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14. Stück: „Der Prozess“ von Andreas Kriegenburg am 26.09.2010 im Thalia Theater / Hamburger Theaterfestival

Poesie, Beklemmung, … und Kafka

Der Abend beginnt bereits kafkaesk, mit dem scheiternden Versuch ein Programmheft käuflich zu erwerben. Die eine Garderobiere verzweifelt schier an der unlösbaren Aufgabe, 2,50 Euro auf einen 5-Euro-Schein herauszugeben, in Ermangelung entsprechenden Kleingelds. Auch, dass die nächste Zuschauerin passend bezahlt, trägt nichts zur Linderung der Seelenpein dieser Garderobiere bei, eben waren keine 50 cent in der Schublade, jetzt bezahlt plötzlich einer passend und die andere, die steht noch da und wartet frohgemut auf ihr Programmheft und dann auch noch auf ihr Wechselgeld, Oh mein Gott, wie machen wir das nur, wie machen wir das nur… Die nächste Garderobiere wirkt weniger hoffnungslos überfordert, man schöpft neuen Mut. Aber was geschieht? Das wohlerzogene Bildungbürgertum drängelt sich vor! Man kommt endlich dran, Programmhefte ausverkauft. Aber Wechselgeld ist reichlich vorhanden. Man verzichtet auf das Programmheft und freut sich auf den Beginn des Stücks.

Die Luft im Theater ist stickig, man könnte sie mit dem Messer zerschneiden. Doch diese bedrückende Atmosphäre ergänzt in idealer Weise die alptraumhafte Beklemmung, die Andreas Kriegenburg in seiner Interpretation von Kafkas erstem Roman, „Der Prozess“, dank seines großartigen Ensembles und seines umwerfenden Bühnenbilds auf die Bretter gezaubert hat. Kriegenburg, der auch Bühnenbildner ist, hat es selbst entworfen und hat zu Recht den Preis für das beste Bühnenbild 2009 dafür erhalten. Das Bühnenbild, ein riesiges Auge, in dem sich die Schauspieler scheinbar schwerelos durch alle drei Dimensionen hindurchbewegen, ist der heimliche Star dieses Abends, wenngleich die Schauspieler, die Beleuchtung und die Musik ihm ernsthafte Konkurrenz machen könnten.

Doch in dieser Inszenierung gibt es keine Konkurrenz, alles passt zusammen und fügt sich zu einem poetisch-beklemmenden Gesamtbild. Die Schauspieler klettern, kriechen, hangeln und fallen in dem riesenhaften Auge, das den Zuschauer erbarmungslos anstarrt. Sie wirken gleichzeitig gehetzt und ohne Orientierung, wie Mäuse in einem viel zu engen Käfig.

Es ist eine klaustrophobische, expressionistische, paranoide und beklemmende Albtraumwelt, die Kriegenburg hier präsentiert. Gleichzeitig entfalten der leise, hintergründige Humor und die abstrakt-entrückte Spielweise der Schauspieler eine hypnotisierende, poetische Kraft, die den Zuschauer in ihren Bann zieht. Unterstrichen wird dies noch durch die bläulich-silbrige Beleuchtung, deren düstere Schönheit an eine Vollmondnacht erinnert.

Leider macht all das Dunkle, Entrückte und (Alb)traumhafte nach einer Weile etwas schläfrig, so dass man Schwierigkeiten hat, den langen Textkaskaden der Schauspieler aufmerksam zu folgen. Hier hätte etwas mehr Mut zur Kürzung sicher noch zur ansonsten hervorragenden Qualität der Aufführung beigetragen.

Es wird auch nicht vollständig klar, was der Regisseur Andreas Kriegenburg mit dem Stück aussagen wollte. Laut dem „Magazin“ des Hamburger Theaterfestivals sei dies, das „ausweglose Dasein des Einzelnen im Labyrinth einer anonymen Welt“ auszudrücken. Keine Frage, das ist mit dieser Produktion absolut gelungen. Doch bleibt offen, ob dies nicht generell die Aussage von Kafkas Roman um den Bankangestellten Josef K. ist, der eines Tages von einer geheimnisvollen Behörde grundlos verhaftet wird. Was genau davon Kafka und was Kriegenburgs Interpretation von Kafka ist, wird nicht deutlich.

Aber angesichts einer solch faszinierenden, hypnotisierenden und begeisternden Aufführung, sollte man nicht so spitzfindig sein.

(Isabelle Dupuis)

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