sympathisanten und Leidensgenossen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen zusammengefunden, die gemeinsam für faire Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich eintreten wollen.

Letztes Jahr hatte ich mir ja bereits in meinem Essay über die Situation der Schauspieler ein Gedankenspiel ausgedacht, was wäre, wenn einfach mal alle Schauspieler und Kulturschaffenden streiken würden. Es scheint leider in der menschlichen Natur zu liegen, schöne Dinge erst zu schätzen, wenn einmal der Verlust derselben miterlebt wurde. Sonst hält man sie offenbar für selbstverständlich und was selbstverständlich ist, ist nicht kostbar, also auch nichts wert. Das ist zwar blöd, aber so ist das halt. Es muss ja auch kein Generalstreik sein, aber dass zumindest mal in irgendeiner Weise darauf aufmerksam gemacht wird, in aller Deutlichkeit, dass Kunst, Kultur, Theater und Medien überlebenswichtig sind, egal um welche Branche oder Disziplin es sich handelt. Wir sitzen da ja ohnehin alle in einem Boot, ob wir uns jetzt bloggend, singend, schreibend, darstellend, organisierend oder forschend mit den Themen Theater, Kunst, Kultur und Medien auseinandersetzen, das wird ja alles als Spaß an der Freude betrachtet, anstatt als „vernünftiger Broterwerbsjob“. Dabei sollte es doch möglich sein, Freude am Tun und angemessene Entlohnung zu vereinen. Wie dem auch sei, man kann ja so idealistisch sein, wie man will, wenn man da allein gegen Windmühlen kämpft, kann man die Aussicht auf Erfolg aber auch gleich mal wieder vergessen. Und jetzt kommt das Internet ins Spiel. Durch das Internet können Menschen kostenlos ihre Gedanken unter die Leute bringen (zugegebenermaßen ist das gleichzeitig Segen und Fluch), ihr Können zeigen, Werbung für sich machen, Aufmerksamkeit erregen und durch die sozialen Netzwerke auf Gleichgesinnte treffen und sich mit ihnen zusammentun. Es ist denke ich wichtig, dass Kulturschaffende jeder Sparte an einem Strang ziehen und sich gegenseitig helfen, mit Rat und Tat zur Seite stehen, dass erfahrene Profis den Anfängern dabei helfen, sich nach dem Abschluss oder auch schon während der Ausbildung zu orientieren. Die müssen ja auch erst einmal lernen, seriöse Angebote von Abzocke-Angeboten zu unterscheiden, lernen, wie viel Gage sie verlangen können und sollten, was zu den Bewerbungsunterlagen unbedingt dazugehört, und so weiter. Diese ganzen unsexy Notwendigkeiten, ohne die keiner einen Fuß in die Tür bekommt. Und man muss wissen, bis wann ist es OK, Studentenjobs und Praktika zu machen oder Projekte mit Freunden, um Erfahrung zu sammeln. Irgendwann kommt nämlich der Punkt, da hat man dann erstmal genug gelernt, genug Kontakte geknüpft und sich vernetzt, und dann muss man anfangen, Geld zu verdienen, ganz profan. Da ist man als Anfänger noch ganz orientierungslos, aber im Internet kann man sich mit „alten Hasen“ beraten und diese wiederum können von den jungen Leuten neue Impulse und Ideen bekommen. Da kann man sich gegenseitig helfen und inspirieren.

Ich weiß, ich schmeiß hier gerade übelst mit metaphorischen Gänseblümchen durch die Gegend, aber ich halte das einfach für keine gute Idee, neue Medien zu verteufeln, anstatt sich mal mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich durch eine Verknüpfung von Altem und Neuem ergeben können. Übrigens finde ich auch, dass das Internet nicht nur Möglichkeiten für Kulturschaffende untereinander bietet, sondern auch die Kommunikation zwischen ihnen und dem Publikum ganz neue Wege gehen kann. Das Thalia Theater in Hamburg ist da teilweise schon sehr innovativ. So haben beispielsweise Zuschauer die Möglichkeit, über die Stücke, die sie dort gesehen haben, auf deren Homepage eine Kurzkritik oder einen Kommentar zu schreiben. Oder letztes Jahr gab es ein – wie ich finde – ziemlich interessantes Experiment. Da durften die Zuschauer teilweise über das Internet drei Stücke auswählen, die auf den kommenden Spielplan gesetzt wurden. Es gab zwar reichlich Genörgel von Theaterkritikern, weil sie das für eine doofe Idee hielten, ich weiß aber gar nicht warum. Vermutlich, weil das Fußvolk ja gar nicht genug Ahnung hat, um entscheiden zu können, was es sehen will, oder etwas in der Richtung. Ich finde das super, denn auf diese Weise weckt man das Interesse des Publikums am Theater. Und wenn sie Stücke wählen, die kein vernünftiger Dramaturg jemals ausgesucht hätte, kann das doch eine wunderbare Möglichkeit sein, auch künstlerisch einmal über den Tellerrand zu gucken.

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41. Stück: „The Walking Dead“ als Spiegel der Gesellschaft

Nach LostDexter und Breaking Bad möchte ich mich nun einer weiteren – wie ich finde genialen – US-Fernsehserie widmen. Heute geht es um die Zombie-Apokalypsen-Serie The Walking Dead. Inzwischen habe ich sie bis zum Ende der dritten Staffel geschaut, also kann es sein, dass ich ein paar Dinge verrate. In diesem Fall werde ich ein (Spoiler!) davorsetzen, damit niemandem die Spannung verdorben wird. Was mich an der Serie jedoch von Anfang an interessiert, ist, inwiefern die Geschichte sich als Spiegel der Gesellschaft lesen lässt.

Die „Was wäre wenn …“-Prämisse der Geschichte und der erzählten Welt schildert, wie Menschen sich in der extremsten aller Extremsituationen verhalten könnten, wenn nämlich von einem Tag auf den anderen die ganze Zivilisation zusammenbricht. Der amerikanische Drehbuchautor Robert McKee betont in seinem Werk Story, dass Figuren ihren wahren Charakter erst in Extremsituationen offenbaren, wenn sie sozusagen keine Möglichkeit mehr haben, ihn zu verstecken. Das heißt, so wie die Figuren sich in einer Extremsituation verhalten, sind sie wirklich. Extremsituationen sind hierbei immer solche, die das Leben bedrohen und wenn die für das Leben notwendigen Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schlafen, Atmen) in Gefahr oder nicht unmittelbar verfügbar sind. In Lost gab es auch eine solche existentiell bedrohliche Extremsituation, die die Möglichkeit geboten hätte, mal grundsätzliche Gesellschaftsmodelle unter dem Deckmantel einer fiktionalen Geschichte zu analysieren und zu hinterfragen. Aber dann mussten sie ja unbedingt diesen Esoterik-Quatsch mit hinein nehmen und alles kaputt machen. Ja, ich bin nachtragend, ich weiß. Trotzdem, wie kann man nur so eine vielversprechende Ausgangssituation nicht dramaturgisch nutzen? Jedenfalls, so wie es bislang aussieht, gelingt genau das den The Walking Dead-Machern hervorragend. Frei nach Brechts „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ werden in dieser dramaturgischen Versuchsanordnung die unterschiedlichsten Figuren zusammen in eine Extremsituation geworfen und daraus entwickelt sich die Handlung. Da hätte sich bestimmt auch Jakob Michael Reinhold Lenz gefreut – den seinerzeit im Sturm und Drang keiner ernst nehmen wollte, Goethe schon mal gar nicht – dass seine Idee von echten Charakteren, die die Handlung nicht nur voran treiben, sondern gleichzeitig Spielbälle der Umstände sind, nun auch in amerikanische Fernsehserien Eingang gefunden hat.

Zur Ausgangssituation: Der Polizist Rick Grimes, der mit seiner Frau Lori und seinem Sohn Carl in einer amerikanischen Kleinstadt lebt, wird angeschossen und fällt ins Koma. Als er einige Wochen später aufwacht, ist das Krankenhaus nicht nur wie ausgestorben, sondern auch noch voller Zombies. Er schafft es, zu entkommen und wird auf der Suche nach seiner Familie beinahe von den Untoten erwischt. Im letzten Moment rettet ihm ein Nachbar das Leben und erklärt ihm die Situation: Plötzlich waren die ersten Zombies erschienen, die anfingen, die Menschen zu beißen und ebenfalls in Zombies zu verwandeln. Die meisten Bewohner, die noch leben, sind aus der Stadt geflohen, so auch Ricks Familie. Er bewaffnet sich und macht sich auf die Suche nach ihnen. Dabei stellt er fest, dass nicht nur in der Kleinstadt, sondern offenbar überall die Zombies Oberhand gewonnen haben. Es gibt keinen Strom mehr, kein Fernsehen, kein Radio, es werden keine Zeitungen mehr gedruckt, Internet gibt es auch nicht mehr, Handy-Empfang kann man vergessen, fließendes Wasser ebenfalls. Kurz: Die Welt ist zurückgeworfen in einen Zustand während der Steinzeit, nur dass die Menschen dies nicht mehr gewöhnt sind. Extremer und lebensbedrohlicher kann eine Situation nicht sein. Und hier zeigt sich dann natürlich, wer es schafft, sich an die neuen Umstände anzupassen und wer nicht. Und vor allem, auf welche Art und Weise.

Wenn die Welt von Zombies überrannt wurde, gibt es mehrere Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Erstens, man wird gebissen und selbst zum Zombie. Das würde beispielsweise mir passieren, und zwar zwei Sekunden nachdem die Zombieapokalypse ausgebrochen ist. Da wir aber bei The Walking Dead nicht bei „So isses“ sind, sondern bei „Wünsch dir was“, und eine fiktionale Geschichte, in der alle Figuren gleich sterben ziemlich langweilig wäre, gehören die Hauptfiguren der Serie nicht zu dieser ersten Kategorie von möglichen Reaktionen auf eine Zombieseuche. Nun also angenommen, man überlebt erst einmal, dann gibt es zweitens die Möglichkeit, anderen zu helfen. Drittens gibt es die Möglichkeit, nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ zu handeln, und sein eigenes Süppchen zu kochen und von den anderen Überlebenden erst einmal abzukapseln. So wie (Spoiler!) Michonne, die am Ende der zweiten Staffel erstmals in Erscheinung tritt. Sie hat sich an die neuen Umstände perfekt angepasst, hat herausgefunden, wie sie sich die „Beißer“ (Zombies) vom Hals halten kann und das geht auch so lange gut, wie sie für sich allein sorgen muss. Probleme bekommt sie erst, als sie wieder anfängt, Menschen ins Herz zu schließen. (Spoiler Ende!) Viertens kann man durchdrehen und den Verstand verlieren, so wie das (Spoiler!) Ricks bestem Freund Shane passiert, was ihn dann ja nachher auch das Leben kostet und auch Rick selbst droht in der dritten Staffel wahnsinnig zu werden. (Spoiler Ende!) Fünftens kann man die Situation ausnutzen, um seinen schon lange gehegten Machtkomplex auszuleben, sofern man zu den wenigen gehört, die noch über ein paar übrig gebliebene Ressourcen verfügen. (Spoiler!) Diese Reaktionsmöglichkeit wird am besten von dem Governor verkörpert, der immer mehr Spaß daran findet, andere zu quälen, zu foltern, zu manipulieren oder sogar zu töten, damit er seinen Größenwahn und Gottkomplex voll entfalten kann. Da bin ich nun echt gespannt, wie das in der vierten Staffel mit ihm noch weitergeht. Leider muss ich mich da jetzt noch ein halbes Jahr gedulden. (Spoiler Ende!)

Was ich auch interessant finde, ist, wie sich hier verschiedene politische Konzepte einander gegenüber stehen. Denn mit dem Zusammenbruch der Zivilisation sind auch sämtliche Strukturen zerbrochen, die Welt ist in einen chaotischen, rohen, ursprünglichen Zustand zurückgeworfen worden und nun muss die übrig gebliebene Gesellschaft nicht nur ihre Werte neu definieren, sondern sich auch neu organisieren, um zu überleben. (Spoiler!) Am Anfang wird Rick zum Anführer seiner kleinen Truppe aus Atlanta und von der Farm gekürt. Wobei er nicht wirklich gewählt wird, aber es verlassen sich alle auf ihn und sind froh, dass sie jemanden haben, an dem sie sich orientieren können. Er merkt dann jedoch, dass er auch nicht mehr Ahnung hat als die anderen, wie man sich am besten in der Extremsituation verhält, sodass er beschließt, aus dieser Alleinherrschaft eine Art Demokratie zu machen, in der jedes einzelne Mitglied der Gruppe das gleiche Mitspracherecht hat, wie alle anderen. Mal sehen, ob das funktioniert, auch das erfahren wir leider erst in der vierten Staffel. Spannend ist in dem Zusammenhang auch die Rolle von Ricks Sohn Carl. Der ist nämlich mit dem Kuschelkurs seines Vaters gar nicht einverstanden und wirft ihm vor, Menschen seien gestorben, weil er „bösen“ Menschen vertraut hat und sie hat laufen lassen. Den Fehler will er nicht begehen und nimmt somit keine Gefangenen. Er bringt sogar einen Jungen aus der Gruppe des Governors um, der sich gerade ergeben wollte. Hier findet sich die Idee des Kindersoldaten in der Figur wieder, denn der Kleine reagiert auf die Verrohung der Welt mit eigener Verrohung und der Vater muss dabei zusehen, wie er seinem Kind gegenüber in Erklärungsnot gerät und seine Moralvorstellungen plötzlich nicht mehr ausreichen.
Auf Seiten des Governors findet sich der Gegenentwurf zu Ricks kleiner Demokratie. Hier hat sich ein gemeingefährlicher Psychopath an die Spitze einer Stadt gestellt und das politische Modell einer Autokratie oder einer Diktatur etabliert. Zunächst sind die Menschen froh, in Sicherheit zu sein, genug zu Essen, zu Trinken, zum Wohnen, Schlafen und Duschen zu haben. Der Governor organisiert sogar regelmäßig Gladiatorenspiele mit den Zombies als wilde Tiere, um seinVolk bei Laune zu halten. Das funktioniert auch prima und so genau interessiert es auch niemanden, dass der Kerl größenwahnsinnig, kaltblütig und skrupellos geworden ist. Erst, als es offensichtlich wird, dass er auch seine eigenen Leute foltert und grundlos tötet, dämmert es ihnen allmählich. (Spoiler Ende!)

Das ist immer das Spannende an fiktionalen Geschichten, erst recht, wenn noch fantastische Elemente mit hineinkommen, die den fiktionalen Charakter noch stärker betonen. Dann können unter dem Deckmantel des „ist doch alles nur ausgedacht“ grundsätzliche menschliche und gesellschaftspolitische Themen zur Debatte gestellt werden. Gute Science-Fiction-Geschichten funktionieren nach dem gleichen Prinzip.

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Eingeordnet unter Film und Fernsehen

39. Stück: Katrin Sass‘ Zorn – Arroganz oder berechtigte Empörung?

In letzter Zeit kursiert im Internet ein Videoausschnitt von der Markus Lanz-Talkshow, in dem Katrin Sass (56, „Goodbye Lenin“) Peer Kusmagk (37, Dschungelkönig bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ 2011) ziemlich aufgebracht zusammengefaltet hat. Grund ihres Zorns war die Grimme-Preis-Nominierung für das „Dschungelcamp – Ich bin ein Star holt mich hier raus“.

Frau Sass echauffiert sich darüber, dass infolge dieser Nominierung nun einige so täten – aus ihrer Sicht – als sei das „Dschungelcamp“ große Kunst und intellektuell wertvolles Kulturgut. Das hält sie für „Unfug“, denn schließlich gehe man ja nicht in den Dschungel, um Känguruhoden zu vertilgen, sondern man mache bei der Show mit, weil man das Geld haben wolle und sich zudem Publicity erhoffe, und dann solle man das auch so sagen und nicht behaupten: „Ich esse Schwänze, aber mit erhobenen Hauptes!“

Wer sich Katrin Sass‘ Ausraster noch einmal anschauen möchte, kann das hier tun:

Nun, meine erste Reaktion war Zustimmung für Katrin Sass. Ein bisschen Mitleid mit Peer Kusmagk, der ja überhaupt nichts dafür kann, dass er Dschungelkönig geworden und die Sendung für den Grimme-Preis nominiert ist. Und nun sitzt er da in einer Talkshow, ahnt nichts Böses, will ein bisschen was aus seinem Leben erzählen und wird dann so fies zusammengefaltet und kriegt den ganzen heiligen Zorn von Katrin Sass ab. Das ist natürlich nicht sehr nett, aber inhaltlich konnte ich Frau Sass Ärger nachvollziehen. Bevor jetzt alle sagen, ja klar, diese arroganten Intellektuellen immer, die halten auch dauernd zusammen, möchte ich erklären, warum ich Frau Sass in einigen Punkten zustimme.

Als Schauspieler hat man es sowieso schon nicht leicht, ernst genommen zu werden. Das Image des fahrenden Volkes haftet ihnen nach wie vor an und es herrscht die Meinung vor, dass Schauspieler ja schließlich aus Spaß schauspielen und das sei ja auch kein richtiger Beruf und außerdem so ein bisschen Text aufsagen, das kann ja jeder und selber Schuld, wer sich entscheidet, Künstler zu werden und warum sollte man die dann auch noch anständig bezahlen. Überspitzt formuliert und Ausnahmen bestätigen die Regel. Das betrifft übrigens nicht nur die unbekannten Nobodys die frisch von der Schauspielschule sich ins Haifischbecken gesammelter Eitelkeiten stürzen, sondern auch renommiertere Schauspieler müssen zusehen, wie sie ihre Miete und täglich eine warme Mahlzeit bezahlen. Wenn dann eine Sendung wie das „Dschungelcamp“, das Zehntausende von Euros dafür ausgibt, damit irgendwelche Leute eklige Sachen essen, für eine wichtige Auszeichnung wie den Grimme-Preis nominiert wurde, kann ich nachvollziehen, dass man sich da als Schauspieler mit jahrzehntelanger Bühnen-, Film- und Fernseherfahrung und fundierter Ausbildung verarscht vorkommt.

Dann aber habe ich recherchiert und bin ins Grübeln gekommen. Peer Kusmagk hat nämlich auch eine fundierte Ausbildung absolviert, am Lee Strasberg Institute in den USA. Gut, ich persönlich halte von Strasberg nicht viel, aber nichtsdestotrotz ist das eine anerkannte Schauspielausbildung. Auch er hat Fernseh- und Schauspielerfahrung gesammelt über mehrere Jahre. Sprich: Er ist genau so ein Profi, wie Katrin Sass. Auch wenn ihn vielleicht nicht so viele Leute kennen und er weniger auf der Bühne und im Kino unterwegs ist und mehr im Fernsehen in Serien oder als Moderator. Das ist etwas anderes, aber es ist keineswegs schlechter oder weniger ehrenwert.

Und wie ist das mit dem Grimme-Preis? Ist das wirklich so abwegig, dass das „Dschungelcamp“ nominiert wurde? Auch da, meine erste Reaktion: Empörung! Wie kann man nur! Der Grimme-Preis! Das Dschungelcamp! Unmöglich! Schaut man auf der Homepage des Grimme-Preises, findet man dort folgende Erklärung: „Mit einem Grimme-Preis werden Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind. Leitziel der im Grimme-Preis institutionalisierten Fernsehkritik ist eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Fernsehen, das als zentrales und bedeutsames Medium mit vielfachen gesellschaftlichen Bezügen und Wirkungen verstanden wird. In diese kritische Auseinandersetzung sind alle Themen und Formen des Fernsehens einbezogen.“

So gesehen ist das also doch nicht so bescheuert, das „Dschungelcamp“ in der Kategorie Unterhaltung zu nominieren. Wenn man da mal so darüber nachdenkt ist das höchst interessant. Immerhin haben sie es mit der Nominierung ja auch geschafft, dass unsere Vorstellungen von Kultur nun neu reflektiert werden und vielleicht auch werden müssen. Ich hatte mich ja bereits darüber aufgeregt, dass hierzulande immer alles in E(rnste) und U(nterhaltsame) Kultur unterteilt wird. Meiner Meinung nach sind die Produktionen am besten, die beides vereinen. Das „Dschungelcamp“ hätte ich jetzt – Asche auf mein Haupt, auch ich bin nicht frei von Vorurteilen – in die Kategorie „nur unterhaltsam“ gepackt. Aber die Moderatoren üben ja durchaus ironische Distanz zu dem Geschehen im Dschungel, was dann meiner Ansicht nach das Ganze wieder im Niveau hebt. Also, reiner purer Trash ist das gar nicht unbedingt. Auch wenn viele Teilnehmer geltungssüchtige Niemande sind, die sich in den Mittelpunkt stellen und die Publicity haben wollen oder Pleite-Promis, die das Geld brauchen, sind ja auch immer wieder Kandidaten wie Olivia Jones dabei, die das aus Jux machen und Selbstironie beweisen. Und ich bin sicher nicht die Einzige, die sich ob dieser Nominierung nun kritisch mit dem Medium Fernsehen auseinandersetzt. Da sind doch, mal ganz ehrlich, die Kriterien für eine Grimme-Preis-Nominierung für das „Dschungelcamp“ erfüllt.

Zusammengefasst komme ich also zu folgendem Schluss: Katrin Sass‘ Zorn über das Nicht-ernstgenommen-werden des Schauspielerberufs – was ich als eigentlichen Grund für ihren Ausraster sehe – ist durchaus begründet. Vermutlich hat auch sie sich nicht wirklich über den Grimme-Preis und Peer Kusmagk informiert und auch sie hat das „Dschungelcamp“ voreilig als Mist abgetan. Wenn man allerdings ein wenig darüber nachdenkt, ist die Nominierung durchaus sinnvoll. Und Peer Kusmagk war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

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