Monatsarchiv: September 2020

102. Stück: Was „Tenet“ von Christopher Nolan und Camus‘ „Mythos des Sisyphos“ gemeinsam haben

Eine Anmerkung vorweg: Ich fand „Tenet“ von Christopher Nolan total doof, wie sich meiner Kritik unschwer entnehmen lässt. Das heißt aber nicht, dass man in diesem schlecht erzählten Machwerk ohne Spannung und mit langweiligen, nichtssagenden Figuren, die keine Ahnung haben, was sie warum tun, nicht doch das eine oder andere entdecken kann, das sich hineininterpretieren lässt. Tatsächlich kann man in den Film alles Mögliche hineininterpretieren, denn er ergibt überhaupt keinen Sinn.

Wer ihn noch nicht gesehen hat, und sich überraschen lassen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen, ich kann nicht ausschließen, dass ein paar Spoiler kommen (wobei, wie gesagt, der Film erzählt keine wirkliche Geschichte, von daher kann man da nicht viel spoilern – aber ich denke, es macht mehr Spaß, irgendeinen Kram in den Film hineinzudeuten, wenn man ihn gesehen hat und miträtseln kann, ob sich hier und da nicht vielleicht doch ein bisschen Sinn versteckt hat)

Als ich mich so vor mich hinärgerte, wie man nur so einen völlig sinnbefreiten, unlogischen Quatsch auf die Leinwand bringen, den Schauspielern überhaupt keine Figurenmotivation und somit nichts zum Spielen geben und sich dann auch noch als Genie feiern lassen kann, dachte ich: Mooooment, das kommt mir bekannt vor. Mein erster Gedanke nach dem Film war, das sei wie in „Des Kaisers neue Kleider“ – Christopher Nolan ist der pfiffige Schneider, der für den Kaiser (Filmkritiker, Filmwissenschaftler und Cineasten) neue Kleider vorgibt zu nähen, und zwar aus unsichtbaren Fäden, die nur ganz besonders intelligente Menschen wahrnehmen können. Ein kleines Mädchen durchschaut den Schwindel und ruft: „Der Kaiser hat ja gar nichts an“ oder in diesem Fall: „Der Film erzählt überhaupt nichts, das ergibt alles null Sinn“. Aber dann dachte ich, dieser Wunsch nach einem Sinn meinerseits und die gleichzeitige Verweigerung des Films, einen Sinn zu präsentieren, ist absurd – und dann war ich auch schon bei Albert Camus‘ „Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde“, den ich vor nun fast 20 Jahren in meiner Abi-Klausur vom Französisch-LK bearbeitet hatte.

Vielleicht erzählt „Tenet“ ja doch etwas, und zwar genau das: Es ergibt alles null Sinn – zumindest aus logischer, objektiver Sichtweise. Subjektiv kann man hingegen in den Film hineininterpretieren, was man möchte. Und da sind wir dann auch schon bei Albert Camus und seinem absurden Helden Sisyphos. Wir erinnern uns, Sisyphos wurde von den Göttern bestraft, indem er dazu verdonnert wurde, einen Felsen einen Berg hochzurollen. Sobald er den Gipfel fast erreicht hatte, rollte der Felsen wieder herunter und Sisyphos musste von vorne anfangen. Laut Wikipedia weiß man anscheinend gar nicht so genau, wofür Sisyphos eigentlich bestraft wurde, was er Schlimmes getan hatte. Aber anscheinend war er ziemlich schlau und ist dem Tod ein paar Mal von der Schippe gesprungen. Wer „Tenet“ gesehen hat, dürfte gerade ein Déjà-vu-Erlebnis haben: Der Protagonist springt dem Tod am Anfang von der Schippe und damit beginnt der ganze Kladderadatsch überhaupt erst.

Auch der Auftrag des Protagonisten in „Tenet“ gleicht Sisyphos‘ Strafaufgabe. Nur geht es nicht darum, einen Felsbrocken einen Berg hochzurollen, sondern den dritten Weltkrieg, der die ganze Welt und Menschheit zerstören würde, zu verhindern. Aber da die Zeit in „Tenet“ gleichzeitig vorwärts und rückwärts läuft und man eigentlich nie genau wissen kann, ob das, was man tut, nicht von irgendeinem zeitreisenden Störenfried wieder sabotiert wird, ob das überhaupt irgendetwas bringt oder komplett für die Tonne ist, ähnelt die stoische Entschlossenheit, mit der der Protagonist trotzdem sein Möglichstes tut, den Weltuntergang zu verhindern, Sisyphos‘ Hochrollen des Felsens auf den Berg, obwohl er weiß, dass der Brocken wieder herunterkullert, sobald er sein Ziel fast erreicht hat. Sowohl der Protagonist in „Tenet“ als auch Sisyphos haben ihren Auftrag übrigens von unsichtbaren, nicht anwesenden Autoritäten und Mächten erhalten, beide wissen nicht, warum sie das eigentlich tun sollen, machen’s aber halt trotzdem. Gut möglich, dass der Protagonist auch mit der Aufgabe, den Weltuntergang aufzuhalten, bestraft wird: Schließlich hat seine Generation es versäumt, die Erde vor der Verwüstung durch den Klimawandel zu bewahren.

Laut Albert Camus muss man sich Sisyphos aber als „einen glücklichen Menschen vorstellen“ („Il faut s’imaginer Sisyphe heureux“) und vielleicht gilt das auch für den Protagonisten am Ende von „Tenet“? Denn beide haben die Absurdität ihres Unterfangens erkannt, angenommen und tun trotzdem ihr Bestes, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Camus nennt dieses „Trotzdem sein Bestes geben“ angesichts der Absurdität des Lebens die Revolte gegen das Absurde. Das Absurde entsteht dadurch, dass der Mensch nach einer Erklärung oder einem Sinn im Leben sucht, er einen solchen objektiven Sinn aber gar nicht finden kann, weil es gar keinen universellen Sinn des Lebens und der Welt gibt. So wie „Tenet“ überhaupt keinen Sinn ergibt und trotzdem sitze ich jetzt hier und interpretiere trotzdem etwas hinein.

Das Einzige, was sicher ist, ist der Tod, schreibt Camus im „Mythos des Sisyphos“: „Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem nur das Ende fatal ist. Von dieser einzigartigen Endgültigkeit des Todes abgesehen, ist alles – Freude oder Glück – Freiheit. Es bleibt eine Welt übrig, bei der der Mensch alleine Herr ist.“ („Ce qui reste, c’est un destin dont seule l’issue est fatale. En dehors de cette unique fatalité de la mort, tout, joie ou bonheur, est liberté. Un monde demeure dont l’homme est le seul maître.“) Und das ist in „Tenet“ ja auch so. Erst, wenn ein Mensch wirklich tot ist, kann er die Zeit nicht mehr zurückdrehen, solange er nur fast tot ist, ist er noch zu retten. Wenn man das einsieht, akzeptiert und trotzdem weitermacht, so ist man wie Sisyphos bei Camus ein glücklicher Mensch, der gegen das Absurde revoltiert.


Und, ergibt meine Interpretation eurer Meinung nach Sinn? 😉 Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt.

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101. Stück: Ist Stephen Kings „The Institute“ eine Metapher für einen maroden Staat?

Seit meinem Masterabschluss vor acht Jahren lese ich nur noch zum Vergnügen – trotzdem liest die Literaturwissenschaftlerin in mir immer ein bisschen mit und manchmal fällt mir in den Büchern, die ich lese, etwas auf, das ich spannend finde. Zuletzt ist mir das bei „The Institute“ von Stephen King so ergangen.

+++ ACHTUNG! SPOILER! +++ ACHTUNG! SPOILER! +++ ACHTUNG! SPOILER! +++ ACHTUNG! SPOILER! +++

Während ich voller Spannung eine Seite nach der nächsten umdrehte und atemlos der Geschichte des hochbegabten Luke Ellis und seiner Freunde folgte, dachte ich: Dieses Institut ist eine Metapher für den maroden Zustand eines Staates, dem es vor Jahrzehnten zu gut ging und bei dem die Verantwortlichen es versäumt haben, mit der Zeit zu gehen. Die Technik ist veraltet, die Einrichtung marode, wird weder gewartet noch gepflegt, es fehlt an allen Ecken und Enden an Innovationen, es werden seit den 50er Jahren dieselben Verfahren angewandt, um dieselben Thesen zu beweisen.

Der Grund für die Existenz des Instituts wurde seit Anbeginn niemals hinterfragt, automatisch wird davon ausgegangen, dass das, was man 1950 für die Wahrheit hielt, was damals dem Stand der Wissenschaft entsprechen mochte, auch fast 70 Jahre später Gültigkeit hat. Und alle machen Dienst nach Vorschrift, ohne Fragen zu stellen. Dabei geht es vorgeblich um das größere Wohl, die Rettung der Welt, das Gleichgewicht der Kräfte, damit der dritte Weltkrieg – ein Atomkrieg, der die Erde zerstören würde – verhindert wird. Und dass dafür Kinder mit telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten wie Nutzvieh missbraucht werden müssen, das sieht man als notwendiges Übel, als alternativlos an.

Das Personal des Instituts fällt letzten Endes seiner eigenen Arroganz zum Opfer. Der vermeintliche Erfolg der letzten Jahrzehnte, der mutmaßlich notwendige, dem „Guten“ dienende Vorwand, hat diese Menschen denkfaul gemacht. Sie spulen Tag für Tag dasselbe Programm ab und haben dabei auch ihre Menschlichkeit vergessen. Was bleibt, ist ein Haufen seelenloser Bürokraten, Sadisten, verrückter Wissenschaftler und bequemer Handlanger, die ihr eigenes Tun nicht hinterfragen.

Interessant fand ich auch, dass im Institut Automaten für alkoholische Getränke und Zigaretten stehen und es von den Verantwortlichen nicht nur geduldet, sondern unterschwellig gefördert wird, wenn einige der Kinder alkoholabhängig und/oder zu Kettenrauchern werden. Süchtige stellen keine unbequemen Fragen, mucken nicht auf und tun alles, um an Chips für die Automaten zu kommen – sind also besonders unkompliziertes und williges Nutzvieh. Praktisch.

Ich finde, „Das Institut“ ist eines von Stephen Kings grimmigsten, bittersten und düstersten Büchern. Der Autor macht kein Geheimnis daraus, was er vom aktuellen US-amerikanischen Präsidenten hält – nämlich überhaupt nichts. Auf Stephen Kings Twitter-Account lässt sich seine Haltung gut nachvollziehen, zum Beispiel bei diesem Tweet oder hier. Und die Literaturwissenschaftlerin in mir quietschte bei der Lektüre von „Das Institut“ vor Vergnügen, weil der marode Zustand des Instituts und die vor Arroganz strotzenden Angestellten und ihrer durch Mangel an Niederlagen und fehlenden Widerspruch, fehlenden Hindernissen hervorgerufenen Nachlässigkeit, Übersättigung und Faulheit so sehr an Donald Trumps Regierung erinnern und dem, was er aus den Vereinigten Staaten gemacht hat.

Die USA sehen sich gern in der Rolle der Weltpolizei, der Retter der Welt, die zu den „Guten“ gehören und die Geschicke der Welt so leiten, dass alles im Gleichgewicht bleibt – unter der Führung der USA, natürlich. Und das nur, weil sie bei den Weltkriegen in den letzten Jahren die Alliierten unterstützt und so zu ihrem Sieg beigetragen haben. Dass sie seitdem keinen einzigen Krieg mehr so wirklich für sich entscheiden konnten, scheinen sie nicht zu realisieren. Immer wieder halten sie an derselben Strategie fest, in andere Länder einzufallen und dort vermeintlich das „größere Wohl“ einbringen zu wollen. Das wird von den Verantwortlichen nicht hinterfragt, niemand setzt ihnen wirklich etwas entgegen – das haben sie schon immer so gemacht, also warum sollten sie etwas daran ändern? Außerdem: Sie sind das großartigste Land der Welt, sie haben die großartigste Demokratie und die großartigsten Werte und sie meinen es ja nur gut, wenn sie andere zu ihrem Glück zwingen. Und das ist auch die Haltung, die die Verantwortlichen im Institut verinnerlicht haben.


Und, habt ihr Stephen Kings „The Institute“ schon gelesen? Was haltet ihr von meiner Interpretation? Blödsinn? Oder ist da vielleicht etwas dran? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

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