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67. Stück: Gedanken zu „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia

Wo fängt man am besten an, ein Buch zu loben, das so gut ist wie Der Club der unverbesserlichen Optimisten (Le Club des incorrigibles Optimistes) von Jean-Michel Guenassia? Gerade in der in letzter Zeit neu entflammten Flüchtlingsdebatte sollte sich jeder dieses Werk zu Gemüte führen. Die Figuren sind allesamt Vertriebene, Flüchlinge oder haben irgendeine Art von Migrationshintergrund. Und trotzdem haben sie in Paris eine Heimat gefunden und treffen sich regelmäßig im „Club der unverbesserlichen Optimisten“ in einem Bistro. Dort sitzen Russen, Polen, Griechen, Ungarn, Deutsche und Franzosen friedlich zusammen, diskutieren und philosophieren, streiten und versöhnen sich und spielen Schach. Der Ich-Erzähler Michel erzählt von seiner Jugend, wie er diesen Club entdeckte und wie der Algerienkrieg seine Familie auseinanderriss und seine Freunde tötete. Er schildert auch nach und nach die Schicksale der Flüchtlinge aus dem Ostblock und aus Deutschland. Anhand der Familie seines Onkels erfährt der Leser außerdem einen Eindruck von den Franzosen, die sich in Algerien niedergelassen hatten und dort reich geworden waren, dann jedoch nach Ende des Krieges ohne einen Centimes nach Frankreich fliehen mussten. Irgendwann waren wir oder unsere Vorfahren alle Vertriebene oder Flüchtlinge, scheint der Roman subtil und unterhaltsam vermitteln zu wollen, und auch, dass ein solches Schicksal im Grunde jeden jederzeit treffen kann.

Wie sollte sich der Einzelne in solchen Krisenzeiten, wenn das Land von einer Diktatur regiert wird, wenn bei politischem Andersdenken mit dem Tod gerechnet werden muss, verhalten? Solche Gewissensfragen und moralischen Dilemmata werden ebenso verhandelt wie die Frage nach Heimatliebe und der bestmöglichen Regierungsform. Philosophische Gedankengänge und Ideen rund um den Existenzialismus von Jean-Paul Sartre oder das Absurde von Albert Camus durchmischen sich mit dem Flair des Frankreichs der 60er Jahre, Rock’n Roll und Nouvelle Vague. Eine Aufbruchstimmung, die jedoch durch die Erlebnisse des Algerienkriegs und die Nachwehen der Weltkriege gedeckelt wird.

Ganz nebenbei zeugt Der Club der unverbesserlichen Optimisten auch von einer unerschütterlichen Leidenschaft für die Literatur, die Fotografie und fürs Kino, die einfach ansteckend ist. Der Erzähler Michel hat es sich zur Gewohnheit gemacht, im Gehen zu lesen, wird ein paar Mal beinahe überfahren und trifft auf diese Weise seine erste große Liebe Camille. Doch bei den politischen Verwicklungen steht die Beziehung unter keinem guten Stern …

Dem Leid und Schmerz zum Trotz, die den jungen Michel beuteln, bewahrt er sich seine Neugier, seine Zuversicht und eine gewisse Naivität, so wie die anderen unverbesserlichen Optimisten im Club. Ein Buch, das Mut macht, das einen zu Tränen rührt und einen vor Spannung fesselt. Unbedingt empfehlenswert! Und wenn ihr es gelesen habt, freue ich mich über Kommentar, Anmerkungen und Diskussionen – auch, wenn es euch wider Erwarten nicht gefallen haben sollte.

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44. Stück: The Place Beyond The Pines und der Existenzialismus

Vor ein paar Wochen habe ich mir The Place Beyond The Pines von Derek Cianfrance im Kino angesehen und seitdem beschäftigt mich die Frage, warum mir dieser an sich wirklich gut gemachte Film, insgesamt nicht gefallen hat. Eine ausführliche Kritik hatte ich auf meiner Facebook-Seite publiziert, bevor hier jemand aber ewig herumsuchen muss, hier noch mal mein Urteil:

The Place Beyond The Pines von Derek Cianfrance ist keine leichte Kost. In diesem Drama – das einer griechischen Tragödie nahe kommt – gibt es nur Verlierer. Das ist großartig gespielt vor allem von den beiden Hauptdarstellern Ryan Gosling und Bradley Cooper. Von Ryan Gosling kennt man das ja schon, dass er – ohne viel machen zu müssen – unzähligen widersprüchlichen Gefühlen Ausdruck verleiht und mit einem einzigen Blick Tausende Geschichten erzählt. Überrascht war ich von Bradley Cooper, den ich zuvor nur in Komödien gesehen hatte und ihn dort ziemlich witzig fand. Dass er auch das tragische Fach beherrscht, war mir neu und hat mich beeindruckt.

Zweifelsohne ist „The Place Beyond The Pines“ großes Kino, doch etwas hat mir gefehlt bei diesem Film, der einen so schnell nicht wieder loslässt. Die Geschichte um die beiden Söhne beispielsweise kam zu kurz. Und es fehlte die Identifikationsfigur, der Sympathieträger, mit dem der Zuschauer mitfiebern konnte. Natürlich kann man auch Geschichten ohne Sympathieträger erzählen, in der nur Antihelden und Verlierer dabei gezeigt werden, wie sie an den Widrigkeiten des Lebens scheitern und es nicht schaffen, gegen ihr Schicksal anzukommen. Das ist jedoch nichts, was den Zuschauer an den Eingeweiden packt und sein Inneres durcheinander wirbelt. Das ist etwas, das den Zuschauer deprimiert und niedergeschlagen aus dem Kinosaal entlässt. Es ist leider nur mäßig spannend, wenn einfach fatalistisch und trostlos die Figuren an allem scheitern, was sie anfangen. Oder wenn sie gar nicht erst versuchen, diesem Schicksal zu entkommen. Leider ist es auch so, dass Figuren, die auf Distanz zum Zuschauer bleiben, tun und lassen können, was sie tun und lassen, es bleibt dem Zuschauer gleichgültig. Das mag trotzdem große Kunst sein, keine Frage. Aber hervorragende Kunst schafft es, trotz allem Anspruch auch den Unterhaltungsaspekt nicht zu kurz kommen zu lassen. Das fehlte hier leider.“

Dieses Gefühl von Schwere, Trostlosigkeit und Unwohlsein, ohne genau benennen zu können, woran das liegt, wurmt mich immer noch und zwar, weil es mir bekannt vorkommt. Ich hatte das schon mal, dass ich etwas gelesen oder gesehen hatte und hinterher dachte, es war nicht schlecht, aber es hat mir nicht gefallen. Nun weiß ich wieder, wann das war, nämlich nach der Lektüre von Albert Camus‘ Der Fremde (L’Étranger) und von Jean-Paul Sartres Der Ekel (La Nausée). Beides literarische Hauptwerke des Existenzialismus‘. In beiden Geschichten sind die Hauptfiguren schwer zu definieren – schließlich liegt dem ja der existenzialistische Gedanke zugrunde, der Mensch existiere bereits, bevor er etwas sei – und lassen sich durch den Alltag treiben. Selbst, wenn um sie herum Schreckliches geschieht (in Der Fremde passiert sogar ein Mord) gehen sie weiter, scheinbar unberührt. Sie wollen nichts, sie haben keine spezifischen Charakterzüge, sie sind (existieren) einfach. Das, was die anderen tun oder was um sie herum passiert, hat für sie keine Bedeutung außerhalb der bloßen Existenz. Und so interessant das auch im philosophischen Sinn sein mag, so anstrengend ist es doch zu lesen, weil alles so sinnentleert und trostlos ist. Das war auch mein erster Eindruck nach The Place Beyond The Pines. Die Figuren bleiben undurchsichtig, man kann sie nicht verstehen, ihre Entscheidungen nicht immer nachvollziehen, ihre fatalistische Grundhaltung nicht nachempfinden. Deswegen berührt der Film nicht und bleibt seltsam auf Distanz zum Zuschauer.

Dann aber fiel mir eines meiner Abiturthemen des Französisch-Leistungskurses wieder ein, Der Mythos des Sisyphos (Le Mythe de Sisyphe) von Albert Camus. Das zählt zwar eher zur Philosophie des Absurden, aber einige Gemeinsamkeiten mit dem Existenzialismus gibt es schon. Zum Beispiel, dass der Mensch nicht vor der Geburt bereits „etwas“ ist und nach dem Tod schon mal gar nicht. Jeder Mensch existiert im Hier und Jetzt und muss für seine Entscheidungen, seine Handlungen, sein Verhalten sich und anderen Menschen gegenüber, Verantwortung übernehmen, da es sonst niemand für ihn tun kann. Das heißt nicht „Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt“, das heißt, „Ich habe sowohl die Freiheit als auch die Verantwortung, mein Leben zu gestalten“. Das lässt sich im Prinzip als Botschaft auch aus dem Mythos des Sisyphos ziehen. Wir erinnern uns, Sisyphos hatte den Ärger der Götter auf sich gezogen und wurde mit einer absurden, sinnlosen Aufgabe bestraft. Er sollte einen unglaublich schweren Felsbrocken einen Berg hinaufrollen und sobald er oben angekommen war, rollte der Felsbrocken wieder den ganzen Weg hinunter ins Tal und Sisyphos musste hinterher laufen und von vorne anfangen. Nun kann er nichts daran ändern, dass er den Brocken den Felsen hochrollen muss, aber seine Haltung zu dieser Aufgabe ist seine Freiheit und seine Verantwortung. Er kann sich dann entweder hinstellen und jammern, rabäääh, der Brocken ist so schwer und der Berg so hoch und das bringt alles überhaupt nichts, wenn das Scheißding eh wieder hinunterpurzelt. Oder er sagt sich – wie der Sisyphos in Camus‘ Geschichte – Gut, ich kann’s nicht ändern, ist halt so, dann mach ich hier mal weiter und ärgere mich nicht drüber, davon wird es auch nicht besser. Er akzeptiert das Absurde und geht damit um, sodass er zufrieden sein kann mit dem, was sich nicht ändern lässt. „Il faut s’imaginer Sisyphe heureux“ (Man muss sich Sisyphos als glücklichen Mann vorstellen) ist dann auch das Fazit der Geschichte.

Was hat das nun mit The Place Beyond The Pines zu tun? Nun, vielleicht habe ich einfach zunächst so reagiert, wie der jammernde Sisyphos. Manno, die wehren sich ja gar nicht gegen ihr Schicksal, voll doof, warum kämpfen die nicht dagegen an, langweilig, trostlos, mag ich nicht. Aber vielleicht lässt sich das auch anders sehen. Die Hauptfiguren in dem Film akzeptieren das Absurde ihrer Existenz und versuchen, das Beste daraus zu machen. Zumindest gilt das für die Figur, die Ryan Gosling spielt. Er raubt Banken aus so wie Camus‘ Sisyphos den Felsen den Berg hochrollt. Die Figur von Bradley Cooper hingegen versucht auszubrechen, der eigenen Existenz eine höhere Bedeutung zu verleihen und ist am Ende zwar am Leben, aber ein gebrochener, all seiner Ideale und Vorstellungen beraubter Mensch. Und das wiederholt sich in Gestalt der Söhne. Der Sohn des Polizisten/Staatsanwalts kommt mit der Sinnlosigkeit seiner Existenz nicht klar und betäubt diese Ohnmacht mit Drogen und überspielt sie mit Arroganz und Kaltblütigkeit. Der Sohn des Bankräubers versucht zunächst, gegen das Absurde anzukämpfen, doch am Ende, wenn er mit dem Motorrad davonfährt, hat er akzeptiert, dass das Leben absurd ist. Vielleicht muss man sich Jason zum Schluss auch als glücklichen Menschen vorstellen. Und dann ist der Film doch nicht so trostlos und niederschmetternd wie ich anfangs dachte.

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