Monatsarchiv: Dezember 2015

72. Stück: Die grottigsten Schrottfilme 2015

Nachdem ich eben schon die 10 besten Filme und 5 tollsten Animationsfilme von 2015 aufgezählt habe, komme ich nun zu den schlimmsten Kinoerlebnissen von 2015. Einige dieser Filme sind objektiv betrachtet der hinterletzte Mist, andere fand ich doof, obwohl sie objektiv betrachtet nicht schlecht gemacht waren. Wie immer sind Diskussionen, Proteste und andere Meinungen willkommen und erwünscht.

Die schlechtesten Filme 2015: Top 10

10. „Mac Beth“

„MacBeth“ von Justin Kurzel ist ein sehr guter Film und eine überzeugende, werktreue Umsetzung des Shakespeare-Stücks. Aber wirklich gefallen hat mir der Film trotzdem nicht. Mit diesem Urteil habe ich bereits meinen Freund in völlige Verwirrung gestürzt, aber manchmal ist es ja wirklich so, dass man einen Film einfach nicht mag, obwohl man anerkennt, dass er objektiv gut gemacht ist. Ähnlich ging es mir bei „Birdman“, aber da war ich zusätzlich noch enttäuscht, weil ich den Film als witzig erwartet hatte und dann war er vor allem zäh.

Bei „MacBeth“ hatte ich ehrlich gesagt nichts erwartet, ich war einfach neugierig, weil ich das Stück zuletzt als Schulaufführung an meinem Gymnasium gesehen hatte und wissen wollte, wie sie es als Film umsetzen. Die Schauspieler sind hervorragend, die Kulisse wirkt authentisch, die Kampfszenen sind überzeugend und wirken realistisch. Die Zeit und die Atmosphäre sind gut eingefangen, die Figuren vielschichtig, eigentlich gibt’s also nichts zu meckern. Dennoch hat der Film mich nicht so gefesselt wie damals die Schulaufführung.

Meine Theorie ist nun, dass der Film vielleicht zu viel Wert auf Authentizität und Werktreue gelegt hat, und darüber vernachlässigt hat, für Spannung zu sorgen. Die entsteht nämlich vor allem dann, wenn man mit den Figuren mitfiebert, emotional an sie andockt, und um sie bangt. Nun sind die beiden Hauptfiguren, das Ehepaar MacBeth, aber so extrem unsympathisch und ihre Motive sind – vor allem aus heutiger Sicht – nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, dass man die ganze Zeit darauf wartet, dass es mit den beiden endlich ein Ende nimmt. Klar, das liegt auch an der Geschichte, da sind die MacBeths eben keine Sympathieträger. Aber trotzdem sollte man ihre Denke, ihre Motivation, nachvollziehbar machen. Vielleicht muss man dann Abstriche bei der Werktreue machen, aber das macht man im Theater bei klassischen Stücken ja auch. Wer Werktreue haben möchte, kann ja den Text lesen.

Wenn man aber einen Text in einem anderen Medium umsetzt, muss man ihn für dieses Medium anpassen. Beim Theater geht es heutzutage nicht mehr um Realismus, da werden die Geschichten oft abstrakt erzählt oder der Text aufs Wesentliche zusammengekürzt. Die Distanz, die durch Verssprache nun einmal zwischen den Figuren und dem Zuschauer entsteht, wird im Theater durch den Live-Charakter überbrückt. Im Film hat man diesen direkten Kontakt zwischen Schauspielern auf der Bühne und Publikum im Zuschauersaal nicht, da bilden die Leinwand und der zeitliche Abstand eine Distanz. Kommt dann noch die Verssprache obendrauf sowie die schwierig nachzuvollziehende Motivation der Figuren, wird die Distanz so groß, dass es kaum noch möglich ist, den Zuschauer emotional mitzunehmen und somit Spannung zu erzeugen.

9. „Man lernt nie aus“

„Man lernt nie aus“ von Nancy Meyers ist eine nette Wohlfühlkomödie, bei der man sich entspannt zurücklehnen und den Kopf abschalten kann. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Der Film ist insofern gelungen, dass er die Erwartungen, die er im Trailer geweckt hat, erfüllt: Alle sind nett zueinander, keiner hat wirklich schlimme Sorgen und niemand hat irgendwelche fiesen, gemeinen Seiten in seiner Persönlichkeit. Der ganze Film ist wie eingehüllt in eine fluffige Zuckerwatteflauschwolke, die ab und zu rosa Glitzerherzchen regnen lässt. Ich persönlich fand, die Geschichte hätte man genausogut in 80 Minuten erzählen können, anstatt in 122 Minuten, aber das ist vielleicht auch Geschmackssache, wie lange man diese konzentrierte Süßigkeit aushält.

Schade fand ich, dass die tollen Schauspieler so wenig zu tun hatten, weil sich alle Konfliktchen früher oder später in Wohlgefallen aufgelöst haben und keine der Figuren einen mehrdimensionalen Charakter hatte. Im Prinzip mussten sie einfach nur ihren Text aufsagen, Robert De Niro musste regelmäßig freundlich lächeln (was er sehr gut kann und was ihn wie einen knuddeligen Teddybär-Opi wirken lässt) und Anne Hathaway durfte hin und wieder den Hundeblick aufsetzen. Allerdings waren ihre Kleider richtig toll, also, wenn es ihr Label wirklich gäbe, würde ich da auf jeden Fall mal vorbeischauen. Doch sie kann mehr, als hübsch und niedlich aussehen, das hat sie spätestens in „Les Misérables“ bewiesen.

Für meinen Geschmack hätte man noch mehr aus dem Generationsthema machen können. Da hätte der Film ruhig einen bissigeren Humor vertragen. Außerdem gefällt es mir nicht, dass das Thema „Frauen in Führungspositionen“ so verniedlicht dargestellt wurde. Man hat sich ein bisschen pflichtbewusst über Sexismus aufgeregt und darüber, was für ein negatives Image sogenannte Karrierefrauen noch immer haben, aber das wirkte in dieser Regenbogenblümchenwelt wie ein albernes Luxusproblem, das niemand ernst nehmen muss.

Fazit: So, nun bin ich auch schon fertig mit meinem Genörgel. Um einen grauen Regentag ein bisschen erträglicher zu machen, taugt dieser muckelige Wohlfühlfilm allemal.

8. „Die Frau in Schwarz 2“

„Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ von Tom Harper schafft es leider nicht ganz, an seinen Vorgänger heranzukommen. Die gruselige Atmosphäre ist zwar weitestgehend gelungen und bei den Schockmomenten habe ich mich auch jedesmal erschrocken. Aber die Geschichte ist nicht ganz so rund geworden, die Figuren nicht ganz so facettenreich wie im ersten Teil.

Die Idee, die Handlung in den zweiten Weltkrieg zu verlegen und die Evakuierung von Kindern als Startpunkt für den Gruselplot zu nehmen, war eigentlich gut. Leider wurde aus der Idee nicht wirklich viel gemacht. Die Liebesgeschichte mit Harry hat zudem ein bisschen von der Schaurigkeit wieder herausgenommen. Im ersten Teil war es gerade spannend, dass die Hauptfigur so einsam und verloren war, dadurch wurde nachvollziehbar, warum er das Drama um die Frau in Schwarz unbedingt aufklären wollte.

Nun wurde zwar auch Eve eine traurige Vergangenheit auferlegt, aber wer den ersten Teil gesehen hatte (und ich nehme an, das haben die meisten, die sich den zweiten Teil anschauen), kannte ja das Geheimnis schon und somit bot dies kein Spannungspotential mehr.

Also, alles in allem insgesamt nicht schlecht, kann man sich angucken und man fühlt sich gut unterhalten und gruselt sich. Aber man verpasst nicht allzu viel, wenn man ihn nicht gesehen hat.

7. „True Story“

„True Story – Spiel um Macht“ von Rupert Goold hat mich nicht überzeugt, was jedoch nicht heißt, dass der Film schlecht ist. Wir waren zu viert im Kino und ich war die Einzige, die sich hinterher über das (meines Erachtens) vergeudete Potenzial ereifert hat. Ich denke, das liegt vor allem an James Franco: Die Glaubwürdigkeit des Films steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit der Figur des Christian Longo. Glaubt man ihm, was er erzählt, vertraut ihm und entwickelt Sympathie für ihn (übernimmt also sozusagen die Perspektive von Michael Finkel), dann findet man den Film spannend.

Ich für meinen Teil habe aber die ganze Zeit James Francos Rolle als dümmliche eitle Knalltüte aus „The Interview“ und sein Katy-Perry-Duett mit ‚Kim Jong Un‘ im Hinterkopf gehabt und ihm nicht eine Sekunde lang irgendetwas abgekauft. Daher konnte ich keinen Anknüpfungspunkt finden, um mich in die Geschichte richtig einzuhaken und fand den Film fürchterlich langatmig und vorhersehbar.

Das ist eigentlich schade, denn der Stoff, die Story und die Ausgangssituation sind interessant, da hätte man einen nervenzerfetzenden Thriller mit nachdenklich stimmenden Drama-Elementen draus machen können. Vielleicht hätte es etwas gebracht, wenn James Franco und Jonah Hill die Rollen getauscht hätten. James Franco hätte die Figur des eitlen Journalisten, der seinen Berufsethos sehr großzügig auslegt, sicher sehr gut und überzeugend gespielt und da hätte auch sein Knalltütengesicht gepasst. Jonah Hill traue ich indes zu, dass er das Undurchschaubare des Christian Longo besser hingekriegt hätte als James Franco.

Trotzdem hat der Film spannende Fragen aufgeworfen, insbesondere die nach der Wahrheit in „wahren Geschichten“ wie Reportagen, Biografien und Geständnissen. Ist es ethisch vertretbar, die Tatsachen ein wenig zu raffen, zu konzentrieren, anders anzuordnen, um eine bestimmte Aussage zu verdeutlichen, selbst wenn die Wahrheit dadurch leicht verfälscht wird? Wie glaubhaft sind Selbstdarstellungen? Ist es überhaupt möglich, eine Geschichte zu erzählen, die 100 Prozent den Tatsachen entspricht? Schließlich findet bereits durch das Erzählen eine Auswahl und Anordnung statt, die schon verfälschend wirken kann. Die Figuren in dem Film scheitern alle mit ihrem Wahrheitsanspruch und auch dem Film selbst scheint es nicht zu gelingen, den eigenen Wahrheitsanspruch zu erfüllen.

Eine Sache noch: Die Figur der Jill hätte man mehr Tiefe und Ambivalenz verleihen oder sie sich sparen können. Von Anfang an ist sie dauerbeleidigt, ohne zu sagen, was sie hat, ist passiv aggressiv, zickig, vertraut ihrem Partner nicht, guckt die ganze Zeit muksch aus der Wäsche und trägt nicht viel zur Handlung bei. Was soll denn das?

6. „Birdman“

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ von Alejandro González Iñárritu hinterlässt mich zwiegespalten. Der Film macht es einem aus Unterhaltungssicht betrachtet nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist sperrig, anstrengend, schräg, merkwürdig, bizarr, skurril, surreal, verrückt, mühsam und unbequem. Und das ist eigentlich wieder gut. Aber irgendwie … ich glaube – und das ist nur mein persönliches Urteil, das nichts über die Qualität des Films aussagt – mir war das zu viel des Guten.

Die Geisteswissenschaftlerin und ausgebildete Schauspielerin in mir jubelte über die vielen Seitenhiebe auf die Theater- und Filmbranche, den Jahrmarkt künstlerischer Eitelkeiten, satirischen Pointen, großartigen Bezüge, Andeutungen und philosophischen Anklänge. Mit dem Verstand betrachtet also ein Meisterwerk, ein gefundenes Fressen für Filmkritiker und andere Cineasten. Auch für Psychologen gäbe es da eine Menge zu analysieren und interpretieren.

Mit dem Herzen betrachtet war mir das aber alles viel zu intellektuell verquast, zu künstlerisch überambitioniert, zu überheblich, selbstgefällig, wichtigtuerisch, arrogant in seinem übertrieben metaphorischen Spiel mit Symbolen und Realitäten. Als wäre der Regisseur in dieselbe Falle getappt, wie sein Protagonist: Etwas Bedeutungsvolles schaffen wollen und von niemandem wirklich verstanden werden.

Vielleicht war das aber auch der Gedanke dahinter, dass man diesen Film nicht mit den normalen Sehgewohnheiten, Erzählkonventionen etc. betrachten, sondern ihn auf einer anderen Ebene wahrnehmen soll. Oder so. Wie sich Künstler das dann halt immer so schönreden, wenn sie etwas fabriziert haben, was beim Massenpublikum nicht ankommt. Die haben die Message nicht begriffen, sowieso ist das ja auch eine Auszeichnung, wenn der mainstreamverkorkste Pöbel einen doof findet und blablabla. Also, selbst wenn dem so ist und das sollte bewusst für Unverständnis sorgen, dann ist das zwar gelungen, aber nicht neu.

Durchgehend positiv aufgefallen sind mir jedoch die Schauspieler. Wie Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts und Co. sich selbst und ihren Beruf voller Spielfreude durch den Kakao ziehen macht sehr viel Spaß – intellektuelles Gestakse hin oder her. Diese Szenen haben sich in jedem Fall gelohnt.

Nur schade, dass der Film dann doch sehr lang war und zum Ende hin immer eigenartiger wurde. Mein Freund (selbst Kameramann) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der gesamte Streifen wie in einer einzigen Kamerafahrt, mit kaum sichtbaren Schnitten gedreht wurde. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen so anstrengend, denn das ist ja sehr innovativ, die Sehgewohnheiten zu torpedieren, aber von sowas wird man ein wenig seekrank. Da fehlt dann einfach die Struktur. Aber auf jeden Fall ist der Film interessant, ich denke, das lässt sich nicht leugnen. Ob man ihn nun genial findet – oder furchtbar.

P. S.: In der kino.de-Kritik steht, dass Edward Norton alias Mike Shiner es mit dem Method Acting zu genau nimmt. Das ist so nicht ganz richtig, denn beim Method Acting (entwickelt von Lee Strasberg auf Grundlage einiger Aspekte der Schauspieltheorien von Konstantin Stanislawski) geht es nicht darum, dass alles auf der Bühne/vor der Kamera echt sein muss. Das ist dann ja kein Schauspiel mehr, wenn’s echt ist.

Beim Method Acting nutzt der Schauspieler seine eigenen Erinnerungen, um Gefühle wachzurufen und diese der Figur zur Verfügung zu stellen. Das ist so der Grundgedanke dahinter. Dass man das, was auf der Bühne gezeigt wird, tatsächlich tut, geht eher in Richtung Performance. So wie Marina Abramovic, die sich einen Stern in die Bauchdecke geritzt hat und dann blutend vor dem Publikum stand, bis endlich jemand aufgestanden und ihr geholfen hat. Das ist was völlig anderes.

5. „American Sniper“

American Sniper“ von Clint Eastwood ist ein schwieriger Film. Natürlich kann man bei dem kontroversen Inhalt keine leichte Unterhaltung erwarten, das ist klar. Aber ein spannendes, psychologisch tiefgründiges Drama hätte schon daraus werden können. Das ist auch das, was ich nach Sicht des Trailers erwartet habe, vor allem, weil Clint Eastwood sich bereits häufiger in der Vergangenheit (zum Beispiel im großartigen „Gran Torino“) als sensibler, feinsinniger und kluger Filmemacher erwiesen hat. Leider ist das meines Erachtens bei „American Sniper“ nicht gut gelungen.

Die Kriegsszenen sind sich untereinander sehr ähnlich, es ist keine wirkliche Steigerung oder Entwicklung zu sehen. Zwar macht Chris Kyle eine Wandlung durch, doch seine persönliche Entwicklung, seine Traumata, seine zerbrochenen Ideale und Träume, sein innerer Schmerz, den er bis zur Selbstaufgabe verleugnet (sonst könnte er seinen Job wohl auch nicht weiter ausführen) werden nur angedeutet. Die privaten Szenen zuhause mit seiner Frau und seinen Kindern, das Verhältnis zu seinem Bruder (was passiert eigentlich mit ihm? Diese Frage lässt der Film leider offen) kommen zu kurz. Es blitzen ab und zu ein paar Szenen und Momente auf, die das innere Grauen dieses Mannes erkennen lassen, doch sind diese zu selten. Der Erzählrhythmus ist irgendwie nicht ganz stimmig, die Kriegsszenen sind zu gleichförmig und lang, die Szenen, die zeigen, was der Krieg mit Chris Kyle macht, sind zu kurz und bleiben zu sehr an der Oberfläche.

Am interessantesten in dem Film fand ich den Anfang, als in Rückblenden gezeigt wurde, wie Chris Kyle überhaupt Sniper geworden ist. Da bekam man einen Einblick in die amerikanische Heldenideologie, die mir als pazifistischer, bildungsbürgerlicher Europäerin völlig absurd vorkommt, die jedoch im Film glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt wird. Diese Dreiteilung der Menschheit in Schafe, Wölfe und Hütehunde finde ich zwar Quatsch (vermutlich, weil ich in dieser Kategorisierung eindeutig ein Schaf bin und somit ein Loser), aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen daran wirklich glauben. Und wer davon überzeugt ist und fest daran glaubt, ein Hütehund zu sein, der alle vor den bösen Wölfen beschützen muss, der findet das dann auch absolut logisch, in ein fremdes Land einzufallen und dort Leute zu erschießen, die man als böse betrachtet.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese Überzeugung Kyles, die ja bis zum Schluss nicht wirklich ins Wanken gerät, etwas kritischer hinterfragt worden wäre. Allerdings beruht der Film auf Kyles Autobiographie, er gilt in den USA als Held, da ist es für einen US-amerikanischen Filmemacher wahrscheinlich nicht so naheliegend, den Heldenmythos zu demontieren. Das Hauptzielpublikum dürften außerdem diejenigen sein, die Kyle als Helden verehren und wenn man ihn dann im Kinofilm als gebrochenen, traumatisierten Menschen zeigt, den Krieg nicht als notwendig, sondern als sinnlos darstellt und Verständnis für die Soldaten aufbringt, die Zweifel an der vermeintlich gerechten Sache bekommen, wäre der Misserfolg vorprogrammiert.

Fazit: Insofern sehenswert, weil der Film zum Nachdenken anregt. Allerdings sollte man seine Erwartungen in Sachen Spannung vorher herunterschrauben.

4. „The Avengers 2: Age of Ultron“

„Avengers: Age of Ultron“ von Joss Whedon war … so mittel. Erwartet hatte ich ein furioses Action-Spektakel mit viel Krachbumm, erhofft hatte ich eine spannende Handlung mit witzigen Dialogen. Es sind leider nur meine Erwartungen erfüllt worden. Übertroffen wurden sie nicht. Aber das ist ja auch schon mal was.

Zwischendurch gibt es witzige Schlagabtäusche, launige Dialoge, ein wenig Ironie. Das sind die Stellen, die mir gefallen haben. Dann gibt es sehr, sehr viele Szenen, in denen unter ohrenbetäubendem Getöse alles Mögliche zu Bruch geht. Das war zu erwarten, nichtsdestotrotz schlafe ich bei solchem Spezialleffekte-Exzess immer ein. Wobei das jetzt aber auch nicht so schlimm ist, man verpasst nichts von der Handlung (weil es keine gibt).

Ärgerlich fand ich jedoch die einen oder anderen sexistischen Metadiskurse, und ich meine damit nicht, dass zum Beispiel Scarlett Johansson einen engen Strampelanzug trägt. Sie hat eine tolle Figur und kann sowas tragen, außerdem muss sich die von ihr gespielte Superheldin ja auch bewegen können und Strampelanzüge sind überaus bequem. Des Weiteren finde ich es unsinnig, am Aussehen gutaussehender Menschen herumzumäkeln, weil man selber vielleicht nicht so toll aussieht. Was ich aber unmöglich finde, ist, wenn Frauen so dargestellt werden, als wäre es für sie alle das ultimative Glückseligkeitsziel, Mutter zu werden und wenn sie es nicht können, dann sind sie nichts wert. ‚Natasha Romanoff‘ sagt in dem Film allen Ernstes: „Ich wurde zwangsweise sterilisiert, ich bin ein Monster.“ Entschuldigung, bitte, was!? Und ‚Hawkeye‘ kann seinen Job als Superheld trotz Kinder auch nur ausführen, weil seine Frau ihm bedingungslos den Rücken freihält und am Ende der Welt in einem Farmhaus den ganzen Tag allein mit den Kindern ist und den Haushalt schmeißt. Natürlich mit links, ohne eigenen Willen, ohne eigene Bedürfnisse. Ein Träumchen. Grummel.

Gut, aber davon abgesehen ist der Film durchaus unterhaltsam und man bekommt das, was der Trailer verspricht.

Fazit: Kann man sich angucken. Muss man aber nicht.

3. „Maze Runner 2: Die Auserwählten in der Brandwüste“

„Maze Runner 2 – Die Auserwählten in der Brandwüste“ von Wes Ball ist ganz anders als das Buch. Die Namen, die Ausgangssituation und ein paar Szenen stimmen mit der literarischen Vorlage überein, mehr eigentlich nicht. Wenn es einem gelingt, Buch und Film als unabhängige, eigenständige Werke zu sehen, kann man sich trotzdem von beiden gut unterhalten lassen. Der Film zeichnet sich vor allem durch atemberaubende Stunts, nervenzerfetzende Action und eine eindrucksvolle mise en scène aus (das ist das, was man sieht, wenn man das Bild anhält, also die visuelle Inszenierung, aber auch Kostüme, Requisiten, etc.).

Aber: Leider ist das Tempo etwas unausgewogen. Mal geht es im Affenzahn durch die Gegend, und der Film macht da weiter, wo der erste Teil aufgehört hat. Die Dialoge bestehen überwiegend aus „Komm“, „Mach schnell“, „Beeil dich“, „Wir müssen hier weg!“ und „Los!“ Das ist auf Dauer ermüdend, außerdem bleibt überhaupt keine Zeit für die Charakterzeichnung der Figuren und Hinweise auf die Hintergrundgeschichte. Teilweise bekommt man gar nicht mit, wie die Leute überhaupt heißen. Und wenn es dann mal einen erwischt, fragt man sich: „Wer war das noch mal?“, anstatt Rotz und Wasser über den Verlust zu heulen. Von Jorge und Brenda abgesehen, bleiben alle Figuren langweilig, blass und flach. Jorge und Brenda aber sind super und werten den Film erheblich auf.

Dann gibt es zwischendurch auch ein paar rührselige Szenen, in denen die Figuren etwas Trauriges aus ihrer Vergangenheit erzählen. Das wirkt aber im Vergleich zu dem restlichen Überschalltempo fehl am Platz, unglaubwürdig und plump. Da wäre es vielleicht spannender gewesen, nicht so viel auf einmal in einen Film zu packen, sondern sich lieber auf ein paar wenige, wichtige Handlungspunkte zu konzentrieren und sich dafür etwas mehr Zeit und Mühe zu geben.

2. „Die Bestimmung 2: Insurgent“

„Die Bestimmung – Insurgent“ von Robert Schwentke hat mich sehr enttäuscht. Wer den Film mochte und ihn sich nicht madig machen lassen will, sollte am besten nicht weiterlesen. Denn was jetzt folgt, ist ein Verriss:

Inzwischen habe ich die Bücher von Veronica Roth gelesen und finde sie zwar nicht gut geschrieben, aber trotzdem spannend und vor allem inhaltlich interessant. Die Geschichte, die Welt in der sie spielt, die Hintergründe, die Grundidee sind super. Und deswegen habe ich mir diesen Film angeschaut, in der Hoffnung, die stilistischen Makel der noch jungen Autorin fallen bei der visuellen Umsetzung weg. Unter anderem haben mich im Buch gestört, dass die Autorin ständig mehrmals hintereinander ähnliche Formulierungen und einen fast identischen Satzbau verwendet, sodass einem die Erzähler (Tris selbst, im dritten Teil abwechselnd mit Four) fürchterlich auf den Keks gehen. Die spannende Handlung aber machte das im Buch wett.

Im Film nicht. Schlimmer noch: Die Verfilmung hat es tatsächlich geschafft, die Hauptfiguren noch unsympathischer erscheinen zu lassen, die Handlung noch weiter zu kürzen, die Hintergründe noch oberflächlicher abzufertigen und die Nebenfiguren noch nebensächlicher zu gestalten. Das Ergebnis ist eine schleimtriefende Teenie-Schmonzette, die mehr in Richtung „Twilight“ geht als in „Die Tribute von Panem“. Nun fand ich „Twilight“ aber ganz unterhaltsam, weil das so offenkundig bescheuert war, dass es einfach schon wieder Spaß gemacht hat. „Die Bestimmung“ aber behandelt ja durchaus ein spannendes Thema, das gesellschaftsrelevant und sozialkritisch ist. Die dystopische Welt, die Veronica Roth kreiert hat, ist eine durchaus denkbare Eskalation und Weiterentwicklung der heutigen politischen Verhältnisse.

Aber hat das der Film in irgendeiner Weise genutzt? Nö. Stattdessen drehen sich von den knapp zwei Stunden 90 Minuten nur um das Beziehungsgeschwurbel zwischen Fräulein Selbsthass und Monsieur Aushilfs-Moritz-Bleibtreu. Nichts gegen Shailene Woodley, sie ist keine schlechte Schauspielerin. Aber in diesem Film speziell hat sie mich genervt. Im Buch konnte man das ja wenigstens noch schnell überfliegen, wenn sie wieder ankam mit ihrem „Ach und Weh, ich bin an allem Schuld, ich bin der schlimmste Mensch der Welt blablabla“. Bevor man mich falsch versteht: Sie hat allen Grund sich Vorwürfe zu machen und das ist ja alles ganz menschlich. Doch dieses egozentrische In-sich-selbst-Herumgewühle muss man nicht fast zwei Stunden lang auswalzen, sondern es genügt, wenn das ab und zu aufblitzt.

Fazit: Lohnt sich nicht. Lest lieber das Buch.

1. „Jupiter Ascending“

„Jupiter Ascending“ von den Wachowski-Geschwistern ist ein ganz heißer Kandidat für die Goldene Himbeere – und zwar in sämtlichen Kategorien. Normalerweise würde ich ja diplomatisch sagen, dass ich ihn schlecht fand. Dieses Mal würde ich mich aber glatt dazu hinreißen lassen zu urteilen: Der ist einfach schlecht.

Aber einmal ganz von vorne. Die Heldin Jupiter Jones erzählt, wie sich ihre Eltern kennen gelernt haben, was an Kitsch eigentlich nur noch davon überboten wird, dass ihre Tante ihr weissagt, dass sie zu Großem bestimmt sei. Und (was noch viel wichtiger ist), dass sie ihre große Liebe treffen wird. Gähn. Schnarch. Sülz.

Da putzt sie also tagein tagaus Toiletten, hasst ihr Leben und melancholisiert so nichtsahnend vor sich hin, da tauchen plötzlich so komische Alienviecher bei ihr auf und wollen ihr ans Leder. Nicht nett. Vor allem, weil sich dahinter einfach nur ein schnöder Erbschaftsstreit zwischen rivalisierenden Adelssprössen einer uralten außerirdischen Familie verbirgt. Und die arme Jupiter wird mir nichts dir nichts zum Spielball der dekadenten Brut.

Man hätte daraus eine witzige Satire machen können, die übertriebenes Wirtschaftsstreben auf die Schippe nimmt und kritisch-humorvoll beleuchtet. Die Szene in der intergalaktischen Behörde (die überhaupt nicht zum restlichen Film passte) hat es angedeutet. Man hätte eine urkomische Parodie auf Auserwählten-Wischiwaschi und Heldengeschwurbel-Fantasy-ScienceFiction-Quatsch machen können. Oder einfach nur ein launiges Effektespektakel à la „Guardians of the Galaxy“. Von mir aus hätte da auch ein romantischer Märchenfilm und eine schmachtige Liebesschnulze draus werden können.

Aber es hat nicht sollen sein.

Was gibt es stattdessen? Flache Figurenkonzeption, die schon fast an Nulldimensionalität grenzt. Die Schauspieler hatten überhaupt nichts anderes zu tun als dekorativ im Bild herumzustehen oder dekorativ durchs Bild zu fegen. Mila Kunis kulleräugt sich durch ihre Figur und tapst wie ein verknallter Backfisch durch den Special-Effects-Salat. Channing Tatum stehen die spitzen Ohren zwar super, ansonsten guckt er nur grimmig in die Gegend und knurrt von Selbsthass und Abgeklärtheit getönten Unfug vor sich hin. Jupiter kennt den Kerl keine zwei Sekunden und ist sich schon sicher, dass das ihre große Liebe ist. Sowas nennt man Verzweiflung, keine Liebe. Und die anderen Figuren und Schauspieler sind keinen Deut besser. Was nicht an den Schauspielern liegt, sondern an diesem himmelschreiend schlechten Skript.

Die an sich simple Geschichte wird völlig verquast erzählt, ohne dass das irgendwie philosophische oder gesellschaftskritische oder sonstwie interessante Fragen aufwerfen würde. Nein, es ist einfach nur durcheinander, verworren, unstrukturiert, unentschlossen und witzlos. Und diese Dialoge!!! Unterirdisch wäre noch eine zu positive Bezeichnung. Da gibt es ja in jeder Seifenoper oder in Rosamunde-Pilcher-Filmen noch pointiertere Texte.

Fazit: Das Geld kann man sich aber sowas von sparen. Da kann man sich auch gleich „Matrix III“ noch mal antun.

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71. Stück: Die 10 besten Filme und 5 tollsten Animationsfilme von 2015

Das Jahr 2015 neigt sich dem Ende und es wird Zeit für einen cineastischen Rückblick. Hier präsentiere ich die meiner Meinung nach besten Filme und Animationsfilme von 2015, dazu gibt es meine Kritiken. Die Liste ist garantiert völlig subjektiv – wer also Lust hat, mir zu widersprechen oder mich ob meines miserablen Filmgeschmacks zu bepöbeln: Ich freue mich über jeden Kommentar.

Die 10 besten Filme 2015:

10. „Mad Max – Fury Road“

Wow! Was für ein rasanter Trip! In „Mad Max: Fury Road“ von George Miller geht es 121 Minuten lang im furiosen (!) Tempo quer durch eine bizarre, surrealistische Landschaft, in der kaum noch ein Fünkchen Zivilisation übrig ist. Es ist, als wäre die Menschheit zurück in der Steinzeit gelandet – nur dass in der Steinzeit nicht die ganze Erde verwüstet und noch ausreichend Ressourcen für alle vorhanden waren.

Mit skurrilem Humor entlarvt Miller in seinem Film die völlige Absurdität des Daseins und zeigt seinen Helden Max als ein Wesen, das nur noch auf den Instinkt des Überlebens reduziert ist und langsam wieder etwas Menschlichkeit entdeckt.

Etwas reizüberflutet steht man nachher da, aber merkwürdigerweise nicht enttäuscht wie beispielsweise nach „Avengers: Age of Ultron“. Das liegt daran, dass einem die Figuren sofort ans Herz wachsen und man mit ihnen mitfiebert, auch wenn die Dialoge sehr knapp ausfallen. Vielleicht, weil sie alle so klare, nachvollziehbare Motive verfolgen und weil sie alle im Kern ganz normale Menschen sind.

Fazit: Absolut sehenswert!

9. „Warte, bis es dunkel wird“

„Warte, bis es dunkel wird“ von Alfonso Gomez-Rejon ist handwerklich hervorragend gemachter Grusel mit schockierenden Splatter-Momenten, die es in sich haben. Die weitestgehend unbekannten Darsteller spielen glaubwürdig, facettenreich und sympathisch – was für Horrorfilme keine Selbstverständlichkeit ist. Die Gefahr unfreiwilliger Komik ist groß, wenn irgendwelche Teenager (oder Schauspieler, die wie Teenager aussehen sollen, auch wenn sie schon fast 30 sind) kreischend vor einem Hackebeilmörder davonlaufen. Das kann schnell albern aussehen, aber in diesem Film wirkt es nicht ansatzweise komisch. Und das ist gut. Richtig gut.

Ich gebe zu, ich konnte bei den Splatter-Szenen nicht hingucken. Gerade, weil man sich nicht durch Kichern vom Gefühl des Grauens innerlich distanzieren konnte, ging die Brutalität der Morde besonders an die Nieren. Die Filmsprache mit schnellen, perfekt choreographierten Schnitten, ungewöhnlichen Kamerawinkeln und einem verträumt-unheimlichen Retro-Filter über den Bildern verstärkt diesen Effekt. Die Musik ergänzt und untermalt das Furchterregende auf ideale Weise. Für Cineasten bieten außerdem die Meta-Ebene mit dem alten Film von 1976 und die geschickte Verknüpfung mit den wahren Ereignissen zusätzliches Vergnügen.

Fazit: Sehenswert, nicht nur für Genrefans.

8. „Horns“

„Horns“ von Alexandre Aja ist ein schräger, aber spannender Genre-Mix aus Horror, Fantasy, Mistery, Krimi, Film Noir, Liebesfilm und Drama. Teilweise hat mich der Erzähltonfall auch ein wenig an „Donnie Darko“ erinnert, der meines Erachtens vor allem eine Gesellschaftssatire ist. Satirische Elemente lassen sich auch hier entdecken, wenn die Dorfbewohner Ig Perrish ihre dunkelsten Geheimnisse offenbaren. Zwischendurch musste ich dabei immer wieder laut auflachen, dann wieder blieb das Lachen im Hals stecken.

Der Film springt direkt, ohne Umschweife, in die Handlung und lässt dann jedoch, sobald Ig seine Hörner und sich daran gewöhnt hat, dass ihm jeder seine dunkle Seite zeigt, im Tempo ein wenig nach. Das heißt, hier und da gibt es ein paar kurze Durststrecken, in denen die Spannung droht, leicht abzuflauen. Im Gesamteindruck ist der Film jedoch herrlich skurril und wunderbar anders als das, was man sonst von Horrorfilmen gewohnt ist. Die tolle Songauswahl für den Soundtrack tut dann ihr Übriges, spätestens bei „Where is my mind“ von den Pixies hatte mich der Film auch musikalisch gepackt.

Fazit: Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber ich fand den super! Und ich bin der Ansicht, dass Daniel Radcliffe sein Harry-Potter-Image noch abstreifen wird. Mit solchen Filmen, in denen er zeigt, dass er (anders als beispielsweise Robert Pattinson) ein echt guter Schauspieler ist, ist er auf einem guten Weg.

+++Spoiler+++Spoiler+++Spoiler+++

Das Ende passte zwar und war ein guter Abschluss. Aber: Trotzdem hätte ich mir die Möglichkeit gewünscht, mit der Figur Ig Perrish noch weitere Geschichten zu erzählen. Ich denke, das Potential für Fortsetzungen, vielleicht sogar eine Serie, wäre vorhanden gewesen. Diese Option ist nun leider verbaut. Schade.

7. „Wir sind jung. Wir sind stark“

„Wir sind jung. Wir sind stark“ von Burhan Qurbani ist ein beeindruckendes und nachdenklich stimmendes Drama, das sich mit einem der unrühmlichsten Kapitel jüngerer deutscher Geschichte beschäftigt – und gerade in Zeiten von Pegida, Hogesa und Co. wieder hochaktuell ist. Die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen am 24. August 1992, als ein unkontrollierte Mob von Wutbürgern ein Asylbewerberheim in Brand setzte, werden im Film von mehreren Blickwinkeln aus betrachtet: Die Jugendlichen, die später mittendrin in den ausländerfeindlichen Angriffen sind, die Lokalpolitiker, die zwischen schlechtem Gewissen, Verantwortungsgefühl und zynischer Wahlkampf- und Imageschonungsstrategie schwanken und die Vietnamesen, die in dem später angegriffenen Haus wohnen.

Innerhalb dieser Gruppierungen finden sich wiederum verschiedene Standpunkte, die die Vorgänge noch feiner ausdifferenzieren lassen. Qurbani scheint es weniger darum zu gehen, Antworten auf die Frage nach dem „Warum?“ zu liefern, sondern aufzuzeigen, dass es manchmal keine einfachen Antworten gibt. Und dass rein theoretisch jeder zum Monster werden kann, wenn genug Frust und Wut sich aufgestaut haben. Eine beunruhigende, beklemmende Erkenntnis.

Der Stil und die Erzählstruktur erinnern an „La Haine“ (Hass) von Mathieu Kassovitz aus dem Jahr 1995. Auch dort wurde ein Tag im Leben von drei Jugendlichen in einem Pariser Vorort gezeigt, in Schwarz-Weiß und mit Zeitangaben, die die Geschichte gliedern und gleichzeitig daran erinnern, dass die unausweichliche Katastrophe, in der die Gewaltspirale enden wird, immer näher rückt.

Wie in „La Haine“ sind auch die deutschen Jungschauspieler in „Wir sind jung. Wir sind stark“ herausragend und brauchen sich hinter ihren älteren, erfahrenen Kollegen nicht zu verstecken. Die verschiedenen Facetten ihrer sorgfältig charakterisierten Figuren können sie mühelos durchscheinen lassen und sie spielen hervorragend als Clique zusammen.

Ein wenig Kritik habe ich aber dennoch (meine beiden Begleiter fanden den Film nämlich eher langatmig): Dadurch, dass aus so vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird (bei „La Haine“ war es konsequent immer nur die Perspektive der Jugendlichen), büßt der Film viel von seinem Spannungspotential ein. Er springt immer wieder zwischen den verschiedenen Protagonistengruppen hin und her, sodass die Spannungskurve zwischendurch erneut absinkt.

Außerdem haben mich zwischendurch das – leider für deutsche Filme typische – Schwelgen in bedeutungsschwangeren Bildern und Szenen sowie die eigenartige Darstellung der Freundschaft etwas irriitiert. Dieses Getanze und ständige Umarmerei, das macht doch in echt keiner? Na ja, also im Sturm und Drang früher vielleicht, wenn die vom gegenseitigen Gedichtevorlesen von Gefühlen übermannt wurden. Aber das ist ja nun schon über 200 Jahre her. Überdies taucht in deutschen Filmen ständig dramaturgisch grundlos ein nackter Männerhintern irgendwo auf. Das wirkt auf mich immer etwas aufgesetzt und künstlich. Aber insgesamt hat mich persönlich das nicht so gestört.

6. „Heil“

„Heil“ von Dietrich Brüggemann ist ein durchgeknallter Rundumschlag gegen alles, was den Deutschen heilig ist. Politiker, Autoren, Wissenschaftler, Philosophen, Verfassungsschutz, BND, Polizei, Linke, Rechte, Unpolitische, Medienfuzzis, Künstler … alle werden erfrischend unsubtil durch den Kakao gezogen. Das macht einen Heidenspaß, doch bei der Gagdichte und dem furiosen Tempo kommt man auch ein wenig aus der Puste. Das Finale ist schließlich so absurd und brüllend komisch, dass man fast aus dem Kinosessel plumpst. Ganz großes Kino, unbedingt anschauen!

5. „Er ist wieder da“

„Er ist wieder da“ von David Wnendt ist eine hervorragende filmische Umsetzung des gleichnamigen Romans von Timur Vermes. Der dokumentarische Stil des Films und die Szenen, die mit (scheinbar?) versteckter Kamera gedreht wurden, verleihen der Geschichte etwas erschreckend Authentisches, auch, wenn die Ausgangssituation zunächst absurd ist. Doch akzeptiert man die Ausgangssituation als Gedankenspiel, dann ist das, was sich daraus entwickelt, verstörend nah an der aktuellen Realität.

Spannend und etwas unheimlich fand ich, dass man als Zuschauer den Sinneswandel der Hauptfiguren, allen voran Sawatzkis, mitmacht: Zuerst findet man diesen Hitler lustig, vor allem die Szenen, in denen Hitler mit der modernen Welt zusammenprallt. Dann kommt seine Rede in der Comedyshow und man ertappt sich dabei, wie man diesem geschickten Demagogen zuhören muss, sich seinen Worten und seiner Ausstrahlung gar nicht entziehen kann. Und schließlich, am Ende, wird einem klar, dass man sich hat einlullen lassen, und dass es für jemanden wie Hitler auch heute noch überhaupt kein Problem wäre, an die Macht zu kommen und dass sich die Geschichte dann wiederholen würde. Dass die Menschheit nichts aus ihren Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Das ist bitter und schwer zu verdauen.

Deswegen ist „Er ist wieder da“ nicht nur ein sehr guter, sondern auch ein wichtiger Film, der den Menschen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, den Spiegel vorhält.

4. „Der Babadook“

„Der Babadook“ von Jennifer Kent ist ein kleines Gruselmeisterwerk. Markerschütternde Schockeffekte sind hier rar gesät, doch der Film bleibt von Anfang bis Ende spannend. Essie Davis und Noah Wiseman als Mutter-Sohn-Gespann spielen so eindringlich und intensiv, dass es beinahe weh tut. Die Figuren sind facettenreich, vielschichtig, glaubwürdig und widersprüchlich charakterisiert, dass die Handlung, die sich allein daraus schon entwickelt, an die Nieren geht. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Psychologie und Horror zusammenspielen können, um hervorragende Schauergeschichten zu erzählen.

+++ Spoiler +++
Bis zum Schluss bleibt offen, ob es den Babadook wirklich gibt oder ob Amelia ihn sich nur einbildet. Diese Ambivalenz sorgt für ein unheimliches Gefühl, das auch lange nach dem Film noch nachwirkt. Ich denke, dass der Babadook in der Geschichte echt ist und sich aus ihren Ängsten, ihrer Trauer, ihrer Ohnmacht speist. Am Ende hat sie das Monster zwar nicht vertrieben, aber sie hat es gezähmt und gelernt, mit ihm zu leben. Das ist zumindest meine Interpretation, aber der Film ergibt genauso viel Sinn und ist schlüssig, wenn man den Babadook als Einbildung betrachtet oder ihn als Metapher sieht. Sowas finde ich immer toll, wenn am Ende zwei oder mehr Interpretationsmöglichkeiten gleichwertig nebeneinander stehen.

3. „Das brandneue Testament“

„Das brandneue Testament“ von Jaco van Dormael habe ich am Wochenende auf dem Filmfest Hamburg gesehen. Der Film hat mich von Anfang bis Ende verzaubert und begeistert, weil er so übersprudelt vor bunten Einfällen, skurrilen Ideen und liebenswerten Figuren. Wer „Mr. Nobody“ oder „Toto, der Held“ von Jaco van Dormael gesehen hat, wird auch in „Das brandneue Testament“ seinen unverwechselbaren Stil und Humor wiedererkennen.

Ich freue mich, dass der Film im Dezember (Edit: Also jetzt gerade!) auch regulär in den Kinos läuft, dann schaue ich ihn mir auf jeden Fall noch einmal an. Und ich hoffe, er findet ein breites Publikum – verdient hat er es.

2. „Whiplash“

Whiplash“ von Damien Chazelle ist ein pulsierender Musikfilm, ein fesselndes Drama und richtig großes Kino. Hier stimmt einfach alles: Der Rhythmus des Schlagzeugs geht so ins Blut, durch Mark und Bein, dass einen die Musik auch ohne große Jazzkenntnisse mitreißt. Die beiden Hauptfiguren, der junge, talentierte Schlagzeuger Andrew und sein Lehrer Terrence Fletcher, sind so facettenreich gestaltet, dass sie einem trotz ihrer unsympathischen Wesenszüge ans Herz wachsen, man mit ihnen fühlt und um sie bangt. Wie die zwei ihr psychologisches Duell ausfechten, ist von nervenzerfetzender Spannung.

Die Dialoge sind rhythmisch genauso hervorragend gesetzt, pointiert und existenziell wie die Musik. Der Schnitt ist perfekt darauf abgestimmt (mehr als verdienter Oscar!). Und die Schauspieler machen ihre Arbeit so als ginge es um Leben und Tod (auch hier: mehr als verdienter Oscar für J.K. Simmons).

Dabei werden so zeitlose, große Fragen der Menschheit und der Kunst aufgeworfen wie: was ist Leidenschaft und wie weit sollte man gehen, was sollte man alles dafür aufgeben, um sie ausüben zu können? Wie wird aus einem guten Künstler ein Virtuose, der über sich hinauswächst? Was macht den idealen Lehrer aus und was darf oder muss er tun, um seine Schüler zu fördern?

Fazit: Nicht verpassen!

1. (Tadaaaa!) „Ex Machina“

Bei „Ex Machina“ von Alex Garland merkt man, dass da ein Drehbuch- und Romanautor am Werk war. Die Geschichte erzählt sich fast von selbst, so hervorragend sind die Figuren in diesem klaustrophobischen Kammerspiel konzipiert (Hurra, eine Alliteration). Der Schauplatz, ein teils unterirdischer Bunker mitten im dichten Wald eines Tals im Gebirge, kann nur mit Hubschrauber erreicht werden. Die vier Figuren, die in dem Haus mehr oder weniger eingesperrt und von der Außenwelt isoliert sind, werden aufeinander losgelassen und was dann passiert ist von unheimlicher Eindringlichkeit.

Zur Handlung möchte ich lieber nichts schreiben, denn der kleinste Spoiler würde bei „Ex Machina“ den Spaß verderben. Wobei der Spaß hierbei nicht in action- und temporeicher Materialschlacht besteht, sondern in einem raffinierten Katz-und-Maus-Spiel, das immer wieder Haken schlägt und einen zum Nachdenken anregt. Zum Beispiel darüber, was es mit den Namen ‚Nathan‘ und ‚Caleb‘ sowie dem Titel „Ex Machina“ auf sich hat.

Es fällt auf, dass Nathan und Caleb biblische Namen sind. Kaleb – so die deutsche Version des Namens – wurde für sein Gottvertrauen und seine Treue zu Gotts Verheißungen belohnt. Nathan lässt sich mit „er hat gegeben“ übersetzen und ist eine Kurzform von Nathanel, was „Gott hat gegeben“ bedeutet. Gleichzeitig deutet der Titel den aus dem Theatervokabular bekannten Begriff „Deus ex machina“ (Gott aus der Maschine) an. Das war ein ziemlich plumper dramaturgischer Trick, um unlösbare Konflikte doch noch aufzulösen. Da ploppte dann mit viel Special-Effects-Brimborium eine Gottesfigur auf, die ein Machtwort sprach und dann war das Stück zuende. Warum wurde der Gottesbezug im Titel und in der Figur des genialen Wissenschaftlers herausgenommen?

Auf jeden Fall wird die Thematik der künstlichen Intelligenz in „Ex Machina“ erschreckend realistisch, gesellschaftskritisch, klug und mit gelegentlichem rabenschwarzem Humor behandelt. Und das finde ich toll. Gar kein Vergleich zu dem grauenhaft misslungenem „Transcendence“ von Wally Pfister mit einem unmotivierten Johnny Depp in der Hauptrolle. Auch „Chappie“ hat mich nicht so gepackt wie dieser Film. Ich fand ihn niedlich, unterhaltsam und mochte ihn sehr gern. Aber ich habe nicht hinterher noch so lange darüber nachgegrübelt.

Fazit: Ausgeklügelter, zum Nachdenken anregender Science-Fiction-Film. Unbedingt anschauen!

Die 5 schönsten Animationsfilme von 2015:

5. „Manolo und das Buch des Lebens“

„Manolo und das Buch des Lebens“ von Jorge R. Gutierrez ist ein farbenfrohes und fantasievolles Märchen, das eine klassische Dreiecksliebesgeschichte mit dem mexikanischen Brauchtum des Día de los Muertos (Tag der Toten) verknüpft. Die Figuren sind liebenswert und der ganze Film sprudelt nur so vor bunten Farben und Einfallsreichtum.

Sicher, die Botschaft „Schreib deine eigene Geschichte“ ist nicht neu und die Musikauswahl war mir persönlich ein wenig zu poppig. Da hätte man meiner Ansicht nach noch schönere Lieder finden können (wobei mir die „Only Fools rush in“-Version gut gefallen hat). Aber das ist wohl der vorwiegend jungen Zielgruppe geschuldet und mein Musikgeschmack stammt ohnehin aus der Steinzeit. Die meisten Lieder waren eher neuere Charterfolge (soweit ich das beurteilen kann). Also ist das nicht wirklich etwas, was das Vergnügen an diesem wunderbaren Animationsfilm wirklich beeinträchtigt.

Fazit: Der Film ist richtig etwas fürs Herz und ein Augenschmaus. Definitiv sehenswert, nicht nur für Erwachsene, sondern vor allem auch für Kinder mit ihren Eltern.

4. „Die Peanuts – Der Film“

„Die Peanuts – der Film“ von Steve Martino ist ein herzerwärmender Animationsfilm, der dem Charme der Vorlage absolut gerecht wird. Trotz 3D bleibt der zweidimensionale Look der Figuren erhalten, ihre Persönlichkeiten sind gut getroffen und alle sind auf ihre Weise liebenswert. In den Sequenzen, in denen Charlie Browns Hund Snoopy seinen Träumen nachhängt, sind die 3D-Effekte außerdem nett anzuschauen. Nicht zwingend nötig, aber immerhin auch nicht störend.

Fazit: Nicht nur für Kinder ein sehenswerter Film! (Der zu Unrecht bereits nach der ersten Woche im Nachmittagsprogramm versumpft, was nebenbei bemerkt empörend ist!)

3. „Strange Magic“

„Strange Magic“ von Gary Rydstrom ist ein zauberhafter Animationsfilm, der rundum gelungen ist. Die Bilder und Animationen sind toll, die Songauswahl und -interpretation mitreißend und die Figuren detailreich und liebenswert. Man verlässt das Kino nach dem Film blendend gelaunt und mit einem Potpourri an Ohrwürmern quer durch die Popgeschichte. Die Handlung ist nicht übermäßig originell, aber mit Anleihen an Shakespeares Komödien und „Shrek“ absolut unterhaltsam. Tatsächlich habe ich dieses Mal nichts zu nörgeln.

Nur schade, dass dieser wunderbare Film in so wenigen Kinos gezeigt wird. Vermutlich ist es schwierig, eine Zielgruppe zu finden – für Kinder sind die gruseligen Passagen möglicherweise etwas zu düster, Erwachsene finden womöglich die Geschichte zu kindlich. Zudem sind die Lieder auf Englisch mit deutschen Untertiteln, die jüngere Kinder so schnell nicht gut lesen können. Dabei tut man dem Film jedoch unrecht, er hat eigentlich eine breitere Resonanz verdient. Also: Geheimtipp, ab ins Kino!

2. „Erinnerungen an Marnie“

„Erinnerungen an Marnie“ von Hiromasa Yonebayashi ist ein wunderbarer Zeichentrickfilm, der durch seine Geschichte und liebevollen Zeichnungen verzaubert. Wie schade, dass er einem breiteren Publikum verwehrt bleibt, indem er (zumindest in Hamburg) nur in einem entlegenen Kino in einer Nachmittagsvorstellung versteckt wird. Es ist natürlich auch schwer für einen so stillen Film neben Blockbustern und Actionkrachern wie „James Bond: Spectre“ zu bestehen, doch genau deswegen bräuchte er doch ein bisschen Unterstützung. Na ja, aber ich kann auch verstehen, dass die Kinos lieber auf sicheren Erfolg setzen. Für Zeichentrickfilme, die eigentlich eher für Erwachsene gemacht sind, gibt es halt nicht so eine große Zielgruppe. Trotzdem ist das bedauerlich.

Erzählt wird die Geschichte der zwölfjährigen Anna, die es nicht schafft, Freunde zu finden und die sehr einsam ist. Bei einem Erholungsurlaub am Meer trifft sie auf ein Mädchen, Marnie, mit der sie rasch eine enge Freundschaft verbindet. Allmählich kommt sie ihren Familiengeheimnissen auf die Spur und überwindet ihre Ängste … Das ist psychologisch sehr feinfühlig geschildert und ich denke, jeder, der ein bisschen introvertiert ist oder mit Schüchternheit zu kämpfen hat, wird sich in Anna teilweise wiederfinden (ich zum Beispiel bei ihrem Satz „Ich hasse Partys“) und sich mit ihr identifizieren.

Action gibt es hier eigentlich nicht und das Erzähltempo ist sehr gemächlich. Für Kinder könnte das eventuell etwas langatmig sein, vor allem, wenn sie eher „Madagascar“ oder die „Minions“ (die ich trotzdem mag, aber auf andere Weise) gewohnt sind.

Nichtsdestotrotz möchte ich „Erinnerungen an Marnie“ jedem wärmstens ans Herz legen, dann bekommt dieser kleine, feine Film immerhin ein wenig Werbung.

1. „Alles steht Kopf“

„Alles steht Kopf“ von Pete Docter ist ein wunderbarer Animationsfilm, der wohl vor allem einem älteren Publikum Spaß machen dürfte. Mit „älter“ meine ich übrigens Erwachsene, die sich ein wenig kindliche Fantasie bewahrt haben. Bei Kindern bin ich mir nicht sicher, ob die das alles so lustig finden, weil die Geschichte und das Konzept mit den verschiedenen Gefühlen und Teilen der Psyche und Persönlichkeit doch recht komplex sind. Das könnte sie eventuell langweilen. Vielleicht aber auch nicht, denn die Animationen und Figuren sind so liebevoll gestaltet, so niedlich und hübsch, dass sich Kinder davon möglicherweise verzaubern lassen, auch wenn sie nicht alles auf Anhieb erfassen.

Die Figuren möchte man am liebsten alle knuddeln und das Kuddelmuddel in der Gefühlsschaltzentrale im Kopf kann wohl jeder nachvollziehen. Ich dachte ein paar Mal: „Ach, so ist das? Na, das erklärt aber so einiges“ … man erkennt sich selbst und seine Mitmenschen darin wieder, und muss unwillkürlich schmunzeln, weil die menschlichen Eigenarten nie böse verspottet werden, sondern einfach mit so viel Mitgefühl und Humor erzählt werden.

Für mich ist „Alles steht Kopf“ definitiv der beste Animationsfilm des Jahres. Unbedingt sehenswert!

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