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53. Stück: Gute Krimis, schlechte Krimis oder warum der „Tatort“ oft langweilig ist

Ulrike Folkerts, ihres Zeichens dienstälteste Tatort-Kommissarin, monierte jüngst in einem Interview mit dem SZ-Magazin, dass der Tatort insgesamt nicht mehr so spannend sei wie früher. Sie erzählt: „Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Kissen vor der Brust Fernsehen schaute und um den Protagonisten richtig Angst hatte. Diese Spannung ist mir in den letzten Jahren im Tatort etwas verlorengegangen.“ Ihrer Ansicht nach liegt es an übertriebener politischer Korrektheit: „Diese vorgeschobene Einfühlsamkeit dem Fernsehzuschauer gegenüber hemmt eine ganze Generation von Drehbuchschreibern. Sie zeigen das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig.“

Das kann ich als treue Tatort-Guckerin und überzeugter Krimi-Fan natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Politische Korrektheit ist mit Sicherheit ein Hemmschuh für Kreativität, doch ich denke, so einfach ist das nicht mit den Erklärungen für schlechte Krimis. Ich schaue den Tatort und den Polizeiruf 110 regelmäßig und schreibe im Anschluss immer eine kurze Rezension auf meiner Facebook-Seite. Darin bewerte ich, wie mir der Krimi gefallen hat und analysiere, woran das lag. In den meisten Fällen ist mein Urteil mittelmäßig bis vernichtend, ganz selten ist auch mal ein richtig guter Krimi dabei. Und diese richtig guten Krimis sorgen dafür, dass ich Sonntag für Sonntag am Ball bleibe.

Im Prinzip ist das ja gut gemeint mit der politischen Korrektheit. Die Kommissare sollen halt eine Vorbildfunktion erfüllen und moralisch unanfechtbar sein. Nur – wie Ulrike Folkerts ja auch sagt – ist das überhaupt nicht realistisch und spannend schon mal gar nicht. Wenn ich einen Krimi richtig gut fand, dann weil die Kommissare an ihre Grenzen kamen, mit ihrem Latein am Ende waren oder einsehen mussten, dass sie in diesem Fall hilflos sind. Das macht sie menschlich, man fühlt mit ihnen, empfindet Sympathie und kann sich mit ihnen besser identifizieren. Das ist zur Erzeugung von Spannung unerlässlich, dass die Protagonisten einem ans Herz wachsen. Wenn es einem wumpe ist, was den Protagonisten widerfährt, ist einem auch die Handlung schnurz und dann ist das langweilig.

Weiteres Problem mit der politischen Korrektheit: Sie führt zu Klischees. Aus lauter Bemühungen, ein Klischee zu vermeiden rutscht man ins nächste Klischee herein. Zum Beispiel: Man will unbedingt das Klischee vermeiden, Mafiabosse hätten grundsätzlich einen Migrationshintergrund. Also macht man einen deutschen Verbrecherkönig, der dann aber so holzschnittartig auf den Stereotyp des höflichen Dons mit guten Manieren reduziert ist, dass man unweigerlich an Marlon Brando oder Tony Soprano denkt, aber kein Interesse mehr an der Handlung zeigt. Da kann ja auch der beste Schauspieler nicht gegen anspielen, wenn die Figur so facettenlos hingeklatscht ist. So geschehen im Tatort: Alle meine Jungs aus Bremen.

Manchmal ist ein Tatort auch so politisch korrekt, dass er schon wieder politisch unkorrekt ist. Im Schweizer Tatort: Zwischen zwei Welten beispielsweise. Die wollten unbedingt auf die Rechte von Vätern aufmerksam machen, die von ihrer Lebensgefährtin/Ehefrau getrennt oder geschieden leben und ihre Kinder nicht oder kaum sehen dürfen. Durchaus ein wichtiges, gesellschaftlich relevantes Thema. Aber dadurch, dass so auf Teufel komm raus um Sympathie für die Väter geworben wurde, wurden plötzlich alle Frauen in einen Topf geschmissen und als zickig, gemein und bösartig dargestellt. Und sowas macht mich dann sauer, da muss man doch differenzieren! Unterschiedliche Standpunkte darstellen, alle mit nachvollziehbaren Argumenten und debattierfähigen Meinungen ausstatten. Mit so einer von allen möglichen Seiten aus beleuchteten Gesellschaftskritik wird der Zuschauer in das brisante Thema mit einbezogen und macht sich auch nach dem Krimi noch darüber Gedanken. Und auch das macht einen guten Krimi aus: Er regt zum Nachdenken an.

Ein guter Krimi darf sich also nicht durch politische Korrektheit in die Klischee-Falle schieben lassen. Er darf auch nicht zu brav sein, sonst entsteht keine Spannung. Ein wirklich gutes Drehbuch braucht eine ausgefeilte, mutige Spannungsdramaturgie, die sich auch mal traut, wenn es passt, nicht gut und versöhnlich zu enden. Sondern hilflos, verzweifelt und mit offenem Ausgang. Die Figuren müssen facettenreich, vielseitig, ambivalent, aber trotzdem nachvollziehbar entworfen sein, damit man als Zuschauer mit ihnen mitfiebert und sich mitreißen lässt. Angst um sie hat. Und zwar nicht nur die Hauptfiguren, sondern alle. Bis auf die letzte kleine Statistenrolle brauchen die Figuren Fleisch, Blut und eine Seele. Sie müssen auch mal falsche Entscheidungen treffen dürfen, sich mal irren. Sie dürfen auch mal wütend werden oder stur sein, aber es muss stets in die Geschichte, in die Handlung passen und darf nicht oberflächliche Effekthascherei oder pseudobetroffene, aufgesetzte Emotionalität bleiben. Sonst wird das schnell peinlich.

Aber es liegt nicht nur am Drehbuch und an der Figurenkonzeption, wenn ein Tatort oder anderer Fernsehkrimi misslingt. Ich habe mich schon oft über schlechte Schauspieler geärgert, die anscheinend vom Regisseur nicht sorgfältig genug geführt wurden. Gerade junge Darsteller denken ja oft, sie müssten einfach nur brüllen, um verzweifelt zu wirken oder die Unterlippe auskugeln, damit alle merken, sie sind jetzt gerade eigensinnig. Dabei wirken sie einfach nur unsympathisch und stereotyp. Da muss doch ein Regisseur drauf achten, wenn ein Jungschauspieler noch nicht so viel Erfahrung und vielleicht auch noch keine Schauspielausbildung hat, dann braucht der mehr Hilfe. Erfahrene Schauspieler, alte Hasen im Fernseh- und Filmgeschäft, wissen, wie sie welche handwerklichen Mittel wie einsetzen müssen, um eine bestimmte Stimmung oder Haltung zu vermitteln. So ein Jungspund weiß das noch nicht, woher auch. Als Regisseur muss man sich Zeit nehmen, genau erklären, was die Situation, die Motivation, das Ziel ist und nicht einfach nur sagen: „Du bist jetzt mal sauer/verzweifelt“. Wenn der Jungschauspieler gar nicht genau weiß, warum seine Figur verzweifelt ist, dann ist es ja wohl klar, dass er sich in substanzloses Herumgebrülle flüchtet.

Wenn man das alles nicht kann: Keine ausgefeilten Spannungsbögen entwerfen, keine vielschichtigen Figuren konzipieren und nicht spielen. Dann soll man das auch gar nicht erst versuchen und auf andere Art und Weise für Unterhaltung sorgen. Einer, der das verstanden hat, ist Til Schweiger. Seine Hamburg-Tatorte sind keine große Krimikunst, aber sie unterhalten mit jeder Menge Action und flotten Sprüchen. Zudem hat Til Schweiger das Talent, Leute um sich zu scharen, die seine Schwächen wieder ausbügeln und durch Witz, Humor und Sympathie seinen Mangel an Schauspielkompetenzen in den Hintergrund befördern.

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38. Stück: Gute Schauspieler, schlechte Schauspieler

Gestern Abend habe ich Quentin Tarantinos Django Unchained im Kino gesehen. Mir fiel wieder ein, dass ich ja schon nach Inglourious Basterds mit dem Gedanken geliebäugelt hatte, mal was darüber zu schreiben, was eigentlich einen guten und was einen schlechten Schauspieler ausmacht.

Django Unchained ist da vielleicht nicht so ein passendes Beispiel, da waren nämlich alle Schauspieler klasse. Aber Inglourious Basterds hatte Christoph Waltz, Brad Pitt, Martin Wuttke auf der einen und Diane Kruger sowie Til Schweiger auf der anderen Seite. Weiteres Beispiel ist vielleicht noch Matthias Schweighöfers Schlussmacher den zu sehen ich letzten Dienstag den Fehler begangen habe. Da gab es Matthias Schweighöfer höchstselbst zum einen und den wunderbaren Milan Peschel zum anderen.

Wie kommt das nun aber, dass ich bei Til Schweiger, Diane Kruger oder Matthias Schweighöfer entweder nur vor Entsetzen erschaudere oder mich schrecklich fremdschäme. Bei Christoph Waltz, Martin Wuttke, Milan Peschel oder Brad Pitt aber mit großem Vergnügen ihr Spiel bestaune und trotzdem der Geschichte folge, die sie erzählen. Bei den schlechten Schauspielern reißt einen das ja total aus der Handlung raus, wenn man sich so über ihre mangelnde Handwerkskunst ärgern muss.

Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist das Verhältnis zu sich selbst. Nimmt man sich selbst als Schauspieler viel zu ernst und wichtig, zelebriert diesen seinen Narzissmus wo es nur geht, hat dann auch noch keine Selbstironie und somit keinen Sinn für Humor, ist das schon mal ein guter Ansatz, um so richtig mies zu spielen. Insbesondere bei sogenannten Jungschauspielern – die einen auf Berliner Hipster machen, die einen ja auch in dem einen oder anderen Tatort des Öfteren mit ihrer Eitelkeit und mimikstabilen Hackfresse belästigen – habe ich den Eindruck, die finden sich selbst supertoll und deswegen müssten sie auch ihre Arbeit nicht richtig machen (also schauspielen), weil die können ja eh alles. Eine leichte Tendenz in diese unangenehme Richtung meine ich auch bei Kollege Schweighöfer im Schlussmacher bemerkt zu haben. Eitel und selbstgefällig, ohne Sinn für Timing, Witz und Situationskomik, ohne dramaturgisches Geschick wurden da Banalitäten an Klischees an Stereotypen an Platitüden gereiht und der ganze langweilige Tröt dann auch noch mit penetranter Schleichwerbung durchtränkt, dass nicht einmal Milan Peschel etwas dagegen tun konnte. Dabei ist der normalerweise ein sehr guter Schauspieler, weil er sich voll und ganz auf das Spiel „A spielt B und C schaut zu“ einlässt. Bei Schweighöfer hat man eher den Eindruck „A findet A toll, leiht B sein atemberaubendes Äußeres und C darf bewundern und wird ansonsten für dumm verkauft“. Übrigens findet sich diese Selbstironie, das Einlassen auf das Spiel und die Komplizenschaft mit dem Zuschauer besonders schön bei Christoph Waltz wieder. Ich würde sogar behaupten, er ist zurzeit der Schauspieler, der das am besten beherrscht. Und Brad Pitt beweist ja nicht zuletzt seit Fight Club, dass er sich nicht nur auf sein sogenanntes gutes Aussehen verlässt, sondern auch kein Problem damit hat, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. In diese Kategorie gehört auch George Clooney (Burn after Reading! Männer, die auf Ziegen starren!).

Ein weiterer Punkt – etwas spießig, ich weiß, aber unumgänglich – ist das Handwerk. Warum keiner findet, dass Til Schweiger ein guter Schauspieler ist, liegt vor allem daran, dass der nicht richtig sprechen kann. Diane Kruger übrigens auch nicht. Da merkt man am deutlichsten, wer eine Schauspielausbildung genossen hat und wer nicht. Oder wer zwar auf der Schauspielschule war, aber dachte, er kann eh schon alles und muss keine Phonetikübungen und nichts machen, weil er so toll ist. Das spielt natürlich auch in die Kategorie „Nimmt sich selbst viel zu wichtig“ mit hinein. Jedenfalls, Fakt ist, man kann sich selbst für den Größten halten, wenn man als Schauspieler seinen Körper, seine Sprache und seine Körpersprache nicht beherrscht, dann ist man auch nicht gut. Basta. Diane Kruger zum Beispiel hat ja auch null Körperspannung, wie sie da immer die Schultern hängen lässt und keinen Ausdruck im Gesicht hat. Deswegen hat die ja auch keine Ausstrahlung. Einen Schauspieler ohne Ausstrahlung kann man direkt mal vergessen. Mit Herrn Schweigers Ausstrahlung ist es im Übrigen auch nicht so weit her. Der kriegt ja nicht nur die Zähne nicht auseinander, der kriegt ja gar nichts in seinem Gesicht nennenswert bewegt und aus seinen Augen leuchtet überhaupt nichts. Bei Christoph Waltz hingegen blitzt es immer hintersinnig aus den Augenwinkeln. Da denkt man, da geht noch was, da ist noch mehr, da steckt was dahinter. Nicht so bei Schweiger, Schweighöfer oder Kruger. Schweighöfer beherrscht zwar einigermaßen sein Handwerk (als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur sollte er sich das hingegen noch mal überlegen), aber wer sich selbst so grandios findet und sich nur selbst darstellt, hat eben auch nur sich selbst in den Augen und kein Geheimnis, das einen neugierig auf mehr macht.

Und was hat es bei der ganzen Sache nun mit diesem sagenumwobenen „Talent“ zu tun? Gibt’s das am Ende gar nicht und ein guter Schauspieler ist einfach nur die Mischung aus einer bescheidenen, selbstironischen, aber wachen und neugierigen inneren Haltung auf der einen und dem sorgfältigen Erlernen und Üben des Handwerks auf der anderen Seite? Oder gibt es so etwas wie Naturtalente? Ist da ein Unterschied zwischen Theater- und Filmschauspielern? Fragen, die ich gern zur Debatte stelle …

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